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Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei

Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei - Kapitel 1
Quellenangabe
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typetractate
authorMartin Luther
booktitleLuther Deutsch. Die Werke Martin Luthers. In neuer Auswahl für die Gegenwart.
titleVon weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei
publisherEhrenfried Klotz Verlag
pages9-51
seriesLuther Deutsch. Die Werke Martin Luthers. In neuer Auswahl für die Gegenwart.
volumeBand 7: Martin Luther. Der Christ in der Welt.
printrun2., erweiterte und neubearbeitete Auflage
editorKurt Aland
year1967
firstpub1523
correctorreuters@abc.de
senderm_bayer@gmx.net
created20100809
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[WA 11, 246] Ich habe früher ein Büchlein an den deutschen Adel geschrieben und angezeigt, was sein christliches Amt und Werk sei. Aber wie sie sich danach gerichtet haben, liegt genügend vor Augen. Darum muß ich meinen Fleiß anders anwenden und nun schreiben, was sie auch lassen und nicht tun sollen, und hoffe, sie werden sich ebenso (wenig) danach richten, wie sie sich nach jenem gerichtet haben, auf daß sie ja Fürsten bleiben und nimmer Christen werden. Denn Gott der Allmächtige hat unsere Fürsten toll gemacht, daß sie nicht anders meinen, sie könnten tun und ihren Untertanen gebieten, was sie nur wollen, (und die Untertanen irren auch und glauben, sie seien schuldig, dem allem zu folgen), so ganz und gar, daß sie nun angefangen haben, den Menschen zu gebieten, Bücher von sich zu tun, zu glauben und zu halten, was sie vorgeben. Damit vermessen sie sich, sich auch in Gottes Stuhl zu setzen und die Gewissen und den Glauben zu meistern und nach ihrem tollen Gehirn den heiligen Geist zur Schule zu führen. Dennoch verlangen sie, man dürfe es ihnen nicht sagen und solle sie noch gnädige Junker nennen.

Sie schreiben und lassen (Gebots-)Zettel ausgehen, der Kaiser habs geboten (was sie verlangen), und wollen christliche, gehorsame Fürsten sein, gerade, als wäre es ihr Ernst, und als ob man den Schalk hinter ihren Ohren nicht merke. Denn wir sollten wohl sehen: wenn ihnen der Kaiser ein [247] Schloß oder eine Stadt nähme oder sonst etwas, was ihnen nicht recht wäre, wie fein sie sich finden sollten, daß sie dem Kaiser widerständen und nicht gehorsam zu sein brauchten. Nun es aber gilt, den armen Mann zu schinden und ihren Mutwillen an Gottes Wort zu büßen, muß es kaiserlichen Gebotes Gehorsam heißen. Solche Leute nannte man vorzeiten Buben, jetzt muß man sie christliche, gehorsame Fürsten nennen. Wollen dennoch niemand zu Gehör oder zur Verantwortung (für sein Verhalten) kommen lassen, wie sehr man sich auch erbietet; was ihnen doch ein ganz unerträglich Ding wäre, wenn der Kaiser oder jemand anders mit ihnen so verführe. Das sind jetzt die Fürsten, die das Kaisertum in deutschen Landen regieren; darum muß es auch in allen Landen so fein zugehen, wie wir es denn sehen.

Weil denn solcher Narren Wüten zur Vertilgung christlichen Glaubens, Verleugnung göttlichen Wortes und zur Lästerung göttlicher Majestät gereicht, will und kann ich meinen ungnädigen Herrn und zornigen Junkern nicht länger zusehen, muß ihnen zum wenigsten mit Worten Widerstand leisten. Und habe ich ihren Götzen, den Papst, nicht gefürchtet, der mir die Seele und den Himmel zu nehmen droht, muß ich auch zeigen, daß ich seine Schuppen und Wasserblasen nicht fürchte, die mir den Leib und die Erde zu nehmen drohen. Gott gebe, daß sie zürnen müssen, bis die grauen Röcke vergehen, und helfe uns, daß wir vor ihrem Drohen ja nicht sterben. Amen.

Aufs erste müssen wir das weltliche Recht und Schwert gut begründen, daß nicht jemand daran zweifle, es sei durch Gottes Willen und Ordnung in der Welt. Die Sprüche aber, die sie begründen, sind diese: Rom. 13,1–2: »Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen«, ferner 1. Petr. 2, 13–14: »Seid Untertan aller menschlichen Ordnung, es sei dem König, als dem Obersten, oder den Statthaltern, als die von ihm gesandt sind zur Strafe für die Übeltäter und zu Lobe den Rechtschaffenen.«

Auch ist das Recht dieses Schwertes von Anfang der Welt an gewesen. Denn da Kain seinen Bruder Abel erschlug, fürchtete er sich so sehr, man würde ihn wieder töten, daß [248] Gott ein besonderes Verbot darauf legte und das Schwert um seinetwillen aufhob und niemand ihn töten sollte (1. Mose 4, 14 f.). Diese Furcht hätte er nicht gehabt, wenn er nicht von Adam gesehen und gehört hätte, daß man die Mörder töten sollte. Darüber hinaus hats Gott mit ausdrücklichen Worten nach der Sintflut wiederum eingesetzt und bestätigt, da er 1. Mose 9, 6 sagt: »Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden.« Das kann nicht als eine von Gott über die Mörder verhängte Plage und Strafe verstanden werden. Denn viele Mörder bleiben durch Buße oder Gunst lebendig und sterben nicht durchs Schwert. Sondern es wird vom Recht des Schwertes gesagt: daß (danach) ein Mörder des Todes schuldig ist und man ihn mit Recht durchs Schwert töten solle. Wenn nun das Recht verhindert oder das Schwert säumig sein würde, so daß der Mörder eines natürlichen Todes stirbt, ist deshalb die Schrift nicht falsch, wenn sie sagt: Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll durch Menschen vergossen werden. Denn es ist der Menschen Schuld oder Verdienst, daß solch Recht, von Gott befohlen, nicht ausgerichtet wird, sowie auch andere Gebote Gottes übertreten werden.

Danach ists auch durchs Gesetz des Mose bestätigt worden, 2. Mose 21, 14: »Wer jemand mutwillig tötet, den sollst du von meinem Altar wegreißen, daß er getötet werde«, und daselbst abermals (V. 23–25): »Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.« Darüber hinaus bestätigt es Christus auch, da er zu Petrus im Garten Gethsemane sagt: »Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen« (Matth. 26, 52), was ebenso wie das Wort 1. Mose 9, 6 zu verstehen ist: »Wer Menschenblut vergießt« usw. Ohne Zweifel deutet Christus mit diesem Wort darauf hin und führt denselben Spruch damit ein und will ihn bestätigt haben. So lehrt auch Johannes der Täufer. Als die Kriegsknechte ihn fragten, was sie tun sollten, sagte er (Luk. 3, 14): »Tut niemand Gewalt noch Unrecht, und lasset euch genügen an eurem Solde.« Wäre das Schwert nicht ein göttlicher Stand, sollte er sie abtreten heißen, sintemal er das Volk vollkommen machen und recht christlich unterweisen sollte. So ist es gewiß und klar genug, wie es Gottes Wille ist, das weltliche Schwert und Recht zu handhaben zur Strafe der Bösen und zum Schutz der Frommen.

Aufs zweite: Dagegen spricht nun mächtig, was Christus Matth. 5, 38–41 sagt: »Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: >Auge um Auge, Zahn um Zahn<. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will [249] und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei« usw. Ebenso Paulus Röm, 12, 19: »Rächet euch selber nicht, meine Lieben, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr«; ferner Matth. 5, 44: »Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen«, sowie 1. Petr. 3, 9: »Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort« usw. Diese und dergleichen Sprüche scheinen jedenfalls deutlich zu sagen, daß die Christen im Neuen Testament kein weltliches Schwert haben sollten.

Deshalb sagen auch die Sophisten, Christus habe des Mose Gesetz damit aufgehoben, und machen aus solchen Geboten »Räte« für die »Vollkommenen« und teilen die christliche Lehre und Stand in zwei Teile: Einen nennen sie den »vollkommenen«, dem eignen sie solche Räte zu, den anderen den »unvollkommenen«, dem eignen sie die Gebote zu. Sie tun das aus lauter eigener Vermessenheit und Mutwillen ohne jede Begründung aus der Schrift und sehen nicht, daß Christus an demselben Ort seine Lehre so nachdrücklich gebietet, daß er auch das Kleinste nicht aufgelöst haben will, und die zur Hölle verdammt, die ihre Feinde nicht liebhaben. Deshalb müssen wir anders davon reden, so daß Christi Worte für jedermann bestimmt bleiben, er sei »vollkommen« oder »unvollkommen«. Denn Vollkommenheit und Unvollkommenheit besteht nicht in Werken, macht auch keinen besonderen äußerlichen Stand unter den Christen, sondern besteht im Herzen, in Glauben und Liebe, so daß wer mehr glaubt und liebt, der ist vollkommen, er sei äußerlich ein Mann oder Weib, Fürst oder Bauer, Mönch oder Laie. Denn Liebe und Glaube machen keine Sekten noch äußerlichen Unterschiede.

Aufs dritte: Hier müssen wir Adams Kinder und alle Menschen in zwei Teile teilen: die ersten zum Reich Gottes, die andern zum Reich der Welt. Die zum Reich Gottes gehören, das sind alle Rechtgläubigen in Christus und unter Christus. Denn Christus ist der König und Herr im Reich Gottes, wie Psalm 2, 6 und die ganze Schrift sagt. Und er ist auch dazu gekommen, daß er das Reich Gottes anfinge und in der Welt aufrichtete. Deshalb sagt er auch vor Pilatus (Joh. 18, 36, 37): »Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sondern wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme«; und führt immer im Evangelium das Reich Gottes an und sagt (Matth. 3, 2): »Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!«, weiter (Matth. 6, 33): »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit«, und nennet auch das Evangelium ein Evangelium des Reiches Gottes, deshalb, weil es das Reich Gottes lehrt, regiert und erhält.

Nun siehe, diese Menschen bedürfen keines weltlichen Schwerts noch Rechts. Und wenn alle Welt rechte Christen, das ist rechte Gläubige wären, so wäre kein Fürst, König, [250] Herr, Schwert noch Recht notwendig oder von Nutzen. Denn wozu sollts ihnen dienen? Dieweil sie den heiligen Geist im Herzen haben, der sie lehrt und macht, daß sie niemand Unrecht tun, jedermann lieben, von jedermann gerne und fröhlich Unrecht leiden, auch den Tod. Wo nichts als Unrechtleiden und nichts als Rechttun ist, da ist kein Zank, Hader, Gericht, Richter, Strafe, Recht noch Schwert nötig. Deshalb ists unmöglich, daß unter den Christen weltlich Schwert und Recht zu schaffen finden sollte, sintemal sie viel mehr von selbst tun, als alle Rechte und Lehre fordern könnten. Gleichwie Paulus 1. Tim. 1, 9 sagt: »Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben, sondern den Ungerechten.«

Warum das? Deshalb, weil der Gerechte von sich selbst aus alles und mehr tut, als alle Rechte fordern. Aber die Ungerechten tun nichts Rechtes, darum bedürfen sie des Rechts, das sie lehre, zwinge und dringe, recht zu tun. Ein guter Baum bedarf keiner Lehre noch Rechtsvorschriften, daß er gute Früchte trage, sondern seine Natur ergibts, daß er ohne alles Recht und Lehre trägt, wie seine Art ist. Denn der sollte mir ein gar närrischer Mensch sein, welcher einem Apfelbaum ein Buch voller Gesetze und Rechtsvorschriften mache, wie er Äpfel und nicht Dornen tragen sollte, da er das aus eigener Natur besser tut, als ers mit allen Büchern beschreiben und gebieten kann. Ebenso sind alle Christen durch den Geist und Glauben von Natur aus in allen Dingen so geartet, daß sie gut und recht tun, mehr als man sie mit allen Gesetzen lehren kann, und bedürfen für sich selbst keines Gesetzes noch Rechts.

So sagst du denn: Warum hat denn Gott allen Menschen so viele Gesetze gegeben und lehrt Christus im Evangelium auch viel zu tun? Davon hab ich in der Postille und anderswo viel geschrieben. Jetzt aufs kürzeste: 1. Tim. 1, 9 sagt Paulus, das Gesetz sei um der Ungerechten willen gegeben, das ist, daß diejenigen, die nicht Christen sind, durchs Gesetz äußerlich von bösen Taten abgehalten werden, wie wir hernach hören werden. Nun aber kein Mensch von Natur Christ oder fromm ist, sondern sie allzumal Sünder und böse sind, wehret ihnen Gott allen durchs Gesetz, daß sie ihre Bosheit nicht äußerlich mit Werken nach ihrem Mutwillen zu üben wagen. Dazu gibt Paulus dem Gesetz noch ein Amt (Röm. 7, 7 und Gal. 3, 24), daß es die Sünden erkennen lehrt, damit es den Menschen zur Gnade und zum Glauben Christi demütigt. Ebenso tut Christus auch hier Matth. 5, 39, da er lehrt, man solle dem Übel nicht widerstehen, womit er das Gesetz erklärt und lehrt, wie ein rechter Christ beschaffen sein solle und müsse, wie wir weiter hören werden.

[251] Aufs vierte: Zum Reich der Welt oder unter das Gesetz gehören alle, die nicht Christen sind. Denn sintemal wenige glauben und der kleinere Teil sich nach christlicher Art hält, daß er dem Übel nicht widerstrebe, ja daß er nicht selbst Übel tue, hat Gott denselben außer dem christlichen Stand und Gottes Reich ein anderes Regiment verschafft und sie unter das Schwert geworfen, so daß sie, wenn sie gleich gerne wollten, ihre Bosheit doch nicht tun können, und wenn sie es tun, daß sie es doch nicht ohne Furcht, noch mit Friede und Glück tun können. (Das geschieht) ebenso wie man ein wildes, böses Tier mit Ketten und Banden fesselt, daß es nicht nach seiner Art beißen noch reißen kann, obwohl es gerne wollte, während ein zahmes, kirres Tier dessen doch nicht bedarf, sondern ohne Ketten und Bande dennoch unschädlich ist.

Denn wo das nicht wäre, sintemal alle Welt böse und unter Tausenden kaum ein rechter Christ ist, würde eines das andere fressen, daß niemand Weib und Kind aufziehen, sich nähren und Gott dienen könnte, wodurch die Welt wüste würde. Deshalb hat Gott die zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches durch den heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, daß sie gegen ihren Willen äußerlich Friede halten und still sein müssen. So deutet Paulus das weltliche Schwert Rom, 13, 3 und sagt, es sei nicht für die guten, sondern für die bösen Werke zu fürchten. Und Petrus sagt (1. Petr. 2, 14), es sei zur Strafe für die Übeltäter gegeben.

Wenn nun jemand die Welt nach dem Evangelium regieren und alles weltliche Recht und Schwert aufheben und vorgeben wollte, sie wären alle getauft und Christen, unter welchen das Evangelium kein Recht noch Schwert haben will, (bei denen es) auch nicht nötig ist: Lieber, rate, was würde der machen? Er würde den wilden, bösen Tieren die Bande und Ketten auflösen, daß sie jedermann zerrissen und zerbissen, und daneben vorgäben, es waren feine, zahme, kirre Tierlein. Ich würde es aber an meinen Wunden wohl fühlen (was sie in Wirklichkeit sind). So würden die Bösen unter dem christlichen Namen die evangelische Freiheit mißbrauchen, ihre Büberei treiben und sagen, sie seien Christen und keinem Gesetz noch Schwert unterworfen, wie jetzt schon etliche toben und närrisch behaupten.

Diesen muß man sagen; ja freilich ists wahr, daß Christen um ihrer selbst willen keinem Recht noch Schwert Untertan sind, noch seiner bedürfen; aber siehe zu und mach die Welt zuvor voll rechter Christen, ehe du sie christlich und evangelisch regierst. Das wirst du aber nimmermehr tun, denn die Welt und die Menge sind und bleiben Unchristen, ob sie gleich alle getauft (sind) und Christen heißen. Aber [252] die Christen wohnen, wie man sagt, fern voneinander. Deshalb ists in der Welt nicht möglich, daß ein christliches Regiment sich über alle Welt erstrecke, ja, nicht einmal über ein Land oder eine große Menge. Denn der Bösen sind immer viel mehr als der Frommen. Ein ganzes Land oder die Welt mit dem Evangelium zu regieren sich unterfangen, das ist deshalb ebenso, als wenn ein Hirt in einen Stall Wölfe, Löwen, Adler, Schafe zusammentäte und ein jegliches frei neben dem andern laufen ließe und sagte: Da weidet und seid rechtschaffen und friedlich untereinander, der Stall steht offen, Weide habt ihr genug, Hunde und Keulen braucht ihr nicht zu fürchten. Hier würden die Schafe wohl Frieden halten und sich friedlich so weiden und regieren lassen, aber sie würden nicht lange leben, noch würde ein Tier vor dem andern bleiben.

 

Deshalb muß man diese beiden Regimente mit Fleiß voneinander scheiden und beides bleiben lassen: eines, das fromm macht, das andere, das äußerlich Frieden schaffe und bösen Werken wehret. Keines ist ohne das andere genug in der Welt. Denn ohne Christi geistliches Regiment kann niemand vor Gott fromm werden durchs weltliche Regiment. Ebenso erstreckt sich Christi Regiment nicht über alle Menschen, sondern allezeit sind der Christen am wenigsten, und sind sie mitten unter den Unchristen. Wo nun weltlich Regiment oder Gesetz allem regiert, da muß eitel Heuchelei sein, wenns auch gleich Gottes Gebote selbst wären, Denn ohne den heiligen Geist im Herzen wird niemand recht fromm, er tue so feine Werke wie er kann. Wo aber das geistliche Regiment allein über Land und Leute regiert, da wird der Bosheit der Zaum los und aller Büberei Raum gegeben, denn die ganze Welt kanns nicht annehmen noch verstehen.

Da siehst du, worauf Christi Worte gerichtet sind, die wir oben aus Matth. 5, 39 berichtet haben, daß die Christen nicht streiten, noch das weltliche Schwert unter sich haben sollen. Eigentlich sagt ers nur seinen lieben Christen. Die nehmens allein auch an und tun auch danach, sind im Herzen durch den Geist so beschaffen, daß sie niemand übel tun und von jedermann willig Übel leiden. Wenn nun alle Welt Christen wären, so gingen diese Worte alle Menschen an und täten sie danach. Nun sie aber Unchristen sind, gehen sie die Worte nichts an, und sie tun auch nicht so, sondern gehören unter das andere Regiment, da man die Unchristen äußerlich zum Frieden und zum Guten zwingt und nötigt.

Deshalb hat auch Christus kein Schwert geführt, hat auch in seinem Reich keines eingesetzt. Denn er ist ein König über Christen und regiert ohne Gesetz allein durch seinen heiligen Geist. Und obwohl er das Schwert bestätigt, hat ers doch nicht gebraucht. Denn es dient nicht zu seinem Reich, wo nichts als Fromme drinnen sind. Deshalb durfte David vorzeiten nicht den Tempel bauen, weil er viel Blut [253] vergossen und das Schwert geführt hatte. Nicht daß er Unrecht daran getan hätte, sondern weil er nicht Christi Abbild sein konnte, der ohne Schwert ein friedsam Reich haben sollte. Sondern Salomo mußte es tun, das heißt auf deutsch »Friedreich« oder »Friedsam«, der ein friedsames Reich hatte, damit das rechte friedsame Reich Christi, des rechten Friedreich und Salomo damit im voraus angezeigt werden könnte. Ferner: »am ganzen Bau des Tempels hörte man nie ein eisernes Werkzeug«, sagt der Text (1. Kön. 6, 7), alles deshalb, weil Christus ohne Zwang und Nötigung, ohne Gesetz und Schwert, ein freiwilliges Volk haben sollte.

Das meinen die Propheten Ps. 110, 3: »Dein Volk wird dir willig folgen« und Jes. 11, 9: »Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge« und Jes. 2, 4: »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen« usw. Wer diese und dergleichen Sprüche überall da anwenden wollte, wo (in der Welt) Christi Name genannt wird, der würde die Schrift ganz verkehren; sondern sie sind allein von den rechten Christen gesagt, die tun untereinander bestimmt so.

Aufs fünfte. Hier wendest du ein: Wenn denn die Christen weder des weltlichen Schwertes noch Rechts bedürfen, warum sagt denn Paulus Röm. 13, 1 zu allen Christen: »Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat?« und 1. Petr. 2, 13: »Seid Untertan aller menschlichen Ordnung« usw., wie oben erzählt ist? Antwort: Jetzt hab ichs gesagt, daß die Christen untereinander und bei sich und für sich selbst keines Rechts noch Schwerts bedürfen; denn es ist ihnen nicht nötig noch von Nutzen, Aber weil ein rechter Christ auf Erden nicht sich selbst, sondern seinem Nächsten lebt und dient, so tut er der Art seines Geistes entsprechend auch das, dessen er nicht bedarf, sondern was seinem Nächsten von Nutzen und nötig ist. Nun das Schwert aber aller Welt ein großer nötiger Nutzen ist, daß Friede erhalten, Sünde gestraft und den Bösen gewehrt werde, so ergibt er sich aufs allerwilligste unter des Schwertes Regiment, zahlt Steuern, ehrt die Obrigkeit, dient, hilft und tut alles, was er kann, das der Gewalt förderlich ist, auf daß sie im Schwang und in Ehren und Furcht erhalten werde; obwohl er nichts davon für sich bedarf, noch es ihm nötig ist. Denn er sieht danach, was andern von Nutzen und gut ist, wie Paulus Eph. 5, 21 ff. lehrt.

Ebenso tut er auch alle andern Werke der Liebe, deren er nicht bedarf. Denn er besucht die Kranken nicht deshalb, damit er selbst davon gesund werde. Er speist niemand, weil er selbst der Speise bedürfe. Ebenso dient er auch der [254] Obrigkeit nicht, weil er ihrer bedürfe, sondern die andern, daß sie beschützt und die Bösen nicht ärger werden. Denn es geht ihm nichts daran ab, und solcher Dienst schadet ihm nichts und bringt doch der Welt großen Nutzen. Und wo ers nicht täte, so handelte er nicht als ein Christ, dazu gegen die Liebe, gäbe auch den anderen ein böses Beispiel, die auch ebenso keine Obrigkeit leiden wollten, obgleich sie Unchristen wären. Damit entstände dann dem Evangelium eine Lästerung, als lehrte es Aufruhr und machte eigensinnige Leute, die niemand von Nutzen noch zu Dienst sein wollten, während es doch einen Christen zu jedermanns Knecht macht. So gab Christus Matth. 17, 27 den Zinsgroschen, auf daß er sie nicht ärgerte, obwohl er dessen doch nicht bedurfte.

Ebenso siehst du auch in den Worten Christi, oben aus Matth. 5, 39 angeführt, daß er wohl lehrt, wie die Christen untereinander kein weltlich Schwert noch Recht haben sollen. Er verbietet aber nicht, daß man denen dienen und Untertan sein solle, die weltliches Schwert und Recht haben. Sondern weil du seiner nicht bedarfst noch es haben sollst, sollst du vielmehr denen dienen, die nicht so hoch gekommen sind wie du und desselben noch bedürfen. Wenn du auch dessen nicht bedarfst, daß man deinen Feind strafe, so bedarfs aber dem kranker Nächster. Dem sollst du helfen, daß er Frieden habe und seinem Feind gesteuert werde; welches aber nicht geschehen kann, die Gewalt und Obrigkeit werden denn in Ehren und Furcht erhalten. Christus sagt nicht so: Du sollst der Gewalt nicht dienen noch Untertan sein, sondern: »Du sollst dem Übel nicht widerstreben«; als wollte er sagen: Halte du dich so, daß du alles leidest, damit du der Gewalt nicht bedürfest, daß sie dir helfe und diene, von Nutzen oder nötig sei, sondern umgekehrt, daß du ihr helfest, dienest, von Nutzen und nötig seiest. Ich will dich höher haben und viel zu edel, als daß du ihrer bedürfest; sondern sie soll deiner bedürfen,

Aufs sechste: Nun fragst du, ob denn auch ein Christ das weltliche Schwert führen und die Bösen strafen dürfe, weil Christi Worte so streng und unzweideutig lauten: »du sollst dem Übel nicht widerstreben«, daß die katholischen Theologen einen »Rat« daraus haben machen müssen. Antwort: Du hast jetzt zwei Stücke gehört. Eins, daß unter den Christen das Schwert nicht sein kann; darum kannst du es über und unter den Christen nicht führen, die seiner nicht bedürfen. Darum müßtest du die Frage aufwerfen in bezug auf den andern Haufen derer, die nicht Christen sind, ob du es daselbst christlich gebrauchen könntest. Da ist das andere Stück, daß du dem Schwert zu dienen schuldig bist und es fördern sollst, womit du kannst, es sei mit Leib, Gut, Ehre und Seele. Denn es ist ein Werk, dessen du (zwar) nicht bedarfst, das aber aller Welt und deinem Nächsten [255] ganz von Nutzen und nötig ist. Du solltest, wenn du sähest, daß es am Henker, Büttel, Richter, Herrn oder Fürsten mangelte, und du dich geschickt dazu fändest, dich dazu erbieten und dich darum bewerben, auf daß ja die notwendige Gewalt nicht verachtet und matt würde oder unterginge. Denn die Welt kann und vermag ihrer nicht entraten.

Ursache: in diesem Falle gingest du ganz in fremdem Dienst und Werken einher, die nicht dir noch deinem Gut oder Ehre, sondern nur dem Nächsten und andern nützen, und tätests nicht in der Absicht, daß du dich rächen oder Böses für Böses geben wolltest, sondern deinem Nächsten zugut und zur Erhaltung des Schutzes und Friedens der andern. Denn für dich selbst bleibst du an dem Evangelium und hältst dich nach Christi Wort, daß du gern den andern Backenstreich littest, den Mantel zum Rock fahren ließest, wenn es dich und deine Sache beträfe. So fügt sichs denn beides fein zueinander, daß du zugleich Gottes Reich und der Welt Reich genug tust, äußerlich und innerlich, zugleich Übel und Unrecht leidest und doch Übel und Unrecht strafest, zugleich dem Übel nicht widerstehst und doch widerstehst. Denn mit dem einen siehst du auf dich und auf das Deine, mit dem andern auf den Nächsten und auf das Seine. In bezug auf dich und das Deine hältst du dich nach dem Evangelium und leidest Unrecht als ein rechter Christ; in bezug auf den andern und das Seine hältst du dich nach der Liebe und leidest kein Unrecht gegen deinen Nächsten: welches (alles) das Evangelium nicht verbietet, ja vielmehr an anderer Stelle gebietet.

Auf diese Weise haben alle Heiligen das Schwert von Anfang der Welt an geführt: Adam mit seinen Nachkommen. So führte es Abraham, als er Lot, seines Bruders Sohn, errettete und die vier Könige schlug (1. Mose 14, 14 f.), obwohl er doch ganz und gar ein evangelischer Mann war. So schlug Samuel, der heilige Prophet, den König Agag (1. Sam. 15,33) und Elia die Propheten Baals (1. Kön. 18, 40). So haben das Schwert geführt Mose, Josua, die Kinder Israel, Simson, David und alle Könige und Fürsten im Alten Testament, ebenso Daniel und seine Gesellen Hananja, Asarja und Mischaël zu Babylon, ebenso Joseph in Ägypten und so fortan.

Wenn aber jemand einwenden wollte, das Alte Testament sei aufgehoben und gelte nicht mehr, darum könne man den Christen solche Beispiele nicht vorführen, da antworte ich: das ist nicht so. Denn Paulus sagt 1. Kor. 10, 3 f.: »Sie haben alle einerlei geistliche Speise gegessen und haben alle einerlei geistlichen Trank getrunken; sie tranken aber von dem geistlichen Fels, der mitfolgte, welcher war Christus«; das heißt: sie haben ebendenselben Geist und Glauben an Christus gehabt, den wir haben, und sind ebensowohl Christen gewesen wie wir. Darum, worin sie recht getan haben, darin tun alle Christen recht, von Anfang der Welt [256] bis ans Ende. Denn Zeit und äußerlicher Wandel macht unter den Christen keinen Unterschied. Auch ists nicht wahr, daß das Alte Testament so aufgehoben sei, daß man es nicht halten müsse oder Unrecht täte, wer es allzumal hielte (wie Hieronymus und viele mehr geirrt haben), sondern es ist so aufgehoben, daß frei ist, es zu halten oder zu lassen und nicht mehr notwendig, es bei Verlust der Seligkeit zu halten, wie es dazumal war.

Denn Paulus sagt 1. Kor. 7, 19; Gal. 6, 15, daß weder Vorhaut noch Beschneidung etwas sei, sondern eine neue Kreatur in Christus; das heißt: es ist nicht Sünde, Vorhaut zu haben, wie die Juden meinten, aber es ist auch nicht Sünde, sich zu beschneiden, wie die Heiden meinten. Sondern beides ist freigestellt und gut: dem der es so tut, daß er nicht meine, dadurch fromm oder selig zu werden. So verhält sichs auch mit allen andern Stücken des Alten Testaments: daß es nicht Unrecht sei, wer es läßt, noch Unrecht, wer es tut, sondern alles ist freigestellt und gut, es zu tun und zu lassen. Ja, wo es dem Nächsten zur Seligkeit von Nutzen oder nötig wäre, so müßten sie alle gehalten werden. Denn jedermann ist schuldig zu tun, was seinem Nächsten von Nutzen und nötig ist, es sei Altes oder Neues Testament, es sei ein jüdisch oder heidnisch Ding, wie Paulus 1. Kor. 12, 13 lehrt. Denn die Liebe geht durch alles und über alles und sieht nur dahin, was andern von Nutzen und nötig ist, fragt nicht danach, obs alt oder neu ist. So sind die (oben angeführten) Beispiele des Schwert(gebrauches) auch freigestellt, so daß du ihnen folgen kannst oder nicht; außer wo du siehst, daß dein Nächster dessen bedarf, da dringt dich die Liebe, das notwendig zu tun, was dir sonst freigestellt und nicht not ist zu tun oder zu lassen. Nur daß du dadurch nicht fromm oder selig zu werden gedenkest, wie die Juden es sich durch ihre Werke vermaßen, sondern solches dem Glauben überlassest, der dich ohne Werke zur neuen Kreatur macht.

Und damit wirs auch aus dem Neuen Testament beweisen, steht hier fest Johannes der Täufer, Luk. 3, 14, der ohne Zweifel Christus bezeugen, zeigen und von ihm lehren mußte. Das heißt, seine Lehre mußte rein neutestamentlich und evangelisch sein, der Christus ein rechtes vollkommenes Volk zuführen sollte. Dieser bestätigt das Amt der Kriegsleute und sagt, sie sollten sich an ihrem Solde genügen lassen. Wo es nun unchristlich gewesen wäre, das Schwert zu führen, sollte er sie deswegen tadeln, beides, Sold und Schwert heißen fahren lassen, oder er hätte sie nicht recht den christlichen Stand gelehrt. Ebenso auch Petrus, da er dem Kornelius Apg. 10, 34 ff. von Christus predigte, hieß er ihn nicht, sein Amt fahren zu lassen, was er doch getan haben sollte, wo es dem Kornelius an seinem Christenstand [257] hinderlich gewesen wäre. Dazu kommt der heilige Geist auf ihn, bevor er getauft wurde, auch lobt ihn Lukas als einen frommen Mann (noch) vor des Petrus Predigt (an ihn) und tadelt doch nicht an ihm, daß er der Kriegsleute und des heidnischen Kaisers Hauptmann war (Apg. 10, 2. 22). Was nun der heilige Geist an Kornelius hat bleiben lassen und nicht getadelt hat, das ist billig, daß auch wirs nicht tadeln, sondern bleiben lassen.

Desgleichen gibt auch der Kämmerer Apg. 8, 27 ff. ein Beispiel, den Philippus der Evangelist bekehrte und taufte und in seinem Amte bleiben und wieder heimziehen ließ, der doch der Königin im Mohrenland ohne Schwert(gewalt) nicht hat so ein gewaltiger Amtmann sein können. Ebenso ist es auch mit dem Landvogt auf Cypern, Sergius Paulus, gewesen, Apg. 13, 7 ff., welchen Paulus bekehrte und doch Landvogt unter und über Heiden bleiben ließ. Ebenso haben viele heilige Märtyrer getan, die, den römischen heidnischen Kaisern gehorsam, unter ihnen in den Streit zogen und ohne Zweifel auch Menschen umbrachten, um den Frieden zu erhalten; wie man von Mauritius, Achatius, Gereon und von vielen andern unter dem Kaiser Julian schreibt.

Darüber hinaus liegt da der eindeutige starke Text des Paulus Röm. 13, 1 ff., wo er sagt: »Die Obrigkeit ist von Gott verordnet«, weiter; »Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes Dienerin, dir zugut, eine Rächerin über den, der Böses tut«. Mein Lieber, sei du nicht so frevelhaft, daß du sagen wolltest, ein Christ könne das nicht führen, was Gottes eigentliches Werk, Ordnung und Schöpfung ist. Sonst müßtest du auch sagen, ein Christ dürfte nicht essen noch trinken noch ehelich werden, denn das sind auch Gottes Werke und Ordnungen. Ists aber Gottes Werk und Schöpfung, so ists gut und so gut, daß jedermann es christlich und selig gebrauchen kann, wie Paulus 1. Tim. 4, 4 sagt: Alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts ist den Gläubigen zu verwerfen und denen, die die Wahrheit erkennen. Unter »allen« Kreaturen Gottes mußt du nicht allein Essen und Trinken, Kleider und Schuh, sondern auch Gewalt und Untertänigkeit, Schutz und Strafe sein lassen.

Und Summa Summarum, weil Paulus hier sagt, die Gewalt sei Gottes Dienerin, muß man sie nicht allein den Heiden überlassen, sondern sie muß für alle Menschen brauchbar sein. Was ist damit: »sie ist Gottes Dienerin« anders gesagt als so viel: Die Gewalt ist von Natur derart, daß man Gott damit dienen kann? Nun wäre es gar unchristlich geredet, daß es irgendeinen Gottesdienst gäbe, den ein Christenmensch nicht tun sollte oder müßte, wenn Gottesdienst niemand so ganz zu eigen ist wie den Christen. Und es wäre [258] auch wohl gut und notwendig, daß alle Fürsten rechte gute Christen wären, Denn das Schwert und die Gewalt als ein besonderer Gottesdienst gebührt den Christen vor allen andern auf Erden zu eigen. Darum sollst du das Schwert oder die Gewalt gleichwie den ehelichen Stand oder Ackerwerk oder sonst ein Handwerk schätzen, die Gott auch eingesetzt hat. Wie nun ein Mann Gott im ehelichen Stand dienen kann, beim Ackerwerk oder Handwerk, dem andern zu Nutzen, und dienen müßte, wenn es seinem Nächsten not wäre: so kann er auch in der Gewalt Gott dienen, und soll in ihr dienen, wo es des Nächsten Notdurft erfordert. Denn sie sind Gottes Diener und Handwerksleute, die das Böse strafen und das Gute schützen. Doch (ist zu beachten,) daß es auch freigestellt zu lassen sei, wo es nicht notwendig wäre, gleichwie Ehelichwerden und Ackerwerk treiben da freigestellt ist, wo es nicht notwendig ist.

Da sagst du: Warum habens denn Christus und die Apostel nicht geführt? Antwort: Sage mir, warum hat er nicht auch ein Weib genommen oder ist ein Schuster oder Schneider geworden? Sollte deshalb ein Stand oder Amt nicht gut sein, daß es Christus selbst nicht getrieben hätte, wo wollten alle Stände und Ämter bleiben, ausgenommen das Predigtamt, welches er allein getrieben hat? Christus hat sein Amt und Stand geführt; damit hat er keines andern Stand verworfen. Es stand ihm nicht zu, das Schwert zu führen. Denn er sollte nur das Amt führen, durch das sein Reich regiert wird und das eigentlich zu seinem Reich dient. Nun gehört zu seinem Reich nicht, daß er ehelich, Schuster, Schneider, Ackermann, Fürst, Henker oder Büttel sei, auch weder Schwert noch weltlich Recht, sondern nur Gottes Wort und Geist. Damit werden die Seinen inwendig regiert. Welches Amt er auch dazumal trieb und noch immer treibt, er gibt immer Geist und Gottes Wort. Und in dem Amt mußten ihm die Apostel nachfolgen und alle geistlichen Regierer. Denn sie haben an dem geistlichen Schwert, dem Wort Gottes, wohl so viel zu schaffen, wenn sie solches ihr Handwerk recht treiben, daß sie des weltlichen Schwertes wohl müßig gehen und es andern überlassen müssen, die nicht zu predigen haben; obwohl es ihrem Stand nicht zuwider ist, es zu brauchen, wie gesagt ist. Denn ein jeglicher muß seinen Beruf und Werk wahrnehmen.

Darum, wenn Christus auch nicht das Schwert geführt noch gelehrt hat, so ists doch genug, daß ers nicht verboten noch aufgehoben, sondern bestätigt hat; gleichwie es genug ist, daß er den ehelichen Stand nicht aufgehoben, sondern bestätigt hat, obwohl er kein Weib genommen, noch etwas davon gelehrt hat. Denn er mußte sich vor allen Dingen in solchem Stand und Werk tätig erweisen, die eigentlich nur allein zu seinem Reich dienten, auf daß nicht eine Ursache und notwendiges Vorbild daraus genommen würde zu lehren und zu glauben, als könnte Gottes Reich nicht ohne Ehe und Schwert und dergleichen äußerliche Dinge [259] bestehen (denn Christi Vorbild zwingt zur Nachfolge), obwohl es doch nur durch Gottes Wort und Geist besteht, welches Christi eigentliches Amt gewesen ist und als des obersten Königs in diesem Reich sein muß. Da nun aber nicht alle Christen dasselbe Amt haben (wiewohl sie es haben können), ists billig, daß sie sonst ein anderes äußerliches haben, womit auch Gott gedient werden kann.

Aus diesem allen ergibt sich nun, welches das rechte Verständnis der Worte Christi Matth. 5, 39 sei: »Ihr sollt dem Übel nicht widerstreben« usw. Nämlich das, daß ein Christ so beschaffen sein soll, daß er alles Übel und Unrecht leide, sich nicht selbst räche, sich auch nicht vor Gericht schütze, sondern daß er in allen Dingen der weltlichen Gewalt und des Rechts für sich selbst nicht bedürfe. Aber für andere kann und soll er Rache, Recht, Schutz und Hilfe suchen und dazu tun, was und womit er kann. Ebenso soll ihm auch die Gewalt, entweder von selbst oder auf Anregen anderer, ohne seine eigene Klage, Suchen und Anregen helfen und ihn schützen. Wo sie das nicht tut, soll er sich schinden und schänden lassen und keinem Übel widerstehen, wie Christi Worte lauten.

Und sei du gewiß, daß diese Lehre Christi nicht ein Rat für die Vollkommenen sei, wie unsere Sophisten lästern und lügen, sondern ein allgemein gültiges strenges Gebot für alle Christen, Auf daß du wissest, wie die unter christlichem Namen allzumal Heiden sind, die sich rächen oder vor Gericht um ihr Gut und Ehre rechten und zanken; da wird nichts andres draus, das sag ich dir. Und kehre dich nicht an die Menge und den allgemeinen Brauch. Denn es sind wenig Christen auf Erden, da zweifle du nicht dran; dazu ist Gottes Wort etwas andres als der allgemeine Brauch.

Denn hier siehst du, daß Christus nicht das Gesetz aufhebt, wenn er sagt: »Ihr habt gehört, daß da gesagt ist, Auge um Auge; ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel« usw. (Matth. 5, 38–39). Sondern er legt den Sinn des Gesetzes aus, wie es zu verstehen sei, als wollte er sagen: Ihr Juden meint, es sei vor Gott recht und gut getan, wenn ihr das Eure mit Recht wieder holt und verlaßt euch drauf, daß Mose gesagt hat: Auge um Auge usw. Ich sage euch aber, daß Mose solch Gesetz deshalb über die Bösen, die nicht zu Gottes Reich gehören, gegeben hat, damit sie sich nicht selbst rächen oder Ärgeres tun, sondern durch solch äußerliches Recht gezwungen werden, Böses zu unterlassen, so daß sie (wenigstens) doch mit einem äußerlichen Recht und Regiment unter die Gewalt gebunden werden. Ihr aber sollt euch so verhalten, daß ihr solchen Rechtes nicht bedürft noch es sucht. Denn obwohl die weltliche Obrigkeit solch Gesetz haben muß, danach sie die Ungläubigen [260] richte, und ihr selbst auch es gut gebrauchen könnt, um andere danach zu richten, so sollt ihrs doch für euch und in euren Sachen nicht suchen noch brauchen, denn ihr habt das Himmelreich. Deshalb sollt ihr das Erdreich (dem) lassen, der es euch nimmt.

Siehe, da siehst du, wie Christus seine Worte nicht dahin auslegt, daß er des Mose Gesetz aufhebe oder die weltliche Gewalt verbiete, sondern er zieht die Seinen aus ihm heraus, daß sie für sich selbst sie nicht brauchen, sondern sie den Ungläubigen überlassen sollen, welchen sie doch auch mit solchem ihrem Recht dienen können, weil da Unchristen sind und man niemand zum Christentum zwingen kann. Daß aber Christi Worte allein auf die Seinen gehen, wird daraus klar, daß er hernach sagt, sie sollen ihre Feinde lieben und vollkommen sein wie ihr himmlischer Vater. Wer aber seine Feinde Hebt und vollkommen ist, der läßt das Gesetz liegen und gebraucht es nicht, daß er Auge um Auge fordere. Er wehrt aber den Unchristen auch nicht, die ihre Feinde nicht lieben und es gebrauchen wollen; ja er hilft, daß solche Gesetze die Bösen fesseln, damit sie nichts Ärgeres tun.

So ist nun (meine ich) das Wort Christi mit den Sprüchen in Einklang gebracht, die das Schwert einsetzen. Und das ist das Ergebnis: das Schwert soll kein Christ für sich und seine Sache führen noch anrufen; sondern für einen andern kann und soll ers führen und anrufen, damit der Bosheit gesteuert und die Rechtschaffenheit geschützt werde. Gleichwie der Herr auch an derselben Stelle (Matth. 5, 34–37) sagt: Ein Christ soll nicht schwören, sondern sein Wort soll sein: »ja, ja, nein, nein«; das heißt: für sich selbst und aus eigenem Willen und Lust soll er nicht schwören. Wenn aber die Not, Nutzen und Seligkeit oder Gottes Ehre das fordert, soll er schwören. So braucht er denn einem andern zu Dienst den verbotenen Eid, gleichwie er einem andern zu Dienst das verbotene Schwert braucht. Gleichwie Christus und Paulus oft schwören, um ihre Lehre und Zeugnis den Menschen nützlich und glaubwürdig zu machen, wie man denn bei den Bündnissen und Verträgen usw. tut und tun kann, wovon Ps. 63, 12 redet: »Wer bei ihm schwört, der darf sich rühmen.«

Hier fragst du weiter, ob denn auch die Büttel, Henker, Juristen, Anwälte, und was zu deren Gehilfen gehört, Christen sein können und einen seligen Stand haben? Antwort; Wenn die Gewalt und das Schwert ein Gottesdienst ist, wie oben erwiesen ist, so muß auch das alles Gottesdienst sein, was der Gewalt nötig ist, um das Schwert zu führen. Es muß ja einer sein, der die Bösen fängt, verklagt, erwürgt [261] und umbringt, die Guten schützt, entschuldigt, verteidigt und errettet. Darum, wenn sie es in der Absicht tun, daß sie nicht sich selbst drinnen suchen, sondern nur das Recht und die Gewalt handhaben helfen, womit die Bösen bezwungen werden, ists für sie ohne Gefahr, und sie könnens brauchen, wie ein anderer ein anderes Handwerk, und sich davon ernähren. Denn, wie gesagt ist, Liebe zum Nächsten achtet nicht ihr Eigenes, sieht auch nicht, wie groß oder gering, sondern wie nützlich und notwendig die Werke dem Nächsten oder der Gemeinde seien.

Fragst du: Wie könnte ich denn nicht für mich selbst und für meine Sache das Schwert in der Absicht gebrauchen, daß ich damit nicht das Meine suchte, sondern daß das Übel gestraft würde? Antwort: Solch Wunder ist nicht unmöglich, aber gar selten und gefährlich. Wo der Geist so reich ist, da kanns wohl geschehen. Denn so lesen wir von Simson Richt. 15, 11, daß er sprach: »Wie sie mir getan haben, so hab ich ihnen wieder getan«, obwohl doch Sprüche 24, 29 dagegen sagt: »Sprich nicht: Wie einer mir tut, so will ich ihm auch tun und einem jeglichen sein Tun vergelten«, und 20, 22: »Sprich nicht: Ich will Böses vergelten«. Denn Simson war von Gott dazu erfordert, daß er die Philister plagen und die Kinder Israel erretten sollte. Wenn er nun auch Streit mit ihnen suchte, indem er seine eigene Sache als Vorwand benutzte, so tat ers doch nicht, sich selbst zu rächen oder das Seine zu suchen, sondern andern zu Dienst und zur Strafe der Philister. Aber dem Vorbild wird niemand folgen, er sei denn ein rechter Christ und voll (heiligen) Geistes. Wenn die Vernunft auch so tun will, wird sie zwar vorgeben, sie wolle nicht das Ihre suchen; aber es wird von Grund auf falsch sein, denn ohne Gnade ist das nicht möglich. Darum werde zuvor wie Simson, so kannst du auch tun wie Simson.

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