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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Glaubet an Gott!

Ein provenzalisches Spielmannslied

 

»Ich bin wahrhaftig Theobald von Montagut
gewesen, der Baron von Fortkastell. Wer du
auch seist, der du einen Augenblick an meinem
Grabe verweilst, – Fürst oder Bürger, Herr
oder Knecht ... glaube an Gott, wie ich an ihn
geglaubt habe – glaube und bitte für mich!«

 

Auftakt

Ihr fahrenden Ritter, die ihr, die Lanze im Langriemen und mit herabgelassenem Visier, auf kräftigem Rosse die Lande durchjagt, die ihr kein anderes Erbe besitzt als euren gefeierten Namen und euer gutes Zweihänderschwert! Ihr Pilger nach Ehre und Ruhm im edlen Waffenhandwerk! Wenn ihr, durchs zerklüftete Tal von Montagut streifend, überrascht werden solltet von Wetter und Nacht, wenn ihr Zuflucht gefunden habt in dem verfallenen Kloster, das dort heute noch steht, – so lauscht meinem Sang!

Ihr Hirten, die ihr bedächtigen Schritts euren Schafherden nachfolgt, die Zerstreuten auf Hängen und Bergwiesen weidend! Wenn ihr sie zur Tränke getrieben habt an den klaren Bach, der, zwischen dem Felsengestein des Montaguttales, rauschend und springend dahinfließt, wenn ihr in des Sommers Glut, im Mittagsbrand, Schatten und Schirm gefunden am Fuß der zerbröckelten Schwibbogen des Klosters, dessen moosbedeckte Grundpfeiler das Wasser umspült, – so lauscht meinem Sang!

Ihr Mädchen aus nahen Weilern! Ihr Lilien des Waldes, glücklich im Schutz eurer Demut sprießend! Wenn der Schutzpatron eures Dorfes sein Fest hat und ihr in der Frühe ins Montaguttal hinabsteigt, Maßliebchen und Kleeblüten pflückend, des Heiligen Bild zu schmücken, wenn ihr, die Furcht vor dem düsteren, auf Felsen thronenden Kloster überwunden und den stillen, verlassenen Kreuzgang betretend, zwischen verwilderten Gräbern herumirrt, wo das Maßliebchen Tausendschön wächst und die blausten der Hyazinthen, – so lauscht meinem Sang!

Ihr alle werdet an jenem heiligen Orte ein Grabmal gesehen haben, – du, edler Ritter, vielleicht beim Leuchten des Blitzes, du, schweifender Hirt, in der sengenden Sonnenglut, und du, schöne Maid, am frühen Morgen, als noch Tautropfen drauf lagen, wie Tränen anzuschauen, – euch allen wird das bescheidene Grabmal aufgefallen sein. Einst stand vor dem grobgemeißelten Stein noch ein hölzernes Kreuz; das Kreuz ist längst dahin, und nur der Stein verblieb. Die Inschrift auf diesem Stein ist der Sinnspruch meines Gesanges; in dem Grabe ruhet in Frieden der letzte Baron von Fortkastell, Theobald von Montagut, und dessen befremdliche Geschichte will ich euch erzählen.

 

Erster Gesang

 

I

Als die edle Frau Gräfin von Montagut mit ihrem erstgeborenen Sohn Theobald schwanger ging, hatte sie einen seltsamen, gräßlichen Traum, vielleicht war's ein göttlicher Fingerzeig, vielleicht ein bloßes Hirngespinst, das die spätere Zeit erst verwirklicht hat.

Es träumte ihr, sie hätte eine Schlange zur Welt gebracht, eine greuliche Schlange, die sich zischend durchs Gras wand, wie zum Sprunge emporzüngelte und schließlich, ihren Blicken entschwindend, im Gebüsch sich verbarg.

»Da ist sie! Da ist sie!« schrie die Gräfin, als sie aus ihrem entsetzlichen Traume erwachte, ihren Dienern den Busch zeigend, wo sich das widerliche Reptil verborgen hatte.

Als die Diener eiligst dort ankamen, wohin die edle Frau, starr und von tiefer Furcht ergriffen, noch immer mit dem Finger wies, entflatterte dem Dornbusch eine weiße Taube und schwang sich in die Lüfte.

Von einer Schlange aber war nichts zu sehen.

 

II

Theobald kam zur Welt. Die Mutter starb bei seiner Geburt, und ein paar Jahre drauf fiel sein Vater in einer Schlacht, als frommer Streiter wider Gottes Feinde.

Von diesem Tage ab kann man die Jugend des Erben von Fortkastell nur mit dem Sturmwind selbst vergleichen. Wohin er schritt, bezeichnete seinen Weg eine Spur von Blut und Tränen. Er henkte seine Hörigen, schlug sich mit seinesgleichen, den Mädchen tat er Gewalt an, prügelte die Mönche, und keinen Heiligen ließ lästernd er in Frieden; es gab kein Heiligtum, dem er nicht fluchte.

 

III

Eines Tages zog er aus zu jagen. Um vor dem Regen Schutz zu suchen, hieß er, wie er schon oft getan, das ganze teuflische Gefolge verwegener Knappen, gottloser Schützen und verruchter Buben mit Meute, Rossen, Geierfalken sich in die Kirche eines seiner Dörfer flüchten. Von Zorn ergriffen, ohne Furcht vor einem Wutausbruch des ungestümen Herrn, beschwor der ehrwürdige Priester ihn im Namen Gottes und eine geweihte Hostie in den Händen haltend, jenen Ort zu verlassen und zu Fuß an einem Pilgerstab zum Papst zu wandern, um Vergebung seiner Sünden zu erflehen.

»Laß mich zufrieden, alter Narr!« rief Theobald, als er dies hörte, »laß mich zufrieden! Oder ich hetze meine Hunde auf dich und, da ich heute noch kein einziges Stück Wild erbeutet habe, mache ich zu meiner Kurzweil Jagd auf dich, wie auf ein wildes Schwein!«

 

IV

Theobald war ein Mensch, der ausführte, was er sagte. Trotzdem erwiderte der Priester: »Tu, was du willst! Sei aber eingedenk, es lebt ein Gott, der einmal straft, ein andermal vergibt. Wenn ich von deinen Händen sterbe, so wird er meine Schuld im Buche seines Zornes tilgen und an die Stelle deinen Namen setzen, auf daß du büßest deine Missetat.«

»Ein Gott, der einmal straft, ein andermal vergibt!« rief lästernd der Baron und lachte höhnisch. »Ich glaube nicht an Gott! Um dir dies zu beweisen, will ich jetzt ausführen, was ich dir verheißen habe. Bin ich auch kein Betbruder, so bin ich doch kein Freund, mein Wort zu brechen. He, Raimund! Gerhard! Peter! Hetzt die Meute! Gebt mir den Sauspieß! Blast das Halali auf eurem Horn! Wir wollen einmal Jagd auf diesen Dummkopf machen – und wenn er sich auf die Retabeln der Altäre flüchtet!«

 

V

Nur einen Augenblick zauderten die Knappen, dem Befehl nachzukommen. Dann, auf ein zweites Geheiß ihres Herrn, begannen sie, die Hatzhunde, deren Gebell die ganze Kirche beben machte, zu entkoppeln. Schon hatte der Baron, satanisch lachend, die Armbrust gespannt; schon erwartete der ehrwürdige Priester, die Augen gen Himmel erhoben und leise ein Gebet sprechend, ruhig den Tod, – als sich vor dem Gotteshause ein fürchterliches Geschrei erhob. Hörner schmetterten das Zeichen zur Hetzjagd, und es erschollen Rufe wie »Ein Eber! ...« »Da, durchs Gestrüpp! ...« »Bergauf! ...«

Kaum vernahm Theobald die Kunde von dem ersehnten Wild, als er schon freudetrunken vor die Tür der Kirche stürzte. Und ihm folgte die ganze Dienerschar mit Rossen und mit Hunden.

 

VI

»Wo ist der Eber?« fragte der Baron und schwang sich auf sein Roß, ohne die Steigbügel zu benutzen noch die Armbrust zu entspannen.

»Da, durch die Schlucht, am Fuße jener Höhen!« wurde ihm erwidert.

Ohne auf die letzten Worte zu hören, stieß der ungestüme Jäger dem Pferde seine goldenen Sporen in die Weichen, so daß es wie der Wind davonstob. Und hinter ihm her hetzte das ganze Gefolge.

Die Dorfbewohner waren als erste des schrecklichen Tieres ansichtig geworden, hatten ein großes Geschrei erhoben und sich in ihre Hütten geflüchtet. Nun steckten sie ängstlich die Köpfe aus den Fensterlöchern, und als sie sahen, wie das höllische Gelichter im Waldesdickicht verschwand, bekreuzigten sie sich, ohne ein Wort zu verlieren.

 

VII

Allen voran jagte Theobald. Sein Roß, schneller als die Pferde seiner Diener und auch rücksichtsloser angespornt, folgte dem Wild so nahe, daß Theobald seinem rasenden Tier die Zügel über den Hals warf, sich zwei oder dreimal im Bügel hoch aufrichtete und die Armbrust anlegte, um zu schießen. Aber der Eber, der zwischen dem dichten Gebüsch nur dann und wann sichtbar wurde, entschwand seinen Blicken, um bald danach wieder aufzutauchen – aber außerhalb der Reichweite der Waffe.

So hetzte Theobald mehrere Stunden durch Täler und Schluchten, aufwärts das felsige Flußbett hinauf, und verlor sich schließlich ins schattige Gewirr eines Waldes von riesenhafter Ausdehnung. Die Augen hatte er dabei immer auf das ersehnte Wild geheftet, stets im Glauben, es endlich erreicht zu haben, und immer wieder gefoppt von dessen fabelhafter Gewandtheit.

 

VIII

Endlich bot sich eine günstige Gelegenheit!

Er legte die Armbrust an; der Pfeil flog ab und bohrte sich zitternd in den Rücken des furchtbaren Tieres, das sich mit einem schauerlichen Gebrüll hoch aufbäumte.

»Der ist mir sicher!« schrie der Jäger in wilder Freude und rannte seinem Pferde wohl zum hundertsten Male die Sporen in die blutigen Weichen. »Der ist mir sicher! Die Flucht nützt ihm nichts mehr! Die Schweißspur, die er hinterläßt, zeichnet seinen Weg.« Und damit stieß er ins Horn, zum Zeichen seines Erfolges, auf daß seine Diener es hörten.

In demselben Augenblick strauchelte das Pferd. Die Beine knickten ihm zusammen, ein leises Zittern durchlief seine angespannten Muskeln, und dann schlug es platt auf den Boden. Aus den geblähten, schaumbedeckten Nüstern schoß ein dicker Blutstrahl.

Es war der Erschöpfung erlegen ... Und es mußte gerade verrecken, als der verwundete Eber schon langsamer zu laufen anfing, als nur noch ein letzter Kraftaufwand fehlte, um das Wild einzuholen.

 

IX

Die Wut und Raserei Theobalds spottete jeder Beschreibung. Sein Fluchen und Lästern zu wiederholen ... es auch nur zu wiederholen, wäre schimpflich, wäre Verworfenheit. Er brüllte nach seinen Dienern – aber in jenen unermeßlichen Einsamkeiten antwortete nur das Echo. Er raufte sich das Haar, zerzauste sich den Bart – gräßlich war seine Verzweiflung!

»Ich lauf' zu Fuß hinter ihm her, und wenn mich der Schlag treffen sollte!« rief er endlich, indem er seine Armbrust wieder spannte und sich anschickte, dem Wild nachzusetzen.

Aber da vernahm er hinter sich ein Knacken im Unterholz, das dichte Laubwerk tat sich auf und vor ihm stand ein Knappe, einen Rappen am Zügel führend, ein Roß, schwarz wie die Nacht.

»Das schickt mir der Himmel!« rief der Jäger, sich gewandt wie eine Gemse in den Sattel schwingend.

Der Knappe war mager, sehr mager, und war gelb wie der leibhaftige Tod. Er lächelte eigentümlich, als er die Zügel dem Reiter überließ ...

 

X

Das Roß wieherte so gewaltig, daß der ganze Wald erdröhnte. Dann tat es einen ganz unglaublichen Satz – einen Satz, der es höher als zehn Ellen über den Boden erhob ...

Und nun begann die Luft dem Reiter um die Ohren zu sausen, als wenn er selbst ein Stein wäre, aus einer Schleuder geworfen. Er raste dahin im Galopp – in einem so wilden Galopp, daß er fürchtete, die Zügel zu verlieren und, vom Schwindel erfaßt, hinabzustürzen! Er mußte die Augen schließen und sich mit beiden Händen an der flatternden Mähne des Tieres festhalten!

Und weder von den Sporen gekitzelt noch mittelst des Zaumes gelenkt, auch nicht vom Reiter durch Zurufe angefeuert, flog das Roß dahin, flog wie der Sturmwind ...

Wie lange Theobald so dahinschoß, ohne zu wissen wo, vermag niemand zu sagen. Die Zweige peitschten ihm im Fluge das Gesicht, die Dornen zerfetzten ihm das Gewand, und der Wind pfiff ihm um die Ohren ...

 

XI

Als er sich endlich wieder ein Herz faßte und, für einen Augenblick die Augen öffnend, hastig ringsum schaute, sah er sich in eine wildfremde, ihm völlig unbekannte Gegend versetzt – mußte also schon weit, sehr weit von Montagut sein.

Und das Roß rannte weiter, unaufhaltsam weiter! Bäume und Felsen, Burgen und Dörfer flogen an ihm vorbei wie der Blitz. Immer neue Landschaftsbilder tauchten vor seinen Blicken auf, aber kaum gesichtet, verschwanden sie schon, um anderen, fremder und immer fremder anmutenden Platz zu machen.

Enge Schluchten, voll gewaltiger Granitblöcke, die das Unwetter von den Gipfeln der Berge losgerissen hatte ... Lachende Triften, mit Rasenteppich bedeckt und besät mit weißen Gehöften ... Öde, endlose Steppen, wo der kalkweiße Sand glühte in der feurigen Mittsommersonne ... Weite steinige Halden, Hochebenen von riesiger Ausdehnung, Gebiete des ewigen Schnees, wo sich hochgetürmte Eisschollen vom grauen, düsteren Himmel abhoben, gleich weißen Gespenstern die Arme ausstreckend, um den Reiter an seinem Schopf zu packen ...

Dies und tausend andere Bilder, die niemand zu schildern vermag, erblickte Theobald auf seinem phantastischen Ritt. Dann aber hüllte ihn dichter Nebel ein, und nun vernahm er auch nicht mehr den Hufschlag seines Pferdes.

 

Zweiter Gesang

 

Auftakt

Edle Ritter, biedere Hirten, schöne Mädchen – ihr alle, die ihr meinem Sange lauschet! Wenn euch das wundernimmt, was ich berichte: glaubet nicht, daß es eine Fabel sei, die meine Laune gesponnen, um eure Leichtgläubigkeit zu betören! Von Mund zu Mund ward die Geschichte überliefert, bis sie auch ich vernahm. Und jene Grabinschrift, die heute noch im Kloster Montagut zu sehen ist, legt unabweisbar Zeugnis ab für meiner Worte Wahrheit.

Glaubt also, was ich euch berichtet habe, und glaubt auch das, was zu erzählen mir noch bleibt! Es ist so wahr wie das Vorhergesagte – wenn es auch noch weit wunderbarer klingt. Mag sein, daß ich mit etwas dichterischem Schmuck das nackte Gerippe dieser schlichten und erschütternden Geschichte verschönernd umhänge, doch niemals werde ich nach bestem Wissen auch einen Strich nur von der Wahrheit abweichen.

 

I

Als Theobald seines Rosses Hufschlag nicht mehr vernahm und sich emporgehoben fühlte in die Lüfte, da packte ihn ein solches Entsetzen, daß er erbebte. Bisher hatte er geglaubt, daß alles, was sich seinen Blicken darbot, nur Hirngespinste wären, erzeugt in seinem schwindelig wirren Kopfe. Er hatte lediglich geglaubt, sein Pferd sei mit ihm durchgegangen, doch nicht daran gezweifelt, daß er sich immer noch auf seinem eigenen Grund und Boden befände.

Jetzt konnte er nicht länger darüber im Zweifel sein, daß er das Spielzeug einer überirdischen Macht geworden, die ihn verschleppte, ohne daß er wissen konnte, wohin ... Durch dichten Nebel ging es, durch Wolken seltsamen, phantastischen Gebildes, in deren Schoß, vom Blitz bisweilen erhellt, sprühende Funken sichtbar wurden, welche drohten, auf ihn niederzufallen.

Das Roß durchjagte – oder besser gesagt: durchschwamm einen Ozean von schwülen, flammenden Gasen ... und allmählich entrollten sich vor den entsetzten Augen des Reiters, eins nach dem andern, des Himmels Wunder ...

 

II

Über den Wolken fliegend, sah er ein gewaltiges Heer auf Sturmesflügeln dahinziehen. Die Engel waren es, des göttlichen Zorns Vollstrecker, mit flammenden, im Winde flatternden Haaren, angetan mit langen, feuerverbrämten Gewändern und die Schwerter schwingend, die in tausend tiefblauen Funken sprühten und glitzerten ...

Und noch höher stieg er und glaubte in der Ferne, einem Meer von siedender Lava ähnlich, die aufgebrachten Gewitterwolken zu sehen, und hörte zu seinen Füßen den Donner brüllen, wie wenn Meeresbrandung gegen den Felsen anprallt, von dessen Gipfel der staunende Wanderer hinabblickt.

 

III

Und er sah den Erzengel, der weiß wie Schnee auf einer riesigen Kristallkugel saß und sie durch den weiten Raum sternklarer Nächte lenkte, wie einen silbernen Nachen auf blauem See ...

Und die flammende Sonne sah er auf goldenen Achsen kreisen, in einem vielfarbigen, feurigen Dunstkreis und in ihrem Brennpunkt die Feuergeister, die unversehrt in der Lohe hausen, aus dem glühenden Schoß der Sonne Hymnen der Freude dem Schöpfer singend ...

Er erblickte die kaum wahrnehmbaren Lichtfäden, mit denen die Menschen an die Sterne gefesselt sind, und sah den Regenbogen, wie eine gewaltige Brücke über den Abgrund gespannt, der den ersten Himmel vom zweiten trennt ...

 

IV

Auf unsichtbarer Stufenleiter sah er die Seelen auf die Erde hinabsteigen. Viele sah er hinuntergehen – wenige aber heraufkommen. Eine jede dieser unschuldigen Seelen wurde von einem schneeweißen Erzengel begleitet und von dessen Fittichen beschützt. Schweigend und tränenden Auges kehrten die einen einsam zurück. Die andern aber, von Engeln geleitet, schwebten singend empor, so wie Lerchen am frühen Morgen in die Lüfte steigen.

Dann zerrissen die blauen und rosigen Dunstschleier, die gleich durchsichtigen Seidenvorhängen im Himmelsraum schwammen, – zerrissen, wie am Ostersamstag in unseren Kathedralen der Altarschleier zerreißt, – und das Paradies der Gerechten mit all seiner strahlenden Pracht lag offen vor seinen Blicken.

 

V

Dort waren die heiligen Propheten versammelt – wie sie, grob ausgehauen, an den steinernen Portalen unserer Kathedralen zu sehen sind. Dort waren auch die leuchtenden Jungfrauen – wie sie der Maler vergebens in den bunten Kirchenfenstern darzustellen versucht. Und die Cherubim waren da, in langen schleppenden Gewändern und mit goldenem Nimbus – ähnlich so, wie sie auf dem Blatt der Altäre nachgebildet sind. Und umgeben von allen Chören seliger Geister, von Sternen gekrönt, von Licht umflutet und über alle Maßen schön: die Königin der Erzengel, die Mutter Gottes, Unsere Liebe Frau vom Montserrat, die Zuflucht der Sünder und der Trost der Betrübten ...

 

VI

Und weiter trug ihn das Roß – über das Paradies der Gerechten hinweg, über den Thron der heiligen Jungfrau Maria hinaus. – Von immer größerer Furcht wurde er ergriffen, und ein tiefer Schrecken erfüllte seine Seele ...

In jenen Weiten, die zum geheimnisvollen Heiligtum des HERRN führen, herrscht ewige Einsamkeit, herrscht ewiges Schweigen ...

Von Zeit zu Zeit strich ihm ein eisiger Wind über die Stirn, kalt wie die Klinge eines Dolches, – ein Wind, der ihm bis ins Mark der Knochen drang und unter dessen Hauch seine Haare sich sträubten. – Ähnliche Schauer müssen die Propheten verspürt haben, als sich ihnen der Geist Gottes näherte.

Endlich gelangte er in Himmelsräume, die von einem dumpfen Brausen erfüllt waren – ähnlich dem Summen der Bienen, wenn sie an Herbstnachmittagen die letzten Blumen umschwärmen ...

 

VII

In diesen phantastischen Regionen sammeln sich alle Geräusche der Erde – all die Laute, von denen wir sagen, sie verklingen im Raum; all die Worte, von denen wir meinen, sie verhallen in der Luft; all die Wehklagen, von denen wir glauben, es vernehme sie niemand.

Hier, in harmonischen Kreisen, schweben auf und schweben ab all die Gebete der Kinder, die Bitten der jungen Mädchen, die Psalme der frommen Einsiedler, das Flehen der Armseligen, die keuschen Worte derer, die reinen Herzens sind, die geduldigen Klagen der Mühseligbeladenen, das Jammern der Leidtragenden, die Lobgesänge der Gläubighoffenden ...

Und unter diesen Stimmen, die dort im leuchtenden Äther hin und wiederschwebten, vernahm Theobald auch seiner seligen Mutter Stimme, die Gottes Gnade für ihn erflehte. – Aber seine eigene Stimme hörte er nicht!

 

VIII

Weiter hinaus drang an sein Ohr ein mißklingendes Getöse von tausend und abertausend rauhen, heiseren Lauten, von wildem Lästern und Rachegeschrei, von geilen Gesängen und zotigen Worten, von Flüchen der Verzweifelten, Drohungen der Ohnmächtigen, meineidigen Schwüren der Gottlosen ...

Theobald flog durch diesen zweiten Kreis mit der Schnelligkeit eines Meteors, der am Sommerabend den Himmel durchquert, – um nur seine eigene Stimme nicht länger zu hören, die dort donnernd erklang, alle anderen Stimmen inmitten des Höllenlärms übertönend.

»Ich glaube nicht an Gott! Ich glaube nicht an Gott!« rief noch immer seine Stimme, in jenem Meer von Lästerworten auf und abschwebend ...

Theobald selbst aber fing schon an zu glauben.

 

IX

Und auch diese Räume ließ er hinter sich, durchquerte andere Weiten voll schrecklicher Gesichte, die nicht er begreifen konnte, noch ich zu schildern vermag, und gelangte schließlich zum letzten und fernsten Kreise der Himmel, wo die Seraphim den Herrn der Heerscharen anbeten, zu seinen Füßen kniend und sein Angesicht mit dreifachen Flügeln beschattend.

Theobald wollte ihn anschauen – aber ein feuriger Hauch sengte ihm das Gesicht, ein Meer von Licht blendete seine Augen und ein so gewaltiger Donner erscholl, daß es ihm in den Ohren dröhnte. Und er wurde aus dem Sattel geschleudert und wie ein glühender Stein, den der Vulkan ausspeit, ins Leere hinausgestoßen. Und er fühlte, wie er tiefer und tiefer sank, ohne aber irgendwo niederzufallen ... geblendet, versengt, betäubt ... – wie der Engel Luzifer fiel, als ihn Gott mit einem einzigen Hauch seiner Lippen von seiner stolzen Höhe herabstieß.

 

Dritter Gesang

 

I

Die Nacht war hereingebrochen. Der Wind seufzte in den Blättern der Bäume, durch deren dichtes Laubwerk ein schwacher Mondstrahl blinzelte.

Theobald stützte sich auf die Ellbogen und rieb sich die Augen, als ob er aus tiefem Schlummer erwache. Als er sich umschaute, ward er gewahr, daß er sich in demselben Gehölz befand, wo er den Eber verwundet hatte, an derselben Stelle, wo sein Roß tot umgefallen war und wo man ihm jenes phantastische Reittier brachte, das ihn zu unbekannten, geheimnisvollen Himmelshöhen geschleppt hatte.

Grabesstille herrschte ringsum, unterbrochen nur von dem ängstlichen Blättergesäusel, von dem fernen Schreien der Hirsche, und dann und wann, wenn der Wind ihn herübertrug, von dem Hall einer Glocke, die in weiter Ferne läutete ...

»Ich muß geträumt haben,« sagte Theobald. Er erhob sich, stieg durch dichten Wald bergab und kam schließlich ins offene Tal.

 

II

In der Ferne sah er die Felsen von Montagut und auf ihnen die Umrisse seiner Burg; deutlich hoben sie sich vom blauen, flimmernden Nachthimmel ab.

»Meine Burg ist noch weit«, überlegte er, »und ich bin müde. Ich werde den Morgen im nächsten Dorf erwarten.« Und er machte sich auf den Weg und kam ins Dorf.

An die erste beste Tür klopfte er.

»Wer seid Ihr?« fragten ihn die Leute.

»Der Baron von Fortkastell!« erwiderte er. Sie aber lachten ihm ins Gesicht.

Er klopfte an eine andere Tür.

»Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr!« fragte die Magd, die ihm öffnete.

»Euer Herr!« entgegnete der Ritter überrascht, daß man ihn nicht erkannte. »Theobald von Montagut bin ich.«

»Theobald von Montagut?« gab unwirsch das junge Mädchen zurück, das nicht auf den Mund gefallen war. »Theobald von Montagut aus dem Märchen? ... Ihr seid wohl ...! Macht, daß Ihr weiterkommt und holt nicht ehrbare Leute aus dem Schlaf, um ihnen alberne Mären zu erzählen!«

Aufs höchste erstaunt verließ Theobald das Dorf und machte sich auf den Weg zur Burg. Beim ersten Morgengrauen fand er sich vor dem Tor.

Der Burggraben war mit den Quadersteinen der zertrümmerten Zinnen verschüttet. Die morsche Zugbrücke hatte ausgedient, hing noch an der starken Eisenkette, die im Laufe der Jahre vom Rost zerfressen war.

Im Bergfried läutete schwer und ernst eine Glocke.

Vor dem Außentor der Burg war auf granitenem Sockel ein Kreuz errichtet. Auf den Mauern war auch nicht ein einziger vom Gesinde zu sehen. Aber aus dem Innern klang wirr und dumpf wie fernes Gemurmel ein frommer Gesang, feierlich und erhaben.

»Dies ist doch meine Burg, ohne Zweifel!« sagte Theobald und ließ unaufhaltsam seinen Blick bald hierhin, bald dorthin gleiten, ohne zu begreifen, was ihm widerfahren war. »Dort im Torbogen ist ja auch mein Wappen eingemeißelt ... ja, und dies ist das Montaguttal ... diese Länder hier sind mein Eigentum, der Herrensitz von Fortkastell ...«

Da drehten sich die schweren Torflügel in ihren Angeln, und auf der Schwelle erschien ein Klosterbruder.

 

IV

»Wer seid Ihr! Was habt Ihr hier zu suchen?« fragte Theobald den Mönch.

»Ich bin ein demütiger Knecht Gottes,« erwiderte dieser, »ein Bruder des Klosters Montagut ...«

»Aber ...« unterbrach der Baron, »ist denn Montagut nicht ein Herrensitz?«

»Das war es ...« versetzte der Mönch, »vor langer Zeit ... Wie man erzählt, hat den letzten Herrn der Teufel geholt. Und da er keinen Erben hatte, an den das Lehen weitergehen konnte, so schenkten die lehnsherrlichen Grafen diese Ländereien den Brüdern unseres Ordens, und die sind jetzt schon hier seit etwa hundert oder hundertzwanzig Jahren. – Und Ihr! Wer seid denn Ihr?«

»Ich ...,« stotterte der Baron von Fortkastell, nachdem er sich eine Weile besonnen hatte, »ich bin ... ich bin ein elender Sünder, der seine Schuld bereut. Ich möchte vor Eurem Abte Beichte ablegen und ihn bitten, mich in den Schoß Eures Ordens aufzunehmen.«

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