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Von Haß und Liebe

Theodor Birt: Von Haß und Liebe - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Haß und Liebe
authorTheodor Birt
year1919
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleVon Haß und Liebe
pages291
created20120530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Unmeßbare

Oben auf der Gartenmauer hockte Niko und spähte hinab. Versteckt unter Aloën und Feigenbäumen lag die Villa über dem Meer; in den verwahrlosten Rebengärten am Abhang kletterten die Ziegen. Ein Segelboot lag tot und leblos am Strand. Weithin nichts als Einsamkeit. Kein Mensch ging über den Strandweg.

Heute aber, dort unten auf der flachen Düne stand ein alter Mann nun schon stundenlang, dem Mädchen ein Rätsel. Was wollte der Mensch hier? Oft bückte er sich und ließ sich den Ufersand durch die Hand rinnen, der Sand schimmerte goldblond und war fein und weich wie Sammet. Dann stand er regungslos, als wär' er aus Holz geschnitzt, und starrte und starrte über die See, als fesselte ihn etwas Unsichtbares. Oder schlief er im Stehen? Nein, er schrieb plötzlich auf einer Tafel, dann bohrte er den Blick zur Erde, nahm den Stock und zeichnete lange Striche in den Sand. Am Ufer fuhr die goldene Barke der Prinzessin Damarete vorüber. Die Leute im Schiff sahen den Greis und winkten. Aber er bemerkte es nicht. »Komm her; sieh nur! Er hat ein Sieb, der Sonderbare!« rief Niko ihrer Sklavin zu, die untätig in der Schaukel hing. »Durch das Sieb reinigt er den Sand, und er fingert darin, als wäre er verliebt in ihn, wie in Wollust!«

»Wollen wir Lärm machen, daß er einmal aufguckt?«

Und die zwei begannen ein Trällern und Lockrufen, ein Nachahmen von Vogelstimmen. Der schnöde Alte achtete es nicht. Aber er aß, er aß doch wenigstens. 220 Ein Diener hatte ihm vorhin Zehrung gebracht. Er biß hastig ins Brot und in die getrockneten Feigen. »Es ist doch ein natürlicher Mensch.«

»Aber ein verrückter!« lachte die Zofe. »Sucht er hier Gold im Sand? und das in der Hitze!«

»Nicht verrückt! Er ist entrückt. Man sagt, daß die Seelen oft, wenn ein Geheimnis sie zieht, aus ihren Körpern wandern!«

Die Schwüle wuchs. Es war Nachmittag. Der Spiegel des Meeres lag still und wie zu Onyx erstarrt.

Da rannte ein wildgewordenes, junges Pferd daher, ein Schecke mit fliegender Mähne, der Knecht hinterdrein, der es greifen wollte. Er hetzte das Tier dem Meere zu, wo es stehen bleiben mußte. Der Alte merkte nichts; da war er schon überrannt, zu Boden geschleudert und lag hilflos am Boden.

Nein, nicht hilflos. Er streckte den Kopf hoch und rief dem Knecht nach: »Das Tier scheut vor seinem Schatten. Von links kommen! Faß' es in die Nüstern!«

Dann sank er zurück. Er schien bewußtlos, und schon stand Niko bei ihm, schon hatten ihre Diener ihn oben im Gartenschatten auf weichem Fell gebettet und untersucht. Syrakus, die Stadt, lag nahe; Niko schickte dorthin nach dem Arzt. Aber der Schaden schien nicht schlimm; das Pferd trug kein Eisen am Huf. Wer war nur der Bewußtlose? Gewiß kein Bettler. Das Kleid, die Agraffe am Kleid verrieten es.

Und schon schlug er die Augen auf. Niko hatte ihn aus ihrem Riechfläschchen besprengt: ein starkes Riechwasser aus Orangen oder Medischen Äpfeln war darin. Das wirkte.

221 »Das böse Tier,« sagte sie leise, mit fremdem Akzent. »Nun wollen wir dich pflegen, Ehrwürdiger.«

Er schwieg und sah sie erstaunt an. »Ein schönes Tier,« sagte er dann. »Es schien sehr jung. Ich liebe die ungestüme Jugend . . .«

»Welch ein Unfall! und schmerzt es nicht?«

»Nicht mehr als recht ist,« gab er launig zurück. »Du aber, so fremd und schön! Bist du ein irdisch Weib? So wie dich, so dachte ich mir Astarte, die Göttin, die ewig jungfräuliche Mutter des Alls: jung und voll Schwermut.«

Sie mußte lächeln. Da sah er ihr blendendes Gebiß zwischen den schwellenden korallenroten Lippen. Ein gelblicher Glanz überschimmerte ihre Haut. Schwer und müde lagen die Lider über den mandelförmigen Augen, die halbgeschlossen wie schwarze Kohle funkelten. Im farbigen Kopftuch war ihr Haar vergraben.

»Darf ich dich fragen: warum so einsam hier draußen im Brand der Sonne den ganzen Tag?«

»Weißt du, was Ewigkeit ist? was Unendlichkeit? Ich suche sie. Wer sie sucht, braucht Einsamkeit. Ich suchte das Unendliche und habe statt seiner dich gefunden.«

»Wie sucht man das Unendliche, Herr? Du bist ein Weiser. Und zürnst du mir nicht? Mein Ahab, mein junges Reittier . . .«

»War es deines? Du bist Reiterin?«

»Ja, Reiterin.«

»Ein Weib zu Roß? Das ist nicht landesüblich hier!« Es schimmerte wie Neugier im Blick des Alten.

222 Eben tauchte im Haustor ein negerartiger Mensch auf; der trug einen Papagei und setzte ihn in die Baumkrone. Über der Tür war der Kopf eines Elefanten befestigt mit zwei riesigen Stoßzähnen. Sonderbar.

»Das Reiten habe ich in Karthago gelernt,« scholl Nikos Stimme. Aus ihrem verschlossenen Gesicht schlugen Blitze.

»Du bist keine Griechin?«

»Meine blinde Mutter sitzt drinnen im Saal. Sie wird von meiner Schwester gehütet. Die Arme! blind zu sein und Witwe zugleich! Meine Mutter ist Vollgriechin, aus Agrigent am Meer. Mein Vater Hanno, mein Vater ist Punier; Großhändler! Nein, er war es. Auf der Seefahrt ist er seit zwei Jahren verschollen. In Syrakus kaufte er sich Warenspeicher und baute dies Landhaus, aber er ist nicht mehr, und wir sind schutzlos, heimatlos, nicht Punier, nicht Griechen.«

»Der Mensch braucht keine Heimat!« sagte der Alte, und seine Augen weiteten sich wunderbar. »Unser aller Heimat ist die Welt. Was willst du mehr, Weltbürgerin?«

»Aber wir brauchen Schutz. Wir Weiber verkriechen uns hier zitternd in die Einsamkeit. Wenn die Römer, die Römer kämen! Man sagt, es gibt Krieg. Was wird euer König tun?«

»Mögen die Barbaren, Römer und Punier, sich zerfleischen. König Hieron von Syrakus ist Grieche, ist Mensch, ist Friedensfürst. Er denkt wie ich. Was ist der Krieg? ein Schrei, der heute gellt und morgen verklingt. Die Ewigkeit ist der Friede, und sie schlingt 223 alles, was endlich, in ihren Abgrund. Nur den Denkenden verschont sie. Denn nur eins ist, was nicht sterben kann, das Wissen.«

»Das Wissen? Du redest dunkel und schön, aber es macht mich traurig.«

»Junge Seelen, mein Kind, sind wie liebe Blumen im Wiesengrund: sie schauen nicht über die nächste Feldmauer. Anders, wer alt wird; seine Seele trägt Wipfel und möchte hoch hinaus ins Grenzenlose wachsen. Wissensdrang, darin leb' ich, und darum kam ich hierher an den Strand. Wer die Grenzen kennte des Grenzenlosen! wer es messen könnte, das Unermeßliche!«

»Grenzenlos ist der Himmel. Darin lebst du?« Niko mußte wieder lächeln vor Ungläubigkeit und Unverstand.

»Glaubst du nicht, daß man Unsichtbares denken kann, wie das Gute und das Böse? So auch das Unermeßliche.«

»Mir schwindelt, wenn ich das höre. Ich kann es nicht denken.«

»Ganz recht. Nur wer es mißt, kann es denken. Danach suche ich.«

»Mit Maßen messen das Unmeßbare? das wolltest du? und doch bücktest du dich, alter Mann, als wolltest du im Sande wühlen, die Sandkörner zählen . . .«

»Das eben war es: unzählbar ist der Sand am Meer. Wer ihn zählen kann, hat eine Zahl für das Unendliche. Ich will die Zahl finden.«

»Unglücklicher!«

»Wahnsinniger, willst du sagen, Kind. Aber das 224 Suchen rückt den Menschen an Gott heran. Gott weiß die Zahl, die ich suche. Er ist sie selber.«

Sein Mund verstummte. Er wurde still. Wenn man ihn von der Seite sah, hatte er das Gesicht des Raubvogels; aber seine Stirn war hoch und schmal. Lichtweiße Locken umrahmten die hagere Wange. Ein Netz von Gedanken hing in den tausend feinen Furchen, die das Gesicht durchspannen, und seine Augen standen tief verschattet und fragend unter den schweren, dichtbuschigen Brauen.

Da stand schon ein kleiner Mann in gelbem Rock, der Arzt Menekrates, vor ihnen, der aus der Stadt herbeigeholt war, und rief hastig: »Welch weiter Weg! Hier bin ich, schöne Niko. Aber was seh' ich? Archimedes!«

»Archimedes?« Niko sprang auf. Es war, als wäre plötzlich ein Gott im Raum erschienen.

»Archimedes!« Der Kranke öffnete die Augen, und der Arzt schalt: »Es ist immer dasselbe! Der Klügste der Klugen; aber er kann nicht artig zu Hause bleiben; immer irrt er unberechenbar da herum, wo niemand ihn sucht und wo er nichts zu suchen hat. Nun hat er den Schaden.«

»Mein gelber Schatten verläßt mich nicht,« sagte der Getadelte gutmütig. »Und Olbios? Olbios? Er weiß noch nichts? er kommt nicht?«

»Woher sollte es Olbios wissen, wo sein Großvater, der Appa, steckt? Du bist zwar ein großes Licht, aber noch keine Sonne, daß alle wissen müßten, wo du leuchtest. Aber ich werde melden . . .«

Schon hatte der Arzt untersucht, verbunden, Rat 225 erteilt; er befahl: »Der Kranke bleibt hier im Haus, bis ich anders bestimme,« und war schon verschwunden.

»Ihr sollt mich beherbergen, Niko, und du erschrickst nicht?« sagte Archimedes.

Aber Niko war überglücklich. Sie eilte, ihrer Mutter alles zu melden und ein Zimmer zu bereiten.

»Bettet mich da, wo ich nachts den Himmel sehe,« hatte Archimedes gebeten. Als sie wiederkam, fragte er: »Mir war, als sei dir mein Name nicht fremd gewesen? Woher kanntest du ihn?«

»Damals, als ich zum Tempel der großen Artemis wallfahrtete. Beim ersten Frühlicht. Im Augenblick des Sonnenaufgangs schlugen die Tempeltüren vor uns auf. Im selben Augenblick war ein mächtiger Schall; die Posaunen bliesen. Sie bliesen; aber ein Bläser war nicht zugegen; kein Mensch irgendwo in der Nähe. Ich fragte den Pförtner; der berichtete Sonderbares. Hinter dem Türflügel standen die Posaunen auf einem Gestell. Mit dem Türflügel hingen sie durch Leitung wunderbar zusammen; sobald sich die Tür stark dreht, fährt durch das Erz von selbst ein Luftstrom, so daß es erklingt, und das war der Schall, der die Sonne brausend begrüßte. Ein Wunder! wer hat es ersonnen? fragten wir. Archimedes, der Syrakuser, hieß es.«

»Spielerei mit Hebel und Druckwerk,« lachte der Alte.

»Schöner noch das andere, die Spenderinnen, wie man sie nennt, die im Vorhof des Zeus stehen: die beiden Jungfrauen, starr und steif aus harter Bronze. Viele Menschen waren zum Festtag gekommen. Wir 226 legten unser Geld in den Opferstock. Da belebten sich die Figuren, so daß wir erschraken: die Schalen in ihren Händen füllten sich von selbst mit Opferwein, dann kippten sie die Schalen und senkten sie, und die Spende träufte nieder auf den Altar des Gottes, nicht nur einmal, nein, so oft man Geld in den Kasten warf. Von weitem kommen die Fremden gereist, um das zu sehen. Ich möchte mich vor dir fürchten, Archimedes, du Wundermann.«

»Kein Wunder, mein Kind; Luftdruck, Mechanik, weiter nichts. Ausnutzung der Kräfte der Natur durch Berechnung. Wenn ich die Figuren vor dir auseinandernähme, du würdest graß ernüchtern. Das Wunder ist anderswo.«

»Was meinst du jetzt?«

»Das Wunder ist das Weltall, der große Automat, der sich tagtäglich nach inneren Gesetzen selbst bewegt. Die Welt! die Welt! könnte ich ihre ungeheure Maschine auseinandernehmen! sie nachschaffen! Das Herz wird groß bei dem Gedanken.«

Es klang wie Selbstgespräch. Des Forschers Gesicht strahlte von innerem Schauen: »Gib mir, wo ich stehn kann, und ich will die Welt aus ihren Angeln heben.« Niko aber fragte, nach Frauenart abspringend: »Du sprachst von Olbios. Olbios ist dein Enkel?«

»Meine Frau gab mir drei Söhne. Archias und Aeneas, die zwei, leben mir fern, im Umland, in Tycha und Catania. Der dritte starb und hinterließ mir den munteren Enkel, den ich liebe. Seine Jugend erfrischt mich; auch sollte er mein Schüler sein in der Wissenschaft. Aber der Praktikus lernte den Kaufhandel und 227 das Geldgeschäft, und wer weiß? er rechnet besser als ich.«

Archimedes schien zu ermüden. Niko verließ ihn. Da kam schon jemand auf dem Esel geritten. Es war Olbios. Sie sah ihn.

»Wie steht's mit dem Appa?« so stürmte Olbios herein, im Äußeren so ein rechter Durchschnittsgrieche, kerngesund, elastisch und brav. »Wie steht's? Aber zuvor: darf ich mich waschen? Ich komme in Eile eben, so wie ich war, aus unserem Kornschiff, wo wir den Weizen verluden.«

Er wusch sich, ließ sich erzählen, eilte zur blinden Mutter, überschüttete die Frau mit verbindlichen Worten des Dankes; dann erst war er bei dem Alten. »Appa, Appa!«

Mit einem Blick zärtlicher Freude blickte der zu ihm auf.

»Es kommt immer anders, als man denkt,« rief der Junge. »Du großer Rechner rechnest mit allem, nur nicht mit jungen Pferden, wenn sie durchgehen. Wo ist da das innere Gesetz, von dem du immer redest?«

»Frage die Reiterin. Sie muß ihr Tier kennen.«

Eine Reiterin? Olbios maß Niko mit erstaunten Blicken. »Aber das Neueste! Es gibt Krieg in der Welt. Das Kurierschiff aus Spanien meldet: Hannibal setzte über den Ebro; und wir . . .«

»Hannibal über den Ebro?« Ein Aufschrei unterbrach ihn. Es war Niko. »Hannibal!« rief sie. »Der Sieg mit ihm! Ich kenne ihn. Ich sah ihn, da ich Kind war. Nun mag Rom zittern.«

»Du sahst ihn?«

228 »In Karthago war ich als Kind; Hannibal in meines Vaters Haus. Reiten sah ich ihn mit seinen Beduinen auf dem schimmernden weißen Hengst, die Sonne im Antlitz, den Blitz im Auge. Krieg gibt es. Hannibal ist los. Alle Götter mit ihm!«

»Schweig!« herrschte da Archimedes. Niko erblaßte. »Krieg ist ein Lasterwort, und ich will es nicht hören. Vergißt du, daß du auf Siziliens Boden lebst?«

Schneidend klang seine Stimme; Niko sah bestürzt auf Olbios.

»Mögen die Wilden Krieg führen; solch wüstes Heldentum ist für die Kinderfibel. Tu deinen Hannibal zu Diomed und Achill, die einst rauflustig gegen Troja rannten.«

»Aber Homer hat sie besungen!«

»Er würde es jetzt nicht mehr tun. Die wilde Knabenzeit der Menschheit ist zu Ende, veraltet und abgetan. Laß die Barbaren wahnsinnig gegeneinander rennen wie die Stiere. Wir Griechen sind gereift. Willst du Mädchen mit den Deinen auch weiterhin den Schutz unseres Staats genießen, so verlerne den Haß gegen Rom.«

»So redet auch meine Mutter oft,« stammelte Niko, völlig eingeschüchtert.

»Das wäre schlimm,« fiel auch Olbios ein, »wenn wir Syrakusaner uns mit Rom verfeinden wollten. Der Kaufmann weiß, was not tut. Rom kauft unser sizilisches Korn in großen Frachten, Karthago unser Geschirr und Erz. Keine der beiden Mächte dürfen wir reizen, und ich selbst habe gute Freunde auf beiden Seiten. Aber unsere Stadt ist voller Zündstoff, es sind 229 viel Punier, viele Römer in unseren Fremdenquartieren. Ein aufreizendes Wort, und die Parteien schlagen auch bei uns gegeneinander. Schon heute ist Syrakus wie von Sinnen. Darum entschuldigt mich; Pansa ist im Haus, und ich muß ihn sprechen, muß hören, was sie reden. Aber ich komme wieder, oft wieder, Niko, wenn ich kommen darf.«

Die Nacht kam; sie war milde und berauschend schön. Gulussa, der grinsende Neger, bediente jetzt Archimedes. Er bettete ihn auf seinen Wunsch auf dem Altan, wo er in den Himmel sah und die Wellen anrauschen hörte, den ewig gleichen Pulsschlag des Meeres.

Niko erschien, um sich noch einmal nach ihm umzusehen. Er bat sie zu bleiben, und sie hockte neben ihm nieder, wie es in den Tempeln Afrikas die Andächtigen tun.

»Die Sterne haben sich entschleiert. Sprachen wir nicht heute von Unendlichkeit? Hier schwebt sie über uns. Der Mond steht schüchtern im ersten Viertel; mit deiner Hand kannst du ihn zudecken, und doch ist er millionenmal größer als deine Hand. So deckt nachts der Erdenkörper für uns die Sonne zu, und doch ist sie tausendfach größer als die Erde.«

»Wahrlich,« flüsterte Niko in Erschauern. »Du bist gottgleich; du weißt, wie groß die Sonne ist?«

»Wer ihre Entfernung weiß, weiß auch ihre Größe. So höre mich. In allen Weltkörpern dort oben, liebes Mädchen, herrscht das Gesetz, und keiner irrt ab: ein heiliger Gehorsam. Wir nennen ihn Notwendigkeit. So sollen auch wir sein, auch du, nicht abirren durch ohnmächtige Leidenschaft.«

230 Mit einem Schrei stürzte sie an seinen Hals; ihre Stimme erstickte in Tränen: »Ich verstehe dich. Mein Vater Hanno! Ich soll ihn verleugnen! Mein Vater . . .«

»Dein Vater war Mensch, das ist mehr als Punier und Römer. Sei auch du Mensch, weiter nichts.«

»Das ist schwer zu lernen. Ich bin vaterlos, Herr, und du bist gütig. Könntest du mich täglich lehren, könntest du mir Vater, Vater sein, in diesen schlimmen Zeiten bei uns bleiben; oder ich, ich käme zu dir . . .«

»Törin, du zu mir?«

»Ich weiß, daß es unmöglich ist.« Sie sprang auf ihre Füße. »Verzeih, ich habe Unbesonnenes geredet.«

Aber Archimedes forschte weiter: »Du zu mir? Und deine Mutter?«

»Meine Schwester ist gut. Meine Schwester ist bei ihr. Ich könnte die Mutter oft, täglich, besuchen, wenn ich für mich, für uns einen Helfer fände.«

»Was hat dich angefaßt?«

»Ich habe das Denken gelernt in der Einsamkeit, und ich weiß von dir, es zieht mich zu dir, und ich hatte Mut um dich zu werben.«

»Mich pflegen wolltest du, weil ich alt bin?«

»Deine Tochter, deine Sklavin! Ich fürchte mich vor mir selber in diesen Zeiten.«

»Geh zur Ruhe, Niko. Das Wort Krieg hat dich so erschüttert. Aber die Vernunft wird siegen, und denke, daß ich auch einen Enkel habe.«

Olbios?

Sie ging. Sie hatte Olbios ganz vergessen.

Archimedes ächzte leise. Fuß und Hüfte schmerzten sehr. Der Mohr kam, ihm zu helfen. Dann schaute er 231 tief atmend zum Firmament empor, wo die goldene Saat der Sterne glühte.

»Jupiter, der Planet, steht an seiner rechten Stelle. Ich kenne ihn. O heilige Ordnung! Dort oben ist kein Schmerz. Kein Reittier reißt sich dort los und wirft die erste beste Kreatur, deren Bahn es kreuzt, zu Boden, so wie es mir geschehen. Und dort oben ist kein Krieg. Der Friede ist überweltlich: dort, wo die Götter sind und das Gesetz hüten. Und Niko? Ich könnte es lieben, das friedlose Kind. Friedlos ist der Mensch; denn er ist frei und losgerissen von der Notwendigkeit, ein Opfer seiner Leidenschaft, unberechenbar wie die Stürme auf See. Ich verstehe mich nicht auf Sturm und Leidenschaft. Leicht ist die Wissenschaft, schwer ist das Leben.«

Da erscholl ein tierisches Stöhnen. Gulussa, der Schwarze, sang seinen melancholischen Nachtgesang in langgehaltenen, gebrochenen, grauen Tönen vor sich hin. Es klang wie das ferne Lachen und Weinen der Hyäne in der Wüste. Archimedes hörte es nicht mehr. Er war entschlummert.

Am anderen Tage hatte Niko sich festlich geschmückt, für ihn, den sie verehrte. Es war, als wollte sie ihn betören, ihn blenden. Eine seltsame Schwärmerei. Dieser fremde Mann: die Götter hatten ihn ihr ins Haus gesandt. Eine sichere Ruhe lag in seinem Wort, und er war hochangesehen in der Stadt; er konnte sie schützen, die wehrlosen Frauen, in der Zeit der Not.

Und er freute sich wirklich ihres Anblicks. Diese süße Weichheit im Angesicht, dieser Schmelz der Farben! dieser stille flehende Blick, in dem maßlose 232 Leidenschaft schlummerte! Dann kam auch Olbios, der wie geblendet stand. »Welch wundervolle Verwandlung,« rief er laut. Niko lächelte stolz, aber ihr Blick galt nur dem alten Manne.

Ihr Haar stand hoch aufgebaut, wie ein Turm. In den schwarzen Ringeln lagerte eine silberne Schlange mit glutroten Augen aus Edelstein. Am schlanken Hals wiegten sich bunte Perlenkettchen als Ohrgehänge; so bunt war auch die Halskette, die bei jeder Bewegung klirrte. Das gestreifte Gewand glitzerte in Purpur und Grün und floß blumenhaft leicht geschmeidig an ihr nieder. Auf hohen Hacken ging der Fuß in Schuhen aus Schlangenhaut. Um Fuß- und Handgelenke aber lagen breite Kupferspangen, darauf man Löwen ziseliert sah, die mit züngelnden Drachen kämpften.

»Sie schmückte sich für mich, mein Sohn, und nicht für dich,« lachte Archimedes. »Ich Alter steche dich aus bei ihr.«

»Und mit Recht, Appa,« gab Olbios ehrlich zurück. »Aber so kann sie leider nicht bleiben. Kleide dich um, Niko; denn ich bin zu Pferde gekommen, und ich weiß, auch du bist Reiterin. Komm, laß uns reiten.«

Sie warf den Kopf hoch.

»Wollen einmal sehen, wie dein Ahab läuft.«

»Er läuft wie Sturm,« rief sie. »Ihr guten Götter, du sollst es sehen. Reiten, reiten! Aber nein, ich will es nicht, ich darf es nicht.«

»Glaubst du, deine Mutter würde dich tadeln?«

»Nein, sie nicht, aber er, er, dein Appa, Archimedes!«

233 Archimedes aber sagte: »Du irrst. Ich wünsche es: du sollst mit Olbios reiten. Gönne ihm die Freude. Der treue Nubier begleitet euch. Ich wollte, ich könnte statt seiner der Dritte sein.«

Schon saß Niko im schneeweißen Kleid und Burnus zu Pferde; schon trabten die drei über die Hochflächen jenseits der kalkigen Höhe des Euryalos hinaus. Schon begann das Hetzen um die Wette. Olbios hörte ihr schrilles Pfeifen und wie sie fremdartige Töne sang. Sie ließ ihn eine gute Strecke hinter sich. Dann stand Ahab zitternd, weil sie auf ihn wartete. Das währte so stundenlang. Es war eine Wonne. Sie sprachen wenig. Wozu auch reden? Plötzlich sahen sie Syrakus, die mächtige Stadt am Meer, zu ihren Füßen.

»Da unten steht es toll,« sagte er da.

»Was ist?«

»Die ganze Stadt steht auf dem Kopf.«

»Der Krieg?«

»Jawohl: der Krieg hat begonnen. Hannibal stößt schon auf Genua vor.«

»Hannibal!«

»Denke! auch hier auf Sizilien können Karthager, können Römer landen; was dann?«

Ein Fieber befiel sie. »Hannibal, der wilde, – endlich, endlich! Rom niederreiten. Er wird's. O könnt' ich ihn sehen, ihn sehen und seine Beduinen, die Römerköpfe auf den Spießen!«

»Gottloses Mädchen! Barbarin! Niko, wenn dich Archimedes jetzt hörte! Hast du vergessen . . .?

»Vergessen?«

»Die Glut Afrikas schäumt in dir. Ich möchte wohl 234 deine Träume kennen. Du träumst nichts als Menschenblut und wilde Rache.«

Da schreckte sie zusammen, hemmte ihr Roß und wandte es. »Ich will nach Hause,« sagte sie tonlos. Ihr Haupt fiel ihr auf die Brust; sie senkte es auf den Hals des Pferdes, und ihr gelöstes rabenschwarzes Haar mischte sich in die helle Mähne des Tieres.

»Nie wieder reit' ich, nie, nie!« stöhnte sie auf. »Ich muß diese wilden Freuden, ich muß meinen Vater vergessen lernen; denn ich will Griechin sein. Ich muß werden wie eure Frauen.«

Als sie die hohen Zypressen ihres Gartens von weitem sah, sprang sie ab, zerbrach die Reitgerte, führte das Tier an der Hand, liebkoste es und zog es selbst in den Stall. Olbios sah es mit Verdruß. Sie stand und sah dem Tier ins sprühende, große Auge: »Ich beneide dich, Ahab. Du darfst die Römer hassen, ich nicht. Käme ein Punier her, ihm würd' ich dich geben, daß er dich ins Gefecht reitet; du würdest springen und wiehern vor Kampfbegier.«

Am folgenden Tag kam Olbios zu später Stunde, und nicht allein. Er brachte seine römischen Freunde mit. Er tat es ungern, aber er konnte es nicht verhindern. Es waren Rullus und Pansa, die Kaufherren; Rullus der Mensch mit dem schielenden Blick, barsch und verdrossen, Pansa dagegen wohlgestaltet, wuchtig von Wuchs, Schiffsinhaber vornehmsten Geschlechts und Sohn eines Konsularen. Beide Männer lebten als Gastfreunde in des Archimedes Haus, so oft sie nach Syrakus kamen; eben jetzt aber waren sie im Begriff, nach Rom zurückzukehren, und wollten 235 pflichtgemäß Abschied von Archimedes nehmen. Olbios lieferte für sie das Korn aus der reichen Ernte Siziliens für den Verbrauch Roms seit längerem zu Vorzugspreisen.

Es ließ sich nicht hindern, daß Niko den Römern begegnete. Pansa sah sie, und sein dreister Blick haftete an ihr. Sie war auch heute schön gekleidet, und der niedergehaltene Sturm in ihrem Herzen, die schwermütige Stille in ihren Zügen machte sie noch entzückender für den Weiberkenner. Ein Widerwille packte sie, als sie den Blick auffing; sie verschwand und erschien nicht wieder. Olbios eilte ihr nach, entschuldigte sich in aufrichtigem und dringendem Ton und erklärte ihr alles. Auch entfernten sich die Fremden nach kurzer Zeit. Aber Niko vergaß den Römer nicht, und der Römer vergaß sie nicht.

Acht Tage hatte Archimedes in Nikos Pflege gelebt. Der Mann im gelben Rock, der Arzt Menekrates, war oft dagewesen; er gestattete jetzt, daß Archimedes zu seinem Enkel nach Syrakus übersiedelte.

Pansa hatte inzwischen mit schwerer Schiffsladung die Stadt verlassen. In Archimedes aber war ein Plan gereift. Er hatte mit seinem Enkel, er hatte mit Nikos Mutter ernste Zwiesprache geführt. Er wußte wohl: »Leicht ist die Wissenschaft, schwer ist das Leben«; aber er wollte trotzdem jetzt das Leben lenken. Die bedingungslose Verehrung, mit der das Mädchen an ihm hing, erwärmte ihm das Herz; er hatte sie lieb gewonnen und verstand ihre Sehnsucht.

Jetzt stand er mit ihr am Strand des Meeres, wo sie ihn zuerst gesehen. Der Seewind ging stark.

236 »Ich muß euch verlassen,« begann er. »Mein Hiersein hat ein Ende. Aber ich will kein Ende. Du wolltest mit mir kommen, Niko, du tapferes Mädchen. Willst du es noch?«

Sie erfaßte seine Hand in völliger Überraschung.

»Olbios wird kommen und in der Sänfte mich heimholen. Ist dein Herz meinem Enkel freundlich gesinnt?«

Sie stockte.

»Du sollst ihm aber freundlich sein, da er mir teuer.«

»Und ich bin es,« sagte sie rasch und laut und in aufrichtigem Tone.

»So höre auch dies. Er ist unbeweibt und lebt in meinem Hause, und er verlangt nach dir.«

»Er?« Das Blut trat ihr aus der Wange.

»Du begreifst, daß du in meinem Haus nicht leben, des Olbios Hausgenossin nicht werden kannst, es sei denn, daß du sein Weib wirst.«

»Des Olbios!«

»So will es die Sitte, da du nicht seine Schwester bist.«

»Da ich nicht seine Schwester bin!«

Er legte den Arm um sie; sie lehnte sich zitternd kindlich an den Alten. Dann sprang sie mit flackerndem Auge weg: »Er ist Römerfreund? Ist er es nicht?« zischte sie. »Und ich . . .«

Unverbesserlich! Archimedes rief ihren Namen. Da kam sie zurück, warf sich nieder, umfaßte seine Knie und flüsterte: »Rede weiter.«

»Ich sage nichts weiter, Niko. Aber du sollst kommen; du sollst mir in meinem Stadthaus willkommen 237 sein an jedem Tag, so oft du mich aufsuchst. Werde langsam heimisch bei uns, und ein freundlicher Gott wird dein Herz lenken, da ich es nicht kann. Siehst du die Brandung? Hörst du, wie der Sturm heftiger herfegt? Morgen aber ist weithin alles still, und die See liegt wieder glatt wie ein Spiegel. So vergänglich ist alle trübe Leidenschaft. Du wirst den Frieden finden in meinem Hause.«

* * *

Drei Jahre waren seitdem vergangen. Nikos Herz hatte sich ergeben; sie war wirklich des Olbios Gattin geworden. Aber auch die Weltgeschichte draußen ging inzwischen ihren großen Gang und häufte Ereignis auf Ereignis. Hannibals Triumphe kamen. Niko hatte richtig geweissagt: Hannibal, der Punier, schlug die furchtbare Schlacht bei Cannä. Rom schien überwunden, und in Syrakus erstarkte sofort die Partei der Karthagerfreunde. Aber das hatte zunächst nichts zu bedeuten. Da kam die große Trauer über dich, Syrakus, du glückselige Stadt, und helle Tränen standen in deinen lachenden Augen. Denn Hieron starb. Über neunzig Jahre alt war König Hieron geworden. Man träumte, er würde ewig herrschen, und die Götter der Unterwelt wollten ihn nicht zu sich nehmen, damit Syrakus ewig glücklich sei. Denn all die Zeit hatte er den goldenen Frieden gesichert, jeden auswärtigen Konflikt geschickt verhütet; seine Stadt gedieh im Überschwang des Wohllebens und gesicherten Reichtums und übertraf eben jetzt an Volkszahl, Größe und Pracht unbedingt selbst Rom und Karthago, die kriegsgewaltigen Metropolen und Kraftzentren der westlichen 238 Welt. Mit der Trauer aber kam, was schlimmer war, die Ratlosigkeit; denn Hieron hinterließ keine männlichen Nachkommen. Der Rat der Senioren mußte jetzt im Sinn des Friedens die Bürger zu lenken versuchen. Aber eine feste Hand fehlte am Steuer. In der Volksversammlung wurden alle Gesetze und Maßnahmen votiert, und das Volk war launisch und unberechenbar; unberechenbarer noch Hierons fünfzigjährige Tochter Damarete, die in der Königsburg saß, ein eheloses Weib, gutherzig, wie man glaubte, aber voll Eigenwillen; sie war es, die die nahe der Burg und an den Toren kasernierten Söldnertruppen bezahlte; denn sie besaß als Erbin den Schatz des Königs. Den Bürgern blieb der Heeresdienst seit langem erspart; die 20 000 Söldner, angeworbene Leute von allen Mittelmeerküsten, hatten bisher für die Zwecke des bewaffneten Friedens genügt. Indessen organisierte schon Rom gegen Hannibal neuen Widerstand und verdoppelte die Zahl seiner politischen Agenten in Syrakus. Syrakus durfte sich nicht mit Karthago verbünden.

Des Archimedes Haus lag stattlich und steil in drei Terrassen aufgebaut am sogenannten inneren Hafen. Der Herbst war gekommen; da begann ein Poltern und Rumoren im Haus, mit Kisten und Kasten, die von den Dienern sorglich gepackt, genagelt und mit Geschrei aus dem Haus über den weiten Kai aufs Schiff geschafft wurden; Kleider und Decken, kostbare Bücher und Instrumente der Mechanik waren darin. Der Segler sollte schon morgen den Anker lichten. Er war einer der letzten, der noch in See ging. Denn im Winter ruhte alle Schiffahrt, und schon lagen viele 239 Zweimaster und Fischkutter und Schaluppen abgetakelt auf dem Staden am Ufer fest für den langen Winterschlaf.

Der Hausherr selbst hatte auf das Getriebe wenig acht. Er entließ eben sein Schreiberpersonal, saß in seiner großen lichten Bibliothek im hochlehnigen Sessel zurückgelehnt und hielt zwei Buchrollen in den Händen, Reinschriften seines neuen großen Werkes. Er wog die Rollen in den Händen, als ob der geschriebene Gedanke Gewicht hätte, und ein Aufatmen kam aus seiner Brust.

Niko trat leise ein und sah das Wohlgefühl in seinen Zügen. Auf seiner Stirn standen die tief gegrabenen Furchen in stolz geschwungenen Bögen, wie Triumphbögen des Geistes.

»Sieh her, Niko,« sagte Archimedes. »Aber wo hast du deinen Buben?«

»Die Amme läuft mit dem Kinde.«

Niko nahm die Bücher, entrollte das eine halb und bat: »Darf ich nicht mit meiner Hand die Unterschrift daruntersetzen? Ich bin zu schwach an Geist und ahne nicht, was du da Ungeheures errechnet hast: die unendliche Zahl. Aber Buchstaben malen hab' ich gelernt.« Und sie tauchte den Schreibstift in die Farbe und malte langsam und andächtig unter den Text die Worte: Archimedes, der Syrakusier, über die Zahl des Sandes, der den Erdball füllt. »Ist es recht so?«

Archimedes korrigierte: nicht »den Erdball«, sondern: »der das Weltall füllt«.

»Wer das verstünde!«

»Wär' nicht der Kleine, wahrhaftig, ich würde dich 240 mit nach Ägypten nehmen,« setzte er munter hinzu und trat auf den breiten Altan, das Terrassendach des Unterstocks, hinaus, um nach dem Schiff zu sehen.

Der Hafenplatz war voll Getöse wie immer. Welch unerschöpflich buntes Menschenleben! Er nahm im Geist Abschied von Syrakus. All die Kleinhändler, die Packleute, die zwiebelkauenden Matrosen, Bettler und Nichtstuer, die auf dem Bauch lagen und sich sonnten; dazu Neger und Berbern in roten Mänteln, Bauern in Schafsfellen, die große Ohrringe trugen; und das liebe trippelnde Weibervolk! all das Feilschen und Lärmen! Fischmarkt war. Auf den Ständen Polypen, Schildkröten, Tunfische und Delphine, aber auch Berge von Honigkuchen und Käse, und frische Trauben aus den Weinbergen in radgroßen, flachen Körben. Jenseits des Hafenbeckens aber lag die vorgelagerte stolze Insel Ortygia mit der hohen Königsburg und den strahlenden Tempeln. Dort drüben war Hieron gestorben.

»Sieh,« rief Niko. »Jetzt dort! Von Ortygia her kommt die königliche Barke.«

Pfeilschnell schoß ein schlankes Schiffchen daher. Die zwanzig Ruder spritzten. Der Bug schnitt hochmütig durch die blauen Wellen. Der farbige Baldachin mit den goldenen Tressen taumelte im Zugwind. Die Prinzessin kam über das Wasser aus dem Inselpalast, die Basilissa Damarete.

Sie sahen sie aussteigen; acht Soldknechte in schwerem Erzpanzer voran, mit entblößtem Schwert; hohe Helmbüsche; dichte Visiere, durch deren Öffnungen die Augen rollten. Sie selbst trug das Haar im dunklen 241 Schleier; sie trauerte noch. Die langwogende Schleppe ihres herrlichen, sechsfädig gewebten schwarzen Talars schlug Wellen bei jedem Schritte, indem sie über den Platz fegte und alle Abfälle des Marktes, Holzspäne, Fruchtschalen, Traubenstengel und Fischflossen achtlos mit sich raffte. Zwei Zofen gingen hinter ihr und streuten Kupfermünzen.

Da waren rohe Kerle, die lachten wüst: »Das ist die, die nie geboren hat. Sonst hätten wir einen Königserben.« Die Masse jedoch huldigte der Fürstin trotzdem unterwürfig, ja, mit freudigem Gemurmel. Denn der Märchenglanz des Königtums umschimmerte sie noch. Damarete war die letzte ihres Stammes.

Sie nickte nur mechanisch mit ihrem großen Kopf, wie ein Gaul, der eine schwere Last zieht, sah sich nicht um und ging mit großen Schritten vorwärts; die spitzen Knie formten sich im Gewande. »Will sie Fische kaufen?« flüsterten die Spötter. »O nein! Sie rennt zum Archimedes. Für den Sterngucker ist sie alt genug. Was will sie bei ihm?«

Niko trat ihr gleich entgegen. »Ah! unsere Afrikanerin!« sagte die Basilissa.

»Nicht Afrikanerin, nein, Griechin,« verbesserte Niko errötend.

»Ist es wahr? er reist?«

»Er ist auf deinen Besuch nicht vorbereitet, Herrin.«

»Einerlei!« Sie drang schon die schmale Marmorstiege hinauf und stand vor dem Alten.

»Verzeih, Freund. Müßig? Wo ist dein Rechenbrett? Man sagt, den Sand der ganzen schrecklichen Sahara hast du ausgerechnet. Aber heute störe ich dich 242 nicht bei solcher Arbeit. Du willst fort? Darum komm' ich. Du sollst nicht reisen.«

»Ich . . .«

»Du sollst nicht reisen, sag' ich!« Ihr Ton hatte etwas Stoßendes, Bellendes.

Er hatte aufzustehen versucht; aber sie drückte ihn freundlich gewaltsam auf seinen Thron zurück und warf sich auf eine Bank, die Knie übereinandergeschlagen. Ihr Schleier und Mantel fiel zurück; da sah man den Dolch an ihrem Gürtel.

»Wohin den Mantel? Bitte, Niko, häng' ihn dort über das Gestell.«

Das Gestell war nichts Geringeres als der Weltglobus, die berühmte »Sphära« des Archimedes. Die Reisenden kamen von weither, um das erstaunliche Werk zu besichtigen. In der Nische, die sonst für Götterbilder bestimmt war, hatte der Gelehrte seine Sphära aufgebaut, ein Abbild des Planetensystems, wie es die damalige Astronomie sich dachte: gleichsam eine leere Kugel aus Luft; an Stäben waren die Drähte befestigt, die in Kreis- oder Ellipsenform das gedachte Weltall rings umspannten und umflochten. An den Drähten hafteten verschiebbare goldene Kugeln; die Sterne, auch der Sonnenball wandelten da in Riesengröße als Planet, die kleine Erde bildete den Mittelpunkt des Ganzen.

Niko hatte gezaudert zu gehorchen.

»Ein schrecklicher Anblick,« rief da Damarete. »Das Gerippe des Himmels! Alle Götter ausgetrieben. Die Welt wird zur Maschine.«

Niko verdeckte das Werk mit dem Mantel. 243 Archimedes lachte kurz auf: »Nun begreifst du, weshalb ich nach Alexandrien fahren will, wie ich es ja schon oft getan: weil ich hier bei euch kein Verständnis finde für mein bißchen Gedankenleben. Du selbst beweisest es mir! Freilich, dein großer Vater dachte anders.«

»Mein großer Vater! Geh' mir! der Schwächling, der dir alles zuliebe tat! Ich vergess' es nie. Ein neues Königsschiff hatte er sich erbaut, das berühmte Prachtschiff des Hieron. Wir bekränzten es mit Rosen und wollten es einweihen bei gutem Winde zu einer Vergnügungsfahrt; wir freuten uns schon lange darauf. Da kamst du und sagtest: ich will euch zeigen, daß das Schiff auch über Land laufen kann! und mit Hebeln und greulichem Maschinenwerk wurde es wirklich eine Stunde lang landeinwärts das Tal hinaufgeschafft. Wir saßen darauf und schimpften. Eine qualvolle Stunde das! Ebenso der Goldkranz, das Wunderwerk der Schmiedekunst mit Blumen und Traubenranken aus Silber und Gold. Wir Kinder schenkten den Kranz unserem Vater. Da kamst du und sagtest: ist er auch echt? und er gab ihn dir; du zerbrachst ihn, um das Gewicht des Goldes und Silbers nachzuwiegen und mit dem Wassergewicht zu vergleichen. ›Ich hab's gefunden!‹ riefst du, als sei das etwas sehr Wichtiges. Wir vergingen vor ÄrgerEs handelt sich um die Entdeckung des spezifischen Gewichts. Daher das »Heureka« (»ich hab's gefunden«) des Archimedes.. Mir genügt zu wissen, daß Gold im Wasser nicht oben schwimmt. Neulich fiel mir mein goldener Ohrreif ins Meer: da rief ich nicht dich zu Hilfe, sondern einen Taucher. Ohne den Burschen hätt' ich das Ding 244 nicht wieder. Dreimal drei ist neun, gut. Aber sonst? dein ewiges Rechnen, was nützt es, frag' ich?«

»In Alexandrien wird man mich nicht so fragen. Da sind meine Mitarbeiter und Freunde. Ihre Briefe rufen nach mir. Ich muß sie sehen.«

»Du mußt? warum? Ich habe für Syrakus zu denken. Der Krieg droht uns, und ich brauche dich. Du sollst helfen.«

»Wer glaubt an Krieg?«

»Karthagische Gesandte sind da. Sie kamen heimlich auf griechischem Schiff. Es sind so viel römische Spione in unserer Stadt, daß ich die Ankömmlinge in meinem Palast verberge. Hannibal fordert das Bündnis von Syrakus. Ruhm und großer Gebietsgewinn, das ganze Land Kalabrien wird uns verheißen, wenn wir mitgehen. Hannibal selbst rückt eben auf Rom. Der Moment ist günstig. Ich konnt' es nicht verhindern, daß die Gesandten auch in die Kaserne zu den Söldnern drangen, und die jubeln; sie hassen Rom und drängen zum Losschlagen. Aber die Sache wird auch schon ruchbar in der Stadt . . .«

»Weib! Weib! Die Soldateska hat dich in den Händen. Wenn Krieg kommt, kommt er durch dich.«

»Beleidige mich nicht!« Auf dem Tisch lag ein metallener Zirkel. Sie griff nach ihm und brach ihn mitten durch. Ihre Lippen bebten. »Täglich bete ich zu den Göttern, daß sie das Schreckliche abwenden. Jetzt aber handelt es sich nicht um mich, sondern um dich. Wozu hast du dein Wissen? deine Maschinenkunst? Es ist deine Pflicht hier zu sein, wenn es losbricht. In den Kasematten stehen Geschütze. Lehre sie 245 uns brauchen. Baue neue. Ich verlang' es, der Staat verlangt es von dir.«

Archimedes nahm den zerbrochenen Zirkel und sagte ruhig: »Warum zerbrachst du ihn? Du siehst, daß du nur Unheil stiftest. Die Geschütze, von denen du sprachst, baute ich selbst dereinst, als ich noch Jüngling war, für deinen Vater. Es war Spielwerk, Probewerk, Experiment, weiter nichts. So dachte Hieron, so ich. Höre mein Gelöbnis: eher möge meine Hand verdorren, mein Auge erblinden, als ich einen Geschützbogen spanne, der dem Kriege dient. Der Geist der Neuzeit lebt in mir, und nur dem Hochgedanken der Philosophie hab' ich mich geweiht; er lebt in mir, er reinigt das Gehirn, und ich kann ihn in mir nicht erdrosseln. Und ob das rohe Gesindel sich mordet und der gemeine Rassenhaß sich sättigt mit Blut, es gibt noch Stätten der Zuflucht für die, die ihre Hände rein erheben und die Predigt in die Welt rufen: die Menschlichkeit ist der Friede. Liebet euch, Menschen, und suchet einander und wetteifert im Fleiß und in der Guttat und jeder Tugend. Schande über die, die dies wissen und nicht befolgen.«

Damarete reckte sich hoch, und ein überlegener Blick traf den Redner:

»Das klingt ausgezeichnet,« sagte sie. »Du solltest so zu dem rohen Gesindel sprechen, nicht zu mir.«

»So laß die karthagischen Männer augenblicks abfahren, dorthin, woher sie kamen. Sind aber Staatsgeschäfte Sache der Frauen? Ein Staat ist schwer zu lenken. Laß du die Hand vom Steuer, rat' ich dir. Eine Reise täte dir gut, wie mir. Fahre mit mir an 246 den frommen Nil, und Syrakus wird für sich selber sorgen.«

»Du verkennst mich. Ich bin die letzte königlichen Bluts. Ich stehe und falle mit Syrakus.«

»Aber Syrakus nicht mit dir!«

Mitleidslos kam das Wort von des Archimedes Lippen. Sie wandte ihm den Rücken, um zu gehen.

Plötzlich hörte man vom Hafenplatz ein Rufen, ein dröhnendes Murmeln angesammelter Volksmassen, das sich steigerte bis zum Tumult. »Hier im Haus, hier im Haus!« schrie man. Was gab's? Im Theater war große Volksversammlung, und aus dem Theater strömte es, Massen auf Massen, in wilder Unruhe herbei.

Und schon stand Pansa, der Römer, im Gemach, Pansa mit Olbios.

»Verzeih, edler Freund, verzeih auch du, Fürstin,« begann er, »wenn ich so ungerufen zu euch eindrang. Meine Liebe zu dieser Stadt treibt mich zu euch. Karthagische Männer gehen um; sie hetzen die Söldner auf. Nicht geheim; durch alle Gassen schleicht schon das Gerücht. Ich eilte zur Volksversammlung, wo man harmlos über Wasserleitungen und den Erlaß der Zölle beriet. Da wurde die Sache plötzlich ruchbar, und alles schrie gleich durcheinander. Ich trat auf und redete: ›Im Namen Roms, nehmt euch in acht, rief ich. Draußen ist Krieg, aber er berührt euch Syrakusaner nicht. Was kümmern euch die Schlachtfelder Italiens? Rom wirbt nicht um euch; Rom verlangt kein Bündnis von euch; Rom will nur, daß Syrakus sich ruhig hält. Wollt ihr unter euch die punischen Hetzer 247 dulden, so wißt: die römischen Kohorten stehen in Palermo; ein Marsch von zwei Tagen, und sie sind hier.‹ So ich. Gleich warf das Volk die Hände hoch und schrie aus vollem Halse: Friede mit Rom! Nur einige Lärmmacher sprangen auf die Bühne und forderten: ›Die karthagischen Gesandten her! Wir wollen auch die Karthager hören.‹ Der Vorsitzende aber hob rasch die Versammlung auf. Das Volk ist verständig, aber es fürchtet sich, Damarete, vor deinen Söldnern.«

Die Königstochter trat sofort entschlossen auf die offene Brüstung.

»Die Basilissa!« schrie das Volk, reckte die Köpfe hoch, und es wurde still; und über den weiten Hafen scholl die sonore Stimme der mutigen Frau: »Mitbürger! Die Gesandten Hannibals fanden Schutz bei mir. Unter meinem Schutz werden sie wieder abreisen, noch heute. Syrakus ist frei. Muß ich es euch sagen? Syrakus ist nicht Rom. Wir sind mit Rom, aber wir sind auch mit Karthago befreundet. Wozu die feige Angst? Wir halten Frieden, solange der Friede uns nützlich scheint. Ich stehe für meine Söldner. Unser Schwert trifft nur den, der unseren Frieden bedroht. Wer unter euch denkt anders?«

Ein Raunen der Zustimmung kam aus der Masse. Dreimal sprach Damarete so. Die Zustimmung wuchs zu stürmischem Beifall. Dann verlief sich alles.

Indes war Rullus ins Gemach getreten, Rullus, der Römer, der Mensch, der schielte; es war der Mann mit dem bösen Blick. Der war Zeuge, wie Pansa eben hastig zu Niko trat. Auch Olbios, der junge Gatte, stand daneben, und Pansa hob an: 248

»Einst waren wir Gäste dieses Hauses. Seit die schöne Niko in diesem Hause herrscht, dürfen wir nicht mehr unter dem Dach des Archimedes wohnen. Was hab' ich begangen? Ich muß es wissen.«

»Begangen? nichts,« stotterte die junge Frau.

»Niko will uns nicht,« grunzte Rullus und warf sich in einen Stuhl.

»Ist es Römerhaß?« ging Pansas Rede weiter. »Wozu der Unfriede, holde Frau? Glaubst du nicht, daß es mich kränkt? und ist das deine Liebe zu Olbios? Olbios, wer weiß? er wird noch meine Freundschaft brauchen; soll er sie verlieren?«

Es klang drohend. Sie sah ihn starr an. Olbios kam ihr nicht zu Hilfe; gewiß, er dachte ebenso, er dachte wie dieser Römer.

»Aber es war nur Scheu in dir, Niko; wie kann ich zweifeln?« fuhr Pansa in einem fast schmeichelnden Tone fort und ergriff ihre Hand, die sie ihm mit Mühe entzog; sie fühlte, es war eine wuchtige Hand, die Hand des Römers. »So sag' ich dir, beim allgewaltigen Jupiter, ich bin euch gut gesinnt, und die Furcht ist närrisch, die du vor uns hegst. Sage ja, daß du mich nicht kränken wolltest, sage ja, Niko!«

Sie stammelte »ja« und sah hilflos auf Olbios, der aufgeräumt und voll Beifall in die Hände schlug.

»Zehn Tage noch, und wir fahren ab, von Syrakus nach Neapolis. Bis dahin laßt uns, Rullus und mich, wieder der eure sein, wieder euer Gastfreund sein, wie bisher. Ich bitte um die alte Freundschaft dieses Hauses, auf die ich Wert lege.«

249 Jetzt ließ sie ihm ihre Hand.

»Niko widerspricht nicht, und ihr seid uns willkommen,« rief Olbios voller Zutrauen; über des Rullus Gesicht ging ein Grinsen, als freute er sich des Erfolges.

Da fing Pansa plötzlich großtönig zu dozieren an: »Daß mancher hier am Ort auch für Karthago ein Herz hat, das begreifen wir Römer. Warum sollten wir nicht? Dein Vater, Niko, war Karthager. Aber es ist schade um die herrliche Stadt. Denn wir werden sie sicher zerstören, daß kein Stein mehr auf dem anderen steht. Was nützt ihr der Trotz? Man soll nicht trotzen, Niko, wo man lieben kann! und es ist mit den Staaten so, wie mit den Menschen. Erst Kampf, dann Liebe. Rom der starke Mann, Karthago das schwelgerisch rassige Weib! Vor dreißig Jahren hat Rom seine stolze Gegnerin schon einmal besiegt und geschont. Jetzt könnte Karthago unsere Freundschaft genießen, wenn es sich hingäbe, wie es dem Weib geziemt. Allein es trotzt und geht an seinem Haß zugrunde.«

Welch seltsam aufreizende Worte! Niko fühlte ihre Knie zittern; sie war wie betäubt. Pansa zehn Tage ihr Gast, indes Archimedes fort ist! Eben jetzt? Welch sonderbare Fügung! Aber Olbios wünschte es selber so. Und »Trotz und Liebe?« Trotz und Liebe? Was sollten die Worte?

Währenddessen war Damarete mit Archimedes wieder allein. Archimedes lobte: »Du hast verständig gesprochen, Basilissa.« Sie aber trat dicht an ihn 250 heran. »Was soll mir dein Lob?« zischte sie. »Ein Vaterlandsverräter, wer jetzt seine Heimat verläßt, da er ihr helfen könnte!«

Da packte den Alten der Jähzorn, und in unerhörtem Hochmut kam es heraus:

»Vaterland? was ist Vaterland? etwa dieser sizilische Erdenwinkel? dies Rattenloch der Genußsüchtigen? Mein Vaterland ist die Welt, und der denkende Geist kennt keine Grenzen, wie das Licht keine Grenzen kennt. Überall, soweit die griechische Zunge klingt, vom Euphrat bis zu den Säulen des Herkules, überall ist meine Heimat; überallhin drang längst mein Name, und überall heißt man Archimedes willkommen. So groß ist mein Vaterland, und ich werde es nicht verraten. Mögen die Politiker die Völker verhetzen; ich aber lasse mir meine Kreise nicht stören, die Länder und Meere umspannen. Und warum ich nach Ägypten will? Ägypten das Land, wo die Gelehrten und Priester sind, die mich verstehen, das Land, wo selbst die Steine Weisheit predigen! Ich sage es dir noch einmal: deshalb trage ich meine Bücher dorthin; hier in Syrakus würden sie ungelesen vermodern. Wissenschaft ist Gottesdienst; sie kennt nicht Freund, nicht Feind, und für die zukünftigen Jahrtausende muß ich alter Mann retten, was ich in Einsamkeit hier ersonnen. Darum geh' ich.«

»Und kommt indes Rom über uns?«

»Und ob der Ätna losbricht und Syrakus verschüttet, ich werde trauern um diese Stadt, aber meine Lebensarbeit soll sie überleben; denn sie ist für die Menschheit getan.«

251 »Hochmütiger Mann, würdest du so auch zu meinem Vater sprechen?«

»Gewiß nicht, denn er war nicht wie du. In dir ist ein wilder Trieb. Gestehe! es juckt dich nach Erleben!«

Da krachte es. Damarete stieß den schweren Schemel mit dem Fuß, daß er gegen die Tür prallte, die aufflog. »Du wirst es bereuen,« schrie sie. »Wärst du nicht Archimedes, meine Soldaten würden dich gefangen setzen.«

Archimedes lachte.

»Und ob ich vor dir kniete, du würdest nicht nachgeben?«

Archimedes zuckte die Achseln und geleitete die Fürstin hinaus. Denn sie ging.

Unten im Säulenhof trat ihr Niko mit einer Fruchtschale voll Trauben entgegen. »Geh nicht im Zorn,« sagte sie, »und geh nicht ohne ein bescheidenes Gastgeschenk. Die Trauben reiften in unseren Gärten.«

Damarete sah Niko freundlich an: »Du hast etwas, was mich lockt, junges Weib. Ich hoffe, wir wollen uns öfter sehen, wenn dieser weise Mann am Nil über den Büchern sitzt. Da sind meine Dienerinnen; sie mögen die Früchte tragen.«

»Und darf ich auch dich um ein Geschenk bitten?« fuhr Niko fort und streckte die Hand. »Gib mir deinen Dolch, Herrin.«

Da blickte die Fürstin erstaunt und lachte: »Du willst mich wehrlos machen?« löste die persische Waffe vom Gürtel und gab sie hin.

Die Frauen sahen sich an, ihre Augen versenkten sich ineinander, und sie küßten sich.

252 Die acht Soldknechte der Basilissa waren indes verschwunden. Sie saßen in der nächsten Schenke; man hörte ihr rohes Singen und Würfelschlagen, und Archimedes ging persönlich über den Platz, um sie zu holen: »Da hast du deine Leute, die mich gefangen setzen sollten. Leb' wohl, Tochter Hierons,« fügte er ernst hinzu; »leb wohl, und der Friede sei mit dir!«

»Die Reue sei mit dir,« gab sie scharf zurück. Sie blickte finster und in Trauer. »Die Götter geben, du denkender Geist, daß ich dich nicht wiedersehe oder anders als heute.«

* * *

Ein Tageslauf verging. Es war die Mittagsstunde. Archimedes war abgereist, Olbios noch nicht wieder im Haus zurück. Niko hatte mit ihren Mägden gespeist; sie ging mit müden Füßen in ihr Frauengemach, wo auch das Wiegenbett des Kleinen stand, schickte die Amme fort und wollte ruhen. Ihr Lager stand im Halbdunkel; der blaue Betthimmel fing das Licht ab. Draußen war ein einschläferndes Rauschen; der Brunnen im Hof plätscherte wie alle Tage; aber auch der Herbstregen warf sich ebenmäßig auf die hohen Dächer, und aus den Traufen stürzte das Naß. Die Fensterläden standen offen, und die Feuchtigkeit und ein reger Hauch schwellenden Rosendufts wogte herein; denn die Kletterrosen draußen blühten noch. Auch die Dienerschaft ruhte zu dieser Stunde. Aus der Küche scholl noch ein letztes Klappern der silbernen Teller, ein verlorenes Lachen der naschenden Küchenjungen. Dann war tiefste Stille, tief, abgrundtief. Niko lauschte. Sie hätte gern geschlafen. Kleider und Haar 253 hatte sie sich gelöst. Aber sie sprang auf. Sie wußte nicht warum? Ein Schluchzen befiel sie in der leeren Einsamkeit. Der Knabe lag so still in seinem Bettlein. Hanno nannte sie ihn, nach ihrem Vater. Sie kniete vor dem Kinde hin und horchte auf seinen Schlaf. Sein Atem ging so ruhig! sie durfte ihn nicht stören. Dann warf sie sich vor das düstere Götterbild (es war Tanit, die starre karthagische Göttin, die aus Porphyr gehauen götzenhaft in der Nische stand), hob die Hände in verlorener Stimmung, in dämmernden Gedanken, in ratlosem Gebet. Die Göttin rührte sich nicht. Mochte ihr Herz in Angst vergehen! Die Himmlischen hatten anderes zu sorgen. Unstet sank sie wieder auf ihr Lager, in die schwellenden Polster, und ihre Gedanken jagten sich.

Der Abschied! heute in der Frühe! Mit starkem Wind war das Schiff aus dem Hafen. Die See ging hoch. Die Wellen stießen es fort nach Osten, ins Unbekannte, ins Unerreichbare. Bangte sie um den Alten? Warum sollte sie um ihn bangen? Der Arzt Menekrates fuhr ja mit ihm und würde ihn sorglich hüten. Aber sie sehnte sich nach dem, der nun fort war. Wie beglückend war es, ihm zu dienen, wie fremdartig schön, seinen Gesprächen zuzuhören! Ja, war er da, so fühlte sie sich sicher, sicher vor sich selber.

Nur vor sich selber?

Groß war am Hafen der Menschenauflauf gewesen. Sie sah noch alles im Geist: wie die Kisten in den Schiffsboden kollerten, daß es dröhnte, die Seile anzogen, die Matrosen schrieen, wie Archimedes das steile Brett betrat, um ins Schiff zu treten, dann umkehrte, 254 sie, Niko, noch einmal auf beide Wangen küßte und mit verschleierter Stimme sprach: »Hüte mir den Knaben, Niko, und du, Olbios, hüte mir dein Weib. Im Schoß der Zukunft ruhen tausendmal tausend Jahre. Millionen Frühlinge harren darauf, erlebt zu werden. Nur noch einen von ihnen schicke uns Zeus, da ich gelassen in euren Armen sterben darf. Wann kommt die Stunde, da wir sagen: »Das Endliche endet, und endlich hebt an die Unendlichkeit?«

Alle Diener weinten und küßten sein Gewand; Gulussa, der Nubier, heulte laut. Archimedes streichelte jedem Haar und Wange. Da kamen auch Pansa und Rullus – sie durften nicht fehlen – und viele Ratsherrn und Kaufherrn und von den Handwerksvereinigungen die Altmeister und der Bartscherer selbst. Nur eine fehlte: Die Basilissa kam nicht auf ihrer Barke. Da war es, daß Pansa allein vor Niko stand und ihre Hand faßte: »Weine nicht! Du bist zu schön zum Weinen.« Das sagte er; sie hörte es noch; und weiter: »Archimedes geht, aber wir sind noch da, und wir wollen versuchen, so weise wie er zu sein. Heiterkeit verschönt, Niko, und ich fordere Freundschaft, du weißt es. Ich fordere. Ich bin Römer und bin gewohnt zu fordern, wo ich fordern darf.«

Das etwa war's, was der Mensch sagte. Sie hörte ihn noch deutlich, den andringenden, den heischenden, den herrischen Ton. Und Rullus schielte herüber.

In ihrer Verwirrung sah sie nicht, daß Archimedes schon im hohen Schiffe stand. Das Brett war weggezogen. Die Schiffsflöte schrillte. Die bunten Segel fluteten auseinander und flogen hoch. Die 255 Ruderstangen stießen das Wasser. Da stand der Gute und entschwebte langsam, ein Gottesbild in den Händen, indes der Schiffsleib sich seitlich warf und mächtig zu kämpfen begann und der Bug im Schaum sich hob, als wollte er über den Abgrund springen.

So war es gewesen. Sie hätte sich gern ihm noch einmal ans Herz geworfen. Und Olbios?

Olbios wollte jetzt hier sein. Warum kam er nicht? Er war so treu, zartfühlend und arglos heiter. Aber er war so anders! Sie liebte es emporzuschauen. Aber sie sah nicht an Olbios empor. Er war nicht mehr als sie. Wo er nur blieb? und wo war der Dolch der Basilissa? Er lag dort hinten im Schmuckkasten, am Spiegel bei dem Silberkamm, den sie sich aus dem Haar gelöst hatte.

Wie der Regen rauschte! einschläfernd! Aber da war ein Klappen, das sie hörte. Irrte sie? Der Riegel des Vorgemachs war aufgestoßen. Das mußte Olbios sein.

»Bist du da?« rief sie halblaut und im Halbtraum lallend, in lockend süßem Ton. Sie fühlte es eben jetzt tief, wie sie Olbios lieb gewonnen. Warum antwortete er nicht? Schwere Schritte taumelten über den Teppich. Sie blickte bestürzt mit offenem Munde zur Tür und fuhr aus den Kissen mit gellendem Schrei. An beiden Handgelenken fühlte sie sich gepackt: »Da bin ich! Schreie nicht. Es nützt dir nichts.«

Pansa! Heiß und voll Weindunst ging sein Atem; gierig seine Blicke, sein Kuß. »Schande! Bruch des Gastrechts! Niedertracht!«

Er zwang sie nieder, wie sie war, so daß sie Knie an 256 Knie saßen. »Dein Zorn ist wundervoll, aber du sollst mich lieben.«

»Hassen! Es ist dein Tod!« schrie sie auf. »Olbios, Olbios kommt. Wenn er kommt . . .«

»Er kommt nicht. Auch fürchte ich ihn nicht. Rullus hält Wache vor dem Haustor mit meinen Dienern.«

Da kam es wie Ohnmacht über sie, und sie sank zu Boden. Auf dem Leopardenfell lag sie in ihrer Schönheit. Welch ein Anblick! Er rief sie mit Namen und wollte ihr langsam emporhelfen. Da sprang sie plötzlich auf ihre Füße, wie die gefangene Wildkatze, wenn ein Gitter sich öffnet, rasend die Freiheit sucht, und stand aufrecht vor ihrem Spiegel.

Er ihr nach.

»Was soll's?«

Sie ordnete mit fliegenden, blassen Händen ihr gelöstes Kleid und griff in ihr Haar. »Ich suche meinen Kamm.«

Er stand dicht hinter ihr. »Wozu der Kamm? Zauberin, Hexe im fließenden Haar! Sei gut! Keine Gewalt! Ich führ' dich nach Rom. Olbios muß dich geben. Hätt' ich hundert Augen, dich zu sehen!«

Der Kamm, der silberne, fiel zu Boden. Pansa bückte sich danach; es war unwillkürlich, daß er das tat. Im selben Augenblick schrie er ächzend auf; ihr Dolch war ihm tief in den Nacken gefahren. Der Dolch der Basilissa! Sie hatte ihn rechtzeitig gefunden.

Er taumelte zur Wiege, wo Hanno, das Kind, lag. Das Kind wurde mit Blut bespritzt. Römerblut! »Punische Hündin!« schrie er und schlug machtlos blind um sich. Sie verkroch sich hinter den Vorhang, 257 den Stahl in der Hand, mit aufgerissenen Augen und schlotterndem Gebein.

Draußen hatte man das Geschrei gehört; schon stieß Rullus die Tür auf; blutend stürzte Pansa hinaus, und durch des Archimedes friedliches Haus scholl der wilde Lärm, wahnsinniges Getöse. Mord! Mord! Olbios war gekommen. Sein Hausgesinde strömte ihm nach. »Waffen her!« Zwölf Leute gegen die drei Römer!

Da sah man Niko. Sie stand in der Tür, zähnebleckend vor wilder Angst, und schrie: »Lebt er noch? Würgt ihn; er soll sterben!«

Olbios begriff, was geschehen. Aber das Messer in seiner Hand sträubte sich; er stieß nicht zu; ihm graute, und er rief schmerzvoll nur: »Pansa, Pansa, das tatest du mir!«

Der Gerufene lehnte todesblaß kraftlos an der Säule. Rullus suchte ihm zu helfen. Da stürzte sich Gulussa, der Schwarze, auf Pansa und erdrosselte ihn mit seinen Tatzen. Er hätte auch noch den niederkollernden Leichnam mit seinen Nägeln zerfleischt, hätte Olbios ihn nicht weggestoßen.

Die Römer bargen die Leiche. Des Rullus Stimme aber erklang: »Wir wissen, wer die Mörderin war. Roms vornehmster Mann! Rom wird Rache nehmen. Syrakus soll es erfahren.«

Der Lärm verklang. Ratlos stand das Gesinde. Olbios wußte, was folgen würde. Er setzte sein Haus in Verteidigungszustand. Aber Niko flehte ihn an: »Hier nicht! Laß uns nach Ortygia. Zur Basilissa bring' mich!« Und sie retteten sich rechtzeitig auf die Königsburg.

258 Römer und Römlinge! sie waren zahlreich, trefflich national organisiert und imponierten durch ihr dreistes Auftreten gewaltig. In vielen Straßen, durch die Stadt verteilt, wohnten einzelne reiche römische Herren, die zahlreiche Klienten hatten und ihre Kundschaft, ganze Gruppen der städtischen Bürgerschaft, nach Belieben gängelten und lenkten. Wie mit der Hetzpeitsche trieb jetzt Rullus alle Römer und Römlinge in den Gassen zusammen: »Ein Römer ermordet! Pansa umgebracht! Rom beleidigt! Rächen wir ihn!«

Wie ein Rudel reißender Wölfe stürzte die Schar daher.

Da sie des Archimedes Haus leer fand, strömte sie mit wildem Geheul gegen das Karthagerquartier, das am Südufer des großen Hafens lag, und es kam, was kommen mußte. Längst glommen die Funken, jetzt schlugen die Flammen auf: ein punischer Krieg in Syrakus' Mauern. Die punischen Krämer, Fruchthändler, Leder- und Farbenhändler, Juweliere, Schuster und Schneider verschanzten sich in ihren Buden und Speichern, umsonst. Die Angreifer waren die Stärkeren, und schon begann das Plündern. Aber die schwarzäugigen Semiten, die Männer mit den langen Bärten, kochten vor Wut; sie stachen mit Messern. Das Blutvergießen hatte begonnen.

Da sandte Damarete mit Zustimmung der Stadtältesten ihre Söldner zur Hilfe. Mit stampfendem Schritt, mit Wucht und Behagen fuhren die eisernen Schwerbewaffneten dazwischen. Sie hatten endlich, was sie wollten: Krawall und Kampf, zogen ihre langen Schwerter und hieben blindlings auf die 259 Plünderer ein. Die Sache war rasch erledigt. Leichen bedeckten den Boden; auch an die zwanzig Römer, Stadtbürger Roms, waren gefallen. Mit Mühe entkam Rullus selbst dem Verderben. Hundert Soldaten blieben zur Bewachung des Quartiers zurück.

Als die Nacht einsetzte, waren alle Straßen still und dunkel, und der Friede schien gesichert. Die Nacht war sternenlos. Niko und die Fürstin standen wie Freundinnen aneinandergelehnt auf dem Dach der säulengetragenen Palasthalle und horchten hinaus. Damarete trug wieder ihren Dolch am Gürtel; Niko gab ihn ihr zurück, den Dolch, der das erste Blut vergossen, der allen Unheils Anfang war.

»Das Verhängnis naht, ich weiß es,« sagte Damarete ernst. »Die böse Kriegsfurie lauert hinter der schwarzen Nacht. Schreckt es dich? Mich nicht. Was ich getan, war recht; die Frechen sind gezüchtigt.«

»Du liebst Rom nicht?« fragte Niko schüchtern.

»Ich hab' es im stillen immer gehaßt.«

»Trotz deinem Vater?«

»Die wenigsten ahnen, was der König, mein Vater, seit Rom sich mit dem ersten Sieg über Karthago brüstete, gelitten hat und was ich hier Übles im Palast in den letzten zwanzig Jahren mit angesehen habe. Die römischen Senatoren schickten ihre ungewaschenen Söhne zu uns, oft auch nur ihre Kammerdiener und Klienten; die machten sich breit als Vertreter Roms und als ständige Gäste an meines Vaters goldenen Tischen und taten, als wären sie die Herren. Mißbrauch seiner Güte! Wenn sie die Nase rümpften, wenn sie nur mit den Brauen zuckten, zuckte auch er 260 zusammen und lächelte Gewährung. Unwürdig eines Königs, unwürdig unseres alten Ruhms. Friede um jeden Preis, das war seine Losung. Das wußten diese Herren, und sie prahlten: ›Syrakus ist der Widder mit dem goldenen Vließ; wir werden den Widder nie umbringen, um sein Fell zu haben; es ist besser, ihn öfter zu scheren und am Leben zu lassen.‹ Mein müder Vater tat, als hörte er es nicht, und lächelte wie immer. Er sorgte nur, daß das Gold, das Gold nicht fehlte. Und ich? ich selbst! Ich war auch einmal jung und schön, glaub' es mir, und ich erzähle dir alles. Ich liebte Myrtilus, unseren Truppenführer, der aus Sparta stammte; ich wollte ihn zum Manne, nur ihn. Aber Hieron verbot mir die Ehe. Warum? weil Rom sie nicht wollte; Hieron sollte keinen waffenfrohen Eidam haben, keinen Eidam, der ein Kriegsmann ersten Ranges war. Myrtilus verschwand. Über den Tisch hin höhnten mich die Laffen da unverschämt mit seinem Namen: ›Holde Damarete, wo ist dein Myrtilus?‹ Seitdem blieb ich eingeschlossen in meinen Gemächern: aber ich bin heut noch Soldatenfreundin wie einst, und auch die Truppe liebt mich, und das Messer ist mir vertraut.«

Der Nachtregen vertrieb jetzt die Frauen vom Balkone. Da schritten sie stumm durch die Prunksäle des Palastes; die Diener kamen und entzündeten die Lichter. Im Thronsaal fünf fünfzigarmige Marmorkandelaber in Palmenform mit hängenden Lampen, die als Früchte in den Wipfeln glühten. Überall weich schillernde Teppiche; skulpierte Tische; die Wände Elfenbein und buntes Glasmosaik in großen Feldern; in 261 den goldenen Säulenkapitellen Blumen aus Topasen und Amethysten: die Blüte des Schönsten, was die griechische Kunst je ersonnen, blendend reich, aber durch den feinsten Feinsinn geadelt. Und jetzt? Die Schatten vergangener Größe lauerten in den Nischen und gähnenden Hallen. Wie leer, wie ausgestorben alles, wie zwecklos und melancholisch! Da standen auch die edlen Statuen der griechischen Weisen in stummen Reihen. Was war aller Weisheit Ende? Der Tod.

»Hier ich, als Einsiedlerin!« raunte Damarete. »Der Mensch baut, und die Öde zieht ein. Begreifst du, daß ich mich nach dem Tod sehne? Aber erst leben, dann sterben! Ich brauche ein Erlebnis.«

Die Frauen schliefen wenig. Als Niko am anderen Morgen in die Gartenhalle trat, stand die Basilissa im Prachtgewand vor ihr; den goldenen Laubkranz im Haar; sie hatte etwas Stilles im Ausdruck, was Ehrfurcht weckte. Sie war schon im Gotteshaus gewesen, um der großen Göttin Artemis, der Schutzpatronin, zu opfern und hatte dann lange einsam im Allerheiligsten der Tempelhalle verweilt, die durch Oberlicht erhellt war und wo an den hohen Wänden die Bildnisse sämtlicher Herrscher der Stadt, eine Galerie, die durch vier Jahrhunderte zurückwies, in Farben gemalt waren: listige Tyrannen und Männer der Weisheit durcheinander. Sie sah mit wundem Gefühl zu ihnen auf. Auch ihres Vaters Bild, hatte sie befohlen, sollte dort prangen. Aber was dann? Die Zukunft war das Nichts, das Nichts! und eine ungeheure Traurigkeit kam über sie und zerrte unüberwindlich ihr Herz nach unten.

262 »Alberne Schwäche!« Sie raffte sich schon. Mochte die Zukunft für sich selber sorgen. Es galt zu handeln. Aus dem Weihrauchduft des Tempels trat sie in den frischen Morgen hinaus, und ihre Befehle schallten durch den Palast (Niko hörte es mit Staunen); befahl das Militär herbei, wählte die hundertköpfige Schloßwache aus, gab ihr die Tageslosung, ließ sich Vortrag halten, sandte zu den Ratsherrn und bestellte sie aufs Rathaus zur üblichen Stunde. Dann turnte sie (das Turnen hielt sie jung und rüstig), ruhte darauf und speiste gut. Aber sie sprach nur das Nötigste, als wäre sie mit sich selbst allein: bis die Sänfte kam, die weißgekleideten Diener zusammenliefen, und sie sich zur Fahrt ins Rathaus rüstete. Da sprach sie heiter zu ihrer jungen Freundin: »Wenn zwei Stunden vergangen sind, erwarte mich wieder.«

»Was wird geschehen?«

»Es ist noch nicht vorüber mit dem Rumoren in den Fremdenquartieren, und die Römlinge werden auf Vergeltung sinnen. Daher soll der Rat einen Erlaß ausgeben. Die Ausrufer sollen ihn ausschreien an den Kreuzwegen; an den Pfeilern soll man ihn anschlagen: »Der Römer Pansa kam um. Eine gerichtliche Untersuchung des Hergangs wird geschehen. Die Geschworenen sollen urteilen; denn in dieser Stadt wohnt Recht und Gerechtigkeit gegen Bürger und Nichtbürger. Alles Rottenbilden auf der Gasse aber wird untersagt. Die Söldner taten gestern ihre Pflicht, die für die Ruhe sorgten und die Gewalttätigen niederschlugen; sie sollen es auch ferner tun.«

Das Wetter war klar. Sie saß schon in der Sänfte, 263 deren Baldachin sie zurückschlagen ließ, damit jeder sie sehe und ihr selber nichts verborgen blieb. Ein Prachtbild in Purpur und Gold: in Purpur die Fürstin und die zwölf Sänftenträger, übergoldet der ganze Wagenkasten und die Stierköpfe an den Tragbalken. Standarten trug man vor ihr her und hinter ihr. Acht Schwerbewaffnete hüteten die Sänfte, vier vor ihr, vier hinter ihr. So hatte sie es befohlen, und so hielt sie es stets.

Als sie aus Ortygia über die Landenge und durch das sechssäulige Tor in die Altstadt gelangt war, schlug ihr toller Lärm entgegen, und sie runzelte die Stirn. »Also doch!« Es waren aber nur Zecher, die aus den Weinbergen kamen. Schwere Karren fuhren daher, mit weißen Ochsen bespannt; die trugen rote Bänder um die Stirn, Blumen am Gehörne, und die lustigen Leute saßen auf dem Wagen zwischen den hohen Weinkörben und naschten Trauben und tranken und sangen.

Aber nun strömte es auch aus den Kneipen; denn in den Trinkstuben hatte das aufrührerische Volk von gestern die Nacht durchzecht, neue Tumultuanten, die mitmachten, geworben, und jetzt taumelte es stierwütig und brüllte durch die Gassen, ein Rachegeschrei.

»Das sind sie, die Schufte, die Verbrecher! Ruchlose Bande! Wohin werden sie sich wenden?«

Der Lärm war nicht mehr weit; er kam von mehreren Seiten. Als Damarete die breit aufgetreppte Vorhalle des Rathauses erreichte, kam der Lärm nah. Eine Menschenwoge mußte dicht hinter dem Prachtbau sich stauen. Der Wutschrei der Leute wurde deutlicher: 264 »Rache für gestern! Wo wir einen Söldling sehen, wird er zerrissen!«

Die Basilissa erbleichte. Sie ließ sich eben aus der Sänfte heben und faßte Fuß auf der Treppenhöhe; ihr Haupt strahlte im Goldschmuck; der Kopf stand ihr königlich auf den Schultern; ihr Purpurkleid fiel in mächtigen Falten über die Stufen, von oben bis unten durchwebt von weißen Mohnblüten, die sich in Schilf verschlangen. Sie blieb stehen, um zu sehen, was es gäbe, als die Menge durch den Säulengang hereinstürzte und die vier ersten Krieger sah, überfiel, ergriff und mit Triumphgeheul zu Boden schlug.

Wütend sah es die Frau. »Nichtswürdige!« schrie sie, »ihr Hunde, Auswurf der Bürgerschaft! Im Namen meines Vaters! Hier ist unantastbarer Boden. Wer sich erfrecht . . .«

Da überschrie sie das Hohngelächter: »Das alte Weib! Nieder mit ihr! die sich mit den Lappen des Königtums behängt und die Mörder schützt.«

Damarete rief nach ihren vier Kriegern, die sie begleitet hatten und die noch lebten: »Kommt zu mir herauf! zieht die Schwerter!« Aber was nützte hier das Schwert? Sie stellte sich selbst vor die vier Getreuen, die ihre Lieblinge waren, um sie zu decken: »Habt ihr mich bisher beschützt, jetzt beschütze ich euch.«

Da war sie schon umringt und die Treppe hinabgestoßen. Sie fiel vornüber. Man faßte sie in den Haaren, die Goldkrone zerfiel; ihr Kleid schleifte im Staube. So riß man sie weiter, die Straße entlang, trat sie mit Füßen, zerrte sie grausam dahin, bis Rullus mit anderen Vornehmen sich dazwischen warf.

265 Der Hunger nach dem Gräßlichen war gestillt. Aber es war zu spät. Damarete lebte noch, aber sie war bis zur Unkenntlichkeit entstellt, Mund und Wange aufgerissen, und sie gab den Geist auf inmitten der schreienden Menge.

Seit dies geschehen, schlug in Syrakus alles um. Die Roheit hatte sich ausgetobt. Syrakus war auf einmal verwandelt; es war, als stockte der Stadt der Atem. Die Missetäter verkrochen sich.

Das eigentliche städtische Bürgertum, das sich bisher scheu und angeekelt von dem Treiben zurückgehalten, erhob sich jetzt in Entsetzen, Entrüstung und Entschlossenheit, in hellem Zorn und ausgesprochenem Haß gegen alles, was römisch war. Der Haß erfaßte alle Kreise. Die Römer, die den Krawall geschürt hatten, befiel jetzt die Angst, und sie flohen zu Hunderten über die Grenze, nach Messina und weiter über das schmale Wasser der Meerenge nach Haus. Als man Hierons Tochter auf hoher Bahre zum Scheiterhaufen trug, stürzten die Menschen aus allen Häusern, und die Wehklage ging hunderttausendstimmig durch alle Gassen. Die Wagen der Ratsherrn mit schwarzen Viergespannen gaben das Geleit. Das Soldatenheer selbst marschierte hinter der Bahre. Endlich, endlich Einigkeit! endlich die Griechen Herren im eigenen Hause! Im leeren Königsschloß empfing der Rat im Beisein der Truppenführer Hannibals Gesandte, und Syrakus schloß seinen Bund mit Karthago, das Bündnis gegen Rom. Eine mächtige Stimmung, erregt und gläubig, hob alle Seelen. Aus der Rüstkammer holten alle Bürger die verstaubten Helme, Schilder und 266 Spieße. Es bildete sich ein Bürgerheer; denn man wollte nicht nur mit Hilfe der Söldner siegen.

Niko zog Ahab aus dem Stall: »Unser Ahab lebt noch. Wer soll ihn reiten?« Olbios schwang sich lachend hinauf. »Mit eingelegter Lanze gegen Rom! Hannibal mit uns und alle Götter!«

* * *

Inzwischen umfing den Archimed im Ägypterland der tiefste Friede. Der Segler hatte ihn in raschem Zug dahingebracht. Am Landungsplatz der Weltstadt hatte ihn Sosthenes, der feiste Hochgelehrte, mit großem Schülergefolge feierlich empfangen: »Willkommen im Hafen der Wissenschaft, großer Mann. Endlich wieder der unsere! Wir lassen dich nicht mehr.«

»Wie Zeus will,« sagte Archimedes, und seine Seele weitete sich. Frei und schön atmete es sich hier und sorgenlos.

Im Thronsaal des Palastes hatten König und Königin ihn gleichfalls auf das huldvollste begrüßt. »Endlich unser!« hieß es auch da. »Hier bist du, und ich lasse dich nicht.«

»Wie Zeus will,« sagte Archimedes; aber seine Züge verklärten sich. Sein neues Buch, von der Zahl des Sandes, überreichte er dem Herrscher Ptolemäus, der selbst in höchster Person der Alexandrinischen Gelehrtenwelt vorstand, und Ptolemäus händigte das kostbare Werk feierlich dem Bibliothekar, der wie ein Fürst im Purpur ging, ein, und der tat es in eine kostbar bronzene Kapsel wie einen Kronschatz. Dachte Archimedes noch an die Stunde zurück, da Niko unter das Buch die Unterschrift setzte?

267 Beim Königsbau lag, abgetrennt von der lärmenden Verkehrswelt, der Musentempel, die ausgedehnte Bibliothek und die Hallenbauten mit den Studiensälen und den Wohnungen für die Gelehrten. Aus aller Herren Ländern strömten hier seit langem die klugen Geister heimatlos zusammen, vom Schwarzen Meer, von Amisos, vom Euphrat, vom Orontes, von den Inseln, aus Epirus und hundert anderen Plätzen. Im großen, ovalen Saal mit den Achatwänden und den schlanken Säulen aus Granit, da saßen sie, die Herren Scholarchen, wenn Sitzung war, in Gruppen von Hörern umgeben, auf ihren Thronen und trugen vor, zeitlos und in großartiger Ruhe und Gemächlichkeit. Wie viel große Namen! Wie erhaben und klangvoll waren die Begrüßungen! »Ich Glückseliger kenne dich,« hieß es, »aus deinen göttlichen Schriften längst und schloß dich in mein Herz, obschon ich dich nie sah.« Welch göttergleiches Leben, wie auf dem Helikon! und wie wohlgenährt waren sie alle! Sosthenes, der Mann mit den Hängebacken, tat es darin allen zuvor, und er sprach zu Archimedes: »König Ptolemäus ist unser Heil. Er nährt uns, und ihm haben wir uns durch Eid verbunden als Bürger dieses Gelehrtenstaates, bis in den Tod.«

Bis in den Tod?

»Tu du es auch.«

»Wie Zeus will,« blieb des Archimedes Antwort.

Dann hockten die lernenden Jünglinge lauschend am Boden, der in Mosaiken strahlte, und die Vorträge ergossen sich: über die Gebirge des Mondes, über die Antipoden auf unserem Erdenball, über Ebbe und 268 Flut im eisigen Polarmeer, über Urgeschichte der Menschheit und das Alter der Völker. Draußen in den königlichen Gärten weideten unter Palmen und Sykomoren die seltensten Tiere aller Weltteile, und man ging hin und übte sich in der Tierbeschreibung. In die Gewölbe ging's, wo in Reihen menschliche Skelette standen, der Schatz der Anatomen. Der Botaniker aber entfaltete ein prachtvolles Bilderbuch, wo in frischen Farben alle Pflanzen und Kräuter in Unzahl auf das natürlichste abgemalt und beschrieben waren. Welch Wunderwerk, welche Fülle des Wissens, des Forschens und Fragens! welch friedlich beschauliches Plätschern im unendlichen Bereich der Dinge!

War ein Vortrag zu Ende, so rauschte der Beifall, und Sosthenes erhob sich in seinem Vollgewicht und sprach jedesmal salbungsvoll ein Sinngedicht zum Lobe des Redners. So war es denn auch ein großer Tag, als Archimedes endlich lorbeerbekränzt seinen ersehnten Vortrag hielt: der große Mathematiker! Mit unheimlicher Hochachtung wurde er bewundert, um so mehr, je weniger man ihn verstand. Dem Sosthenes selbst wirbelten die Sinne bei der Quadratrechnung der Millionenzahlen. Aber er sprach doch getrost die Verse, die er schon vorher zurechtgemacht hatte:

»Was ist die Zahl? Der Umspanner des Alls. Kein Himmel zu ferne,
Und dir im Hirn, Archimed, thront die unendliche Zahl.
Meßbar ist alles, der fliegende Staub und der Flug der Gestirne,
Und an der Welt Pulsschlag legst du als Rechner die Hand.
Selbst das Chaos durchdringt, aufbauend und bindend, die Denkkraft,
Und in der Wissenschaft ist König die Mathematik.«

269 Archimedes lächelte, aber es tat ihm wohl. Orgien des Denkens! Wie schön ist es, sich rühmen zu lassen; denn es ermuntert zu neuem Schaffen; wie befruchtend ist der Austausch mit ebenbürtig kundigen Männern! So glatt und eben, wie die Nilbarken auf dem sanftströmenden Nil dahinglitten, die da Getreide in die Städte und die stillen Mumien zur Grabstätte brachten, so glatt und eben floß ihm der Winter dahin.

Aber er brauchte von neuem Einsamkeit. Er sehnte sich nach der Wüste. Mit der Karawane ritt er zuerst auf hohem Kamelsrücken zur berühmten Oase des Jupiter Ammon, wo mitten im Sandmeer wundervoll die zwanzig Quellen springen. Dann wandte er sich nach Memphis und zu den grabesstillen Pyramiden, den gigantischen, steinernen Königszelten, in denen seit tausend Jahren die Cheops und Sesostris schliefen (wo wäre ein Mathematiker, der nicht die Pyramide liebte?) und baute sich schließlich selbst ein winziges Zelt, fernab dort draußen bei den drei Palmen und im Angesicht der großen Sphinx, des Wüstenungeheuers, dessen wohl hundert Fuß langer Löwenleib schon damals wie heute in Sand tief verschüttet lag. Nur der Kolossalkopf hob sich märchenhaft wie ein Felsengipfel auf den großen Schultern und reckte sich hoch, um nicht zu ersticken.

Sand, Sand: hier ist er! Ozeane von Sand, dürr und quellenlos! »Meßbar ist alles, der fliegende Staub und der Flug der Gestirne!« Hohles Gerede das! Hier, hier verzagt das Menschenhirn, wo er wirklich fliegt, der Staub, wo er in Wirbeln daherweht, so heute, so gestern und seit Ewigkeit, gierig alles 270 einsargend, verschüttend, verschlingend, unerschöpflich aus Westen, aus dem Herzen Afrikas, dem Land des großen Geheimnisses, wo die Quellen des Sandes sind.

Es wurde Februar; die Regenzeit war vorüber. Da kam ein Sturm daher, trockener, heißer Wüstensturm. Der Kopf der Sphinx verschwand, die Löwin erstickte. Der Himmel selbst versandete. Das ganze Weltall war jetzt von Sand erfüllt. Archimedes sah es nicht; auch sein Auge versandete, wie der Himmel.

Reiner und süßer atmete sich die Luft, als die Wirbel endlich langsam sich niederlegten und der Himmel wieder frei und klar aus der Wüste aufstieg, die ihn verschlungen. Archimedes lebte. Da tauchte flüchtig in seinem Gedächtnis Niko auf, Niko und die stille Strandstelle am Meer bei Syrakus, wo er in den unschuldigen weichen Sand spielend seine Finger gegraben, wo der Ahab gerannt kam und Niko den fremden Gast aufnahm. Ahab? Wer ritt jetzt das Tier? Und Olbios? Wie fern und klein das alles!

Da kam der Abend und das Sonnenwunder. Die Geier flogen von ihren Horsten auf. Die kahlen Felsen im Osten brannten in roter Glut, in königlichem Purpur. Die weite Wüste feierte Sonnenuntergang, flammend in Andacht, und begann im Golde zu schweben, als hinge sie in der Luft. Grell lohend versank in den fernen Sandwogen die Sonnenscheibe jählings und rasch, und die drei Palmen standen plötzlich schwarz und neigten ihr dunkles Lockenhaupt wie zum Nachtgebet.

Die Sonne! der rennende Weltkörper! was treibt sie in ihre Bahn? Das war das neue Problem, das 271 Archimedes eben jetzt beschäftigte. Ägypten war ja selbst das Sonnenland; in allen Städten, Memphis, Theben, standen die riesigen Sonnentempel, dem Gott Horos geweiht, und überall lagerten die Sphinxe in langen Reihen vor den Tempeln, die Sphinxe mit dem Rätsel auf ihren steinernen Lippen.

Er hatte sich das Buch des Aristarch mit hinaus in diese Einsamkeit genommen und studierte es tagelang; das war die neue Lehre von der Sonne, als dem Zentrum der Dinge. Nicht um die Erde kreisen die sieben Planeten, nein, um die Sonne; und auch die Erde ist's, die täglich rund um die Sonne fliegt.

Das Weltall war umgebaut.

Niemand glaubte bisher an diese neue Lehre des Aristarchos vom solarischen Weltsystem. Hier im Sonnenland Ägypten fing Archimedes an, daran zu glauben. Nicht die Sonne ging unter; die Erde ging auf: das war es, was er eben erlebt hatte. Mochten alle Götter mit umstürzen und der Größenwahn der Menschen selbst, die sich mit ihrer kleinen Erde so wichtig dünkten. Die Erde verschwand im All.

Seine Sphära, die Archimedes in Syrakus gebaut und die Damarete so gröblich verhöhnt hatte, war falsch. Es galt eine neue Sphära zu bauen; aber zuvor galt es zu rechnen, zu rechnen. Das konnte den Rest seines Lebens ausfüllen.

»Wie lange werde ich noch leben?« fragte Archimedes seinen Arzt Menekrates, den gelben Schatten. In Ägypten war alles gelb; der Arzt im gelben Rock paßte dahin.

»Du wirst neunzig Jahre und mehr, wenn du hier 272 bleibst. Die Luft, der Friede tut dir gut. Setz' dich nieder in die große Bücherei in Alexandria; da ist es trocken und still wie in der Wüste, und du verkehrst nur mit den Geistern, die du rufst.«

»Ägypter werden?«

»Und fett werden wie Sosthenes!«

Archimedes mußte lachen: »Und Olbios, mein Enkel?«

»Du rufst ihn her.«

Da kamen schon die Abgesandten des Königs Ptolemäus voll Ungeduld, und des Menekrates Rat drang durch. Archimedes setzte ein Schreiben auf und bewarb sich um das Bürgerrecht der Hauptstadt. Er wurde am Hof »Freund« der Majestät des Königs (ein Ehrentitel höchster Ordnung) und herrschte in der Gelehrtenrepublik ungefähr so, als wäre er die Sonne unter den Planeten. Auch die lernende Jugend drängte sich zu ihm. Er fand Schüler und Mitarbeiter, und seine Arbeit wuchs.

Der Winter verging. Die ersten weichen Winde hauchten über das Meer und drangen durch die offenen Zimmerwände in das Gemach, wo Archimedes mit seinen Schülern in kleinem Maßstab die neue Sphära zimmerte. Der Arzt trat herein: »Die Frühlings-Schiffahrt wird heute eröffnet. Komm mit und schaue.«

»Wie hätte ich Zeit?«

»So tritt nur ins Fenster. Sieh das Volk! Das Bild der Isis tragen sie auf der Stange daher, und ein menschenleeres Schiff wird da von der Kette gerissen; sie stoßen es in die Wellen; es treibt ab, führerlos. 273 Reiche Weihegaben für die Meeresgöttin sind in dem Schiff.«

»Weihegaben auch von mir,« bekannte da Archimedes.

»Auch von dir?«

»Ja, auch ich brauche gute Seefahrt.«

»Willst du reisen?«

»Nur mein Brief soll reisen. Er muß sicher ans Ziel kommen. Ich schrieb, daß Olbios herkomme mit Niko und dem Kinde. Ich bin nun Ägypter, und sie gehören zu mir.«

Des Archimedes Schüler staunten; der Meister vergaß heute seine Arbeit ganz und stand immer noch am Fenster und spähte und spähte, dem bunten Schiffe nach, das die Meeresgöttin versöhnen sollte. Und schon hörte man, wie die Strandfischer sangen; die Fischer rüsteten ihre Barken zum Fang. Auch des Archimedes Gedanken drangen über das Meer; er hoffte auf seine Kinder.

Folgenden Tages ging wirklich sein Brief mit dem ersten Schnellsegler nach Syrakus ab. Weitere vier Tage vergingen, da lief das erste ersehnte Kurierschiff aus Westen auf der Reede ein. Es kam von Neapel. Ob es Botschaft brachte von Hannibal und von Rom? Am Tag darauf saß Archimedes wie immer, in seine Arbeit versunken, in Erwartung seiner Schüler. Er schob die Planetenkugeln an seiner Sphära (ein Spielzeug für Greise) und fand, daß die Konstellationen immer noch nicht stimmten. Das Werk war noch verfehlt, die Rechnung mußte neu beginnen.

Da hörte er draußen seinen Namen rufen. Es war 274 ein wilder, heulender Schrei wie von einer Bestie, der ihm durch alle Glieder fuhr. Er lehnte den Kopf heraus; da kamen Bootsleute, und aus dem Haufen stürzte ein Schwarzer vor mit katzenhaften Sprüngen: »Appa, Appa, Herr! Herr!« Die Augen rollten in dem Negergesicht, das vor Freude und Angst verzerrt war.

»Du hier, Gulussa? Aus Syrakus?«

»Der junge Herr schickt uns und den Brief.«

Noch zwei weitere Diener waren mitgekommen.

Archimedes war ärgerlich. »Was soll's mit euch? Genügte der Brief nicht?«

»Damarete erschlagen, Herr, Herr, und Olbios in Helm und Waffen! Olbios reitet den Ahab, Herr! und mit Rom ist Krieg, und die Römer kommen schon, und der Karthager hilft nicht, und unsere Mauern, ob sie halten?«

Die Worte überstürzten sich.

»Gib den Brief!«

Da war der Brief von Olbios. Archimedes merkte, daß er zitterte. Er fand lange nicht die Fassung, des Enkels Brief zu lesen. Da stand alles, alles, was geschehen.

»Appa,« so schloß der Brief: »Noch ist der Weg hierher offen! Aber nein, komme nicht. Bleibe dort. Es ist besser, daß du nicht mit uns untergehst. Denn die Wissenschaft ist mehr als die Ehre!«

Syrakus! Krieg! Untergang! Damarete tot! und »die Ehre«? Las er recht? Olbios, der Knabe, das schrieb er ihm? Das wagte er, der immer ehrerbietig schüchterne, zu schreiben? »Ehrlos ich? und der Knabe 275 in Waffen! Gegen Rom!« Die Welt stürzte ein, die Welt brach zusammen, Entwurzlung. Das Unerhörte kam. Das Unmögliche wurde Wirklichkeit.

Der Alte starrte hinaus. Über den großen Hof, da gingen sie, seine Kollegen, die wohlgepflegten, wie immer zum Sitzungssaal, die sich mästeten im Namen der Kultur. Da würden sie heute wieder näselnd ihre Weisheit predigen und sich in Verslein Weihrauch streuen, da, wo die tanzenden Musenbilder standen, wo die Gerippe hingen, wo das große Bücherwerk von den Pflanzen auslag, das immer noch anwuchs. Da forschten sie, ob der Seidenwurm besser in China oder bei uns gedieh, und wie die Walfische gebären und wie tief das Schwarze Meer ist und ob das Schiff Argo, das einst nach Kolchis fuhr, schon einen Anker hatte. Wissen! großartiges Leben!

Da lag eine Axt. Mit bebender Hand griff er danach und zerhieb mit einem Schlage sein neues Werk, die Sonnensphära, daß die Kugeln klirrten und die Drähte zerspellten. Dann rief er nach Menekrates: »Wir reisen.«

In neun Tagen landete er auf Sizilien.

* * *

Archimedes landete in Agrigent (Girgenti), an der Südküste Siziliens. Agrigent war in karthagischem Besitz; aber die Stadt lag wie im Frieden, und keine Truppen standen dort marschbereit.

Mit seinen Dienern, dem Arzt und zwei treuen Schülern, die er aus Alexandrien mitgebracht, ritt er von dort, langsam und müde, landeinwärts, bis er eines Abends auf der Bergeshöhe des Euryalus stand. 276 Da war das blaue Meer, der Ätna in Schnee und Rauch. Da waren die lachenden Küsten, und da lag es ihm zu Füßen, Syrakus – die Tränen stürzten ihm –, Syrakus, abendsonnenlichtübergossen, selig schön und prangend in Herrlichkeit: es war noch dasselbe. So wie es immer war, so lag es da: wie ein weißseidener Mantel, der riesengroß, dreieckig geschnitten, in weichen Falten an den abstürzenden Felsen hing. Ihn schwindelte. Ein Blumenduft aus den Gartenparadiesen wogte über ihn hin. Die Falken schwärmten in der Höhe. Sein Auge suchte geblendet die scheidende Sonne: »Hier sah ich als Säugling ihren ersten Strahl; hier hat die Sonne mir einst das Auge geöffnet; hier will ich auch zum letztenmal in die Sonne sehen, wenn mir das Auge bricht.« Er stürzte nieder und küßte die Erde.

Gulussa war in die Stadt vorausgeeilt, und schon kamen die Kinder dem Archimedes aus der Höhe entgegen; auch Aeneas und Archias, des Archimedes zwei ältesten Söhne, erschienen da, die vor kurzem mit ihren Familien, mit Hab und Gut, aus den Landstädten der Nachbarschaft nach Syrakus geflüchtet waren. Sie holten den Alten freudig heim. Er aber war matt, er war scheu und stumm.

Als sie durch die Gassen wanderten, blickte er nicht auf; ihm war, als ob alles ihn fremd ansah, fremd und grollend. Das Haus tat sich auf. Im eigenen Haus fühlte er sich wie ein Fremdling. Befangen blickte er sich um. Da war Olbios. War er nicht ein anderer geworden? Welche Festigkeit lag in seinen sonst so weichen Zügen! Und Niko? sie hing in Stolz 277 und Hingabe ganz nur an ihm. »Ich bin nichts, eine alte Scherbe! Sie brauchen ihren Appa nicht mehr,« so bohrten in ihm die Gedanken. Er nahm kaum Speise.

Die Kinder erzählten aufgeregt von den Römern. Römische Kohorten waren schon nah' gekommen, aber wieder verschwunden; es waren nur Erkundigungen des Feindes gewesen. Der Römer arbeitet langsam, aber sicher. Und Myrtilus, der Freund Damaretes, Myrtilus, der Spartaner, war jetzt in Syrakus; er war es, der jetzt als oberster Stratege die ganze Verteidigung lenken würde; er wollte den Tod Damaretes rächen.

Archimedes schien von alledem nichts zu hören. Vor sich hinbrütend, wie in sich zerfallen, lehnte er im Sessel zurück. Niko streichelte ihm zärtlich das liebe Haupt; da blickte er ihr wie flehend lange ins Auge und fand kein Wort.

Das tägliche Leben im Haus begann; Niko sah mit Sorge auf ihn. Täglich schlich er sich aus dem Haus; nach Ortygia, in die Königsburg, schlich er Tag für Tag. Was wollte er da? Wollte er Hieron und Damarete, die Toten, besuchen? Dann wandelte er wie ein Irrsinniger die Stadtmauer entlang, die sich unendlich ausgedehnt die Berge hinaufzog und nicht nur die Altstadt, sondern auch die Vorstädte und große, menschenleere Gartengefilde umschloß.

Olbios ging ihm eines Tages nach. Da fand er den Alten im Gespräch mit Myrtilus, und auch die beiden Schüler aus Ägypten waren bei ihm. Die ließ Archimedes nicht von sich. »Du bist übermüdet, Appa,« sagte Olbios. »Komm nach Hause; was erregst du dich?«

278 Er öffnete ihm das schöne Bibliothekzimmer; aber Archimedes wandte sich ab; er mochte es nicht wieder betreten. Er setzte sich still zu Hanno, dem Kinde. »Wem glich das Kind?« dachte er. »Hatte es nicht den Typus des Afrikaners?« Er dachte es nur, er sprach noch immer nicht.

Der Senat hatte im Rathaus seine Sitzungen. Eines Tages begann Archimedes, den Seinen unbemerkt, als beginge er ein Unrecht, wenn Sitzung war, dorthin zu schleichen. Er tat es täglich und saß da in sich gekauert und hörte die Reden der hundert Stadtältesten, die sich endlos ergossen, er selbst regungslos und mumienhaft still. Jeder sah: er war alt geworden, er war geistig zurückgegangen. Nur zuweilen spielte es um seine Lippen, zogen seine Brauen sich finster; seine Finger zerrten vor Ungeduld am Kleide. Es war ein Reden und Raten der Hundert ohne Ende, ein Durcheinander von Ratlosigkeit, die auch das Winzigste zum Ungeheuren aufbauschte. Man hatte vor, eine neue Münze zu prägen, und zwar mit dem Bild der Siegesgöttin Nike. Da bildeten sich gleich zwei Parteien; denn man schwankte, ob die Nike mit Flügeln oder ohne Flügel abzubilden sei. »Ohne Flügel!« riefen die Lautesten. »Denn wenn sie keine Flügel hat, kann die Göttin nicht zum Feinde fliegen.«

Da wandte sich alles um. Archimedes war aufgesprungen. »Mitbürger, genug der Worte,« murrte er. »Nicht Münzen sollt ihr schlagen, sondern den Feind. Müht euch nicht um die Siegesgöttin, sondern um den Sieg. Es gilt endlich zu handeln.«

279 Er hielt inne; sein ganzes Ich vibrierte. Dann fuhr er fort:

»Ich sprach mit Myrtilus. Wählt einen Ausschuß von zehn kriegskundigen Männern. Ich, ich will ihn leiten. Wir wollen sorgen, daß Syrakus gerüstet ist.«

Nichts weiter. Es war nicht zu glauben. Ein Durcheinanderschreien und Lachen war die Antwort. Archimedes mußte sein Wort dreimal wiederholen; Myrtilus selbst mußte herbei und barsch die Wahl des Ausschusses fordern. Da war es geschehen. Archimedes der Rechner war Archimedes der Kämpfer geworden. Man drängte sich an ihn, und es regnete Fragen von allen Seiten, Fragen voll Mißtrauen und verhaltenem Spott.

»Mißtraut mir nur,« sagte er gelassen. »Ihr hättet Grund genug dazu. Eins ist gewiß: in meinem Haus fiel Pansa; aus meinem Haus ging der Krieg hervor, und ich, ich muß ihn zu Ende führen.«

Der Senat war entlassen. Die Hundert liefen auseinander. Archimedes und Myrtilus waren Herren im Rathaus.

»Wißt ihr es schon?« rief Archimedes fröhlich, als er nach Hause kam.

Olbios wußte es schon.

Jetzt erst begriff Olbios, weshalb der Alte so oft nach Ortygia zur Königsburg geschlichen war; im Arsenal standen dort die Geschütze, die Archimedes einst als junger Mechaniker in phantastisch gelehrtem Spiel für König Hieron gebaut hatte. Er hatte sie jetzt heimlich nachgeprüft und sich neu mit ihnen vertraut gemacht. 280 Solche Bogengeschütze, die in Vergrößerung die Armbrust nachahmten und auf Rädern liefen, Ballisten, Skorpione und Katapulte genannt, gab es im griechischen Kriegswesen längst; diese verborgen gehaltene Batterie aber sollte an Wucht und Tragkraft alles Dagewesene übertreffen. Und schon rasselte sie schwerfällig wie ein Trupp Elefanten durch die Straßen. Aber nicht genug damit. Unmittelbar an seinem Haus schuf Archimedes auf eigenem Grundstück jetzt eine neue Werkstatt, wo sogleich, hinter den Planken verborgen, das wilde Pfeifen der Sägen, das Schmiedegerassel und Hämmern begann. Nach verbesserten Modellen wurden da neue Geschütze gebaut. Mit Winden hob man die fertigen Stücke auf die Stadtmauer. Und Archimedes war rastlos überall. Ein Personal von 400 technisch erprobten Männern zog er sich mit Hilfe seiner beiden Schüler und seiner wackeren Söhne Aeneas und Archias heran und prüfte mit ihnen wieder und wieder die Stadtmauer, das Gefüge ihrer Quadern, die Fundamente, die vorspringenden Türme, das vorgelagerte Pallisadenwerk. Die Mauer war so breit, daß sich auf ihrer Höhe zwei Wagen begegnen konnten: Raum genug für die schwere Artillerie und für die Munition der Steinkugeln, die, bis fünfzig Pfund schwer, überall in hohen Pyramiden aufgehäuft neben den Geschützen standen, klar zum Gefecht.

»Wir müssen uns trennen, mein Sohn,« sagte Archimedes zu Olbios. »Die Tore, die Straßen draußen sind noch offen. Sattle den Ahab. Mit vierzig Mann sollst du hinüber reiten nach Agrigent. Fordre 281 schleunigst karthagische Hilfe! Gulussa, den Schwarzen, nimmst du als Diener mit. In den Rücken fallen sollst du dem Feind.«

Olbios sprang fröhlich auf. »Du aber?« fragte er dann besorgt.

»Ich bin zu alt zum Reiten,« sagte Archimedes kurz. »Hier ist mein Platz. Ich werde Niko hüten und den Knaben.«

Wie leer war das Haus, als Olbios und Gulussa fort waren! Hoch von der Mauer hatte Archimedes dem Enkel nachgesehen. Wie ein Triumphator ritt der Junge dahin. Der Ahab schnob und tanzte; das blaue Perlennetz spielte in seiner Mähne; die Staubwolken flogen. Würde er ihn jemals wiedersehen, den geliebten Knaben?

An diesem Morgen zum erstenmal brach Niko zusammen. Es war, als ob ein Frost sie schüttelte. Ihr Wehgeschrei war erschütternd: »Durch mich ist dieser Krieg! Hätte mein Dolch den Pansa nie getroffen!«

Und da kam sie schon, die erste Nacht des Schreckens. Die Lichtsignale der Vorposten stiegen plötzlich hoch: sie verkündeten den Feind. Ein Angstschrei hallte tausendstimmig durch die Gassen, über die Dächer. Kein Bürger tat ein Auge zu. Alles hastete und rannte mit Fackeln in den Händen. Das vom Landgebiet zusammengetriebene Vieh brach in der Stadt aus den Pferchen und mischte sich unheimlich brüllend in die Menge; das Delirium wuchs. Mit Mühe stellte Myrtilus Zucht und Ordnung her. Er ordnete auch die Ernährung, bestimmte Rationen an Fleisch und Brot für jedes Haus. In die Stadtgefängnisse wurden 282 alle Personen geschafft, die des Spionendienstes oder des Verrats verdächtig waren.

Und der Kampf mit Rom begann, unabsehbar an Dauer, wie es schien; ein Kampf auf Tod und Leben. Mißlingen war völliger Untergang; denn der Römer kannte keine Schonung. Mauern und Tore zu sichern galt es. Wehe, wenn der Feind einbrach, auch nur an einer Stelle! 30 000 Verteidiger waren zur Stelle, und ein Drittel davon stand auf der Mauer.

Hörnerblasen! Kommandoschreie, Wutgeheul: der Sturmlauf der Kohorten setzte an. Marcellus war der Feldherr der Römer. Archimedes sah dem Ringen tagelang müßig zu. Wozu waren des Myrtilus Söldner, die Schleuderer und Schützen? Sie genügten, den Sturm aufzufangen. Unscheinbar, ohne Helm und Schwert, stand Archimed im gewöhnlichen Werktagsrock hinter seinen Batterien, und nur ein breiter, roter Gürtel machte ihn kenntlich. Seine Geschütze lagerten wie die Sphinxe vor dem Sonnentempel in Memphis, rätselvoll, regungslos und rührten sich nicht (war es Trägheit? war es Mißtrauen?), bis Marcellus endlich das Verfahren änderte. Er begann aus Holzwerk und gerafften Steinen eine Einschließungsmauer um Syrakus zu bauen, die die Höhe der Stadtmauer erreichen sollte. Da plötzlich belebten sich die Sphinxe.

Archimedes mußte Damaretens gedenken. »Eher möge mir die Hand verdorren, als ich ein Geschütz gegen den Feind spanne,« so hatte er gesprochen. Er betrachtete lächelnd seine Hand; sie war gesund und verdorrte nicht, und sein Kommando scholl, seine Ordonnanzen liefen, und die Ballisten begannen schon 283 zu spielen. Alles stand in grenzenloser Erwartung. Die Artilleristen verfehlten ihr Ziel; aber sie schossen sich ein, und schon flogen die Kugeln immer sicherer ihre Kurven und schlugen krachend in die unfertigen Bauten der Römer. Die Wirkung war gleich vernichtend. Wochen vergingen. Hundertmal ließ Marcellus, der zähe Kriegsmann, den Bau beginnen, hundertmal wurde er zermalmt. Archimedes steigerte noch das Kaliber. Es war Juli; Hochsommer. Der Gegner erlahmte. Hallender Jubel scholl die Mauer entlang. Marcellus rüstete zum Abzug, die Verteidigung war meisterhaft.

Myrtilus stürzte herbei und umarmte den Alten in Zärtlichkeit: »Du Herrlicher, Wunder über Wunder!«

»Ich lebte bisher in der Kinderstube,« sagte Archimedes kurz. »Erst siebzigjährig ward ich zum Mann.«

Wie aber sollte das Werk weitergehn? Von Olbios verlautete nichts; auswärtige Hilfe blieb aus. Marcellus aber ließ noch keineswegs nach. Eines Tages wurden 200 feindliche Schiffe gemeldet; in Wirklichkeit liefen fünfzig starke römische Pentêren plötzlich in den kleinen Hafen ein. Da waren sie. Der Schrecken erneute, verdoppelte sich. Der Römer wollte jetzt in das Herz der Stadt Syrakus, er wollte in die Altstadt dringen.

Die Syrakus umfassende Stadtmauer lief, um den Kai zu schützen, auch hier am Hafenufer entlang; sie stand hier mit dem Fuß unmittelbar im Meerwasser und war daher leicht von den Schiffen aus zu ersteigen. In der Tat legte sich Marcellus hart an die Mauer; er setzte sogleich auch die Sturmleitern an; 284 und jetzt erst begann das schwere Blutvergießen, der gefährliche Nahkampf. Händeringend standen die Weiber auf allen Dächern und schauten dem täglich sich steigernden Ringen zu; wie würde es enden? Alles rief nach Archimedes. Aber was nützten hier seine Geschütze, die doch nur in die Ferne wirkten?

Schießscharten ließ er in den Fuß der Mauer brechen; durch die niedrigen Schießscharten konnte man die Römer auf ihrem Schiffsdeck allerdings mit dem Pfeil trefflich erreichen.

Aber auch Marcellus war erfinderisch; er begann jetzt auf seinen Schiffen hohe Stockwerke und Brettergestelle aufzubauen. Von da ließ sich unmittelbar auf die Mauerhöhe springen. Wehe, wenn ein Römerfuß die Mauer wirklich erreichte! Der Römer galt im Handgemenge für unüberwindlich. Die Lage wurde kritischer; es kam zum Verzweiflungskampf.

Da endlich öffneten sich die Planken der nahen Werkstatt des Archimedes geheimnisvoll. Er hatte eine neue Hilfe ersonnen.

Die Feinde kannten ihren Gegner schon. »Archimedes! Archimedes,« kam der Schrei von den römischen Schiffen, als sähe man Gespenster. Zwei fremdartige Krahne standen plötzlich hochgereckt auf der Mauer und weiterhin sechs große, aufgestützte Balken mit Rollen und Druckschrauben und Flaschenzügen; die Krahne mit eisernen Griffen bewehrt, die sich wie Greifenklauen zu bewegen schienen. Ruhig wartete Archimedes noch hinter der Mauerzinne; dann sprang er vor, griff selbst an die Schraube, und ein mächtiger Balken senkte sich zuerst, langte in die Wassertiefe, schob 285 sich als Hebel unter den Schiffskiel des Admiralschiffs und warf es völlig um, daß der Schiffsbauch nach oben stand. Die Bemannung versank und ging unter. Marcellus rettete sich mit Not in einen Kahn. Da sah Marcellus auch die beiden Krahne aus der Mauer sich bewegen; auch sie senkten mechanisch ihre Tatzen und faßten gleichzeitig zwei Galeeren. Einhakend faßten sie jedes der Schiffe mit festem Griff am gebogenen Schnabel, zogen sie hoch, so daß sie auf dem Heck standen, zogen weiter, bis das Schiff wie ein Hai an der Angel hoch in der Luft hing; dann scholl das Kommando: der Krahn ließ die Beute fallen. Wogenschwall, Krachen und Donnern. Wahnsinniges Geheul der Verunglückten. Es war die Vernichtung.

Das war ein großer Tag! Die Weiber ließen sich nicht halten. Sie stürmten mit fliegenden Kleidern auf die Mauer und bekränzten die Maschinen wie große Götzen mit Lorbeer und Rosen. Archimedes lachte. Er ließ den Schmuck entfernen. Die Maschinen sollten noch nicht ruhen.

Der Römer hielt Kriegsrat; umsonst; Menschenkraft war nichts gegen Maschinenkraft. Er setzte ein, was er hatte, er tat es einen Monat lang; zwanzig Schiffe gingen verloren; dann noch zehn. Dann zog er ab, und Syrakus war frei. Kein Zweifel mehr, Syrakus war frei, zu Wasser wie zu Lande.

Und Archimedes? War er noch der Greis? War er nicht der Gott Vulkan, der Schmiedegott, der aus dem Ätna gestiegen? Wer ihn in diesen Tagen sah: das Haar stand ihm zu Berge; ein langer Bart war ihm gewachsen, der wie eine silberne Wolke im Winde 286 flatterte, wenn sein hastender Schritt ihn von Zinne zu Zinne trug. Seine Stirn im Schweiß; die Stirnadern geschwollen; ein schlafloser Ausdruck im eingefallenen Gesicht; aber die Züge spannten sich, die Pupillen sprühten im Gefecht, und herrisch wie Adlerschrei klang sein Kommando.

Wer beschriebe den Jubel der befreiten Stadt Syrakus! wie alles aus den offenen Stadttoren rannte, wie die Boote und Schaluppen spielten im Meer! Gesang, Gitarrenklang, Wonnelachen. Schon kamen auch aus Italien Gesandte des Hannibal, um Glück zu wünschen: »Archimedes und Hannibal, die Besieger Roms!« Archimedes aber gab darauf nicht acht; er brauchte Ruhe. Er ließ sich sein Bibliothekzimmer öffnen, das er seit einem Jahr nicht wieder betreten hatte, und saß da lange einsam still und gedankenvoll. Niko holte den Arzt herbei. Auch der Arzt riet zur Ruhe.

Auf dem Hafenplatz aber wogte die Volksmenge; man hatte schon öfter nach ihm gerufen. Jetzt erscholl des Archimedes Name überlaut. Fanfaren bliesen; Stadtälteste, Offiziere drängten ins Haus; Myrtilus selber kam: »Die Stadt feiert den Sieg, und Archimedes sollte fehlen?«

Da weigerte er sich nicht. In der Sänfte trug man ihn zum Ehrenmahl in das Königsschloß, kränzte sein Haupt mit schlichtem Lorbeer, und der unendliche Festzug begann. Im Wagenstuhl der Quadriga stand der Greis; vier leuchtende Schimmel in Goldgeschirr zogen den Siegeswagen. Das Heer, das ganze Volk in Kränzen. Der Wirbel der Heilsrufe, der Pauken und 287 Flöten ging mit ihm durch alle Gassen der Stadt. Der Gefeierte konnte im Wagen nicht stehen; ihm brachen die Knie; die beiden Söhne, Aeneas und Archias, mußten bei ihm sein, um ihn zu stützen. So kam er in das große Theaterrund, wo die bunten Fahnentücher wehten, die Musik sich verhundertfachte, um den Altar der Festreigen sich schwang, die Becher kreisten, der Wein aus den Amphoren sprudelte – bis plötzlich ein einziger Ruf den Raum erfüllte: »Auf die Bühne! Wir wollen ihn sehen! Er soll sprechen!«

Da stand er wirklich auf der Bühne und sprach. Es war das einzige Mal in seinem Leben, daß Archimedes zum Volk zu sprechen versuchte. Seine Stimme war unrednerisch dünn und klanglos; aber in den griechischen Theatern hörte man wunderbar auch den leisesten Ton.

Tief atmend und zögernd begann er, und die wenigen Worte quollen ihm schwer wie Herzblut aus der tiefsten Brust.

»Wer bin ich,« sagte er, »daß ihr mich feiert? Ein einsamer Büchermensch war ich, der den Sand und die Sterne zählte, und Himmel und Erde unterfing ich mich zu messen. Eins aber ist das Unmeßbare, das über Himmel und Erde thront. Bei euch hab' ich es gefunden: es ist die Liebe, es ist der Wille, es ist der Mut, der für das Teuerste sich und alles dahinwirft. Es gibt eine zweite Welt, in die keine Zahl dringt: heilig, heilig nenn' ich sie. Allmächtiger Zeus, ich rufe dich, daß sie flamme in uns allen! daß sie nie erlösche, die heilige Liebe zum Vaterlande . . .«

Man hörte nichts mehr. Man lauschte: »Habt ihr 288 es verstanden? das Unmeßbare! Es war wie Andacht. Aber was ist geschehen?«

Der Redner war zu Boden geglitten. Man trug ihn fort. »Eine Ohnmacht! Er war zu müde!« Niko empfing im Haus den Bewußtlosen.

Es dauerte lange, ehe Archimedes wieder die Augen öffnete. Er fand sich nicht gleich zurecht und redete erst wirr von den Geschützen und vom Rätsel der Sphinx und vom Sand der Wüste und von der heiligen anderen Welt. Dann fragte er nach Olbios: »Ist Olbios nicht gekommen? Ja, Olbios, wenn er kommt . . . wenn er kommt . . . Niko, was glaubst du? dann wird er mich loben, Archimedes, den Alten! Mein Enkel wird mich loben. Weine nicht. Schmücke das Haus für seine Wiederkehr. Warum weinst du, meine Tochter?«

* * *

Mag das Unglück kommen! Wer einmal frohlockt hat, da ihm die gute Tat gelang, wem einmal aller Schmerz sich in Wonne löste, wem einmal, auch nur für eine Stunde, die reinste Freude, die den Himmel in sich trägt, wie Triumphgefühl beseligend durch die Adern rann: mag hernach der Blitz ihn fällen – er war einmal einer der ganz Glücklichen, und alle Nachwelt mag ihn beneiden. So war es damals. Das Unglück aber kam. Das Schicksal ist grausam. Soll ich auch noch davon erzählen? Wer weiß nicht vom Tod des Archimedes?

Niko herrschte gebietend im Haus. Ihre fremdartige Schönheit blühte wundervoller als je, aber ihr Herz war von Sorge zerrissen. Denn Olbios kehrte nicht 289 wieder; kein Bote kam, der von ihm Meldung brachte, und Hannibal, auf den sie glühend hoffte, weh! Hannibal, der Sieger, siegte nicht mehr. Die Kraft Roms dagegen verzehnfachte sich. Das meldeten die Boten. Noch einmal kam Marcellus; noch einmal mußte Syrakus sich verteidigen. Und es gelang. Der müde Alte stand nicht mehr auf der Mauer, wohl aber seine Batterien, und Syrakus blieb uneinnehmbar nach wie vor.

Da kam ein großes Götterfest; der Festrausch ergriff die Stadt; das Staatsgefängnis blieb unbewacht, und einer der Spione und Römerfreunde brach aus dem Gefängnis und öffnete den Römern ein Tor. Das Kämpfen in den Gassen der Stadt hub an, ein Schlachten, Sengen, Morden und Plündern, und Syrakus, die herrlichste der Städte, war in fünf Tagen zerstört, vernichtet.

Archimedes saß mit Niko im Garten draußen vor seinem Landhaus, das hoch oben in Epipolä, in der Vorstadt, lag. Er merkte vom Feste, er merkte auch vom Waffenkampf nichts und brütete still verloren über neuen mathematischen Problemen. Kreisrunde Figuren hatte er in den Sand gezeichnet.

Niko aber wußte mehr als er; sie wußte, was kommen würde. Schützend hielt sie ihren Hanno im Arm, als Soldaten in ihren Rebengarten sprangen. Rullus war's, der sie führte. Mit Zorn blickte Archimedes auf und bückte sich vor: »Ihr Täppischen,« stammelte er, »zerstört mir meine Kreise nicht!« Da fiel der Todesstreich, und die Zeichnung erlosch in seinem Blut. Niko schauerte zusammen. Sie erkannte Rullus, den Schieler. Er grinste auch jetzt, und er griff nach ihr. 290 »Mörderin des Pansa, so hab' ich endlich dich gefunden,« schrie er. Sie starrte ihn an in ohnmächtigem Haß, wie die Natter, die züngelnd sich aufreckt, wenn man sie tot tritt, und noch einmal wundervoll in allen Farben schillert. Er aber tötete sie nicht; er ließ sie mit Stricken binden, sie und den Knaben. Sie wurden beide nach Rom in die Sklaverei geschleppt. Das war das Ende: die Angehörigen des Archimedes eine gute Beute! Viel tausend Sesterzen brachte der Handel.

Auch die Sphära, der berühmte Weltglobus des Archimedes, kam als Beutestück mit nach Rom. Marcellus schleppte ihn dorthin. Aber das dumme Rom wußte damit nichts anzufangen. Was wollte der Esel mit der Leier? der Römer mit der Sternenwelt?

Hundert Jahre und mehr vergingen. Des großen Mannes Grab lag völlig vergessen in der Öde, bis es der neugierige Cicero, der Römer, der zufällig nach Syrakus kam, im Gestrüpp entdeckte. Cicero war ein Halbwisser und verstand nichts von Zirkelmaß, Kubus und Parabel; aber ihn bewegte das Schicksal des Archimedes doch. Auch ich, der ich dies erzähle, bin schwerlich klüger als Cicero. Mir genügt es, den Kennern in unserer Gegenwart zu glauben, daß Archimedes einer der größten Physiker und Denker der Menschheit war. Aber nicht darum habe ich diese Geschichte geschrieben; denn herrlicher ist, daß derselbe Mann, der nur ein Forscher war, einer der größten Freiheitshelden des Griechentums wurde und in der Not sein Wissen und Erfinden als Bürger unter Bürgern fruchtbar machte zur Rettung der Heimat; herrlicher ist, daß er begriff, was auch uns Deutschen unser 291 hartes Schicksal in Sieg und Niedergang mit eherner Zunge predigt: es gibt keine Menschheit, es gibt nur Volkstum. Denn nur der Tod macht gleich, nicht das Leben. Gott schuf die tausend Farben, daß sie leuchten, jede Farbe im eigenen Glanz. Gott schuf die Völker, daß auch sie Farbe halten und ihr anerschaffenes Wesen verteidigen bis in den Tod. Das war unsre Losung; sie soll es bleiben.

 


 

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