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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Es war also der Malerin lieb, über ihre Arbeit und ihr Modell, fern von beiden, nachdenken zu können.

Und die Mutter freute sich auch der gewonnenen Zeit. Raspe kam doch. Und in ihrem geräumigen Zimmer wollte sie den Söhnen einen kleinen Aufbau machen, damit sie ein bißchen brenzligen Tannenduft röchen.

Allert hatte auch mehr Muße als sonst in der eigentlichen Weihnachtswoche. Sein Geschäft wurde von den starken Wogen der Weihnachtsansprüche ja nicht bewegt, hatte nichts damit zu tun, vielmehr spürte es eine gewisse Ferienlässigkeit, die zu hohen Festzeiten selbst Industrie, Großhandel und Politik erfaßt.

Das war eine Freude, als kleine, beschützte, schwesterliche Mutter zwischen zwei großen Söhnen durch die bunten Straßen zu gehen und ein bißchen in den »Hamburger Dom« hineinzugucken. Eine volksfestliche Veranstaltung, die sich von riesigen Schützenfesten und Vogelwiesen eigentlich nur dadurch unterschied, daß sie mit weihnachtlichen Dekorationen aufgeputzt war. In der Winterkälte führte der »Dom« sein Dasein halb bei künstlicher Beleuchtung im Freien, wo der Tag schon gegen vier Uhr endete, halb in phantastisch ausgestatteten Prunksälen. Das gab ihm etwas Mittelalterliches, Rembrandtsches, aus düsterer Ungewißheit und grellem Trubel seltsam gemischt. Und man konnte sich so leicht in die Zeit zurückdenken, wo Buden aus grauer Zeltleinwand, von Schnee umwirbelt, mit einem baumelnden Oellaternchen kümmerlich erleuchtet, sich um den Dom scharten – versunken längst die Kirche, verändert die Gebräuche, geblieben nur ein Name, und dennoch ein Stimmungsfest des historischen Zaubers.

Und wenn sie so in der fremden Stadt, die nicht ihre Heimat war, unter der unbekannten Menge sich vom Strom des Lebens mittragen ließ, kamen ihr weitgespannte Empfindungen.

Und am Abend des Festes gab sie ihnen Ausdruck. Nach einem wundervollen Spaziergang am blaugrau verdämmernden und von Millionen Lichtern besternten Hafen kamen sie heim. Auf dem Tisch stand das Teegeschirr neben einem köstlichen Korb voll Orchideen, den Tulla Rositz geschickt hatte, und in der Ecke brannte der Tannenbaum. Es war das Zimmer einer Pension. Zwar besaß Sophie die Kunst, die Gemütlichkeit überall mit hinzunehmen. Aber man spürte ja doch: dies war kein Heim. Gerade auch der Charakter des Provisorischen in der Umwelt steigerte noch die Kraft ihrer Betrachtungen.

»Wie ein Blatt vor dem Winde bin ich,« sagte sie zu den Söhnen: »spurlos verweht der einzelne Mensch aus der Menge. Sie weiß nicht, daß er da ist, sie vermißt ihn nicht und wird nicht geringer, wenn er stirbt. Man müßte verzweifeln über die Tragödie des Sandkornschicksals in der Menschenwüste, dieser Getrenntheit von allem Zukünftigen, wenn es nicht Fäden gäbe, die auch ein bescheidenes Dasein hinüberleiten können in das Kommende und ihm eine Art Unsterblichkeit sichern. Wer ein Stück Erdboden hat – ein eigenes Dach – einen Besitz, den er Söhnen und Enkeln weitergeben kann – die ihn erhalten und pflegen – ja, der lebt weiter. Denkt doch: wie viel Generationen war unser Gut, die eigene Scholle, zugleich die Unsterblichkeit der Vorfahren. – Was sie gebaut, gepflanzt hatten, ließ sie fortleben, und die Steine der Mauern sprachen von ihnen, und die Bäume rauschten ihre Namen.«

»Ja, Mutter – Du leidest – das wissen wir wohl – nicht Dein Kampf ums Brot war Dir hart – nur der Verlust des eigenen Daches – Gott – ja, vielleicht kommt es wieder,« sprach Allert.

Sie neigte sich über den runden Tisch noch näher zu den Söhnen und sprach halblaut, voll Leidenschaft: »Und das andere Band, das ist die Nachkommenschaft – Töchter, Söhne, Enkel – oh, welch ein wunderliches Gefühl, feierlich, verantwortlich, schaurig – erhebend. – Ja, es ist Unsterblichkeit – wenn ich mir vorstelle: mein Talent, vielleicht auch meine Fehler – diese Linie meiner Braue – diese Form meiner Wange – eines Tages, nach Generationen, besitzt das ebenso ein Urenkelkind. Und es heißt: ›Das hast Du von Deiner Ahne, so ist sie gewesen.‹ – Welch ein seltsames Wunder – mein Blut rinnt fort in späten Geschlechtern – ich lebe in ihnen – mein Herz schlägt darin – es ist ein ewiges Wiedergeborenwerden – meine Wesenheit wirkt weiter. – Seht, wenn Mütter oft so eine beharrliche Art haben, den Söhnen zu predigen: ›Heiratet!‹ – das sieht manchmal geschmacklos aus, plump vielleicht sogar. Begreift: das ist der geheimnisvolle Instinkt des Menschen, der sich gegen das Vergehen wehrt – die unbewußte Begier nach Unsterblichkeit – das berechtigte Verlangen des Weibes, nicht umsonst geboren und gelitten zu haben – das königliche Stammgefühl der Mutter, die stolz vorausschauen will auf Nachkommenschaft, die durch sie ward. Als Bindeglied fühlt sie sich – ihre Hände reichen den vergangenen und den künftigen Geschlechtern die Hand – und deshalb soll man keine Mutter schelten, wenn es der beherrschende Wunsch ihrer Seele ist, die Kinder zu verheiraten. Das sind nicht die banalen, bespöttelten Begierden der Frauen, zu kuppeln, Ehen zu stiften. Das sind heilige Forderungen« –

Die leidenschaftliche Erregung ihrer Mutter wirkte auf die Söhne – sie saßen ernst – von Gedanken bestürmt. Fast zaghaft sprach Raspe: »Dir, Mutter, ist doch eine andere Art Dauer gesichert – sieh mal – Du hast schon mehr als ein Bild malen dürfen, das in einem Schloß, in einer Galerie eine bedeutende Persönlichkeit noch nach Jahrhunderten zeigt. Und der Name der Malerin wird nicht vergessen. Und wenn Du nun, wie Du sagst, daß es möglich ist, auch von Lichtwark aufgefordert wirst, für die Sammlung Hamburger Porträte irgendeinen wichtigen Kopf zu malen, dann hast Du abermals ...«

Sie ließ ihn nicht ausreden.

»Welche Überschätzung! Was ist das groß. Ach du meine Güte. Vielleicht in Zukunft, bei irgendeiner Gelegenheit schreibt ein Forscher oder ein Feuilletonist etwas über ein Schloß, ein altes Adelsgeschlecht – und stellt da nebenbei fest: ›Die Malerin dieses Porträts hieß Sophie von Hellbingsdorf.‹ So eine Art Fortleben des Namens ist wie das Aufbewahren von hübschem Gerümpel in den Truhen alter Familien – vielleicht kommt mal jemand darüber, der was draus macht, es ans Licht zerrt – vielleicht zerfällt es und wird ganz vergessen. Nein, so nicht – das Fortleben, das ich meine, darauf ich ein Recht habe, weil ich bin, weil ich atme, weil ich Kinder gebar, das ist durch Nachkommen – oh, tut es mir nicht an – bleibt nicht ledig!«

In ihren Augen standen Tränen. Und die Söhne schwiegen. Sonst, wenn sie von diesem ihrem Wunsch gesprochen, obenhin und bevormundend oder mit genauen Angaben, wie »sie« sein solle, was »sie« auch »haben« müsse – wie eben zärtliche Mütter tun – sonst nahm das Gespräch sofort eine Wendung zum Lustigen und endete mit Lachen und Necken. Aber jetzt schwiegen die Sühne und sahen vor sich hin.

Aus diesem Schweigen übertrug sich der Mutter ein Gefühl – wie eine Warnung war es – ein scheues Ahnen. All ihre leidenschaftliche Erregung wallte plötzlich zurück.

Sie atmete auf und sagte fest und ernst: »Wir wollen nie mehr davon sprechen.«

Allert stand auf, ging zu seiner Mutter und küßte sie auf die Stirn.

Lange war es ganz still im Zimmer, wo in der Ecke am grünen Baum friedvoll die kleinen Lichter brannten und nach Wachs rochen. Dieser Geruch und diese flimmernden Flämmchen zwischen den Tannenzweigen hatten Wunderkraft. Sie schoben sacht die Wände fort und zeigten Bilder ... Jedem der drei Menschen ein anderes ... Vor der Mutter stand ein altes Herrenhaus mit Treppengiebeln. Rot und hoch, mehr würdig als stolz ragte es aus dem Schnee, der das Gelände dick belastete und die Aeste der Bäume verbrämte.

Die Luft war voll von einer köstlichen Kälte, die auf den Gesichtern brannte und die Körper auffrischte. Der hellgraue Himmel stand still. Eine feierliche, unbegreifliche Lautlosigkeit war über den weiten Feldern. Das machte sogar die halbwüchsigen Knaben andächtig. Ihre Handschlitten hinter sich herziehend, stampften sie durch den weißen Puder heim. Es war ja bald Bescherungszeit, und vorher sollte noch der Nachmittagskaffee mit dem frischen Kuchen verschmaust werden. Die Mutter, in ihr weißes Wolltuch gewickelt, stand schon wartend im Portal. Und hinter der Fensterscheibe der Leutestube zeigte der Vater Meyns, aus seiner Pfeife getrockneten Waldmeister rauchend, sein verrunzeltes Diplomatengesicht und wunderte sich, wo die Junker blieben. – Ach, daß das Schicksal ihr Leben so leite – sie zurückführe in diese friedliche Stille, zu künftigen Weihnachtsfesten, mit Kindern, mit Enkeln, auf dem alten, dem eigenen Besitz ... Vielleicht, so dachte sie in einer Wehmut, die über ihre Seele hinfloß wie Tränen, vielleicht bekomme ich niemals wieder ein eigenes Heim – als jene vier Bretter, die auf uns alle warten – das letzte Haus ...

Und Raspe sah einen hellen, leeren, durchsonnten Tanzsaal. Prismen sandten Regenbogenreflexe aus. Und vorbei an den gelbseidenen, gleißenden Stühlen schritt ein schlankes, schwarz gekleidetes Mädchen. – Er sah, wie sie an der Tür stehenblieb und sich mit den Blicken zu ihm wandte – fragend, wie von irgend etwas Unerklärlichem bezwungen, noch vor der Schwelle zurückgehalten ...

Was vor Allert erstand, kam nicht aus zurückliegenden Erinnerungen herauf. Erst gestern vormittag hatte er es erlebt. – Er war auf einem Geschäftsgang mit einem Kopf voll Sorgen. Seinen bisherigen chemischen Assistenten entließ er im Augenblick, da Dr. Dorne als Teilhaber in die Arbeit eintrat. Wenn nun auch die Grundlagen ihrer Fabrikation die gleichen blieben, denn all diese zahllos abschattierten Farben zum Gebrauch für die Textilindustrie und allerlei technische Zwecke gingen ja aus erstaunlich wenigen Ausgangsprodukten hervor, so war Dr. Dorne doch wenig zufrieden mit der Art, wie der Entlassene gearbeitet habe. Auch wollte Dorne das Alizarin, das sie bisher in den gelbroten Kristallen fertig bezogen hatten, durchaus selbst aus dem Anthrazen herstellen, was den Bau neuer Oefen und einer neuen Abteilung für das Laboratorium nötig machte. Sodann war Dorne, von den Erfolgen der Professoren Graeke und Liebermann, die das künstliche Alizarin entdeckt hatten, angestachelt und seit langem mit dem Experiment beschäftigt, das Kampescheholz in seine Grundstoffe aufzulösen, um auch für dieses Produkt der Natur, wenn möglich, künstlichen Ersatz zu finden. Er war aber mit der Qualität des Kampescheholzes und der Fustik nicht zufrieden. Das heißt, Dr. Dorne sagte natürlich: des Haematoxylon campeschianumund de Maclura aurantiaca; denn dem Mann der Wissenschaft wäre es zu unbequem gewesen, die gebräuchlichen deutschen Namen zu benutzen. – Und nun hatte Allert es auf sich genommen, einmal mit dem Lieferanten dieser ausländischen Farbhölzer scharf zu sprechen. Kontor und Lager der Firma Waller u. Nuß befanden sich in einer Nachbarstraße. All diese, zu zweien oder dreien gleichlaufenden kurzen Straßen waren von Kanälen fast quadratisch eingefaßt. Und hinter den Speichern und Lagerplätzen entlang klemmten sich die Leichter und die Oberländer Kähne bordseits an die Mauern und Kais. Sie schafften die Rohprodukte heran und führten die Waren fort, sie besorgten die Verbindung zwischen diesem Fabrikviertel und dem großen, weiten Hafen draußen in den Elbarmen. Allert hatte eine Weile mit dem Holzimporteur in dessen Kontor herumgeredet; dann gingen beide Herren hinaus, um auf dem Lagerplatz hinter dem Hause die Hölzer zu sehen, die gerade ausgeladen wurden. Gestern war der »Pelos« aus Honduras angekommen, und der Leichter brachte soeben die erste Ladung.

Der rundliche Herr Waller trug einen Kneifer, was durchaus nicht in den Charakter seines bartlosen, von Kahlköpfigkeit gekrönten Vollmondgesichtes paßte. In seine tiefen Mundwinkel kam beim Anblick der Hölzer ein förmlich seliges Schmunzeln. Noch nie, sagte er, noch nie, selbst nicht zu Lebzeiten seines Teilhabers Nuß, der einer der ersten Farbholzkenner gewesen sei, noch nie habe sein Haus eine Sendung von solcher Vorzüglichkeit empfangen und an seine Klientel weitergeben können. Und mit frohen und überredenden Worten erklärte er, daß nur die Rücksicht auf die Jugend des von Hellbingsdorfschen Unternehmens ihn bestimmen würde, von diesen Hölzern an Allert abzugeben.

»Neue Firmen, wenn sie von fixen, kapitalkräftigen Männern gegründet sind, zu fördern, das ist immer das Prinzip meines seligen Freundes Nuß gewesen. Ich halte daran fest.«

Allert hörte die bezwingenden Worte, die den zahlenden Käufer fast zum Almosen- oder Geschenkempfänger machten. Und er hörte auch wieder nicht.

All der Lärm, die ganze Sinfonie der Maschinengeräusche, das Rattern und Rollen von der Straße her, das Fauchen und Pfeifen auf dem Wasser – alles verklang für sein Ohr – alles schien sich in spannungsvolle Stille aufzulösen. Denn er sah etwas Außerordentliches. Das heißt für andere Menschen wäre es etwas höchst Gewöhnliches gewesen. Aber es kommt ja in keiner Hinsicht auf die Erscheinungen an, sondern völlig auf ihre Bewertung durch den Zuschauer. Und was der ölig redende Herr Waller überhaupt gar nicht bemerkte, nahm Allert den Atem.

Eine Jolle glitt auf dem schmalen Kanal dahin. Sie hatte ihren Weg in der Mitte, wo das Wasser frei war; denn hüben und drüben lagen die langen Kähne an die Ufer gedrückt. Die lehmfarbene Flut sah schmutzig aus, Obstschalen, Strohhalme, Holzsplitter trieben darin. In der Jolle saßen drei Personen. Der Führer, der sich bald vorwärts bog, bald zurücklegte, benutzte mit Kraft und Vorsicht seine Ruder zugleich als Steuer; dann waren da ein ältlicher Mann oder Herr, der mit Paketen beladen war, und eine junge Dame.

Wie oft hatte Allert schon geglaubt, wenn eine weibliche Gestalt auf der Straße heranschritt: sie ist es! Vorgestern, als er mit seiner Mutter und Raspe im Schauspielhaus war, durchzuckte es ihn: Da, in der dritten Parkettreihe, das ist sie! Die Sehnsucht – nein, vielleicht nur die Neugier auf ein Wiederbegegnen, war die Schöpferin solcher Irrtümer, die immer sofort wieder sich in Enttäuschungen auflösten. Und all diese kleinen Täuschungen waren nur wie Vorspiele gewesen, um das wirkliche, das zweifellose Erkennen desto stärker empfinden zu lassen.

Nun sah er sie! Das war ihr stolz getragenes Haupt – das ihr blonder Haarknoten unter dem Rande des dunklen Hutes ... Eine unbegreifliche Erregung überraschte ihn. Er versuchte nicht einmal, ihrer Herr zu werden. Er starrte zur Jolle hinüber, die da unten auf dem schmutzigen Wasser vorüberglitt. Er sah ihr nach. Er wußte nicht genau: hat »sie« hergesehen? Aber er glaubte es. Er redete es sich ein. Ja – da wandte sie noch einmal den Kopf zurück. Wirklich nur, um dem auf dem Bankbrett hinter ihr sitzenden älteren Manne etwas zu sagen? Nicht, um nach ihm, der hier oben am Kai des Holzlagerplatzes stand, noch zu sehen? Vielleicht auch sich fragend: »Ist es der?« ... Weiter fuhr das kleine Ding von Schiff, langsam weiter.

Die Luft war ja nicht klar. Wie konnte sie es hier sein, wo mit dem Dunst des Wassers sich das ganze Jahr der von tausend Stoffen geschwängerte Atem der Schornsteine und Oefen vermengte. Aber doch – heller und durchsichtiger als sonst war es schon. Er folgte mit dem Blick, sah die Jolle unter einer Brücke fortschaukeln – dachte nach: Wohin geht es da – wo muß die Jolle dort anlegen – ihre Fahrt enden?

Herr Waller sprach ergriffen weiter. Nichts in der Welt schien die Phantasie und den Enthusiasmus eines Menschen so anregen zu können wie das Kampescheholz.

Und plötzlich, als Herr Waller schon andeutete, daß es den Niedergang der jungen Firma bedeute, wenn sie sich nicht sofort diese eben angekommene Sendung sichere, plötzlich riß Allert aus. – Ganz einfach – jungenhaft. – Er murmelte nur etwas von »'ner halben Stunde wiederkommen«. Herr Waller sah ihm voll Siegerruhe nach. Ihm war es klar: Hellbingsdorf lief erst in seine Fabrik zurück, um dem Kompagnon zu sagen: »Dorne, wir müssen die Hölzer von Waller u. Nuß nehmen, anders stehen wir uns im Licht.«

Allert hatte den richtigen strategischen Ueberblick gehabt. Er kam gerade am Kai des Mittelkanals an, als die kleine Jolle dort anlegte. Eine schmale Brücke unten am Fuß der Kaimauer bot Gelegenheit dazu: schräg an der Mauer, ihr abgespart, gingen ein paar Stufen hinauf.

Allert sah, daß die Dame – sie heißt Isolde oder Katharina, dachte er – er sah also, daß sie den Jollenführer bezahlte und einige kleinere Pakete an der üblichen Verschnürung sich über die Finger der Linken gehängt hatte. Der Mann trug größere Pakete. Mann? Herr? Allert konnte es nicht bestimmen. Er war gediegen gekleidet und hielt sich voll Würde. Allert dachte einen Augenblick: Missionar? Oder doch ein Beamter der inneren Mission? Aber »sie« hatte ja gesagt, daß ihr Verein keine kirchliche Propaganda mit seiner rettenden und wohltuenden Tätigkeit vereine. Na, egal – was ging ihn der Mann an ...

Er mußte mit ihr sprechen. Was Form! Was Schicklichkeit! Alles zwang ihn ...

Er wartete oben an der Treppe. Und als sie emporstieg, erglühte ihr Gesicht. Das war für ihn ein herrlicher Anblick. Er lüftete den Hut.

»Guten Tag, gnädiges Fräulein!« sagte er.

»Ich dachte doch – ich glaubte eben« – sprach sie, aus aller Sicherheit des Auftretens gerissen.

»Sie glaubten mich vor drei Minuten auf dem Lagerplatz von Waller u. Nuß gesehen zu haben? Das stimmt. Ich erkannte Sie und berechnete, daß Ihre Jolle hier landen müsse.«

Sie sah sich wie hilflos um. Der ältere Mann mit den Paketen wartete auf der vorletzten Treppenstufe, unbeweglich, mit einer vollkommen ernsthaften Ausdruckslosigkeit im bartlosen Gesicht.

Bloß ein Mitbruder in Christo oder in Charitas, dachte Allert flink, kein Onkel, Vater, Bruder, Vetter – bloß von der Gelegenheit ihr angeheftet als Schatten.

»Das ist aber ...«

»Sagen Sie nicht, daß das zudringlich ist, gnädiges Fräulein!« fiel Allert ihr ins Wort. Seine frohe Laune triumphierte über seine Erregung. Es kam ihm vor, als habe er die Situation völlig in der Hand. Er war so froh, ihm lachte die ganze Seele, als sei dies ein glückliches Erlebnis. »Ich muß Sie doch fragen, ob Ihnen die neuliche unangenehme Erfahrung nicht den Geschmack an diesen heiklen Gängen verdarb. Obschon dies eine höchst überflüssige Frage ist.«

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