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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Der Mondenstrahl

Ich weiß nicht, ob sich diese Geschichte nur wie ein Märchen liest – oder ob es ein Märchen ist, das wie eine Geschichte klingt. Das einzige, was ich darüber zu sagen vermag, ist, daß ihr eine Wahrheit zugrunde liegt, und zwar eine sehr traurige Wahrheit, aus der sich wohl eine Lehre ziehen ließe ... Und doch würde ich der letzte sein, der es täte, dank der Eigenart meines Wesens.

Ein anderer hätte vielleicht den gleichen Stoff zu einem Band wehmütiger Philosophie verarbeitet; ich hab' diese Legende geschrieben; sie wird auch denen, welche ihren tiefen Sinn nicht erkennen, zum mindesten doch ein wenig Unterhaltung geben.

.

I

Er entstammte edlem Geschlecht; war unter dem Lärmen der Waffen geboren. Und doch hätte selbst der Kriegstrompete außergewöhnlicher Ruf nicht für einen Augenblick seinen Kopf emporgerissen, noch seine Augen nur eine Sekunde von dem dunklen Pergament abgelenkt, in dem er eines Sängers letzten Lobgesang las.

Wer ihn zu treffen wünschte, durfte ihn nicht in dem geräumigen Hof seiner Burg suchen, wo die Troßknechte störrische Fohlen zähmten, wo Edelknaben Falken fliegen lehrten und Kriegsknechte die faulen Tage damit vertrieben, Lanzenspitzen an einem Stein zu wetzen.

»Wo ist denn Manrik, wo euer Herr?« forschte bisweilen seine Mutter.

»Was wissen wir!« erwiderten seine Diener. »Vielleicht im Kreuzgang des Klosters La Peña. Oder am Rande irgendeines Grabes, lauschend den Gesprächen der Toten, um ein Wort daraus zu erhaschen. Oder drunten am Fluß, den Wellen nachschauend, wenn sich eine nach der andern unter dem Brückenbogen verläuft. Oder, hingekauert in einer Felsspalte, wird er sich damit die Zeit vertreiben, die Sterne am Himmel zu zählen oder einer Wolke mit den Blicken zu folgen, oder die Irrlichter zu betrachten, wenn sie blitzartig über die Ufer des Weihers gleiten. Irgendwo wird er schon sein – nur nicht dort, wo jedermann ist!« –

In der Tat liebte Manrik die Einsamkeit. Und er liebte sie so innig, daß er sich manchmal wünschte, keinen Schatten zu haben, weil ihm dieser überall nachfolgte.

Er liebte die Einsamkeit, weil in seiner Brust, sobald er nur seine Einbildungskraft zügellos dahinstürmen ließ, eine phantastische Welt entstand, worin seltsame Geschöpfe wohnten, Kinder seines Wahnes und seiner Dichterträume. Denn Manrik war Dichter – war es so sehr, daß ihm noch niemals die Formen genügt hatten, in denen er seine Gedanken hätte ausdrücken können, und noch niemals, wenn er sie niederschrieb, war ihm dies gelungen.

Er glaubte, daß in der roten Kaminglut tausend farbige Feuergeister hausten, die wie goldene Käfer an den brennenden Holzscheiten entlangliefen oder einen sprühenden Funkenreigen um die Spitzen der Flammen tanzten. Stundenlang hockte er auf einem Schemel neben dem hohen gotischen Kamin, unbeweglich in die Glut starrend.

Er glaubte, daß tief unter den Wellen des Flusses, zwischen dem Moos und den Gräsern des Baches und über dem Nebel des Sees geheimnisvolle Frauen lebten, Zauberinnen, Sylphiden oder Undinen, die ihr Klagen und Seufzen, ihr Singen und Lachen mit dem eintönigen plätschern der Wasser vermischten ... Und stillschweigend lauschte er diesem Geräusch, mit dem Wunsch, es deuten zu lernen.

In den Wolken, in der Luft, im tiefsten Dickicht des Waldes, in den Spalten der Felsen vermeinte er Gestalten zu sehen, übernatürliche Wesen, oder geheimnisvolle Laute zu hören, unverständliche, nicht faßbare Worte.

Lieben! Ach, ihm war es nicht gegeben, Liebe zu erleben – er durfte nur von ihr träumen. Er liebte alle Frauen zugleich; die eine, weil sie blond war, die andere, weil sie frischrote Lippen hatte, eine dritte, weil sie sich wiegte beim Gehen wie ein Rohr im Winde.

Manchmal trieb er es in seiner Narrheit so weit, daß er die ganze Nacht draußen blieb und sich an dem Anblick weidete, wie der Mond in Silberdunst am Himmel schwebte und die Sterne in weiter Ferne glitzerten wie das Feuer edler Steine. In solchen schwärmerisch durchwachten Nächten pflegte er auszurufen: »Wenn es wahr ist, wie mir der Prior von La Peña gesagt hat, daß jeder dieser Lichtpunkte eine Welt ist; wenn es wahr ist, daß auf der Perlmutterkugel da, hoch über den Wolken kreisend, Menschen wohnen; wie unbeschreiblich schön müssen die Frauen jener Lichtregionen sein! Und niemals werde ich sie sehen können, niemals sie lieben! ... Von welcher Art mag ihre Schönheit sein? Und wie ihre Liebe? ...«

Manrik trieb es noch nicht so toll, daß ihm die Buben nachliefen. Aber es war doch schon so weit, daß er mit sich selber sprach und gestikulierte, sobald er allein war. Und so pflegt es ja gewöhnlich anzufangen.

 

II

Dort, wo der Duero das dunkle ausgehöhlte Mauergestein Sorias umspült, führt eine Brücke von der Stadt nach dem alten Kloster der Tempelritter, deren Besitzungen sich ehemals weit am andern Ufer des Flusses entlangzogen.

Zu der Zeit, wo diese Geschichte spielt, hatten die Ordensritter schon ihre einstigen Besitzungen verlassen. Aber noch standen die Überreste der starken Mauertürme. Noch sah man (und auch heute noch zum Teil) die massiven Bogen des Kreuzgangs, von Efeu und weißen Glockenblumen überwuchert, die langen gotischen Säulengänge der Waffenhöfe, wo der Wind seufzte und heulte und das hohe Gras hin und her fegte.

In den Nutz- und Ziergärten, deren Wege schon seit vielen Jahren nicht mehr von den Sohlen frommer Männer betreten wurden, war die Natur sich selbst überlassen und entfaltete ihre ganze Pracht, ohne Furcht, von der Hand des Menschen verstümmelt zu werden, der da wähnt, er könne sie verschönern.

An den Stämmen der uralten Bäume rankten sich Kletterpflanzen hoch. Die Pappeln steckten die Köpfe zusammen und bildeten dunkle Laubengänge, welche die Jahre mit einem Rasenteppich überzogen hatten. Walddistel und Brennessel sprossen mitten aus den verwachsenen Wegen hervor. Der Hederich stand auf dem schon bröckligen Gemäuer, wie ein Helmbusch im Winde schwankend. Und die blauen und weißen Glockenblumen schaukelten sich auf ihren langen biegsamen Leibern, den Sieg der Zerstörung und des Verfalls in die Luft posaunend. –

Nun war es Nacht. Eine warme, duftgeschwängerte Sommernacht, voll von leisen Geräuschen. Ein weißer und klarer Mond stand an dem blauen, durchsichtigen Sternenhimmel.

Manrik schwebte in einem Taumel dichterischer Begeisterung. Er schlenderte über die Brücke, betrachtete eine Weile den schwarzen Umriß der Stadt, die sich prachtvoll gegen die strahlend hellen, zart geballten Wolken am Horizont abhob, und verlor sich dann zwischen den verlassenen Ruinen der Tempelritter.

Es war nahezu Mitternacht. Der Mond war langsam emporgestiegen und hing schon am höchsten Punkte des Himmels. Manrik verließ das Klostergemäuer und wollte gerade in einen dunklen Baumgang einbiegen, der ans Ufer des Duero führte: als er plötzlich einen leisen, halb erstickten Schrei ausstieß – einen Schrei, der teils wie freudige Überraschung, teils wie furchtsames Erschrecken klang ...

Am Ende des düsteren Laubenganges hatte er etwas Weißes sich bewegen sehen – aber nur für einen Augenblick: dann war es schon wieder in der Dunkelheit verschwunden. Etwas wie der Kleidersaum einer Frau – einer Frau, die im selben Augenblick über den Pfad gehuscht war und sich im Gebüsch verborgen haben mußte, als er, den Kopf voller Hirngespinste und von Unmöglichem träumend, in den Garten kam.

»Eine unbekannte Frau!« stieß Manrik hervor. »An diesem Ort! Zu einer solchen Stunde! ... Ja, das und keine andere ist die Frau, die ich suche!« Und pfeilschnell stürzte er vorwärts, um sie zu finden.

 

III

Er kam an die Stelle, wo er die geheimnisvolle Frau im dichten Laubwerk hatte verschwinden sehen. Sie war fort. Aber wo war sie? Da hinten, weiter hinten glaubte er zwischen dem Gewirr der Baume etwas Helles zu erblicken ... etwas Weißes, das sich bewegte ...

»Sie ist es, ja, sie ist es!« sagte er. »Sie hat Flügel an den Füßen und flieht wie ein Schatten!« Und eiligst machte er sich auf die Suche, mit den Händen das Efeugerank zerteilend, das wie dichte Vorhänge von Pappel zu Pappel sich schlang. Er brach durch Gestrüpp und bahnte sich Wege durch Gewirr von Schmarotzerpflanzen und gelangte schließlich zu einer Art Lichtung, die vom hellen Himmel erleuchtet war ... Niemand!

»Aber dort, dort geht sie!« rief er dann. »Ich höre ihre Schritte im trocknen Laub, höre das Rauschen ihres Kleides, wie es über den Boden schleift und sich in den Stauden verfängt.« Und er rannte, rannte wie ein Wilder, hierhin, dorthin ... aber er fand sie nicht.

»Aber ich höre doch immer noch ihre Schritte,« murmelte er wieder. »Ich glaube, sie hat gesprochen, zweifellos, sie hat gesprochen ... Der Wind, in den Zweigen seufzend, und die Blätter, die leise zu beten scheinen, sind schuld, daß ich nicht verstehen konnte, was sie sprach. Aber zweifellos, dort ist sie, – sie hat ja gesprochen, hat etwas gesagt! ... In welcher Sprache! Ich weiß nicht, aber eine fremde Sprache war es ...« Und wieder begann er, ihr nachzulaufen. Das eine Mal glaubte er sie zu sehen, das andere sie zu hören. Bald meinte er, daß sich das Laubwerk, wo sie verschwunden war, bewegte. Bald bildete er sich ein, im Sande die Spur ihrer kleinen Füße zu erblicken. Und dann war er fest überzeugt, daß ein eigenartiger Duft, den er bisweilen spürte, von jener Frau kam – von jener, die ihn neckte, die sich darin gefiel, mit ihm im dichten Gestrüpp Verstecken zu spielen!

Vergebliches Mühen! Außer sich, streifte er mehrere Stunden lang in allen Richtungen umher. Bald stand er still und lauschte; bald schlich er mit größter Vorsicht über das Gras; bald stürmte er dahin, rasend vor Verzweiflung.

Und in den riesigen Gärten, die sich am Flußufer entlangzogen, immer weiter vordringend, kam er schließlich an den Fuß jenes Felsenberges, auf dem sich heute die Einsiedelei St. Saturni befindet.

»Vielleicht kann ich von dort oben Umschau halten und meine Nachforschungen in diesem wilden Irrgarten besser fortsetzen!« rief er aus und kletterte von Klippe zu Klippe, wobei ihn sein Dolch unterstützte.

Er erreichte den Gipfel. In der Ferne sah er die Stadt und ein großes Stück des Duero, der sich um den Fuß des Felsens herumwindet, seine dunklen und brausenden Fluten zwischen den engen und krummen Ufern hindurchschleifend.

Und als Manrik den höchsten Felsen erstiegen hatte, spähte er ringsum, plötzlich blieb sein Blick an einer Stelle haften, und ein Fluch kam ihm auf die Lippen ...

In voller Fahrt strebte ein Nachen zum entgegengesetzten Ufer; in seinem Kielwasser glitzerte und funkelte der Mondschein ...

In diesem Nachen glaubte er eine weiße und schlanke Gestalt zu erblicken ... zweifellos die einer Frau ... der Frau, die er im Garten der Tempelritter gesehen, die Frau seiner Träume, die Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen! Geschickt wie eine Gemse sprang er von dem Felsen herab, sein Barett von sich werfend, weil dessen geschweifte Feder ihm beim Laufen hinderlich war; er befreite sich auch von seinem weiten Samtmantel und rannte mit Blitzeseile nach der Brücke zurück.

Er hoffte hinüberzukommen und die Stadt zu erreichen, noch bevor der Nachen angelegt hatte. Welch Wahnsinn! Als Manrik keuchend und schweißbedeckt am Stadttor ankam, traten die, welche bei St. Saturni über den Duero gesetzt hatten, schon durch eine der Mauerpforten in Soria ein, – denn damals reichte die Mauer noch bis ans Flußufer, und ihre dunklen Zinnen spiegelten sich in den Wassern.

 

IV

Obwohl sich der Held unserer Geschichte in seiner Hoffnung getäuscht sah, die zu erreichen, die durch das Pförtchen von St. Saturni eingetreten waren, verzweifelte er deshalb nicht und nahm sich vor, in der Stadt das Haus zu erkunden, das sie beherbergte. Mit dieser Absicht durchschritt er das Tor und wandte sich nach St. Johannis Kirchspiel, wo er aufs Geratewohl durch die Straßen zu streifen begann.

Wie heute waren schon damals die Straßen Sorias eng, dunkel und gewunden. Manrik fand sie schon in tiefem Schweigen; nur hin und wieder hörte er das ferne Bellen eines Hundes, das Vorschieben eines Türriegels, das Wiehern und Stampfen eines Rosses und das Klirren der Kette, an der es in den tiefgelegenen Stallungen festgelegt war.

Manrik lauschte gespannt auf alle diese Geräusche der Nacht. Einmal glaubte er die Schritte eines Menschen zu hören, der gerade um die nächste Ecke in ein stilles Gäßchen gebogen war; ein andermal vernahm er hinter sich ein Durcheinander von Stimmen, jeden Augenblick in der Erwartung, die Leute neben sich auftauchen zu sehen. Und so lief er mehrere Stunden lang von einem Ort zum andern.

Schließlich blieb er vor einem großen altertümlichen Hause, das aus dunklen Steinen aufgeführt war, stehen. Seine Augen leuchteten vor unbeschreiblicher Freude, als er davorstand. Hinter einem der hohen gotischen Fenster des Palastes (wie es wohl bezeichnet werden kann) und gedämpft durch leichte, rosafarbene Seidenvorhänge, schimmerte ein schwaches Licht, einen hellen Schein auf die verräucherte, rissige Mauer des gegenüberliegenden Hauses werfend.

»Kein Zweifel, hier wohnt meine Unbekannte!« sagte der Jüngling leise zu sich, ohne auch nur eine Sekunde lang den Blick von dem gotischen Fenster zu wenden. »Ja, hier wohnt sie. Sie ging durch St. Saturni Pförtchen – und St. Saturni Pförtchen führt in dieses Stadtviertel ... In diesem Viertel finde ich ein Haus, in dem nach Mitternacht noch Leute wach sind ... Noch wach sind?! Wer anders kann um solche Zeit noch wach sein, außer jemand, der wie sie von einer nächtlichen Wanderung heimkehrt? Eine andere Erklärung gibt es nicht: dies ist ihr Haus!«

In der festen Überzeugung, daß dies so sei, und mit den tollsten und phantastischsten Vorstellungen in seinem Hirn wartete er bis zum Tagesgrauen unter dem Fenster; und auch nicht einen Augenblick ließ er die Augen von dem Licht, das während der ganzen Nacht brannte.

Als es Tag geworden war, drehten sich die schweren Flügel des Eingangstores, über dessen Bogen das herrschaftliche Wappen eingemeißelt war, mit einem langen schrillen Gekreisch in den Angeln. Mit einem Schlüsselbund in der Hand erschien auf der Schwelle ein Pförtner, der sich gähnend die Augen rieb und dabei einen ganzen Mund voll prächtiger Zähne zeigte, die selbst ein Krokodil hätten neidisch machen können.

Ihn sehen und sich auf die Tür stürzen war für Manrik das Werk eines Augenblicks.

»Wer wohnt hier? Wie heißt sie? Woher stammt sie? Weshalb ist sie nach Soria gekommen? Ist sie verheiratet? – So antworte doch, du Vieh!« Mit diesen Worten begrüßte er den armen Pförtner, wobei er ihn noch dazu heftig am Arm schüttelte. Dieser sah ihn eine Weile verblüfft an und erwiderte dann, verlegen stotternd:

»In diesem Hause ... wohnt ... mein hochverehrter Herr ... Don Alonso de Valdecuellos, Oberjägermeister unseres gnädigsten Königs ... Er wurde im Kampf gegen die Mauren verwundet ... lebt augenblicklich in der Stadt, um sich zu erholen ...«

»Aber seine Tochter?« unterbrach ihn der Jüngling vor Ungeduld, »seine Tochter, seine Schwester, seine Gattin – oder wer sie sonst sein mag?«

»Er hat doch gar keine weibliche Person bei sich!«

»Gar keine weibliche ... aber wer schläft denn in dem Gemach – dort, wo ich die ganze Nacht habe Licht brennen sehen?«

»Dort oben ... dort schläft mein Herr Don Alonso selbst ... Er ist ja krank ... er brennt bis zum frühen Morgen eine Lampe ...«

Wenn plötzlich ein Blitz vor Manrik eingeschlagen hätte, wäre er nicht betroffener gewesen als über diese Worte.

 

V

»Ich muß sie finden ... muß sie finden! Und ich glaube beinahe: wenn ich sie finde, werde ich sie wiedererkennen ... Woran? ... Das allerdings kann ich nicht sagen ... aber ich werde sie erkennen ... Der Schall ihrer Schritte ... oder ein einziges Wort von ihr, wenn ich es wieder höre ... der bloße Saum ihres Kleides, sobald ich ihn wiedersehe ... werden hinreichen, sie zu erkennen. Tag und Nacht sehe ich vor meinen Augen den fließenden Faltenwurf eines lichten, schneeweißen Gewandes. Tag und Nacht vernehme ich hier drinnen ... drinnen in meinem Kopf das Rauschen ihres Kleides, den verworrenen Laut ihrer unverständlichen Worte ... Was sagte sie nur? Was sagte sie? ... Ach, könnte ich erfahren, was sie gesagt! – dann vielleicht ... Aber auch so werde ich sie finden ... Ich werde sie finden! Das Gefühl sagt es mir – und mein Gefühl täuscht mich nie ... Zwar bin ich vergeblich schon durch alle Straßen Sorias gelaufen ... Eine Nacht um die andere habe ich im Freien verbracht – wie der Pfosten an der Straßenecke ... Habe mehr als zwanzig Golddublonen schon ausgegeben, um Zofen und Pförtner gesprächig zu machen! ... In St. Nicolai habe ich einer Alten, die sich so kunstgerecht in ihr Sergetuch eingewickelt hatte, daß sie mir vorkam wie eine Göttin, das Weihwasser dargereicht! ... Und eines Nachts, als ich aus der Kollegiatkirche von der Frühmette kam, bin ich Dummkopf doch der Sänfte des Archidiakons nachgelaufen – im Glauben, der Saum seines Ornates sei ein Stück des Gewandes meiner Unbekannten! Aber das tut nichts ... Ich werde sie noch finden ... das Glück ihres Besitzes wird ganz gewiß die Mühe des Suchens überstrahlen.

Was mag sie für Augen haben? ... Sie werden blau sein, von jenem weichen Blau des Abendhimmels ... Augen von solcher Farbe liebe ich über alles, sie sind so ausdrucksvoll, so melancholisch, so ... ja, es unterliegt keinem Zweifel: blau werden sie sein ... blau sind sie, ganz gewiß! – Und ihre Haare sind schwarz, tiefschwarz ... und so lang, daß sie wie eine Flut herabwallen ... Mir dünkt, ich sah sie neulich nachts über ihrem flatternden Gewand herabwallen, und sie waren schwarz ... nein, ich täusche mich gewiß nicht, sie waren schwarz.

Und wie gut passen große und träumerisch blaue Augen und das offene, fließende dunkle Haar zu einer Frau von großer Gestalt ... denn ... groß ist sie ... groß und schlank wie die Engelsgestalten an den Portalen unserer Basilika, deren liebliches Angesicht unter dem steinernen Baldachin von so geheimnisvollem Dämmerlicht umschattet wird!

Ihre Stimme! ... Ihre Stimme habe ich schon gehört ... ihre Stimme ist sanft wie das Säuseln des Windes im Laubwerk der Pappeln ... Und ihr Gang ist hoheitsvoll, gemessen, wie Kadenzen in der Musik.

Und die Frau, die schön ist wie der schönste meiner Knabenträume, die so denkt, wie ich denke, die das liebt, was ich liebe, und das haßt, was ich hasse, die Geist ist von meinem Geiste, die meines Wesens Ergänzung ist: muß nicht auch sie erschüttert sein, wenn sie mich trifft! ... Muß nicht auch sie mich lieben, wie ich sie lieben werde – wie ich sie jetzt schon liebe, mit allen Pulsen meines Lebens, mit allen Fasern meiner Seele ...

Auf! Auf! ... Dorthin, wo ich sie zum ersten und einzigen Male sah ... Wer weiß, ob nicht auch sie meine Neigung teilt und hold ist der Einsamkeit und allem Geheimnisvollen, und gleich allen verträumten Menschen Gefallen daran findet, im Schweigen der Nacht zwischen den Ruinen herumzustreifen? ...«

Zwei Monate waren schon seit dem Tage verstrichen, an dem der Türhüter Don Alonsos de Valdecuellos dem armen Manrik die große Enttäuschung bereitet hatte ... Zwei volle Monate, und während dieser Zeit hatte er in jeder Stunde ein neues Luftschloß erbaut, das die Wirklichkeit mit einem einzigen Hauch zerstörte ... Und all sein Suchen nach jener unbekannten Frau war vergeblich geblieben, – aber seine seltsame Liebe zu ihr war in seinem Herzen noch größer geworden, genährt von immer seltsameren Phantasiegebilden. Aber dann kam ein Abend, wo er, in solchen Gedanken versunken, über die Brücke schritt, die in die Gärten der Tempelritter führte, und sich dort im Labyrinth der Wege verlor ...

 

VI

Es war eine schöne, klare Nacht. Der Mond strahlte in seiner ganzen Fülle hoch oben am Himmel, und der Wind säuselte leis im Laub der Bäume.

Manrik kam in den Kreuzgang, schaute sich ringsum und blickte durch den Wald der massiven Säulen ... Niemand!

Er trat hinaus und lenkte seine Schritte nach dem dunklen Laubengang, der zum Duero hinabführt. Aber noch hatte er ihn nicht erreicht, als seinem Munde ein Freudenschrei entfuhr.

Er hatte für einen Augenblick den Saum des weißen Gewandes aufflattern und verschwinden sehen – das weiße Gewand der Frau seiner Träume, der Frau, die er liebte bis zum Wahnsinn ...

Und er läuft ... läuft, sie zu suchen. Kommt dorthin, wo er sie hat verschwinden sehen ... Da aber bleibt er stehen, heftet entsetzt den Blick auf den Boden und bleibt eine Weile wie versteinert. Ein leises nervöses Zittern überläuft seine Glieder, ein Zittern, das stärker und stärker wird, und sich steigert zu einem wirklichen Krampf. Schließlich bricht er in ein Gelächter aus, in ein schrilles, entsetzliches Gelächter.

Jenes Weiße, Leichtbeschwingte hatte wieder vor ihm aufgeleuchtet. Aber diesmal hatte es ihm zu Füßen aufgeleuchtet ... einen Augenblick. Nicht langer als einen Augenblick ...

Es war ein Mondenstrahl – ein Mondenstrahl, der ab und zu durch das grüne Laubdach der Bäume fiel, wenn der Wind ihre Zweige bewegte. – – – – – – – – –

Jahre waren vergangen. Im Sessel, neben dem hohen gotischen Kamin seines Schlosses, saß Manrik und rührte sich nicht von der Stelle. Sein schweifender Blick flackerte wie der eines Irrsinnigen. Kaum daß er aufhorchte, wenn seine Mutter liebe Worte zu ihm sprach oder seine Diener ihn aufzumuntern versuchten.

»Du bist doch jung und stattlich,« sprach sie zu ihm, »warum verzehrst du dich hier in der Einsamkeit? ... Warum suchst du dir nicht eine Frau, die du liebst und die dich durch ihre Gegenliebe glücklich machen kann?«

»Liebe! ... Die Liebe ist ein Mondenstrahl!« entgegnete der junge Mann.

»Warum rafft Ihr Euch nicht auf aus Euerm Dahindämmern?« sprach einer seiner Knappen zu ihm. »Werft Euch in Eisen von Kopf bis zu Füßen! Laßt Euer fürstliches Banner im Winde sich entfalten und zieht in den Krieg! Im Kriege gewinnt man Ruhm!«

»Ruhm ... Der Ruhm ist ein Mondenstrahl.«

»Soll ich Euch ein Lied vortragen, das letzte Werk unseres Herrn Arnaldo, des provenzalischen Troubadours?«

»Nein, nein!« rief der Junker und erhob sich zornig vom Sessel, »nichts möchte ich ... das heißt – doch möchte ich etwas ... ich möchte, daß ihr mich allein laßt ... Lieder ... Frauen ... Ruhm ... und Glück: alles Lüge, eitle Trugbilder unserer Phantasie, die wir uns nach unserer jeweiligen Laune aufputzen ... die wir lieben ... denen wir nachlaufen – und wozu? ... Ja, wozu? ... Um einen Mondenstrahl zu finden!«

Manrik war wahnsinnig – jedenfalls hielten ihn alle dafür. Ich dagegen glaube, daß er erst jetzt zu Verstand gekommen war ...

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