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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Die Hexen von Trasmoz

Zu einer Zeit, als die Burg von Trasmoz schon längst in die Hände der Christen übergegangen war und auch diese sie, nach Beilegung der langjährigen Fehden zwischen den Kronen von Aragonien und Kastilien, bereits wieder verlassen hatten, soll es im Dörfchen Trasmoz einen Pfarrer gegeben haben, der so gewissenhaft war in Erfüllung seiner Amtspflichten, so leutselig im Umgang mit den ihm Unterstellten und so erfüllt von heißem Mitgefühl mit den Armen, daß sein Name – ganz zu schweigen von dem Geruch der Frömmigkeit, der ihm anhaftete! – in allen Dörfern der Umgegend hoch verehrt wurde.

Unzählige hervorragende Wohltaten verdankten die Einwohner von Trasmoz dem unermüdlichen, segensreichen Wirken des guten Pfarrers, der sogar, um bei ihnen zu bleiben, das sorglose Amt eines Kanonikus ausschlug, das ihm der Bischof von Tarazona schon zu wiederholten Malen angeboten hatte, was ihm aber zweifellos als größtes Verdienst angerechnet werden mußte, war, daß er dank seinen inständigen Gebeten und wirkungsvollen Beschwörungssprüchen das Dorf von der lästigen Nachbarschaft der Hexen befreit hatte.

Diese pflegten nämlich jedes Jahr aus den fernsten Teilen des Königreichs herbeizukommen, um in bestimmten Nächten zwischen den Ruinen der Burg ihren Sabbat abzuhalten. Vielleicht betrachteten sie die Burg als ihr Eigentum, weil diese ihre Entstehung ja einem Zauberer zu verdanken hatte, und sahen deswegen in ihr den geeignetsten Ort für ihre teuflischen Feste und nächtlichen Orgien. Schon früher hatten viele andere Teufelsbeschwörer versucht, die höllischen Geister dort auszutreiben; aber all ihr Beten und Besprengen mit Weihwasser hatte nichts genützt. Und je schwieriger und unmöglicher bisher die Ausführung dieses Unternehmens geschienen hatte, desto höher war Pfarrer Egidius, der Almosenvater (wie er allgemein genannt wurde), in Ansehen gestiegen, als er es in Angriff nahm und es, kraft der mächtigen Fürsprache seiner Gebete, sowie auch als Lohn für seine guten Werke, glücklich zu Ende führte.

Die Beliebtheit, der er sich unter den Dörflern erfreute, und die Achtung, die man ihm zollte, nahmen immer mehr zu, je älter er wurde und gleichsam die letzte Bande zerschnitt, die ihn noch an irdische Dinge hätten fesseln können. Denn das Alter läuterte seinen Charakter von den letzten Schlacken und steigerte seine edelmütige Freigebigkeit sogar so weit, daß er den Armen von dem gab, was er für seine eigenen Bedürfnisse hätte behalten müssen.

.

War das ein Anblick, wenn der ehrwürdige Priester, schon ein wenig kränkelnd und unter der Last der Jahre gebeugt, einen kleinen Rundgang um seine bescheidene Kirche machte! Da kamen von überallher die Kinder gelaufen, um ihm die Hand zu küssen. Die Männer zogen ehrfurchtsvoll den Hut. Die Frauen traten heran, um seinen Segen zu erbitten. Und eine jede schätzte sich glücklich, der es gelang, ein Stückchen seines zerfetzten Gewandes als Reliquie und Amulett gegen die bösen Geister zu erhaschen.

So lebte der gute Pfarrer Egidius in schönster Eintracht, zufrieden mit seinem Geschick. Aber wo gibt es auf Erden ein vollkommenes Glück! Der Teufel, der ständig herumschleicht, um bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bietet, seine Feinde zu placken, hatte zweifellos auch hier seine Finger im Spiel.

Es fügte sich nämlich, daß eine jüngere Schwester des Pfarrers, eine arme Witwe, starb und daß der allzeit Opferbereite eine ihrer Töchter zu sich nahm, sie mit offenen Armen empfangend. Er sah in ihr eine Stütze des Alters und meinte, des Himmels Güte habe sie vorsorglich ihm zum Troste beschert.

Dorchen, wie diese Nichte hieß, zählte kaum achtzehn Lenze. Erzogen in frommer Gottesfurcht, war sie in ihrem Benehmen etwas schüchtern und sprach, vor allem in Gegenwart Fremder, so leise und demütig, wie die Pfarrersnichten ohne Ausnahme zu sprechen pflegen. Aber mehr als jede andere verstand sie sich auf das verführerische Spiel ihrer schwarzen falschen Augen; und sich fein zu machen und hübsch anzuziehen, liebte sie über alles!

Diese Putzsucht, wie die Männer es gewöhnlich nennen – eine Neigung, die man ja bei den Mädchen aller Klassen und aller Zeiten findet – ließ in Dorchen alle anderen Wünsche verstummen und war die ständige Ursache häuslicher Zwistigkeiten zwischen Oheim und Nichte. Denn der arme Dorfpfarrer hatte nur ein sehr geringes Einkommen, und da er wegen seiner Freigebigkeit den Armen gegenüber dauernd in größter Dürftigkeit lebte, so trug er sich, wie er treuherzig zu erzählen pflegte, schon seitdem er die erste Weihe empfangen hatte, mit dem Gedanken, sich ein neues Ornat machen zu lassen, – aber er hatte bisher noch nicht dazu die Mittel gefunden!

Von Zeit zu Zeit kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden. Die Nichte hielt ihrem Oheim vor, was alles dringend der Anschaffung bedürfe und wie abgerissen sie wären, weil eben alles die Armen bekämen – nicht nur was entbehrlich sei, sondern sogar das Notwendigste! Der gute Pfarrer Egidius mußte dann die schwerwiegendsten Argumente seiner christlichen Beredsamkeit ins Treffen rücken lassen und immer wieder betonen, daß man alles, was man den Armen gebe, dem lieben Gott darbringe. Auch pflegte er gewöhnlich zu sagen, man dürfe sich um ein Kleid nicht mehr und nicht weniger sorgen als um die paar Tage, die man in diesem Jammertal zu verbringen habe. Je mehr Leiden man geduldig ertrüge und je weniger Kleidung einem die Nächstenliebe auf dem Leibe ließe, desto eher würde man zum Tanz kommen – nicht zum Tanz um das Holzfeuer, das Sonntags auf dem Dorfplatz aufloderte, und nicht in so einem schäbigen roten Tuchkleid mit Wollfransen, sondern zum Tanz um die ewige Flamme und in einem Kleide aus göttlicher Gnade, dem schönsten aller nur erdenklichen Kleider! ...

Aber kommt ihr einmal einem achtzehnjährigen Mädel mit philosophischen Betrachtungen aus dem Evangelium – einem Mädel, das vor allen Dingen schmuck aussehen möchte und sich herausputzen, damit alle anderen Mädchen vor Neid platzen! Predigt ihr einmal einem Mädel, das täglich sehen muß, wie die Nachbarin gegenüber heute mit einem nagelneuen gelben Mieder prahlt, morgen mit einem schwarzen Spenzer und übermorgen mit einem türkisblauen Kleid mit feuerroten Fransen, die nur so in die Augen stechen und auf eine Meile im Umkreis alle Burschen anlocken!

Der gute Pfarrer Egidius predigte tauben Ohren und hätte ebensogut in der Wüste reden können. Denn Dorchen ließ sich nicht überzeugen, obwohl sie zu allem schwieg. Die armen Leute, die ihres Oheims Tür ständig belagerten, betrachtete sie weiter mit scheelen Blicken. Und mochte man ihr noch so viele Herrlichkeiten und schöne Kleider versprechen, die ihrer früher oder später, als Lohn für ihre Entbehrungen auf Erden, im Paradies warten würden, – für einen hübschen Spenzer und ein paar von solchen blauseidenen Schnüren, wie sie sie jedesmal, wenn sie nach Tarazona kam, in einem Laden der Pillendrehergasse sehnsüchtig betrachtete, verzichtete sie gern darauf!

So standen also die Dinge, als sich Dorchen eines Nachmittags mißmutig und nachdenklich vor die Haustür setzte. Es war der Tag vor dem Feste des heiligen Schutzpatrons des Ortes, und der Pfarrer war in der Kirche beschäftigt, um alles für den Gottesdienst am folgenden Tage vorzubereiten.

Alle Mädchen im Dorf – die einen mehr, die andern weniger – hatten sich etwas aus Tarazona mitbringen lassen, um an den schönen Maitagen und beim Tanz ums Feuer festlich auszusehen. Besonders die beiden von gegenüber prahlten mit ihren neuen Kleidern und bunten Bändern, die ihre Eltern ihnen gekauft hatten, und setzten sich – zweifellos in der Absicht, um Dorchen zu ärgern, – eigens damit vor die Haustür, um daran die letzten Nadelstiche zu tun. Nur sie, die Hübscheste und zugleich die Eitelste im ganzen Dorf, – sie, die Pfarrersnichte, hatte keinen Anteil an der freudigen Erwartung und der geschäftigen Näherei – an dieser Kopflosigkeit, dieser Aufgeregtheit unter den Mädchen, die in Dorf und Stadt das Herannahen eines lang erwarteten Festes zu verkünden pflegt ... Aber nicht doch! auch Dorchen hatte an diesem Abend eine außergewöhnliche Arbeit: Pfarrer Egidius hatte ihr gesagt, sie möchte für den folgenden Tag Teig zu zwanzig Broten mehr als gewöhnlich anrühren, die nach der Messe an die Armen verteilt werden sollten ...

Als nun die Pfarrersnichte so schlechtgelaunt vor der Haustür saß und ihr tausend widrige Gedanken durch den Kopf gingen, geschah es, daß auf der Straße ein altes zerlumptes Weib daherkam, unter der Last der Jahre gebeugt und sich auf einen Krückstock stützend.

»Liebes Kind,« rief die Alte wehleidig, als sie vor Dorchen stand, »Hast du nicht eine kleine Gabe für mich? Der liebe Gott wird es dir reichlich lohnen in seiner himmlischen Gnade ...«

Diese stehende Redensart aller Bettelnden, die im Laufe der Zeit fast zu einem Segensspruch geworden ist, klang im Munde der Alten, in deren kleinen grünen Augen ein teuflisches Lächeln aufzublitzen schien, obgleich sie die Worte in einem herzergreifenden Ton herausbrachte, geradezu wie eine schauderhafte Gotteslästerung und erinnerte Dorchen zugleich an die glänzenden Versprechungen, mit denen Pfarrer Egidius ihren ständigen Wünschen zu begegnen pflegte. In der ersten Aufwallung hätte sie die Alte beinahe zum Teufel gejagt. Aber mit Rücksicht darauf, daß sie vor dem Hause des Dorfpfarrers saß, nahm sie sich zusammen und drehte ihr nur den Rücken zu, mit einer Gebärde, die ihrem Unwillen und ihrer Verdrießlichkeit deutlich Ausdruck verlieh.

Der Alten schien diese Abweisung eher zu gefallen, als daß sie sich darüber betrübte. Sie trat noch näher an das junge Mädchen heran, immer mit einem Lächeln in ihren grünen Augen, das an das Lächeln der Schlange im Paradies erinnerte, als sie Eva verführte ... Und indem sie ihre knarrende Stimme so lieblich wie nur möglich machte, fuhr sie fort:

»Schönes Kind, schenk' mir doch was – wenn nicht aus Liebe zu Gott, so tu es aus Liebe zu dir selbst. Ich diene einem Herrn, der denen, die seinen Geschöpfen Gutes erweisen, nicht erst im andern Leben den Lohn auszahlt, sondern ihnen schon in diesem Leben soviel gibt, als sie sich nur wünschen, vorhin bat ich dich im Namen dessen, den du kennst; jetzt bitte ich dich im Namen dessen, den ich verehre.«

»Ach, laßt mich zufrieden! Ich bin nicht aufgelegt, um Eurem Unsinn zu lauschen!« erwiderte Dorchen. – Das alte Bettelweib redete in einer ihr unverständlichen Weise; es war sicher verrückt oder zum mindesten schon etwas sonderlich ... Und ohne sich nach dieser schroffen Antwort noch einmal umzudrehen, stand sie auf, um ins Haus zu gehen. Aber die Alte schien nicht willig, so ohne weiteres auf ihren Wunsch zu verzichten. Sie hielt Dorchen am Kleid fest und sagte:

»Du glaubst, ich sei nicht bei vollem Verstande ... aber du irrst dich! Ich weiß recht gut, was ich rede ... Ich weiß sogar, was du denkst, und kenne auch die Ursache deines Ärgers ...«

Und als ob Dorchens Herz ein Buch sei, das offen aufgeschlagen daläge, zählte das Weib der Pfarrersnichte, die sich vor Verwunderung gar nicht zu fassen vermochte, alle Gedanken auf, die ihr durch den Kopf gegangen waren, als sie ihre eigene traurige Lage mit dem Leben der anderen Mädchen des Dorfes verglichen hatte.

»Aber gräme dich nicht,« fuhr die alte verschlagene Vettel nach dieser Probe ihrer erstaunlichen Scharfsichtigkeit fort, »gräme dich nicht! Es gibt einen gewissen Herrn, der ebenso mächtig ist wie der, dem Pfarrer Egidius dient ... In seinem Namen hab' ich mich an dich herangemacht, unter dem Vorwand, dich um ein Almosen zu bitten ... Dieser Herr verlangt von denen, die ihm dienen, keineswegs schmerzvolle Entbehrungen. O nein, er gefällt sich darin, alle ihre Wünsche zu erfüllen. Er ist lustig wie ein Spielmann, reicher als alle Juden auf Erden zusammen und so weise, daß er die verborgensten Geheimnisse der Wissenschaft, um deren Lösung die Menschen sich mühen, zu ergründen imstande ist! Die ihn anbeten, führen ein einziges Freudenleben, haben so viele Kleinodien und Schmuckstücke, als sie sich wünschen, und besitzen allerlei Salben und Säfte, die die Kraft haben, übernatürliche Dinge auszuführen, alle Geister, die Sonne und den Mond, die Felsen, Berge und Meereswellen sich dienstbar zu machen und Liebe oder Abscheu einzuflößen, wem man will, wenn du einer von seinen Getreuen sein möchtest, wenn du genießen möchtest, was immer du dir auch wünschest, so kannst du es um einen geringen Preis erlangen. Du bist jung, du bist schön, du bist lebenslustig. Du bist doch nicht dazu geboren, an der Seite eines kränklichen alten Griesgrams zu verkümmern, der dich schließlich, dank seiner sinnlosen Mildtätigkeit, in tiefstem Elend auf Erden zurücklassen wird!«

Dorchen hatte anfangs nur widerwillig den Worten der Alten gelauscht. Allmählich aber fand sie an der einschmeichelnden Schilderung der glänzenden Zukunft, die sie sich verschaffen konnte, manchen Gefallen. Obwohl sie den Mund nicht auftat und die Alte etwas ungläubig ansah, schien sie doch begierig zu erfahren, was sie zu tun hätte, um das Heißersehnte zu erlangen. Die Alte merkte dies und holte einen grünen Krug hervor, den sie unter der zerschlissenen Schürze versteckt gehalten hatte.

»Pfarrer Egidius«, sagte sie, »hat am Kopfende seines Bettes ein Becken mit Weihwasser, aus dem er alle Abende, bevor er sich schlafen legt, einige Tropfen schöpft und sie unter Hersagen eines Gebetes aus dem Fenster angesichts der Burg spritzt. Wenn du das Weihwasser durch dieses hier ersetzt hast, werde ich nach dem letzten Abendgeläute durch den Schornstein zu dir kommen. Du mußt aber das Feuer auslöschen und die Feuerzange in der Asche stecken lassen! Mein Herr und Gebieter schickt dir jetzt schon zum Zeichen seiner Großmut hier diesen Ring. Er wird dir hernach alle deine Wünsche erfüllen!«

Mit diesen Worten übergab die Alte ihr den Krug und steckte ihr auf den Finger derselben Hand, mit der sie ihn in Empfang nahm, einen goldenen Ring, in dem ein Stein saß, wie er sich nicht schöner denken läßt!

Die Nichte des Pfarrers ließ willenlos mit sich machen, was die Alte wollte, – blieb aber noch unentschlossen. Die letzten Erklärungen hatten sie eher nachdenklich gemacht als überzeugt. Aber das Bettelweib wußte ihr so viel zu erzählen und ihr in so lebhaften Farben zu schildern, welche Triumphe ihre bislang verletzte Eitelkeit feiern würde, wenn sie am folgenden Tage, dank ihrer Dienstleistung, am Feuer auf dem Dorfplatz in einem Kleid von ungeahnter Pracht erschiene, so daß Dorchen schließlich den Einflüsterungen unterlag und alles zu tun versprach.

Der Nachmittag verstrich, es wurde Abend und es kam die dunkle Nacht mit ihren geheimnisvollen Stunden des Grauens.

Pfarrer Egidius hatte die übliche Besprengung vorgenommen, ohne natürlich zu ahnen, daß sie keine Wirkung mehr haben würde, weil das Weihwasser ja durch einen Teufelstrank ersetzt worden war, und schlief nun schon den Schlaf des Gerechten. Dorchen hatte das Herdfeuer ausgemacht, die Zange nach Vorschrift in der Asche stecken lassen, und saß und wartete auf die Hexe. Denn eine Hexe und nichts anderes konnte die zerlumpte Alte nur sein, da sie einen Ring von so hohem Wert verschenkte und ihre Bekannte zu solcher Stunde und auf dem Wege durch den Schornstein besuchen wollte!

In Trasmoz schliefen schon alle Leute wie Murmeltiere, und nur hier und dort saß noch ein Mädchen auf, damit beschäftigt, das neue Kleid für den folgenden Tag fertig zu nähen. Endlich läuteten auch die Glocken für die Seelen der Verstorbenen, und ihre langsamen, gleichmäßigen Schläge schwangen sich weit durch die Luft und verhallten in den Ruinen der Burg ...

Dorchen hatte sich bis dahin tapfer gehalten und kaltes Blut bewahrt, da sie ja einmal den Entschluß gefaßt hatte, den Wünschen der Hexe zu willfahren. Nun aber fing sie an unruhig zu werden. Ängstlich schaute sie nach dem Schornsteinloch, aus dem, seltsam genug! die Alte zum Vorschein kommen sollte ...

Sie brauchte auch gar nicht lange zu warten. Kaum war der letzte Glockenschlag verhallt, als plötzlich eine graue Katze in die Herdasche fiel und ein eigenartiges Schnurren hören ließ, wie es diese Tiere von sich zu geben pflegen, wenn sie mit erhobenem Schwanz und rundem Rücken um uns herumschleichen und sich zärtlich an unseren Beinen scheuern ...

Nach der grauen Katze kam eine gelbe, dann eine schwarze, darauf eine von denen, die man maurische Katzen nennt, und so nacheinander vierzehn oder fünfzehn von verschiedener Farbe und Größe, begleitet von einer Unmenge kleiner grüner, dickbäuchiger Kröten, die um den Hals ein winziges Glöcklein trugen und mit einer Art rotem Jäckchen bekleidet waren.

Als alle Katzen versammelt waren, begannen sie in der Küche auf und ab zu spazieren, bald hierhin, bald dorthin zu springen, auf die Borde, zwischen die Töpfe und Krüge, auf den Herdrand – und ein paar wälzten sich sogar in der Asche, eine große Staubwolke aufwirbelnd. Derweil krochen die Kröten auf den Kochtöpfen herum, mit ihren Glöckchen läutend, und machten, wie die Zirkusclowns, Luftsprünge, Balancierübungen und andere erstaunenswerte Kunststücke.

Schließlich hüpfte die schwarze Katze, die die Anführerin der Schar zu sein schien und in deren grünlich schillernden Augen die Pfarrersnichte den Blick der Alten, mit der sie am Nachmittag gesprochen hatte, wiederzuerkennen glaubte, auf einen Stuhl, setzte sich auf die Hinterbeine und ergriff das Wort:

»Du hast dein Versprechen gehalten,« sagte sie. »Drum sind wir gekommen und harren deiner Befehle. Wenn du uns in unserer ursprünglichen Gestalt sehen möchtest und wünschest, daß wir dir helfen, deine Festtagskleider zu nähen oder den Teig zu den Broten anzurühren, die dein Oheim dir in Auftrag gegeben hat, so mache dreimal mit der linken Hand das Zeichen des Kreuzes und rufe dabei die höllische Dreieinigkeit an: Beelzebub, Astaroth und Belial.«

Zitternd führte Dorchen Punkt für Punkt aus, wie es ihr gesagt worden war, und sofort verwandelten sich die Katzen in alte Weiber, und die Weiber machten sich augenblicks daran, prächtige Stoffe von auffällig bunter Farbe zuzuschneiden, die Teile zusammenzunähen und daraus in größter Eile Spenzer und Röcke fertigzustellen. Unterdessen waren die Kröten, die überall herumkrochen, damit beschäftigt, mittels feiner blitzender Werkzeuge goldene Ohrgehänge, sowie mit kostbaren Steinen besetzte Ringe anzufertigen, und mit Hilfe winziger Ahlen und zierlicher Knieriemen ein paar Saffianschuhe herzustellen, die, als sie fertig waren, so entzückend aussahen, daß sich selbst eine Fee ihrer nicht hätte zu schämen brauchen!

War das ein Leben und eine Regsamkeit um Dorchen herum! Selbst die Flamme der Öllampe, die jene absonderliche Szene beleuchtete, schien auf ihrer Eisentülle vergnügt zu tanzen und den Widerschein ihrer fächerförmigen Blende, die sich in zitternden Kreisen, bald hell, bald dunkel, an der Wand abmalte, zusammenzulegen und wieder auseinanderzufalten.

Als der Morgen graute und krähend die Hähne den Dorfbewohnern den nahen Aufgang der Sonne verkündeten, war der ganze Spuk vorüber. Und dann setzten die Glocken der Pfarrkirche ein, gewaltig schwingend zu Ehren des heiligen Schutzpatrons ...

Der Tag verging unter Feierlichkeiten und Vergnügungen.

Nachdem die Messe vorüber war, verteilte Pfarrer Egidius seine Rundbrote unter die Armen, ohne zu ahnen, daß die Hexen geholfen hatten, den Teig zu kneten. Draußen auf den Tennen tanzten die Mädchen zu den Klängen des Dudelsacks und der Tamburine, und glänzten mit den Spangen und schönen Kleidern die sie sich in Tarazona gekauft hatten. Nur Dorchen saß allein und gelangweilt zu Hause; sie sah etwas müde und angegriffen aus von der durchwachten Nacht, die sie damit verbracht hatte, die Armenbrote zu backen. Aber seltsamerweise beklagte sie sich weder über ihr Los, noch kümmerte sie sich um die Scharen der schmucken Burschen und geputzten Mädchen, die vor dem Hause vorüberzogen. Darüber war ihr Oheim nicht wenig erstaunt!

Endlich, endlich wurde es Abend; der Pfarrersnichte schien es diesmal länger gedauert zu haben als sonst. Pfarrer Egidius legte sich, wie es seine Gewohnheit war, nach dem Avemaria zu Bett, während die junge Welt auf dem Dorfplatz den Holzstoß aufflammen ließ, um dort weiterzutanzen.

Sobald ihr Oheim schlief, holte Dorchen eiligst die Geschenke der Hexen hervor – zog die schönen Kleider an, hakte sich die feinen goldenen Ohrgehänge ein, deren helle blitzende Steine auf ihren frischen Wangen wie Tautropfen auf einem goldgelben Pfirsich lagen, schlüpfte in die kleinen Saffianschuhe, steckte auf jeden Finger einen Ring und wandte sich dorthin, wo die Burschen und Mädchen im Schein des Feuers zu den Klängen der Tamburine und der Gitarre tanzten.

Von tausendfarbigen Funken gekrönt, schlugen die züngelnden Flammen höher als die Dächer der nahen Häuser; weithin fielen die langen Schlagschatten der Schornsteine und des Kirchturms ...

Man kann sich die Wirkung vorstellen, die Dorchens Erscheinen hervorrief! Die anderen Dorfschönen, die bis dahin die arme Pfarrersnichte an Luxus weit übertroffen hatten, wurden jetzt in den Schatten gestellt und mußten Mauerblümchen spielen. Alle Männer stritten sich um die Ehre, aus Dorchens Augen einen Blick zu erhaschen, und die Frauen bissen sich vor Wut die Lippen wund. Wie ihr die Hexen vorausgesagt hatten, hätte der Triumph ihrer Eitelkeit nicht größer sein können.

Das Fest des Schutzheiligen ging zu Ende, und obgleich Dorchen schlau genug war, ihre Ringe und Kleider zu unterst in der Truhe verwahrt zu halten, sprach man vier Wochen lang im Dorf von nichts anderem.

»Ei, ei!« sagten die Leute zu Pfarrer Egidius. »Ihr habt Eure Nichte ja zu einem wahren Goldpüppchen herausstaffiert! Was für ein Aufwand! Wer hätte das geahnt, daß Ihr nach all dem, was Ihr für Almosen ausgebt, noch soviel für Putz und Tand übrig habt!«

Pfarrer Egidius aber war die Güte selbst. Ihm kam nicht der leiseste Gedanke, daß dahinter etwas Wahres stecken könnte. Er glaubte, die Leute hätten sich mit ihm einen Spaß erlaubt und über die ärmliche Kleidung Dorchens gewitzelt, die der Nichte eines Pfarrers, einer der angesehensten Persönlichkeiten in den Dorfschaften, nicht würdig war. Und lächelnd gab er zur Antwort, um nicht Spaßverderber zu sein:

»Ja, was wollt Ihr denn?! Wer ein Licht hat, läßt es leuchten!«

Unterdessen taten die schönen Kleider Dorchens ihre Wirkung.

Seit jenem Abend fehlten niemals Blumensträuße vor den Fenstern, Gitarrenklänge vor der Haustür und verliebte Burschen an der Straßenecke. Und diese Burschen und Lieder und Sträuße führten zu dem natürlichen Ende, daß sich die Pfarrersnichte schon nach zwei Monaten mit einem der reichsten Burschen im Dorfe verheiratete. Damit aber ihr Triumph ein vollständiger sein sollte, war dieser selbe Bursche bis zu dem unvergeßlichen Abend, an dem sie sich am Feuer gezeigt hatte, der Bräutigam eines jener Nachbarmädchen gewesen, die ihre neuen Kleider stets vor der Haustür genäht und ihr so manches liebe Mal Grund zum Ärger gegeben hatten.

Nur der arme Pfarrer Egidius büßte an jenem Abend für alle Zeiten die Kraft seiner Beschwörungssprüche und Besprengungen ein. Zu seinem großen Erstaunen und zur Verwunderung der ganzen Gemeinde nisteten sich die Hexen wieder in der Burg ein. Unzählige Plagen befielen das Vieh. Die Mädchen im Dorf wurden von unbekannten Krankheiten heimgesucht. Die kleinen Kinder wurden nachts in der Wiege verprügelt. Und in jeder Samstagnacht, sobald die Glocken für die Seelen der Verstorbenen geläutet hatten, sahen die Einwohner von Trasmoz Scharen von Hexen, so dicht wie eine Schar Kraniche, am Himmel vorüberziehen. Die einen lärmten mit Schellentrommeln, die andern mit Trompeten und Klappern, und, rittlings auf ihren Besenstielen, flogen sie alle aufwärts nach der Burg, um im Schatten der Mauern und des zerfallenen Bergfrieds ihren Hexensabbat zu feiern.

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