Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Birt >

Von Haß und Liebe

Theodor Birt: Von Haß und Liebe - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVon Haß und Liebe
authorTheodor Birt
year1919
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleVon Haß und Liebe
pages291
created20120530
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

In der Heimat der Winde

Ein griechisches Märchen

Es war Sommer. Das Inselmeer zwischen den griechischen Küsten lag still, als ob es aus Glas wäre, und spiegelte den Himmel ruhevoll und wiegte das Licht in seinen blauen Wellen. Es ist das Meer, über das einst Ikarus aus Kreta flog, um darin zu versinken, das Meer, über das auch Theseus seine Ariadne aus Kreta entführte, um sie treulos zu verlassen. Unter den vielen Inseln war eine, bergig und schluchtenreich, nach der der Seefahrer mit Scheu ausspähte und die der Steuermann bei Sturm in weitem Bogen umging. Mitunter lag sie klar und in scharf gezacktem Umriß auf dem Wasserspiegel wie eine Drohung; bisweilen verschwand sie bei hellstem Licht, und kein Mensch konnte sie sehen, wie eine Fata Morgana, die der Wüstenreiter der Sahara sieht und die doch nie da ist, wenn man ihr nahe zu kommen glaubt.

Alle Schiffer wußten genau: auf der Insel wohnten nicht Menschen; da hauste der Windgott unheimlich mit seinen acht Söhnen, das felsige Inselkastell der Stürme mitten im Meer.

Der große Weltenschmiedegott Vulkan hatte in Urzeiten diese Insel gebaut; sie ruhte als runde Erdscheibe wie eine Tischplatte auf einem schmalen Fuß aus Korallen, der fest auf dem Meeresgrund stand und, den Wellen trotzend, die Insel trug.

Im Sommer, da schlafen dort Vater und Söhne, schnarchen in den Berglöchern und falten ihre Flügel ein, um bequem auf Seegras und Ziegenfellen zu liegen. Von ihrem brausenden Atem hallt es da 4 wirbelnd in den engen Grotten: jede Grotte ein Windfang, und die Winde atmen da also sich selber ein. Vor allem die Söhne, der Ostwind und Westwind, der Süd und Nord und die anderen schlafen traumlos tief; denn die Jugend hat immer den tieferen Schlaf. Äolus, der Vater, dagegen (die Äolsharfe heißt nach ihm; aber damals wußte er noch von der Harfe nichts) wacht mitunter in Sorgen auf; dann fliegt er neugierig um seine Insel.

Die braunen Flügel des Seeadlers sind ihm riesengroß aus den Schultern gewachsen mit gewaltigen Schwungfedern; seine Arme stecken eingewachsen im Fittich wie in einem Ärmel. Wenn der Gott mit eingezogenen Flügeln daherschießt, sieht man von seinen Füßen nichts; sie sind vom Gefieder zugedeckt: ein grausiger Vogel Greif, aber mit einem Götterkopf von menschlicher Bildung. Der graue Bart weht im Flug wie Herdrauch unter ihm her; der Mund ist groß und aufgerissen; die faltige Stirn eingewachsen in die zottigen Brauen und das wirre Stirngelock.

So fliegt er bisweilen auch im Sommer um seine Insel wachthaltend und späht nordwärts nach dem Winter aus, ob nicht bald der Winter mit dem grimmen Frost aus dem Nordland kommt, damit er, der Äolus, wieder fröhlich tosen und schreien und sich tummeln kann, seine Peitsche schwingen und seine Kräfte üben. Im Sommer gehört den Menschen das Meer, im Winter gehört es den Stürmen.

Eines Tages tauchte ein Segel auf. Äolus sah es: ein Schiff mit rotbemalten Wangen; ein schlaffes Segel am Mastbaum. Zwanzig Ruderer fuhren es 5 kühn heran. Im Schiff stand Odysseus, der Griechenheld, der abenteuernd von Troja heimfuhr. Er fürchtete sich nicht vor der Insel der Winde. Oder sah er sie nicht?

Odysseus, der Dulder, irrte, vom Zorn Poseidons gehetzt, schon seit langem über das Meer. Nach Ithaka, zu seiner Penelope strebte er; aber der Meeresgott Poseidon haßte ihn und wollte seinen Untergang. Jetzt aber setzte sich Äolus als Vogel auf den Schiffsrand und sprach: »Du bist Odysseus. Sei mein Gast. Willst du nicht bei mir landen? Ich schütze dich.«

Odysseus erschrak nicht vor dem Gott, dem seltsamen Vogel in Greifengestalt; er lachte hell auf. Er hatte auf seiner Irrfahrt schon zu viel Wunderbares gesehen: die menschenfressenden Lästrygonen und Zyklopen, die Riesen und Giganten; ja, auch die Schrecken der Unterwelt, als er den bleichen Schatten Achills beschwor. Der große Vogel saß auf dem Schiffsrand; aber das Schiff neigte sich nicht unter seiner Last; denn es war eben der Wind, und der Wind hat kein Gewicht, wenn er ausruht.

»Sei mein Gast,« hieß es noch einmal. Odysseus dankte: »Göttlicher Vogel, laß mich fahren, an deinem Eiland vorüber. Ich muß weiter, zu ihr, die meiner harrt, zu meinem Sohn Telemach und zu meinen Bauern, daß ich sie mit meinem Speer schützen kann, als ein Pfleger des Volkes.«

Da kam ein Windstoß. Der Vogel war verschwunden. Der Windstoß riß das Schiff an den Strand. Odysseus war gefangen und kam nicht weiter.

6 In der Bucht zog er ingrimmig sein Schiff aus Land. Da war eine Kluft. »Berget hier die Ruder, trocknet die Seile und Segel,« sagte er zu seinen zwanzig Gefährten, »und bleibet hier, bis ihr von mir hört« – und schritt mit finsterem Mut durch Waldbusch und Wiesen ins steile Innere, als sein eigener Kundschafter.

Er hörte ein sägendes Geräusch aus den Bergen schallen; das waren die Söhne des Äolus, die in ihren Höhlen schnarchten. Durch die Wiesen hüpften Ziegenherden und Lämmer und mitten dazwischen die gehörnten Faune und Satyrn, die munteren Strolche, die überall in der Märcheneinsamkeit gedeihen und die Herden lieben, als wären sie ihresgleichen.

Er rief sie an; aber die Burschen meckerten nur und wiesen mit dem Finger den Wasserfall hinauf nach oben. Da stand eine turmartige Burg aus Haustein, wie ein Gefängnis, mit acht Türen zum Einschlupf für die acht Winde, und aus dem Haupttor trat schon Äolus ihm entgegen, im blauen Schurz, der mit grobem Knoten um seine Hüften hing; im übrigen war er in seine Flügel wie in einen weichen Peplos gehüllt. Sein Auge leuchtete freundlich, als er seinen rechten Fittich emporhob und die rauhe Hand aus ihm herausstreckte, deren Finger mit dickem Flaum bewachsen waren. So nahm er die Hand des Helden und sagte: »Tritt ein. Ich bin Äolus. Ich langweile mich. Es gibt jetzt nichts zu blasen. Du sollst mir Gesellschaft leisten. Endlich einmal ein natürlicher Mensch ohne Götterzauber, ohne Flügel, ein Mensch, der sich quälen muß, und gar ein Held, 7 der Taten tut und von Troja kommt! Du sollst mir erzählen. Weltkundig bist du und listenreich. Ich aber habe im Alter den gesunden Schlaf verloren, und leer und untätig sitz' ich daher nun schon Tag für Tag.«

Er hielt inne und lauschte: »Hörst du das Singen? Hinten im Frauenhaus, da singen mein Weib, die alte Anemone, und die acht Weiber meiner Söhne mit ihr im Chor. Die machen Fischernetze. Sie singen seit Äonen täglich dasselbe Lied; es ist nicht auszuhalten.«

Er gähnte. Da kam aus seinem Mund ein Windstoß, daß der Gast sich an dem Pfosten hielt, um nicht umzufallen.

Odysseus blickte verhärmt und bitter. »Ein Gefangener bin ich, unfrei und unfroh, und soll dir erzählen?« Man badete ihn, wusch ihm das Meeressalz aus Haar und Angesicht; man speiste ihn; die Weine flossen; er aber redete nichts, und Äolus war schwer enttäuscht. Er war enttäuscht und blieb es. Odysseus spähte durch den Spalt zu den acht Frauen, wenn sie, den Krug auf dem Haupt, im Hof aus dem Springquell Wasser holten. Wie weiße Gänse trippelten sie hintereinander her im Gänsemarsch.

Das waren üble Tage: Odysseus traurig, Äolus verärgert. Täglich hörte Odysseus den Gesang der Frauen, ein seltsames Schnattern und Girren: aber es dauerte immer nur eine halbe Stunde lang, wie ein Uhrwerk, das maschinenhaft nur für eine kurze Zeit ertönt und dann abgelaufen ist. Es waren alles regelrechte Baumnymphen, diese Frauen, die hier aus den dunklen Wäldern stammten, von völlig stiller, 8 regloser Natur; und das war gut und eine Ausgleichung der Temperamente, weil doch die Stürme ihre Gatten waren.

Da griff Äolus zur List; er gebot seiner Tochter Polymele: »Geh hinaus auf die Wiesen. Wir wollen den Bock am Spieß braten, den jungen Bock. Hol' ihn mir aus der Herde. Daß aber die frechen Satyrn im Busch dich nicht überfallen, nimm auch Korax, den bösen Hund, mit.«

Äolus wußte, daß Odysseus gern über die Waldwiese ging, um nach seinen Schiffsleuten, den Gefährten am Strand, zu sehen. Vielleicht gelang es dem schönen Mädchen, ihn heiterer zu stimmen.

Polymele war nicht wie ihre Mutter; sie war voll warmen Lebens, eine Mischung aus Sturm und Windstille; auch nicht beflügelt wie ihr Vater und ihre Brüder; nur über ihren Augen standen die schwarzen Augenbrauen wie Schwalbenflügel.

Sie fand den Bock; aber, um länger die Freiheit zu genießen, trieb sie ihn vor sich her den Bergen zu, ohne die tollen Satyrn zu fürchten, die nach ihr äugten, hinter den Waldbäumen hervortraten und unverschämt grinsten, Purzelbäume schlugen und mit Bocksprüngen ihr dreist nahe kamen. Sie hetzte den Hund, und der jagte sie davon. Aber den jungen Bock hatten die Kerle sich gefangen und riefen: »Komm her! Hol' ihn dir! Wir halten ihn fest. Nur wenn du mit uns tanzest, geben wir ihn heraus.«

Polymele aber warf sich sorgenlos lachend in die Wiese und holte ihre Hirtenflöte aus dem Kleide. Odysseus stand im Pappelgehölz verborgen; da sah 9 er voll Überraschung die Schlanke, Lilienarmige, wie sie vorgebückt im Rasen unter den Blumen saß, das Haar aufgelöst wie ein weiter Mantel um sie her. Ihre Finger spielten am Rohr, und eine Schlange hatte sie aus dem Erdloch gelockt; die hob das grüne Köpfchen und wiegte sich bezaubert in Ringeln vor ihr, als ob sie tanzte, und lauschte dem süßen Pfeifen, das aus der Flöte kam. Ja, sie griff sich die Schlange und hing sie sich um den blanken Arm. Dann sprang sie auf und sah plötzlich den Helden, der aus dem Gehölze trat.

»Flieh nicht, bei der Göttin der Liebe, schönes Kind,« begann er. »Ich bin Odysseus, deines Vaters Gastfreund.«

»Mein Vater setzte dich hier gefangen, und du bist traurig?«

»Nicht, wenn ich dich sehe. So wie du die Schlange bezähmest, so kannst du wohl auch die Herzen der Jünglinge bändigen, wenn du willst; wahrlich, auch meines, obschon ich alt bin.«

»Und du bist kein Satyr und kein Pan und bist schöngestaltet und herrlich,« sagte sie. »Heldenhaft bist du, wie ich die Männer mir träumte, die hier nicht leben und die uns die Dichter rühmen; und ich hab' noch keinen gesehen wie dich.«

»Und du hier so auf der Wiese allein?«

»Die Satyrn, die dummen, griffen den Bock. Da oben! Ich sollte ihn holen.«

Da flohen schon die gehörnten Waldmenschen, als Odysseus auf sie eindrang. Er nahm den Bock auf seine Schultern und geleitete Polymelen nach Haus. 10 Nicht wortlos mehr, nein! Seine Zunge löste sich endlich; er erzählte ihr von Ithaka und von Telemach, seinem Sohne, der ein Kind war, als er, Odysseus, um in den großen trojanischen Krieg zu ziehen, Ithaka verließ. Und von den Sirenen erzählte er, die am Ufer saßen und sangen, als er vorüberfuhr, und das Herz erfüllten mit ällmächtiger Liebessehnsucht. »Man möchte sterben vor Verlangen, wenn die Sirene singt. Aber mein Herz ist gefeit. Denn mein stolzes Weib Penelope harrt auf mich, und ich will zu ihr.«

»Du erzählst so schön,« sagte sie. »Warum erzählst du nicht auch meinem Vater so? Er wünscht es sich.«

»Ich will es tun, wenn du dabeisitzest und spinnst und ab und zu auf deinem Rohre flötest.«

Seitdem flossen dem Äolus die Tage angenehm dahin. Odysseus erzählte ihm, wenn das Mahl beendet war und der süße Inselwein die Zunge löste, Erlebnisse und Heldenmärchen, die er selbst erlebt; der Kluge ersann auch manches dazu, wie es dem guten Erzähler frommt. Polymele aber war zugegen, und ihr junges Herz ward bezwungen von der Geistesgröße des Gastes, und ihr Auge verschlang ihn.

»Poseidon,« so plauderte Odysseus, »Poseidon, der Wasserstampfer, der schaumfrohe Meeresgott mit dem Dreizack, der zürnt mir maßlos, der jagt mich mit seinem Zorn. Warum? Troja, die Burg, hab' ich mit List zerstört; er aber hatte einst Trojas Mauern aufgebaut und gegründet. Und Poseidons Sohn, der garstige Zyklop in der Höhle, der sonst nur schlecht und recht von Milch und Käse lebt, fraß meine Genossen, 11 ein schändlicher Menschenschlächter. Zur Rache machte ich ihn trunken mit Wein und beraubte ihn des Augenlichts. Er hatte nur ein Auge mitten über der Nase; das war groß wie ein Ruderloch; ich bohrte ihm den Spieß hinein. Seitdem haßt Poseidon mich doppelt.«

»Ich schütze dich,« sagte Äolus vergnügt. »Du bleibst hier. Poseidon braucht mich, er braucht die Winde, und ich stehe mich immer noch leidlich mit ihm. Einen Palast bau' ich dir. Den Wald legen wir für dich nieder, und du sollst Felder bestell'n und Herden weiden und fischen und auf See fahren nach Herzenslust. Willst du noch mehr? Willst du auch Polymele, meine Tochter? Sie sei dein Weib. Ich seh' es gern. Die albernen Satyrn möchten sie sich haschen; aber sie ist zu gut dafür.«

»Ich will keinen Palast, ich will kein Weib,« versetzte Odysseus finster. »Der Herbst naht. Mein Weib wohnt im Westmeer, dort, wo die Sonne in den Okeanos sinkt. Dahin will ich, dahin auch meine Gefährten. Meine Gefährten schelten mich; sie sehnen sich auch nach ihren Heimathäusern.«

Da flog Äolus des Nachts zum Westmeer über Arkadien hin nach Ithaka, um Penelope selbst zu sehen. So schnell wie ein Mensch sein Auge aufschlägt und wieder schließt, so schnell war er dort; das ganze Mittelmeer spritzte unter ihm Schaum bei seinem Fluge, und die Leute in Ithaka fuhren aus ihrem Schlaf, weil die Brandung auf einmal so tosend ging.

Er fand Penelope einsam auf ihrem Lager; sie seufzte um ihren Gatten. Er sah Telemach, den 12 jungen, ratlos hinausspähend in die öde Salzflut; er sah im Saal Eurylochus, Antinous und die anderen frechen Freier, die sich täglich ins Haus warfen und dort das Gut des fernen Odysseus verpraßten, um die Ehe der Penelope zu erzwingen. Sie sollte sich den neuen Freier wählen, als wäre Odysseus verschollen und tot. Sie war die hehrste der griechischen Frauen und ihre Schönheit unverloren; aber wie eine schwarze Wolke stand Penelope im Licht des Saales, wenn sie zürnend und wehrlos im Trauergewand unter die Freier trat und sie warnte vor des Odysseus blutiger Rache.

Am folgenden Tage erzählte Äolus dem Odysseus: »Sie ist dir ungetreu. Glaube mir. Ich sah es. Ich war dort.«

»Du lügst. Alle Winde sind unzuverlässig. Ich glaube dir nicht.«

Äolus aber fing die Stimme der Penelope in seinen Schwingen und trug sie von Ithaka herüber, und Odysseus hörte da mit Staunen vernehmlich aus der weiten Ferne die Stimme seines ersehnten Weibes, und sie sprach: »Ich wähle den Eurylochus, bei allen Göttern.«

Er erbleichte. Was bedeutete das Wort? Es war kein Zweifel. Die Freier stellten sie vor die Wahl, und sie hatte sich entschieden: »Ich wähle den Eurylochus.«

Da versank Odysseus in Schwermut und Erbitterung, in Groll und dunklen Zorn. Der Listige war überlistet.

Der Herbst kam. Die Söhne des Äolus wachten auf und krochen aus ihren Höhlen, suchten erst ihre 13 lieben Weiber und küßten sie; dann versammelten sie sich im Saal der Felsenburg, wo Äolus sie über ihre Winterpflichten belehrte, und schossen endlich aus den acht Toren des Kastells wie die Reiher im Flug über das Meer in alle Richtungen. Der böse, barbarische Boreas, der wilde, schrie am lautesten. Ein Wirbel von Orkanen ergriff die Windinsel, und Odysseus warf sich platt zu Boden, auf Polymelens Rat; denn es war, als drehte sich das Land im Kreise wie ein Rosenblatt, das man in den Strudel geworfen hatte.

Äolus selbst, der große Flieger, zog, hoch auffahrend, weithin, jenseits des Inselmeers über die Berge des Balkan und wehte über Afrika und ganz Asien und beaufsichtigte und hetzte seine Söhne.

Um Odysseus und Polymele aber war alles still. Kein Schnarchen mehr auf der Insel und kein Schnauben. Nur der liebe Zephyr war geblieben; er wartete auf den Frühling, umfächelte die Blumen im Wiesengrund, setzte sich dann in die hohe Baumkrone und schlief da weiter.

So sah sich Odysseus mit dem Mädchen allein in der Einsamkeit. Sie hatte Befehl vom Vater, den einsamen Wintergast zu trösten. Und sie tröstete ihn. Es fiel ihr nicht schwer. Denn was ist das Leben ohne Geschäftigkeit? Die Satyrn holten sie sich aus den Wäldern herbei zum Traubenkeltern. Wie die in den Kufen possierlich hopsten und sprangen! Ein wieherndes Gelächter! Der junge Most schäumte. Süße Trunkenheit! Dann mußten die losen Gesellen auch noch ein Stück Wald roden, und Odysseus setzte 14 den Pflug an und zog die Furchen für die Frühlingssaat. Äolus hatte ihm einen Palast verheißen. Wozu aber ein Palast? Odysseus zimmerte sich ein Blockhaus aus Fichtenstämmen; einen Garten zäunte er sich ein, darin Polymele Nelken und Narzissen pflanzte und Rosmarin und Amaranth, Lavendel und Thymian. Und er nahm sie in sein Haus.

Hin- und hergeworfen zwischen Tier und Gott, war Polymele jetzt aus halbem Tierleben vollreif zum Menschen erwachsen: nicht Circe, nicht Kalypso, nicht Sirene, nein, ein Weib, voll Kraft und Liebreiz, wie es sein soll, ein Gefäß, das überfloß von den schönsten Gaben und dankbar war, wenn es geben konnte.

Odysseus war bisher nur ihr zweiter Vater, war ihr nur ein kluger Lehrer und Freund gewesen; jetzt war sie sein Weib.

Seine Genossen hüteten noch immer am Strand das Schiff; sie murrten laut; aber ihr Murren war vergeblich. Polymele hielt Odysseus fest, daß er nicht zu ihnen an den Strand ging. Auch sollte er nicht hinausstarren auf die wogende See; denn der Blick auf das Meer ist gefährlich; es weckt immer die Sehnsucht nach dem, was in der Ferne ist, als blühte das wahre Glück nur an den jenseitigen Gestaden.

Kein Menschenschiff zeigte sich mehr am Horizont. Wohl aber fuhr der Gott Poseidon, der Meeresherr, sprühend vor Zorn, draußen durch die spritzenden Wellen. Wehe dem, der ihm begegnete! Im Sommer, da fuhr er sanft schaukelnd im perlmutterschimmernden Muschelwagen mit seinen Delphinen; 15 im Winter hatte er den Hai im Geschirr, raste mit triefendem Bart daher – das Wasser lief ihm aus Augen und Ohren – und schwang den kolossalen Dreizack, der die Wellen aufwühlte und die Erde erschütterte und so groß war wie ein Schiffsmast und wie die hundertjährigen Fichten des Berges.

Äolus schoß eben durch die Wolken; da hielt Poseidon sein Haifischgespann an und schrie: »Höre auf mich, du Brausekopf. Bin ich nicht mehr dein Herr? Weißt du nicht, daß ihr Winde meine Diener seid? Bei dir steckt Odysseus, den ich fassen will. Du weißt, daß er mich freventlich beleidigt hat, und, bei meinem Barte, ich ruhe nicht, bis ich ihn unter meinem Dreizack habe und er im tiefsten Abgrund des Meeres ertrinkt.«

Äolus konnte indes seinen Flug nicht gut hemmen; daher schwirrte er in großen Schleifen um den Gott her, als er antwortete: »Ich schulde ihm Dank; er ist mein Gastfreund, und ich liebe ihn. Zeus lebt noch, und der große Donnerer im Olymp ist mehr als du, Poseidon. Zeus ist der Schützer des Gastrechts. Damit gib dich zufrieden. Meine Insel soll dem Helden eine Heimat sein. Wagt er sich aber jemals wieder aufs Meer, da soll kein böser Sturm ihn schädigen. Meine Söhne wissen es. Nur Zephyr ist bei ihm. Ich gebe ihm nur günstige Winde zur Fahrt.«

»Ich werde mich rächen! Ich verlange Gehorsam!« brüllte Poseidon fürchterlich und hob drohend die gezackte Waffe, als wollte er damit Berge versetzen.

»Du rufst es in den Wind!« Äolus segelte davon. Er war zehnmal schneller als sein Herr, der vergebens 16 nach ihm stieß und Wasserberge aufwühlte, um seine Schwingen zu übergießen.

Zeus, der allmächtige im Olymp, war freilich der Hort des Gastrechts; aber irrte sich Äolus nicht? Hatte er seinen Gast nicht betrogen und überlistet? Vertraute er mit Recht auf Zeus?

Indes hatte Odysseus allen Trübsinn aus seinem Herzen verloren. Er, der Held, der dem Hektor widerstanden, der den Troïlus tötete, der in das stürzende Troja die Fackel warf und dessen Ruhm wettstritt mit dem Ruhm des Diomedes und des Achill: hier gab es für ihn nichts zu kämpfen, nichts zu herrschen, nichts zu wagen. Aber Polymeles Seele war edel und gut und stimmte ihn friedlich, und ihre harmlos frische Jugend verjüngte ihm das alternde Herz. Er hatte hier eine Heimat gefunden. Was wollte er mehr? Er lebte als Bauer mit seiner Bäuerin, und es verdroß ihn nicht. Er streute Dünger aufs Feld, fuhr die getrocknete Wäsche heim auf dem Ochsenwagen und schritt dabei geißelschwingend neben den gehörnten weißen Stieren her. Wenn Polymele die Ziegen melkte, trug er die Eimer voll schäumender Milch selbst ins Haus. Sie formten die Käse mit ihren Händen um die Wette und lachten sich dabei an: wer macht es besser? Kam er im Winterregen von der Jagd mit dem erlegten Hirsch, war das warme Bad bereit; der Kessel siedete, der Herdschein fiel vergoldend durch den Raum, und ein wohliger Trunk, den sie ihm im Stierhorn kredenzte, labte ihn. Die lustigen Satyrn strömten oft hinterdrein aus dem Wald und lugten hungrig grinsend durch die 17 schmalen Fenster. Den Hylas, den meckernden, muntern Burschen, ließen sie gern zu sich als Gast herein; Polymele fütterte ihn mit Rüben. Der machte seine tollsten Bocksprünge im Hof und kletterte wie ein Affe in den nächsten Baum, wenn Korax, der böse Hund, ihn kläffend anfiel.

Von Hylas, dem Satyrn, hatte Polymele das feine Spiel auf der Schalmei gelernt; er lehrte sie auch jetzt täglich neue, lachend zärtliche Weisen. Die spielte sie dem Odysseus, und ihr schönes Auge, das tief und groß und schwärmerisch unter den Schwalbenflügeln der Augenbrauen stand, heftete sich dabei magisch auf ihn, als wäre er die Schlange, die sie aus dem Erdloch lockte, bis sie in Ringeln tanzend sich wiegte vor Wohlbehagen. Ein süßer Veilchenduft kam aus ihrem Angesicht und schmeichelte seinen Sinnen und stimmte ihn bei jedem Wort, bei jedem Anhauch, bei jedem Kuß friedselig und träumerisch; denn Polymele war ja die Tochter der Anemone, der Nymphe, und sie liebte es vom Veilchenkraut zu essen, das überall üppig im Walde wuchs und seinen Duft verschwendete.

So kam es, daß, wenn Odysseus einmal mit geballten Fäusten auf das Dach des Blockhauses sprang, um hinauszuspähen, ob es denn hier weit und breit keinen Feind gebe, gegen den es sich verlohnte, das Schwert zu heben und im Gefecht zu stehen, ihr Flötenspiel wie sommerlicher Zikadensang und Nachtigallenschlag ihn gleich heimlockte. Sein Wagemut entschlummerte im Duft ihres Wesens.

Welch trauliches Leben! Nicht selten freilich führte 18 Polymele den Mann auch zu ihrer Mutter Anemone, und da sah Odysseus die Gattin des Äolus und die acht jungen Schwägerinnen der Polymele endlich deutlich von Angesicht zu Angesicht. Die sprangen gleich von ihren Stühlen und jauchzten ihn neugierig an, wenn sie ihn sahen, und kicherten im Chor; aber sie sagten nichts als »Chaire, Chaire« (das heißt ›Heil, Heil!‹) und »wie süß, wie süß!« und »ja ja, ja ja! Endlich ein Mann, der keinen Sturm macht.« Das war alles. Es war, als hätte der viele Wind, in dem die Frauen mit ihren Gatten zu leben pflegten, ihnen das liebe Hirn leergeblasen wie ein ausgeblasenes Straußenei.

Sie hatten alle dasselbe niedlich glatte und wasserhelle Nymphengesicht, denselben Puppenmund, denselben gedrehten Zopf, dieselben kleinen Kinderhändchen und denselben schwankenden Watschelgang. Nur die Familienmutter gebot, ihrer Würde entsprechend, über einige Zornfalten und Sorgenfurchen, die ihr das Alter gerissen hatte, und ein kleiner Ziegenbart war ihr am Kinn gewachsen, an dem sie ängstlich zupfte, wenn sie nachdachte. Aber das kam selten vor.

Eines Tages aber schrie die ganze Frauenschar aufgeregt: »Sie kommen! Sie kommen!«, reckten ihre Hälse wie die Wasservögel, streckten die Nase in die Luft, warfen sich dann in ihre besten Kleider und steckten sich wilde Blumen ins Haar. Der Winter ging zu Ende; das spürten sie, und die Stürme, ihre Männer, würden nun wieder heimkehren vom Meer. »Sie kommen!«

Eben jetzt wachte Zephyr in seiner Baumkrone auf, 19 rieb sich die hellen Augen und begann zu flattern und leise zu säuseln, und auch Polymele sprach zu Odysseus: »Spürst du die liebliche Wärme nicht? Mein Vater, meine Brüder sind endlich draußen des Rasens müde und denken an ihren seligen Sommerschlaf, und die wilden Wellen im Meer legen sich nieder.«

Odysseus spürte die Wärme wirklich, und plötzlich wandte sich ihm das Herz. Er entriß sich ihren Armen und stürzte jählings drangvoll hinab ans Felsgestade: »Meerfahrt, Meerfahrt! Frühling! Freie Bahn! Ja Freiheit, Freiheit! Was zaudre ich?« Nach Ithaka, der Heimat, packte ihn aufs neue die alte, unbändige, unbezwingliche Sehnsucht. Was war ihm jetzt Polymele, die gute? Er schlug sich die Stirn: »Ich Vergeßlicher!« Penelope sein rechtes Weib! Telemachus sein Knabe! Sie lebten noch, sie lebten noch. Wie auch immer: er wollte zu ihnen. Er mußte. Es hielt ihn nicht. Es zerriß sein Herz. Die großen Tränen rannen ihm in den Bart. Penelope ungetreu? Was hatte Penelope gesprochen? »Ich wähle den Eurylochus, bei allen Göttern,« das war das böse Wort Penelopes, das Äolus ihm zugetragen. Es war ihre eigene Stimme gewesen, die er hörte. Kein Zweifel. Was aber bedeutete das Wort? Daß sie das Weib eines andern war? Nein, nein! Er konnte, er konnte es nicht glauben. Der alte Frühling blühte wieder auf den Wiesen, die alte Liebe blühte wieder in seinem Herzen.

Äolus trat eben keuchend ans Land. Sein Atem stürmte noch in krampfhaften Stößen, und Odysseus 20 trat vorsichtig hinter ihn, damit sein Wort ihn nicht umblies. Totmüde war der Gott, seine Fittiche schleiften am Boden. Etliche Schwungfedern hingen geknickt heraus; er hatte sie in seinem blinden Ungestüm am starrenden Felsengrat zerschlagen.

»Lebst du noch?« keuchte der Gott.

»Laß mich fahren,« rief Odysseus. »Ich will heim.«

Der Widerspruch wollte sich in Äolus heftig regen; aber er hatte keine Kraft und lallte nur: »Nicht fahren, Mensch! Du sollst bleiben. Mein Wille ist's.«

»Ich fahre heim,« rief der Held nur noch inbrünstiger. »Aber nur mit deinem Willen. Glaube mir, ich kehre wieder von Ithaka . . .«

»Willst du Eurylochus, Penelopes neuen Gatten, erschlagen?«

»Ich morde sie alle, die frechen Freier in meinem Palast. Denn mein Pfeil trifft gut. Aber das ist es nicht. Penelope strafen! Das gelob' ich dir! Dann kehre ich zu dir heim, wenn ich Penelope, die ungetreue, gestraft habe. Dann will ich kommen und deine Tochter holen.«

»Penelope, die ungetreue . . .?«

Äolus war in seiner eigenen List und Lüge gefangen. Er konnte nicht sagen, daß sein Bericht erlogen war. Er konnte es wohl – aber sein Wille, seine Zunge versagten. Anemone, die Gattin, war schon da und die Frauen alle aus dem Frauenhaus; da flogen auch die acht Äolussöhne heran, und die Frauen holten die Schwermüden heim in das Haus, um sie zu pflegen. Schon entschliefen sie alle.

Die Stürme hatten sich auf der Insel des Äolus 21 zur Ruhe gelegt, und der Frühling war draußen auf dem Meer. Da spannte Zephyr, der linde, der einzige, der wach geblieben, seine regenbogenfarbigen Taubenschwingen, um Odysseus und seine zwanzig Gefährten, die das Schiff bestiegen und hoffnungsvoll das Segel spannten, weit hinaus zu geleiten, der Heimat zu.

Odysseus fort! Polymele fühlte mit zitterndem Herzen, wie flüchtig, wie kühl des geliebten Helden Abschiedsgruß war. »Ich kehre wieder,« sagte er das? Aber wann, ach, wann?

Das Jahr wuchs. Auf den Frühling folgte der Sommer. Polymele wich nicht vom Strande und spähte mit aufgerissenen Augen täglich hinaus auf die leere Wasserfläche. Die stillen Wellen glühten in Blau und Purpur, so gleißend schön. Aber jede der unzähligen lispelte und rauschte den Strand entlang: »Er kommt nicht.« Sie gebar ihm einen Knaben. Würde er ihn jemals sehen, den Heldensohn, den ihm Polymele geboren hatte?

Äolus, ihr Vater, schlief fester als je. Aber Poseidon war wach, und Poseidon sann jetzt auf Strafe und Vergeltung. Wie fernes Donnern und Wetterleuchten meldete sich sein Zorn.

Odysseus war ihm entronnen; er gelangte glücklich nach Ithaka, zu seinem Ziel, weil der Meeresgott nicht achtgab und am Tag der Flucht just im fernen Ägypten weilte! Denn Poseidon war ein hungriger Gott. Das Meer gab ihm nur Fische; die frommen Leute im ägyptischen Theben, der hunderttorigen Stadt, dagegen hatten ihm jetzt hundert fette Stiere, die 22 prächtigste Hekatombe, geopfert; der Braten roch herrlich, und er eilte lüstern dorthin, um sich des seltenen Mahles zu freuen. Indes kam Odysseus ungefährdet zu den freundlichen Phäaken und mit ihrer Hilfe weiter zu seiner Heimatinsel.

Und auf Ithaka war eitel Triumph und Freude. Penelope war ihm treu. Die Freier traf er mit seinem sicheren Pfeil, wie er gedroht hatte, und sie fielen kläglich in ihr Blut. Sein Herz lachte in Wonne und Heimatseligkeit. So war es wirklich. Nur ein Rätsel blieb.

»Wie war es mit deinem Wort? Du sprachst: Ich wähle den Eurylochus?« fragte Odysseus sein Weib.

Penelope sah ihm siegreich und voll Güte ins Auge, und sie erklärte ihm des Wortes Sinn. Telemach, der Knabe, sollte den Speerwurf lernen; die Männer auf Ithaka stritten, wer ihm im Speerwurf den Unterricht erteilen sollte; da trat Penelope, die Mutter, mitten unter sie, erhob ihre Stimme und entschied: »Ich wähle den Eurylochus.«

Odysseus lachte: »Dies war die Meinung? O du Selige! So möge denn Telemach zeigen, was er von Eurylochus im Speerwurf gelernt.« Und Telemach, der junge, war's, der auf des Vaters Geheiß den Eurylochus, den Argen, mit der Lanze traf, ihn, der sich vermaß, des Odysseus Hab' und Gut und Ehre zu plündern.

Poseidon war inzwischen aus Ägypten heimgekehrt. Er gewahrte alles, was geschehen war, und in gräßlicher Wut hob er seinen Dreizack und nahte dem Eiland.

Polymele irrte eben über das Feld. Es litt sie 23 nicht im leeren Hause. Verlassen in ihrem großen Kummer, verlassen und unverstanden allein, wo sollte sie hin? Aus dem Busch sprangen die losen Faune und kicherten hinter ihr her: »Das hast du von deinem Stolz. Uns hast du allezeit verschmäht, die wir nach dir jagten. Komm jetzt noch her, wie du bist. Wir sind immer lustig, und im Wald ist es kühl. Am Quell wollen wir tanzen, und im tiefen Gras liegt es sich süß.«

Hylas selbst, der liebe Junge, kam ihr nach, blies seine allerschönsten Hirtenweisen und flehte: »Stört dich mein Gehörn? Ich stoß' es mir ab, wie der Hirsch es tut. Ich will artig sein wie das Lamm, das an der Mutter hängt, und wie die zahme, junge Taube, die dir aus der Hand die Körner pickt. Das will ich, wenn du mir gut bist, Polymele!«

Sie streichelte den Lieben mit schmerzlichem Lächeln und stammelte: »Ihr Waldteufel, ihr gedankenlosen, versteht mich nicht. Nur der Mensch versteht den Menschen. Ich war glücklich, was will ich mehr? Denn ich habe den Menschen in seiner Herrlichkeit erlebt. Glücklich sein oder sterben: das ist Menschenlos.«

Schon stand sie einsam, hoch oben auf dem Uferfelsen; die glitzernde Salzflut gähnte unter ihr. Ihren kleinen Sohn hielt sie im Arm, ihr Herz zersprang, und ihr Wehklagen scholl so bitterlich in die Nähe und Ferne, daß ihre Brüder aus dem tiefen Schlaf erwachten, aus ihren Schluchten kamen und unwirsch fragten: »Was lärmst du so?«

Sie hob den Fuß und war im Begriff sich vom 24 hohen Felsen ins Meer, das tötliche, das ihr den Geliebten entführt, hinabzustürzen. Da stand sie vor Schreck versteint: sie sah leibhaft den gräßlichen Gott Poseidon im Meeresschwall – ihr Auge war hellsehend in ihrer Angst. Der Gott kam nahe und hob schon im Jähzorn brüllend den Dreizack, den Erderschütterer, und faßte damit machtvoll den Fuß des Eilands, daß der Grund schütterte und die Felsen bebten. Denn Vulkan hatte die Insel auf schmalem Fuß ins Meer gestellt, und sie lag wie eine große schwimmende Scheibe auf dem Wasser.

Zweimal, dreimal riß der Gott am Fuß der Insel, die Scheibe begann zu wanken und neigte sich rasch und versank im tiefsten Flutenabgrund. Der Wasserschlund spaltete sich gähnend und schlug krachend darüber zusammen. Der Schaum zischte zum Himmel. Versunken, um nie wieder aufzutauchen: kein Auge sah die Insel jemals wieder, kein Auge bis auf den heutigen Tag.

Seitdem sind die fliegenden Winde ewig heimatlos und haben nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen. Sie hausen flüchtig bald im schluchtenreichen Hochgebirge des Kaukasus und der Alpen, bald in der Sandwüste der Sahara und reiten unstet auf den endlosen Wellen des Ozeans. Nirgends, nirgends ist für sie Rast. Wenn aber die See still liegt im jungen Frühling, da hört das Volk, das am Ufer steht, wohl ein Seufzen im sanften Windeshauch. Es ist das Seufzen der Polymele. Denn ihre Seele rang sich los aus dem Tod und flattert nun wie ein huschender Schatten, den die wandernde Wolke aufs Wasser 25 wirft, ewig ziellos und ewig suchend durch die Natur.

Dies Seufzen habe auch ich gehört, da ich jung und traurig war und am Ufer stand: die Wehmut der verlassenen Liebe, den Schmerz der Tochter des Äolus, der freundlichen, die einst der strahlende Griechenheld aus Untreue geliebt und aus Treue verlassen hatte.

Aber auch die Äolsharfe redet von ihr. Wer an altersgrau verfallenen Stätten in die hohlen Risse der Efeuwand Saiten spannt, der warte still auf den Abendhauch; dann hört er die Saiten weich erklingen. Äolus, der Vater, trauert um seine Tochter und legt sich zärtlich müde in die Harfe, daß sie zittert ohn' Ende, und du stehst und lauschest, und das Herz schwillt dir vor Schwermut, bis die Nacht kommt und der Schlummer winkt und dein Auge zufällt und der klagende Gott sich zur Ruhe legt. 26

 


 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.