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Von Kunst-Dingen

Rainer Maria Rilke: Von Kunst-Dingen - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorRainer Maria Rilke
titleVon Kunst-Dingen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
editorHorst Nalewski
year1983
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Ein Prager Künstler

Wahrscheinlich Juli 1899; ersch. in: Ver sacrum. Sezession. Mitteilungen der Vereinigung bildender Künstler Österreichs. H. 7, Wien, 1. April 1900

Die giebelige, türmige Stadt ist seltsam gebaut: die große Historie kann in ihr nicht verhallen. Der Nachklang tönender Tage schwingt in den welkenden Mauern. Glänzende Namen liegen wie heimliches Licht auf den Stirnen stiller Paläste. Gott dunkelt in hohen gotischen Kirchen. In silbernen Särgen sind heilige Leiber zerfallen und liegen wie Blütenstaub in den metallenen Blättern. Wachsame Türme reden von jeder Stunde, und in der Nacht begegnen sich ihre einsamen Stimmen. Brücken sind über den gelblichen Strom gebogen, der, an den letzten verhutzelten Hütten vorbei, breit wird im flachen böhmischen Land. Dann Felder und Felder. Erst ein wenig bange und ärmliche Felder, die der Ruß noch erreicht aus den letzten lauten Fabriken, und ihre staubigen Sommer horchen hinein in die Stadt. Dann, an langen Alleen steilstämmiger Pappeln, beginnen rechts und links die immer wogenderen Ernten. Apfelbäume, krumm von den reichlichen Jahren, heben sich bunt aus dem Korn. Vorn am Straßenrand verstaubt ein Kartoffelfeld, und wie später Abendschatten dunkelt ein Dreieck Kohl, blauviolett, vor dem jungen Gehölz. Tannen dahinter beenden schweigsam das Land. Kleine hastige Winde hoch in der Luft. Alles andere – Himmel. So ist meine Heimat.

Da sollte man meinen: in diesem Lande ist das Kindsein besonders leicht. Was andere Kinder anderswo mühsam zusammenträumen, das steht hier lebensgroß und von der Wirklichkeit bejaht, mitten in ihrem Tag. Man geht an keiner Kirche vorbei, ohne die goldenen Geheimnisse hinter den Ampeln schimmern zu sehen, und auf den großen Plätzen zittert die Luft noch von stolzen fürstlichen Stimmen. Alles Große ist wie gestern geschehen, und die Kinder ahnen: es kann wiederkehren und mit Glanz oder mit Grausamkeit den täglichen Tag verdecken, den sie doch nur zum Schein und ohne tiefere Teilnahme leben. Und aus dieser steten Erwartung des bunten und sonderbaren Schicksals, aus diesem Horchen nach dem Unerhörten müßte man am Rande der Kindheit, dort, wo die Kräfte sich zurückziehen aus den verstreuten Dingen, um im Jüngling selbst sich zitternd zu vereinen, das Bestreben entstehen, das Fremde, ewig Nahende und Feierliche wie ein langverdientes Recht in die Wirklichkeit zu reißen: zu schaffen. Das heißt, aus dieser Prager Kindheit müßte eine Prager Kunst entstehen, wie eine natürliche Fortsetzung, wie ein zweiter Band jenes wundervollen Märchenbuches, der den ersten erfüllt, bestätigt und in strahlenden Apotheosen zusammenfaßt.

Aber es scheint, daß die Kinder nicht unwillkürlich, nicht offen genug sind gegen ihr Kindsein. Es liegt vielleicht auch an der Zeit, welche so viele Verlockungen hat, und an der noch ganz jungen Vergangenheit, welche neben der reifen Historie zu ihren Sinnen spricht, so daß sie darüber ihre Phantasie vergessen und den Tag leben und alle seine Kleinheiten und Beklemmungen auch. Denn der Tag ist gar laut und wichtig in der Stadt der vielen Feindschaften und Falschheiten, und es gehen allmorgendlich zwei Sonnen auf über dem Hradschin: eine deutsche und eine – andere. Diese andere Sonne liebt das Land, und (was noch notwendiger ist) sie begreift es. In ihrer Wärme entsteht eine innige und intime Kunst mit gutem (nur etwas stark von den Franzosen beeinflußtem) Nachwuchs, von der ich hier nicht zu sprechen habe. Unter der ersteren Sonne, der deutschen, schließen sich verschiedene Künstlervereine – wie um größerer Wärme willen – zusammen, und ihre Mitglieder sind die Vertreter einer unnationalen, überall möglichen Kunst, die durch nichts auffällt und dem kaufenden Publikum selten Ärgernis giebt. So fließt in den jährlichen Weihnachtsausstellungen des ›Vereines der deutschen bildenden Künstler in Böhmen‹ jene Mußestundenkunst alternder lediger Damen fast unmerklich mit den anderen Ausstellungsgegenständen zusammen. Einzelne tüchtige Arbeiten können kaum zu ihrem Rechte kommen, wo die Mittelmäßigkeit sich so behaglich und so sehr anerkannt von der öffentlichen Meinung breitmacht. Im deutschen Böhmen ist die Literatur-Zeitungsschreiberei und die bildende Kunst ihrerseits das geworden, was dem Journalismus entspricht. Es giebt nur zwei Wege, diesen Zustand irgendwie zu überdauern: entweder sich auf sich selbst zurückzuziehen, sich enger an das Land, seine Art und Anmut anzuschließen, als den einzigen Verkehr, der fördern und festigen kann, – so wie es etwas Hans Schwaiger in seinem mährischen Dörfchen tut, – oder in die Fremde zu ziehen, wo sich soviel Großes und Verheißungsvolles begiebt, mit einem freudigen Willen, alles anzuerkennen und zu lernen, und mit der stillen Hoffnung im Herzen, als Könner in die Heimat wiederzukehren, um sie neu und würdig und reif auszusprechen mit echtgoldenen Worten.

So zog Emil Orlik aus. So wird er noch einigemal ausziehen, irgendeiner rufenden Schönheit nach oder, um vor irgendeiner Größe sich zu verneigen, wie er es in diesem Jahre tat, wo seine Fahrt bis nach Japan geht. Aber immer, auch von dort, wird er in sein Heimatland, Böhmen, zurückkommen, immer tiefer in dieses Land wird seine Wiederkehr reichen, und immer umfassender und breiter wird das Wiedersehen sein mit den wartenden Dingen, die auf seine stille und ernste Kunst hoffen.

Diese Kunst ist von allem Anfang streng gegen sich selbst gewesen, und für den, der sie verfolgt hat, ist dieses Unerbittlichsein gegen sich selbst, dieses stete sich Bilden, Glätten, Runden zum einfachsten und kürzesten Ausdruck hin ihr vorzüglichstes Merkmal geblieben. Bei der überaus offenen, gegen jede Freude freien Natur Orliks kann ich mir sein frühzeitiges Abwenden von der Farbe nur durch eine Art von Selbsterziehung erklären. Sein malerisches Auge bringt von jedem Spaziergang tausend Eindrücke mit, von kleinen Notizen über einen bewegten Zweig bis zur breiten Wirkung flacher Landschaften oder belebter Plätze, und seine bereite und tüchtige Hand wäre jedem dieser Eindrücke willig. Daraus könnte eine Menge interessanter Skizzen entstehen, – aber es ist auch Gefahr vorhanden, daß mit der Zeit eine gewisse Hast und Flüchtigkeit dem Bestreben, alles Geschaute darzustellen, entspringt, besonders, da der Pinsel so leicht und scheinbar mühelos allen Impulsen folgt. Und dann auch, weil die Farbe, diese feine Schmeichlerin, die die Dinge so oft schön verschweigt, den Künstler zu schnell und zu laut lobt, so daß mancher, an sie hingegeben, seiner eigensten Ziele vergaß. Auch ist sie, die Farbe, wie schon Klinger in seiner Schrift über Malerei und Zeichnung fand, in ihrem besten Sinn immer Freude, Schönheit, Erhabenheit und Ruhe, – ein Resultat, etwas Endgiltiges und Zuständliches; – wo aber finden sich unter dem Drängen der Bilder und Gebärden Motive, dauernd genug, diese höchste Farbe wie einen purpurnen Mantel zu tragen? So kam es, daß Orlik aus Furcht vor billigen Erfolgen (auch solchen Erfolgen vor sich selbst) sich der Farbe, nach welcher vieles in seinem Gefühle drängt, entschlug und seinem schnellen Schaffen eine doppelte Verzögerung auferlegte: eine stoffliche und eine technische. Stofflich: Indem er sich von dem vielen, das, nach Darstellung verlangend, in ihm wuchs, immer an das allereinfachste schloß, an das, welches ihn am leisesten rief und mit der zagendsten Stimme; die Kraft der anderen unterdrückten Stoffe mußte endlich dem einen, Sieghaften dienen, und von ihr kommt diese große Wärme in seinen Blättern her. Diese Stoffe selbst aber führten seine Liebe zu den Meistern von Barbizon; und er lernte von ihnen, sie gaben ihm das Recht, so zu arbeiten. – Die technische Verzögerung stellt die Radierung dar, dieser ganze schwere Kampf mit dem härteren Material, das geduldige Erwarten der fertiggeätzten Platte, ihre mühsame, immer wieder unterbrochene Vollendung. Der Holzschnitt, der genaue Kenntnis des Mittels, seiner Struktur, Dichtigkeit und Weiche erfordert und der besonders in jedem einzelnen Fall, der betreffenden Eigenart des Holzes gemäß, behandelt sein will, lehrte ihn zunächst das Material ausnützen, seine Tugenden und Fehler zugunsten der Arbeit verwerten und führte seine bereitwillige Verehrung zu den Schotten hin, zu Whistler besonders, und zu den englischen Meistern. Der Originalholzschnitt mit mehreren Platten, dem seine jüngsten Versuche gehören, führt in weitem Kreis wieder zur Farbe, das heißt zu einer anderen Farbigkeit, zurück. Zu jenen ruhigsten, kürzesten, schlagworthaften Tonwerten, welche allein der Einfachheit der Darstellung, wie Orlik sie anstrebt, entsprechen. So war sein bisheriger Weg eine beständige unermüdliche Annäherung an die Dinge, ein Sich-vertraut-Machen mit ihren Wünschen und Eigenheiten und ein Bestreben, nichts Bedeutendes an ihnen zu übersehen und sich durch nichts Zufälliges beirren zu lassen.

Aus allen Wandlungen und Wirrnissen und Übergängen soll die Kunst den ›Extrakt der Dinge‹, welcher ihre Seele ist, retten; sie soll jedes einzelne Ding isolieren aus dem zufälligen Nebeneinander heraus, um es in die größeren Zusammenhänge einzuschalten, längs welcher die Ereignisse, die wirklichen Ereignisse, sich vollziehen. Dies ist der Inhalt von Orliks Streben auch, und es scheint mir eine ernste Künstlerabsicht zu sein. Wenn ich in diesem Fall zu ihrem Verständnis gefunden haben sollte, so kommt es von der gemeinsamen Heimat her, zu welcher Orlik mit jedem neuen Werke inniger und dankbarer wiederkehrt. Und jede fernere Fremde, welche er aufsucht, ist nur Raum für den Anlauf, dessen er braucht, zu dem großen Sprung bis in den innersten Kreis ihres unverratenen Wesens.

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