Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustavo Adolfo Bécquer >

Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
Schließen

Navigation:

Des Dichters Vorwort

In den dunklen Winkeln meines Hirns schlummern, nackt und eng beieinander, die absonderlichen Kinder meiner Phantasie und harren still der Stunde, wo die Kunst sie in Worte kleidet, auf daß sie sich mit Anstand auf der Bühne der Welt zeigen können.

In dem geheimnisvollen Heiligtum meines Kopfes empfängt und gebiert meine Muse, fruchtbar wie das Liebeslager der Armen, wie Eltern, die mehr Kinder erzeugen, als sie zu ernähren imstande sind. Sie bevölkert ihn mit so zahlreichen Geschöpfen, daß weder mein Fleiß noch all die Jahre, die mir zu leben übrig sind, ausreichen würden, ihnen Gestalt zu verleihen.

Bisweilen fühle ich, wie sie sich in mir bewegen – nackt und noch nicht gestaltet, wirr durcheinander in unbeschreiblichem Knäuel ... fühle wie sie leben, ein dunkles, seltsames Leben, wie es im Innern der Erde Myriaden von Keimen führen, die, in ständigem Werden begriffen, sich regen und dehnen – und doch nicht die nötigen Kräfte finden, um an die Oberfläche zu gelangen und sich, von der Sonne geküßt, in Blüte und Frucht zu verwandeln.

Mit mir gehen sie davon, dazu verurteilt, mir ins Grab zu folgen, was sie an Spuren hinterlassen, ist nicht mehr, als was ein mitternächtlicher Traum zurückläßt, von dem man schon am nächsten Morgen nichts mehr weiß. Manchmal empört sich bei diesem schrecklichen Gedanken der Lebenstrieb in ihnen; in stillem zwar, doch furchtbarem Drängen suchen sie hastig nach einem Weg, der aus der Finsternis, in der sie leben, ans Licht emporführt. Doch ach! zwischen der Welt des Denkens und der des Gestaltens klafft tief ein Abgrund, den nur das Wort zu überbrücken vermag. Und das Wort, schüchtern und träge, lehnt es ab, ihnen beizustehen in ihrem Bemühen. Stumm, düster und kraftlos sinken sie dann nach nutzlosem Ringen wieder in ihre frühere Erstarrung zurück. So fallen auch in die Furchen der Wege, wenn der wind erlahmt, die welken, aufgewirbelten Blätter ...

Die Empörungen der aufständischen Kinder meines Geistes erklären manchen meiner Fieberanfälle; sie sind die von der Wissenschaft nicht erkannte Ursache meiner Erregungen und Erschlaffungen. Unter derartigen Bedingungen habe ich bisher, wenn auch unter vielen Qualen, dahingelebt, inmitten einer gleichgültigen Menge, diesen verschwiegenen Sturm in meinem Kopfe umhertragend. Und so lebe ich auch jetzt noch dahin ... Aber da allen Dingen ein Ziel gesetzt ist, so muß auch dies einmal ein Ende nehmen.

Schlaflosigkeit und Einbildungskraft schaffen unermüdlich weiter in ungeheuerlicher Ehe. Ihre Geschöpfe, aneinandergepreßt wie verkümmerte Blumentopfpflanzen, streben danach, ihr phantastisches Dasein auszudehnen und machen sich jedes Atom des Gedächtnisses streitig, als wäre es spärlicher Saft eines dürren Erdreiches ... Man muß den tiefen Wassern einen Abfluß öffnen; sonst werden sie schließlich, tagtäglich vermehrt von lebendigen Quellen, den Deich durchbrechen.

Und deshalb: gehet hin! Gehet hin und lebt das einzige Leben, das ich euch zu verleihen fähig bin. Mein Geist wird euch so weit ernähren, daß ihr greifbar sein werdet. Er wird euch – wenn auch nur mit Lumpen, so doch zur Genüge bekleiden, damit ihr euch nicht eurer Nacktheit zu schämen braucht. Gern möchte ich für ein jedes von euch ein wunderbares Gewand aus herrlichen Worten weben, in das ihr euch stolz wie in einen Purpurmantel einhüllen könntet. Gern möchte ich die Form, die euch umfassen soll, aufs feinste ausarbeiten, wie man ein goldenes Gefäß ziseliert, das dazu bestimmt ist, kostbare Essenzen aufzunehmen. Aber es ist mir leider nicht möglich ...

Ich darf mich nicht dabei aufhalten – denn ich muß endlich Ruhe haben! wie man den Körper zur Ader läßt, wenn das Blut in Überfülle durch die geschwollenen Venen rast, so muß ich auch meinem Gehirn Erleichterung schaffen: es vermag all das Seltsame nicht länger zu fassen.

Bleibt also hier zurück – wie der Lichtschweif, der die Bahn eines unbekannten Kometen bezeichnet ... wie zerstreute Atome eines Weltkörpers im Entstehen, den der Tod im All schon zerschmettert hat, noch bevor sein Schöpfer, das Licht von der Finsternis scheidend, das Wort aussprechen konnte: »Es werde Licht!«

Ich will nicht, daß ihr des Nachts, wenn ich schlaflos liege, in närrischem Reigen an meinen Augen vorübertanzt, mich mit Gebärden und Verrenkungen anflehend, ich möge euch aus der Vorhölle, in der ihr gleich Schatten der Unterwelt schmachtet, befreien und dem Leben der Wirklichkeit zuführen. Ich will nicht, daß zugleich mit dieser alten, schon gesprungenen Harfe, wenn sie einmal zusammenbricht, auch all die Klänge verloren gehen, die noch ungekannt in ihr schlummern. Ich möchte mich ein wenig mit der Welt befassen, die mich umgibt; bin ich eurer erst ledig, kann ich die Augen von jener anderen Welt abwenden, die ich in meinem Kopfe trage ...

Der gesunde Menschenverstand, der die Schranke der Träume bildet, wird allmählich morsch, und das Volk der verschiedenen Reiche vermischt sich schon und gerät durcheinander. Es kostet mich oft Mühe zu unterscheiden, was ich geträumt und was ich wirklich erlebt habe. Meine Zuneigung teilt sich zwischen erträumten Gestalten und lebenden Menschen. Mein Gedächtnis reiht Namen von Frauen, die gestorben sind, und Tage, an denen sich irgend etwas ereignet hat, bunt durcheinander mit Frauen und Tagen, die nie da waren, außer in meiner Einbildung. Das muß endlich aufhören; und deshalb vertreibe ich euch aus meinem Kopfe für jetzt und alle Zeiten!

Wenn Sterben Schlafen ist, so will ich in der Nacht des Todes friedlich schlafen: ich will nicht, daß ihr euch wie ein böser Alp auf meine Brust lagert, mir fluchend, ich hätte euch in das Nichts verdammt, bevor ihr noch geboren wurdet. Geht denn hinaus in die Welt, in deren Umarmung ihr gezeugt worden seid, und bleibt in ihr als der Widerhall, den ihre Freuden und Leiden, ihre Hoffnungen und Kämpfe in einer Seele fanden, als diese über die Erde schritt.

Vielleicht werde ich schon bald mein Bündel für die große Reise schnüren müssen, von einer Stunde zur anderen kann sich der Geist von der Materie lösen, um sich in reinere Gefilde emporzuschwingen. Und wenn dies eintritt, will ich nicht den ganzen Schatz an Flitterstaat und Lumpen, wie ein Marktschreier seine buntgesprenkelte Habe, bei mir haben – nicht mehr all das mit mir herumtragen, was die Phantasie in den Dachkammern meines Gehirns mit der Zeit aufgespeichert hat ...

Madrid, im Juni 1868.

G. A. Becquer

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.