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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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»Wir haben Frau Doktor Dorne zur zweiten Schriftführerin ernannt – sie glaubt, daß sie sich dazu besser eignet als zur Tätigkeit draußen – ja, dazu gehört eine besondere Begabung – keine von meinen Damen kommt da Marieluis gleich.«

»Es ist doch eine Freude für Sie, daß die angenommene Tochter so ganz Ihr Kind geworden ist.«

»Und ob! Aufrichtig – ich möchte mal ein vertrauliches Wort über Marieluis mit Ihnen sprechen,« dabei zog sie mit Sorgsamkeit ihren kostbaren Mantel aus und legte ihn, voll Respekt vor seinem Wert, schonlich über den nächsten Stuhl.

Sophie wurde etwas unruhig zumute. Vertrauliche Worte über Marieluis?! Und von dieser Frau, die trotz aller Gesprächigkeit und aller Lebhaftigkeit ihres Verstandes niemals eine vertrauliche Art hatte? Die ganz, ganz geheimen Wünsche, deren Sophie sich bewußt war, gaben ihr plötzlich das Gefühl, als habe sie ein schlechtes Gewissen.

»Sie wissen,« begann die eine Mutter zur andern zu sprechen, »daß Marieluis so erzogen ist, daß sie nicht zu heiraten braucht. Weder aus finanziellen noch aus ethischen Gründen. Sie ist versorgt und hat Lebensinhalt, gottlob! das darf ich sagen: Ich hab' die Pflichten, die ich übernahm, erfüllt.«

Sie lehnte in dem weißen Korbsessel, in dem der kleine Haimbrugk in seinem weißen Matrosenkleidchen gemalt wurde. Den Ellbogen hatte sie auf die leicht geflochtene Lehne gestützt und sah Sophie nachdenklich an. Und hinter ihr stand das Stück weißgrauer Papierleinwand, das Sophie da hatte hinspannen lassen.

Ihr gegenüber, neben der Staffelei, hockte Sophie auf dem Malerschemel und hielt die Hände auf den Knien.

»Niemand kann sich vorstellen – ich denke mir, besonders keine natürliche Mutter kann das –, wie ein erworbenes Mutterrecht ist! Sie werden es nicht glauben, die andern Mütter, daß solche erworbenen Rechte leidenschaftlicher empfunden werden und noch tiefer wurzeln. Wissen Sie, die ersten zwölf Jahre hatte ich sehr gelitten. Mein Mann nicht so sehr. Es gibt ja Söhne bei seinem Bruder, das Haus blüht weiter. Aber ich – ich fühlte durchaus: Ich kann erziehen, bilden, ein junges Wesen ganz und gar mit dem meinen durchwirken, mich hinopfern. Und dann bekam ich Marieluis. Sie war zwei Jahre alt – also ich habe ihre ganze Jugend in der Hand gehabt! Wollen Sie es wohl glauben: Mit jeder Erziehungsmühe erkaufte ich mir, was andern Müttern von Natur zusteht! Ich habe alles darangesetzt, aus Marieluis ein kluges, klardenkendes, gerechtfühlendes, hochgebildetes Wesen zu machen. Das kostete Hingabe. Und ich verwuchs ganz mit ihr, ganz! Ich darf sagen: Mein Ziel ist erreicht. Wenn ich mir so all die andern Mädchen ansehe – keine reicht an meine Tochter. Sie ist ganz mein. Und doch – sehen Sie – da ist dennoch ein Stachel! Vielleicht scheint sie nur ganz mein. Eines Tages vielleicht wird sie, wenn sie liebt und heiratet, sich daran erinnern, daß in ihren Adern ja nicht mein Blut fließt. Das träfe mich wie ein Schlag. Wenn eigene Kinder sich gegen die Mutter wenden, ist es entsetzlich. Wenn ein so zu eigen gewordenes Kind die Mutter verließe, wäre es furchtbar.«

»Das wird Marieluis niemals tun,« sagte Sophie fest. Und fügte nach einer ganz kurzen Pause tastend hinzu:

»Auch deshalb wünschen Sie nicht, daß Marieluis heiratet?«

Die Senatorin fuhr auf:

»Nehmen Sie es nicht übel, liebe Verehrte, aber Ihr andern Frauen versteht Euch allesamt nicht aufs Zuhören und auf logische Gedankengänge. Wann hätte ich je gesagt, daß Marieluis nicht heiraten soll? Ich sagte nur, sie ist so erzogen, daß sie es nicht braucht! Aber natürlich wünsch' ich es ihr. Gott, Liebste, wenn ich denke, ich bekäme Enkelkinder – erlebte da das Wunder, das mir selbst nicht beschieden ward« – – –

Sie stockte. Und wahrhaftig: die scharfen Züge bekamen den Glanz einer wunderbaren Weichheit. Aber das durfte nicht sein: Fassung, Selbstbeherrschung, Haltung – und wieder ganz überlegene, sichere Dame.

»Ja – aber die Wahl des Mannes! Natürlich – sie soll frei wählen! Das versteht sich. Ihr Herz und ihr Verstand sollen wählen. Und können es, mit Bewußtsein – können prüfen – sich bedenken. Denn Marieluis ist ja sexuell aufgeklärt – weiß in jeder Richtung, was sie tut. Ich weiß auch, hoffe wenigstens, ihr wird nie eine Leidenschaft über dem Kopf zusammenschlagen und sie blind machen. Ich weiß auch, sie wird nie einen Mann nehmen, der sie zurückschrauben will, der alles ausstreicht und weglöscht, was ich sie an Erkenntnissen und Pflichten gelehrt.«

Sie besann sich einen Augenblick. Nun kam ja erst das, was eigentlich gesagt werden sollte. Und sie fuhr fort:

»Ein Weilchen dachte ich an John Vierbrinck. Sie wissen, den älteren Bruder der allerliebsten kleinen Dory. Ich bin eine geborene Vierbrinck – wie gern hätte ich Marieluis in meine Familie eintreten sehen. Aber John ist ganz rückständig. Er hat es ja sogar durchgesetzt bei meinem Vetter, daß Dory nicht mehr für meinen Verein tätig sein darf. Er hat den törichten Ausspruch getan, ›seine Schwester sei nicht dazu berufen, die soziale Frage zu lösen‹. Das sollte witzig sein. Also ja – ich denke: Söhne, die eine Mutter haben, die arbeitet, die wirtschaftlich auf sich selbst gestellt ist – die wissen, daß eine Frau heute nur bestehen kann, wenn sie gelernt hat, dem Leben allein Trotz zu bieten – ja, solche Söhne sind Männer, die unsere soziale Arbeit verstehen werden.«

»O gewiß – gewiß!« murmelte Sophie. Und sie raffte sich, ihren spannungsvollen Vorgefühlen zum Trotz, sogar zu der Bemerkung auf:

»Es würde ja wohl bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen keinem vernünftigen Menschen mehr einfallen, die Frau unter allen Umständen im Rahmen der Familie festhalten zu wollen.«

Die Senatorin nickte befriedigt. Und war sich schließlich doch nicht bewußt, daß diese allgemeinen Redensarten und Gemeinplätze hier gar nichts zu bedeuten haben mochten.

Sie änderte ihre Haltung nicht, sondern sah immerfort fest in Sophiens Gesicht.

»Ihr Sohn ist meinem Mann und mir vom ersten Augenblick an sehr angenehm gewesen,« begann sie, gleichsam in einen neuen Abschnitt des Gespräches tretend. »Aber seit dem großen Brande seiner Fabrik haben wir viel Respekt vor ihm bekommen. Der fröhliche Mut, der in ihm ist, diese klare Uebersicht, die er hat, die zähe Energie, mit der er trachtet, den Schaden auszugleichen – ja, mein Mann sagt, solche Charaktere sind zuverlässig.«

Welche Mutter wäre nicht beseligt von solchem Lobe.

»Ja,« murmelte sie, »ich darf es auch sagen, so ist er.«

»Es kommt mir vor,« sprach Frau Senator, »als ob Marieluis und Ihr Sohn in eine bestimmte Atmosphäre von Beunruhigung geraten sind. Zwar – Marieluis ist nicht das Mädchen, etwas über ihr Innenleben zu verraten – auch mir nicht. Das acht' ich, das lieb' ich an ihr – das hab' ich ihr ja anerzogen, sich stolz zu beschweigen. Aber ich sah sie zweimal erröten! Natürlich ahnt sie nicht und soll es nicht ahnen, daß ich es sah. Und dann sonst noch Zeichen – Sie haben es kaum bemerkt: Am Tage nach dem Brande – Marieluis fiel mir in die Rede – das konnte nur die starke Begierde sein, Ihren Sohn weitererzählen zu hören. Und so allerlei. Und er! Ja, ich finde, sein Humor wird wohl gelegentlich forciert, von versteckter Gereiztheit, wenn Marieluis lange schweigend dasitzt. Und so allerlei ...«

»Sie meinen ...?« stammelte Sophie.

»Ich meine: es paßte! Die beiden zusammen. Uns. Ihnen. Ich hoffe doch, auch Ihnen.«

Sophie wurde dunkelrot.

»Ich würde glückselig sein,« sagte sie, und Tränen traten in ihre Augen. Sie hatte das dringliche Bedürfnis, der andern Mutter um den Hals zu fallen. Aber die saß sachlich und voll äußerlicher Ruhe da und lud nicht zu solcher Rührung ein. Aber nun wußte Sophie es ja doch: unter all dieser verständigen Beherrschtheit verbarg sich ein warmes Herz. Und hinter all dieser sozialen Tätigkeit, die vor dem Kampf um sittliche Hebung auf den dunkelsten Gebieten nicht zurückschreckte, hinter dieser sehr modernen, moralischen Kühnheit lebte der ganz frauliche, uralte, rührende Mutterwunsch, das Kind glücklich zu verheiraten. –

Die beiden Frauen waren sich dann klar: dies Gespräch mußte ihr Geheimnis bleiben, und man konnte nicht zart und nicht unbefangen genug sein. Aber immerhin wußte man nun beiderseits: solch Bündnis würde hüben und drüben Freude bedeuten. Auch konnten sie als kluge und taktvolle Frauen viel fördern, ohne daß es spürbar ward.

Sophie merkte aus kleinen unwillkürlichen Wendungen schließlich auch ein wenig das Hochgefühl der Hamburger Patrizierin heraus, die sich bewußt war, vorurteilslos zu sein, indem sie sich bereit erklärte, die Tochter einem Anfänger ohne Vermögen zu geben. Aber es beleidigte nicht – gar nicht. Sophie war solche weiche Natur. Eine von denen, die das Bedürfnis haben, alle Schwächen bei andern zu entschuldigen: denen ein Ohr gegeben ist, das Liebevolle doch am stärksten zu hören. Sie empfand vor allem dann das grenzenlose Vertrauen, das ihrem Sohn geschenkt ward. Und das erfüllte sie mit begeisterter Dankbarkeit. Von dieser Unterredung an lebte sie in Stimmungen – himmelhochjauchzend, zum Tode betrübt – als hänge ihr eigenes Herz an den spinnwebenen Fäden solcher Hoffnungen, die ein Windhauch zerreißen kann.

An Vergangenes und Begrabenes ward Sophie in schmerzlichster Weise gemahnt. Zu ihrer grenzenlosen Ueberraschung erhielt sie einen Brief von Frau Geheimrat Lyda Rositz, geborenen Freiin von Buschke. Der Brief war verbindlich und schien sogar warm. Und dennoch verspürte Sophie, auf Grund ihrer genauen Kenntnis dieser Frau, daß die naivste Unverschämtheit ihn eingegeben hatte.

»Hochverehrte, liebe, gnädige Frau!

Gleich nach dem Tode meines teuren Gatten haben Sie uns einen großen Dienst geleistet. Ihm selbst auch, indem Sie die Papiere für ihn verwahrten, die sonst verloren oder gestohlen worden wären. Ich war damals zu zerbrochen, um Ihnen gleich persönlich zu danken. Dann erfuhr ich, daß Sie abgereist seien, und bald ging ich ja auch hierher. In St. Moritz kommt man zu nichts. Deshalb hoffe ich auf Ihre Nachsicht. Nun wollen wir nach Nizza, und Tulla liegt mir in den Ohren, daß sie nicht mit will, und hat die fixe Idee, daß der Wunsch des Vaters erfüllt werden müsse, und beichtete mir, daß sie sich gewissermaßen schon mit Ihnen verständigt hat, und daß Sie so gern mein Töchterlein zu Ihrem Vergnügen malen möchten. Was soll ich dagegen einzuwenden haben! Tulla darf gern nach Hamburg reisen, meine Jungfer könnte sie hinbringen. Wenn Sie in der Pension Tulla unter Ihre Fittiche nehmen wollten, fände ich es entzückend. Schreiben Sie mir nur, wieviel Geld Tulla da wohl wöchentlich braucht. Sie kann bis über Ostern bleiben.

Ich wußte früher gar nicht, daß Sie eine so genaue Freundin meines Mannes waren. Wie finde ich es nett, daß er manchmal zu Ihnen kommen und mit Ihnen plaudern durfte. Unwillkürlich schreib' ich Ihnen wie einer alten Bekannten. Aber wenn man auf so ungewöhnliche Weise durch so ernste und wichtige Dinge in Beziehung trat, macht sich das wie von selbst.

Bitte, meine gnädige Frau, schreiben Sie mir gleich wieder, weil ich gern meine Abreise nach Nizza bestimmen mochte.

Ihre dankbar ergebene
Lyda Rositz, geb. Freiin Buschke.

P.S. Tulla küßt Ihnen respektvoll die Hand.
P.S. Wahrscheinlich bitte ich Sie später, auch mich zu malen.«

Für Sophie stand zwischen den Zeilen: ich will Tulla gern für ein paar Wochen los sein, sonst wäre es mir nie eingefallen, dir zu schreiben! Und dann diese glatte Unverfrorenheit, mit der die reiche Frau ihr zuschob, Tulla umsonst zu malen. Wie Allert es vorausgesagt hatte! Und am ärgsten war der plumpe Hinweis auf den späteren, möglichen Auftrag. –

Also sie braucht mich! dachte Sophie.

Ihre Antwort war knapp und steif.

»Hochverehrte Frau Geheimrat! Sehr gern werde ich Ihre Tochter für einige Wochen betreuen. Doch bin ich im Begriff, hier eine eigene Wohnung zu nehmen. Viele Aufträge halten mich hier für ein, zwei Jahre noch fest. Fräulein Mathilde müßte also in der Pension Hammonia, gleich einigen jungen Ausländerinnen, unter dem Schutz der Inhaberin leben. Sie kann aber auch, als mein Gast, bei mir wohnen. Ich habe allerlei Pflichten in der hiesigen Gesellschaft, ich habe auch einen Sohn hier, und mein auswärtiger Sohn kommt wohl einmal auf Urlaub. Jeder Vormittag ist der Arbeit gewidmet. Ich könnte Fräulein Mathilde demnach nicht so viel Zeit widmen, als es in ihrem Interesse und meinen Wünschen läge. Wollen Sie hiernach entscheiden.«

Anstatt eines Briefes kam einfach ein längeres Telegramm.

»Nun,« sagte Allert, »das nenn' ich Mutterpflichten per Draht erfüllen. Glatt alles angenommen! Und Du hast unversehens eine Pflegetochter für ein paar Wochen. Das kann schwierig werden.«

»Es kann sehr hübsch werden,« meinte Sophie begütigend, »ich will versuchen, dem Mädchen etwas Lebensinhalt zu geben – sie Pflichten lehren ...«

»Die einen haben zu wenig, die andern zu viel!« bemerkte er mokant.

Sophie aber war voll geheimer Glückseligkeit. Ihre leidenschaftlichen Wünsche schienen sich der Erfüllung zuzuneigen – noch schwankte ja alles, war wie ferne Möglichkeiten. Aber ihre Phantasie eilte gern voraus und sah schöne Bilder. Wenn sie auch vernünftig versuchte, sich zu zügeln – Mütter können nur leben, wenn sie hoffen – als Weib kann man resignieren und tapfer bleiben – eine Mutter, die für ihre Kinder nichts mehr hoffte – die zerbräche – fühlte sie.

Dann kam eine Zeit böser Unbehaglichkeit. Die treue Therese, die von sich behauptete: »Beinahe Moos hab' ich angesetzt«, wurde von ihrem Hüteramt befreit und mit den Möbeln nach Hamburg übergeführt, die angenehme Wohnung, drei Treppen hoch »An der Alster«, rasch eingerichtet.

Von nun an war das Atelier im Amsterschen Hause, sehr zum Bedauern der Senatorin, überflüssig. An das neue Heim stieß ein Flügel, wo ein Photograph seine Werkstätte gehabt hatte; dort konnte nun Sophie ihre Staffelei aufstellen.

Weit über die Alster blickte man von den Vorderfenstern der Wohnung hinaus. Gerade gegenüber war das »Alsterufer«, wo die reizende Frau Julia wohnte. Am Tage konnte man, jetzt im Winter zumal, von Fernduft überhauchte Häuserreihen nur blaß erkennen. Die breite Wasserflut wogte zwischen hüben und drüben. Aber am Abend leuchteten deutlich all die Fenster. Das sah, im Verein mit den Lichtern der Uferstraßen, wunderhübsch und gesellig aus. Selbst Therese meinte, »so janz übel wär's nich«.

Nach wenig Tagen schon konnte Sophie ihrem Sohn telefonieren: komm und iß zum erstenmal wieder an meinem eigenen Tisch bei mir. Froh sagte er zu. Aber es war ihm nicht beschieden, seine gute Laune ungetrübt zur Mutter zu tragen – einen leisen Riß bekam diese gute Laune und verlor dabei ihren klaren Klang.

Er kam aus der Dresdner Bank. Unter dem Portal des prachtvoll-wuchtigen Hauses stehend, sah er nach der Uhr und dachte, ob er sich auch lieber ein Auto nehmen müsse oder den Dampfer benutzen könne, der drüben vom Jungfernstieg nach der in der Nähe der mütterlichen Wohnung befindlichen Anlegebrücke fuhr.

In diesem Augenblick kam ein Offizier vorüber – ein ziemlich großer Mann, blond und stattlich, von einer deutlichen Ähnlichkeit mit Allert. Es war ein Infanterist, im grauen Mantel mit Biberkragen und im Helm, wie jemand, der Besuche zu machen hat. Der Zufall oder dies rasche, blitzartige, unwillkürliche Sehen bewirkte, daß der Offizier und Allert sich ins Auge faßten und stutzten. Zugleich blieb der eine auch schon stehen, während der andere die Stufen aus dem Portal hinab und auf den Bürgersteig trat.

»Nein – so was! Mensch! Fritz! Bist Du ins Sechsundsiebenzigste versetzt?«

Der Baron von Patow war zögernd, zurückhaltend. Er wußte nicht genau: was stellt denn dieser Vetter hier vor? In der weiteren Familie hatte man nur höchst unklare Vorstellungen – man war leise von Sophie abgerückt, als es hieß, sie könne das Gut nicht halten. Und es war ja auch Hellbingsdorfsche Sache, den Familienzweig zu stützen, falls er dessen bedurfte. Allert war »Kofmich« geworden. Na ja, warum nich. Fing ja fast an Mode zu werden. Sein früherer Regimentskamerad, Prinz Hartenburg, arbeitete jetzt als Volontär in 'ner Bank – wenn man fix Geld machen konnte! Aber das wußte kein Mensch, ob Allert das wohl tat. Saß er im Fett? Schrapte er sich kümmerlich durch? War er Umgang für 'n Offizier? Eklig, so 'ne Unsicherheit. Unnützerweise verletzen will man nich. Voreilig familiär sein erst recht nich. – Hm – gentil aussehen tat er ja, der Allert Hellbingsdorf. Man mußte mal auf 'n Busch kloppen.

Ein ganz klein wenig von oben herunter antwortete Patow nach diesen rasch durch seinen Kopf huschenden Erwägungen:

»Sechsundsiebenziger? Nee. Zum Stab in Altona kommandiert. Brigadeadjutant. Dja – man macht so sachteken seinen Weg oberhalb der Ochsentour. Na und Du? Und wie geht es Deiner Mutter? Gott – wie man doch so auseinander läuft – wenn ich denk', wie früher so die ganze Sippe in den Ferien um Großtante Malwinens Fleischtöpfe auf Welsin hockte. – Was sagst Du, Deine Mutter wohnt hier? Aber nee – also meine schönsten Empfehlungen, und wenn ich mal Zeit hab' – na, und Du? Hast 'ne auskömmliche Stellung?«

Allert hatte die Ohren seiner Mutter und konnte großmütig und durchaus überlegen weghören, vorbei an den Menschlichkeiten des lieben Nächsten.

»Fabrikbesitzer!« sagte er wohlgelaunt. »Großindustrieller – wenn Du willst. Firma: Farbwerke A. von Hellbingsdorf u. Kompagnie. Kompagnon ein wohlhabender Chemiker. Mein Umgang also nicht genierlich. Kreditfähiger, junger Mann. Erste Referenzen. In die angesehensten Familien eingeführt. Verleugnung verwandtschaftlichen Zusammenhangs nicht vonnöten.«

»Red' keine Makulatur – na, darin warst Du ja schon als Junge groß. – Und Deine Mutter? Was macht sie?«

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