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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Das goldene Armband

 

I

Sie war schön, so schön, daß man schwindelig wurde, wenn man sie ansah. Ihre Schönheit war nicht von jener Art, wie wir uns die Engel vorstellen, dennoch hatte sie etwas Übernatürliches ... etwas Faszinierendes – jenen Zauber, mit dem der Teufel vielleicht dieses oder jenes Geschöpf ausstattet, um es auf Erden zu seinem Werkzeug zu machen.

Er liebte sie. Liebte sie mit jener Liebe, die nicht Zügel noch Grenzen kennt ... mit einer Liebe, die höchste Wonne verheißt und mit Folterqualen belohnt wird, – die Glückseligkeit dünkt, vom Himmel jedoch zur Tilgung einer Schuld dem Liebenden eingeflößt worden ist.

Sie war launisch – launisch und überspannt wie alle Frauen auf Erden.

Er abergläubisch – abergläubisch und tapfer wie alle Männer seiner Zeit.

Sie hieß Maria Antunez.

Er Peter Alfons von Orellana.

Beide waren Toledaner, und beide lebten in der Stadt ihrer Geburt.

Weitere Einzelheiten über diese beiden Personen sind uns nicht überliefert worden, denn die wunderbare Geschichte, die von ihnen handelt, hat sich schon vor vielen Jahren zugetragen.

Ich als wahrheitsliebender Chronist werde auch nicht ein einziges Wort zwecks besserer Charakteristik hinzudichten.

 

II

Er fand sie eines Tages in Tränen und fragte sie: »Warum weinst du?«

Sie trocknete ihre Augen, sah ihn starr an und seufzte – dann brach sie von neuem in Tränen aus.

Da trat Peter an sie heran und ergriff ihre Hand. Er stützte sich mit dem Ellbogen auf das maurische Geländer, von wo aus Maria auf den Fluß hinuntersah, und fragte noch einmal: »Warum weinst du?«

Tief unter ihnen wand sich brausend der Tajo durch die Schlucht, die Felsen umspülend, auf denen die königliche Stadt sich erhebt. Hinter den nahen Bergen vertauchte die Sonne, der Abendnebel wogte auf und ab wie ein Schleier aus blauem Flor, und nur das eintönige Rauschen des Windes unterbrach die tiefe Stille.

»Frag mich nicht, warum ich weine!« rief Maria. »Frag mich nicht! Ich wüßte dir weder zu antworten, noch du würdest mich verstehen. Es gibt Wünsche im Herzen einer Frau – so geheim und verborgen, daß nur ein leiser Seufzer sie verrät. So wahnwitzige Gedanken schießen uns durch den Kopf, daß die Lippe nicht wagt, sie auszusprechen! Ganz unbegreifliche Erscheinungen, Erzeugnisse unserer rätselhaften Natur, von der ein Mann sich nicht die leiseste Vorstellung machen kann. Also ich bitte dich: frag mich nicht nach dem Grund meines Weinens! wenn ich ihn dir mitteilte – du würdest mich doch nur auslachen.«

Nach diesen Worten senkte sie wieder den Kopf. Er aber wiederholte sein Bitten und Fragen.

Endlich brach die Schöne ihr beharrliches Schweigen und sagte mit dumpfer, stockender Stimme zu ihrem Liebsten:

»Gut, wenn du es durchaus willst – es ist etwas so Wahnwitziges, daß du über mich lachen wirst! Aber es soll mir gleich sein ... ich werde es dir sagen, weil du es wissen willst.

Gestern war ich in der Kathedrale, zum Fest der Heiligen Jungfrau. Ihr Standbild, auf einem goldenen Sockel über dem Hochaltar, strahlte in einem Flammenmeer von tausend Kerzen. Die Klänge der Orgel brausten, widerhallend im ganzen Raum der Kirche, und auf dem Chor stimmten die Priester das Salve Regina an.

Ich betete und betete, ganz versunken in fromme Gedanken. Mechanisch hob ich dabei den Kopf und blickte nach dem Altar. Ich weiß nicht, wie es kam, daß meine Augen sofort an dem Bild hängen blieben – nein, das ist nicht richtig, an dem Bild nicht ... an einem Gegenstand, den ich vorher gar nicht bemerkt hatte – einem Gegenstand, der von nun an, ohne daß ich mir's erklären konnte, meine ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte ... Lach' nicht! Dieser Gegenstand war das goldene Armband, das die Muttergottes an dem Arm trägt, in welchem ihr göttlicher Sohn ruht ...

Ich zwang mich fortzusehen und wieder zu beten – unmöglich! Unwillkürlich kehrten meine Augen immer wieder zu dem Armband zurück. In den tausend Facetten seiner Diamanten spiegelten sich die Altarkerzen, was ein märchenhaftes Glitzern erzeugte. Millionen roter und blauer, grüner und gelber Lichtfunken tanzten um die Steine wie ein Wirbel von Feueratomen, wie ein sinnverwirrender Reigen von Flammengeistern – faszinierend mit ihrem Geflimmer und ihrer unglaublichen Beweglichkeit ...

Ich verließ die Kirche und ging nach Hause; aber der Gedanke an das Armband kam mir nicht aus dem Sinn. Ich legte mich schlafen – aber mich floh der Schlummer. Die ganze Nacht verfolgte mich jener Gedanke. Endlich bei Morgengrauen fielen mir die Augen zu – aber ist es zu glauben! selbst im Traum tauchte eine Frauengestalt vor mir auf, verschwand, kam wieder ... eine brünette, schöne Frau, die das goldene, diamantenbesetzte Kleinod trug ... eine Frau, ja! Denn es war nicht die Heilige Jungfrau, die Frau, die ich anbete und vor der ich knie. Es war eine andere Frau, ein Mädchen wie ich, das mich ansah und höhnisch lächelte ... ›Siehst du ihn?‹ schien es zu sagen, mir den Schmuck zeigend. ›Wie er glitzert! Sieht er nicht aus wie ein Reif von Sternen, die einem Sommernachtshimmel entrissen sind? Siehst du ihn? Aber er gehört dir nicht und wird dir auch niemals, niemals gehören! Wohl kannst du dir andere verschaffen – schönere, kostbarere noch, wenn dies überhaupt möglich ist. Aber diesen hier – einen von so phantastischem, berauschendem Feuer – einen solchen niemals, niemals!‹

Ich wachte auf, immer noch von dem einen Gedanken gequält. Und auch jetzt noch sitzt, wie ein glühender Nagel, mir dieser teuflische, nicht zu verscheuchende Gedanke im Kopf, zweifellos eingegeben von Satanas selbst. – Und du, was sagst du dazu? ... Du schweigst und schweigst und senkst die Stirn ... Lachst du denn nicht über meinen Wahnwitz?«

Peters Hand krampfte sich um den Knauf seines Degens. Dann hob er den Kopf und fragte dumpf:

»Welche Madonna hat den Schmuck?«

»Die Heilige Jungfrau vom Sakrament!« sagte Maria leise.

»Die vom Sakrament?« wiederholte der Jüngling entsetzt. »Die vom Sakrament unserer Kathedrale?« Und seine Züge wurden für einen Augenblick der Spiegel seines Innern, das ein furchtbarer Gedanke durchblitzen mußte.

»Ach, warum hat ihn nicht eine andere Madonna!« fuhr er in leidenschaftlicher Erregung fort. »Warum hat ihn nicht der Erzbischof an seiner Mitra, der König in seiner Krone oder der Teufel in seinen Krallen! Für dich würde ich den Schmuck rauben – und sollte es mich gleich das Leben oder die ewige Seligkeit kosten! Aber der Heiligen Jungfrau vom Sakrament, unserer heiligen Schutzpatronin – ich ... ich als geborener Toledaner – unmöglich, unmöglich!«

»Niemals wird er mein werden!« flüsterte Maria fast unhörbar. »Niemals ...«

Und wieder begann sie zu weinen.

Peter stierte stumpfsinnig hinab in das vorbeifließende Wasser. Stierte hinab in den Strom, der unaufhaltsam an seinem irren Blick vorüberschoß und sich krachend brach am Fuß des steinernen Erkers und der übrigen Felsen, die die alte Königsstadt tragen.

 

III

Die Kathedrale von Toledo!

Stellt euch einen Wald von riesenhaften, granitenen Palmen vor, deren ineinander verflochtene Zweige ein gewaltiges, prächtiges Gewölbe bilden, unter dem eine ganze Welt erfundener und dem Leben nachgebildeter Geschöpfe haust und das ihnen vom Genius verliehene Leben lebt.

Stellt euch ein unbegreifliches Durcheinander von Licht und Schatten vor, worin mit dem Dunkel der Schiffe die farbigen Strahlen der Fenster sich mischen und mengen; wo mit der Finsternis der Kapellen der Schein der Lampen ringt und in ihr sich verliert.

Stellt euch eine Welt aus Stein vor, unbegrenzt wie der Geist unserer Religion selbst, dunkel wie ihre Überlieferungen, rätselvoll wie ihre Gleichnisse ... Aber selbst dann habt ihr noch nicht die fernste Vorstellung von diesem dauernden Denkmal der gläubigen Begeisterung unserer Vorfahren, über das wetteifernd die Jahrhunderte den Schatz ihres Glaubens, ihrer Eingebung, ihrer Künste ausgestreut haben.

Im Schoße dieser Kirche leben das Schweigen, die Hoheit, die Poesie der Mystik und ein heiliger Schauder, der von ihrer Schwelle die weltlichen Gedanken und niedrigen Leidenschaften der Erde fernhält.

Der geschwächte Leib kräftigt sich in der reinen Luft der Berge; der schwachgläubige Geist findet Heilung in der Atmosphäre des Glaubens. Aber so groß und überwältigend sich die Kathedrale unsern Augen darbietet, wann auch immer man ihre geheimnisvollen, heiligen Räume betritt: niemals ist der Eindruck so stark als an den Tagen, wo die ganze Pracht ihres religiösen Prunkes entfaltet wird, wo sich die Tabernakel mit Gold und Geschmeide, die Altarstufen mit Teppichen, die Pfeiler mit kostbaren Stoffen bedecken.

Wenn dann die tausend silbernen Lampen brennen, eine Flut von Licht ausstrahlend; wenn Weihrauchwolken die Luft durchziehen; wenn die Stimmen des Chores und die Harmonien der Orgel und das Läuten der Turmglocken das Gebäude von seinen tiefsten Grundmauern bis in die höchsten, gleich Zacken einer Krone ragenden Spitzen erschüttern: – dann erst fühlt und begreift man die unermeßliche Majestät Gottes, die darin lebt, mit seinem Hauch es beseelend und es erfüllend mit dem Abglanz seiner Allmacht. –

An dem Tage, wo sich die geschilderte Szene zwischen Maria und Peter abspielte, feierte man den letzten Tag der glanzvollen Oktava der Heiligen Jungfrau.

Das Kirchenfest hatte eine ungeheure Menge von Gläubigen angezogen; nun aber hatten sich diese schon nach allen Richtungen zerstreut. Schon waren die Lichter in den Kapellen und am Hochaltar ausgelöscht worden, schon hatten sich die gewaltigen Türen der Kathedrale knarrend hinter dem letzten Toledaner geschlossen, als im dunklen Kirchenraume ein Mann auftauchte. Er war bleich – bleich wie die Grabfigur, auf die er sich einen Augenblick stützte, seine Erregung meisternd. Mit größter Vorsicht schlich er sich weiter und näherte sich dem Altargitter im Kreuzschiff. Hier ließ der Schein einer Lampe seine Züge erkennen – es war Peter!

Was war zwischen den beiden Liebenden vorgegangen, daß er sich schließlich doch noch entschlossen hatte, einen Gedanken ins Werk zu setzen, bei dessen bloßer Vorstellung seine Haare sich vor Entsetzen gesträubt hatten? Das konnte niemand wissen.

Jedenfalls war er da ... war da, um seinen verbrecherischen Vorsatz auszuführen. In seinem flackernden Blick, in dem Zittern seiner Knie, in dem Schweiß, der ihm in dicken Tropfen von der Stirn rann, stand zu lesen, was er vorhatte ...

Die Kathedrale war einsam, völlig einsam und in ein tiefes Schweigen getaucht.

Nur dann und wann vernahm man verworrene Laute: wohl Knacken im Holz oder Raunen des Windes oder – wer weiß? – vielleicht nichts weiter als Einbildungen der Phantasie, die, wenn sie einmal erregt ist, allerlei hört und sieht und fühlt, was gar nicht da ist ... Aber nein! jetzt war es Tatsache: bald nahe, bald fern, bald hinter und bald neben sich hörte er etwas wie verhaltenes Schluchzen, wie Rauschen von schleppenden Gewändern, wie den Hall von Schritten, die unaufhörlich kamen und gingen.

Peter nahm sich zusammen und setzte seinen Weg fort. Er erreichte das Gitter und stieg die erste Stufe zur Hauptkapelle empor.

In dieser Kapelle befinden sich die Gräber der Könige, und ihre Steinbilder rings an den Wänden, die Hand am Knauf ihrer Schwerter, scheinen Tag und Nacht das Heiligtum zu bewachen, in dessen Dunkel sie alle schon eine Ewigkeit ruhen.

»Vorwärts!« murmelte er leise und versuchte weiterzugehen, und konnte nicht. Es war, als wären seine Füße mit dem Estrich verwachsen. Er sah zu Boden – und seine Haare sträubten sich vor Entsetzen: die Fliesen der Kapelle waren breite, dunkle Grabplatten!

Für einen Augenblick war ihm, als wenn eine kalte, fleischlose Hand ihn mit unbezwinglicher Gewalt an jener Stelle festhielt. Die sterbenden Lampen, die im Hintergrunde der Schiffe wie im Dunkel verlorene Sterne blinkten, tanzten vor seinen Augen. Und es tanzten die Grabstatuen und Altarbilder, und es drehte sich um ihn die ganze Kirche mit all ihren granitenen Arkaden und ihren Pfeilern, aus Quadersteinen gefügt.

»Vorwärts!« rief Peter wieder wie außer sich. Trat an den Altar heran, schwang sich auf ihn hinauf und kletterte bis zum Sockel des Muttergottesbildes empor.

Alles rings um ihn war belebt mit grausigen Schimären. Überall Halbschatten und ungewisses Licht, schauriger noch als völlige Finsternis. Nur die Himmelskönigin, von goldener Ampel schwach erhellt, schien gütig, still und heiter zu lächeln inmitten all der Schrecknisse.

Bald aber flößte ihm dieses stumme unbewegliche Lächeln, das ihn im ersten Augenblick beruhigt hatte, neue Furcht ein – eine Furcht, tiefer und seltsamer noch als die er bisher gefühlt hatte.

Aber wieder ermannte er sich, schloß die Augen, um nichts mehr zu sehen, streckte mit rascher, krampfartiger Bewegung die Hand aus und riß das goldene Armband, eines heiligen Erzbischofs fromme Gabe, an sich – das goldene Armband, dessen Wert ein Vermögen betrug!

Nun war das Kleinod in seinem Besitz. Seine gekrampften Finger umklammerten es mit übernatürlicher Kraft. Nun brauchte er nur noch zu fliehen, mit dem Kleinod zu fliehen ... aber dazu mußte er die Augen auftun ... und Peter bangte sich davor, zu schauen, das Muttergottesbild zu schauen, die Grabfiguren der Könige, die Teufelsgestalten an den Karniesen, die Drachen an den Kapitälen, die langen Schatten zu schauen und die Lichtstrahlen, die sich wie weiße Gespenster von riesenhaftem Wuchs umherbewegten, hinten in den Schiffen, die von eigenartigen, schrecklichen Lauten widerhallten ...

Endlich öffnete er die Augen, blickte sich um – und ein gellender Schrei entrang sich seinen Lippen.

Die Kathedrale war voll Statuen, voll Statuen, die in lange, nie geschaute Gewänder gekleidet, aus ihren Nischen herabgestiegen waren und den ganzen weiten Raum der Kirche einnahmen, ihn mit ihren pupillenlosen Augen anstarrend. Heilige und Nonnen, Engel und Teufel, Klosterbrüder und Bürger, Krieger, Edelfrauen und Pagen drängten sich in buntem Reigen in den Schiffen und vor dem Altar. Ihm zu Füßen zelebrierten die marmornen Erzbischöfe, die er sonst unbeweglich auf ihren Ruhestätten hatte liegen sehen, in Gegenwart der auf ihren Grabsteinen knienden Könige. Und gleichzeitig wimmelte wirr durcheinander, wie die Würmer in einem ungeheuren Leichnam, eine ganze granitene Welt von gräßlichen, ungestalten, schimärischen Echsen, Kröten, Molchen und Schlangen, über die Grabplatten hinkriechend, an den Pfeilern emporklimmend, an den Baldachinen sich festklammernd, an den Gewölben sich anhängend ...

Länger vermochte Peter es nicht zu ertragen! Die Schläfen pochten ihm ganz entsetzlich. Eine Wolke von Blut verdunkelte seinen Blick. Noch einmal entrang sich ihm ein Schrei, ein zerreißender, übermenschlicher Schrei, und ohnmächtig stürzte er auf den Altar hinab.

Am andern Morgen fanden ihn die Kirchendiener zu Füßen des Altars. Er hielt noch das goldene Armband in der Hand, und rief, als er sie herankommen sah, mit einer schneidenden Lache:

»Jetzt ist es ihr eigen, ihr eigen!«

Der Unglückliche war wahnsinnig geworden.

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