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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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»Freilich. Denn Sie sehen ja, ich erfülle weiter meine Pflicht. Gerade dieser Bezirk hier ist einer von denen, wo unsere soziale Tätigkeit nur zu viel Aufgaben findet. Wenn Sie hier bekannt sind, müssen Sie das auch wissen.«

»Ich bin hier bekannt,« sagte er. »Ich weiß es. Ich arbeite hier. Ich wohne sogar hier. Jawohl. Aber ich finde: Ueberlassen Sie doch Männern und häßlicher älterer Weiblichkeit die Seelenrettung und was an Apparat von wollenen Socken und Pfefferkuchen dazu gehört.«

»Was erlauben Sie sich ...«

»Sie geben sich Mühe, ein hochmütiges, ablehnendes Gesicht zu machen, aber Sie lachen ja eigentlich, gnädiges Fräulein. Ich hoffe aber, daß Sie nicht über mich lachen, sondern in fröhlich zustimmender Erkenntnis. Ach, wie schade, daß ich Ihnen neulich nicht das Leben gerettet habe! Daß ich bloß dem betrunkenen Kerl einen Schubs gab, berechtigt mich ja noch nicht, Ihnen Ratschläge zu geben. Sehen Sie, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, Sie zum Beispiel aus dem Kanal zu ziehen, stände mir moralisch das Recht zu, Ihnen zu sagen: »Gehen Sie vorsichtiger mit sich um!«

»Meine Mutter und ich, wir wissen genau, wie ich mit mir umzugehen habe!« sprach sie und neigte den Kopf. Das war so deutlich Abschied nehmend – sie schritt sogar schon weiter. Allert wollte neben ihr bleiben.

»Sie erlauben, daß ich mich vorstelle.«

»Nein – bitte!« Das kam so ängstlich abwehrend heraus. Und mit einer kurzen Kopfbewegung winkte sie dem älteren Mann, und nun ging sie sehr rasch.

Allert fühlte sofort, mehr durfte er nicht wagen. Er blieb stehen. Alles Lachen, das ihn eben noch ganz erfüllt hatte, wandelte sich in tiefe Verstimmung. Er erriet, was dies ablehnende »Nein – bitte!« hieß. Das war die wohlerzogene, stolze, junge Dame aus gutem Hause, die es verweigerte, auf der Straße eine Bekanntschaft zu machen, die vor ihren Eltern, Freundinnen, vor ihrem ganzen gesellschaftlichen Kreis doch niemals sagen konnte: »Ich lernte ihn auf der Straße kennen.« Lachhaft! Einen Ehrenmann von Familie, dachte Allert, der ja immer alles ein bißchen mit seinem Humor durchmengte, einen äußerst famosen, empfehlenswerten jungen Kerl wie mich dürfte sie um die Welt nicht auf der Straße aufgabeln. Aber verderbten Mädels in zweifelhaften Quartieren die Folgen außerehelichen sexuellen Verkehrs klarmachen, das darf sie.

Er sah ihr nach. Nun ging der ältere Mann – es war doch wohl ein kleiner Beamter des Vereins, denn seine Haltung als stummer Zuschauer und Zuhörer verriet wie von selbst die Gewohnheit einer Hintergrundstellung – nun also ging der Mann neben ihr, und sie sprach mit ihm. Dann bogen sie um die Ecke.

Warum bin ich eigentlich dem dicken Waller ausgekniffen? dachte Allert niedergeschlagen. Ja, warum? So etwas tut man nicht mit klaren Vorsätzen. Da kommt das berühmte, von allen psychologischen Forschern als vorhanden konstatierte Unterbewußtsein hervor und benimmt sich auf der Bühne des Lebens wie eine handelnde Person. Und diese aus den geheimsten Gründen seines Wesens aufgetauchte hypothetische Person hatte sich wahrscheinlich eingebildet, dem wundervollen Mädchen etwas befehlen zu können. Ihr zu sagen: Laß ab! Deine junge keusche Weiblichkeit leidet ja doch Schaden. Wo bleibt die Poesie bei zu viel kennen, zu viel wissen? – Ja, diese sozialen Bestrebungen! Diese neuen Frauen! Diese Unsicherheit ihnen gegenüber ... Und Allert schalt sich selbst aus: Weiß Gott, es war höchst kindlich und höchst überflüssig ...

Wenige Minuten nachher wandte er seine außerordentliche Beredsamkeit an, um nun seinerseits Herrn Waller schwindelig zu machen und in den Schmelz und die Begeisterung des Verkäufers die bitteren Tropfen des Zweifels und Unterbietens hineinzusprengen.

Dabei dachte er immer:

Nun seh' ich sie nie wieder – nie!

Das sagte ihm ein Vorgefühl. Zum drittenmal wiederholt sich dergleichen nicht. Und wer wußte, ob sie sich nicht fortan einen andern Bezirk anweisen ließ. Nur, um einem so aufdringlichen Menschen nicht nochmals zu begegnen ...

Trotzig fühlte er:

Und das ist auch sehr gut – sehr!

So genau aber lebte jedes Wort, jede Miene, das ganze Bild in ihm weiter, daß er hier, vom Lehnstuhl aus zum Tannenbaum in der Ecke hinüberträumend, alles vor sich sah: den schmutzigen Kanal, auf dem gerade eine halb ausgepreßte Zitrone vorüberschwamm, die Leichter und Kähne bordseits an die Ufer geklemmt, die Luft, die einem bläulichgrauen Flor glich, und das hochgewachsene Mädchen mit dem klugen, lieben Gesicht ...

Plötzlich schreckten die drei versonnenen Menschen auf. Ein weißes Licht purzelte von seinem blanken Blechleuchtersitz und nahm durch die raschelnden Tannenzweige seinen Sturz hinab zum Teppich ...

Gerade am Tage, ehe Raspe abreiste, kam ein großer Brief aus St. Moritz. Man sah ihm schon von außen an, daß eine Photographie darin sein mußte. Voreilig sagte Sophie:

»Gewiß ein Bild von Tulla Rositz!« Und sie vermied es, ihren Sohn Raspe dabei anzusehen.

Aber es zeigte sich, daß es kein großes Bild von Tulla war, sondern vier Momentphotographien, an den Ecken leicht auf die große weiße Pappe geklebt.

Während seine Mutter den Brief las, nahm Raspe das steife Blatt in die Hand und sah sich aufmerksam alle Dargestellten an. Ein Gruppenbild zeigte sechs Personen. Alle waren im Sportdreß. Weiß wie der Schnee um sie herum. Da stand Tulla und hatte die Arme in die dünne Taille gestemmt, und unter der dicken weißen Mütze sahen die großen dunklen Augen so beredt hervor – wie Augen tun, die es zum Ausdruck bringen wollen, daß während des Photographiertwerdens an jemand sehr intensiv gedacht wurde. Eine sehr schöne Frau, viel schöner als Tulla in ihrer noch etwas herben Anmut, ziemlich voll, war auf dem Bild zu sehen, und dicht neben ihr stand ein sie etwas überragender Mann, den man für einen Italiener oder Südfranzosen halten konnte. Raspe erkannte auch den Leutnant Viktor Rositz wieder, der hier, im Vordergrund der Gruppe, mit weitauseinandergespreizten Beinen, die Hacken in den Schnee gestemmt, auf einem Bobsleigh saß und mit riesig frechem, vergnügtem Gesicht zu einer jungen Dame hinauflachte, die ihm mit einem Tannenzweiglein gerade die Nase kitzeln zu wollen schien. Die Dame war eine üppige, kleine Person von etwas orientalischem Typ.

Auf einem andern Bild sah man Tulla in tiefschwarzer Straßenkleidung mit ihrem Bruder, der auch Trauer, aber Kniehosen, Strümpfe und Schnürstiefel trug. Wie zwei kohlendunkle Gestalten standen sie grell vor dem weißen Hintergrund.

Und noch einmal die schöne, volle Frau; neben ihr wieder der romanisch aussehende Herr. Das vierte Bild zeigte nur drei Köpfe in einer Reihe, lachend unter den wollenen, über die Ohren gezogenen Mützen, vor einem ungewiß verschwimmenden hellen Grund: Viktor Rositz in der Mitte, rechts Tulla, links die junge Dame, die Kirschenaugen hatte und einen kleinen, schwellenden Mund.

Sehr, sehr nachdenklich sah Raspe alle diese Gesichter an. Die schöne Frau anlangend, so taxierte er: die Mutter. Und zuletzt sah er nur noch die dreifache Abbildung der jungen Tulla. Ihm war, als hätte sie wohl an ihn gedacht und wollte es ihn erkennen lassen durch die tiefen, bedeutungsvollen Blicke. Auch hatte sie es sich genau ausrechnen können, daß die Bilder noch kurz vor Ende seines Urlaubs ankämen.

Während er so das Blatt in der Hand hielt, las seine Mutter vor:

»Liebe innigverehrte, gnädige Frau!

Hoffentlich haben Sie meinen kleinen Blumengruß am 24. richtig bekommen. Thea Daister versprach mir, Orchideen zu besorgen. Wüßte ich doch, welches Ihre Lieblingsblumen sind, dann hätte ich sie gewählt. Sie haben ganz gewiß schöne, stimmungsvolle Feststunden verlebt mit Ihren Herren Söhnen. Von unserer Weihnachtsfeier kann ich das eigentlich nicht sagen. Wir trinken sonst immer den Tee nachmittags in der Halle unten, wo es ja sehr unterhaltend ist. Heiligabend nahmen wir ihn in Mamas kleinem Salon, und Mama beschenkte uns. Wir waren aber nicht allein: der Baron Legaire ist hier und Frau von Samelsohn mit Fiffi. Ich habe ein reizendes Halsband bekommen aus kleinen Perlen, dünnen Ketten und Saphiren, das ich natürlich erst nächsten Winter tragen kann. Später nahmen wir, wie immer, das Diner im großen Speisesaal. Da brannten in allen vier Ecken große Tannenbäume, das Orchester spielte Weihnachtslieder, die Tische waren mit Mistelzweigen geschmückt, und die Toiletten fabelhafter noch als sonst. Die anderen waren sehr vergnügt. Ich mußte aber doch oft an den armen Papa denken.

Es ist hier sehr schön. Wir machen viel Sport, auch Mama, die immer für Viktors und meine Schwester gehalten wird oder höchstens mal für unsere Schwägerin. Man kommt eigentlich kaum zur Besinnung. Erstens sind wir ja sowieso schon zu sechsen, und dann sind riesig viel Bekannte hier. Es ist Mama gerade recht: denn sie sagte, bekümmert dazusitzen und sich in Einsamkeit Gedanken zu machen, wie alles gewesen ist oder noch hätte werden können, das hätte keinen Zweck. Mama hat sich mit Frau von Samelsohn wieder ganz ausgesöhnt. Sie sagt, wo Herr von Samelsohn doch ihr Bankier ist und auch die Buschbeckschen Werke mitzuberaten hat, sei es klüger. Deshalb muß ich mich auch mit Fiffi vertragen. Ich glaube aber, nicht bloß deshalb. Denn Mama will wohl gern, daß es was mit Fiffi und Viktor wird. Er macht ihr auf Tod und Leben den Hof. Aber Fiffi lacht ihn vor der Hand noch aus. Sie sagt: »Dein Bruder soll sich man keine Schwachheiten einbilden: erstmal will ich noch zwei Jahre die edle Männerwelt studieren, und dann wollen wir mal sehen, wem wir huldvollst die Hand reichen. Unter neun Zacken für mich und zwölf Ahnen für meine künftigen zwei Gören tu ich's nicht: das kann ich für meine drei Millionen verlangen.« Frech, nicht? Und dann sagte Fiffi: wenn mein Papa auch noch lebte, und wir Exzellenz geworden und erblich geadelt worden wären! das sei ihr doch nicht genug. Sie will mal bei Hof eine Rolle spielen, und sie sagt: Minister und Exzellenz an sich, das imponiere der alten Hofgesellschaft nicht, man müßte einen historischen Namen haben. Und das mit der Kunstkritik und dem Novellenschreiben hat Fiffi fallen lassen. Sie sagt: Mäzenin und Künstler protegieren, das sei noch interessanter.

Ach, verzeihen Sie, liebe, gnädige Frau, daß ich so viel von Fiffi schreibe. Sie hat kein Herz. Aber das von Viktor wird wohl auch nicht brechen, wenn sie ihn abfallen läßt.

Den Baron Legaire hasse ich. Mama und Frau von Samelsohn sind immer neu entzückt von ihm, was ich nicht begreifen kann. Wenn ich seine schwarzen Haare sehe, muß ich an einen Friseur denken, und bei seinen Augen an Likör, trotzdem er natürlich keine Karikatur ist, sondern bester Geschmack. Leider bleibt er noch unabsehbare Zeit bei uns und will offenbar auch nachher mit nach Nizza.

Viktors Urlaub ist in acht Tagen zu Ende. Ende Januar reist Fiffi zu Verwandten nach Paris, worauf sie sich rasend freut. Sie sagt, da allein ist Kultur und da allein kann man als anständiger Mensch sich kleiden und essen. Wenn Fiffi und Viktor fort sind, bin ich ein recht überflüssiges Anhängsel der Reisegesellschaft. Mama sagt schon: »Was fangen wir mit Tulla an?« Ich hindere ja wohl auch Mama und Frau von Samelsohn, sich ungeniert zu unterhalten, was ganz natürlich ist, denn Mütter haben was anders zu sprechen als Töchter. Sie wollen zusammen nach Nizza und sind froh, daß der Baron Legaire mit will, weil es ohne Kavalier dort schwierig sein soll.

Am liebsten bäte ich Mama, daß sie mich dann bei Ihnen malen läßt (wenn Sie überhaupt ein so unbedeutendes Wesen wie mich malen mögen), und wenn Sie dann noch in Hamburg sind, könnte ich ja ebenfalls in der Pension »Hammonia« wohnen und unter Ihrem Schutze stehen. Aber ich mag Mama nicht eher bitten, als bis ich weiß, ob es Ihnen so recht ist.

Bitte, liebe, gnädige Frau, schreiben Sie mir, ob Sie es, um Papas willen, wollen. Geht es nicht, muß ich eben mit nach Nizza fahren, wo es ja freilich sehr schön ist; ich bin schon zweimal dort gewesen. Aber lieber komme ich zu Ihnen.

Auf Thea Daister freue ich mich. Sie kommt in acht Tagen. Sie kann mir gewiß von Ihnen erzählen, und ich hoffe, manchmal mit ihr zusammen zu sein, obgleich Mama sie nicht gern mag. Sie sei so fahrig, sagt Mama, und mache die Menschen nervös und sei zu kindisch verliebt in ihren Mann.

Ich schließe mit den allerinnigsten Wünschen zum neuen Jahr. Und mit der Bitte, mir weiter Ihre Güte zu schenken. Ihre Sie verehrende

Mathilde Rositz.«

Unwillkürlich wurde Sophies Stimme leiser und zögernder beim Lesen. Nach einer kurzen Pause legte dann Raspe sacht das Blatt mit den Photographien auf den Tisch.

»Schade,« sagte er.

»Was schade?« fragte seine Mutter.

»Daß sie in dieser Umwelt von Luxus und zwecklosem Dahinleben aufgewachsen ist. Ein Mädchendasein, wie es Tausende in dieser üppigen Gesellschaft führen – die glaubt, die gute zu sein. Solche Eindrücke wurzeln zu fest – solche Bedürfnisse sind zur zweiten Natur geworden,« sprach er ernst.

»Ich weiß nicht, was Ihr eigentlich für Mädchenideale habt,« meinte seine Mutter etwas ungeduldig, »gestern hielt Allert aus mir völlig unbegreiflicher Veranlassung eine seiner dahinstürzenden Reden. Er war gegen allerlei Richtungen der modernen, sozialen Frauenarbeit. Er wurde sogar poetisch und sagte was von ›seelischer Entblätterung‹ und ›Entzauberung‹, wenn man junge Mädchen mitarbeiten lasse, wo es sich um traurige und schmutzige Dinge handle. Und Du gabst ihm doch recht, warst seiner Ansicht. Und jetzt hast Du wieder was dagegen, wenn junge Mädchen, die doch nun mal in wohlhabende Familien hineingeboren sind, sorglos und froh in den Tag hineinleben.«

»Ja, Mutter, eigentlich sieht man heute zumeist Extreme. Die einen sind ganz und gar die verwöhnten Töchter, die sich erst kritisch besinnen, ob sie überhaupt 'n Mann nehmen und beglücken wollen und ihn hinterher ganz naiv mit Ansprüchen erdrücken. Und die andern haben sich mit blindem Eifer in einen Beruf hineingesetzt, um für alle Fälle vom Mann Unabhängig zu sein. Bekommen sie dann doch einen, so bringen sie, aus dem Gefühl ihrer Unabhängigkeit her, viel schwierige Nebenempfindungen mit in die Ehe hinein, wo das Sicheinanderanpassen schon nicht so leicht ist.«

»Die Liebe, mein alter Junge,« versicherte die Mutter mit zärtlich schmeichelndem Tonfall, »ist die große Lehrmeisterin und Ausgleicherin.«

»Wenn sie immer in dem Hitzegrad ihrer ersten Flammen bliebe! In der Ruhe der Ehe erheben dann die alten Gewohnheiten wieder ihr Haupt und haben einen großen Mund, aus dem es von Vorwürfen und Forderungen nur so quillt.«

Die Mutter schalt Raspe einen Pessimisten, und auf dem Bahnhof, beim Abschied, versuchte sie mit heiteren Worten seine Gedanken zu vertreiben.

Als sie dann allein heimging, überdachte sie die mancherlei Gespräche der letzten Tage und ihr war etwas mutlos ums Herz.

Sie wußte es ja selbst: Es war jetzt ein so seltsames Gemenge von Frauenwesen aller Art; die Farben flossen durcheinander, und alle Linien verschlangen sich. Vernunft und Extravaganz, Recht und Ueberforderung, angeborene und anempfundene Begabung, gesunder und überspannter Wille – alles stand dicht beieinander, wirkte ineinander hinüber.

Wie sollte dem Mann nicht ein unsicheres, ja ein beinahe furchtsames Gefühl kommen, wenn er sich aus dieser wogenden, gärenden Menge die eine heraussuchen wollte, der er seinen Herd und auch seinen Frieden allezeit anvertrauen konnte. – Überhaupt, es war immer nur von den Frauen, ihrer neuen Entwicklung und ihren Ansprüchen die Rede. Und nie davon, wie das den Mann berührte, und wie er sich in seinem wichtigsten Innenleben zu dem allen stellte. – Das kam wohl, weil so viele von den Vorkämpferinnen unverheiratet und kinderlos waren und keine Söhne zu Männern erzogen hatten. Das machte sie so schrecklich einseitig. Und so taub und blind für die Bedürfnisse, Ideale, Poesien des Mannes. – Was soll auch die Frau vom Manne wissen, die keinen Sohn gebar und erzog?

Auf der andern Seite diese Mütter, die aus Gedankenlosigkeit oder verkehrter Liebe den Töchtern die Jungmädchenzeit zu einem glänzenden Fest machten und sie an all die Ausgaben gewöhnten, die sie nachher auch vom Ehemann erwarteten. – Ein reicher Papa hat aber meist ein größeres Portemonnaie als so ein junger Gatte...

Das sind schwierige Sachen, dachte Sophie. Aber sie wehrte sich doch dagegen, allzu bedrückt zu werden. Und als sehr weibliche Frau hatte sie gleich eine Menge grundloser und unlogischer Hoffnungen zur Hand. Zunächst tat sie das ihre und schrieb an Mathilde Rositz, daß sie ihr jeden Tag als liebe Pensionsmitbewohnerin willkommen sein solle, und was das schon vom teuren Verstorbenen gewünschte Porträt anlange, so werde es in jedem Fall gemacht, auch wenn Mathildes Mama keine Neigung habe, einen formellen Auftrag zu erteilen.

»Wie kannst Du so was schreiben, Mutter,« schalt Allert; »solchen Frauen gegenüber sind noble Gesten höchst unangebracht. Du kannst sicher sein, daß die Rositz, die ja immer in Geldklemme ist, auf diese Andeutung hin ihre Tochter gratis von Dir malen läßt. Reiche Leute sind oft wunderbar naiv in der Annahme von Diensten.«

»Und wenn« ... sagte Sophie still. Sie dachte an einen, der nicht mehr war. Und in der Gebundenheit der Menschen, die sich nie das völlige Verschwinden eines Lebens vorstellen können, war ihr, als erfreue sie ihn noch damit.

Allert kam von Amsters. Er hatte dort heute, am Sonntag, der dicht vor den Jahreswechsel fiel, Besuch gemacht. Seine Mutter wollte genau wissen, wie alles ihm gefallen hatte: Mann, Frau, Tochter, Haus...

Er antwortete:

»Frau und Tochter nicht anwesend. Haus von bestem Geschmack. Voll solider Möbel und Familiengeschichte. Hausherr verbindlich. Allmählich mehr als das. Erwärmte sich, indem er von Dir viel Bewunderndes sagte. Sprach dann von allerlei Zeiterscheinungen. Kluges. Vor allen Dingen über die Pflicht des Adels, sich den sozialen Umwertungen anzupassen. Na, das sehen die Draußenstehenden ja immer klarer ein als die, die unter den alterstrüben Kronen sitzen und sich wunder wie vorkommen. Jedenfalls merkt' ich: Er findet, daß ich auf verständigem Wege bin. Na und dann sprach er von England. Gott – das ist ja nun das ewige Gespräch. Geht es los, oder geht es nicht los? Fangen wir an, oder fangen sie an? Ist unsere Flotte schon stark genug zu erfolgreicher Defensive? Und die Deutschenfurcht drüben und die Engländerfurcht hüben. Und ich sagte: Es käme mir allmählich vor, wie Papageno und Monostatos in der ›Zauberflöte‹, die voreinander so bange sind, daß sie gleichzeitig vom Schauplatz verschwinden. Hiermit machte sich Dein Sohn, nachdem er den Senator höchst geistreich unterhalten hatte, einen brillanten Abgang und schied wie Cäsar aus dem Hause Amster mit dem Gefühl: veni, vidi, vici oder ›fenefedefize‹, wie unsere alte Therese mal sagte.«

»Ich hoffe, Du hast den Senator nicht schwindlig geredet,« sagte die Mutter lächelnd, »und ich denke, Du wirst noch zu dem Fest am 8. Januar eingeladen.«

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