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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 5
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Riskonto

Eine alte Pfründnerin, die kleine, bucklige, zittrige Hafnerin, hatte ihren Riskonto verloren, auf dem ein Gewinst von vier Gulden, das heißt acht Kronen stand. Die alte Hafnerin rechnete konsequent nur nach Gulden und Kreuzern. Vom Eck der Gasse her, beim Kaufmann, mußte der Verlust erfolgt sein. Dort hatte sie ihr Sacktuch aufgeknotet und zehn Heller aus ihrem Schatze entnommen. Außer einigem Bargeld enthielt er auch den gewinstreichen Riskonto.

»Was suachen S' denn, Muatterl?« fragte ein Straßenkehrer die immer erregter auf- und abtrippelnde und suchend gebeugte Alte.

»Marrand Anna – vielleicht hab'n S' 'hn g'seg'n. A Rischkonta war's, a gelber.«

»Kunnt' mi' net erinnern, Muatterl. So a Papierl waht der Wind davon, und ma' hat gar ka' Idee, wohin? War was drauf?«

»A Amba war's.«

»Ui jegerl! No, war'n a paar schöne Vierterln Wein g'wes'n.«

»Ja freili', für Euchere Männergosch'n war' alles nur auf an' Wein. Helfen S' mir liaba suach'n!«

29 »Was suacht denn die Frau?« fragte der daherschlendernde Wachmann angesichts der aufs neue aufgeregt suchenden Pfründnerin den Straßenkehrer.

Der erklärte den Sachverhalt.

»War was drauf?« forschte der Wachmann.

»No . . . a Amba, sagt s'.«

»A Amba? Gabert grad a paar Vierterln Wein.«

Die alte Pfründnerin hatte das Wort erlauscht.

»An' Wein? Sunst weiter nix? Ob ma' von an' Mannsbild was anders hörert als vom Saufen. Schauts liaber, vielleicht find ts 'n aner.« Und sie ging daran, ein altes, im Rinnstein liegendes Zeitungspapier, das der Straßenkehrer schon tagelang vergessen hatte, umzukehren.

»Was suacht denn dö Frau?« fragte ein Kohlenträger, der mit seiner leeren Butte daherkam und sehr neugierig war.

»An' Rischkonta.«

»War was drauf?«

»Mir scheint, a Amba oder Ambasolo,« sagte der Straßenkehrer.

»War' grad recht auf a Sprüngerl ins Wirtshaus. Gabert a paar schöne Vierterln Wein . . .«

»Was suacht denn dö Frau?«

Die Frage war allgemein geworden. Denn der Kohlenträger hatte seine Butte niedergestellt und las schmutzige Papiere auf, unter die sich vielleicht der Gewinstzettel verirrt haben konnte. Auch der Straßenkehrer hatte sich der Aktion angeschlossen, indem er mit der Eisenspitze seines 30 Besens desgleichen tat. Der Wachmann wollte nicht zurückbleiben und nahm das Schleppeisen seines Säbels zu Hilfe.

»Was wird denn g'suacht?«

»A Rischkonta soll valur'n ganga sein. Mit an' Terna!«

»Fix Laudon no'mal, da kunnt' ma' amal scho' urndli' drahn. Da gangt scho' was oba!«

»Was wird denn g'suacht? Was wird denn g'suacht?«

Binnen kurzem beteiligte sich mit Inbegriff einer zahlreichen Straßenjungenschaft jeder Vorbeigehende an der Entdeckung des kostbaren Stückchens Papier. Als dürfte dieses nicht ein solches, sondern eine schwere Münze gewesen sein.

Allgemein wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß man sich viel Wein und viele »Drahrer«um das verlorene Geld kaufen könnte. Die alte Hafnerin als Verlustträgerin war ganz vergessen. Man suchte. Mit Leidenschaft. Aus Sport.

Endlich ein Aufschrei.

»Da is das Malefizviech. In Sack hab' i's g'habt, und i hab' g'mant, i hätt's eing'wickelt g'habt. Na, an den Schrocken wir' i denken, und wann i hundert Jahr' alt wir'!«

»Was war's denn eigentli'?«

»Ah nix. Dö narrische Alte macht a Angeh n weg'n an' Rischkonta, auf dem a Dreckerl von an' Amba war.«

Die Aufklärung des wahren Sachverhalts machte der Ansammlung ein Ende.

31 Man ging erregt auseinander.

Nur der Wachmann, der Straßenkehrer und der Kohlenträger fanden Worte des Unmuts wegen der verschwendeten Zeit, die das Suchen erfordert hatte.

»Weg'n der verruckten Schacht'l ihr'n blöden Rischkonta versam' i mein G'schäft,« sagte der Kohlenträger.

»Gengan S' ham!« herrschte der Wachmann die alte Pfründnerin an. »An' Auflauf ha'm S' g'macht, daß dö ganze Gassen rebellisch is.«

Der Straßenkehrer begann unmutig brummend wieder sein nervenzerrüttendes Tagewerk. Man konnte nur vernehmen:

»Jetzt . . . auf a paar Vierterln Wein hätt's grad g'längt.« 32

 


 

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