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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Der Kuß

I

Als sich zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ein Teil des französischen Heeres des altberühmten Toledos bemächtigte, belegten die Führer zuerst nur die größten und besten Gebäude der Stadt mit Truppen, denn sie wußten wohl, welcher Gefahr sie sich in den spanischen Städten aussetzten, wenn sie sich auf Bürgerquartiere zerstreuten.

Nach Besetzung der prächtigen Königsburg Karls des Fünften bezog man das Rathaus, und als auch das keine Soldaten mehr fassen konnte, drang man in die Zufluchtsstätten der geistlichen Orden ein. Ja, schließlich wurden sogar die Kirchen, dem Gottesdienst geweihte Stätten, in Pferdeställe umgewandelt. – In solcher Zwangslage befand sich die Stadt, als sich die Begebenheit zutrug, die hier erzählt werden soll.

.

Eines Abends, zu ziemlich später Stunde, zogen etwa hundert Dragoner in die Stadt ein, – alles Kerle jenes großen, kräftigen, übermütigen Schlages, von dem unsere Großeltern uns noch immer mit Bewunderung erzählen. Eingehüllt in ihre dunklen Reitermäntel trabten sie durch die engen, stillen Gassen, die vom Sonnentor zum Zokodoverplatz führen, und machten mit dem Klirren ihrer Waffen und dem lauten Getrappel ihrer Pferde, deren Hufe aus den Steinen Funken schlugen, einen geradezu ohrenbetäubenden Lärm.

Der Schwadronsführer, ein noch ziemlich junger Offizier, ritt etwa hundert Schritt seinen Leuten vorauf, leise mit jemand sprechend, der zu Fuß vor ihm herging und, seiner Kleidung nach zu urteilen, ebenfalls zum Militär gehörte. In der Hand trug dieser eine kleine Laterne, die ihm wohl in dem Gewirr der dunklen und krummen Gassen die Führung erleichtern sollte.

»Wahrhaftig,« sagte der Berittene zu seinem Begleiter, »wenn das Quartier, das man für uns bereithält, so ist, wie du es mir schilderst, so wäre es ja beinahe ratsamer, wir kampierten im Freien oder mitten auf dem Marktplatz!«

Augenscheinlich war der Führer ein Wachtmeister, der mit Quartiermachen beauftragt war. »Was wollen aber Herr Rittmeister dabei tun,« erwiderte er, »in die Burg geht auch nicht ein Weizenkorn mehr hinein, – und wieviel weniger ein Mann! Von St. Johannis der Könige ganz zu schweigen! Da gibt es Klosterzellen, in denen schon fünfzehn Husaren beisammen liegen. Das Kloster, zu dem ich Herrn Rittmeister führen werde, ist kein schlechtes Lokal, aber vor drei oder vier Tagen platzte uns da, wie aus den Wolken gefallen, eine jener Streiftruppen herein, die das Land durchziehen. Gott sei dank haben wir sie dazu gebracht, sich in den Kreuzgängen zusammenzupferchen und uns die Kirche zu lassen.«

Der Offizier schwieg eine Weile. Er schien sich allmählich mit der eigenartigen Behausung auszusöhnen, die ihm der Zufall beschert hatte. »Also gut!« rief er. »Besser was Unbequemes als gar nichts – und das ist auch schon etwas! Denn nach den dicken Wolken zu urteilen, ist es nicht unwahrscheinlich, daß es noch Regen geben wird!«

Hiermit wurde das Gespräch unterbrochen. Schweigend folgten die Reiter dem Führer, bis sie schließlich auf einen kleinen Platz kamen. In schwarzen Umrissen hob sich im Hintergrunde das Kloster ab, mit seinem maurischen Turm, dem spitzzulaufenden Glockenturm, der gotischen Kuppel und den dunklen, ungleichen Dachgiebeln.

»Dort ist das Quartier,« sagte der Quartiermacher, als es deutlicher hervortrat, zum Rittmeister. Dieser ließ die Truppe haltmachen und saß ab. Er nahm dem Führer die Laterne aus der Hand und ging auf das bezeichnete Gebäude zu.

Da die Klosterkirche völlig ausgeräumt und verlassen war, waren die Soldaten, die in den übrigen Räumen des Gebäudes hausten, der Meinung gewesen, daß Türen dort höchst überflüssig seien, und hatten Stück für Stück und Brett für Brett herausgebrochen, um damit Feuer zu machen und sich des Nachts zu wärmen.

Unser junger Offizier brauchte also weder einen Schlüssel umdrehen noch einen Riegel zurückschieben, um in das Innere der Kirche zu gelangen ...

Das schwache Licht der kleinen Laterne verlor sich im undurchdringlichen Dunkel des Kirchenschiffes und zeichnete an der Mauer in riesengroßem Maßstab den phantastischen Schatten des voranschreitenden Wachtmeisters ab. Bei ihrem Schein durchforschte der Offizier die Kirche von einem Ende zum andern und leuchtete nacheinander all die leeren Kapellen ab. Erst nachdem er sich mit den Räumlichkeiten genügend vertraut gemacht hatte, ließ er auch seine Leute absitzen, und bald tummelten sich Roß und Reiter durcheinander, und ein jeder machte es sich bequem, so gut es ging.

Wie gesagt, die Kirche war völlig ausgeräumt: an dem oberen Karnies am Hochaltar hingen noch einige Fetzen von dem Vorhang, mit dem die Mönche ihn umhüllt hatten, als sie den Raum verließen. In dem Schiffe verstreut standen einige Altartafeln an die Mauer gelehnt, die Heiligenbilder jedoch waren aus den Nischen entfernt. Ein Lichtschein fiel auf das Schnitzwerk des lärchenen Chorgestühls, seine Umrisse eigenartig säumend. Der Estrich, obschon an mehreren Stellen zertrümmert, zeigte noch große Grabplatten, mit Insignien, Wappen und langen gotischen Inschriften. Und hinten in den stillen Kapellen, auch längs des Kreuzschiffes, traten undeutlich, gleich weißen, regungslosen Gespenstern, steinerne Gestalten aus dem Dunkel hervor, die, ausgestreckt oder auf ihren marmornen Särgen kniend, die einzigen Bewohner des verfallenen Hauses zu sein schienen.

Jedem andern, der weniger ermüdet gewesen wäre als der junge Dragoneroffizier (ihn hatte ein Ritt von vierzehn Meilen die Knochen schier gemahlen!) – einem jeden, der weniger gewohnt gewesen wäre, Entweihungen dieser Art als die natürlichste Sache von der Welt anzusehen, hätten zwei Quentchen Einbildungskraft genügt, um in dem dunklen, unheimlichen Raum während der ganzen Nacht auch nicht ein Auge zu schließen. Dazu das laute Fluchen der Soldaten, die sich über das improvisierte Nachtlager beklagten; das Klirren ihrer Sporen, sooft diese mit den großen Grabplatten des Estrichs in Berührung kamen; das ungeduldige Stampfen und Kopfschütteln der Pferde, das Gerassel der Ketten, mit denen sie an die Pfeiler geschirrt waren – das alles zusammen bildete ein eigenartiges, furchterregendes Geräusch, das durch den ganzen Raum der Kirche klang und, in den hohen Gewölben widerhallend, mit jedem Mal verwirrender wurde.

Unser Held war trotz seiner Jugend mit solchen Wechselfällen des Soldatenlebens so vertraut, daß er gleich, nachdem er seine Leute untergebracht hatte, sich einen Futtersack bringen und ihn am Fuß der Treppe zum Presbyterium hinlegen ließ. Drauf hüllte er sich so gut es ging in seinen Mantel, bettete den Kopf auf die unterste Stufe, und schon nach fünf Minuten schnarchte er mit größerer Ruhe als König Joseph in seinem Schlosse zu Madrid.

Die Soldaten folgten seinem Beispiel und machten sich Kopfkissen aus dem Sattelzeug; und es dauerte nicht lange, so war auch ihr Reden und Schwatzen verstummt.

Eine halbe Stunde später vernahm man nur das leise Seufzen des Windes, der durch die zerbrochenen Fensterscheiben in die Kirche drang, das aufgeschreckte Flattern der Fledermäuse, die ihre Nester unter dem steinernen Baldachin der Statuen an den Wänden hatten, und den stets wiederkehrenden Schritt des Wachtpostens, der, in seinen weiten, faltigen Mantel gehüllt, vor dem Portal auf und ab ging.

 

II

In der Zeit, in welcher sich diese ebenso wahre wie außergewöhnliche Begebenheit zugetragen hat, war es nicht anders als heute: für den, der die Kunstschätze, welche die Mauern Toledos umschließen, nicht zu würdigen verstand, war die Stadt nichts weiter als ein altes, zerfallenes, rumpliges, widerwärtiges Nest.

Nach den vandalischen Heldentaten zu urteilen, mit denen sich das französische Heer in der Stadt ein trauriges, unvergängliches Denkmal gesetzt hat, waren seine Offiziere alles andere als kunstliebend und altertumskundig, und es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß sie in der altehrwürdigen Königsstadt sich ganz prächtig – langweilten.

In solcher Gemütsverfassung wurde auch die unbedeutendste Neuigkeit, welche die Ruhe und Eintönigkeit ihrer ewiggleichen Tage unterbrach, von den müßigen Marsjüngern dankbar begrüßt. Gleichgültig, ob es sich um die etatmäßige Beförderung eines ihrer Kameraden handelte, um die Nachricht von den strategischen Bewegungen irgendeiner Streifkolonne, um die Abreise eines Geheimkuriers oder die Ankunft irgendeines Truppenteils in der Stadt – alles wurde zu einem fruchtbaren Thema der Unterhaltung und blieb so lange Gegenstand ausführlicher Erörterungen, bis ein anderes Ereignis es ablöste und Anlaß zu neuen Ermessungen und Vermutungen abgab.

Die Offiziere pflegten täglich auf dem Zokodoverplatz zusammenzukommen, um ein Weilchen in der Sonne zu sitzen und zu plaudern, wie nicht anders zu erwarten, war am Tage nach der Ankunft der Dragoner von nichts anderem die Rede als eben von diesen und ihrem Führer, der sich inzwischen die nötige Ruhe gegönnt und sich von den Strapazen des Ritts ausgeschlafen hatte.

Wohl eine Stunde schon drehte sich das Gespräch um diesen Gegenstand. Schon fing man an, das Ausbleiben des Neuangekommenen, der von einem der Anwesenden, einem früheren Schulkameraden von ihm, zum Zokodover bestellt war, in verschiedener Weise zu deuten, als man schließlich in einer der Gassen, die in den Platz münden, des tapferen Rittmeisters ansichtig wurde. Den weiten Soldatenmantel hatte er abgelegt; er trug einen großen blanken Helm mit weißem Federbusch, einen türkisblauen Waffenrock mit roten Aufschlägen und einen prachtvollen Reitersäbel in stählerner Scheide, der nachschleifend den Schall seiner militärischen Schritte und das helle Klirren seiner goldenen Sporen im Takt begleitete.

Kaum hatte sein Kamerad ihn bemerkt, als er auch schon aufsprang und ihm entgegeneilte; und fast alle anderen, die sich gerade bei der Gruppe befanden, taten ein Gleiches. Denn alles, was sie über das eigenartige und sonderbare Wesen jenes Mannes gehört hatten, hatte sie neugierig gemacht und in ihnen den Wunsch geweckt, ihn kennenzulernen.

Man umarmte sich in der üblichen überaus herzlichen Weise – schreiend, fragend, sich beglückwünschend, wie es sich nun einmal bei solchem Zusammentreffen gehört. Lang und breit wurde der neueste Klatsch in Madrid durchgehechelt, das wechselnde Kriegsglück besprochen, der gefallenen oder fernen Freunde gedacht. Aus einem Gespräch kam man ins andere, und schließlich blieb man bei dem einen unerläßlichen Thema stehen – nämlich: den Unannehmlichkeiten des Dienstes, dem gänzlichen Mangel an Zerstreuungen in der Stadt und den elenden Quartieren ...

Bei dieser Gelegenheit fragte einer der Anwesenden, dem es augenscheinlich schon hinterbracht worden war, wie ungern sich der junge Offizier dazu verstanden hatte, seine Leute in der verwahrlosten Kirche unterzubringen, diesen mit spöttischem Lächeln:

»Da wir doch gerade vom Quartier sprechen, – wie haben Sie denn in Ihrem die Nacht verbracht?«

»Oh, da ist allerhand los gewesen,« entgegnete der Gefragte. »Ich muß zwar gestehen, viel geschlafen habe ich nicht, aber die Ursache meiner Schlaflosigkeit war des Wachens schon wert ... denn eine schlaflose Nacht neben einer schönen Frau ist sicher nicht das schlimmste von allen Übeln.«

»Neben einer Frau?« wiederholte der andere, höchst erstaunt über das fabelhafte Glück des Jüngstgekommenen. »Das ist ja gerade, wie wenn sich ein Blinder ins Himmelreich verirrt.«

»Es wird wohl eine alte Liebe aus der Residenz sein, die ihm die Verbannung hier in Toledo etwas erträglicher gestalten soll!« meinte ein anderer aus dem Kreise.

»O nein,« sagte da der Rittmeister, »nichts dergleichen. Mein Ehrenwort, ich habe sie vorher nicht gekannt und hätte auch nicht geglaubt, in einem so mißlichen Quartier eine so schöne Wirtin zu finden. Alles in allem ist es ein regelrechtes Abenteuer zu nennen.«

»Erzählen! Erzählen!« riefen einstimmig alle Offiziere, den Rittmeister umdrängend. Dieser zeigte sich auch nicht abgeneigt und begann die Erzählung unter der größten Aufmerksamkeit aller Anwesenden ungefähr folgendermaßen:

»Ich schlief in der Nacht, wie man schläft, wenn man einen Weg von dreizehn Meilen in den Knochen spürt. Plötzlich riß mich ein fürchterlicher Lärm aus dem besten Schlummer. Ich richtete mich auf, stützte mich auf die Ellenbogen ... es war ein solcher Radau, daß ich im ersten Augenblick völlig taub war. Noch eine Minute lang summte es mir in den Ohren, als wenn mir ein Brummer um den Kopf rumflöge. – Na, Sie können sich schon denken, was mich aufgeschreckt hatte: es war der erste Schlag, den ich von der verteufelt großen Glocke vernahm – so einer Art bronzenem Vorsänger, den sich die Pfaffen von Toledo in ihrem Dom aufgehängt haben, in der löblichen Absicht, alle Ruhebedürftigen totzuärgern.

Ich schimpfte durch die Zähne auf die Glocke und auf den Kerl, der sie läutete, und legte mich, als endlich der ungewohnte, tolle Lärm vorüber war, wieder hin, um möglichst an der Stelle weiterzuträumen, wo ich vorhin unterbrochen worden war. Da aber kam mir eine geradezu fabelhafte Sache zu Gesicht, die mich maßlos erregte. Bei dem fahlen Licht des Mondes, der durch das schmale maurische Bogenfenster in die Kirche schien, sah ich in der Hauptkapelle vor dem Altar eine Frau knien!«

Die Offiziere sahen überrascht und zweifelnd einander an; der Rittmeister aber wartete die Wirkung seiner Erzählung gar nicht ab, sondern fuhr fort:

»Sie können sich, meine Herren, nichts vorstellen, was dieser phantastischen nächtlichen Erscheinung auch nur entfernt gleichkäme. In der halbdunklen Kapelle hob sie sich nur undeutlich ab, wie eines von jenen farbigen Madonnenbildern, mit denen die Fenster bemalt sind ... Sie haben es wohl alle schon mal gesehen, wie diese in der Ferne hell und leuchtend aus der dunklen Kirchenmauer hervortreten.

Es war, als ob das einst schöngeflächte Antlitz dieser Frau schmal geworden wäre unter dem Stempel der Vergeistigung. In ihren schönen Zügen stand leise liebliche Wehmut. Sie war bleich, und die reinen, einfachen Linien ihrer schlanken Gestalt, ihre maßvolle, edle Haltung, ihr weißes fließendes Gewand – das alles erinnerte mich an die Frauen, von denen ich einst als Kind geträumt hatte. – Oh, diese keuschen, himmlischen Gestalten, diese erträumten Bilder der schwärmerischen Jugend!

Ich glaubte an eine Sinnestäuschung ... nicht einen Augenblick wandte ich die Augen, nicht einmal zu atmen wagte ich, aus Furcht, durch einen Hauch den Zauber zu zerstören.

Die Frau verharrte regungslos. Und wie ich sie vor mir sah ... so hell und leuchtend, kam es mir in den Sinn, daß es kein irdisches Wesen sein könne, daß es vielmehr ein Geist sei – ein Geist, der für einen Augenblick menschliche Gestalt angenommen habe, der herabgestiegen sei auf dem Mondenstrahl, jene bläuliche Lichtspur in der Luft nach sich ziehend, die von dem hohen Bogenfenster bis zum Fuß der gegenüberliegenden Mauer hinabreichte und die Finsternis jenes düsteren, geheimnisvollen Raumes zerteilte.«

Sein alter Schulkamerad, der die Geschichte anfangs recht scherzhaft gefunden, schließlich aber doch aufmerksam zugehört hatte, unterbrach ihn. »Aber ... wie kam denn die Frau dahin? Hast du nichts zu ihr gesagt? Hat sie dir keine Erklärung für ihre Anwesenheit an jenem Ort gegeben?«

»Ich konnte mich nicht entschließen, mit ihr zu sprechen. Ich wußte im voraus, daß sie mir nicht antworten würde, mich weder sehen noch hören.«

»War sie denn taub?« »War sie blind?« »War sie stumm?« riefen gleichzeitig drei oder vier Zuhörer.

Der Rittmeister schwieg eine Weile. »Ja, sie war alles zugleich. Sie war nämlich – aus Marmor.«

Bei dieser überraschenden Lösung des seltsamen Abenteuers brach die Gesellschaft in schallendes Gelächter aus. Nur der Erzähler der eigentümlichen Geschichte bewahrte als einziger seine Ruhe und seinen Ernst. »Ihnen kann geholfen werden!« sagte einer zu ihm. »Von dieser Sorte habe ich mehr als tausend, einen ganzen Harem voll, in St. Johannis der Könige! Dieser Harem steht von heute ab zu Ihrer Verfügung ... Ihnen scheint ja an einer Frau aus Stein ebensoviel gelegen zu sein wie an einer aus Fleisch und Blut.«

»O nein,« erwiderte der Rittmeister, ohne sich im geringsten über das Gelächter seiner Kameraden zu ärgern, »ich bin sicher, daß Ihre Frauen anders sind als die meine. Meine ist eine wirkliche kastilische Edelfrau. Ein Wunder der Bildhauerkunst weckt die Vorstellung, sie sei nicht in die Gruft gesenkt, sondern sie knie noch immer lebendigen Leibes auf der Grabplatte, unbeweglich mit betend gefalteten Händen, ekstatisch versunken in mystische Liebe.«

»Du drückst dich auf eine Weise aus, als wolltest du uns schließlich noch an die Sage von Galatea glauben machen.«

»Ich bekenne, daß ich diese Sage bisher immer für einen Unsinn hielt, aber seit heute nacht finde ich die leidenschaftliche Liebe des griechischen Bildhauers begreiflich.«

»In Anbetracht der besonderen Beschaffenheit deiner neuen Herzensdame, denke ich, wird es dir nicht unangenehm sein, sie uns vorzustellen, was mich anbelangt, so versichere ich dich, ich sterbe vor Ungeduld, dies Wunderwerk zu sehen ... Aber zum Teufel, was ist dir denn? Man könnte glauben, du wolltest dich um das vorstellen herumdrücken! Hähähä, das wäre ja hübsch, wenn du auf uns schon eifersüchtig wärst!«

»Eifersüchtig,« beeilte sich der Rittmeister zu sagen, »eifersüchtig ... auf Menschen, nein ... aber sehen Sie, meine Herren, wie weit meine Wunderlichkeit schon reicht. Neben der Grabfigur dieser Frau kniet ein Ritter, gleichfalls aus Marmor, und ebenso ernst und lebenswahr wie sie ... zweifellos ihr Gatte ... Kurz und gut – ich will Ihnen alles sagen. Sie mögen sich getrost über meine Blödigkeit lustig machen: wenn ich nicht fürchten müßte, als Verrückter angesehen zu werden, ich glaube, ich hätte ihn schon hundertmal in Stücke gehauen!«

Mit einem neuen und noch lauteren Gelächter begrüßten die Offiziere dies Geständnis des wunderlichen Liebhabers der steinernen Frau.

»Nichts zu machen! Jetzt wollen wir sie gerade sehen!« sagten die einen.

»Das versteht sich! Wir müssen doch wissen, ob das Ding einer so tiefen Leidenschaft würdig ist,« pflichteten die anderen bei.

»Also wann treffen wir uns zur Besichtigung Ihrer kirchlichen Behausung?« riefen die übrigen.

Nur einen Augenblick hatte aufblitzende Eifersucht die gewohnte Liebenswürdigkeit des jungen Rittmeisters verscheuchen können, »Wann es Ihnen am besten paßt!« versetzte er. »wenn Sie wollen: noch heute abend. Übrigens ... in meinem Gepäck habe ich ein paar Dutzend Flaschen Champagner mitgebracht, wirklichen Champagner; sie sind von einem Geschenk übriggeblieben, das man unserem Brigadegeneral gemacht hat, einem Verwandten von mir, wie Sie ja wissen.«

»Bravo, bravo!« riefen die Offiziere einstimmig, in Freudengeschrei ausbrechend.

»wir werden Wein aus der Heimat trinken!«

»Und ein Lied von Ronsart singen!«

»Und von schönen Frauen reden, – vor allem natürlich von der Herzensdame unseres Gastgebers!«

»Also ... auf heute abend!«

»Auf heute abend!«

 

III

Die friedlichen Bürger Toledos hatten schon längst die schweren altertümlichen Türen mit Schloß und Riegel zugesperrt. Die große Glocke der Kathedrale rief mahnend zur Ruhe, und von der Höhe der in eine Kaserne verwandelten Burg hallten die letzten Trompetenklänge des Zapfenstreichs.

Auf dem Zokodoverplatz hatten sich nach und nach zehn Offiziere eingefunden; sie schlugen den weg zu dem Kloster ein, in welchem der Rittmeister sein Quartier hatte, alle beseelt von dem Wunsche, die wunderbare Statue kennenzulernen, – mehr wohl noch von der Aussicht, die versprochenen Flaschen zu leeren.

Beängstigend düster war die Nacht hereingebrochen. Der Himmel hatte sich mit bleifarbenen Wolken bedeckt. In den engen krummen Gassen hatte der Wind sich heulend gefangen. Das schwache Licht vor den Heiligenbildern flackerte wie im Erlöschen, und die eisernen Wetterfahnen drehten sich mit schrillem Kreischen.

Kaum waren die Offiziere auf dem Platz aufgetaucht, an dem das Quartier ihres neuen Freundes lag, als dieser ihnen auch schon entgegentrat. Er hatte ungeduldig auf sie gewartet, und nachdem sie miteinander einige halblaute Worte gewechselt hatten, traten alle in die Kirche. In den dunklen Hallen kämpfte das spärliche Licht einer Laterne mühsam gegen undurchdringliche Finsternis.

»Potzsackerlot!« rief einer der Gäste, sich umschauend, »einen Laden, der sich schlechter zum Festefeiern eignet, gibt's auf der ganzen Welt nicht.«

»Wahrhaftig,« sagte ein anderer, »du lockst uns her, um uns mit einer schönen Frau bekanntzumachen, und dabei kann man kaum die Hand vor Augen sehen.«

»Und außerdem ist es hier hundekalt – es ist ja gerade, als wenn wir in Sibirien wären,« meinte ein Dritter, sich in seinen Mantel hüllend.

»Geduld, meine Herren,« warf der Gastgeber ein, »für alles wird schon gesorgt werden. Heda, Bursche,« wandte er sich an einen seiner Leute, »such' mal ein bißchen Holz zusammen und zünde uns in der Hauptkapelle ein gehöriges Feuer an!«

Der Bursche kam dem Befehl seines Rittmeisters augenblicks nach und machte sich daran, im Chorgestühl ein Brett nach dem andern loszubrechen. Nachdem er einen großen Haufen Holz zusammen hatte, schichtete er es am Fuß der Treppe zum Presbyterium auf, nahm die Laterne und veranstaltete ein Autodafé. Es waren Stücke darunter von reichstem Schnitzwerk – unter anderem sah man den Stumpf einer gewundenen Säule, das Bild eines heiligen Abtes, den Torso einer Frau, den unförmigen Kopf eines blätterumrankten Greifen ...

Binnen wenigen Minuten überflutete eine große Helle die Kirche ringsumher und kündete den Offizieren, daß die Stunde gekommen sei, wo das Fest beginnen könne.

Der Rittmeister spielte in seinem Quartier die Rolle des Gastgebers mit der gleichen Förmlichkeit, die er in seinem eigenen Hause gezeigt haben würde, Er wandte sich zu seinen Gästen mit den Worten:

»Wenn es den Herren gefällig ist, begeben wir uns jetzt in den Speisesaal.«

Seine Kameraden erwiderten die Einladung mit einer komischen Verbeugung, wobei sie sich des größten Ernstes befleißigten. Der Held des Festes übernahm die Führung, und so begab man sich zur Hauptkapelle. Vor der untersten Stufe blieb der Rittmeister stehen, zeigte mit der Hand in die Richtung, wo sich das Grabmal befand, und sagte mit vollendeter Höflichkeit:

»Ich habe das Vergnügen, Ihnen die Dame meines Herzens vorzustellen. Ich denke, Sie werden zugeben, daß ich von ihrer Schönheit nicht zuviel gesagt habe.«

Die Offiziere wandten den Blick auf die Stelle, die ihnen ihr Freund bezeichnet hatte, und unwillkürlich entfuhr allen Lippen ein Ausruf der Bewunderung.

In der Tiefe eines Grabgewölbes aus schwarzem Marmor sahen sie die Skulptur einer Frau, wie sie in der Tat niemals schöner aus den Händen eines Bildhauers hervorgegangen war. Mit gefalteten Händen und das Antlitz zum Altar erhoben, kniete sie vor einem Betstuhl – nicht die glühendste Phantasie wäre imstande gewesen, sie sich schöner und erhabener vorzustellen.

»Das ist ja ein wahrer Engel!« rief einer der Gäste. »Schade, daß sie aus Marmor ist.«

»Allerdings, die bloße Vorstellung, sich in der Nähe einer solchen Frau zu befinden, reicht hin, um die ganze Nacht kein Auge zu schließen.«

»Und wissen Sie nicht, wer sie ist!« fragten einige den Rittmeister, die Statue näher betrachtend.

»Ich hab' mich auf das bißchen Latein besonnen, das ich als Junge einst wußte,« entgegnete dieser, über seinen Erfolg befriedigt lächelnd, »und mit Mühe und Not ist es mir auch gelungen, die Grabinschrift zu entziffern. Soviel ich daraus entnehmen konnte, ist es die Ruhestätte eines kastilischen Edelmanns, eines berühmten Kriegers, der unter dem Großkonnetabel den Feldzug mitgemacht hat. Seinen Namen habe ich schon wieder vergessen; aber seine Gemahlin, die Sie hier vor sich sehen, heißt Elvira und ist eine geborene Castañeda. Und bei meiner Ehre, wenn das Bild dem Originale gleicht, muß sie die hervorragendste Frau ihrer Zeit gewesen sein.«

Nach diesen kurzen Erläuterungen machten sich die Gäste daran, eine Anzahl Flaschen zu entkorken; denn sie hatten keineswegs den Hauptzweck ihrer Beisammenseins aus dem Auge gelassen. Und als man rings um das Feuer Platz genommen hatte, begann der Wein die Runde zu machen.

Je öfter und gehöriger dem Getränk zugesprochen wurde und je mehr der Geist des schäumenden Champagnerweins in die Köpfe stieg, desto lauter und lebhafter wurde das Toben und Schreien der jungen Leute. Die einen warfen den steinernen Mönchen an den Pfeilern die leeren Flaschen an den Kopf; andere sangen aus voller Kehle freche Rauf- und Sauflieder; und noch andere klatschten Beifall und wollten sich schier krank lachen – oder stritten sich über irgendwas unter wildem Lästern und Fluchen.

Der Rittmeister trank in stummer Verzweiflung und verwandte kein Auge von dem Bildnis Doña Elviras.

Trunkenheit verschleierte schon seinen Blick, und es schien ihm bisweilen, als ob das Marmorbild, vom roten Schein des Feuers umflutet, sich in eine lebende Frau verwandelt hätte. Es sah aus, als öffne sie die Lippen und spräche ein leises Gebet, als höbe, von Seufzern beengt, sich ihr Busen; als krampften sich ihre gefalteten Hände; als verfärbten sich ihre Wangen, – ja, als triebe das gottlose und widerliche Schauspiel ihr die Schamröte ins Gesicht.

Als die Offiziere endlich gewahr wurden, daß ihr Kamerad dasaß und Trübsal blies, rissen sie ihn aus seiner Versunkenheit und boten ihm einen frischen Becher:

»Los, bringen Sie doch auch mal ein Hoch aus! Sie haben als einziger in der ganzen Nacht noch keinen Trinkspruch getan!« brüllte die ganze Gesellschaft.

Der junge Offizier stand auf, nahm den Becher und hob ihn hoch empor. Und den Blick auf die Statue des neben Doña Elvira knienden Ritters gerichtet, sagte er:

»Ich trinke auf den Kaiser ... und ich trinke auf das Glück seiner Waffen, denn ihnen verdanken wir es, daß wir bis ins Herz Kastiliens gedrungen sind und der Frau eines Siegers von Ceriñola an ihrem eigenen Grabe hofieren können.«

Die andern Offiziere begrüßten den Trinkspruch mit einem schallenden Gelächter.

Der Rittmeister machte schwankend ein paar Schritte auf das Grabmal zu.

»Nein,« fuhr er fort, mit dem blöden Lächeln eines Bezechten und immer zu der Statue des Ritters gewendet, »du brauchst nicht zu glauben, daß ich dir irgendwie böse bin ... in dir etwa einen Nebenbuhler sehe ... im Gegenteil, ich bewundere dich als das Muster eines geduldigen Ehemanns, bewundere dich wegen deiner vorbildlichen Langmut und Sanftheit ... ja, und ich ... ich möchte dir gegenüber auch großmütig sein. Als alter Soldat bist du sicher einem guten Tropfen nicht abgeneigt ... man soll nicht sagen, ich hätte dich verdursten lassen, während wir hier vor deinen Augen zwanzig Flaschen ausgetrunken haben ... da, nimm!«

Mit diesen Worten hielt er ihm den Becher an den Mund, so daß ihm der Inhalt über die Lippen floß. Den Rest goß er ihm ins Gesicht, und als er sah, wie der Wein an dem steinernen Bart des regungslosen Ritters herab auf das Grab tropfte, schlug er eine dröhnende Lache an.

»Rittmeister!« rief ihm da einer seiner Kameraden zu, um ihn zu hänseln, »nehmen Sie sich in Acht ... Bedenken Sie, daß einem die Späße mit solchen steinernen Kerlen oft teuer zu stehen kommen ... Sie wissen doch noch, was den Husaren vom Fünften Regiment im Kloster von Poblet geschehen ist ... Die Ritterbilder im Kloster sollen eines Nachts ihre steinernen Schwerter in die Hand genommen und denen gehörig eins versetzt haben, die mit ihnen ihren Spaß trieben und ihnen mit Kohle Bärte anmalten.«

Die jungen Leute nahmen diese Schnurre mit lautem Lachen auf. Der Rittmeister aber kümmerte sich nicht um ihr Gelächter und fuhr, immer noch mit derselben Idee beschäftigt, fort:

»Ja, glaubt ihr etwa, ich würde ihm den Wein gegeben haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß er wenigstens das wirklich hinunterschlucke, was ihm in den Mund gekommen ist ... o nein ... Ihr glaubt, diese Statuen seien nichts weiter als ein Stück Marmor – auch heute noch leblos und unbeseelt wie damals, als man es im Steinbruch absprengte ... Ich nicht ... ich glaube ganz bestimmt, daß der Künstler so ein halber Gott ist und seinem Werk lebendigen Odem einbläst. Es gelingt ihm zwar nicht, seiner Schöpfung auch Gehen und Bewegen beizubringen, aber er flößt ihr doch ein wunderbares, unbegreifliches Leben ein ... Ich kann mir dies Leben nicht recht erklären, aber ich fühle, daß es da ist – zumal wenn ich ein wenig getrunken habe.«

»Großartig!« schrien seine Kameraden, »trink mehr und rede weiter.«

Der Offizier trank; darauf richtete er seinen Blick auf das Bildwerk Doña Elviras und fuhr in steigender Erregung fort:

»Schaut sie an! Schaut sie euch doch an! Seht ihr nicht, wie ihre zarten, fast durchsichtigen Wangen abwechselnd blaß und rot werden ... sieht es nicht geradeso aus, als ob unter dieser feinen, bläulich zarten Alabasterhaut etwas Lichtes, Rosenfarbenes pulse ... wollt ihr denn noch mehr Leben? ... Wollt ihr noch mehr Wirklichkeit?«

»Aber ganz gewiß,« sagte einer der Zuhörer, »wir möchten, daß sie aus Fleisch und Blut sei!«

»Aus Fleisch und Blut! ... Erbärmliches, faulichtes Zeug!« entgegnete der Rittmeister. »Ich hab' in manch einer tollen Liebesnacht Kopf und Lippen brennen gefühlt, ich hab' das Feuer kennengelernt, das wie glühende Lava durch die Adern fließt, – hab' gefühlt, wie die stickigen Dämpfe des Kraters den Geist umnebeln und die Sinne benehmen und scheußliche Fratzen hervorzaubern. Dann haben die Küsse solcher Weiber aus Fleisch und Blut mich wie feurige Zangen versengt. Widerwillen, Entsetzen, ja geradezu Ekel stieg in mir auf, und ich stieß sie von mir. Auch damals brauchte ich schon einen Hauch frischer Meeresluft für meine heiße Stirn, – mußte Eiswasser trinken und Schnee küssen ... Schnee, von weichem Licht übergossen, Schnee, vom Sonnenstrahl vergoldet ... Eine Frau – ach, so weiß, so schön und kalt wie diese Frau aus Stein ... wie diese Frau, die mich reizt mit ihrer phantastischen Schönheit, die sich im Takt der flackernden Flammen zu wiegen scheint und mich herausfordert ... oh, wie sie die Lippen halb öffnet und mir Schätze an Liebe verspricht! ... O ja – ein Kuß ... nur ein Kuß von dir vermag die Glut zu mildern, die mich verzehrt!«

»Rittmeister!« riefen einige der Offiziere, als sie sahen, daß er, wie außer sich, mit irrem Blick und schwankendem Schritt auf die Statue zuging. »Was für eine Tollheit wollen Sie begehen? Genug der Scherze! Lassen Sie die Toten in Frieden!«

Der junge Offizier vernahm nicht einmal seiner Freunde Worte. So gut er vermochte, schwankte er an das Grab heran und war der Statue schon ganz nahe. Aber da – im selben Augenblick, als er die Arme ausstreckte, gellte ein Schrei des Entsetzens durch die Kirche. Aus Augen, Mund und Nase blutend, fiel er wie ein gefällter Baum und mit entstelltem Gesicht am Fuß des Grabmals hin.

Die Offiziere standen in fassungslosem Entsetzen und wagten nicht, einen Schritt zu tun und ihm beizuspringen.

Sie hatten gesehen ... hatten gesehen, wie im selben Augenblick, als ihr Kamerad seine glühenden Lippen auf Doña Elviras Mund pressen wollte, der unbewegliche Ritter den Arm hob und ihn mit einem furchtbaren Schlag seiner steinernen Hand zu Boden streckte.

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