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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Die Höhle der Maurin

 

I

Gegenüber dem Kurhause in Fitero, auf einem oben abgeplatteten Felsen, zu dessen Füßen der Alhamafluß braust, sind heute noch die Ruinen einer arabischen Burg zu sehen, die in den glorreichen Chroniken von der Maurenvertreibung viel genannt worden ist. Sie war der Schauplatz großer unvergeßlicher Heldentaten, an denen ebensosehr ihre Verteidiger teilhatten, als auch die kühnen Angreifer, denen es gelang, auf ihren Zinnen das Banner des Kreuzes aufzupflanzen.

Von den Mauern sind nur noch wenige Trümmer vorhanden. Die Steine des Wartturms sind zum Teil in den Burggraben, zum Teil drüber hinaus gefallen und haben ihn völlig verschüttet. Im inneren Burghof wachsen Brombeeren und Hederichstauden, und wohin man den Blick wendet, sieht man nichts anderes als zerbrochene Schwibbogen und schwarze, verwitterte Quadern, hier noch ein Stück Wehrgang, aus dessen Schlitzen der Efeu hervorsprießt, dort ein Eckturm, der sich wie durch ein Wunder erhalten hat; und weiterhin die Mörtelpfeiler mit den eisernen Ringen, an denen einst die Zugbrücke hing.

Da man mir sagte, daß es meinem Gesundheitszustand sehr dienlich sei, wenn ich mir Bewegung schaffte, und auch weil mich die Neugierde trieb, machte ich, solange ich mich in den Bädern aufhielt, an jedem Nachmittage einen Spaziergang nach jenem wilden, zerklüfteten Felsenhang. Ich stieg zu den Ruinen der arabischen Festung hinauf und streifte dort oben stundenlang umher. Ich wühlte im Sande, um vielleicht einige Waffen zu finden, klopfte an die Mauern, um zu sehen, ob sie hohl wären, und so vielleicht einen versteckten Schatz zu heben, und durchkroch alle Winkel, in der Hoffnung, den Eingang zu jenen unterirdischen Gewölben zu entdecken, die es in allen maurischen Burgen gegeben haben soll.

Meine emsigen Nachforschungen blieben übrigens ergebnislos.

Eines Nachmittags jedoch, als ich schon die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals etwas Neues und Seltsames in dem Felsennest zu finden, und, auf den Aufstieg verzichtend, zu Füßen der Burg am Flußufer entlangspazierte, sah ich eine Art großes Loch, das in das Gestein hineinführte, halb verborgen von Laubwerk und dichtem Gestrüpp. Nicht ohne ein bißchen Bangigkeit bahnte ich mir einen Weg durch das Gebüsch, das den Eingang der (wie ich anfangs glaubte) natürlich entstandenen Höhle umgab. Aber nachdem ich einige Schritte hineingegangen war, erkannte ich, daß es ein unterirdischer Gang war, künstlich aus dem Stein ausgehauen. Tiefer einzudringen wagte ich nicht wegen der Finsternis, die darin herrschte. Ich begnügte mich, aufmerksam alle Einzelheiten des Gewölbes und des Bodens zu betrachten. Wie mir schien, führte der Gang in großen Stufen zu der Höhe hinauf, wo sich die erwähnte Burg befand; auch erinnerte ich mich, oben zwischen den Trümmern seinerzeit eine verschüttete Falltür gesehen zu haben. Zweifellos hatte ich einen jener Schleichwege entdeckt, die bei den Befestigungswerken jener Zeit üblich waren, – einen geheimen Gang, dessen Zweck es gewesen sein mußte, während der Belagerung dem Feind in den Rücken zu fallen oder Wasser aus dem Fluß zu holen, der dort unmittelbar vorüberfließt.

Um mich von der Wahrheit meiner Vermutungen zu überzeugen, knüpfte ich, nachdem ich die Höhle auf dem gleichen Wege wieder verlassen hatte, wie ich hineingegangen war, eine Unterhaltung mit einem Winzer an, der an jenen Hängen mit dem Beschneiden von Reben beschäftigt war. Ich näherte mich ihm unter dem Vorwand, ihn um Feuer für meine Zigarette zu bitten.

wir sprachen von allerlei; von den medizinalen Eigenschaften der heißen Quellen in Fitero, von der vorjährigen und heurigen Ernte, von den Mädchen Navarras und der Pflege des Weinstocks – kurz, wir sprachen von allem, was dem guten Mann einfiel, nur nicht von der Höhle, dem einzigen Gegenstand, worauf ich neugierig war.

Schließlich wandte sich das Gespräch doch noch diesem Punkt zu, und ich fragte ihn, ob er jemand wüßte, der schon einmal tiefer eingedrungen sei und den Gang verfolgt habe.

»In die Höhle der Maurin eingedrungen?« versetzte er, aufs höchste erstaunt über meine Frage, »Wer sollte wohl das wagen? Wissen Sie denn nicht, daß jede Nacht aus dem Schlund ein Geist herauskommt?«

»Ein Geist!« rief ich und lächelte, »Wessen Geist?«

»Der Tochter des maurischen Burgvogts ... Sie geht hier noch immer in der Umgegend als Geist um. In jeder Nacht sieht man sie in weißen Gewändern aus der Höhle kommen und im Fluß einen Krug mit Wasser füllen.«

Diese Worte des guten Mannes brachten mich darauf, daß es von dieser arabischen Burg und dem unterirdischen Gang, der meiner Vermutung nach mit ihr in Verbindung stand, eine Geschichte geben mußte. Und da ich ein großer Freund von solchen Sagen bin, zumal wenn ich sie aus dem Munde des Volkes hören kann, bat ich ihn, sie mir zu erzählen. Er ließ sich nicht lange nötigen und erzählte sie mir ungefähr mit denselben Worten, mit denen ich sie hier wiedergebe.

 

II

Als die Burg, von der heute nur noch unförmige Trümmer übrig sind, noch im Besitz der maurischen Könige war und ihre Türme, von denen kein Stein mehr auf dem andern geblieben ist, von der Höhe des Felsens aus das ganze fruchtbare Alhamatal beherrschten, wurde in der Nähe der Stadt Fitero eine blutige Schlacht geschlagen. In dieser Schlacht wurde ein edler christlicher Ritter, allen Ruhmes würdig, nicht weniger seiner Frömmigkeit wegen als seines Heldentumes, schwer verwundet und von den Mauren zum Gefangenen gemacht.

Seine Feinde schleppten ihn in die Festung, legten ihn in Eisen und warfen ihn in ein dunkles Verlies. Hier rang er tagelang mit Leben und Tod, ward aber wunderbarerweise von seinen Wunden geheilt und von seiner Sippe endlich gegen viel Gold losgekauft.

Aus dem Kerker kehrte er in seine heimatliche Burg zurück, in die Arme seiner erfreuten Eltern. Seine Waffengefährten und Mannen jubelten ihm entgegen und glaubten die Stunde gekommen, um zu neuen Kämpfen auszuziehen. Der Seele des Ritters jedoch hatte sich eine tiefe Schwermut bemächtigt, und weder die zärtliche Aufmunterung seiner Eltern, noch die Bemühungen seiner Freunde vermochten, diese eigenartige Schwermut zu zerstreuen.

Während seiner Gefangenschaft war es ihm gelungen, die Tochter des maurischen Burggrafen zu Gesicht zu bekommen, von deren Schönheit er schon vorher viel gehört hatte. Als er sie aber mit eigenen Augen erblickte, fand er sie noch um ein Tausendfaches schöner, als er sie sich vorgestellt hatte. Er konnte ihrem verführerischen Zauber nicht widerstehen und verliebte sich Hals über Kopf in ein Wesen, dessen Besitz für ihn außerhalb jeder Möglichkeit lag.

Monate verbrachte der Ritter damit, die törichtsten und waghalsigsten Pläne zu schmieden. Und wenn er einmal ein Mittel ersonnen hatte, die Schranken zu durchbrechen, die ihn von jenem Mädchen trennten, so gab er sich ein andermal die denkbar größte Mühe, die Geliebte zu vergessen. Faßte er heute diesen Entschluß, so hatte er sich morgen für einen völlig entgegengesetzten entschieden. Schließlich aber kam ein Tag, wo er seine Brüder und Waffengefährten um sich versammelte und sie hieß, ihre Mannen zusammenzurufen. Und nachdem man in größter Heimlichkeit alle nötigen Vorbereitungen getroffen hatte, wurde die Feste, welche die Schöne, den Gegenstand seiner unsinnigen Liebe, beherbergte, durch einen kühnen Handstreich genommen.

Als man zu diesem Kampf auszog, waren alle im Glauben gewesen, ihren Führer triebe das Verlangen, sich für all das zu rächen, was er hatte erleiden müssen, vor allem für die Schmach, in Ketten gelegt und in ein tiefes Verlies geworfen zu sein. Nachdem aber die Burg eingenommen war, blieb keinem die wahre Ursache des kühnen Unternehmens verborgen; all die vielen braven Christen, die bei dem Überfall ihr Leben hatten lassen müssen, waren gefallen, um einer unwürdigen Leidenschaft zum Siege zu verhelfen.

Berauscht von der Gegenliebe der wunderschönen Maurin, die zu entflammen dem Ritter endlich gelungen war, kümmerte er sich weder um die Ratschläge seiner Freunde, noch achtete er auf das Murren und Klagen seiner Mannen. Und doch gab es keinen, der nicht dazu riet, so schnell als möglich die Burg wieder zu verlassen. Denn es war natürlich, daß die Mauren sie wieder stürmen würden, sobald sie sich vom ersten Schrecken erholt hatten.

Und in der Tat erfüllte sich die Befürchtung! Dem maurischen Burggrafen gelang es, in den umliegenden Weilern neue Scharen anzuwerben. Eines Morgens kam die Wache, die an dem Ausguck des Bergfrieds aufgestellt war, heruntergestürmt und verkündete dem verliebten Paar, an allen Hängen des Gebirges, soweit es sich vom Felsen aus überblicken ließe, sähe man eine solche Wolke von Kriegsscharen sich herabwälzen, daß man fast glauben müsse, die gesamte Heidenschaft sei gegen die Burg unterwegs.

Die Tochter des Burggrafen wurde bleich wie der Tod, als sie diese Kunde vernahm. Der Ritter rief laut zu den Waffen, und bald darauf war alles in der Festung in Bewegung. In wilden Haufen kamen die Dienstleute aus ihren Quartieren gerannt, die Führer teilten Befehle aus, das Fallgatter wurde herabgelassen, die Zugbrücke aufgezogen und alle Zinnen krönten sich mit Armbrustschützen.

Ein paar Stunden später setzte der Sturm ein.

Mit Recht konnte man die Burg als uneinnehmbar bezeichnen. Nur durch eine Überrumpelung, wie sich die Christen ihrer bemächtigt hatten, war es möglich sie zu erobern. Und so boten die Verteidiger immer wieder, wohl an die zehnmal, der Berennung widerstand.

Als die Mauren die Zwecklosigkeit ihrer Anstrengungen erkannten, beschränkten sie sich darauf, die Burg zu umzingeln, um die Insassen durch Aushungerung zur Übergabe zu zwingen.

Wirklich begann der Hunger furchtbar unter den Christen zu wüten. Aber da die Verteidiger wußten, daß sie, wenn die Burg übergeben wurde, ihr Leben nur gegen den Kopf ihres Führers würden erkaufen können, so wollte keiner Verrat üben, und dieselben, die das Betragen des Ritters heftig getadelt hatten, schwuren jetzt, für ihn ihr Leben zu lassen.

Die Mauren verloren die Geduld und beschlossen, einen neuen Sturm mitten in der Nacht zu versuchen. Die Berennung war fürchterlich, die Verteidigung verzweifelt und der Zusammenstoß entsetzlich. Im Kampfgewühl wurde dem Burggrafen die Stirn mit einem Axthieb gespalten; er stürzte in den Graben von der Höhe der Mauer herab, die man mittelst Sturmleitern erstiegen hatte. Zur selben Zeit erlitt der Ritter in einer Bresche des Wehrgangs, wo trotz der Dunkelheit Mann gegen Mann gekämpft wurde, eine tödliche Verwundung.

Schon begannen die Christen zu weichen, sich geschlossen zurückziehend. Da warf die Maurin sich auf ihren Liebsten, der sterbend am Boden lag, nahm ihn mit einer Kraft, die ihr die Verzweiflung und die Nähe der Gefahr verliehen, in die Arme und schleppte ihn in den inneren Burghof. Hier drückte sie auf eine Feder, und wie von übernatürlichem Antrieb bewegt, hob sich eine Steinplatte. In dem Schlund, der sich auftat, verschwand sie mit ihrer kostbaren Last und stieg die Treppe zum unterirdischen Gang hinunter.

 

III

Als der Ritter wieder zu sich kam, sah er sich um mit irren Blicken. »Mich dürstet!« sagte er. »Ich sterbe! Ich verbrenne!« Und in seinem Wundfieber, dem Vorläufer des Todes, kamen über seine trocknen Lippen, durch die der Atem röchelnd pfiff, nur immer wieder die angstvollen Worte: »Mich dürstet! Ich verbrenne! Wasser! Wasser!«

Die Maurin wußte, daß jenes unterirdische Gewölbe einen Ausgang hatte, der ans Flußufer führte. Das Tal aber und alle Hänge ringsumher waren voll maurischer Krieger. Nach der Einnahme der Festung fahndeten sie überall vergebens nach dem Ritter und seiner Geliebten, um an ihnen ihren Rachedurst zu stillen. Dennoch zauderte sie nicht einen Augenblick. Sie nahm den Helm des Sterbenden, schlich sich wie ein Schatten durch das Gebüsch, das die Mündung der Höhle verdeckte, und stieg hinab an das Ufer des Flusses.

Schon hatte sie Wasser geschöpft und wollte sich gerade wieder aufrichten, um zu ihrem Liebsten zurückzukehren, als ein Pfeil durch die Luft schwirrte. Mit einem gellenden Schrei brach sie zusammen.

Obgleich zu Tode verwundet, vermochte die Maurin den Eingang der Höhle zu erreichen und sich durch den unterirdischen Gang zu der Stelle zu schleppen, wo der Ritter lag. Als dieser sie blutüberströmt und todesmatt zurückkommen sah, kam er wieder zur Besinnung. Er erkannte die ungeheure Sünde, für die sie beide so hart büßen mußten. Die Augen gen Himmel gerichtet, nahm er das Wasser, das ihm seine Geliebte bot, ohne es jedoch an die Lippen zu führen, und fragte die Maurin:

»Willst du eine Christin werden! Willst du in meinem Glauben sterben und, wenn ich die ewige Seligkeit erlange, mit mir selig werden?«

Die Maurin, fast ohnmächtig infolge des Blutverlustes, war zu Boden gesunken. Sie machte eine leise zustimmende Kopfbewegung, worauf der Ritter über sie das Taufwasser ausgoß, den Namen des Allmächtigen anrufend ...

Am andern Tage sah der Krieger, der den Pfeil abgeschossen hatte, am Flußufer eine Blutspur. Er folgte ihr, drang in die Höhle und fand die Leichname des Ritters und seiner Geliebten.

Noch heute kann man sie des Nachts zuweilen hier in der Gegend umgehen sehen.

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