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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Das Miserere

Vor einigen Monaten besuchte ich die berühmte Abtei in Fitero. Als ich dort in der verwahrlosten Bibliothek herumstöberte, entdeckte ich in einem Winkel zwei oder drei Hefte mit Noten, schon ziemlich alt und verstaubt und von Ratten zernagt.

Es war ein Miserere.

Ich verstehe zwar nichts von Musik, aber ich liebe sie so sehr, daß ich bisweilen eine Opernpartitur in die Hand nehme und geschlagene Stunden darin herumblättere. Ich betrachte die mehr oder weniger dicht gedrängten Notengruppen, die Striche, Bogen, Dreiecke und die anderen Zeichen, Schlüssel genannt, – und das alles, ohne einen Deut zu begreifen und auch nur den geringsten Nutzen daraus ziehen zu können!

Meiner Gewohnheit getreu sah ich auch diese Hefte durch. Und das erste, was mir auffiel, war: daß das Miserere, obgleich auf der letzten Seite das allgemein übliche Wort Finis stand, in Wirklichkeit nicht zu Ende geführt war. Denn die Komposition war nur bis zum zehnten Bibelvers gediehen.

Dies hat ohne Zweifel zuerst meine Aufmerksamkeit erregt. Doch als ich mir dann die Notenblätter ein wenig genauer ansah, erstaunte ich noch mehr. Ich bemerkte nämlich, daß anstatt der italienischen Wörter – wie maestoso, allegro, ritardando, più vivo, a piacere (die man doch überall gebraucht) – sich hier einige Zeilen befanden, die in ganz kleiner Schrift hingekritzelt und in Deutsch abgefaßt waren. Zum Teil schrieben sie schwer ausführbare Dinge vor, wie zum Beispiel: »Die Knochen krachen ... krachen, und es muß sich so anhören, als ob das Wehgeschrei aus ihrem Mark käme ...« Oder auch dies: »Die Geigen heulen im Gleichklang. Die Trompeten erschallen, ohne zu betäuben. Also klingen alle Instrumente zugleich, und doch ist jedes einzelne herauszuhören. Das Ganze soll die schluchzende, wimmernde Menschheit darstellen.« Oder das zweifellos Sonderbarste von allem, die Fußnote des letzten Verses: »Die Töne sind fleischbedeckte Knochen; Flammen, die niemals erlöschen: der Himmel und seine Harmonie ... Stärke! ... Stärke und Zartheit!«

Nachdem ich mir diese Zeilen, die mir aus der Feder eines Wahnsinnigen zu stammen schienen, halbwegs übersetzt hatte, wandte ich mich an das hutzelige Männchen, das mich führte.

»Wißt Ihr etwa, was das ist!« fragte ich ihn.

Und da erzählte mir der Alte die folgende Geschichte.

 

I

Vor vielen Jahren kam einmal in einer dunklen Regennacht an die Klosterpforte dieser Abtei ein Pilgersmann. Er bat um ein wenig Feuer für seine nassen Kleider, um ein Stückchen Brot für seinen Hunger und um irgendeinen Unterschlupf, wo er den Morgen erwarten konnte. Mit Sonnenaufgang wollte er seinen Weg fortsetzen.

.

Der Laienbruder, der sein Gesuch entgegennahm, überließ ihm seinen bescheidenen Imbiß und sein dürftiges Lager und führte ihn an den brennenden Kamin. Und nachdem sich der Wanderer von seiner Erschöpfung erholt hatte, erkundigte sich der Bruder nach dem Zweck seiner Wallfahrt und dem Ziel seines Weges.

»Ich bin Musiker,« antwortete der Gefragte, »Weit, weit von hier wurde ich geboren. In meinem Vaterlande genoß ich einst eines großen Ansehens. In meiner Jugend machte ich aus meiner Kunst eine mächtige Waffe der Verführung und entfachte mit ihr Leidenschaften, die mich zu einem Verbrechen hinrissen. Jetzt in meinem Alter will ich die Talente, die ich zum Bösen gebraucht habe, zum Guten wenden: durch das gleiche Mittel nämlich, das mich zur Verdammnis geführt, will ich meine Vergebung erwirken.«

Die rätselhaften Worte des Unbekannten erschienen dem Laienbruder nicht ganz verständlich. Die Neugierde war einmal in ihm erwacht und quälte ihn derart, daß er nicht abließ zu fragen. Schließlich fuhr der Fremde folgendermaßen fort:

»Ich beweinte im Grunde meiner Seele die Schuld, die ich auf mich geladen hatte. Aber immer, wenn ich Gott um Erbarmen anflehen wollte, fand ich keine Worte, die meiner Reue einen würdigen Ausdruck geben konnten. – Da fiel mein Blick eines Tages zufällig auf ein heiliges Buch. Ich schlug es auf und entdeckte auf einer Seite einen gewaltigen Schrei ehrlicher Zerknirschung. Es war jener Psalm Davids, welcher beginnt: › Miserere mei, Deus!‹ Und von dem Augenblicke an, wo ich diese Strophen gelesen, war mein einziger Gedanke, eine musikalische Form zu finden – prächtig und erhaben genug, um die großartige Schmerzenshymne des königlichen Propheten zu umschließen. – Noch immer hab' ich sie nicht gefunden. Wenn es mir aber gelingen sollte, das auszudrücken, was ich tief im Herzen fühle, was ich unklar im Geiste vernehme, so werde ich sicher ein so wunderbares Miserere schaffen, wie noch kein Mensch Ähnliches gehört hat. Etwas so Herzzerreißendes, daß schon beim ersten Akkord die Erzengel in Tränen ausbrechen und zusammen mit mir zum Herrn sprechen: › Misericordia!‹ Und der Herr wird Erbarmen haben mit seiner armen Kreatur.«

Als der Pilger soweit in seiner Erzählung gekommen war, schwieg er einen Augenblick. Mit einem Seufzer nahm er dann den Faden seiner Rede wieder auf. Der Laienbruder, einige Knechte der Abtei und zwei oder drei Hirten aus der Meierei der Mönche saßen rings im Kreise um den Kamin und lauschten in tiefem Schweigen.

»Ganz Deutschland hab' ich schon durchwandert,« fuhr der Musiker fort, »auch ganz Italien und den größten teil dieses Landes, das ja vorbildlich ist für die geistliche Musik. Und noch immer hab' ich kein Miserere gehört, das mir Anregung geben, könnte, – nicht eins, nicht ein einziges ... Und ich hab' doch schon so viele gehört, daß ich wohl sagen kann: ich hab' alle gehört!«

»Alle?« unterbrach ihn da einer der Schäfer. »Habt Ihr etwa auch schon das ›Miserere der Berge‹ gehört?«

»Das Miserere der Berge?« fragte der Musiker erstaunt, »was ist denn das für ein Miserere?«

»Sagte ich es nicht?« murmelte der Bursche; und in geheimnisvollem Ton fuhr er fort: »Nur die, die so wie ich Tag und Nacht hinter dem Vieh hergehen, durch Schluchten und Klüfte, hören es zufällig. Das Miserere hat seine eigene Geschichte – eine sehr alte Geschichte – aber mag sie auch noch so unglaublich klingen: wahr ist sie doch!

Vor vielen Jahren nämlich – ach, was red' ich da von Jahren! – vor vielen Jahrhunderten gab es hier ein berühmtes Kloster. Es stand im unwegsamsten Teil dieser Berge, die dem Tal, auf dessen Grunde die Abtei liegt, vorgelagert sind. Wahrscheinlich wurde das Kloster auf Kosten eines Edelmannes erbaut, und zwar mit dem Vermögen, das er eigentlich seinem Sohne hatte hinterlassen wollen. Aber auf dem Sterbebette enterbte er ihn zur Strafe für seine Missetaten.

Bis hierher ging alles noch gut. Aber dieser Sohn mußte wohl (wie wir noch sehen werden) in einer Teufelshaut gesteckt haben, wenn etwa nicht selbst der Teufel in eigener Person gewesen sein. Als er nun erfuhr, daß sich sein Vermögen im Besitz der Geistlichen befand und sich sein Schloß in eine Kirche verwandelt hatte, tat er sich mit einer Handvoll Strauchdiebe zusammen – wohl Spießgesellen seines lasterhaften Lebens, in das er sich nach verlassen des Vaterhauses gestürzt hatte. Und an einem Gründonnerstagabend – gerade um dieselbe Stunde, in der sich die Mönche im Chor befanden und anfangen wollten oder schon angefangen hatten, das Miserere zu singen, steckten diese Halunken das Kloster in Brand, plünderten die Kirche und töteten alle Mönche ohne Ansehn der Person; auch nicht einen sollen sie am Leben gelassen haben.

Nach dieser Greueltat machten sich die Banditen auf und davon und ihr Anstifter mit ihnen – wohin, weiß man nicht, vielleicht geradeswegs in die Hölle.

Die Flammen ließen von dem Kloster nur Schutt und Asche übrig, von der Kirche stehen noch heute einige Trümmer auf der Felsterrasse, woher der Wasserfall kommt, der, von Klippe zu Klippe sich stürzend, schließlich den kleinen Bach bildet, von dem die Mauern dieser Abtei umspült werden.«

»Aber«, unterbrach ihn da der Musiker ungeduldig, »wo bleibt denn das Miserere?«

»wartet nur,« sagte der Schäfer gelassen, »alles zu seiner Zeit!« Und darauf fuhr er also in seiner Geschichte fort:

»Die Leute in der Umgegend waren höchst aufgebracht über das Verbrechen. In langen durchwachten Nächten schilderten es voll Entsetzen die Väter den Söhnen und die Söhne den Enkeln. Aber was die Erinnerung noch lebendiger hält, ist etwas anderes. Alle Jahre nämlich – und zwar in derselben Nacht, in der die Tat begangen wurde – sieht man hinter den zertrümmerten Fenstern der Kirche Lichter schimmern und hört eine seltsame Musik, ja, wenn der Wind es herüberträgt, bisweilen auch schauerliche Trauergesänge.

Das sind die Mönche. Sie haben sich wohl vor ihrem Tode nicht mehr vorbereiten können, um rein von aller Schuld vor dem Richterstuhle Gottes zu erscheinen. Und nun kommen sie immer noch aus dem Fegefeuer und singen das Miserere, Gottes Barmherzigkeit anstehend.«

Die Zuhörer sahen einander ungläubig lächelnd an. Nur der Pilger schien tiefbewegt von der Erzählung und fragte den Wirten, der sie mitgeteilt hatte, in sichtlicher Erregung:

»Und dies Wunder, sagt Ihr, wiederholt sich noch jedes Jahr?«

»Binnen drei Stunden fängt es ganz bestimmt wieder an. Denn gerade heute haben wir Gründonnerstagabend, und eben hat die Uhr der Abtei acht geschlagen.«

»Wie weit ist es bis zum Kloster?«

»So eine gute Meile – aber was fällt Euch ein? wohin wollt Ihr in solch einer Nacht?«

»Ihr seid wohl ganz und gar von Gott verlassen!« riefen alle, als sie sahen, daß der Pilger von der Herdbank aufstand, seinen Stock nahm und sich zur Tür wandte.

»Wohin ich will? Die wunderbare Musik will ich hören – das große, das wirkliche Miserere ... das Miserere der Toten, die wieder auf die Welt kommen und wissen, was es heißt, in Sünden sterben.«

Und damit entschwand er dem entsetzten Laienbruder und den nicht minder erschrockenen Hirten aus den Augen.

Der Wind heulte und warf sich gegen die krachenden Türen – geradeso, als ob ein kräftiger Arm sie aus den Angeln reißen wollte. Der Regen fiel in Strömen und peitschte die Fensterscheiben. Und dann und wann flammte ein Blitz auf und erhellte das Stück Horizont, das sich überblicken ließ.

Nachdem sich das erste Erstaunen gelegt, rief der Laienbruder:

»Er ist verrückt!«

»Natürlich ist er verrückt!« wiederholten die Hirten. Und dann schürten sie wieder die Glut und rückten näher ans Feuer.

 

II

Der seltsame Mensch, den man in der Abtei für wahnsinnig hielt, stieg nach Rat des Hirten am Flußlauf aufwärts und kam nach einem Wege von etwa einer oder zwei Stunden dorthin, wo die Klosterruinen schwarz und ehrfurchtgebietend emporragten.

Der Regen hatte aufgehört. In dunklen Scharen zogen die Wolken dahin, und zwischen ihren Fetzen spukte bisweilen ein flüchtiger Schein fahlen, ungewissen Lichtes. Der Wind tobte gegen die mächtigen Pfeiler und fegte durch die öden Kreuzgänge – mit einem Geräusch, das wie Seufzen klang ...

Trotzdem gab es nichts Übernatürliches, nichts Ungewöhnliches, das die Phantasie erregt hätte. Einem Menschen, der mehr denn eine Nacht ohne weiteres Obdach als die Trümmer eines verlassenen Turms oder einer einsamen Burg verbracht, der auf seiner langen Pilgerfahrt hundert und aberhundert Unwettern getrotzt harte, – dem waren all diese Geräusche vertraut.

Der Pilger hatte sich auf eine verstümmelte Grabfigur gesetzt und harrte voll Sehnsucht der Stunde, wo sich das Wunder verwirklichen sollte. Und all das seltsame, geheimnisvolle Flüstern der Natur und der stillen Nacht füllte sein aufmerksames Ohr ...

Durch die Risse der geborstenen Bogen sickerten Wassertropfen und klatschten mit dem gleichmäßigen Ticktack einer Uhr auf die Fliesen. Aus einer Mauernische hervor, von der steinernen Aureole einer noch aufrechtstehenden Statue verdeckt, krächzte ein Uhu. Schlangen und Eidechsen, vom Sturm aus ihrer Trägheit aufgestört, steckten ihren ungestalten Kopf aus den Schlupflöchern, raschelten zwischen den Hederichstauden und Brombeerranken, die am Fuße des Altars wuchsen, oder krochen zwischen den Fugen der Grabsteine, die in der Kirche als Estrich dienten. Tausend verworrene Geräusche erklangen und verbanden sich auf tausenderlei Weise; aber es waren immer dieselben.

Und so verging die Zeit, ohne daß der Musiker etwas Besonderes wahrgenommen hatte.

Der wird mir was weisgemacht haben! dachte er. Aber in demselben Augenblick vernahm er ein neues, an diesem Orte ganz unerklärliches Geräusch – ein Geräusch, wie es aus einer Uhr kommt, wenige Sekunden, bevor sie schlägt ... Ein Geräusch sich drehender Rädchen, ablaufender Ketten, eines Triebwerks, das sich leise in Bewegung setzt und von seinem geheimnisvollen Mechanismus Gebrauch machen will ... Und dann schlug eine Glocke: eins ... zwei ... drei ... – bis elf.

In der zerstörten Kirche gab es keine Glocke, keine Uhr, – nicht einmal einen Turm!

Noch war der letzte Glockenschlag nicht verklungen, noch verhallte er, schwächer und schwächer werdend, in vielfachem Echo. Noch hörte man seine zitternden Schwingungen in der Luft, als plötzlich die ganze Kirche zu leuchten begann: die granitenen Schutzdächer über den Skulpturen, die Marmorstufen der Altäre, die Quader der Spitzbogen, die durchbrochene Brüstung des Chors, die Krabbengirlanden der Karniese, die schwarzen Mauerpfeiler, der Estrich, die Wölbungen – alles! Und ohne daß eine Fackel, Kerze oder Lampe zu sehen gewesen wäre, von der diese eigenartige Helligkeit ausgehen konnte!

Es sah aus, als ob ein Gerippe, dessen gelbe Knochen Phosphorgase aus strömten, im Dunkeln mit bläulichem Lichte aufleuchtete und furchtsam zitternd verrauchte ...

Alles ringsumher schien lebendig zu werden. Aber die Bewegungen waren gleichsam galvanisch – waren wie Todeszuckungen, die das Leben parodieren – plötzliche Bewegungen einer Leiche, die sich aus unbekannter Kraft regt, was noch entsetzlicher anzusehen ist als ihre Starrheit.

Steine verbanden sich mit anderen Steinen. Und die Teile des Altars, die noch kurz zuvor in wüstem Durcheinander den Boden bedeckt hatten, richteten sich jetzt unversehrt auf und standen da, als ob der Bildhauer soeben daran den letzten Meißelschlag getan hätte. Und zugleich mit dem Altar erhoben sich die zerstörten Kapellen und die zerbrochenen Kapitäle. Die zertrümmerten zahllosen Bogenreihen kreuzten sich willkürlich, verschlangen sich untereinander und bildeten mit ihren Säulen ein Labyrinth aus Porphyr.

Als sich so die Kirche wiederaufgebaut hatte, kam aus der Ferne ein harmonisches Klingen, dem Rauschen des Windes zum Verwechseln ähnlich. Es war aber ein ernster Chorgesang ferner Stimmen, der aus der Erde Schoß zu kommen schien. Und höher und höher steigend, wurde er mit jedem Mal deutlicher vernehmbar.

Dem kühnen Pilger wurde allmählich bange. Aber noch rang mit der Furcht seine Schwärmerei für alles Außergewöhnliche und Wunderbare. Er faßte neuen Mut, entfernte sich vom Grabe, auf dem er solange gesessen hatte, und beugte sich über den Rand der Schlucht, worin der Gießbach über die Felsen sprang und unter fürchterlichem, andauerndem Donnern hinabstürzte. Und da sträubten sich ihm die Haare vor Entsetzen!

Aus dem Grunde des Gewässers sah er die Gerippe der Mönche, die über das Steingeländer der Kirche in jenen Abgrund hinabgeschleudert worden waren, herauskommen. Mir ihren langen Knochenfingern klammerten sie sich in den Felsspalten an. Ihre zerfetzten Ordenskleider verhüllten nur zum Teil ihre Blöße. Die Kapuzen hatten sie über den Kopf gezogen. Ihre fleischlosen Kinnladen und die weißen Zähne bildeten einen seltsamen Gegensatz zu den dunklen Augenhöhlen der Totenschädel.

Sie erkletterten den Rand der Schlucht und sprachen mit schwacher Grabesstimme – aber mit dem Ausdruck eines erschütternden Schmerzes – den ersten Vers des Psalms Davids:

»Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam!«

Die Mönche näherten sich dem Säulengang und ordneten sich in zwei Reihen. So betraten sie die Kirche. Im Chor warfen sie sich auf die Knie und sangen noch lauter und feierlicher die weiteren Verse des Psalms.

Musik begleitete rhythmisch ihren Gesang. Sie war das dumpfe Grollen des sich weiter und weiter entfernenden Donners, nachdem das Gewitter vorübergezogen ... War das Sausen des Windes, der in den Schluchten des Berges heulte, das eintönige Brausen der Fluten, die über die Felsen stürzten ... war jeder einzelne Wassertropfen, sickernd durch einen Mauerriß ... war des Uhus Schrei aus seinem Versteck ... der Echsen Rascheln, der nimmer ruhenden ...

Dies alles machte die Musik aus. Und noch etwas, was sich nicht erklären, ja nicht einmal begreifen ließ ... etwas, das dem Klang einer Orgel glich. Mit Tönen und Akkorden, gewaltig und wuchtig wie die Worte selbst, begleitete es die Verse der gewaltigen Hymne, in welcher der königliche Psalmdichter seiner Zerknirschung Ausdruck gegeben.

Und die heilige Handlung nahm ihren Fortgang. Der Musiker erlebte alles in einem Zustand der Betäubung, der Bestürzung. Er glaubte sich außerhalb der wirklichen Welt. Er vermeinte in solch einem erträumten Reich der Phantasie zu weilen, wo sich alle Dinge in seltsame und wunderbare Formen kleiden.

Doch riß ihn eine fürchterliche Erschütterung aus der Erstarrung, in der seine Sinne befangen waren. Seine Nerven drohten infolge heftiger Aufregung zu zerspringen. Die Zähne schlugen gegeneinander, – es war ihm ganz unmöglich sich zusammenzunehmen. Und dazu kam die Kälte, die ihm bis ins Mark drang.

Die Mönche sangen gerade jene eindrucksvollen Worte des Miserere, welche lauten: » In iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea.«

Und als dieser Vers verklungen war und sich sein Widerhall von Wölbung zu Wölbung fortpflanzte, erhob sich ein gewaltiges, fürchterliches Geschrei. Es klang wie Wehklagen, das die gesamte Menschheit in Erkenntnis ihrer Freveltaten ausstieß. Ein entsetzlicher Schrei war es, aus allen Klagen der Unglücklichen, allem Gejammer der Verzweifelten und allem Lästern der Gottlosen zusammengesetzt. Ein ungeheuerliches Konzert – der würdige Ausdruck aller, die im Laster empfangen sind und in Sünden dahinleben ...

Und weiter schritt der Gesang.

Bald klang er traurig und ernst, bald heiter wie ein Sonnenstrahl, der durch dunkle Wetterwolken bricht. Auf Blitze des Schreckens folgten leuchtende Strahlen des Jubels. Bis dann plötzlich eine Verwandlung eintrat: die Kirche erhellte sich, in eine Flut himmlischen Lichtes sich badend. Die Gebeine der Mönche bedeckten sich mit Fleisch, und ein Heiligenschein kränzte ihre Stirnen. Die Kuppel über ihnen zerteilte sich; und die Augen der Gerechten sahen den Himmel offen – ein Meer aus Licht und Glanz.

Cherubim und Seraphim, Erzengel und alle anderen Himmelschöre begleiteten diesen Vers mit Lobgesängen. Wie eine wohlgeformte Wassertrombe, wie eine riesige Säule duftenden Weihrauchs stieg er empor zum Throne des Herrn:

» Auditu meo dabis gaudium et laetitiam: et exultabunt ossa humiliata.«

Bei dieser Stelle wurde der Pilger von der strahlenden Helligkeit geblendet. Er fühlte ein Sausen in den Ohren und heftiges Klopfen in den Schläfen. Bewußtlos fiel er zu Boden und hörte nichts mehr.

 

III

Am folgenden Tage sahen die friedlichen Mönche der Fiteroabtei den unbekannten Pilger ins Tor eintreten. Er war bleich und schien außer sich. Der Laienbruder, der inzwischen von dem sonderlichen Besuch am letzten Abend Bericht abgelegt hatte, warf heimlich seinem Oberen einen verständnisvollen Blick zu.

»Na, habt Ihr nun endlich Euer Miserere gehört?« fragte er den Musiker in einer Mischung von Spott und Neugierde.

»Ja,« war die Antwort.

»Und wie hat es Euch denn gefallen?«

»Ich will es niederschreiben. Gebt mir eine Freistätte in Eurem Haus,« wandte er sich an den Abt, – »eine Freistätte und Brot für einige Monate. Und ich werde Euch ein unsterbliches Kunstwerk hinterlassen – ein Miserere, das meine Schuld im Angesicht Gottes tilgen und meinen Namen – und damit auch den dieser Abtei – für alle Ewigkeit unvergeßlich machen wird.«

Die Mönche wurden neugierig und redeten dem Abt zu, seiner Bitte zu willfahren. Der Abt hielt ihn zwar für einen Narren, aber aus Mitleid erklärte er sich schließlich einverstanden.

Der Musiker richtete sich im Kloster ein und begann das Werk. Tag und Nacht schaffte er unermüdlich, ohne nachzulassen in seinem Eifer. Manchmal hielt er mitten in der Arbeit an, gleichsam lauschend auf etwas, das er im Geiste vernahm. Dabei wurden seine Augen groß und weit. Er sprang vom Sessel auf und rief: »Das ist es! Ja, so ... genau so ... ohne Zweifel, ganz genau so!« Und dann fuhr er wieder fort, Noten zu schreiben – mit einer so fieberhaften Geschwindigkeit, daß die Mönche, die ihn heimlich beobachteten, ihn mehr als einmal deswegen bewunderten.

Er schrieb die ersten Verse nieder und die folgenden – und war schon bis zur Mitte des Psalms gediehen. Als er aber bis zu dem Vers gekommen war, den er als letzten in den Bergen gehört hatte, konnte er nicht weiter.

Er schrieb ein, zwei ... hundert, zweihundert Entwürfe; alles vergeblich! Seine Musik ähnelte nicht der anderen, schon aufgezeichneten.

Von seinen Wimpern stahl sich der Schlaf. Die Eßlust verließ ihn, und ein Fieber stieg ihm ins Hirn. Er wurde wahnsinnig und starb schließlich, ohne das Miserere beendet zu haben.

Die Mönche bewahrten es nach seinem Tode als eine Sehenswürdigkeit, und daher ist es auch heute noch im Archiv dieser Abtei erhalten.

*

Als der Alte mit seiner Erzählung zu Ende war, ließ ich noch einmal meinen Blick über die alte verstaubte Misererehandschrift gleiten; sie lag noch aufgeschlagen auf dem Tisch.

In peccatis concepit me mater mea, stand auf der Seite, die ich vor mir hatte. Und all die Noten und Schlüssel und das andere Gekritzel, unleserlich für Laien in der Musik, schienen sich über mich lustig zu machen.

Ach, ich würde eine Welt darum gegeben haben, wenn ich es hätte lesen können!

Denn – wer weiß ... vielleicht mochte doch ein Sinn darin liegen ...

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