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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Und er dachte: Sie zeigen ihr Herz auf dem Markt herum – und locken die taktlosen Zuschauer heran, die durch indiskrete Bemerkungen die Seele des Mannes verletzen und ihn verscheuchen.

Wenn sein zurückhaltender und stolzer, sein vorsichtiger Bruder dies gehört hätte! Es wäre genügend gewesen, ihn für immer von Tulla abzuwenden.

Nachher wurde Allert noch von der Hausfrau mit einem kurzen Gespräch bedacht. Sie bewachte mit Feldherrnblick den Ablauf des Festes und ob die Gäste auch stets richtig gruppiert und unterhalten seien.

»Wissen Sie schon, die Frau von Ihrem Teilhaber ist unserm Verein beigetreten. Ich bin ganz entzückt von der Distinktion dieser Frau. – Und welche Einsicht! Sie sagte mir, daß sie hauptsächlich durch die intensive Erziehungsarbeit an ihren heranwachsenden Töchtern darauf gekommen sei, sich vorzustellen, wie doch zahllose arme Mädchen schutzlos dem Elend und der Verführung preisgegeben würden. Sie will uns tüchtig helfen, und nicht bloß Kräfte, auch Geld will sie opfern. – Ja, solche Mitglieder kann ich brauchen – aber – Gott! – Da steht meine Kollegin Vierbrinck ganz allein – verzeihen Sie,« und im Fortgehen wandte sie noch rasch das Herrscherhaus und ordnete an: »Suchen Sie sich nur schon meine Tochter, das Tanzen kann gleich beginnen.«

Somit war er der Antwort überhoben, und das bedeutete immerhin eine Erleichterung. Was hätte er sagen sollen, wenn man ihn um nähere Auskünfte über die »intensiven Erziehungsarbeiten« angegangen wäre. Höchstens konnte er äußern, daß er noch keine Gelegenheit gehabt habe, Frau Julia auf diesem Gebiet beobachten zu können ...

Nur auf andern! dachte er amüsiert. Und er stellte noch bei sich in bezug auf Julia fest: Es gibt da paradoxe Sachen – das ganz Plumpe und Gewöhnliche kann wieder wirken, wenn eine Frau es kühn und mit Geschick handhabt – deshalb spreche nie einer von verbrauchten Mitteln.

Und eine Viertelstunde nachher walzte er mit Marieluis. In seiner bedrängenden Arbeit war ihm ein wenig das Jugendgefühl und der Sinn für Vergnügungen abhanden gekommen. Deshalb hatte es fast etwas Unwahrscheinliches für ihn, daß er hier, ein wundervolles junges Weib im Arm, im Takt umherglitt – dasselbe Weib, mit dem er sich in schweren Augenblicken und ernsten Gesprächen gemessen – das gab ihm ein Gefühl, als stehe man in einer Doppelexistenz. – Der kühne Gedanke kam, ihr zu sagen: Du gehörst mir. Du bist nicht geschaffen, mit dem Laster und Elend zu ringen; Du bist nicht geschaffen, hier in prunkvoller Geselligkeit mit zu statistieren; es ist Deine einzige Bestimmung, das kluge, liebende, geliebte Weib eines Mannes zu werden. Mein Weib – – Oder war es schon zu spät – war sie schon unfähig, ihre Gedanken, ihre Pflichten auf einen zu konzentrieren? War sie schon eine von denen, die im stillen Frauentum nicht mehr genug Aufgaben für ihre Kräfte finden?

Wie schön sie war. Voll blühenden Lebens. Und wie ihre Gestalt und die seine zusammenpaßten – sich in der Umschlingung des Tanzes aneinanderfügten – als seien sie füreinander gewachsen.

Wie hätte sein feuriges Empfinden nicht auf sie hinüberwirken sollen! Jeder Nerv wurde zur elektrischen Leitung – ein fast qualvolles Gefühl von Glück war in ihnen. Sie hob den Blick zu ihm, und eine Unendlichkeit von Liebe, Verlangen, Bitten kam wie ein Strom von Glut aus seinen Augen. –

Fünf Minuten gehörten sie einander mit ihren Wünschen, Hoffnungen – mit jedem Schlage ihrer Herzen. – Dann zerriß dieser Zauber – hart brach die Musik ab – andere Menschen waren um sie her – nahmen sie einander fort –all diese dummen Gesetze, von denen die augenblickliche Szene beherrscht ward, behaupteten sich. –

Allert haspelte den Rest des Abends auch ganz ordentlich seine Rolle als Figur ab – er vermied es, sich noch einmal der einen zu nähern, vermied auch ihr Auge, fühlte nur von fern, wie man im Gesichtsfelde des Augenwinkels die Dinge wahrnimmt, ohne hinzusehen, daß sie da war. – Es wäre ihm eine Profanierung gewesen, eine Wiederholung jener Minuten voll leidenschaftlicher und zugleich tief geheimnisvoller Zusammengehörigkeit zu suchen.

Alle Frauen und Mädchen fand er höchst uninteressant. Nur mit Dory Vierbrinck beschäftigte er sich ziemlich viel. Das war ja ihre Freundin. Was man so nennt – wenn man zusammen aufwuchs und auf den gleichen Bällen tanzte. Aber nein – diese beiden gingen ja auch sonst auf gleichen Wegen – da, wo er sie getroffen hatte ... Das kaum mittelgroße Persönchen hatte etwas sehr Anziehendes. Die Grübchen gaben dem Gesicht Heiterkeit und Anmut; dazu tat der Kneifer eine entschieden naseweise Note. Und Temperament besaß Dory! Es sprudelte aus ihren Worten und Mienen.

Und er hatte, als er in einer längeren Tanzpause neben ihr sah, ein Gespräch mit ihr, davon manches Wort sich schmerzlich fest in sein Gedächtnis einbrannte.

»Bitte, was haben Sie sich bei Tisch mit Marieluis erzählt? Ich sah schrägüber und dachte: Die sagen einander lauter Bissigkeiten.« –

»Wir waren verschiedener Meinung über die Ausübung der Vereinstätigkeit, der Fräulein Amster sich mit Eifer hingibt.«

»Mit Eifer?« sagte Dory, der das Wort viel zu klein war, »mit Leidenschaft! Sind Sie wohl auch wie mein Bruder John?«

»Ich habe nicht die Ehre, zu wissen, wie Ihr Herr Bruder ist.«

»Sonst entzückend. Nur von unserer sozialen Tätigkeit will er nichts wissen. Er prophezeit immer, uns passiert noch mal was. Ich graule mich ja auch manchmal, und es riecht immer schlecht bei solchen Leuten. Aber Marieluis würde mich verachten, wenn ich nicht einsähe, daß man sich an der moralischen Hebung der Gefährdeten und Gefallenen beteiligen muß. Wissen Sie – Marieluis ist mein Schwarm – sie imponiert mir kolossal, trotzdem sie uns immer wegen Fleiß und Benehmen als Muster vorgehalten wurde – gegen solche kriegt man manchmal Ekel und Wut. Nicht? Aber Marieluis ist wirklich fabelhaft. Ach Gott, und die Figur!«

Sie schloß die nachdrückliche Erklärung, die durch viele, stark betonte Worte wirkte, mit einem ergebenen Seufzer, der ungefähr verriet: Man darf nicht neidisch sein, das ist klein.

»Ich wäre also geneigt, die Furcht Ihres Bruders zu teilen,« sagte Allert und fragte hinterlistig: »Ist Ihnen denn noch nie etwas passiert?«

Sie sah ihn durch ihre glatten, uneingefaßten Kneifergläser prüfend an. Sie mochte ihn sehr gern leiden; als er zum zweitenmal mit ihr tanzte, fiel es ihr schon freudig auf – und nun war sie bereits auf dem Wege, sich in ihn zu verlieben. Sie fand ihn auch so vertrauenswürdig und rückte ihm nun ein bißchen näher, wobei sie vergaß, ihre Eiscreme weiterzulöffeln.

»Doch!« erzählte sie flüsternd, »doch! Schon zweimal. Wenigstens beinahe ... Aber Marieluis sagte, wir müßten nicht wie kleine alberne Mädchen alles unsern Müttern vorklagen, sondern lernen, mit allem selbst fertig zu werden, wenn es auch fatal sei. Einmal – ja, das war vorigen Winter – da sollten wir eine schlimme Frau, das heißt einen Mann hatte sie aber nicht – die sollten wir bewegen, daß sie ihre zwei Kinder in die Nachmittagsschule gäbe. Oh, die war gemein! Was die uns alles sagte! Nein, das kann ich Ihnen wirklich nicht wiedererzählen. Und gerade als Marieluis ihr zurief, sie solle sich schämen, da kam noch ein Kerl aus der Küche und – ja, ich behaupte steif und fest, er wollt' uns prügeln – er hatte Marieluis schon am Rock erfaßt. Und wie gemein die Weibsperson dazu lachte. Aber Sie glauben es nicht, großartig war Marieluis, entriß ihm ihr Kleid – beinahe ruhevoll – und sah ihn an. Nein, was für ein Blick! Und der Kerl war einen Moment baff. Da sagt ich: ›Komm!‹ und zog sie mit aus der Tür. Ja, es war schrecklich. Aber natürlich, riesig interessant war es auch.«

Und ein Ausdruck ganz naiver, unbewußter Lüsternheit war auf ihrem pikanten Gesicht.

»Und das andere Mal?« fragte Albert scharf.

»Sie dürfen aber niemand von diesen Sachen was wiedersagen. Versprechen Sie es?«

»Mein Wort!« sagte er einfach und fest.

»Das andere passierte vor ein paar Wochen. Da wollten zwei Betrunkene auf uns los – und der eine packte mich – oh, er war schon mit seinem Mund an meinem Hals – gräßlich roch er nach Schnaps – ich schrie wie wahnsinnig und gab ihm einen Schubs – daß er, glaub' ich, hinfiel – ich lief und lief – oja ...«

»Und Ihre Freundin?« fragte er seltsam kurz und trocken.

»Wie es ihr ergangen ist, weiß ich eigentlich nicht. Gott, ja, es war treulos von mir, so auszureißen. Marieluis sagt, sie habe auch heil die Elektrische erwischt – aber irgend etwas muß sie da doch noch erlebt haben – sie war so anders nachher. – Aber sie sagt ja, das sind eben die Gefahren auf dem Felde der Berufsehre. Und meine Mutter meint, die Barmherzigen stehen in Gottes Hut.«

Sein geduldiges Zuhören, das doch durchaus nur Anteilnahme für sie sein konnte, wurde ihr immer wichtiger. Sie stellte bei sich fest: Mit keiner Dame hat er sich so viel beschäftigt wie mit mir! Sie setzte sofort auch bei ihm ein rasch aufwachsendes Interesse voraus, und mit der Fixigkeit, die manche junge Mädchen in der Entwicklung von Liebe und Hoffnung haben, war sie schon nicht mehr ganz unbefangen.

»Wissen Sie, Herr von Hellbingsdorf,« fuhr sie fort, »das seh' ich ja ein: man muß was tun. Bloß so Bälle und Sport – nein, das ist nicht mehr zeitgemäß. Ein nützlicher, vernünftiger Lebensinhalt muß sein. Und gerade wir, die nicht für Broterwerb zu arbeiten brauchen, müssen auf sozialem Gebiet Pflichten suchen. Tante Amster hat es uns großartig klargemacht. Aber wenn ich mal heirate, tret' ich aus 'm Verein. Das steht bombenfest. Dann krieg ich ja andere Pflichten. Und wer weiß, vielleicht denkt mein Herr und Gebieter in spe so wie mein Bruder John und ist überhaupt dagegen. Wir sind darin total verschiedener Ansicht, Marieluis und ich. Und sie sagt, sie nimmt nur einen Mann, der in diesen Fragen eines Sinnes mit ihr ist. Sonst will sie ja gar nicht heiraten und sich der Hebung der Sittlichkeit und der Rettung vaterloser Kinder widmen. Wer hat recht: Marieluis oder ich?«

Dabei lächelte sie ihn an, die reizenden Grübchen erschienen, und hinter den Gläsern strahlten die Augen.

Er umging die Antwort. Die Art, wie sie von künftiger Heirat sprach, gab ihm glücklicherweise die Gelegenheit zu einer ablenkenden Frage:

»Sie sind verlobt, gnädiges Fräulein?«

Da wurde Dory Vierbrinck ganz rot und lachte etwas fieberisch.

»Ach Gott, nein – keine Spur – wieso kommen Sie darauf? – Ich will keinen von all diesen jungen Leuten, mit denen man irgendwie vervettert oder verschwägert ist – die kenn' ich ja auswendig.« – –

Sie brach ab. Sie fühlte plötzlich: das könne er vielleicht wie einen Wink auffassen. Nein, das wollte sie denn doch nicht. Das vertragen die Männer auch nicht – das wäre eine zu verkehrte Taktik. Aber »entzückend« war er – das stand fest – und man sah sich ja wieder – Papa mußte ihn auffordern, Besuch zu machen. Ach, wie schön würde das Leben, wenn da ein Mensch war, an den man mit Spannung denken konnte. Es war ja auch schon gerade zum Verzweifeln gewesen: den vierten Winter immer dasselbe.

Nun hörte man Musik.

»Hier, Lurch,« sagte Dory und reichte dem gerade mit einem Tablett Vorübergehenden ihr ungeleertes Cremeschälchen hin.

Dieser Mann im braunen Frack – Allert sah wieder, wie er sich in der Jolle herumbückte nach den Paketen. Alle Bilder mußten ausgelöscht werden in der Erinnerung – auch der heutige Abend. Das war besser ...

Sie wollte ja keinen Mann, als einen, der sie ihren Weg weitergehen ließ, dem es zusagte, daß sie mit dem Schmutze rang, dem es gefiel, daß ihre Ohren und Augen mit Unkeuschheiten vertraut waren.

Und ihm – ihm war das eine Qual – eine Beleidigung ihrer feinen, hohen Weiblichkeit. Vorbei – unmöglich. – –

Dory stand auf.

»Ja,« sagte sie zögernd, »nun kommt die Quadrille, die hab' ich mit Oberleutnant Säger – die drei andern Paare sind auch schon fest.« –

Ihr Bedauern war doch offenbar. Und Allert sagte höflich: »Schade.«

Sie seufzte, besann sich eine Sekunde und sagte:

»Das war 'n ernstes Ballgespräch.«

»Ja, ein sehr ernstes,« antwortete er.

Ernster als Du denkst, Du kleines, ehrliches warmblütiges Ding, dachte er.

Und er mußte alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, um auf sein Gesicht den Ausdruck von freundlicher Angeregtheit zu zwingen, der hier von ihm erwartet wurde.

Eine Einladung ist schließlich auch wie ein Geschäft, ist ein Tauschhandel; der Einladende fühlt: Du nahmst meine Einladung an, dafür mußt Du nun mir auch fortwährend zeigen, daß Du Dich amüsierst. –

Gerade kam die entschlossene Herrin des Hauses an ihm vorbei. Bemerkte sie einen unfreien, erzwungenen Ausdruck? Sie blieb eine halbe Minute stehen.

»Nun, Herr von Hellbingsdorf, wie sind Sie denn mit uns Hamburgern zufrieden? Unterhalten Sie sich?«

»Glänzend, gnädige Frau.«


Hoch in siegreicher Gewalt stieg die Flamme empor, Rauchschwaden auftreibend, die sich zu rötlich bestrahltem Gewölk sammelten und den nächtlichen Himmel verhängten. Mit einer erhabenen Ruhe und Unbezwinglichkeit loderte sie aus dem düsteren Chaos. Dem ersten lärmvollen Treiben um die Stätte war längst das feierliche Grauen gefolgt, in dem die Zuschauermassen nah und ferner gebannt standen. Um die Wagenburgen der Dampfspritzen und Löschgeräte hantierten rasche, dunkle Gestalten mit blitzenden Messinghelmen. Dicke kristallene Strahlen nahmen in hohem Bogen ihren sausenden Weg auf die überhellen Dächer und Wände der verschiedenen Gebäude, die, alle von geringer oder kaum mittlerer Höhe, sich um zwei Schornsteine zu gruppieren schienen. Der eine stand als hohe, glühend beleuchtete Säule. Die kürzere vierkantige Esse, die, von einer gedrungenen Basis aussteigend, sich nach oben verjüngte, stieß auch aus ihrem eigenen Mundloch Rauch aus. Zuweilen gab es mitten in dem höllischen Durcheinander von schwelendem Gebälk, glimmenden Wänden, dunklen Rauchwolken, züngelnden Flämmchen, zusammensinkenden Brettern einen Knall. Dann flog, einem Ballon gleich, ein unbestimmbarer Körper durch die hohe Flamme hinauf – in ihrem Kern einen Herzschlag lang sichtbar – wie ein kühner Vogel, den es zu höherem Fluge treibt – und was in der Flamme eine dunkle Form gewesen, ward droben über ihr eine glühende Kugel, und die sauste weiter in die Nacht hinein – als ein Geschoß der Gefahr – das Feuer wahllos hinzutragen, wohin der Wind wollte.– Oder ein Zischen entstand, und wunderbares, farbiges Gewölk, Stichflammen von Märchenpracht fuhren aus dem Chaos empor und wurden wieder vom Feuer verschlungen – gingen in seiner brünstigen Glut auf. Funken stiegen zur Höhe, leicht und spielend, gleich klingenden Tönen, helle Punkte über dem bedrohlichen Gewoge des Brennens. Daran vorüber zog sich die Straße, die fast schon ein Schlammstrom war. Zu schwarzen Silhouetten wurden vor der unruhig flackernden Stätte die Männer, die mit harter und sicherer Kraft ihre Arbeit taten.

Aber hinten – an der Grenze des Grundstücks – da war dieses Schauspiel noch phantastischer. Planken hatte man niedergeschlagen, um über einen ausgedehnten Lagerplatz weg vom Kanalufer den ungehemmten Weg zum Feuer zu gewinnen. Dort lag der offene, wuchtige, kleine Dampfer mit der Hafenspritze. Er war in sonst verbotener, rasender Fahrt herangesaust, unter Brücken seinen Schornstein flachlegend, an Kaimauern die Wellen erregt aufschülpend, durch die bloße Eile seines unaufhaltsamen Vorwärtsdringens allen Schiffern, die an der nächtlichen Flut unter stillträumendem Backbordlicht Wacht hielten, verkündend: »Gefahr!« – Und nun kamen die kalten, gläsernen Wasserlinien vom Schiffe her durch die Nachtluft und begossen die Dächer der Nachbarschaft und vermählten sich mit dem Rauch, durch den sie ihren Weg nehmen mußten, von dem sie oft verschluckt zu werden schienen.

Der Kanal war zum Stromband der Hölle geworden und seine Flut rotglühender Eisenfluß, von schwarzen Schatten grausig überworfen, in wilden, großen Willkürlichkeiten, die allem Bestehenden die Gewißheit nahmen. Und in diesem Formen auflösenden Durcheinander von roter Glut und düsteren Finsternissen verwischte noch der Rauch alle Grenzen.

Huschendes Leben war überall auf dem Wasser, wachsam sprangen an den Borden der Leichter und Oberländer Kähne die Menschen hin und her, den fallenden Funken wie bösem Getier nachjagend. Die Pinasse der Hafenpolizei, heulende Sirenenschreie ausstoßend, kam rauschend gefahren.– – Sandsäcke wurden in rasender Eile ausgeladen, und den hastigen Männern nahm der immer neu daherfahrende Rauch fast den Atem.

Und immer, vom Wasser und von der Straße, immer zogen die hohen kristallenen Strahlenbogen ihre reinen Linien auf das Geloder zu – gleichsam eine Verbindung herstellend zwischen den sich mühenden Menschen und der grausigen Einsamkeit der hinaufsteigenden Flamme.

Allert stand, bleich, durchnäßt, beschmutzt, und sah dem furchtbaren Schauspiel zu – was zu retten gewesen war an Büchern, Papieren – das lag schon in seiner nahen Wohnung – anderes war im feuersicheren Geldschrank. Immer noch schien es Allert, als träume er, so roh hatte ihn das tolle Bumsen an die Tür seines Hauses, dann seiner Wohnung geweckt. Und der Schrei: »Feuer!«

Feuer – ja Feuer – wie war es entstanden? Man wußte es nicht. Vielleicht Selbstentzündung. Und wenn ein Element sich sättigen konnte an dem Material der Fabrik, so war es das Feuer – da waren die Lacke und die Aether – all diese Säuren und Oele – all diese Hölzer und Harze.

Auch Dorne kam – natürlich mit großer Verspätung – bis man durch das Telefon ihn in seiner entlegenen Wohnung aufgeschreckt hatte – bis er, in der Winternacht um vier Uhr, ein Auto fand – da war ja aber auch die Frau – Allert bemerkte ihre Nähe erst kaum.

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