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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Das weiße Reh

 

I

Zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts lebte, zurückgezogen von allem höfischen Treiben, in einem kleinen Orte Aragoniens auf seiner Stammburg ein berühmter Ritter namens Don Dionys, der, nachdem er seinem König im Kampf gegen die Ungläubigen treu gedient hatte, nun von den Strapazen des Krieges ausruhte und den Freuden des edlen Weidwerks huldigte.

Es begab sich, daß dieser Ritter einmal in den Bergen seines Lehnsgutes in Begleitung seiner Tochter, deren seltene Schönheit und ungewöhnlich weiße Hautfarbe ihr den Namen »Weiße Lilie« eingetragen hatten, seiner Lieblingsbeschäftigung oblag. In der Verfolgung eines Stück Wildes begriffen, hatten sie nicht bemerkt, daß die Sonne höher und höher gestiegen war, so daß sie sich nun, um den heißen Mittagsstunden zu entgehen, in ein enges Tal flüchten mußten, das ein kleiner Bach durchfloß, munter von Stein zu Stein dahinplätschernd.

.

Don Dionys mochte wohl schon an die zwei Stunden an jenem lieblichen Orte weilen. Lang ausgestreckt im weichen Grase lag er im Schalten einiger Schwarzpappeln und plauderte behaglich mit seinen Jägern über die Ereignisse des Tages. Der eine erzählte gerade von mehr oder minder bedeutsamen Abenteuern, die er in seinem Weidmannsleben hatte bestehen müssen, als oben von dem steilsten Hang, trotz Windesrauschen und Blättergesäusel, das Läuten einer Schelle, wie sie die Leithammel tragen, vernehmbar wurde und näher und immer näher klang.

Wirklich begannen, bald nachdem man das Geläute zuerst gehört hatte, durch das Gewirr von Lavendelbüschen und Thymianstauden etwa hundert schneeweiße Schafe herabzuklettern und über den Bach ans andere Ufer zu springen. Hinter ihnen kam, die Kappe weit übers Gesicht gezogen, um sich vor den senkrecht fallenden Sonnenstrahlen zu schützen, und die Jacke an einem Stock über die Schulter tragend, der dazugehörige Hirte.

Als man seiner ansichtig wurde, sagte einer der Jäger zu Don Dionys:

»Da wir gerade von allerlei seltsamen Abenteuern reden – hier habt Ihr den Schäfer Stephan, der seit einiger Zeit ein noch viel größerer Trottel ist, als ihn der liebe Gott von Natur aus gemacht hat, – na, und das will was heißen! Der könnte Euch angenehm die Zeit vertreiben, wenn er von der Ursache seiner ewigen Ängste erzählte!«

»Was fehlt denn dem armen Teufel!« fragte Don Dionys neugierig.

»Gar nichts fehlt ihm!« versetzte der Jäger geringschätzig. »Die Sache ist die ... ohne daß er an einem Karfreitag geboren ist oder das Zeichen des Kreuzes trägt – aber auch ohne irgendwelche Beziehungen zu dem Teufel zu unterhalten (denn er benimmt sich ganz wie ein rechter Christenmensch!) ... und ohne selbst zu wissen wieso und woher, besitzt er die wunderbarste Gabe, die je ein Mensch besessen hat – ausgenommen vielleicht Salomon, der ja sogar die Vogelsprache verstanden haben soll!«

»Und worin besteht diese wunderbare Gabe?«

»Wie er behauptet,« fuhr der Jäger fort, »– und er beteuert es und beschwört es beim Heiligsten auf Erden – will er gesehen haben, wie die Hirsche, die hier in den Bergen herumlaufen, sich heimlich zugeplinkt hätten, ihn nicht in Ruhe zu lassen! Das Drolligste aber ist, daß er sie mehr als einmal dabei überrascht haben will, wie sie unter sich die Streiche verabredeten, die sie ihm spielen wollten, und daß er ihr schallendes Gelächter gehört zu haben glaubt, wenn ihnen einer von solchen Streichen gelungen war!«

Während der Jäger dies erzählte, hatte sich Konstanze, wie die schöne Tochter des Don Dionys hieß, der Gruppe der Jäger genähert. Und da sie ihre Neugier nicht verhehlte, Stephans merkwürdige Geschichte kennenzulernen, sprang einer auf und holte den Schäfer, der gerade seine Herde tränkte, herbei.

Stephan war ein kräftiger Bursche von achtzehn bis zwanzig Jahren, mit einem zwischen den Schultern sitzenden Kopf, kleinen blauen Augen und einem unsicheren, scheuen Blick, wie ihn die Albinos zu haben pflegen. Dazu war er stumpfnasig, hatte wulstige, immer halbgeöffnete Lippen, eine niedrige Stirn und eine ursprünglich weiße, von der Sonne verbrannte Hautfarbe. Sein strähniges Haar, das ihm in langen Locken über die Augen fiel und das Gesicht umrahmte, war brandrot, wie die Mähne eines Fuchshengstes.

Das waren so ungefähr Stephans äußere Kennzeichen. Was seine geistigen Eigenschaften betrifft, so darf man ohne Furcht, weder von ihm selbst noch von irgend jemand, der ihn kannte, widerlegt zu werden, behaupten, daß er bodenlos dumm war – wenn auch als echter Bauernjunge etwas argwöhnisch und schalkhaft.

Als er vor seinem Herrn stand, begrüßte ihn dieser, gütig lächelnd und ihn bei Namen nennend, um dem armen Burschen über seine Verwirrung und sichtbare Verlegenheit hinwegzuhelfen. Und als sich der Schäfer soweit gefaßt hatte, richtete Don Dionys von neuem an ihn das Wort und stellte, im ernstesten Ton von der Welt und ein außerordentlich tiefes Interesse an den Einzelheiten seiner Erlebnisse vorschützend, eine Reihe Fragen, auf die Stephan anfangs nur ausweichende Antworten gab, als ob er wünschte, keine genaueren Erklärungen zu geben.

Durch die Fragen seines Herrn und die Bitten Konstanzes jedoch, die am neugierigsten von allen zu sein und darauf zu brennen schien, daß der Schäfer seine erstaunlichen Abenteuer erzähle, in die Enge getrieben, entschloß er sich zu reden. Bevor er aber anfing, sah er sich mißtrauisch um, als ob er befürchte, noch von anderen als den Anwesenden gehört zu werden, kratzte sich drei oder viermal den Kopf, wie um seine Erinnerungen zu sammeln und sich die Worte zu überlegen, und begann darauf zu erzählen:

»Die Sache ist nämlich die, hoher Herr, oder der Umstand der, daß mit dem Teufel, wie mir ein Priester in Tarazona gesagt hat, den ich vor kurzem wegen meiner Zweifel um Rat fragte, durchaus nicht zu spaßen ist ... Vielmehr immer hübsch still sein, recht viel zum Heiligen Bartholomäus beten (der am besten weiß, wo der Satan kitzlig ist) und ihn ruhig seines Weges ziehen lassen! Denn der liebe Gott ist gerecht und wird von oben herab schon für alles sorgen.

Je, das ist nun mal meine Ansicht, und deshalb hab' ich mir vorgenommen, um keinen Preis in der Welt und zu keinem Menschen hierüber ein Wort verlauten zu lassen. Ich will es heute mal tun, um Eure Neugier zufriedenzustellen ... und – alles was recht ist! – für den Fall, daß der Teufel es mir hinterher krumm nehmen sollte und mich zur Strafe für meine Schwatzhaftigkeit wieder behelligt, trage ich in meinem Schafpelz ein gutes Evangelienbüchelchen eingenäht ... na, und mit dessen Hilfe, denke ich doch, wird mir auch, wie schon bei ähnlichen Gelegenheiten, mein Knüppel nicht ganz ohne Nutzen sein ...«

»Aber weiter, weiter!« rief Don Dionys ungeduldig über die Weitschweifigkeit des Schäfers, der, wenn er so fortfuhr, überhaupt nicht zu Ende zu kommen drohte. »Laß die Umwege und komme schnurstracks auf die eigentliche Geschichte zu sprechen!«

»Auf die komm' ich jetzt,« erwiderte Stephan bedächtig. Aber erst rief er laut und pfiff seine Schafe zuhauf, die er keine Minute aus den Augen ließ und die schon anfingen, sich über die Hänge zu zerstreuen. Darauf kratzte er sich abermals den Kopf und fuhr fort zu erzählen:

»Zum Teil infolge Eures ewigen Jagens, zum Teil infolge des wahllosen Abschießens durch die Wildschützen, die ja mit ihren Schlingen und mit ihrer Armbrust auf zwanzig Meilen in der Runde kein Wild am Leben lassen, war vor nicht langer Zeit der Wildbestand in diesen Bergen soweit gesunken, daß man auch nicht ein Stück mehr zu sehen bekam – und wenn man ein Auge aus dem Kopf darum gegeben hätte!

Ich sprach damals darüber im Dorf mit ein paar Knechten, die in Veraton auf dem Felde arbeiten und mit denen ich jeden Sonntag, wenn die Messe aus ist, eine Weile vor der Kirche zu sitzen pflege ... Und einer von ihnen sagte mir da:

›Aber wie kann das bloß angehen, Mensch, daß du auf kein einziges Stück Wild stößt! Wir nämlich können dir versichern, daß wir auch nicht ein einziges Mal aufs Feld kommen, ohne Spuren zu finden! Erst vor drei oder vier Tagen – um nicht noch weiter zurückzugreifen – hat ein Rudel, das nach den Spuren zu urteilen aus mehr denn zwanzig Tieren bestanden haben muß, dem Küster von der Heiligen Jungfrau zu Rosmarin einen Schlag Weizen abgemäht, wo es noch gar nicht an der Zeit war!‹

Und wohin führten die Spuren? fragte ich die Knechte, um zu sehen, ob ich nicht das Rudel aufspüren könnte. ›Ins Lavendeltal,‹ erwiderten sie.

Na, ich steckte den Bescheid denn auch in keinen zerrissenen Sack, und noch am selben Abend legte ich mich hier unter den Pappeln auf die Lauer. Und während der ganzen Nacht hörte ich, bald hier bald da, bald nah bald fern, die Hirsche schreien und sich einander was zurufen. Manchmal vernahm ich auch dicht hinter mir ein Rascheln im Laubwerk – aber so sehr ich meine Augen auch aufriß: ich muß gestehen, ich kriegte kein Stück Wild zu Gesicht!

Als ich dann bei Tagesanbruch die Schafe hier ans Bachufer trieb – etwa zwei Schleuderwurf weit aufwärts –, fand ich in einer Pappeldickung, in die selbst am Mittag kein Sonnenstrahl dringt, frische Rotwildspuren. Auch waren ein paar Zweige abgebrochen, das Wasser war noch trübe – und das Merkwürdigste von allem: zwischen den Spuren der Tiere entdeckte ich die Abdrücke von ganz kleinen menschlichen Füßen, die, ohne Übertreibung, nicht größer sein konnten als ... als die Hälfte meiner Hand ...«

Bei diesen Worten schaute der Bursche sich unwillkürlich um, wie wenn er etwas suchte, das er zum Vergleich heranziehen könnte. Dabei fiel sein Blick auf Konstanzes Füße, die, mit kostbaren Schuhen aus gelbem Saffian bekleidet, unter ihrem Gewand hervorsahen. Aber gleichzeitig mit Stephan blickten auch Don Dionys und ein paar seiner Jäger dorthin. Schnell versteckte das schöne Mädchen die Füße und rief im natürlichsten Ton der Welt:

»O nein! Ich habe leider nicht so niedliche Füße! Die finden sich bloß bei den Feen, von denen uns die fahrenden Sänger erzählen!«

»Damit ist die Geschichte aber keineswegs zu Ende,« fuhr der Schäfer nach Konstanzes Einwendung fort. »Ich legte mich nämlich abermals auf die Lauer – und zwar in einem andern Versteck, wo die Hirsche unbedingt vorüberkommen mußten, wenn sie ins Tal wollten ... Als ich da nun so saß, duselte ich gegen Mitternacht ein bißchen ein, jedoch nicht so tief, daß ich nicht im selben Augenblick die Augen aufgemacht hätte, wo ich neben mir ein Knacken im Unterholz zu hören vermeinte ...

Wie gesagt, ich öffnete die Augen. Ganz leise richtete ich mich auf und lauschte angestrengt auf das verworrene Gemurmel, das immer näherzukommen schien. Auch trug der Wind so etwas wie Schreien oder eigentümliches Singen zu mir herüber ... Gelächter und drei oder vier verschiedene Stimmen, die miteinander sprachen – und das mit einer Lebhaftigkeit und einem Geplapper, wie wenn Mädchen aus dem Dorf, scherzend und lachend und die Krüge auf dem Kopfe, in Scharen vom Brunnen heimkehren.

Wie ich aus der Nähe der Stimmen und dem Knacken der Zweige schloß, die unter den Tritten jenes redseligen Rudels zerbrachen, kamen die Tiere aus der Dickung und wandten sich nach einer kleinen Matte, die der Berg in der Nähe meines Verstecks bildete. Und da vernahm ich unmittelbar hinter mir – nicht weiter ab, als wir hier auseinander sind – eine neue Stimme, frisch und hell wie Glockenklang ... Und wollt ihr glauben, ihr Herren, was diese Stimme sagte? Also ich hörte – und das ist so sicher, wie daß ich einmal sterben muß! – sie klar und deutlich sagen:

›Kommt schnell, kommt schnell, ihr Schwestern, da sitzt ja der dumme Stephan!‹«

Nun konnten die Zuhörer, deren Augen schon lange schelmisch geleuchtet hauen, sich nicht länger des Lachens erwehren. Sie ließen ihrer guten Laune die Zügel schießen und brachen in schallendes Gelächter aus.

Die ersten, die zu lachen anfingen, und die letzten, die damit aufhörten, waren Don Dionys (der sich trotz seiner angenommenen Ernsthaftigkeit ungewollt an der allgemeinen Heiterkeit beteiligen mußte) und seine Tochter Konstanze, die immer wieder, so oft sie Stephan so verdutzt und verlegen dastehen sah, wie toll zu lachen begann, bis ihr die Tränen aus den Augen rannen.

Obwohl nun der Schäfer der Wirkung seiner Erzählung durchaus keinen wert beimaß, schien er aufs höchste bestürzt und erregt. Und während die Herren nach Herzenslust über seine Einfalt lachten, sah er sich mit offenbaren Anzeichen von Furcht nach allen Seiten um, als ob er durch das Gewirr der Stämme irgendwas zu erspähen trachtete.

»Was ist denn, Stephan! Was hast du denn!« fragte ihn einer der Jäger, als er bemerkte, wie der arme Bursche immer unruhiger wurde und bald entsetzt auf die immer noch lachende Tochter seines Herrn starrte, bald sich in fassungslosem Erstaunen umschaute.

»Ich weiß nicht ... aber es ist sehr sonderbar ...« brachte Stephan heraus. »Als ich nämlich die soeben wiedergegebenen Worte vernommen hatte, erhob ich mich eiligst, um die Person, die sie ausgesprochen hatte, zu entdecken ... Und da sprang aus demselben Gebüsch, in dem ich mich versteckt gehalten hatte, ein schneeweißes Reh hervor, setzte mit ein paar kühnen Sprüngen über Eichengestrüpp und Mastixsträucher – und weg war es! Und hinter ihm drein ein ganzes Rudel Rehe – Rehe von der gewöhnlichen Farbe! Und ebenso wie das weiße, das sie führte, fiepten diese nicht etwa beim Fliehen – nein, sie brachen in menschliches Gelächter aus! Und ich möchte darauf schwören, daß mir dies Lachen noch in diesem Augenblick in den Ohren klingt!«

»Ach was, Stephan!« rief Don Dionys belustigt. »Befolge du nur den Rat, den dir der Priester in Tarazona gab: sprich nicht von deiner Begegnung mit den lachlustigen Rehen, sonst mischt sich am Ende noch der Teufel ins Spiel, und du verlierst das letzte bißchen Verstand, das du noch hast. Mit einem Evangelienbüchlein bist du ja versorgt, und die Gebete des Heiligen Bartholomäus kennst du auch. Also geh du nur wieder zu deinen Schafen; sie fangen schon an talabwärts zu laufen. Sollten die bösen Geister dich wieder belästigen, so weißt du ja das Gegenmittel: ein Vaterunser – und ein Schlag mit deinem Knüppel!«

Nachdem der Schäfer seiner Ledertasche ein halbes Weißbrot und ein Stück Wildschweinbraten, sowie seinem Magen einen gehörigen Schluck Wein einverleibt hatte, was ihm auf Geheiß seines Herrn von einem der Reitknechte verabfolgt worden war, nahm er von Don Dionys und seiner Tochter Abschied. Und kaum war er vier Schritte gegangen, als er auch schon anfing, die Schleuder zu schwingen und mit Steinwürfen die Schafe zusammenzutreiben.

Nun gewahrte auch Don Dionys, daß inzwischen die ärgste Hitze vorübergegangen war und ein kühles Nachmittagslüftchen durch die Blätter der Pappeln und über die Landschaft strich. Er gab daher seinem Gefolge den Befehl, die Pferde, die frei umherliefen und im Walde grasten, wieder zu satteln. Darauf hieß er die Meute loskoppeln und in die Hörner stoßen, und alsobald verließ die ganze Schar das Pappelgehölz und nahm die unterbrochene Jagd wieder auf.

 

II

Unter den Jägern des Don Dionys war einer namens Garzias, Sohn eines alten Dieners der Familie und deshalb seiner Herrschaft der liebste von allen.

Garzias stand mit Konstanze ungefähr im gleichen Alter, und schon von klein auf hatte er sich daran gewöhnt, ihr auch den geringsten ihrer Wünsche von den Augen abzulesen und eine jede ihrer Launen zu befriedigen.

In seinen Mußestunden war es ihm eine Freude, mit eigener Hand die spitzen Pfeile ihres elfenbeinernen Köchers zu schärfen. Er ritt die Füllen ein, die seine Herrin tragen sollten. Er richtete ihre Lieblingshunde für allerlei Jagdkünste ab, lernte ihre Falken an und kaufte ihnen auf den Märkten Kastiliens rote, goldverbrämte Hauben.

Infolge dieser ungewöhnlichen Dienstwilligkeit und der Vergünstigungen, die Garzias deswegen bei seiner Herrschaft genoß, hatte er sich bei den andern Jägern, den Knappen und dem niedern Burggesinde recht unbeliebt gemacht; nach Meinung der Neider enthüllten sich in all diesen Aufmerksamkeiten und Bemühungen, jeder Laune seiner Herrin zuvorzukommen, seine Speichelleckerei und sein kriecherisches Wesen. Die Gewitzteren indessen und die Boshaften glaubten in dem Eifer des dienstbeflissenen Jünglings gewisse Anzeichen für eine schlechtverhehlte Liebe zu erblicken.

Wenn es wirklich so war, so fand Garzias für seine heimliche Neigung hinreichend Entschuldigungsgründe in Konstanzes unvergleichlicher Schönheit. Er hätte ja auch eine Brust von Stein und ein Herz von Eis haben müssen, um einen Tag um den andern an der Seite dieses Weibes gefühllos zu bleiben – einer Frau, deren Schönheit und Anmut nicht ihresgleichen hatte!

Die »Weiße Lilie des Moncayo« wurde sie auf zwanzig Meilen in der Runde genannt. Und diesen Beinamen verdiente sie auch, denn sie war so zart, so weiß und so blond, als hätte sie Gott, wie die Lilien, aus Schnee und Gold geschaffen.

Trotzdem munkelte man unter den benachbarten Adelsfamilien, daß das schöne Burgfräulein von Veraton nicht so reinen Blutes sei, wie sie schön war, und daß sie trotz ihrer blonden Flechten und ihrer Alabasterhaut zur Mutter eine Zigeunerin gehabt habe.

Wieviel Wahres an diesem Gerede war, vermochte niemand zu sagen. Don Dionys hatte allerdings eine ziemlich abenteuerliche Jugend hinter sich. Nachdem er lange unter dem Könige von Aragonien gekämpft hatte, wofür er außer andern Gnadenbezeugungen den Moncayo als Lehen erhielt, war er nach Palästina gegangen. Hier führte er mehrere Jahre das Leben eines fahrenden Ritters ... und als er schließlich heimkehrte, um sich auf seine Burg in Veraton zurückzuziehen, brachte er eine kleine Tochter mit, die höchstwahrscheinlich in jenem fernen Lande geboren war.

Der einzige, der etwas über Konstanzes geheimnisvolle Herkunft hätte aussagen können, weil er Don Dionys auf seinen weiten Ritterfahrten begleitet hatte, war Garzias' Vater – aber der war schon vor geraumer Zeit gestorben, ohne selbst seinem Sohn ein einziges Wort hierüber mitgeteilt zu haben, obwohl ihn dieser oft genug inständig darum gebeten hatte.

Was dazu beitrug, das Geschwätz der Nachbarn zu nähren, war Konstanzes eigenartiges Wesen, das ebenso bald in schwermütige Versunkenheit wie in lärmende Heiterkeit umschlagen konnte, – waren der kühne Schwung ihrer Gedanken, ihre absonderlichen Launen, ihre fremdländischen Gewohnheiten, ja selbst die Eigentümlichkeit, daß sie rabenschwarze Augen und Brauen hatte, während ihr Gesicht weiß und ihr Haar goldblond war! Selbst Garzias, so treu ergeben er ihr auch war, hatte sich schließlich der Überzeugung nicht verschließen können, daß seine Herrin etwas Besonders vorstellte und sich von den übrigen Frauen wesentlich unterschied. –

Unter all den Jägern, die Stephans Erzählung mitangehört hatten, war Garzias wohl der einzige, der den Einzelheiten jenes unglaublichen Abenteuers mit wirklicher Neugier gelauscht hatte. Wenn er auch unwillkürlich hatte lächeln müssen, als der Schäfer die Worte des weißen Rehes wiederholte, begann er dennoch, sobald sie vom Rastplatz im Gehölz aufgebrochen waren, in seinem Hirn die närrischsten Gedanken zu wälzen.

»Es kann kein Zweifel sein, daß all das von den sprechenden Rehen eine bloße Einbildung Stephans, dieses völligen Idioten, ist,« sagte sich der junge Jäger, während er auf seinem kräftigen Fuchs Schritt für Schritt hinter dem Zelter Konstanzes ritt, die übrigens ebenfalls ein wenig zerstreut und nachdenklich zu sein schien und, ohne viel Anteil an der allgemeinen Fröhlichkeit zu nehmen, sich etwas abseits von der Jagdgesellschaft hielt.

»Wer aber darf sagen, daß an dem, was dieser Trottel erzählt, gar nichts Wahres sei?« überlegte der Jüngling weiter. »Viel seltsamere Dinge haben sich schon auf der Welt zugetragen, warum sollte es nicht ein weißes Reh geben, da ja auch – wenn man den Volkssagen Glauben schenken darf – Sankt Hubertus, der Schutzpatron der Jäger, ein solches besaß! ... Oh, wenn ich doch einmal ein weißes Reh lebendig fangen könnte, um es meiner Herrin zu bringen!«

Mit solchen Gedanken und Erwägungen vertrieb sich Garzias die Nachmittagsstunden. Und als die Sonne schon hinter die Kuppen der nahen Berge zu kriechen begann und Don Dionys seine Leute kehrtmachen und in die Burg zurückkehren hieß, trennte er sich unbemerkt von den übrigen und machte sich durch Dorn und Dickung auf die Suche nach dem Schäfer. –

Es war beinahe schon dunkle Nacht, als Don Dionys vor den Toren seiner Burg ankam; augenblicks ließ er sich ein einfaches Abendessen auftragen und setzte sich mit seiner Tochter zu Tisch.

»Wo bleibt denn Garzias?« fragte Konstanze, als sie gewahr wurde, daß ihr Leibjäger nicht zur Stelle war, um sie wie gewöhnlich beim Essen zu bedienen.

»Ja, wir wissen es auch nicht!« erwiderten die anderen Jäger. »Er war schon bald nach dem Aufbruch im Tal nicht mehr unter uns, und seitdem haben wir ihn noch nicht wieder gesehen.«

In diesem Augenblick kam Garzias ganz außer Atem und schweißbedeckt hereingestürzt, aber mit dem fröhlichsten und zufriedensten Gesicht von der Welt.

»Verzeiht, Herrin!« bat er Konstanze. »Verzeiht mir, daß ich für einen Augenblick meine Pflicht vernachlässigt habe! Aber dort, woher ich in rasendem Galopp komme, war ich nicht weniger als hier Euch zu dienen bemüht.«

»Mir zu dienen?« fragte Konstanze. »Ich verstehe nicht, was du meinst.«

»Doch, Herrin: Euch zu dienen!« beharrte der Jüngling. »Denn ich habe herausgebracht, daß das weiße Reh wirklich existiert. Außer Stephan versichern es noch andere Hirten und schwören, es mehr als einmal gesehen zu haben. Mit ihrer Hilfe und Gottes Beistand und unter dem Schutze meines Patrons Sankt Hubertus hoffe ich, daß ich es Euch binnen drei Tagen lebendig oder tot auf die Burg bringen werde!«

»Ach was!« rief Konstanze spöttisch, während alle Anwesenden in mehr oder weniger lautes Gelächter ausbrachen. »Laß das nächtliche Jagen und kümmere dich nicht um weiße Rehe! Bedenke, daß der Teufel es darauf angelegt hat, die Dummen zu versuchen, und, wenn du dich erkühnst, ihm auf die Hacken zu treten, wird er sich mit dir gerade so einen Spaß erlauben, wie mit dem armen Stephan!«

»Herrin,« brachte Garzias stockend hervor, indem er nach Möglichkeit seinen Zorn über das spöttische Lachen seiner Gefährten zu verbergen trachtete, »ich bin noch niemals mit dem Teufel zusammen gewesen ... weiß daher auch nicht, wie er sich benimmt ... aber ich schwöre es bei meiner Ehre, daß er sich alles andere eher mit mir erlauben wird als einen Spaß – denn dieses Vorrecht räume ich nur Euch ganz allein ein!«

Konstanze war sich der Wirkung wohl bewußt, die ihre Sticheleien auf den in sie verliebten Jüngling ausübten. Es verlangte sie aber danach, seine Geduld auf die äußerste Probe zu stellen.

»Und wenn nun in dem Augenblick, wo du auf das weiße Reh anlegst,« fragte Konstanze im selben spöttischen Ton, »es dich mit einem Lachen begrüßt, wie es Stephan vernommen hat? Oder wenn es dir geradeswegs ins Gesicht lacht, und wenn dir bei solch einem übernatürlichen Gelächter die Armbrust aus den Händen fällt? Und wenn es dann schneller als der Blitz davonhuscht, bevor du dich von dem Schreck erholen kannst?«

»Oh,« rief Garzias, »was dies betrifft, so dürft Ihr versichert sein: wenn ich das Tier erst einmal in Schußweite habe, so wird es mir nicht ohne einen Pfeil im Leibe entwischen – und sollte es mehr Grimassen schneiden als ein Possenreißer und mich nicht allein auf Spanisch anreden, sondern, wie der Abt von Munilla, auf Lateinisch!«

Jetzt mischte sich auch Don Dionys ins Gespräch, und mit einem verzweifelten Ernst, der die ganze Ironie seiner Worte durchblicken ließ, fing er an, dem ohnehin schon verärgerten Burschen – für den Fall, daß er unversehens mit dem in ein weißes Reh verwandelten Teufel zusammentreffen sollte – die originellsten Ratschläge von der Welt zu erteilen. Bei jedem neuen Einfall ihres Vaters richtete Konstanze ihren Blick auf den tiefbetrübten Garzias und brach immer wieder in tolles Gelächter aus, indes die andern Jäger die Spötterei noch durch verständnisvolle Blicke und offensichtliche Schadenfreude verstärkten.

Diese Hänseleien dauerten während der ganzen Mahlzeit an, wobei die Leichtgläubigkeit des jungen Jägers sozusagen das obligatorische Thema der allgemeinen Heiterkeit bildete. Nachdem abgedeckt worden war, Don Dionys und Konstanze sich in ihre Gemächer zurückgezogen und die übrigen Burginsassen sich zur Ruhe begeben hatten, blieb Garzias noch eine geraume Weile unentschlossen sitzen und überlegte, ob er trotz der Späße seiner Herrschaft fest auf seinem Vorsatz beharren oder den Plan gänzlich aufgeben solle.

»Zum Teufel!« rief er endlich, sich aus dem Zustand seiner Unschlüssigkeit herausreißend. »Schlimmeres, als was mir soeben widerfahren ist, kann mir nicht geschehen! ... Und wenn es nun doch wahr sein sollte, was uns Stephan erzählt hat – ei, wie will ich dann meinen Triumph auskosten!«

Damit nahm er seine Armbrust, machte über den Spitzen der Pfeile das Zeichen des Kreuzes, warf sich die Waffe über die Schulter und schlich sich durch eine Seitenpforte aus der Burg, um den Weg in die Berge zu nehmen.

Als Garzias in der Talschlucht ankam, wo er nach Stephans Angaben auf das Erscheinen der Rehe warten sollte, ging gerade der Mond hinter den nahen Kuppen auf.

Als guter, erfahrener Jäger schritt er, bevor er einen geeigneten Platz zum Auflauern des Wildes einnahm, erst eine geraume Weile die Umgebung ab, prüfte die Fußwege und Saumpfade, den Standort der Bäume, die Beschaffenheit des Bodens und die Krümmungen und die Tiefe des Baches. Nachdem er so alles ringsum auf das genaueste untersucht hatte, kauerte er sich in einer kleinen Senkung unter einigen hohen, dichtbelaubten Pappeln nieder – hinter einigen Mastixsträuchern, die hoch genug waren, um einen auf der Erde hockenden Menschen zu verbergen.

Der Bach, der weiter oben aus bemoosten Felsen hervorsprudelte, und, sich durch die Schluchten des Moncayo windend, aus beträchtlicher Höhe ins Tal herabfiel, umspülte die Weiden an seinem Ufer, plätscherte lustig dahin zwischen Fels und Geröll und ergoß sich unweit des Ortes, wo der Jäger versteckt war, in eine Art Kessel.

Um dieses Staubecken herum bildete Laubwerk eine dichte Wand. Dort standen Pappeln, deren silberne Blätter lieblich flüsterten; Weiden, die sich tief hinabbeugten und die Spitzen ihrer biegsamen Zweige im klaren Wasser badeten; Steineichen in dichten Gruppen, an deren Stämmen sich Geißblatt und blaue Marienglocken emporrankten. Das dichte Laubdach, das den Bach in Schatten hüllte, schwankte im Winde und ließ von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Mondstrahl durchdringen, der dann wie ein silberner Blitz auf den tiefen unbeweglichen Wassern verzitterte.

Versteckt im Gebüsch lauschte Garzias angestrengt auf das geringste Geräusch und wandte keinen Blick von der Stelle, wo seiner Berechnung nach die Rehe auftauchen mußten. Schon eine geraume Weile wartete er vergebens. Alles ringsumher war in tiefes Schweigen versunken.

Da die Nacht schon zur Hälfte verstrichen war, begann sich allmählich bei ihm die Müdigkeit einzustellen. Dazu das gleichmäßige Murmeln des Baches, der berauschende Duft der Waldblumen, das Säuseln des Windes, – dies alles lullte ihn in jene süße Schläfrigkeit, in der die ganze Natur befangen schien. Und so mußte denn der verliebte Bursche, der sich bis jetzt damit unterhalten hatte, sich die vielversprechendsten Zukunftsbilder auszumalen, wahrnehmen, wie sein Hirn immer langsamer zu arbeiten begann und seine Gedanken immer undeutlichere und verschwommenere Formen annahmen ...

Eine Weile noch wiegte er sich in diesem Dämmerzustand, der die Brücke vom Wachen zum Schlafen bildet; schließlich aber schloß er die Augen, ließ die Armbrust aus der Hand gleiten und fiel in einen tiefen Schlaf ...

*

Zwei oder drei Stunden mochten schon vergangen sein, daß der junge Jäger in aller Sorglosigkeit schnarchte und einen der schönsten Träume seines Lebens träumte, als er plötzlich erschreckt die Augen öffnete und sich halb aufrichtete, noch ganz benommen von jenem dumpfen Gefühl, das sich einstellt, wenn man plötzlich aus tiefem Schlummer erwacht.

Es war ihm, als vernähme er im Wehen des Windes und in den leisen Geräuschen der Nacht ein seltsames Durcheinander von feinen Stimmen, die süß und geheimnisvoll untereinander sprachen, lachten oder sangen, jede für sich und nach verschiedener Weise, so daß es dem wirren Gezwitscher der Vögel ähnelte, wenn sie beim ersten Sonnenstrahl im Gezweige der Bäume erwachen.

Aber nur einen Augenblick waren diese seltsamen Laute zu hören. Danach versank alles wieder in Schweigen.

»Wahrscheinlich hab' ich von dem dummen Zeug geträumt, das uns der Schäfer erzählt hat,« beruhigte sich Garzias und rieb sich behaglich die Augen, in der festen Überzeugung, daß alles, was er gehört zu haben glaubte, nichts anderes sei, als die flüchtige Spur des Traumes, die beim Erwachen in der Einbildung zurückbleibt – so wie im Ohr die letzte Kadenz einer Melodie, nachdem die letzte Note zitternd verklungen ist. Und von der unwiderstehlichen Schläfrigkeit beherrscht, die ihm in den Gliedern lag, wollte er gerade wieder den Kopf ins Gras legen, als er von neuem den fernen Hall jener geheimnisvollen Stimmen vernahm. Und nun hörte er, wie sie im Chor zum Rauschen des Windes, des Wassers und der Blätter sangen:

»Der Bogenschütze, der hoch oben auf dem Turme Wache hielt, hat sein müdes Haupt auf die Mauer gelegt.
Den Jäger in seinem Versteck, der das Wild zu überraschen gedachte, hat der Schlaf überrascht.
Der Hirt, der die Stunden der Nacht aus dem Stand der Gestirne abliest, schlummert nunmehr und wird schlummern bis Tagesanbruch.
Königin der Undinen, herbei und folge unseren Schritten!
Wiege dich auf den Zweigen der Weiden über dem Wasser!
Berausche auch du dich am Duft der im Schatten blühenden Veilchen!
Komm und genieße die Nacht, denn sie ist der Tag für die Geister!«

Solange die lieblichen Klänge dieser köstlichen Musik die Luft erfüllten, blieb Garzias unbeweglich sitzen. Dann, als sie verhallt war, bog er mit größter Vorsicht ein wenig die Zweige auseinander und sah nicht ohne Überraschung die Rehe im Rudel daherkommen. Mit unglaublicher Behendigkeit setzten sie hier über Buschwerk, blieben dort stehen, um zu lauschen, spielten miteinander, verbargen sich im Dickicht, tauchten wieder auf dem Fußpfad auf und kamen so den Hang herabgesprungen, mit der Richtung auf die Stelle, wo sich der Bach staute.

Den anderen Tieren voran sprang das weiße Reh. Es war behender und leichtfüßiger, lieblicher und lustiger anzusehen als alle zusammen; es hüpfte und rannte, stand und lief weiter, so leicht, als ob seine Füße den Boden gar nicht berührten, und seine seltene Farbe stach wie ein phantastisches Licht von dem dunklen Grunde der Bäume ab.

Obwohl der Jüngling sich geneigt fühlte, in dem, was er vor sich hatte, etwas Wunderbares und Übernatürliches zu erblicken, mußte er sich sagen, daß, abgesehen von der kurzen Betäubung, die einen Augenblick seine Sinne getrübt hatte, ihm Musik, Laute und Worte vorgaukelnd, weder an der Gestalt der Rehe, noch an ihren Bewegungen, noch an den kurzen Schreien, womit sie einander zu rufen schienen, etwas war, was einem an nächtliches Pürschen gewöhnten Jäger nicht schon hätte vertraut sein müssen.

Nachdem sich das erste Staunen gelegt hatte, war Garzias sogar davon überzeugt, daß es sich so verhielt. Innerlich über seine Furcht und Leichtgläubigkeit lachend, hatte er fortan nur noch im Auge, den genauen Standort der Rehe festzustellen, wobei er die Richtung berücksichtigte, die sie eingeschlagen hatten. Mit seiner Rechnung im klaren, nahm er seine Armbrust zwischen die Zähne, kroch wie eine Schlange durch das Mastixgesträuch und blieb etwa vierzig Schritt von der Stelle liegen, wo er sich bisher verborgen hatte. Und nachdem er es sich in seinem neuen Versteck bequem gemacht hatte, wartete er den geeigneten Zeitpunkt ab, um, sobald die Rehe am Wasser wären, einen sicheren Schuß zu tun.

Kaum drang dies eigenartige Geräusch von durchschrittenem und heftig aufgewühltem Wasser an sein Ohr, als sich Garzias auch leise, leise und unter größter Vorsicht erhob; indem er sich zuerst auf die Fingerspitzen und dann auf ein Knie stützte.

Schon stand er aufrecht. Noch einmal tastete er seine Waffe ab, ob alles in Ordnung sei, tat einen Schritt vorwärts, reckte den Hals über das Gesträuch, bis er den Stauteich übersehen konnte, und spannte die Armbrust.

Aber im selben Augenblick, als er die Armbrust spannte und nach der Beute Ausschau hielt, entrang sich seinen Lippen unwillkürlich ein leiser Schrei der Verwunderung ...

Der Mond war langsam höher und höher gestiegen und hing nun mitten am Himmel. Sein milder Schein ergoß sich über die Bäume, bestrahlte den bewegten Spiegel des Baches und ließ alle Dinge wie durch einen blauen Schleier sehen.

Die Rehe waren verschwunden!

An ihrer Stelle erblickte Garzias mit Verwunderung, ja fast mit Bangen eine Schar wunderschöner Mädchen! Tändelnd stiegen die einen ins Wasser, während andere gerade die letzten Hüllen abstreiften, die den Schatz ihrer schönen Glieder noch den lüsternen Blicken verbargen.

Was sich hier den überraschten Augen Garzias' darbot, war ein Bild, wie es ein zwanzigjähriger Jüngling selbst in den glühendsten Farben der Phantasie sich nicht hätte ausmalen können, – war schöner noch als all die lieblichen, wollüstigen Träume, die der leise unruhige Morgenschlummer beschert, diese himmlisch reinen Träume, die beglückend sind wie das Tageslicht, das dann durch die hellen Bettvorhänge schimmert ...

Als sich nun alle ihrer Kleider und tausend farbigen Schleier entledigt, sie an die Bäume gehangen, wo sie im Dunkel hell hervorstachen, oder achtlos auf den Rasenteppich geworfen hatten, begannen die Mädchen nach Herzenslust im Gehölz umherzutollen, stürzten sich in den Bach und kletterten wieder heraus, so daß das Wasser hoch aufspritzte und die Blumen am Ufer mit einem feinen Regen funkelnder Tautropfen übergoß.

Hier tauchte eins von ihnen, weiß wie ein Lämmchen, mit ihrem blonden Kopf zwischen den grünen, schwimmenden Blättern einer Wasserpflanze auf – wie eine halbgeschlossene Blüte an biegsamem Stengel, den man eher errät als unter den zahllosen leuchtenden Wasserkreisen erzittern sieht.

Dort schaukelte sich ein anderes Mädchen, dem das offene Haar über die Schultern fiel, an dem Zweig einer Weide, der über dem Bach hing, und die kleinen rosigen Füße rissen eine silberne Narbe in den glatten Wasserspiegel, so oft sie ihn berührten. Und während die einen am Ufer lagen, die blauen Augen halb geschlossen, sich am Duft der Blumen berauschend und leicht erschauernd unter dem frischen Nachtwind, wirbelten sich die andern in lustigem Reigen herum, launig die Hände ineinandergeschlungen, den Kopf mit entzückender Nachlässigkeit in den Nacken geworfen und im Tanzschritt mit den Füßen den Boden berührend.

Es war unmöglich, all ihren schnellen Bewegungen zu folgen, unmöglich, mit einem Blick die immer wechselnden Bilder zu umfassen! Die einen liefen durch das Gewirr der Bäume, spielend und mit frohem Lachen einander jagend. Die andern furchten das Wasser wie Schwäne, die Flut mit ihren starren Brüsten zerteilend, wieder andere tauchten hinab in die Tiefe, blieben eine Zeitlang unter Wasser, um dann mit einer jener seltenen Blumen wieder hochzukommen, die verborgen auf dem Grunde der tiefen Gewässer wachsen.

Mit staunendem Blick starrte der Jäger bald hierhin, bald dorthin, ohne an einem Punkte verweilen zu können. Schließlich fiel sein Auge auf eine Gruppe Mädchen, von denen immer eins schöner war als das andere. Von ihnen umringt, unter einem grünen Laubdach, das gleichsam als Thronhimmel diente, saß eins, dem die andern halfen, die feinen leichten Gewänder abzustreifen. Und in diesem Mädchen glaubte Garzias den Gegenstand seiner heimlichen Liebe zu erkennen – die Tochter seines edlen Herrn Don Dionys, die unvergleichlich schöne Konstanze!

Von einer Überraschung in die andere fallend, wagte der verliebte Jüngling nicht einmal seinen eigenen Augen Glauben zu schenken; er meinte, er stünde unter dem Einfluß eines sinnverwirrenden, trügerischen Traumes.

Vergebens aber suchte er sich davon zu überzeugen, daß alles, was er erblickte, nur das Erzeugnis seiner überreizten Einbildung wäre. Je länger und genauer er hinsah, desto mehr wurde er davon überzeugt, daß jenes Mädchen wirklich Konstanze sei!

Nein, er konnte nicht länger zweifeln! Das waren ihre schwarzen Augen, das ihre langen Wimpern, die sie beschatteten und doch kaum ausreichten, das Feuer ihrer Blicke abzuschwächen! Das war ihr reiches blondes Haar, das ihre Stirn umkränzte und ihr wie eine Flut über die rundlichen Schultern und weißen Brüste fiel! Das ihr lieblicher Hals, auf dem ihr zartes Köpfchen saß, leicht vornübergeneigt wie eine Blume, die sich unter der Last der Tautropfen beugt. Und das waren auch ihre üppigen Formen, von denen er so manches Mal geträumt hatte, – das ihre Hände, die wie ein Strauß Jasminblüten aussahen, – das ihre winzigen Füße, die nur mit zwei Stückchen Schnee vergleichbar sind, welche die Sonne nicht hat schmelzen können und die morgens weiß zwischen dem Grün hervorleuchten.

In dem Augenblick, als Konstanze aus dem Gebüsch trat und, des letzten Schleiers beraubt, ihrer Schönheit verborgene Schätze den Augen ihres Verehrers preisgab, begannen ihre Gespielinnen aufs neue zu einer wunderfeinen Melodie im Chor zu singen:

»Genien der Luft, des leuchtenden Äthers Bewohner: kommt herbei in silbernen Nebel gehüllt!
Unsichtbare Sylphen: entsteigt dem Kelch der halbgeöffneten Lilie und kommt in eurem Perlmuttergespann, von Schmetterlingen gezogen!
Quellgeister ihr: verlaßt euer moosiges Bett und fallet auf uns herab in rieselndem Perlenregen!
Smaragdene Käfer, leuchtende Glühwürmchen, schwarze Falter, kommt alle herbei!
Kommt alle, alle herbei, ihr Geister der Nacht! Kommt wie ein summender Schwarm goldfunkelnder Kerfen!
Kommt! schon leuchtet das große Gestirn, der Geheimnisse treuer Behüter, in der ganzen Fülle seiner Schönheit!
Kommt! denn die Stunde ist da für die wunderbare Verwandlung!
Kommt! denn die, die euch lieben, erwarten euch schon voller Sehnsucht!« ...

Garzias verharrte noch immer regungslos. Aber schon als er den geheimnisvollen Gesang hörte, fühlte er, wie sich ihm die Natter der Eifersucht ins Herz fraß. Und einem Triebe gehorchend, der stärker war als sein Wille – dem Verlangen, mit einem Schlage den ganzen Zauber zu zerstören, der seine Sinne benahm, bog er mit krampfhaft zitternder Hand das Gezweige auseinander, das ihn solange verborgen hatte, und mit einem einzigen Satz sprang er ans Ufer des Baches ...

Der Zauber war fort! Alles war fort, zerflossen wie Nebel und Dunst! Und wohin er auch blickte – nichts war zu sehen! Das einzige, was er vernahm, war das laute Getrappel der aufgescheuchten Rehe, die, beim schönsten ihrer nächtlichen Spiele überrascht, entsetzt vor ihm flüchteten – die einen hierhin, die andern dorthin, über die Büsche hinweg und in wilder Jagd den Hang hinauf ...

»Oh, ich wußte ja nur zu gut, daß alles Blendwerk des Teufels war!« rief der Jäger. »Aber zum Glück war er diesmal nicht flink genug und hat das beste Stück in meiner Hand gelassen!«

Und wirklich war es so! In der Absicht, durch das Gehölz zu entkommen, hatte sich das weiße Reh in das Gewirr der Zweige und Sträucher geworfen, war in einem Netz von Geißblattranken hängen geblieben und suchte nun vergebens sich freizumachen.

Schon legte Garzias an ... Da, im selben Augenblick, als er den Pfeil abschießen wollte, wandte sich das Reh nach dem Jäger um und rief ihm mit klarer heller Stimme zu:

»Garzias, was tust du?«

Der Jüngling schwankte, zauderte einen Augenblick und ließ, erschreckt bei dem bloßen Gedanken, seine geliebte Herrin beinahe getötet zu haben, die Armbrust auf den Boden fallen ...

Ein schallendes, helles Gelächter riß ihn aus seiner Betäubung. Das weiße Reh hatte jenen kurzen Augenblick benutzt, um sich loszumachen, und rannte nun schnell wie der Blitz davon, über den Streich lachend, den es dem Jäger gespielt hatte.

»Ah, du verdammte Teufelsbrut!« rief dieser mit fürchterlicher Stimme und hob die Armbrust mit unglaublicher Schnelligkeit auf. »Zu früh hast du gejubelt, zu früh hast du dich außer Schußweite geglaubt!« Und mit diesen Worten schoß er den Pfeil ab ...

Schwirrend flog dieser davon und verlor sich im Dunkel der Bäume. Aber im selben Augenblick gellte dorther ein Schrei, dem verhaltenes Stöhnen folgte.

»Mein Gott!« rief Garzias, als er das ängstliche Wimmern vernahm. »Mein Gott, wenn es wahr wäre!« Und außer sich, fast wahnsinnig vor Entsetzen und ohne sich recht über das Geschehene klar zu werden, stürzte er davon, der Richtung seines Pfeiles folgend.

Endlich kam er dort an – – da aber sträubte sich ihm vor Grauen das Haar, die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und er mußte sich an einen Baumstamm klammern, um nicht umzusinken. – –

Am Abhang zwischen dem spitzen Dornengestrüpp lag Konstanze in ihrem Blut und gab, von seiner Hand tödlich getroffen, vor seinen Augen ihren Geist auf.

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