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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.
Klein Moritz' Geschäfte

Es war eine unendlich selige Zeit im Amte gewesen. Nur dauerte sie, wie alles »unendlich« Schöne, ach! gar so kurze Zeit. Alles war so gekommen: Der Herr Vorstand der Abteilung IV war eines Tages von fürchterlichen Leibschmerzen befallen worden. Es war kein Wunder. Denn er aß gern reichlich und fett und verhinderte die gewisse Schwimmbedürftigkeit des Genossenen durch schnöde Abstinenz. Da aber Abstinenz als Tugend gilt und die Tugend gleich einem schönen, spröden Weibe allerlei Anfechtungen ausgesetzt ist, so kam auch in diesem Falle die lächelnde Schwester Versuchung – doch das alles folgt jetzt.

»Hu!« jammerte der Herr Vorstand. »Das wird ein böses Ende nehmen.« Ein Lieblingsausdruck von ihm, der sich sogar auf einen momentan verlegten Akt oder eine geringfügige Verschreibung bezog. Er sah alles durch die Brille des »bösen Endes« an.

Also stöhnte er und wand sich und prophezeite nicht nur sich, sondern allen Untergebenen schlimme, ja fürchterliche Ereignisse. Nur weil er Leibgrimmen hatte.

Da in einem Amte viel kleinere Dinge zum Lichte der Beachtung drängen als die immerhin ansehnlichen Leibschmerzen des Herrn 64 Vorstandes – so bekamen diese Schmerzen, bildlich gesagt, Füße, durcheilten alle Hallen und Gänge, kratzten an jeder Türe, winselten allerorten, so daß bald der Alarmruf das ganze große Haus durchgellte: der Herr Vorstand der Abteilung IV sehe mit jeder Minute seiner Auflösung entgegen.

Die Vorstände aller anderen Abteilungen eilten tieferschüttert herbei. Eine solche Aufregung hatte das Amt seit langem nicht durchtobt.

Der Patient stöhnte und beschwor die Vorsehung, ihn noch dies eine Mal, nicht zu eigenem schnöden Nutzen, nein, sondern zu dem des Amtes und seines weiteren Gedeihens zu retten.

Nur einer hatte inmitten des allgemeinen Aufruhrs seine vollkommene Ruhe und Fassung bewahrt. Ja, einem scharfen Beobachter hätte es scheinen müssen, als ob hinter dieser Fassung eine geheime Befriedigung lauere. Es war ein Volontär, der in Erwartung späterer Ruhegenüsse einstweilen allein der Ehre halber diente und langweilige Kopien als »Mundant« anfertigte.

Man hieß ihn scherzhalber und etwas boshafterweise im Amte den kleinen Moritz und verbreitete, sehr zu seinem Ergrimmen, die Legende, es habe zwecks seines Eintrittes in den Staatsdienst eine allgemeine Familienwässerung stattgefunden.

Allen war bei Moritz (wie er ja gar nicht hieß, sondern Rudolf) eine geheimnisvolle Kassette aufgefallen, die er jedesmal mit ins Amt nahm, ohne daß jemals irgendwer deren Inhalt ergründen konnte. Allen diesbezüglichen Anfragen und Erkundigungen wich er geschickt aus. Aber 65 an dem heutigen Tage ward das Siegel des Geheimnisses gelöst.

Denn Moritz öffnete mit einem Miniaturschlüssel das Miniaturschloß der Kassette, die sich teilte wie ein Buch, nur daß dieses statt der Lettern eine Reihe von Retorten enthüllte, die mit vielfarbigen, von reinster Wasserhelle über Goldgelb bis zu dunklem Rot variierenden Flüssigkeiten gefüllt waren.

In der Mitte dieser bunten Pracht lag, in wohlige Futteralweichheit gebettet, ein Gläschen, von der sonst im Amte verpönten Form eines Schnapsstamperls.

Moritz, der Volontär, hatte nämlich für dienstfreie Stunden die Vertretung der Firma seines Bruders, der Spirituosen en gros et en detail verkaufte, übernommen. Die Ereignisse hatten entweder Moritz überrascht und ihm ein sonst strenge gehütetes Geheimnis entrissen, oder er fand den Zeitpunkt für gekommen, wo er durch seine Amtszugehörigkeit gewissermaßen eine Verbindungsbrücke zu einer neuen Geschäftsklientel schlagen konnte.

Jetzt goß er aus einer goldig schimmernden Retorte das Gläschen voll und bot dieses mit viel graziöser, halb geschäftlicher, halb amtlicher Untertänigkeit dem Herrn Vorstand an, der, wie alle Großen dieser Erde, den Anfechtungen der Natur allein sich tributär fühlte.

»Hu! das war gut,« sagte der Herr Vorstand, nachdem er den Inhalt einiger Phiolen in sich aufgenommen hatte. »Das ist ja die reinste Wundermedizin. Ich fühle mich wie 66 neugeboren. Für künftige Fälle müssen Sie mir einen kleinen Vorrat dieses Elixiers besorgen.«

Das ganze halbe Amt, die übrigen Vorstände, waren Zeugen dieser wunderbaren Errettung. Man bestürmte den neu auferstandenen Wohltäter der Menschheit, ebenfalls für eventuell eintretende künftige Fälle um Mitteilung der Quelle eines so köstlichen Lebensbalsams. Und Moritz notierte und notierte . . .

Von dem Tage ab roch es gar lieblich in allen Zimmern. Nach Zimt, Veilchen, Rosen und auch etwas Derberem. Denn Moritz' Bruder verstand seinen idealen Beruf.

Nun hätte die Schönheit der von da ab einsetzenden Amtsidylle, die zart gerötete Gesichter und gütiges, allgemeines Einanderverstehen und rosige Heiterkeit als hervorragendste Merkmale aufwies, wohl noch viel länger ohne einen läppischen, plumpen und dummen Zufall bestanden.

Der ereignete sich folgendermaßen:

Der dicke Adjunkt Haberda war mit dem Welthause von Moritz' Bruder in ein enges, auf einstweiligen Pump gegründetes Geschäftsverhältnis getreten. Er war niemals das, was man bei Kasse sein heißt, und er verschmähte auch die feinen Sorten, die nach Parfüm rochen. Seine Devise war: viel und stark und dabei billig. Er hatte sich also einen erklecklichen Vorrat bestellt und stärkte sich häufig bei seiner ermattenden Amtstätigkeit.

Eines Tages schrillte die Telephonklingel. Der Herr Adjunkt begab sich an den Apparat, da gerade niemand sonst anwesend war.

67 »Hier Ministerium,« hieß es. »Ministerialrat Penzinger. Wer dortamts?«

Der Herr Adjunkt lachte. Er fühlte sich heute so wohlig gestärkt und für einen Jux teilnehmend gestimmt. Das kannte er ja. Es war ein Witz eines Kollegen von einer entfernten Abteilung, der es in müßigen und heiteren Stunden liebte, seine Stimmverwandlungsfähigkeit in den Dienst einer großen »Hetz« zu stellen und sich telephonisch bald als den, bald als jenen Obergewaltigen aufzuspielen. Besonders den Herrn Ministerialrat Penzinger imitierte er täuschend.

Also der Herr Adjunkt lachte.

»Ich werde dich penzingern, du altes Schwein, In welcher Bude treibst du dich denn herum?«

»Hier Ministerialrat Penzinger. Wer dort?«

»Frag nicht so dumm, du besoffener Kerl. Von welchem Graben bist du wieder nach Haus gekommen? Wirst doch noch den Haberda kennen? Der Witz ist gut. Du, wenn du hier wärst . . . Eine Primamarke hab ich. Echten Stanislauer. Ich sag dir, das halbe Amt war gestern im Dusel.«

»Sooo?«

»Ja – und wenn du kannst, alter Filou, mach dich auf einen Sprung herüber frei. Ich sag dir, das ist was für deine Glühbirn, versoffenes Kamel.«

»Rrrr!« Es war abgeläutet worden.

Nach einer Viertelstunde hielt ein Fiaker vor dem Tore des Amtes, und mit allen Anzeichen äußerster Erregung stürzte der Herr Ministerialrat Penzinger in das Zimmer, in dem der Herr Adjunkt saß.

68 »Haben Sie eben telephoniert?« herrschte, ja brüllte er den schreckensbleich Gewordenen an, der gerade im Begriffe gestanden war, sich ein halbes Wasserglas, aber nicht mit Wasser zu füllen.

»Herr Ministerialrat . . .« stammelte mit bebenden Lippen der Befragte.

»Schon gut. Bis auf weiteres.« Und dann raste der Herr Rat zum ersten Chef, mit diesem durch alle Zimmer des ihm untergebenen Amtes. Es wurde viel gebrüllt und viel geschwiegen. Natürlich tat das erstere der Herr Ministerialrat, das andere notgedrungen die gesamte Beamtenschaft. Es gab viel bleiche Gesichter und heiße Köpfe.

Wenn der See rast, will er sein Opfer haben. Und wenn der Vertreter eines hohen Ministeriums rast, will er ebenfalls seine Opfer haben.

Als erstes fiel Klein Moritz, dem nach Erpressung des Sachverhaltes bedeutet wurde, daß man seiner Dienste für alle Zukunft nimmer bedürfe. Und wären diese in alle Ewigkeit hinein so kostenlos wie bisher, denn ein k. k. Amt sei kein Tummelplatz für schamlose Schnapsgeschäfte.

So äußerte sich der Herr Rat wörtlich.

Im übrigen lief die Sache noch so ziemlich glimpflich ab. Der Adjunkt Haberda und sein witziger Kollege mußten in einem Zimmer des Ministeriums eine Standrede anhören, die gut einundeinehalbe Stunde währte. Erst wurde wegen schandbaren Benehmens mit Disziplinierung, später mit Pensionierung gedroht, zum 69 Schlusse eine weitestgehende Präterierung in Aussicht gestellt, und ganz zum Schlusse wurde beiden Inkulpaten noch einmal das Schmähliche und Schamlose ihres Treibens vor Augen geführt, und dann wurden sie entlassen.

Es hatten sich nämlich in letzter Stunde noch höhere Einflüsse geltend gemacht, die die Sache für einen unbezahlbaren Jux ansahen und nur im Interesse der Reputation und zur Hintanhaltung fernerer Entgleisungen das abschreckende Donnerwetter inszenierten.

So zwei Monate später stellte sich Klein Moritz als Bittsteller und um neue Aufnahme flehend bei dem Herrn Ministerialrat vor. Welche Gründe er ins Treffen führte, daß seine gnadenweise Wiedereinreihung erfolgte, ist unbekannt. Er scheint abermals als Vertreter des Welthauses seines Bruders Glück gehabt zu haben. Denn binnen kurzem roch es in den geheiligten Räumen nach Zimt, Veilchen und Kölnerwasser.


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