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Von Teufeln, Geistern und Dämonen

Gustavo Adolfo Bécquer: Von Teufeln, Geistern und Dämonen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Adolf Becquer
titleVon Teufeln, Geistern und Dämonen
publisherGeorg Müller
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorHanns Heinz Ewers
year1922
translatorHans Krüger-Welf
illstratorPaul Haase
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150518
projectid71a4a55e
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Die grünen Augen

Schon vor langer Zeit hatte ich Lust, etwas unter diesem Titel zu schreiben. Heute endlich hat sich mir dazu eine Gelegenheit geboten. Mit großen Lettern hab' ich ihn auf die erste Seite gesetzt und darauf die Feder nach Herzenslust über das Papier fliegen lassen.

Ich glaube, ich habe ein paar Augen gesehen, wie sie in dieser Geschichte geschildert sind. Ich weiß nicht, ob nur im Traum – aber gesehen hab' ich sie! Es wird mir wohl nicht gelingen, sie so zu beschreiben, wie sie waren – leuchtend und durchsichtig wie Regentropfen, die an den Blättern der Bäume hängen, im Sommer nach einem Gewitter. Die Phantasie meiner Leser muß ich auf jeden Fall in Anspruch nehmen – schon, um begreiflich zu machen, was ich mit dieser Skizze (wie man sie wohl bezeichnen kann) auszudrücken beabsichtige – mit dieser Skizze zu einem Gemälde, das ich später einmal malen möchte.

 

I

»Der Hirsch ist verwundet ... kein Zweifel, er ist verwundet! Hier zwischen den Brombeerbüschen sieht man die Schweißspur, und dort bei dem Mastixstrauch, über den er gesetzt hat, sind ihm die Läufe schwach geworden ... Unser Junker beginnt, wo andere aufhören ... Vierzig Jahre bin ich schon Jäger und habe keinen besseren Wurf gesehen! Aber bei St. Saturn, dem Schutzherrn Sorias, versperrt dem Tier dort beim Eichengestrüpp den Weg! Hetzt die Hunde an! Stoßt in die Hörner, daß euch die Lunge platzt! Drückt den Gäulen die Sporen in die Weichen! Seht ihr denn nicht, daß er auf die Pappelquelle zu flieht! wenn wir ihn nicht zur Strecke bringen, bevor er sie erreicht, müssen wir ihn verloren geben!«

Die Schluchten des Moncayo warfen in mehrfachem Echo den Klang der Hörner zurück. Das Gebell der entfesselten Meute und das Lärmen der Knappen brach los mit erneuter Kraft, und der ganze wirre Haufe von Menschen, Pferden und Hunden stürzte sich nach dem Ort, den Ignaz, der Jägermeister der Markgrafen von Almenar, als den günstigsten bezeichnet hatte, um dem Wild den Weg abzuschneiden.

Aber es war alles umsonst. Als der schnellste der Hunde keuchend und mit schäumenden Lefzen das Eichengestrüpp erreichte, war der Hirsch, geschwind wie ein Pfeil, schon mit einem einzigen Satz darüber hinweggesprungen und verlor sich nun zwischen dem Buschwerk eines Pfades, der zur Quelle führte.

»Halt! ... Alle Mann halt!« rief Ignaz da. »Es ist Gottes Wille, daß er uns entwischt.«

Die Reiter brachten die Pferde zum Stehen. Die Hörner verstummten, und knurrend gaben die Hunde auf den Zuruf der Jäger die Verfolgung auf.

In diesem Augenblick holte der Held des Tages, Ferdinand von Argensola, der älteste Sohn auf Almenar, seine Weidgenossen ein.

»Was tust du?« fuhr er seinen Jäger an, und Erstaunen malte sich auf seinem Antlitz. Zorn sprühte aus seinem Blick, »Was tust du, Dummkopf! Siehst, daß das Tier verwundet ist – das erste Wild, das von meiner Hand fällt –, und gibst die Hetze auf! Läßt es laufen, auf daß es irgendwie in der Dickung verrecken muß! Glaubst du denn, ich bin hier, um den Wölfen zum Fraß Hirsche zu stechen?« »Gnädiger Herr,« murmelte Ignaz zwischen den Zähnen, »es ist ganz unmöglich, hier weiterzugehen.«

»Unmöglich? Weshalb?«

»Weil dieser Pfad zum Pappelquell führt,« entgegnete der Jägersmann. »Und im Pappelquell haust ein böser Geist. Wer es wagt, sein Wasser zu trüben, zahlt teuer für seine Keckheit. Der Hirsch wird längst hinübergesprungen sein, – wie aber wollt Ihr hinüberkommen, ohne auf Euer Haupt ein furchtbares Unglück zu lenken? Wir Jäger sind zwar die Könige des Moncayo – aber Könige, die einen Tribut entrichten; das Wildbret, das sich an diesen verwunschenen Ort flüchtet, ist ein verlorenes Stück.«

»Verlorenes Stück! Lieber will ich das Erbe meiner Väter aufs Spiel setzen, lieber meine Seele dem Teufel verschreiben, als zugeben, daß dieser Hirsch mir entwischt – der einzige, den mein Jagdspieß erreicht hat, der erste Erfolg meiner Weidmannsgänge ... Da! Siehst du ihn? ... Siehst du ihn? Noch ist er zuweilen von hier aus zu sehen ... die Läufe versagen ihm, er ermüdet allmählich! – Laß mich! Laß mich! Gib den Zügel frei – oder ich werf' dich zu Boden! Wer weiß, ob ich ihm überhaupt Zeit lasse, bis zur Quelle zu kommen? Und wenn er hinkommt, so mag sie der Teufel holen samt ihren klaren Wassern und ihren Bewohnern! – Vorwärts, Blitz! Vorwärts, mein Pferd! Wenn du ihn einholst, so laß ich deinen goldenen Kappzaum mit den Diamanten meines Geschmeides besetzen!«

Pferd und Reiter stoben davon wie der Wind.

Ignaz blickte ihnen nach, bis sie sich in der Dickung verloren. Dann sah er sich um, und alle waren, wie er, starr vor Bestürzung.

Der Jäger rief endlich: »Ihr habt es alle gesehen: ich wäre bereit gewesen, unter den Hufen seines Pferdes zu sterben, wenn ich ihn hätte zurückhalten können. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Gegen den Teufel hilft kein Mut. Bis hierher darf der Jäger mit seiner Armbrust gehen, drüber hinaus – mag der Herr Kaplan mit seinem Weihwedel versuchen, ob er weiterkommt.«

.

II

»Ihr seid blaß; unlustig und düster geht Ihr umher, was fehlt Euch? Seit dem Tage, den ich immer für unheilvoll halten werde – damals, als Ihr das verwundete Tier bis an den Pappelquell verfolgtet, möcht' man meinen, hätt' eine böse Zauberin Euch das Mark aus den Knochen gehext.

Ihr geht nicht mehr mit der lärmenden Meute in die Berge, und der Klang Eurer Hörner weckt ihr Echo nicht mehr. Allein und in Gedanken versunken, greift Ihr an jedem Morgen zur Armbrust und verliert Euch ins Dickicht. Dort bleibt Ihr, bis die Sonne vertaucht. Und wenn Ihr bei Einbruch der Dunkelheit bleich und ermüdet zur Burg zurückkehrt, such' ich vergeblich in Eurer Tasche nach Jagdbeute. Womit beschäftigt Ihr Euch denn all die Stunden, fern von denen, die Euch über alles lieben?«

Während Ignaz sprach, schnitzelte Ferdinand, in Gedanken versunken, mechanisch mit seinem Jagdmesser an der Ebenholzbank. Nach langem Schweigen, das nur unterbrochen wurde von dem schleifenden Geräusch des Messers, wenn es von dem glatten Holz abglitt, wandte sich der Jüngling an seinen Untergebenen und rief, als ob er auch nicht eins von dessen Worten gehört hätte:

»Du, Ignaz, du bist doch schon so alt, du kennst doch alle Schlupfwinkel des Moncayo,, hast dem Wilde nachpürschend an seinen Hängen dein Leben verbracht, und auf deinen Weidmannsgängen hast du mehr als einmal seinen Gipfel erstiegen – du, sag mir: hast du irgendwann einmal eine Frau getroffen, die zwischen den Felsen haust?«

»Eine Frau?« rief der Jäger erstaunt und sah ihn starr an.

»Ja«,« sagte der Jüngling. »Es ist recht seltsam, was ich erlebt habe ... recht seltsam – ich glaubte, ich könnte dies Geheimnis immer für mich behalten, aber es ist mir jetzt nicht länger möglich – mein Herz läuft davon über, und mein Antlitz verrät es. Ich will es dir darum enthüllen. Du sollst mir helfen, das Geheimnis zu lösen, von dem diese Frau umgeben ist. Wie es scheint, ist sie nur für mich da, denn niemand kennt sie, niemand hat sie gesehen, und keiner kann mir über sie Auskunft geben.«

Der Jäger rückte, ohne die Lippen zu öffnen, seinen Schemel neben die Bank seines Herrn, nicht einen Augenblick den entsetzten Blick von ihm wendend.

»Seit ich an jenem Tage«, fuhr dieser fort, nachdem er sich eine Weile besonnen hatte, »trotz deiner unheilvollen Warnung den Pappelquell aufsuchte, sein Wasser durchritt und mir den Hirsch wiedersuchte, den euer Aberglaube beinahe hätte entfliehen lassen, sehnt sich mein übervolles Herz nach Einsamkeit.

Du kennst jenen Ort ja nicht. Sieh, der Quell entspringt heimlich dem Schoße eines Felsens, fällt tropfenweise von einem Blatt zum andern, zwischen den grünen schwankenden Pflanzen hindurchrinnend, die am Rand seiner Wiege wachsen. wenn die Tropfen herabfallen, leuchten sie wie goldene Sterne und klingen wie Harfentöne ... Unter dem Moos fließen sie wieder zusammen, flüstern und murmeln, mit einem Geräusch, wie das Summen der Bienen um Blüte und Baum, und plätschern dahin durch den Sand. Hier bilden sie eine kleine Pfütze, dort haben sie ein Hindernis zu überwinden, das sich ihnen in den Weg stellt, und so überholen sie einander, springen, fliehen, rennen, bald lachend, bald seufzend, und ergießen sich schließlich in einen See. In den See fallen sie mit einer Musik, die nicht wiederzugeben ist. Klagen, Worte, Namen, Lieder – ich weiß nicht, was ich alles an Lauten vernommen habe, wenn ich einsam und fiebernd auf dem Steinblock saß und die Wasser der der verwunschenen Quelle in den tiefen Schlund hinabstürzen sah, in dem sie sich sammeln und dessen stiller Spiegel kaum vom Abendwind gekräuselt wird. Alles dort ist groß und gewaltig. Die Einsamkeit mit ihren tausend unbekannten Lauten wohnt an jener Stätte und berauscht den Geist mit ihrer unerklärlichen Wehmut. Aus dem silbernen Laube der Pappeln, aus den Spalten der Felsen, aus dem Plätschern des Wassers scheinen unsichtbare Geister der Natur zu uns zu sprechen, in dem unsterblichen Geist des Menschen einen Bruder erkennend.

Wenn ihr mich im Morgengrauen zur Armbrust greifen und bergwärts schreiten saht, so tat ich es nie, um in der Dickung dem Weidwerk nachzugehen. Ach nein, ich setzte mich an den Rand des Quells und suchte in den Wassern ... ich weiß nicht was, etwas Wahnsinniges! An dem Tage, an welchem ich auf meinem Falben hinübersetzte, war mir's, als hätte ich auf ihrem Grund etwas Seltsames aufleuchten sehen ... etwas sehr Seltsames ... die Augen einer Frau.

Vielleicht war es nur ein flüchtiger Sonnenstrahl, der sich in dem aufspritzenden Wasser brach, vielleicht war es eine Blume, wie sie obenauf zwischen den Algen schwimmen und deren Kelch den Smaragden gleicht ... ich weiß es nicht! Mir war, als wenn sich ein Blick in den meinen bohrte, – ein Blick, der in meiner Brust ein wahnwitziges Verlangen nach etwas Unmöglichem entfachte: ein Wesen zu finden, das Augen hätte wie diese da!

Tag für Tag ging ich dorthin, um dies Wesen zu suchen.

Endlich, eines Abends ... ich hielt mich anfangs für den Spielball meiner Träume ... aber nein, es ist wirklich wahr: ich habe ja schon viele Male mit ihr gesprochen – geradeso wie ich jetzt mit dir spreche ... also eines Abends sah ich auf meinem alten Platz eine Frau sitzen, – eine Frau, so schön, daß sie aller Beschreibung spottet! Ihre Gewänder reichten bis zum Wasser hinab und schwammen dort auf der Oberfläche. Ihr Haar war wie Gold; ihre Wimpern glänzten wie leuchtende Fäden, und zwischen ihnen blitzte ein paar lebhafte Augen, das ich schon einmal gesehen hatte ... ja, denn die Augen jener Frau waren dieselben, die sich mir unvergeßlich ins Gedächtnis eingeprägt hatten – Augen von einer unwahrscheinlichen Farbe, von einem gewissen ...«

»Grün!« rief Ignaz in einem Ton höchsten Schreckens, von seinem Sitz aufspringend.

Ferdinand sah ihn erstaunt an, denn jener hatte ausgesprochen, was ihm auf den Lippen geschwebt.

»Kennst du sie denn?« fragte er ihn in freudiger Erregung.

»O nein,« erwiderte der Jäger, »Gott soll mich davor bewahren! Aber meine Eltern, wenn sie mir das Betreten jener Gegend verboten, haben es mir wohl tausendmal gesagt, daß der Quellgeist, der Waldschrat, der Faun oder die Wasserfrau, die dort haust, Augen von dieser Farbe habe. Und bei dem, was Ihr auf der Welt am liebsten habt, beschwöre ich Euch: geht niemals wieder zum Pappelquell! Eines guten Tages werdet Ihr der Rache anheimfallen und das Vergehen, die Wasser getrübt zu haben, mit Eurem Leben bezahlen.«

» ... Bei dem, was ich am liebsten hab' ...!« murmelte der Jüngling und lächelte wehmütig.

»Jawohl!« beharrte der Alte, »beim Leben Eurer Eltern und Eurer Geschwister, bei den Tränen der Frau, die Euch der Himmel zur Gemahlin bestimmt hat, oder bei denen eines Dieners, der Euch von der Wiege an betraute ...«

»Weißt du, was ich auf der Welt am liebsten habe? Weißt du, wofür ich die Liebe meines Vaters hingeben würde, die Küsse derjenigen, die mir das Leben schenkte, und alle zärtlichen Gefühle, die sämtliche Frauen dieser Erde für mich hegen können? – Für einen Blick, für einen einzigen Blick aus diesen Augen ... Wie sollt' ich wohl lassen können, sie zu suchen!«

Ferdinand brachte diese Worte mit einer solchen Leidenschaft hervor, daß sich dem armen Ignaz eine Träne aus dem Auge stahl und leis an der Wange hinabrann. Und mit umflorter Stimme rief er: »So möge denn Gottes Wille geschehen!«

 

III

»Wer bist du? Wo ist deine Heimat? Wo wohnst du? Ich komme Tag für Tag, um dich hier zu treffen, – und sehe doch niemals ein Roß, das dich herbringt, noch Diener, die deine Sänfte tragen! Zerreiße endlich den geheimnisvollen Schleier, in den du dich hüllst wie in dunkle Nacht! Ich liebe dich, und ob du vornehm bist oder gering: ich werde dein sein, dein sein auf immer ...«

Die Sonne war hinter den Gipfel des Berges gesunken; mit großen Schritten klommen die Schatten an der Leite herab. In den Pappeln am Quell seufzte ein leiser Wind, und der Nebel, langsam vom See aufsteigend, begann in Schwaden um die nahen Felsen zu weben.

Auf einem der Felsblöcke, der scheinbar jeden Augenblick in die Tiefe hinabzustürzen drohte, – und so nahe, daß sich sein Körper im Wasser spiegelte, kniete zu Füßen seiner geheimnisvollen Geliebten der Erbe von Almenar, in vergeblichem Mühen, das Rätsel ihres Daseins zu lösen.

Ja, sie war schön, – schön und bleich wie eine Statue aus Alabaster. Eine ihrer krausen Flechten fiel über die Schulter herab und barg sich zwischen den Falten des Schleiers, wie ein Sonnenstrahl, der durch Wolken bricht. Und in dem Kranz ihrer blonden Wimpern leuchteten Augen – wie zwei Smaragde in einem güldenen Geschmeide!

Als der Jüngling schwieg, bewegte sie die Lippen, als wollte sie einige Worte sagen, aber nur einen Seufzer hauchte sie aus – einen leisen, schmerzerweckenden Seufzer, wie man ihn von der plätschernden Welle hört, die, vom Winde getrieben, im Schilf erstirbt.

»Du antwortest mir nicht!« rief Ferdinand, als er sich in seiner Hoffnung getäuscht sah. »Soll ich denn glauben, was man mir von dir erzählt hat? O nein, sprich doch! Ich will ja nur wissen, ob ich dich überhaupt lieben kann, ob du ein menschliches Wesen bist ... oder ...«

»Oder eine Wasserfrau ... Nun, und wenn ich es wäre?«

Der Jüngling stutzte einen Augenblick. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Leib. Seine Augen wurden größer und senkten sich tief in den Blick jener Frau. Das phosphoreszierende Leuchten ihrer Augen nahm ihm die Besinnung, und dem Wahnsinn nahe rief er aus, von Leidenschaft durchglüht:

»Und wenn du es wärst ... ich würde dich dennoch lieben ... würde dich lieben, wie ich dich jetzt liebe, da es nun einmal mein Geschick ist, dich zu lieben bis zum Tode und drüber hinaus, wenn es drüber hinaus noch ein Leben gibt!«

»Ferdinand,« sagte die Schöne da, mit einer Stimme, melodisch wie Musik. »Ich liebe dich noch mehr, als du mich liebst: steige ich doch herab zu dir – als reiner Geist zu einem Sterblichen. Ich bin kein Weib, wie es auf Erden gibt; ich bin eine Frau, deiner würdig, denn auch du überragst die andern Männer. – Auf dem Grunde dieses Wassers lebe ich. Wie das Wasser bin auch ich körperlos, flüchtig, durchsichtig. Sein Plätschern ist meine Sprache, sein Wogen die Bewegungen meiner Glieder. – Es ist nicht wahr, daß ich den bestrafe, der es wagt, den Quell zu trüben, in dem ich hause: ich belohne ihn vielmehr mit meiner Liebe, – belohne ihn, weil er als Sterblicher erhaben ist über den Aberglauben des Volkes, weil er ein Liebender ist, der meine seltsame, geheimnisvolle Liebe begreift.«

Als der Jüngling sie also sprechen hörte, verlor er sich völlig in dem Anblick ihrer wunderbaren Schönheit und näherte sich, von magischer Gewalt angezogen, mehr und mehr dem Rande des Felsens.

»Siehst du den klaren Grund dieses Sees,« fuhr das grünäugige Weib fort, »siehst du sie – all die Pflanzen mit den breiten grünen Blättern – siehst du, wie geschäftig sie sind, unten auf dem Grunde? ... Sie bereiten uns das Bett – bereiten uns ein Lager aus Smaragden und Korallen ... und ich ... ich schenke dir ein Glück, für das es keinen Namen gibt, – ein Glück, von dem du träumtest in Stunden höchster Verzückung – ein Glück, das niemand anders dir zu bieten vermag! – Komm, komm – der Nebel des Sees deckt uns schon zu mit linnenem Laken ... die plätschernden Wasser rufen uns mit verworrenen Lauten, der Wind in den Pappeln stimmt an seine Lobgesänge der Liebe ... Komm! Komm! ...«

Die Nacht begann ihre Schatten auszubreiten; der Mond goß flüssiges Silber auf den Spiegel des Sees; die Nebelschwaden, vom Winde bewegt, wallten auf und ab, und die grünen Augen funkelten in der Dunkelheit wie tanzende Irrlichter über faulichtem Sumpf ...

»Komm, komm« – diese Worte klangen in Ferdinands Ohr mit zaubrischer Macht. »Komm!« ... und das geheimnisvolle Weib lockte ihn an den Rand des Abgrundes, über dem sie schwebte, und bot ihm die Lippen zum Kuß, zum Kuß ...

Ferdinand tat einen Schritt auf sie zu – noch einen ... und fühlte, wie sich ein Paar schlanke, biegsame Arme um seinen Hals wanden, ... fühlte etwas Kaltes auf seinen brennenden Lippen, einen eisigen Kuß ... er schwankte ... er verlor den Halt und sank in die Tiefe mit einem dumpfen, traurigen Plumpsen.

Das aufspritzende Wasser sprühte in tausend Funken, schloß sich über ihm wieder und bildete silberne Kreise, die größer und größer wurden und schließlich am Ufer verebbten.

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