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Von Kunst-Dingen

Rainer Maria Rilke: Von Kunst-Dingen - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorRainer Maria Rilke
titleVon Kunst-Dingen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
editorHorst Nalewski
year1983
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Das Überbrett'l-Gastspiel

27. Februar 1902; ersch. in: Bremer Tageblatt und General-Anzeiger, VI. Jg., Nr. 51,1. März 1902. Der von Rilke erwähnte ›große Dichter‹ ist Detlev von Liliencron.

Madame Yvette Guilbert ist ein Ereignis – für uns, wie sie einmal für Paris ein Ereignis gewesen ist. Vor mehreren Jahren. Bei uns sind indessen die verschiedenen Überbrett'l gegründet worden. Nachahmungen jener eigentümlichen französischen Cabarets, aus denen sie, die große Diseuse (deutsch: Sagerin und Wahr-Sagerin) hervorgegangen ist. Die Stätten ihrer großen Triumphe bestehen nicht mehr, das Cabaret ist vergangen, und Madame Guilbert ist die letzte Zeugin dieser merkwürdigen Vergangenheit, die in unserem Überbrett'l nicht wieder auferstanden ist.

Wer an einem der beiden letzten Abende im Tivoli gewesen ist, der konnte sich überzeugen, daß es wesentliche und nicht nur Gradesunterschiede sind, welche die verschiedenen Programm-Nummern des ›Bunten Brett'ls‹ von den Darbietungen dieser genialen Frau trennen. Schon die Sprache trennt sie. Die französische Sprache ist ein anderes Medium als die deutsche. Das ganze Leben eines sehr beweglichen Volkes ist in diese Sprache übergegangen, hat sich dort versammelt, in dem Maße, daß die Menschen, die diese Sprache gebrauchen, sich an dieselbe weggegeben haben, leer geworden sind und nur noch in denjenigen Momenten leben, da ein Abglanz der Sprache auf ihre Gesichter und Bewegungen fällt. Diese Veräußerlichung, die ein gemeinsamer Wesenszug der romanischen Völker ist, hat gerade bei dem französischen Volke eine äußerst interessante Situation geschaffen: alle Höhen und Tiefen des inneren Erlebens sind in ein leicht bewegliches und glänzendes Element ausgestrahlt, so daß ein Augenblick kommen mußte, da die Sprache das ganze Leben enthielt, das sich nun in ihr abzuspielen schien. Und in dieser Sprache singt die Yvette. Das ist nicht das Geheimnis, aber die Voraussetzung ihrer Kunst. Eine deutsche Diseuse könnte (selbst wenn sie als Künstlerin so groß wäre wie Madame Guilbert) nie solche Wirkungen erreichen; denn die deutsche Sprache enthält die Erlebnisse nicht, sie weist nur auf sie hin und verhält sich zu jedem in einer bestimmten Weise. Im deutschen Wesen ist jene Veräußerlichung nur teilweise vor sich gegangen.

Die deutsche Sprache lebt auch von unserem Gefühl, sie zehrt auch an uns Deutschen, aber sie ißt uns nicht arm, wie die französische Sprache die Franzosen arm gegessen hat. Sie verändert ihre Haltung zu uns, je nachdem sie Grausiges oder Komisches, Tiefes oder Triviales auszudrücken hat, und ihr Ausdruck beruht nicht sosehr in ihr selbst, als vielmehr in ihrem Verhältnis zu uns. Der Reiz der Chansons, wie Madame Guilbert sie singt, kommt aber nur zur Geltung in einer Sprache, die in einem Atem Schauerliches und Schönes, Drolliges und Tiefsinniges sagen kann, ohne sich umzuschalten oder sonst irgendwie zu verändern. Und aus dem unsagbar genialen Verständnis dessen, was diese gesättigte und selbständige Sprache will, kommt das große und ernste Können, kommt die Macht, die die Yvette ausübt. Sie hat sich einige unbekannte und in dunklem Elend verdorbene und gestorbene Dichter gesucht, bei denen die Sprache in besonderer Freiheit und Vielfalt sich bewegt, und hat sich von dieser Sprache belehren und zu ihrer Kunst erziehen lassen. Die Worte haben ihr den Mund zurechtgebogen, und dieser Mund bestimmte den Ausdruck des ganzen Gesichtes, auf dem jedes Wort einen Moment sich abzubilden scheint, so daß man es noch einmal dort lesen kann, wenn sein Laut schon verhallt ist. So sagt und singt sie diese Verse mit einer Eindringlichkeit, mit einem Eigensinn, durch den sie stark und inständig und unwiderstehlich werden. Sie zwingt dem Hörer den Extrakt von Erlebnissen auf mit einigen einfachen Worten, die dieses Erlebnis enthalten, und die Art, wie sie diese Worte giebt, lähmt jede Abwehr oder Ablehnung. Sie hat die Macht und Überzeugungskraft der ganz großen Künstler, und wenn etwas teilhat an ihrem Ruhm, so ist es die Sprache, dieses unvergleichlich vollkommene Instrument, das sie ganz und überlegen beherrscht.

Es zeigt sich aber bei näherem Zusehen, daß nicht allein die Kunst der Yvette Guilbert an die französische Sprache gebunden ist, sondern daß auch der Geist des Cabarets selbst sich nicht übersetzen läßt und daß das deutsche ›Überbrett'l‹ eine oberflächliche Nachahmung ohne Lebensfähigkeit und ohne Notwendigkeit ist, die sich nur ganz vorübergehend halten kann. Man wird schon abwarten müssen, bis die deutsche Sprache und der deutsche Vers, aus eigenem Geiste heraus, etwas jener französischen Cabaret-Kunst Entsprechendes geschaffen haben wird (wenn man durchaus etwas Ähnliches bei uns haben muß) und bis ein Genie von der Art der Yvette sich als Vermittler dieses zu erwartenden deutschen Chanson findet. Vorläufig ist weder der Stoff noch die Darstellung irgendwie bemerkenswert, ja die letztere steht (wenigstens was das ›Bunte Brett'l‹ betrifft) unter dem Niveau der Varieté-Theater mittleren Ranges. Das wäre nicht weiter bedauerlich, wenn dieses Überbrett'l sich nicht an den Namen eines großen Dichters gehängt hätte, der an seinen Sünden und Gebrechen ganz unschuldig ist und der vielleicht nur vom Hörensagen weiß, was auf der Bühne, die er nur kurz in Erfüllung seiner kontraktlichen Verpflichtung betritt, eigentlich geschieht. Ich vermeide es hier, den Namen jenes Dichters zu nennen? die Plakate haben ihn verschwenderisch ausgenutzt, – und es war nicht schön, ihn dort zu lesen, wie es schmerzlich war, die unfähige Stimme des Dichters von der zweifelhaften Bühne her zu vernehmen.

Nur damit darf man sich beruhigen: Das ›Überbrett'l‹ hängt an dem ergrauenden Haar dieses großen, von vielen geliebten Dichters nur wie ein zufällig herabgefallenes buntes welkes Blatt. Und es ist eine Frage der nächsten Zeit, wann der gesunde Wind sich erhebt, der es fortweht, Gott weiß wohin ...

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