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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Der Tod der alten Kaska

Es mögen jetzt wohl zwei oder drei Jahre her sein, daß die saragossaner Zeitungen von einem Verbrechen berichteten, welches in einem Dorfe der Umgegend verübt worden war. Und zwar handelte es sich um den Mord an einer alten Frau, die unter ihren Nachbarn als Hexe verschrien war ... Durch ein eigenartiges Zusammentreffen habe ich kürzlich Gelegenheit gehabt, die Geschichte ausführlich und mit allen Einzelheiten kennenzulernen. Der Fall ist so unerhört, daß man ihn mitten in unserem aufgeklärten Jahrhundert nicht mehr für möglich halten sollte. –

Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als ich von Litago aufbrach, um nach Trasmoz zu reiten. Vom frühen Morgen an war der Himmel trübe und bedeckt gewesen und wurde nun dunkler und dunkler, je mehr das Licht der Sonne abnahm und immer trübseliger durch Nebelschleier hindurchschimmerte.

Zweck meiner Studienfahrt war, die berühmte Burg von Trasmoz zu besichtigen. Dieses Dörfchen war von Litago auf dem kürzesten Wege in einer Dreiviertelstunde zu erreichen. Ich aber wählte wie gewöhnlich den längsten, beschwerlichsten und unkenntlichsten. Wohl setzte ich mich so allerhand Mühseligkeiten aus, vor allem der Gefahr, zwischen dem Gestrüpp und dem Felsgewirr den Weg zu verlieren, aber dagegen verschaffte ich mir das Vergnügen, eine der wildesten und großartigsten Landschaften kennenzulernen. Und wirklich verirrte ich mich denn auch – trotz der genauen Anweisungen, die man mir im Dorf kurz vor meinem Aufbruch gegeben hatte!

Ich geriet in den unwegsamsten und zerklüftetsten Teil des Gebirges, mußte absitzen und mein Tier auf fast unmöglichen Saumpfaden am Zügel führen. Bald ging ich aufwärts auf einen Grat hinauf, um einen Ausweg aus dem Labyrinth zu erspähen, bald einen steilen Hang hinunter, in der Annahme, ich könnte auf diese Weise ein Stück Wegs abschneiden. So streifte ich aufs Geratewohl eine gute Stunde umher, bis ich schließlich in einer Schlucht mit einem Hirten zusammenstieß, der dort seine Herde tränkte. Der Bach, der in einem Rinnsal von tausendfarbigem Gestein dahergeplätschert kam, wand sich hier durch die Klamm mit einem eigenartigen Rauschen, vernehmbar schon aus weiter Entfernung inmitten des tiefen Schweigens der Natur, die dort um diese Zeit in Schlaf versunken scheint.

Ich fragte den Hirten nach dem Weg ins Dorf, das meiner Berechnung nach nicht mehr sehr weit sein konnte. Obwohl ohne festen Pfad, hatte ich mich dennoch bemüht, stets die Richtung beizubehalten, die man mir gewiesen hatte. Der gute Mann gab mir auf meine Frage nach bestem Wissen Bescheid. Schon hatte ich meinen verunglückten Ritt wieder aufgenommen und war dabei, auf Händen und Füßen und das Tier hinter mir herziehend, wie der liebe Gott es mir eingab, zwischen einem Gewirr von Stein und Dorngestrüpp hochzukrabbeln, als der Hirt, mir aus der Ferne nachblickend, laut rief, ich solle ja nicht den Hexensteig nehmen, wenn ich heil und gesund oben anzukommen wünschte ...

In der Tat wurde der Weg, den ich irrtümlicherweise eingeschlagen hatte, mit jedem Schritt steiler und schwieriger. Die hohen Felsen, die sich auf mich herabzusenken schienen, verbreiteten schon tiefe Dunkelheit. Das ohrenbetäubende Rauschen des Baches, der tief unter mir dahinschoß; die blauen, auf- und abwallenden Nebelschwaden, die nach und nach aufstiegen und sich durch die ganze Schlucht zogen, alle Formen und Farben verwischend, – das alles zusammen verwirrte den Blick und legte sich auf die Brust mit einem beklemmenden Gefühl, das man wohl gemeinhin als Vorboten der Furcht bezeichnet.

Ich kehrte um und kletterte wieder zu der Stelle hinab, wo sich der Hirt befand. Gemeinsam schlugen wir dann einen Pfad ein, der ins Dorf führte, wo auch mein Führer die Nacht zu verbringen gedachte. Unterwegs trieb mich eine gewisse Neugier, ihn zu fragen, warum es denn – abgesehen von den Schwierigkeiten des Aufstiegs – so besonders gefährlich sei, auf dem sogenannten Hexensteig den Grat zu erklimmen.

»Weil Sie, bevor Sie oben ankommen,« erwiderte er im natürlichsten Ton der Welt, »um die Schlucht herumklettern müssen, in welche die verfluchte Hexe fiel und wonach der Pfad der Hexensteig heißt. Wie man sagt, muß ihre Seele noch immer in dem Loch herumspuken, weil weder Gott noch Teufel sie bei sich aufnehmen wollten, als sie ihr aus dem Leibe fuhr.«

»Nanu!« rief ich in gut gespieltem Erstaunen, obwohl ich gestehen muß, daß ich auf diese oder eine ähnliche Antwort gefaßt war. »Was zum Teufel! hat die Seele der armen Alten denn hier in dieser Wildnis zu schaffen!«

»Die Hirten zu narren und herumzuhetzen, wenn sie das Unglück haben, sich an jenen Hang zu verirren. Bald raschelt sie im Gebüsch, als wenn sie ein Wolf wäre, bald schreit sie kläglich wie ein kleines Kind ... Oder hockt in einer der Felsspalten der Schlucht, mit ihrer gelben vertrockneten Hand denen zuwinkend und sie mit ihren Eulenaugen anstarrend, die am Rand des Abgrundes vorübergehen. Wehe aber denen, die schwindlig werden! Dann macht sie einen Sprung, packt sie am Bein und zerrt sie in die Schlucht hinab ... Ach, du verfluchte Hexe!« erboste sich der Hirte und streckte die geballte Faust drohend gegen die Klippen aus. »Du verfluchte Hexe! Schandtaten genug hast du bei Lebzeiten ausgeführt, und nun, da du tot bist, läßt du uns noch nicht in Frieden! Aber warte nur: dir und deiner ganzen verteufelten Hexenbrut werden wir einer nach der andern wie Natterngezücht den Kopf breitklopfen.«

»Soviel ich sehe,« sagte ich zu dem Hirten, als er mit seiner seltsamen Verwünschung fertig war, »scheinen Sie über die Untaten dieses Frauenzimmers ja gut unterrichtet zu sein. Haben Sie sie etwa noch gekannt? Sie sehen mir noch gar nicht so alt aus, um in einer Zeit gelebt zu haben, wo es noch Hexen auf Erden gab.«

Der Hirte, der mir als Wegweiser vorausschritt, blieb überrascht stehen und sah mir prüfend in die Augen, wie um sich zu überzeugen, daß ich mich auch nicht über ihn lustig machte.

»Ich sehe Ihnen noch nicht alt genug aus, um sie gekannt zu haben!« rief er mit bewunderungswürdiger Ernsthaftigkeit. »Und wenn ich Ihnen nun sage, daß es noch nicht einmal drei Jahre her sind, als ich mit meinen eigenen Augen (die Erde soll mich verschlingen, wenn es nicht wahr ist!) die Alte von der Wand da oben herabstürzen sah? Daß ich gesehen habe, wie jede Klippe und jeder Dornbusch ihr aus Kleid und Fleisch ganze Fetzen herausgerissen hat, bis sie unten schließlich breitgequetscht wie eine Schlange liegen geblieben ist?!«

»Dann allerdings«, versetzte ich, von der Treuherzigkeit des guten Mannes überrascht, »muß ich Ihren Worten bedingungslos Glauben schenken. Ich bin zwar bisher der Meinung gewesen,« fügte ich mit besonderem Nachdruck hinzu, um zu sehen, welche Wirkung diese Worte auf ihn ausüben würden, »daß all dies Gerede von Hexen und Zauberei nichts weiter als alte alberne Dorfgeschichten sei.«

»O ja, so sagen alle Herren aus der Stadt! Sie haben ja nicht darunter zu leiden! Und unter der Begründung, alles sei pure Erfindung, sperren sie obendrein noch die armen Kerle ein, die uns Somontanern eine wahre Wohltat erwiesen haben, indem sie die böse Alte in die Schlucht warfen!«

»Also ist sie gar nicht zufällig abgestürzt? Man hat sie mir nichts dir nichts hinuntergestoßen? – Sieh mal an! Erzählen Sie doch mal, wie das kam ... das muß eine interessante Sache gewesen sein!« sagte ich und machte dazu ein sehr verwundertes und ernsthaftes Gesicht, damit der gute Mann nicht etwa argwöhnen sollte, ich lauschte seinem Gewäsch lediglich aus Kurzweil. Denn ich muß gestehen, erst später, als ich die näheren Umstände der Begebenheit erfuhr, fiel mir wieder ein, daß ich tatsächlich in den Provinzblättern etwas über eine derartige Begebenheit gelesen hatte.

Das Interesse, das ich seiner Erzählung entgegenbrachte, überzeugte den guten Hirten, daß er nicht einen von »diesen Herren aus der Stadt« vor sich habe, die seine Geschichte für albernes Gewäsch nehmen. Er zeigte auf einen der spitzen Felsen oben auf dem Gipfel, die sich dunkel und gebieterisch von dem grauen Himmel abhoben und hinter denen die Wolken rötlich schimmerten, von der untergehenden Sonne gefärbt:

»Sehen Sie da oben, ganz oben die Koppe,« sagte er, »die so aussieht, als wäre sie künstlich ausgehauen? Ja, die da, in deren Spalten der Ginster und die Brombeeren wachsen ...

Mir ist es so, als wäre es erst gestern geschehen! Ich befand mich etwa zweihundert Schritt oberhalb der Stelle, wo wir uns vorhin trafen – und auch wohl um dieselbe Stunde mag es gewesen sein, daß ich ein gellendes Geschrei zu hören glaubte. Bald schien es von der einen Seite zu kommen, bald von der anderen ... Heulen und Fluchen und dazwischen wütende Männerstimmen ... als wenn Hirten im Gestrüpp einen Wolf aufstöbern ...

Wie gesagt, die Sonne ging gerade unter, und der Himmel schimmerte feuerrot. Plötzlich tauchte da oben ein scheußliches altes Weib auf – zerlumpt und mager wie ein Gerippe, das seiner Gruft entsteigt und noch in zerfetzte Schweißtücher eingewickelt ist ...

Ich erkannte aber bald, daß es die alte Kaska war.

Die alte Kaska war nämlich in der ganzen Gegend berüchtigt. Ich brauchte bloß die grauen Haarsträhnen zu sehen, die sich ihr wie Nattern um die Stirn ringelten, – und dazu die ganze wahnschaffene Gestalt zu betrachten: den krummen Rücken und die langen, eckigen Arme, um eben in ihr die Hexe von Trasmoz zu erkennen.

Als sie den Rand der Schlucht erreicht hatte, blieb sie stehen, ohne zu wissen, wohin sich wenden. Augenscheinlich wurde sie verfolgt, und die männlichen Stimmen waren die ihrer Verfolger, die immer näher und näher kamen ... Dann und wann krümmte sie sich, duckte nieder und hüpfte hin und her, um den Steinen auszuweichen, die man nach ihr warf. Wahrscheinlich hatte sie die Büchse mit der Hexensalbe nicht bei sich – sicher nicht, denn sonst hätte sie ja über die Schlucht hinüberfliegen können, ihrer Verfolger spottend und sie keuchend zurücklassend wie Hatzhunde, welche die Fährte verlieren. Gott aber hatte es wohl so eingerichtet, und es war sein Wille, daß sie jetzt für alle ihre Schandtaten büßen sollte ...

Die ersten der Burschen, die ihr nachstellten, langten oben an. Und nun tauchten immer mehr Leute auf – die einen hatten Steine in der Hand, die andern waren mit Knüppeln bewaffnet, und noch andere mit Messern.

Und jetzt kommt das Entsetzliche ...

Als die Alte, diese verfluchte Heuchlerin! sich eingeschlossen sah, warf sie sich auf den Boden, kroch an ihre Verfolger heran, küßte dem einen die Füße und umklammerte dem andern die Knie, den Beistand der Mutter Gottes und aller Heiligen anflehend. Wie eine Blasphemie klangen diese Namen in ihrem vermaledeiten Munde!

Aber die Burschen ließen sich von ihrem Lamentieren ebensowenig erweichen als ich vom Regen, wenn ich im Trocknen sitze.

›Ich bin eine arme alte Frau ... hab' niemand was zuleid getan! Weder Kinder hab' ich noch Eltern, die mir beistehen können ... Gnade, Gnade! Habt Mitleid mit mir!‹ heulte die Alte.

Einer der Burschen jedoch packte sie mit der einen Hand am Schopf, während er in der andern ein Klappmesser hielt, das er mit Hilfe der Zähne öffnete, und erwiderte ihr, brüllend vor Wut:

›Ah, du Teufelshexe ... jetzt ist's zu spät zum Lamentieren! Jetzt kennen wir dich alle!‹

›Du hast meinem Maultier was angehext! Keinen Bissen hat es seitdem mehr gefressen ... ist vor Hunger krepiert, mich im Elend zurücklassend!‹ – rief ein anderer.

›Du hast meinem Jungen ein schlimmes Auge angehext ... hast ihn nachts aus der Wiege gerissen und ihn verprügelt!‹ – versetzte ein dritter.

Und alle schrien wild durcheinander:

›Du hast meine Schwester ins Unglück gebracht!‹

›Meine Braut hast du mir abspenstig gemacht!‹

›Das Heu hast du mir vergiftet!‹

›Das ganze Dorf hast du behext!‹

Regungslos verharrte ich an derselben Stelle, wo ich zuerst das höllische Geschrei vernommen hatte. Auch nicht ein Glied konnte ich rühren – so gespannt war ich auf den Ausgang der Szene!

Das gellende Kreischen der alten Kaska übertönte all die anderen Stimmen, die ihr ihre Schandtaten ins Gesicht brüllten. Fortgesetzt jammerte und schluchzte sie, Gott und den heiligen Schutzpatron als Zeugen ihrer Unschuld anrufend.

Schließlich aber sah sie wohl ein, daß ihr keine Hoffnung mehr blieb. Und da erbat sie sich als letzte Gnade, vor ihrem Tode ein kurzes Gebet sprechen zu dürfen, um den Himmel um Vergebung ihrer Sünden zu bitten. Und so, wie sie war, am Rande der Schlucht kniend, faltete sie die Hände und begann zwischen den Zähnen was weiß ich für dunkle Beschwörungsformeln zu murmeln. Infolge der Entfernung, die mich von ihr trennte, war es mir nicht möglich zu hören, was sie sprach ... Aber auch die anderen neben ihr verstanden nicht ein Wort! Die einen behaupten, es sei Latein gewesen – andere, eine ganz wilde, völlig unbekannte Sprache ... Einer will allerdings gehört haben, daß sie tatsächlich betete – aber die Gebete von rückwärts aufsagend, wie es bei so bösen Weibern üblich ist.«

Der Hirte schwieg einen Augenblick und sah sich ringsum.

»Achten Sie mal auf das Grabesschweigen, das hier in der ganzen Schlucht herrscht!« fuhr er fort. »Kein Stein gibt einen Laut von sich und kein Blatt bewegt sich! Die Luft steht still – legt sich einem auf die Brust, als wolle sie ihn plattdrücken. Und sehen Sie da oben die grauen Nebelschwaden! Allmählich werden sie den ganzen Hang des Moncayo überziehen – als ob es nicht genug Schluchten gäbe, wo sie brauen könnten! Schauen Sie, wie sie langsam vorwärtsschleichen – wie eine Geisterschar, von unsichtbarer Kraft bewegt!

Dasselbe Grabesschweigen herrschte auch damals. Genau so beängstigend sah auch damals der Abendnebel aus, genau so seltsam um die fernen Bergspitzen kreisend – die ganze Zeit über, die jene spannende Pause währte! Ich gestehe ganz offen: mir wurde bange ... Ja, wer konnte auch wissen, ob die Hexe nicht den Augenblick zu einer schrecklichen Verwünschung benutzte? Ob sie nicht die Toten aus den Gräbern heraufbeschwor, alle Schlünde der Hölle in Aufruhr versetzte und, kraft ihrer Zaubersprüche, das tollste Teufelsgelichter ans Tageslicht lockte?

Und während die Alte betete, unaufhörlich betete, standen die Burschen unbeweglich dabei, als ob irgendein Zauber sie angeschmiedet hätte ...

Immer höher stiegen die dunklen Nebelschwaden, nach und nach alle Felsen einhüllend. Tausend seltsame Gebilde entstanden: scheußliche Ungeheuer, rote und schwarze Krokodile, gigantische, in weiße Gewänder gekleidete weibliche Gestalten, lange Dunststreifen, die, vom letzten Schimmer des Abendrots beleuchtet, farbigen Riesenschlangen glichen ...

Ich wandte nicht den Blick von jenem phantastischen Wolkenheer, das Sturm zu rennen schien gegen den Felsen, auf dessen Gipfel die Hexe dem Tode entgegenging. Jeden Augenblick war ich darauf gefaßt, daß sich der Nebel zerteilen würde, um eine verteufelte Menge böser Geister auszuspeien. Ich sah schon den entsetzlichen Kampf vor mir, der am Rande der Schlucht einsetzen würde – zwischen den braven Burschen, die an der Hexe Justiz üben wollten, und den Dämonen, die nun herbeikamen, um ihr zum Dank für die vielen Dienste aus der Patsche zu helfen ...«

»Aber wie ging es denn schließlich aus?« unterbrach ich die langatmige Erzählung meines Begleiters; denn allmählich wurde ich ungeduldig und wünschte die Lösung zu erfahren. »Hat man die Alte denn umgebracht? Ich irre mich wohl nicht in der Annahme, daß sich die bösen Geister – trotz der vielen Beschwörungen der Alten und trotz der zahlreichen Anzeichen, die Sie überall in der Luft wahrgenommen haben – mäuschenstill verhielten, ein jeder in seinem Loch, und sich in keiner Weise in die Dinge auf Erden hineingemischt haben? War es nicht so?«

»Allerdings, so war es! Vielleicht weil der Alten in ihrer Aufregung nicht gleich die rechte Formel einfiel – oder, was wahrscheinlicher ist, weil es gerade Freitag war (der Tag, an dem unser Herr Jesus Christus gestorben ist) und die Vesper noch nicht beendet war – die bösen Geister also noch keine Gewalt hatten ... Jedenfalls, als ihr teuflisches Geplapper immer noch kein Ende nehmen wollte, sagte ein Bursche zu ihr, sie möge endlich Schluß machen, und hob das Messer; um es ihr in den Leib zu bohren. Da aber schnellte die Alte, die eben noch so demütig und heuchlerisch dagelegen, mit einer so raschen Bewegung auf, wie sich eine wütende Schlange emporringelt, die zusammengerollt auf der Erde gelegen hat und getreten worden ist.

›O nein, ich will nicht sterben! will nicht sterben!‹ schrie sie. ›Laßt mich los! oder ich beiß euch in die Hand!‹

Aber sie hatte die Worte kaum hervorgebracht und sich wie eine Furie, mit offenem Haar, blutunterlaufenen Augen und stinkigem, von Speichel triefendem Munde, auf ihre Verfolger gestürzt: als ich sie auch schon einen entsetzlichen Schrei ausstoßen hörte. Und gleichzeitig sah ich, wie sie sich zwei- oder dreimal blitzschnell in die Seite fuhr, mechanisch ihre Hände besah und wieder besah, und dann, als wenn sie betrunken wäre, ein paar schwankende Schritte tat und den Abhang hinabstürzte.

Einer der Burschen – derselbe, dem die Alte eine Schwester behext hat (das schönste und beste Mädchen im ganzen Dorf!), – dieser also hatte ihr im selben Augenblick, wo sie ihm ihre spitzen schwarzen Zähne in den Arm grub, den Todesstoß versetzt ...

Aber glauben Sie, daß die Geschichte damit aus war? Keineswegs war sie das! Das Teufelsweib hatte ein siebenfaches Leben wie eine Katze. Sie purzelte einen Abhang hinunter, der so steil war, daß jeder andere, der dort abgestürzt wäre, erst ganz unten Halt gemacht hätte. Sie aber blieb an einer hervorstehenden Klippe hängen, vermutlich aufgefangen vom Teufel ... oder weil ihre Lumpen sich an einem Dornbusch verhedderten. Da baumelte sie nun und wand sich wie ein Reptil, das sich am Schwanz aufgehängt hat! ... Und, Herr des Himmels, wie sie schimpfen konnte! Was für greuliche Verwünschungen ihr aus dem Munde kamen! Also ... mir krampften sich die Muskeln und sträubten sich die Haare, nur vom Hören!

Die Burschen sahen unterdes von oben all den komischen Verrenkungen zu, die sie machte, und warteten auf den Augenblick, wo der letzte Kleiderfetzen, an dem sie noch hing, zerreißen und sie kopfüber von Klippe zu Klippe in die Tiefe der Schlucht hinabstürzen würde. Sie jedoch kletterte in ihrer Todesangst um das Gebüsch herum, wobei sie unaufhörlich schimpfte, bald fürchterliche Lästerungen ausstoßend, bald heilige Worte mit Flüchen vermengend. Ihre langen knochigen, schon blutigen Finger griffen wie Zangen in die Felsspalten. Mit den Knien, mit den Zähnen, mit den Beinen und Armen half sie nach, und vielleicht wäre es ihr gelungen, wieder den Rand des Abgrundes zu erklimmen, wenn nicht einer von denen, die ihr von oben zusahen und dies wohl befürchten mochten, einen großen Stein auf sie hinabgeworfen hätte. Der versetzte ihr einen solchen Stoß vor die Brust, daß Stein und Hexe holterdiepolter von Stufe zu Stufe hinunterrollten, aufschlagend auf den messerscharfen Kalksteinklippen, und schließlich tief unten in der Schlucht im Bach liegenblieben.

Dort lag die Hexe eine ganze Weile, ohne sich zu rühren, das Gesicht im Schlamm und Geröll des Baches, der blutgefärbt weiterfloß. Allmählich schien sie wieder zur Besinnung zu kommen. Durch ihre Glieder ging ein Zucken ... Sie schlug um sich, daß das blutbeschmutzte Wasser hochaufspritzte, und krampfte entsetzlich die Hände – ich weiß nicht, ob sie um Erbarmen flehte oder noch in den letzten Todesängsten Drohungen ausstieß ...

So arbeitete sie eine Zeitlang in vergeblichem Bemühen, den Kopf aus dem Wasser zu heben, um ein wenig Luft zu schnappen. Schließlich fiel sie tot zusammen ... ganz tot! Denn wir alle, die sie hatten abstürzen sehen, wußten, wozu eine so verschlagene Zauberin wie die alte Kaska fähig war, und wandten nicht eher den Blick von ihr, als bis es völlig dunkel war und wir in der Finsternis nichts mehr unterscheiden konnten. In dieser ganzen Zeit rührte sie nicht ein Glied. Wenn also der Messerstich und der Absturz nicht ausgereicht haben sollten, ihr den Garaus zu machen, so ist sie sicher im Bach ertrunken – in demselben Wasser, das sie so manchesmal in ihrem Leben behext hat, um unsere Schafe zu töten ...

Ja, ja, – wer mit dem Bösen im Bunde, geht bös zugrunde! sagten wir zu uns, nachdem wir noch ein letztes Mal in den dunklen Grund hinabgeschaut hatten. Dann bekreuzigten wir uns und baten Gott, er möge uns immer so, wie dieses Mal, gegen den Teufel und dessen Sippschaft beistehen. Langsam kehrten wir ins Dorf zurück, und als wir dort ankamen, riefen die Glocken von unserem alten Kirchturm die frommen Einwohner zum Abendgebet.« – –

Als der Hirte zu Ende erzählt hatte, waren wir gerade auf dem Grat des Berges angekommen, der dem Dorf gegenüberliegt. Nun erblickte ich auch die dunkle, gebieterische Burg und ihren einstmals so hohen Bergfried, von dem nur noch eine Mauerwand mit zwei Schießscharten erhalten ist. Durch diese beiden Löcher schimmerte das Licht, als ob sie die Augen eines Phantoms wären ... Es geht nämlich die Sage, daß in jener Burg, zwischen den alten dicken Mauern, die, aufgebaut auf einem Berge von schwarzem Schiefer und aus gewaltigen Felsblöcken zusammengetürmt, ein Werk von Riesen zu sein scheinen, – daß dort oben die Hexen der ganzen Umgegend ihre nächtlichen Zusammenkünfte abhalten ...

Düster und neblicht hatte die Nacht sich herabgesenkt. Von Zeit zu Zeit blinkte der Mond durch die zerfetzten Wolken, die, tief über dem Tal lagernd, dicht über unseren Köpfen schwebten. Dann begannen langsam die Glocken in Trasmoz das Avemaria zu läuten – als Finale der grausigen Geschichte, die ich soeben gehört hatte.

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