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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Unterdes ging Allert voll Ingrimm an der Alster entlang, unter der Bahnüberführung hindurch, wo gerade ein gewaltiger, hellerleuchteter D-Zug über seinem Kopf hindonnerte, und dann wartete er an der Esplanade auf die Ringbahn.

Ausdrücklich hatte er seinem Teilhaber erzählt: »Ihre Frau wünscht mich zu sprechen, ich fahre für eine Viertelstunde zu ihr hinaus.«

Und trotzdem war's ja gerade, wie der Gatte unverhofft kam, als sei man ertappt. Ein scheußliches und, gottlob! grundloses Gefühl. Aber was so eine unbedenkliche Frau alles anordnen kann: ein bißchen rosa Licht, ein bißchen sonderbar schöne Kleidung, uralter Aufwand von entgegenkommenden Blicken und Worten, dazu die Ritterlichkeit des Mannes, der nicht mit plumpkeuscher Tugendgeste seinen Mantel aus ihren Händen reißen mag – und die erste Szene ist gestellt! Daraus dann nach und nach in sorgsamem Aufbau das vieraktige Sittenstück weiterzuentwickeln, würde sich Julia schon zutrauen. Das heißt, alle Sittenstücke sind ja eigentlich Unsittenstücke ...

Heimfahrend dachte Allert ganz frauenfeindliche Sachen: Das sind so die Weiber, die einen auch ehescheu machen können! Das hat sich doch einst aus Liebe oder meinetwegen bloß aus Verstand geheiratet. Wie auch immer: man hat sich die ersten Jahre gut vertragen. – Da sind die Kinder – man war sich jedenfalls klar und ist es sich noch, daß Interessen, Ehre, Empfindungen gemeinsamer Kult sein sollte. – Und doch! Die Frau, vielleicht mannstoll veranlagt oder so schamlos eitel, daß sie sich am Verlangen und der Bewunderung der Männer nicht sättigen kann – die Frau macht aus ihm einen Narren. Und er – so'n wissenschaftlich gebildeter Mann! – Unruhig ist er wohl, will aber blind sein, läßt sich dumm machen – warum? In der verfluchten Hörigkeit, in die jeder von uns hineingeraten kann! Wer darf sich vermessen, er sei dagegen gefeit? Das kommt ganz darauf an, was für 'ner Frau man in die Hände fällt ...

Schade, daß es keine Statistik gibt über die Männer, die Junggesellen bleiben, weil sie bei 'ner verheirateten Frau zu genauen Unterricht hatten ...

Und er ließ alle Riesen und Helden von Herkules und Simson an vor seinem Gedächtnis Revue passieren, von denen Sage und Geschichte erzählen, daß sie Frauenknechte und -opfer waren.

Während er sich mit solchen unterhaltenden und erbitternden Schulbeispielen gegen die Ehe stärkte, fiel ihm noch ganz etwas anderes plötzlich ein – viel Naheliegenderes. –

Seine Teilhaberschaft mit dem Doktor Dorne bekam einen starken Schlagschatten. Klug war der Mann, ein Chemiker von Rang. Geld hatte der Mann genug, um mit seinem Anteil dem Geschäft Aufschwung und neue Lebenskraft zu sichern. Aber grünseidene Strümpfe und Schuh und spinnwebene Kleider kosten Geld und – »Talente« kosten Geld, wenn man immer neue entdeckt und immer andere Lehrer dazu braucht. – – Und schließlich war Dorne bloß wohlhabend; kein Krösus. Und dann ein Mann, der innerlich gehetzt ist! Und es sich nicht eingestehen will, was ihn hetzt! Hieß es nicht für einen Aufstrebenden: »Du sollst keinen Götzen haben neben dem Geschäft?« ... Und Allert sah Gewölk heraufsteigen. –

Dann kam ja das Fest bei den Amsters. Allert holte die Mutter ab. Sie spürte gleich: er war zerstreut und verstimmt. Er schob es auf Geschäfte. Von der Spannung, die in ihm brannte, sagte er nichts. Stumm saß er im Auto, das im Halbrund des Weges innerhalb des Vorgartens nur langsam vorrückte, denn ein abscheuliches Schneetreiben erschwerte Auffahrt und Aussteigen der Gäste.

In der Herrengarderobe war dann wieder dieser ältliche Diener, dieser Lurch – Allert empfing auch die kleine weiße Karte, auf welcher der Name der Dame stand, die er zu Tisch führen sollte: Fräulein Marieluis Amster. Ganz selbstverständlich, weil er zum erstenmal als Gast hier war und immerhin schon weit die gesellschaftliche Rangstufe der jungen Dächse von Referendaren, Leutnants, Volontären und anderem Tanzgebein überragte. Aber er fühlte sein Herz klopfen.

Dann waren da zwei große, sehr volle Räume, in denen nichts zu sein schien wie Menschen und Kristallkronen – so waren alle Möbel vom Gedränge verdeckt. Und voll Würde gleich vorn bei der ersten Tür der ihm schon bekannte Senator, der ihn seiner Frau vorstellte. Die blonde Frau mit den hübschen, aber scharf gewordenen Zügen und der bedeutenden Haltung lächelte sehr verbindlich und sagte ihm ein Dutzend sehr schmeichelhafter Worte über seine Mutter und überließ ihn dann seinem Schicksal und seinem Stern, weil auf seinen Hacken schon andere Gäste warteten, um ihrer Begrüßung teilhaftig zu werden.

Sein Stern nun war seine Mutter. Er sah, wie bekannt sie hier schon mit allen Menschen schien, und mit welcher liebenswürdigen Heiterkeit sie sich bewegte. Na ja, das war ihr Feld – aus diesem Boden wuchsen ihr die Aufträge zu. – Sie sagte ihm: »Ich stelle Dich vor – auch der Tochter des Hauses.« –

Nun mußte er sich da und dort verbeugen und sechsmal die Frage: »Sind Sie bei Ihrer Mutter zum Besuch?« beantworten: »Ich lebe hier, habe mich hier niedergelassen.« Und achtmal hören: »Haben Sie schon das Bild von Marieluis Amster gesehen? Es wird fabelhaft.« Drei Leute fragten ihn auch, ob er sich schon eingelebt habe. Und dann kam sehr eilig, elegant, hoch und schmal Thea Daister herangerauscht und nahm ihn unter ihre Fittiche, wie sie es nannte. Und weil gerade seine Mutter vom Generalkonsul Haimburgk festgehalten wurde, dessen beide Knaben sie ja malen sollte, bat sie rasch Thea Daister: »Bringen Sie ihn zu Marieluis.«

Das war Allert lieb. Seine Mutter hatte ihm zu feine Ohren, zu scharfe Augen für das, was vielleicht gleich kam.

Und da war es auch schon. – Er hatte sie schön und ernst und gelassen und überlegen und gereift und – und – er wußte nicht, was alles – gefunden – im langen Mantel, im dunkeln Hut. Nun sah er: Es war die Verkleidung einer Prinzessin gewesen. Hier stand ein Wesen, das einen merkwürdigen und doch stillen Glanz auszustrahlen schien – ein hochgewachsenes Mädchen mit blondem Haar und feinen Zügen – klug und grau die Augen – Schultern, Arme – ach, Allert fehlte der vernünftige Vergleich dafür. Und er hatte auch einen unbestimmten, allgemeinen Eindruck von blaßblauer Seide und großen, dunkeln Veilchensträußen.

Seine Führerin strebte emsig durch die Menschen auf diese junge Fürstin zu. Wenn Thea Daister jemand so geleitete, hatte es etwas Pflichtvolles, Genaues, höchst Dringliches. Am liebsten hätte Allert sie am Arm fest- und zurückgehalten.

Und nun sah auch Marieluis ihn und erglühte in völligster Ueberraschung.

»Auf Wiedersehen,« sagte Thea Daister, »ich muß noch flink oben an der Tafel mal zusehen, wo mein Mann seinen Platz hat – ich bin Ihre Tischnachbarin links – hier Marieluis: der Sohn von Frau Hellbingsdorf.«

Marieluis, die ihre gewöhnliche Farbe schon wieder hatte, reichte ihm die Hand. »Ich habe rasch eine große Verehrung für Ihre Mutter gewonnen.«

»Das macht mich stolz. Ich werde viel zu tun haben, um hier für mehr angesehen zu werden als bloß für einen Sohn.«

Marieluis lächelte ein wenig.

»Den Eindruck hab' ich eigentlich nicht bekommen, daß Sie das Talent haben, unbemerkt zu bleiben.«

»So? Also ich hab' vordringlich gewirkt? Vielleicht haben Sie Ihren Eltern schon eine entsprechende Schilderung von jenem Mann gegeben, der Ihnen beistand? Dann bitt' ich: Schonen Sie mein Charakterbild, damit es nicht in der Geschichte schwankt wie das mancher Helden, und decken Sie meine Identität nicht auf.«

»Ich habe zu keinem Menschen von jenem Vorfall gesprochen.«

Das machte ihn irgendwie glücklich.

»Ich auch nicht,« sagte er leise.

»Es war mir zu nebensächlich,« fügte sie hochmütig hinzu.

Gott – diese jungen Mädchen! dachte er.

»Dory, erlaubst Du: Herr von Hellbingsdorf – Fräulein Dory Vierbrinck.«

Er verneigte sich vor einer zierlichen jungen Dame, die einen uneingefaßten Kneifer trug, einen schmalen Rosenkranz auf kastanienfarbenem Haar und entzückende Grübchen hatte.

»Dory! Zum Unterschied von Laura, Fanny, Mimi, Evelyn und Helene Vierbrinck, die hier ebenfalls anwesend sind. Vierbrincke, teils vom Senator, teils von Vierbrinck Sohn & Compagnie, teils vom Konsul Vierbrinck,« sagte sie munter.

»Ich bin schon lange genug in Hamburg, um diesen hier so viel bedeutenden Namen zu würdigen,« sagte Allert, »und darf ich fragen: »Von welchem Zweige dieser ansehnlichen Familie?«

»Vierbrinck Sohn & Compagnie.«

Sie lachten. Und er dachte: Dory? Das war also die Dory, die an jenem Abend davonlief. Sie aber konnte ihn gar nicht erkennen. Das war ihm lieb. Es lag ihm im Gefühl: Das muß zwischen »ihr« und mir bleiben. – Er wartete – horchte auf. – Nein, Marieluis sagte nichts. – Wenn es ihr sonst zu »nebensächlich« war, gerade Dory nun zu erklären: Denke Dir, es ist Herr von Hellbingsdorf, der mir damals beistand – das hätte sich doch fast von selbst verstanden ...

Wie viel Nähe hatten sie schon zueinander – das berauschte ihn. –

Welche Kluft war zwischen ihnen – er fühlte es in der nächsten Stunde mit Erbitterung. –

Man saß bei Tisch. Alles ist bester Stil, dachte Allert, vornehm, nicht protzig, trotz der Menge alten Silbers und edlen Kristalls – trotz der erlesenen Speisen – wie sind sie sicher und bedacht zusammengestellt.

In zwei Sälen saßen etwa hundert und mehr Personen. Die ungezwungene Fröhlichkeit, das lebhafte Gespräch brachte jenes gleichmütige, ununterbrochene Geräusch hervor, das dem einzelnen gestattet, vom Nachbar ungehört zu bleiben. Aber zunächst kam Allert nicht zu seiner Aussprache mit Marieluis. Seine andere Tischnachbarin war voll Unruhe. Sie ließ ihre Serviette fallen und dann ihre Handschuhe, und während ihr Tischherr sich bückte, fragte sie Allert was und hörte nicht seine Antwort. Dann fragte sie ihren Tischherrn und achtete nicht auf seine Auskunft, sondern wollte wieder etwas von Allert.

»Können Sie meinen Mann entdecken?« fragte sie in ihrer geschwinden Sprache. »Aber – Sie kennen ihn ja nicht – pardon, wie dumm von mir – ich bin furchtbar mucksch mit meinem Mann, aber aufpassen muß ich doch, ob er nicht zu nett mit seiner Dame ist. Wenn man sich mit dem Gatten gründlich erzürnt hat – nicht wahr? So seid Ihr Männer! Er ist imstande, einer anderen den Hof zu machen.«

Und sie bog ihren langen Hals nach rechts, nach links. –

»Was denn? Erzürnt mit Ihrem Mann?« fragte Allert. »Wenn ich mir eine indiskrete Bemerkung gestatten darf: Ich habe von Ihnen wie von Turteltauben – natürlich in moderner Variante, sprechen hören.«

»Bleib mal einer Turteltäubchen,« sagte Thea Daister, »wenn man plötzlich hört: wir können nur acht Tage in St. Moritz bleiben, es kostet zu viel, und unser Leben in Berlin schluckt alles. – Pa und Ma sind immer vier Wochen mit mir hingegangen ... Und im Frühling können wir nicht nach Cannes. – Ich bin starr. – Mußt ich da nicht mal auftrumpfen?«

Wie recht hatte Raspe, dachte Allert, die Ansprüche nehmen sie aus den Elternhäusern mit in die Ehe ...

»Sie können sich hinter Ihre Eltern stecken, gnädige Frau,« tröstete Allert, »wenn man so vorsichtig in der Wahl seines Vaters gewesen ist ...«

Marieluis sprach mit vorsichtiger Stimme hinein, aber doch nur zu ihm: »Die Eltern haben den Etat so groß bemessen, daß er nicht überschritten werden darf. Thea hat ja Geschwister.«

Die junge Frau bemühte gerade ihren Tischherrn mit der Entdeckung des Gatten und hörte nicht, was ihre Cousine sagte.

»Nun, die Verstimmung wird nicht ernst sein,« äußerte Allert. Es interessierte ihn wenig.

Er fühlte die Nähe dieses Mädchens wie ein beklemmendes, betäubendes Glück. Für ihn war sie das höchste Bild von Frauenschönheit; seine Natur wollte sie – sie! Ganz und gar sie – wie sie da saß, in beherrschter Haltung, mit vollen Schultern, schlanken Armen und diesem fein geformten Kopf, den köstliche, blonde Haare locker umgaben. – Diesem ernsten Gesicht mit den klugen, großen Augen und den tiefen Mundwinkeln. –

»Es kommt mir ganz phantastisch vor, wenn ich Sie so sehe – in diesem Rahmen – in diesem Kleid – wenn ich auch nichts davon verstehe – es scheint mir köstlich und das Geschmackvollste von der Welt – ich möchte mich an den Kopf fassen: Sind Sie es wirklich, die ich im klebrig-schwarzgelben Nebel von einem grölenden Trunkenbold bedrängt sah?«

»Ja – bei der Arbeit gibt's eben mal andere Situationen.«

»Es ist keine Arbeit für Sie!« sagte er mit Entschiedenheit.

»Barmherzigkeit? Keine Frauenarbeit? Welche ist es mehr?« sprach sie und sah ihn mit großen Augen an.

»Es gibt Dinge,« begann er erregt, »über die man sich kaum mit Worten verstehen kann. So wie die Empfindungen sich zu Gedanken bilden – nicht wahr: Denken und Worte – das ist dasselbe – alles Denken ist stummes Sprechen – ja, gleich sind schon die Schwierigkeiten da. Wie sollte Barmherzigkeit nicht Frauenarbeit sein?! Sie ist die allererste! Keine Legende ist rührender als die vom Rosenwunder, das der heiligen Elisabeth geschah.« »Nun also ...«

»Und doch ... Sehen Sie, früher waren die Frauen auch barmherzig – jede, sofern sie ein echtes Weib war – wirkte in ihrem Kreis, mit offenen Händen und offenem Herzen – nur mit dem Herzen. – Und solche Frauen gibt es gewiß auch überall heute – die nichts anderes wollen als wohltun. Aber da sind die vielen, die ›arbeiten‹ – ja, sie nennen es Arbeit – was liegt oft in dem Wort, in diesem Zusammenhang! – Und ich sehe im Geist in ihren Händen vor allem die Tabellen und Statistiken. Und wo früher die Träne des Mitleids rann, hört man jetzt das Wort ›soziale Pflicht‹.«

»Ist es nicht ein Fortschritt, daß Pflicht wurde, was früher Gnade war?« fragte sie.

»Ja. Mein Gott – ich fürchte, Sie werden mir nichts, gar nichts entgegnen, wozu mein Verstand nicht ja sagen müßte,« fuhr er immer eindringlicher fort; »aber das Holde, das Ergreifende, das die Mildtätigkeit hatte – dem Ausübenden eine Gloriole verleihend – dem Empfangenden das Herz erweichend und den Gram lösend – hat sich dies Ergreifende nicht da und dort verflüchtigt? Hat die Barmherzigkeit nicht einen doktrinären, sozialpolitischen Zug bekommen? Wenn sie so von Vereins wegen nach Prinzipien, in umrissenen Grenzen ausgeübt wird?« »Es gibt keine menschliche Institution, der nicht auch Mängel anhaften.«

»Und die Hauptsache – sehen Sie – die Hauptsache – man muß auch das Menschenmaterial gegeneinander abwägen – wie kann man ein schönes, hochbegabtes, junges Mädchen auf ein Gebiet hinaussenden, wo ihr Gefahren drohen? – Ich selbst hab' Sie in einer solchen gesehen – welcher Schaden wäre größer, wenn Ihnen Furchtbares zustieße? Furchtbares – nicht Auszusprechendes! Oder wenn ein doch entartetes Kind oder sonstiges Wesen aus der Unterschicht mal keine Kleider und Vermahnungen bekäme?«

»Wenn mir bei Erfüllung meiner Pflichten etwas zustieße, wäre es wie mit dem Heldentod meines Vaters: er infizierte sich, als er eine Operation ausführte, und starb. Sollte er nicht Arzt werden, weil ihm Gefahren vom Beruf drohten?«

»Ihr Vater?« fragte Allert verdutzt.

»Ich bin das Adoptivkind von Amsters,« sagte Marieluis ruhig, »und ich bin meiner Mutter unendlich dankbar, daß sie mir, sehr früh schon, den Blick öffnete für die Notwendigkeit, an der Ausgleichung sozialer Ungerechtigkeiten mitzuarbeiten. Daß sie mir große Ziele zeigte. Daß sie mir vor einigen Jahren offenbarte, wie viel Unglück nicht aus Leichtsinn, sondern aus Unkenntnis entsteht. Das macht milde und gerecht. Wie zahllose junge Mädchen wurden durch die Roheit und Gewissenlosigkeit der Männer ins Elend gebracht, nur weil sie gar nicht wußten, welche Gefahren ihnen vom Manne drohen.«

Allert wußte ja: mit Worten ließ sich hier nicht fechten. Ihre Worte waren unwiderleglich. Sein Verstand, seine soziale Einsicht gaben ihr wohl recht. Und doch ...

»In uns Männern,« sagte er, »wenn wir Frauen in dieser Art wirken sehen – ja, da kommen zwiespältige Empfindungen auf. Die Frau zu behüten, sie vor der Berührung mit dem Häßlichen, vor dem zu genauen Wissen vom Schmutz möglichst zu bewahren, das ist nun mal unser tief angeborenes, ritterliches Bedürfnis.«

»Sie sind sehr konservativ und vorurteilsvoll,« sprach sie und hatte einen bitteren Zug um den Mund.

»Nein! Ich? Nein! Meine Tätigkeit, die ich frei wählte, beweist, daß ich es nicht bin. Mein Geschlecht hat nur Offiziere, Diplomaten und Grundbesitzer gesehen. Ich wurde Kaufmann, weil ich die Zeit und bald auch den Beruf ganz verstand – in seiner kulturellen Bedeutung. Noch sind die adeligen Kaufleute wie weiße Raben – das wissen Sie ja auch. – Ich lasse mir nicht sagen, daß ich vorurteilsvoll bin – von niemand.« – –

Er sah sie fest an, mit einem herrischen Blick vielleicht. Und sie hielt diesen Blick aus. Ihre Augen wurden dunkel und groß, ihre Nasenflügel bebten – es war ein stummes Kämpfen.

»Ich nenne es aber vorurteilsvoll, wenn man ein überkommenes Gefühl nicht durch Erkenntnis überwinden kann. Unsere Zeit legt eben auch der Frau die Pflicht zur Mitarbeit auf und lehrt sie zugleich, sich selbst zu schützen.« –

Er dachte natürlich an den Kerl, der schon nahe daran gewesen war, sie zu umfassen, zu küssen. – Und es schien, als läse sie diese Gedanken von seinem lebendigen Gesicht – sie brach ab und errötete ein wenig.

Und dann kam wieder Thea Daister dazwischengefahren und fragte Altert, ob sie Tulla Rositz von ihm grüßen solle.

»Ich habe gar nicht die Ehre, diese junge Dame zu kennen.«

»Ach Gott – nein – pardon – ich bin so zerstreut – das ist ja Ihr Bruder – der Oberleutnant« – sie lachte ein wenig, wobei sie sich auch drolligerweise bückte, als müsse sie sich zum Lachen kleiner machen, »ich will mal indiskret sein – Raspe von Hellbingsdorf, das war so Tullas zweites Wort. – Völlig hin ist sie – passen Sie mal auf – das kann was werden – und trotz der unordentlichen Finanzwirtschaft der Frau – sicheres Geld ist ja da – das kann 'n Offizier immer brauchen – Ihr Bruder soll sich nur dazuhalten ...«

»Junge Mädchen schwärmen heute und vergessen morgen,« sagte Allert in einer verallgemeinernden, sehr kühlen Ablehnung.

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