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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 17
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dioskuren

Diese Geschichte ist weder für Ästheten noch Moralisten. Sie ist von rauhem, ja rohem Klang und verletzt gar oft ein feines Empfinden. Ich singe das hohe Lied der Freundschaft und Liebe von dreien, die bar aller seelischen Kompliziertheit sind und in oft rüder Sprache die uralten, edelsten Empfindungen der Menschheit zum Ausdrucke bringen.

Der Herndlinger Ederl, genannt »der Streitige«, was vielleicht dem Epitheton eines »Friedrich der Streitbare« entsprechen mag, und der Kretzer Pepperl, genannt »der G'stellte«, was auf hervorragende körperliche, athletische Beschaffenheit schließen läßt, wie etwa seinerzeit bei August dem Starken, waren die dicksten Freunde, die es gibt, die Alten nannten solches Paar Dioskuren, der Wiener jedoch nennt es »Spezi«.

Beide waren in einem Hause geboren, in einer Schule mit Weisheit dermaßen durchtränkt worden, daß sie zu deren Aufnahme nur fünf Klassen bedurften, während andere deren achte in Anspruch nehmen mußten. Beide gingen jeder drei Lehrherren durch und landeten als Selfmademans bei dem Stande eines Hilfsarbeiters. 123 Ederl als Helfer am Naschmarkte, Pepperl als Lenker einer Reihe von Eingespannen, so man Cabs heißt.

Beide wurden von einer Assentkommission der hohen Ehre gewürdigt, Exerzierplatz zu schinden und des Kaisers Rock zu tragen. Rauferei und viel, sehr viel Arrest kennzeichneten den militärischen Werdegang.

Der Bürgerschaft wiedergegeben, die ihrer Genugtuung mit der beiläufigen Meinung Ausdruck verlieh, daß es für zweibeide ein Gesetz geben sollte, das die zwanzigjährige Dienstzeit ins Auge fasse, ergriffen sie wieder einen ihren Studienerfolgen angemessenen Beruf und verdangen sich einem Baumeister für den Sommer als Ziegelschupfer im Dienste der Bautätigkeit, im Winter als Schneekehrer.

Da es nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, erwählten sie sich statt des bisherigen »Bettes« jeder ein möbliertes Kabinett und erfüllten es mit der lebendigen Wärme einer Frau. Der Polizeiausdruck einer damaligen finsteren Zeit für solche temporäre Verbindungen lautete Konkubinat. Einer helleren, lichteren, aufgeklärten Zeit blieb es vorbehalten, den poetischen Namen »Lebensgefährten« zu ersinnen.

In unserem Falle war diese Bezeichnung nur ein holder Euphemismus. Denn in ihrem heftigen, ihnen angeborenen Drange nach Veränderlichkeit und Vielseitigkeit wechselten auch die »Lebens«gefährtinnen sehr häufig. Gelegentliche Auseinandersetzungen beschränkten sich nicht gerade auf mündliche Erklärungen, auf sanfter 124 oder stärker pointierte Rede und Gegenrede, sondern die gerade bestehende männliche Oberherrlichkeit bediente sich des gesetzlich gewährleisteten Rechtes der »häuslichen Züchtigung« in oft allzu ausgedehntem Maße. Die rohe Hausnachbarschaft bezeichnete dann das »Lebensgefährten«-Paar als »G'lumpert«, »Bagaschi« und »z'samm'g'standenes G'sind'l«. Daß mit dem often Wechsel der Gefährtinnen auch einer mit der trauten Häuslichkeit verbunden war, bedarf keiner Hervorhebung. –

Der große Krieg fand beide in den Reihen der Verteidiger des Vaterlandes. Und die zwei ehemaligen Enfants terribles der Kaserne wurden nun ausgezeichnet, befördert und dekoriert. Wofür sie einst Arrest und Krummschließen einheimsten, nämlich für ihre fröhliche Rauflust, wurden sie nun belobt.

Ernsthaft verwundet, traten sie aus dem »Verein« aus, der ihnen schon längst keine Befriedigung mehr bot. Als sie ausgeheilt waren, kam der Umsturz und auch ein Umsturz in ihren bürgerlichen Verhältnissen.

Wer mag den verschlungenen Pfaden einer im Verborgenen arbeitenden Protektion nachspüren – kurz, Ederl und Pepperl waren die wenn auch bescheidenen Vertreter öffentlicher Funktionen geworden. Ederl als Waggonverschieber auf einer Bahn, Pepperl als Glockenschwinger vor einem Mistbauerwagen. Sie aßen nun wieder das ehrenvolle Brot bürgerlicher Stetigkeit, mit der Aussicht auf irgendwelche Vorrückung und endliche Pensionierung.

125 Sie erwähnten dieser Vorteile gerne im Lokale des Herrn Safran, wenn sie in dienstfreier Zeit an ein oder auch zwei Gläschen »Stanislauer« sich stärkten. Bei dieser Gelegenheit fiel mancher Hieb für die zünftige Pädagogik ab.

»Dö ganze Schul' is a Holler,« war der Auszug ihrer Betrachtungen, »a paar Pratzen zum arbeiten und alles anpacken kinna, haßt 's. Net in die Büach'ln hock'n. Schaut's es an, die ganzen Held'n, dö Professers und dö Hofrät'. Der Buri hängt eahna hint' aussi. Obwohl m'r net studiert hab'n, san m'r do wer wur'n.« Solche Rede verfehlte niemals, großen Eindruck zu machen und laute Beistimmung seitens der anderen Gäste zu ernten.

Das ist in Kürze das Curriculum vitae unserer beiden Helden, und nun hebt die Geschichte ihrer Liebe und des Sieges ihrer geläuterten Freundschaft an.

Zur Zeit bewohnten sie gemeinschaftlich ein »möbliertes Kaminett« irgendwo am äußersten Ende Margaretens. Das Weib als Lebensgefährtin war ihnen schon »öd« geworden, sie zogen ein Leben abgeklärter Ruhe vor und gedachten in einem seligen Junggesellenstande zu versterben. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt und sendete ihnen zum ersten Male das Weib entgegen als die Bringerin erster, reinster und ach! oft tödlicher Liebe. Das kam so:

Ederl und Pepperl waren bei einem Vereinsfeste geladen. Über Vermittlung des Umlauft Maxl, der, ein alter Bekannter Pepperls, gleichfalls öffentlicher Funktionär in kommunalen Diensten 126 war. Im Sommer (meist bei regnerischem Wetter) führte er den selbsttätigen Aufspritzwagen.

»Wannst mein' Schwester singen hörst . . .« war eines seiner hauptsächlichsten Lockmittel. »Sie haßt aa 's Lercherl von Meidling.«

Festlich »g'schalnt«, denn sie waren aus Friedenszeiten mit Kleidung noch wohl versehen, erschienen die beiden Freunde am bewußten Abend. Es sei zum ersten Male ihres körperlichen, nicht nur ihres moralischen Habitus gedacht. Beide waren fesche, männliche Gestalten. Insbesondere Pepperl, der auf einem tadellosen Athletenkörper einen wahrhaften Römerschädel trug. Auf dem Theater, in die Toga gehüllt, hätte er gar wohl irgendeinen römischen Helden darstellen können. Nur »'s Mäul hätt' er net aufmach'n dürf'n«.

Von dem ganzen Programm blieb den Freunden später nichts in Erinnerung als die Erscheinung und die Produktion der Umlauft Kathl, der Lerche von Meidling. Feurig, resch, hochbusig und breithüftig, sang und jodelte sie sich in die Herzen und Sinne der Zuhörerschaft, aber nicht so fressend tief wie in die Herzen und Sinne der Dioskuren.

Der glückliche Umstand, daß Pepperl und der Bruder der Kathl soi-disant Freunde waren, verhalf den beiden zu der Ehre, sich an den sogenannten Komiteetisch setzen zu dürfen, an dem der engere Freundeskreis versammelt war. Hier wurden sie der Göttin ihres Herzens vorgestellt und fanden offenbar Gnade vor ihren Augen. Eine in militärischen Diensten erworbene schneidige Galanterie unterstützte ihr Werben 127 um die Gunst der Holden. Sie taten noch ein übriges, um auch die Herzen der Tischgesellschaft, insbesondere das Maxls, zu erwärmen. Zu diesem Behufe spendeten sie einige Liter »Spezi«, und die Stimmung ward so gehoben, daß man in einem Kaffeehause bei etlichen »Frackerln« Bruderschaft auf Leben und Tod schloß, mit Einschluß der Holden und Minnigen.

Noch eine Tugend dieser tat sich kund: lachen konnte sie, lachen – daß das Lokal davon hallte. Es war nicht das silber- oder glockenhelle Lachen der Romanheldinnen aus ästhetischen Gesellschaftsschilderungen. Nein – zuerst ein lauter, langer »Kirrer«, dann eine Pause. Wie bei Kindern zuerst ein Schrei erfolgt, dann nach sekundenlangem Innehalten das Geplärr einsetzt, so erfolgte nach der kurzen Pause das herz- und schallhafteste Gelächter, das man sich vorstellen kann.

Wozu übrigens wäre für beide, die an den Schall der Dampfpfeife, Rädergeknirsche und Mistbauerglocke unter hallendem Hausflur gewöhnt waren, ein silberhelles Lachen gewesen? Ist etwa eine Lokomotivpfeife oder eine Mistbauerglocke von Silber? Nun also! Ich sagte doch, meine Geschichte ist nicht für Ästheten.

Als die Freunde den Heimweg nach dem gemeinsamen Quartier antraten, zog eine lange Weile mit ihrem Schweigen die Träumerei mit. Zu lebhaft stand das Bild der Herzenserkorenen vor ihrer Phantasie. Dann unterbrach Pepperl das Schweigen mit den Worten:

»Singa kann dös Mensch . . . Höcha geht's nimma.«

128 »Und lach'n kann dö Karnalli,« ergänzte Ederl. »Den Hamur, dö Schneid, dö Resch'n . . .«

»'s Lercherl von Meidling,« sagte Pepperl schwärmerisch.

Und beide trugen so weiter ihre Liebe wortlos nach Hause, in ihre Träume hinüber. – – –

Die so glücklich angeknüpfte Bekanntschaft fand ihre Fortsetzung. Nicht in der beliebten Form, daß einer der Freunde oder alle beide am nächsten Tage, mit einem Blumenstrauß bewaffnet, zur Besuchsstunde im Hause der Geliebten sich einstellten und die teilnahmsvolle Frage an sie richteten, wie sie die Fatigen der vorhergehenden Unterhaltung überstanden – dazu hatten weder sie Zeit noch die Kathl, die zur »Besuchszeit« in einer Waschanstalt schwitzte –, sondern am Sonntage im Stammlokale Maxls, weit draußen in Meidling beim »Goldenen Stier«.

Der Kreis, in den sie da eintraten, war exklusiv. Kutscher, Straßenbesorger (früher Kehrer), Lenker von Handwagen, Maurer, Kanalreiniger, Schienenritzenkratzer und andere mehr. Mit der Zeit wurden sie Mitglieder der internen Tafelrunde des Extrazimmers, der als leuchtendes Gestirn die Kathl präsidierte. In tiefster Ergriffenheit, wunschlos, wie das der wahren Liebe eigen, lauschten die Freunde dem Singen, Jodeln, Paschen und Lachen der Angebeteten. Obwohl sie dumpf fühlten, daß sie in ihrem Wünschen und Streben nach einem Punkt, nämlich der Gunst der Geliebten, Nebenbuhler seien, kam ihnen in ihrem traumhaften Zustand der Liebesseligkeit dieser Zwiespalt nicht zu vollem Bewußtsein. An 129 das Nächstliegende, nämlich eine Werbung behufs einer christlichen, bürgerlichen Ehe, dachte zur Zeit noch keiner.

Desto mehr Maxl, der Bruder, und Kathl selbst. Ersterer aus mehr egoistischen Gründen. Er hatte nämlich eine Witwe in den besten Jahren – so um fünfzig herum – »aufgerissen«, mit einer wohleingerichteten Wohnung und einem nicht übel gehenden Geschäfte. Sie hatte nämlich das, was eine frühere, robustere Zeit ein Fetzen-, Baner-, Glasscherben- und Haderlump-Geschäft nannte. Heute bezeichnete es sich als – »Stoffabfalls- und Knochenverwertungsabgabestelle en gros

Zuerst jedoch wollte Maxl der Schwester den Gatten freien. Der konnte gleich in die Wohnung, bestehend aus Zimmer, Kabinett und Küche, einheiraten.

Kathl dachte an eine Heirat aus dem allernächstliegenden Grunde, ihr Magdtum gegen Frauenwürde zu vertauschen. Mancher Freier wäre unter den angenehmen Aussichten der wohleingerichteten Wohnung bereit gewesen, die Jungfrau zu küren. Bis jetzt hatte aber Maxl von solcher Möglichkeit nichts verlauten lassen, und dann waren die Freunde auf den Plan getreten, die vor den Augen Kathls Wohlgefallen gefunden hatten.

Ihre Herzensneigung wäre zwar mehr auf seiten Pepperls gewesen. Doch goutierte sie dessen Beruf nicht. Dafür war Ederl, der, mit dem Titel eines Eisenbahners geschmückt, sozusagen die ästhetische Seite der Wahl verkörperte, der von 130 der Jungfrau Bevorzugtere. Einer jedoch mußte sich entscheiden. Das romantische Anschmachten zweier solcher Lackeln hatte keinen Zweck und verscheuchte zum Schlusse andere Freier.

Daher wandte sie sich in ihrer Herzensnot an ihren bisherigen natürlichen Beschützer, ihren Bruder, mit der Bitte, diese Angelegenheit zu einem gedeihlichen Ende zu führen. Zum Schlusse meinte sie:

»Und wann dö zwa Melak vielleicht z'ruckschiab'n woll'n und manen, i war' nur da zum Anschau'n, so huast' i auf an' wia am andern, und i rat' eahna, si' nimmer in den Lokal blick'n z' lassen, sunst gib i eahna den Wurf, daß s' bei der Tür ehnder mit die Fersch'n aussischau'n wia mit'n Schäd'l. Das garantier' i eahna. Den Sunntag bleib' i amal daham. Du sagst, i war krank vur lauter Aufregung, weil mi' dö zwa ins G'red' vur der Nachbarschaft 'bracht hätten. Aner muaß aushenk'n. Wer – bleibt m'r gleich. I will do' net am End' weg'n dö zwa Letfeig'n sitz'nbleib'n. Hat aner an'bissen, sagst: du wirst schau'n, ob i scho' besser bin. Dann holst mi', und mir feiern glei' die Verlobung.«

Maxl, der schon aus besagten Gründen die Angelegenheit der Schwester zu der seinen gemacht hatte, beschloß, den Freunden die Lage in der zartestfühlenden Weise zu erklären. Sonntag abends, an dem die beiden Freunde (wenn Ederl nicht gerade der Dienst traf) als die ersten zu erscheinen pflegten, war Maxl schon im Extrazimmer anwesend. Die Unterredung duldete keine fremden Ohren.

131 »Was is mit der Kathl?« war die Frage nach der ersten Begrüßung.

»D' Kathl wird heut net kumma,« lautete die in trübem Tone erteilte Antwort. »Sie is krank.«

»Ja – was fehlt ihr denn?« wollten die aufgeregten Dioskuren wissen.

»Was soll ihr fehl'n? Aufg'regt is s' vur Schand', weg'n aner Tratscherei im ganzen Haus. Sie traut si' förmli' nimmer aus der Wohnung.«

Ederl und Pepperl schienen erstarrt vor Ingrimm.

»Wer hat das Mad'l verläumd't? Sag's!« würgte Pepperl hervor. »Sag's! Dö braucht ka' Friseurin mehr und kan' Zahnarzt. Höchstens, daß er ihr a neuch's Gebiß einsetzen kann.«

»Ah was!« fiel Ederl ein. »Da därf ja ka' Fetzerl Fleisch übri'bleib'n. Die leg' i unter d' Rangiermaschin'.« Ederl wählte gerne seine öffentliche Funktion betreffende Vergleiche und Strafsanktionen.

»Blödsinn!« sagte Maxl. »A Mäul stopft ma' zua und hundert andere macht ma' auf. Der Ruaf von an' brav'n Mad'l is bald hin.«

»Ja – was is denn dann z' tuan?« frugen verzweifelt die Freunde in ihrer Ahnungslosigkeit und liebenswürdigen Begriffsstützigkeit.

»Fragt's do' net so g'schwoll'n,« erboste sich Maxl. »Secht's denn net ein, daß ös zwa das Mad'l ins G'red' 'bracht habts? Dös muaß do' a Blinder mit 'n Steck'n greif'n, wias ös alle zwa in das Mensch vernarrt seids, und kaner macht mäh oder muh, daß 's aner von enk 132 heirat'. Glaubt's denn, a Frau'nzimmer will in a Glaskast'l g'stellt werd'n, daß ma' s' nur anschaut? Da davon allani kann s' net dick werd'n.« Hier fiel ihm die Zweideutigkeit des Begriffes ein, und er lächelte zynisch.

Nicht so die Freunde. Maxls exemplarische Worte hatten ihnen blitzartig ihre Seelennot geoffenbart. Wie Erleuchtung war es über sie gekommen: ihre Liebe zu der Einzigen und beider unbewußte Nebenbuhlerschaft. Also standen sie, die sich in ihrem ganzen Dasein ergänzt wie die zwei Flächen eines entzweigeschnittenen Apfels, wie der Stuhl unter ihnen mit ihrem Allerwertesten, und wie noch vielerlei Beispiele zu zitieren wären – kurz, sie waren Antagonisten geworden, wie die beiden Brüder in der »Braut von Messinna«, von deren literarischem Dasein sie selbstverständlich keine Ahnung hatten.

Jedoch – arbeitete auch das Gemüt, so nicht minder der Verstand. Wer konnte in diesen häßlichen Zeiten an einen Hausstand denken? An Brot mit der nötigen Lage Butter hätte es ja nicht gefehlt. Aber an dem nötigen Etui für die Perle, für das Schmuckstück. Wenn einer der Freunde auch dem andern das Kabinett bei einer zänkischen, alten, habsüchtigen Quartierfrau überlassen und sich bereit erklärt hätte, das kosige Nest dem glücklichen Paare abzutreten – Kathl war ja doch nicht eine gewöhnliche »Lebensgefährtin«, deren Bund von keinem Priester geweiht, von keiner moralischen Bürgerlichkeit anerkannt war.

Beide fühlten, daß jeder mit seinem heißesten 133 Begehren der Einzigen zustrebte. Welcher von ihnen würde den Mut haben, blutenden Herzens zu verzichten? Zum Lobe ihrer Freundschaft sei es gesagt, daß einer von dem anderen annahm, er würde diese antike Größe aufbringen.

Jedoch war für irgendwelche Spekulation keine Zeit zu verschwenden. Denn sie merkten aus Maxls sich verdüsternder Miene deutlich das erwachende Mißtrauen in den Ernst ihrer ehrbaren Absichten.

Ederl begann zuerst.

»Wann mi' die Kathl will, so – da is mein' Hand – heirat' i s'.«

Pepperl fiel ein.

»Halt a wengerl! I möcht' aa das Mad'l. Daß i 's gern hab', kannst m'r glaub'n. Kane hat m'r bis heute so g'fall'n wia die Kathl. Es is nur dran g'leg'n g'wesen, daß ma' heut ka' Wohnung finden kann.«

»Genau so wia bei mir,« ergänzte Ederl. »Es kann do' kaner von uns dran denken, das Mad'l in unser Kaminet einheiraten z' lassen. Da schmeißert uns erst der alte Straßenkehrerbesen, der niederträchtige, unser' Quartierfrau, aussa. Abg'seg'n davon – no ja. So was gangt do' net.«

Maxl bemerkte mit einigem Unbehagen den Wettstreit der beiden. Es lag ihm daran, einen zum Schwager, den anderen zum Freund zu bekommen und beide als die alten »Spezi« zu erhalten. Doch kannte er ihr hitziges Rauferblut (hatten sie doch erst jüngstens zwei Gäste aus dem Lokal hinaus»ballotiert«, aber nicht mit Kugeln, sondern mit ihren Fäusten), so daß ihm 134 unheilvolle Gedanken von einem harmlosen Totschlag oder mindestens schwerer Körperverletzung durchs Hirn flogen.

Deshalb nahm er eine Miene der Weisheit und Väterlichkeit an und begann folgendermaßen:

»Ös seids alle zwa take Kerln und Ehrenmänner durch und durch. Aber 's Mad'l kann do' nur an' von euch heirat'n. Das steht do'. Net? Jetzt aber, welchen? Das müaßts ös in aller Ruah' und Freundschaft ausmach'n. Net? Wanns ös euch ausred'ts, wia zwa Spezi, müaßt's euch do' einig'n. Net? Hab' i da Recht?«

Die Freunde überlegten abermals.

»I man',« sagte nach einer Weile Pepperl, »das müaßt' do' der Kathl ihr' Sach'n sein. Sie soll do' an' von uns zwa heirat'n. Da kinna mir lang debattier'n. Wem s' von uns will, is die Hauptsach'. Alle zwa gleich gern kann s' do' net hab'n. Drum man' i, der Maxl fragt s' erst, wer ihr besser zu G'sicht steht. I oder der Ederl. Das, glaub' i, is das allerg'scheiteste.«

Ederl mußte nach einigem Zögern die Richtigkeit dieser Anschauung bestätigen, die von geläutertem Sinn für die Würde weiblicher Freiheit und vollem Rechtsbewußtsein sprach.

Jedoch Maxl mochte die feinfühlige Kathl nicht vor einen Gewissenskonflikt stellen. Welche Pein für ein edles weibliches Gemüt, eine Wahl treffen zu sollen, die unbedingt einen der Bewerber mit Beschämung und Betrübnis erfüllen mußte. Sollte die Jungfrau einem furchtbaren Seelenkampf ausgesetzt werden, der auf ihre 135 ferneren Lebenspfade einen düsteren Schatten zu werfen geeignet war?

Wenn auch nicht in dieser wohlgerundeten Periode, so doch dem Sinne nach erklärte Maxl die Unmöglichkeit, seiner Schwester die Wahl anheimzustellen. Das begriffen auch die beiden etwas dickköpfigen Werber.

Maxl nahm dies mit Vergnügen wahr und hub aufs neue an:

»Wia i die Kathl kenn', dö sterbert vur Schand', wann s' wußt', daß da förmli' um sie g'handelt wird. Und dann,« er dämpfte seine Stimme zum Geheimnisvollen, »hat s' mir amal ganz g'schami' g'standen, sie wußt' meinerseel net, wem s' von euch liaber hätt'. Wann s' zwischen euch an' aussuachen müaßt', tatert ihr die Wahl weh. Sollt' ma' dem Mad'l das Herzlad antuan, daß s' an' von euch sag'n müaßt': den andern hab' i liaber. Ehnder sterbert s'. Na – liaber glei' gar kan'. Net? Hab' i da net recht?«

Das gab der Angelegenheit eine ganz andere Deutung. Wieder versanken die Nebenbuhler in tiefes Sinnen. Beide fühlten sich geschmeichelt, und hätte in einem oder dem anderen etwas, was man dichterische Ader nennt, getobt, so hätte er es sicher als finsteres Fatum aufgefaßt, vielleicht gar zu Papier gebracht.

Pepperl, als der etwas schwerfälligere Geist, kratzte sich nur verzweifelt hinter dem Ohr. Das war ein ganz sonderbares Dilemma. Er und sein Spezi Gegner im Kampf um ein Weib! Gegner zum erstenmal im Leben. Ganz blödsinnig.

136 Ederl, der weniger Besinnliche, stellte neuerdings die Frage:

»Was war' denn da nur z' tuan? Alle zwa kinna m'r s' net heirat'n, das is sicher.« Dann wendete er sich an Pepperl. »Tat'st m'r den Freundschaftsdienst und lasserst das Mad'l mir?«

»I kann net. Freiwilli' kann i net, Ederl. Verlang' von mir was d' willst auf der Welt, das kann i net. I hab' nia g'wußt, wia gern i die Kathl hab'. Erst jetzt merk' i 's.«

Nun sprang Maxl ein mit einer Idee, die seiner allzeit praktischen Weisheit würdig war.

»I schlag' euch was vur,« begann er unvermittelt. »Laßt's mi' ausred'n und halt's enk net epper auf über dös, was i m'r aus'denkt hab'. Du,« und er wandte sich an Ederl, »und du,« er wandte sich an Pepperl, »also ös alle zwa habt's auf die Kathl a Rutsch'n. Um'kehrt – hat die Kathl auf alle zwa von euch a Rutsch'n. Aner von enk kann s' nur hab'n, und d' Kathl kann aa nur von enk an' hab'n. Alsdann, jetzt lost's zua! Müaßt' höchstens aner von euch den andern umbringa. Dös werd'ts als alte Spezi do' net wöll'n. Net?«

Die Freunde deuteten durch ein Nicken an, daß an eine solche Lösung des Konfliktes gar nicht zu denken sei.

»So bleibt euch gar nix anders übri', als daß euch einigts. Z'rucktret'n, freiwilli', will kaner. No, so bleibt gar nix ander's über, als ös ziagts Strafhölzl'n, oder . . .«

»Oder . . .?«

»No – ös schnapsts es aus. Von mir aus von 137 zehne obi, auf vier G'spiel'. Wer die meisten Bummerln hat, schiabt z'ruck, sagt, es war nix, und bleibt destweg'n guat Freund und suacht si' a andere. 's braucht neam'd was wissen davon, a Liter rennt mit, den zahlt der, der g'winnt. Hört's, das is do' a Spurt, wia a höcher no' net da war. Aner, der g'winnt, zahlt in Wein. Net?«

Lange überlegten die so gewissermaßen zu einem Gottes- oder Schicksalsurteil Aufgeforderten den seltsamen Vorschlag. D' Kathl ausschnapsen! In früheren Zeiten wurde ein Turnier um die Dame angesetzt. Aber beide lebten in der jetzigen und dazu in Meidling.

»No – was sagst?« frug Ederl.

»In Gott'snam'. Von mir aus. Aber ans: neam'd därf jemals davon was wissen. Am wenigsten die Kathl.«

»Dö sterbert vur Schand',« sagte Maxl. Dann rief er dem Wirt vom »Goldenen Stier« zu: »He, Rötzer, Schnapskarten, a Taferl und Kreiden und an' Liter Spezi.«

Als alles gebracht worden, begannen die Verhandlungen über die Turnierregeln. Maxl als »Unparteiischer« schlug schärfste Waffen vor. Erdbergerisch, ohne Nachzählen, nach dem »Zuadrahn« gilt bei dem Gegner kein Stich. Vergeb'n schreibt drei beim anderen.

Dieser Schärfe opponierten die Spieler. Maxl war auf diesem Gebiete Matador, die beiden nicht. Also einigte man sich auf die gewöhnliche lässige Art. Das Schicksal war auch bei ihr bestimmend genug, und Menschenwitz und 138 -klugheit sollten nicht noch die Absichten der Göttin verschärfen wollen.

Zur Stärkung wurden vorerst die drei Stutzen vollgefüllt. Dann wurde bedeutungsvoll angestoßen, getrunken, und nun begann das Spiel, das eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit dem grausamen Würfelspiele zweier Brüder unter dem Galgen hatte, wo sie, die sich innig liebten, durch den hartherzigen Sieger gezwungen wurden, um den Tod des einen von ihnen die Würfel entscheiden zu lassen. Wie stets bei einem Schnapser, stellten sich Kibitze ein, die jedoch von Maxl strenge in die Schranken gewiesen wurden. »Es geht zu hoch, als daß es mit eucherer G'scheidheit irr' machen dürfts,« versicherte er. Die Blöden! Sie meinten, es ginge nur um Wein . . .


»I hab' die Bummerln,« sagte Pepperl mit verröchelnder Stimme. »Nutzt nix mehr.«

Nun ward der Chor der Kibitze laut. »Dö Bummerln hätt'st net z' kriag'n brauch'n . . .« »Warum hast denn net zua'draht zuvor mit dö zwa Zwanz'ger und den As? Dreißig hast ja schon g'habt. As und Zehner von der an' Farb' war'n a scho' heraußt . . .« »Nix da, dö Herz hätt' er net angreif'n soll'n, dö hätt' eahm der Mann 'bracht . . .« und so ging es weiter. Leider waren alle Ratschläge zu spät. Es war ja das Schicksal, das bedeutungsschwer die Hand auf Pepperls Karten gelegt hatte. Dafür feuchtete dieser jetzt die Gurgel mit einem mächtigen Schluck des auf dem Tische schon in dritter Auflage stehenden Weines an.

139 »Jetzt hol' i die Kathl,« sagte Maxl, der seiner Diplomatenrolle getreu blieb, »vielleicht hat s' das Kopfweh schon verlur'n. Heut woll'n m'r no' a biss'l fidel sein.« Er verschwand rasch, um die harrende Schwester von dem Resultat seiner Tätigkeit zu unterrichten. Das tat er in der Form, daß er, daheim angekommen, unter mächtigem Gelächter Kathl von seinem Arrangement der famosen Schnapspartie um den Besitz der Braut unterrichtete.

Kathl jedoch starb nicht vor »Schand'«, sondern warf sich mit einem »Kirrer« aufs Sofa, breitete beide Arme auseinander und leitete ein Lachen ein, das fast kein Ende nehmen wollte. Ihr Gesicht färbte sich besorgniserregend rot.

»A so a Hetz,« keuchte sie endlich, »schnaps'n si' dö zwa Dod'ln mi' aus. Da muaß m'r ja krank werd'n.«

»Aber daß d' net verratst, daß d' die G'schicht' kennst. Das hab'n dö zwa extra ausg'macht, du därfst nia net davon was wissen. I hab' aa g'sagt, du sterberst vur Schand' . . .«

»Geh', hör' auf!« wimmerte Kathl.

»Jetzt richt' di' z'samm', sag' all'n, dein Kopfweh is besser 'wur'n, 's is nur weg'n dö andern, denen i den Marker derzählt hab'. Tummel di', es is schon neune.« – – –

Kathl erschien mit dem Bruder, eine Miene stillen Leides zur Schau tragend, wie sie Migränebesitzerinnen so wohl ansteht. Sie wurde von den Gästen stürmisch begrüßt. Ein Abend ohne das Lercherl von Meidling war ins Wasser gefallen.

Um zehn Uhr brach sich Maxls Stimme in 140 dem Lärm und Wirrwarr der Gästeschar des Extrazimmers Bahn.

»Halt's alle amal mitanand' dö Gosch'n, i muaß enk was sag'n.«

Auf diese zarte Aufforderung kam allmählich die wünschenswerte Ruhe in die Gesellschaft, und Maxl bemühte sich, in möglichst gewählter Ausdrucksweise seine Ankündigung vorzubringen.

»Verehrte Anwesende, meine Herren und Damen, Freunde und Genossen! Ich mach' Eich die freidige Mittäulung, daß 's mein Freind, der Herr Ederl Herndlinger, mit meiner Schwester Kathl alt g'macht hat, indem daß s' jetztn ein Brautpaar säund. I brauche net hinzuzufigen, daß alle zwa fesche Kamp'ln seind, die was Ihnere Sympathien wohl verdient haaben, und ich schlüße mit einem dreimaligen Hoch auf das Brautpaar. Hoch! hoch! hoch!«

Unermeßlicher Jubel folgte diesen schönen, schlichten Worten. Alle Gläser wurden gegen das Brautpaar erhoben, und dann stimmten alle in den herrlichen Chor ein: »Hoch soll'n sie leben, dreimal hoch!« Ein Gast begleitete auf dem Pianino den Chor.

Kathl übertraf sich in diesem Augenblicke selbst in der scheuen Demut ihrer Magdlichkeit. Pepperl knirschte fast hörbar mit den Zähnen.

Die Stimmung wurde immer fideler. Wein und Bier flossen nur so durch die Kehlen, trotz des »ölendigen Zeitpunktes.« Kathl, die ihre Urwüchsigkeit wieder gefunden, sang und jodelte in einer Weise wie noch nie. Zu Pepperl, der sehr viel Wein trank und der trotzdem sehr 141 schweigsam war und mit dem Kathl seit langem wie auch mit ihrem jetzigen Bräutigam auf dem Neckfuß stand, sagte sie:

»Hörst d'r, G'stellter, mit dein' Hamur, dens d' heut hast, kunnt' ma' Ratzen vergiften.«

Pepperl, der sein keusches Liebesgeheimnis nicht vor der profanen Menge offenbart wissen wollte, raffte sich zusammen und meinte mit einer Lustigkeit, bei der er fast sein Herz brechen fühlte:

»Geh, Tepperte, da sollt' aner lusti' sein, wann er siecht, wia sein Freund zum Galing 'zarrt wird?«

»Blöder Hundling, wer schimpft, der kauft. Warst froh, wanst selber zu dem Galing 'zarrt wurd'st.« Dabei blitzten ihn ihre Augen an, so – so – ja hatte sich Pepperl getäuscht? Das war ja förmlich ein zündender Liebesblick gewesen.

Ederl, der nicht mehr sehr nüchtern war und den das Gelächter der Umstehenden zu der Gruppe geführt hatte, die sich um die Braut und ihren Neckgegner gebildet hatte, wollte sich fast ausschütten vor Lachen, als er von dem anmutigen Wortgeplänkel vernahm. Auch Maxl mischte sich ein, stolz auf seine Schwester:

»D' Kathl is dar a Karnalli,« meinte er zu Pepperl. »Bruada, mit dera häng' net an. Da bist scho' der Kren. Dö hat 's Mäul net nur zum Essen. Dös is dar ane.« Und er lachte sehr vergnügt, hatte auch Ursache zum Vergnügtsein. Winkten doch in lieblicher Nähe Hymen und Merkur vereint als die Götter seines weiteren Lebens.

Plötzlich tat sich eine Sensation kund. Der 142 Bräutigam, sich im Lichtglanze aller Ehren des Abends sehend, im Besitze der Erstrebenswertesten sich befindend, gedachte plötzlich des Leidvollen, der Seelenzerrissenheit des Freundes, seines einzigen und getreuesten Spezis, wie er in forcierter Lustigkeit seinen Schmerz in die tiefsten Tiefen der Brust hinabwürgte. Und das Erbarmen mit ihm ward so übermächtig, daß er plötzlich in Tränen ausbrach und Pepperl wiederholt um Verzeihung anflehte. Er hatte beim Spiel etwas gemogelt.

Das Publikum war erstaunt, die Braut chokiert.

Sie meinte zu Maxl: »Hörst, a zaunerter Mann, der kunnt' m'r passen. Wann's der am End' öfter so macht, wann er an' Wein kost't . . .« Kathl betrachtete so zirka 12 bis 15 Viertel nur als ein »Kosten«.

Maxl rettete die Situation, indem er auf die seelische Erregung des jungen Bräutigams hinwies, der in der Unklarheit über das Resultat seiner Huldigung und Werbung, in Verbindung mit etwas Alkohol, die Herrschaft über seine Nerven verloren hatte.

Was er wohl mit den Bummerln meine, die er seinem Freunde angehängt, und die, wie es schien, nicht ganz einwandfrei gewonnen seien?

»Ah, nix is,« erklärte Maxl. »Das bild't er si' jetztn ein. I hab' ja selber g'schrieb'n. Das macht nur dö Aufregung. Aber jetztn, meine Herrschaft'n, Zeit is. Der Wirt muaß scho' zuaspirn. Alle gengan m'r dann ins Kaffeehaus. 143 Durt spielt a Quartett. A Gaudi muaß heut sein . . .«

Man brach auch dorthin auf. Und beim Likör gestand Ederl seinem nunmehr baldigen Schwager vor Begleichung der Zeche, daß er »stierg'rissen« sei, nämlich außer nunmehrigem Besitz von Barmitteln, auf die eigensinnige Lokalbesitzer bestehen, unbekümmert um Fest oder Leidstimmungen ihrer Gäste.

Maxl nahm die Sache nicht tragisch.

»Brauchst di' net drum z' surg'n. Für das Heutige kumm' i auf, und dann: die Kathl hat Maßen, ob s' es jetztn herreibt oder später. Ihr Mann wirst ja do', und was ihr g'hört, g'hört dir. I wier' scho' mit ihr red'n. Na, schaff' dir nur an, was d' willst. Derentweg'n wird's kan' Wirb'l geb'n mit 'n Makör.«

Der Heimweg der Freunde löste keinerlei Betrachtungen mehr aus, weder der gestirnte Himmel, noch die Erinnerung an das heutige festliche Erlebnis regte zu irgendwelchen Betrachtungen an. Denn beide wußten nicht, wie sie nach Hause gekommen waren.

Ederl, der Montag einen dienstfreien Tag hatte, konnte in Ruhe einem seligen Erwachen entgegenschlummern, indessen Pepperl zur frühen Stunde seinem melodischen, glockentonbeschwingten Berufe nachzukommen hatte. Die Quartierfrau, die für das pünktliche Erwachen ihrer Mieter verantwortlich gemacht worden war, ließ bei Pepperl nicht locker.

Vierundzwanzig Stunden sahen sich nun die Freunde nicht, und als sie sich wiedersahen, mit 144 nunmehr vom Alkohol geklärten Schädeln, kam man nicht mehr auf die ganze Verlobungssache zurück. An vollzogenen Tatsachen gab es nichts mehr zu ändern, und »gegen den Wind kann man nicht klavierspielowat«, sagte sich Pepperl.

Der Hochzeitstermin wurde auf kurze Frist angesetzt, denn lange Verlobungen führen zu nichts Gutem. Während der seligen Verlobungszeit war Ederl der kavaliermäßigste und aufmerksamste Bräutigam. Er brachte zwar nicht Blumen, Bücher und Noten, Dinge, die für Kathl keinerlei Anziehungskraft besaßen, dagegen zu den heimlichen abendlichen Kosestunden ein Stück Salami, Käse, Sardinen oder sonst irgendwie gründlich sättigende Dinge mit.

Unter Vorsitz Maxls fand einige Zeit vor dem Hochzeitstage eine Beratung zu vieren statt. Kathl war einzige, glückliche Besitzerin einer vollkommen und schön eingerichteten Wohnung von »Zimmer, Kuchl und Kaminet«. Das Kabinett mußte, da für zwei junge Eheleute einstweilen überflüssig, vermietet werden. Und an wen besseren, als an Pepperl? Hier hatte er seine Ordnung, Freundesliebe hütete sein kleines Heim, es gab keine zänkische Zimmerfrau, die aus den kleinsten und nichtigsten Dienstleistungen fabelhafte Erträgnisse zu zaubern wußte. Der Mietpreis war eine willkommene Beigabe zu dem Einkommen des jungen Hausstandes, und alle drei lebten in Friede und Eintracht wie eine Familie, in der Pepperl die Rolle des getreuen Bruders spielte.

Das war verlockend, aber auch gefährlich 145 für den Herzensfrieden aller drei. Pepperl wollte anfangs nicht. Er schob allerlei Vorwände für seine Weigerung vor. Allerlei Andeutungen, geradeso, als ob ihm das Herz brechen müßte beim Abschied von seiner alten, zänkischen, ausbeuterischen Quartierfrau.

Kathl saß teilnahmslos, aber mit glühenden Wangen und züchtig gesenkten Blicken da. Ach! Nur zu gut konnte sie den Seelenkampf verstehen, der den unterlegenen Kämpfer um ihre Hand durchtobte. Das Schicksal, unterstützt und korrigiert durch einige Mogelei, hatte seine ewige Stimme zugunsten des anderen erschallen lassen.

Aber plötzlich traf Pepperl ein Blick aus ihren feurigen Augen, der das Gebäude seiner Standhaftigkeit glatt niederlegte und den vereinten Bitten seiner Freunde helfend beisprang. Er willigte ein. Mochte auch sein Herz darüber in Stücke springen. Den Freund verraten würde er niemals.

Die Hochzeit fand in Bälde statt. Für Ederl stand der Schwager, für Kathl Pepperl als Beistand bei der hochheiligen Zeremonie, da das Brautpaar den Schwur vor dem Priester ablegte, einander getreu zu sein, bis der Tod sie trenne. Die nachherige Feierlichkeit fand im Stammgasthause statt, wo die junge Frau in wallendem Weiß und Myrtenkranz Bewunderung und Enthusiasmus erregte. Der Bräutigam und die beiden Brautführer in tadellosem schwarzen Anzug, mit Myrtensträußeln im Knopfloch, erregten gleichfalls Sensation. Pepperl hatte sich 146 ihn für den Abend bei einem Bekannten entliehen, während Maxl mit Rücksicht auf die später folgende, ihn betreffende ernste Zeremonie sich ihn von seiner liebenden Braut hatte kaufen lassen.

Diese war an dem Hochzeitsabend gleichfalls anwesend, und das Vergnügen und die Freudenausbrüche seitens der Festgäste waren laut und lärmend, als gelegentlich eines Toastes Maxl den Anwesenden seine Braut vorstellte und den Hochzeitstag verkündete. Die Erwählte seines Herzens ersetzte durch Leiblichkeit den Liebreiz der ersten Jugend, der beispielsweise Kathl zierte.

Der künftige Beruf als Geschäftsmann fand bei den Freunden Maxls ungeteilte Billigung.

»A so a ölendiger Hundling,« meinte einer voll Anerkennung, »setzt si der in a so a schönes G'schäft eini. Dös G'schäft is dö reine Goldgruab'n, i kenn' 's ja. Hab' ihr'n selig'n Mann do' aa no' kennt.«

»Der is an der Lungen g'sturb'n,« sagte ein anderer. »I waß net,« fügte er besorgt hinzu, »ob der Maxl dös aushalt. Das G'schäft is staubi', und die Frau verlangt, scheint mir, aa hübsch was. Schaut's es nur an! Da därf aner net schwach auf der Brust sein. A guate Unterlag' muaß si' aner vergunna können, sunst is in zwa Jahr'n habedieehre mit eahm.«

Der Abend verlief sehr animiert. Kathl in ihrem Jungfrauenglück (die Betonung auf der zweiten und dritten Silbe) übertraf sich dieses Mal wirklich, nachdem die erste Suche der 147 Jungvermählten vor einigen Vierteln Gerebeltem gewichen war. Noch nie hatte sie so gesungen und gejodelt wie heute. Niemals noch war der Beifall ein so intensiver und lärmender gewesen als heute. Und nie so oft hatte Kathl lauter aufgekirrt und nachhaltiger gelacht wie an diesem unvergeßlichen Abend.

Inzwischen flogen Scherze und Andeutungen zartester Form hin und her.

»Hörst, Ederl,« rief einer der Intimen, »daß d' di' heute guat anhalt'st. Mach' uns eppa a Schand'! Wannst an' Helfer braucherst . . .« Der Spaßvogel deutete auf sich.

»Geh', du Taub'nschuaster, du hatscherter, denk liaber auf dein Elend und deine krumpen Füaß'!« rief die gutgelaunte Braut dazwischen, die nun als Vermählte etwas aus ihre Reserve heraustreten durfte. »A so a G'stell möcht' an' helfen, das selber a Prothesen brauchert.«

Schallendes Gelächter lohnte die schlaghafte und feinsinnige Abfuhr, insbesondere was die »Prothese« betraf.

Mittlerweile hatten die Freunde und Bekannten Maxls einige Beobachtungen zu machen geglaubt, die geeignet schienen, dem künftigen Ehehimmel schwere Wolken prognostizieren zu dürfen. So hatte die Witwe, da Maxl zu Ehren des heutigen Abends einige Liter auf den Tisch zu stellen für gut befunden, mit ihrem künftigen Eheherrn in einer Ecke des Gastzimmers eine scheinbar für Maxl nicht besonders günstige Aussprache gepflogen, aus der einer der Freunde so etwas wie: »nackerter Kerl« und »glaubst, 148 du kannst amal mein Gerstl verdrahn?« heraushörte. In ehrlicher Besorgnis um das künftige Lebensglück des Freundes hatte er Gelegenheit gefunden, Maxl auf einem Orte, der nur den Herren reserviert war, an einem Rockknopf zu erfassen und etwas schwankend, mit glucksender Stimme zu beschwören, sein Herz nochmals und eingehend zu prüfen, ehe die priesterlichen Bande ihn auf ewig seiner Freiheit beraubten. Er schloß:

»Den Karo därfst d'r urndli' in d' Zügeln nehma, sunst bist derschossen, mein Liaber. Tat' m'r lad um di, Maxl. Bruada,« schloß er mit einem Aufschluchzen, von dem ungewiß war, ob es der besorgten Freundschaft oder dem säuerlichen Aufstoßen des genossenen Weines zuzuschreiben war, »i an deiner Stell' henkert mi' liaber am nächsten Bam, als derer in die Krall'n zu kumma.«

Aber Maxl, der merkwürdig lustig aussah und dem das Trinken in keiner Weise die Verstandeskräfte beraubt zu haben schienen, beschwichtigte die Befürchtungen des Freundes.

»Schau, Thomerl« (der Angeredete hieß Thomas mit Taufnamen), »laß nur amal die Hochzeit vorbei sein, kannst versichert sein, daß i derer a Läufel o'hau, wenn s' mant, sie kunnt's mit mir machen wia mit dem Täddl, ihr'n ersten Mann. 's erste, was i in d' Händ' kriag', kriagt sie a'm Schäd'l, und wann s' a Krax'n dabei macht. Manst eppa, an dem Brock'n, an dem Hundsfuatta liegt mir was dran? Als ob m'r vur gar nix graußert . . . Aber das G'schaftl is 149 guat. Und nocha kummt a Pupperl. Dö Alte schick' i ins Krematorium, das jetzt'n bau'n woll'n. No – was sagst?«

Der Freund konnte nichts sagen. Nur seine leuchtenden Augen drückten Verständnis und Billigung der weisen Absichten Maxls aus. Gut, daß dessen Braut aus Schicklichkeitsrücksichten das Gespräch nicht belauschen konnte . . .

Die leidigen Folgen der Kriegszeit bedingten einen nur allzu frühen Schluß des Festes. Um jedoch nicht genötigt zu sein, durch kurzsichtige Polizeimaßnahmen in ihrem weiteren Vergnügen gestört zu sein, lud das junge Ehepaar einige der vertrautesten Freunde ein, in die Wohnung zu kommen. Daselbst werde die junge Frau Tee und schwarzen Kaffee kochen. Auch seien zwei Guglhupfs bereit zum »Zubeißen«.

Sechs der Auserwähltesten folgten der Einladung. Die Abschiedshochrufe der Gesellschaft weckten die Gasse, und ein schleunigst herbeigeeiltes Organ der Sicherheit mußte im energischesten Amtstone Ruhe und Schluß fordern. Endlich gelang es dem Wirte, sein Lokal zu säubern und hinter dem letzten, fast hinausgeworfenen Gaste die Türe zu schließen.

In der neuen Wohnung des neuen Ehepaares wurde es sehr gemütlich. Frau Kathl spielte in aller Anmut die junge Hausfrau, bereitete Tee und schwarzen oder weißen Kaffee, je nach Belieben. Auf dem Tische standen ein mächtiger, aufgeschnittener Guglhupf und eine ebenso mächtige Rumflasche.

150 Die Damenwelt hatte sich zusammengesetzt und erörterte verschiedene Themen, die eben nur Damen interessieren, wobei Maxls Braut in zärtlicher, schwesterlicher Anteilnahme der jungen Schwägerin verschiedene Typs gab, wie man »Männer fesselt«. Eigentlich verstand sie darunter ein wirkliches Knebeln und Unterdrücken jeden Selbständigkeitsgefühles.

Arme Kurzsichtige! Deine bewährte Tyrannis wird an der ehernen Mauer zerschellen, die Maxl aufzurichten sich vorgenommen. O siehe, wie er mit dem Freunde um die Wette blinzelt, wenn ihre Blicke sich auf dich konzentrieren! Schlau, verständnisinnig, ein in die tiefsten Tiefen versenktes hämisches Kichern andeutend.

Ederl und Pepperl saßen einander gegenüber, aller Schwere des sorgenden und kämpfenden Lebens entrückt, mischten sich ein Glas des feurigen Getränkes um das andere und blickten sich wortlos an, aber in ihren Blicken spiegelte sich der Ausdruck unbedingten gegenseitigen Wohlwollens, der reinsten Freundschaft. Pepperl hatte im jetzigen beduselten, wunschlosen Zustande ganz vergessen, aus welchem Anlasse eigentlich die fidele Korona beisammensaß. Kathl war da, gewiß. Aber wie schon so oftmals, wenn sie in wortloser Anbetung ihr gegenübersaßen, der scheuen Regung sich nicht bewußt, die sie im Lichtbanne der Jungfrau empfanden.

Mittlerweile hatte die Witwe auf dringliches Zureden der jungen Gattin nach etwelchen Gläsern des mit Milch versetzten duftigen 151 Getränkes der Levante (zu zwei Dritteln Gerste, nach Anleitung des Pfarrers Kneipp) auch zwei Gläser des heißen Getränkes (nach Anleitung Ederls) getrunken, und sie war darauf äußerst sentimental geworden und betrachtete ihren künftigen Gemahl mit den Blicken einer Braut, der das Unerwartete, Erschütternde im Leben des Weibes erst bevorsteht. Sie zerfloß plötzlich in Tränen und beschwor Maxl, ihr einmal ein guter, liebevoller Gatte sein zu wollen. Sie wünsche eine Atmosphäre der Liebe und Güte, wie sie diese selbst immer um sich zu verbreiten sich bemüht habe.

Maxl schwur mit vor Ergriffenheit schwerer Zunge seinem bräutlichen Lieb, daß er es hegen und schätzen wolle für und für und auf Händen tragen durchs Leben wie etwas einzig Kostbares.

Maxls Freund knirschte etwas hinter den Zähnen hervor, das wie »alt's Hundsfuatta, ölendig's« sich anhörte, aber von niemandem verstanden und beachtet wurde. Dann aber versuchte er ein pfiffiges Blinzeln zu Maxl hinüber, der einen dieser Blinzler auffing und darauf mit dem ernstesten Gesichte der Welt den Freund fragte, ob diesem sein (Maxls) Gelöbnis vielleicht ein Gegenstand der Erheiterung sei? Man starrte entrüstet auf den Frevler, der, für einen Augenblick irre geworden, diese ernste Frage wirklich ernst nahm und stammelnd versicherte, solches könne ihm auch nicht im Traume einfallen.

Aber bald darauf, als die Aufmerksamkeit der Anwesenden sich nicht mehr auf ihn 152 konzentrierte, fing er einen so schelmischen Blick Maxls auf, daß er, um ein losbrechendes Gelächter zu verbergen, einen Schluck heißen Tees mit Rum zu sich nahm, sich daran verschluckte und das angefangene Gelächter zu einem Husten sich steigerte, zu dessen Bekämpfung einige Fäuste seinen Rücken bearbeiteten.

Endlich mußte an den Aufbruch gedacht werden. Die schon lange schwälende Petroleumlampe drohte ehestens zu erlöschen, und alle Gäste versicherten mit schlauem Blinzeln, daß es doch gar nicht mehr dafür stehe, sie nachzufüllen, denn das Brautpaar werde heute hoffentlich nicht mehr in einem Gebetbuche zu lesen wünschen, und daß im Dunkeln gut »munkeln« sei.

Man hatte in der lebhaften Unterhaltung, in der man sich befand, ganz und gar nicht des jungen Gatten und seines Spezi gedacht, die, die geleerte Rumflasche zwischen sich, allmählich die Empfindung für den Klang der Stimmen verloren hatten und zuletzt, von einem leisen, einschläfernden Summen übermannt, im gegenseitigen Sich-Anstarren und Zutrinken gemächlich in Schlaf verfallen waren. Der Lärm des Aufbruches und einige Rippenstöße brachten sie allmählich der Wirklichkeit näher.

Ederl blickte erst leer um sich, dann jedoch erfaßte er die Situation und, seinerseits bemüht, Pepperl durch einige Rippenstöße ebenfalls den Geist der Situation zu vermitteln, sagte mit vor Schlafbedürfnis schwerer Stimme:

»Hörst, Pepperl! Geh'n haßt's. Spot is 'wurd'n. 153 Tummel di', daß m'r die Kathl und 'n Maxl net von Schlafengeh'n aufhalt'n. Unser alter Hausdrach' wird aa net klan murr'n, wann m'r so spot hamkumma. No wart', bis i amal heirat', dann soll das Feg'feuer was derleb'n. Das ganze Wanz'nloch demolier' i ihr.«

Der arme Ederl! Bis an den leuchtenden Altar Hymens verfolgte ihn die Spukgestalt der bissigen, zänkischen alten Quartiervermieterin und das Gedenken an das insektenbevölkerte Bett seines Logis. Diese Geistesentrücktheit Ederls erweckte bei allen schallende Heiterkeit trotz der vorgerückten Stunde, da andere Wohnparteien schlafen wollten.

Kathl schrie: »No – so a b'soffenes Mannerzeug g'hört wirkli' derschlag'n. Waß kaner von den Täddeln, wo er sein Quartier hat. Und der Meine waß net amal, daß heut sein Hochzeitstag war. Aber i' wir' ihm jetztn den Brotkorb höcher hängen. Der wird schön parier'n lerna. Mit dö Räusch' hat sa si' ausg'hakelt. Wann aner nix vertragt, soll er Gasmülli saufen.« (Was Kathl unter Nichtvertragen verstand, ist angesichts der Quantitäten, die Ederl und Pepperl vertilgten, ganz unerfindlich.) »Jetzt – was soll i denn mit dem Lack'l« (sie meinte Pepperl, der mit hängenden Armen und hängendem Kopfe dastand und zu schnarchen anfing) »machen? Er g'hört in sein Kaminetl eini. Aber i kann do' a fremd's Mannsbild net ausziag'n. Tuat's eahm vielleicht a zwa, drei in sein Nürschl einihau'n. Den Meinigen wir' scho' i ins Bett bringen.«

154 »No – guate Unterhaltung!« sagte der witzige Freund Maxls.

Übrigens geschah alles nach Anordnung Kathls. Pepperl wurde nach seinem nunmehrigen Wohnraum als künftiger Hausgenosse des Ehepaars gebracht, bis auf die Unterwäsche entkleidet und in sein Bett gelegt, wie ein vom Spiel übermüdetes Kind. Dann entfernten sich die späten Gäste, auf der Stiege ein Getrampel vollführend wie eine Herde Mastochsen. – An Stelle Hymens war der Mohnkörner streuende Morpheus getreten, was sich durch ein Schnarchen ankündigte, wie die Tätigkeit einer Sägemühle.


Die Disziplin des Berufes ist eine ganz eigene Sache. Sie richtet den ihr Ergebenen zur Pünktlichkeit einer Weckeruhr ab. Sie klopft mit dröhnendem Finger an die Türe des Genusses und der Schwelgerei. Sie reißt den Mann aus den Armen der Liebe, den »Drahrer« aus dem Kreise der Mitzecher. »Dienst geht bevur!« ist ihre Losung.

So auch bei Pepperl, in dessen Unterbewußtsein eine hallende Mistbauerglocke alarmierend schwang. Er fühlte sich zugleich am Arme gerüttelt, und eine süße, ach! nur allzu bekannte Stimme ertönte.

»Auf, auf, alter Schwammertandler! Zeit is, daß d' in dein' Dienst gehst.«

Und die verquollenen Augen öffnend, sah er vor sich in reinstem Nachtgewande Kathl, die den Freund nicht den Gefahren einer 155 Dienstverletzung aussetzen wollte. Pepperl, der sonst nur die keifende, zankende Stimme des ehemaligen Quartierdrachens gewohnt war, schloß wie in einem seligen Traume wieder die Augen. Aber das Rütteln am Arme zwang ihn, sie wieder zu öffnen, und nun erst war er sich dessen bewußt, daß es keine täuschende Vision war, sondern leibhaftiges Fleisch und Blut der Angebeteten.

»Steh auf und wasch di' und ziag di' an!« sprach die Holde weiter. »I hab' scho' an' Kaffee g'macht.« Und wirklich drang aus der Küche der würzige, gesunde Duft des ermunternden Getränkes.

Erst während seiner Toilette konnte Pepperl den Unterschied bemerken, der zwischen seinem jetzigen und dem früheren Heim bestand. Das Bett rein überzogen, Gardinen vor dem Fenster, ein geräumiger Kasten, ein Tisch und zwei Stühle, ein kleines Sopha und ein Waschtisch, versehen mit einem blendend weißen Handtuch.

In Kürze war er gewaschen und in seine Dienstgewänder gekleidet, die in bezug auf Schönheit naturgemäß keine Ansprüche erhoben, ebensowenig an Reinlichkeit.

Als er beim Frühstück saß, deutete er nach dem Zimmer des jungen Paares und fragte anzüglich: »No . . .???«

»Der liegt am Eis!« erwiderte die Kathl. »G'schnarcht hat er wia a Ratz, daß i eahm an' Rippenstößer um an' andern hab' geb'n müaßen, ohne daß 's was g'nutzt hat. Das soll aber sein letzter Deabi sein, weil's sein 156 Hochzeitsrausch war. Manst aber, i möcht' all'weil bei so an' b'soffenen Lack'l schlafen?«

»Jetzt – nüacht' war'n m'r grad kans,« verteidigte Pepperl den Freund, dessen jedesmaliges Umkehren im Bette deutlich in die Küche heraus vernehmbar war, »und an sein' Ehr'ntag is das zum entschuldigen.«

»Geh – geh!« sagte die junge Frau mit schelmischem Augenaufschlag. »Ös Mannsbilder habts immer a Ausred' für an' Rausch. I waß net,« fügte sie schamhaft hinzu, »ob du . . . an seiner Stell' . . . ich glaub' net . . .« und sie senkte den Blick.

Pepperl atmete tief auf. Was war denn das wieder? – Aber den Freund verraten, der ahnungslos im nächsten Raume schnarchte? Er seinen einzigen Spezi? Nein! Die Pflicht gebot auf zweierlei Art. Die Pflicht der Entsagung und die Pflicht des Dienstes. Nach hastigem Abschied enteilte er.


Monde waren dahingegangen. Maxl hatte mittlerweile seine Witwe geheiratet und sein eheliches Programm verwirklicht. Seine Frau war schon einige Male bei der Schwägerin gewesen und hatte in bitteren Worten geklagt, daß sie einen Unhold geheiratet, gegen den der verstorbene Selige, trotzdem er seine Fehler hatte, ein lichter Engel war.

Ederl und Pepperl hatten sich über den Schwager und Freund die Hände gerieben. Kathl schwankte zwischen brüderlicher Liebe und schwesterlicher Teilnahme. Als Weib hatte die 157 Schwägerin ihre Sympathien . . . Kurz, die Tonleiter der Verwandtschaft in allen Stufengraden fühlte sich geschüttelt und wackelnd.

Ederl, dessen erster Rausch der Liebe anfing, sich zu verflüchtigen, fühlte eine Art geistiger Verwandtschaft mit Maxl. Denn Kathl hatte auch einige unangenehme Eigenschaften entwickelt, wie die meisten Weiber, wenn sie den Ring am Finger fühlen. Die Zeit der wunschlosen Anbetung war vorüber, und das Szepter des Pantoffels machte seine Herrschaft unangenehm fühlbar. Dann empfand er dumpf, daß so etwas Ähnliches wie eine Harmonie der Seelen fehlte. Sein Weib entschwand ihm unter den Händen. Er kämpfte gegen einen Schatten. Etwas Unausgesprochenes lag zwischen den Gatten, das bereinigt werden mußte . . . Aber – wie? Dem armen Ederl ward wirr im Kopfe.

Und dann Pepperl! Er war unstet geworden. Einsilbig gegen den Freund und Bruder. Ja – in letzter Zeit hatte er ihn fast auffällig gemieden und verbrachte viele Nächte beim »Goldenen Stier«. Wie ihm der Wirt Rötzer versichert hatte, saß er im Extrazimmer auf demselben Platze, wo er an einem bewußten Abend, da beide (Ederl und Pepperl) die große Schnapserpartie auskämpften (wenn Ederl sich erinnere, war es an dem Abend, da er seine Verlobung feierte), und starre seltsam vor sich hin.

Und bei dieser Eröffnung war dem braven Ederl fast das Herz gebrochen. Er wußte, er hatte sich einen Schatz angeeignet, der nicht ihm gehörte. Er hatte (im Verein mit dem tückischen 158 Maxl) die Vorsehung betrogen, eigentlich zu betrügen geglaubt, und die Vorsehung rächte sich nun an ihm. Des Weibes überdrüssig nach erfülltem Genuß, den Freund verloren . . .

Und in einer Nacht, da er schlaflos gegen die Decke starrte und Kathl neben ihm laut vernehmlich schnarchte (Nein! Sie war nimmer begehrenswert!), rang er mit sich selbst und kam zu einem Entschlusse. Und der Friede senkte sich auf ihn hernieder, daß er lächelnd entschlief – – –

Am nächsten Tage, da er turnusmäßig frei war, begab er sich nach dem Etablissement Safran, zu einer Stunde, da, wie er wußte, sein Spezi sich mit einem oder zwei »Stanis« den tagsüber verschluckten Miststaub von der Kehle reinigte.

Pepperl saß allein am Tische vor dem noch gefüllten Gläschen und starrte gedankenleer vor sich hin. Anscheinend. Aber hinter seinem Römerschädel spielten die Gedanken ein sehr lebhaftes und loses Spiel. O diese Gedanken! – Sie sprachen von der Liebe zweier, die, unter ein Dach gebannt, von einem aus Pflicht und Freundestreue von sich gewiesen wurde, indes der andere Teil, von Pflichtgefühlen gegen den Gatten weniger gezwickt und gezwackt, alle Künste Evas und Helenens spielen ließ.

Ja – Pepperl war sich dessen bewußt geworden, daß Kathl ihn umgarnte und verlockte, auf daß er, schnöde seiner Freundespflicht vergessend, die buhlerische Hand ausstrecke wider das neunte Gebot.

159 In solche Meditationen versunken, traf ihn Ederl.

»Serwaß!« sagte er.

»Serwaß!« sagte Pepperl und reichte ihm die Hand.

Ederl bestellte zwei »Stanis« und setzte sich neben den Freund, dessen Glas jetzt leer war.

»No – wia ha'm m'r's?« leitete er die Konversation ein.

»No ja – halt wia immer!« lautete die Entgegnung.

»Jetzt seg'n m'r uns daham so selten, daß i, wenn i mit dir reden will, da her kumma muaß.«

»Was war' denn viel z' reden?« fragte Pepperl trübe.

»I man' grad, daß viel zum reden war'. Geh, trink erst aus! I laß no' zwa kumma.« Nachdem dieses alles geschehen war, entstand eine längere, drückende Pause.

»Hörst, du g'fallst m'r nimmer,« nahm endlich Ederl das Wort, »bei dir stimmt's net, und warum 's net stimmt, glaub' i z' wissen.«

»Ah! Dummheit . . .« warf Pepperl verlegen ein, indem er feuerrot wurde.

»Gar ka' Dummheit. Jetztn muaß amal alles g'sagt werd'n. Es is ja do' nur weg'n der Kathl. Red' net!« wehrte er eine Unterbrechung ab. »I waß die ganze G'schicht'. Und dö is, daß i net dös Mensch heirat'n hätt' soll'n, sondern du. Der Maxl war am End' an all'n schuld mit seiner patscherten Idee, daß m'r's ausschnaps'n. So was hat dö Welt no' net g'seg'n g'habt. 160 Und wann wer draufkummert, Bruader – da brauchertn mir uns nimmer umz'schau'n, wie m'r da g'frozz'lt wurdertn. Mit an' Wurt: der Maxl und i ha'm die ganze Schuld. Heut waß i 's sicher, dös Mensch hot auf di' die Rutschen g'habt. Aber heirat'n hat s' wöll'n, no – so hat s' halt in erst'n best'n z'samm'klaubt, und der war i.«

Pepperl winkte resigniert und müde abwehrend mit der Hand.

»Laß' mi' nur ausred'n. Manst, i waß net, daß dir d' Kathl Aug'n macht und mir Hörndl'n wia von an' Hirsch'n anhängen möcht'? Aber du bist a nobler Kerl und möchtest dein' alten Spezi net beleims'n.«

Pepperl, der geglaubt hatte, das Geheimnis ruhe tiefst auf dem Grunde seines athletischen Busens, fuhr auf:

»Muaßt dran denken, daß d' von dein' Weib red'st.«

»Von mein' Weib . . .« Ederl schüttelte melancholisch das Haupt. »Schau, du manst, weil der Pfarrer sein' Seg'n geb'n hat und g'mant: bis daß der Tod euch scheidet.« (Diese Phrase sprach er in Nachahmung der priesterlichen Worte hochdeutsch). »Sixt, i bin draufkumma, daß's eigentli' dein Weib is, weil s', wia g'sagt, von jeher auf di' g'flog'n is.«

»Das nutzt alles nix mehr!« sagte Pepperl mit einer Resignation und Trauer in der Stimme, die Ederl rührte.

»Warum soll's nix nutz'n? Schau – i wir' da'r was sag'n.« Ederl dämpfte die Stimme, 161 gleich, als ob Kathl in der Nähe stünde und jeden Hauch belauschen könne. Als gewiegter Frauenkenner und feinsinniger Erforscher der weiblichen Psyche fuhr er fort:

»Unter uns g'sagt: a jed's Weibsbild is a Karnalli. Ane mehr – die andre weniger. Das steht do'! Net? Waßt, i hab' 'glaubt, die Kathl wird a Ausnahm' mach'n. Da hab' i mi' aber 'täuscht. Z'erscht hab' i m'r 'denkt, die wird in ganz'n Tag dud'ln und lach'n, wia amal. Was manst, was s' heut tuat, wann m'r allani san? Kepp'ln tuat s', dös Luader, dös verdächtige. Geh – i hab' d'r an' Rach'n auf dös G'fraßt. Brauchst es net in Schutz nehma, dö – dö . . .« Ederl versagte die Stimme vor heißer Erregung über sein junges Eheglück. Dann fuhr er geruhiger fort: »Wart', i laß no' zwa Stanis bringa, daß m'r dann a Wart'l vernünfti' red'n kinna.«

Nachdem das belebende Element herbeigeschafft worden (nebstbei gesagt, eine keineswegs hervorragende und nervenaufpeitschende Spezialität der Likörerzeugung), hub die vernunftgemäße Fortsetzung an wie folgt:

»Waßt, Pepperl, seit aner Zeit is m'r a Liacht auf'ganga. Schuft meines Namens, wann i net die Wahrheit red'. Alsdann hab' i m'r g'sagt: wem hast ehnder 'kennt? Dein' Spezi, in Pepperl, oder die Kar . . . die Kathl? Do' ehnder di'. Dös stimmt. Net? No alsdann. I hab' m'r so 'denkt. Jetztn hast an' alt'n Freund, dein' ältesten Spezi verlur'n, weg'n was? No – weg'n an' ölendig'n Weibsbild, das net wert 162 is, daß an' weg'n ihra a Huaster auskummt. Jetztn hab' i recht, daß i mein' besten Freund verlur'n hab'?«

Pepperl wehrte mit energischer Handbewegung diese wahnwitzige Voraussetzung ab.

»Dann g'freut's mi', Pepperl,« sagte Ederl, gerührt die Hand seines Freundes in seine beiden Fäuste bergend, »dann g'freut's mi' wirkli'. Alter Freund, Bruada . . . Du hast m'r wirkli' a Freud' g'macht. Sag' amal ehrli': hat's unter Brüader je amals so was 'geb'n, wia unter uns zwa'? Kannst di' no' erinnern, wia der Lehrer voller Zurn mir amal ane schmier'n hat wöll'n, weil i 'hn 'pflanzt hab', und du – no' du hast eahm desweg'n a Watsch'n reib'n wöll'n. Damals hab'n m'r alle zwa über Mittag dunst'n müaß'n. No, und daham . . . Der Lehrer hat an jeden von uns're Leut' an' Briaf g'schrieb'n, da hab'n m'r alle zwa nocha auf'n Sitz kriagt . . .«

Pepperl taute in der Erinnerung auf.

»Mein Alter hat 'n Stiefelknecht an mein' Kreuz o'broch'n. I waß no' recht guat.«

»No sixt. – Mein Voda, der a Reamer war, der hat was g'numma, was net zum derbrech'n war. Mit an' Latseil hat er mi' drischakt, daß i acht Täg' net sitz'n und lieg'n hab' kinna.«

»War'n do' take Kerln, unsre Alt'n!« sagte Pepperl voll ehrlicher Anerkennung der Erziehungskunst ihrer beiden Erzeuger. »I man', schad' um an' jed'n Strach, der daneb'n ganga is.«

Ederl nahm nach einer Pause, die dem Angedenken der Väter gewidmet war, das Gespräch wieder auf.

163 »Und wia m'r's dann bei die Kaiserlich'n g'formt hab'n . . . Hörst d'r – höcher is do' net ganga. Z'erscht bei der Stellung beim Dreher . . .«

»Dös war a Deabl!« fiel Pepperl ein. »Am Kommissariat san' m'r aufg'wacht. Fix no'mal, da hab'n m'r uns net rühr'n kinna.«

»Weil uns dö Poli mit die Überschwung' und Sab'lscheid'n g'haut hab'n . . .«

»Weil's du an' ane g'schmiert hast . . .«

»Und du hast an' in Ringkrag'n abig'riss'n . . .«

»Dann hab'n m'r mir scheint vur an' Offizier an' Serwaß g'riss'n und g'sagt: ›Melde g'hursamst, mir hab'n an' Schwamma.‹ Und wia er uns so von ob'n ang'schaut hat, hab'n m'r eahm an' dreckig'n Flohbeut'l g'haß'n.«

Pepperl und Ederl gönnten sich nun abermals eine lächelnde Pause des Rückversenkens in schöne, unwiederbringliche Tage der Vergangenheit.

Dann nahm Ederl wieder das Wort.

»Und am Bau . . . Hörst d'r – mit dö Maurermenscher – dö san aus uns g'flog'n . . .«

Pepperl nickte. Aber seine Erinnerung schien keine so freudige, wie vorauszusetzen gewesen wäre. Es war zuviel Lebensgefährtinnenschicksal mit ihr verknüpft.

Ederls Züge wurden plötzlich ernst, als er unvermittelt fortfuhr:

»Und dann in' Kriag. Bruada, das vergiß i d'r net, wias d' dein' letzte Ration mir 'geb'n hast, und du selber bist vur Hunger umg'fall'n. Damals, wia m'r fünf Tag' nix z' fress'n g'habt hab'n, und dann . . .«

164 Es versagte ihm für eine Weile die Stimme unter der Wucht ungeheurer Eindrücke. Dann nahm er abermals die Hand seines Kumpans auf Leben und Tod in seine beiden Fäuste.

»Pepperl, alter Spezi. Bisher hab'n m'r all's 'teilt, als Buama die Schläg', als Kaiserliche in Arrest, als Krieger die letzte Ration, Guat und Bluat; und jetztn soll'n m'r net teil'n mit an' Frau'nzimmer . . .?«

Pepperl horchte hoch auf.

»Was manst denn da?« würgte seine Stimme.

»Blöder Hund! Die Kathl man' i. Glaubst, i bin so blind, daß i net siech, wia's um euch steht? I war's früaher, als i g'mant hab', i müaßt' dös Mensch hab'n, dö G'stätt'n, dö miserable. Pepperl, i war a biss'l a Schuft damals. Verzeih' m'r's. Gib m'r die Hand! – Na – gib m'r die Hand. So da. – Alsdann, du bist m'r net harb. Waßt, jetztn g'steh' i d'rs: i hab' damals 'packelt, als 's um die Kathl gangen is. Mit'n Maxl in Einverständnis. Du – wannst damals z'erst das As vorgelegt hätt'st und dann in Zwanz'ger nachg'spielt und dann dein Adout-Dam' drauf . . . Aber der Maxl war schuld dran, weil er an den Tag die G'schicht' hat woll'n in Ordnung bringen. Er hat ja nur die Kathl so unter der Hand wegbringa woll'n, daß er die alte Kleschn, das haßt, sein Haderlump-, Baner-, Fetzen- und Glasscherb'ng'schäft hat heirat'n könna. Jetzn – weil i aner von der Eisenbahn war . . .«

»Und i nur a Mistbauer,« ergänzte Pepperl voll tiefer Bitterkeit.

165 »Aber!« sagte Ederl mit tröstendem Mitleid. »Dö Weiber san amal so. Früaherer Zeit, wann eahna a anfacher Arbeiter hätt' Herz und Hand woll'n an'trag'n und wo s' nia net an' Hunger hätt'n leid'n brauch'n, ha'm s' an' notigen Diurnisten vor'zog'n, dem in ganz'n Tag d'r Mag'n 'kracht hat. Am Ersten hat er net g'wußt, wo aus und ein vor Schuld'nzahl'n, und am Dritten is scho' wieder aufg'schrieb'n wurd'n. Aber eahnere Weiber hab'n an' Fum g'habt wia a Gnädige. Und gnädi' hab'n s' es aa immer g'habt vur lauter Aufschreib'nlassen bei alle möglichen G'schäftsleut'. Dafür hab'n sa si' Beamtensfrau'n g'haß'n.«

»Dö Weiber san amal so,« meinte Pepperl mit aller Duldsamkeit für weibliche Schwäche, »sie fliag'n alle auf was Besseres. Recht hab'n s'. Unseraner is net all'weil so. Den Ruaß, den m'r amal g'habt hab'n . . .«

»Is guat,« sagte der stets wenig elegisch veranlagte, doch immer auf das Ziel losgehende Ederl. »Mirk' d'r jetzt nur ans: kan' Schenierer weg'n mir bei der Kathl! Wann s' d'r wieder solche Aug'n macht – pack zua. Tuast m'r grad nur an' G'fall'n. Ausg'red't is! Schluß is, und m'r bleib'n dö alten Spezi. Stund' dafür, weg'n so aner Karnalli von an' Weibsbild, daß m'r ausanander kommeten.«

Ederl, dessen Begriffe vom Hoheitsideal des Weibes niemals besonders dauerbeständige waren, äußerte ohne alles Brimborium nur die Quintessenz der Philosophie eines berühmten Philosophen.

166 Nun werden Moralisten über eine solche Abmachung die Nase krausen. Aber ich habe doch gleich im Anfange erwähnt: diese Geschichte sei nicht für Moralisten bestimmt.


»Hör'n S', das is do' der höchste Skandal mit dö drei Leut',« äußerte eine Gangnachbarin des Triumvirats Ederl–Pepperl–Kathl zu einer anderen Nachbarin des Hauses. »Siecht denn das blöde Muli, der Herndlinger, net ein, daß eahm Hörnd'l wachsen wia an' Mastochsen? I man', er braucht si' nur auf dö zwei Dübeln auf der Stirn' greifen, so mirkt er, wia viel als 's g'schlag'n hat. In Anfang hat's es 'tan, aber jetztn . . . Wann s' net grad alle drei mitanander ausgengan, das haßt, wann der Blinde grad kan' Dienst hat, geht der Kabinetsherr mit der Quartierfrau aus. Is das a G'hörtsi'? Net amal a Jahr is s' verheirat', der Schlampen. Jetzt, i will nix g'sagt hab'n, ma' red't nur a so.«

Das war das Echo, welches ein edelmütiger Freundschaftsvorschlag bei der stumpfen Menge erregte.

Ja, es war heiter und traulich geworden unter den drei so Engverbundenen. Kathl sang und lachte wieder. Sie »keppelte« nimmer mit dem Gatten, man ging zu dritt wieder in das Gasthaus »Zum goldenen Stier« beim Rötzer, manchmal auch zu zweit, aber dann war der zweite immer Pepperl. Eine Aureole des Glücks und der Zufriedenheit hatte sich auf das »Dreieck« herabgesenkt.


167 Eines Tages jedoch fühlte sich die liebe, lichte Frau gedrängt, dem Gatten von einer bevorstehenden Umwandlung ihres derzeitigen Verhältnisses zu zweien Mitteilung zu machen. Ein beseligendes Keimen und Werden kündete sich an. Sie lehnte sich jedoch keineswegs errötend an seine breite Brust und flüsterte verschämt. Sondern sie sagte einfach:

»Hörst, Tepperter, jetztn hab'n m'r in Scher'm auf. Bei dö Zeiten! Hab'n m'r dös notwendi' g'habt? Alle schau'n, daß s' derer G'schicht' ausweich'n, und mir derlaub'n uns so an' Spurt.«

Ederl begriff und knurrte: »Fix Laudon no'mal, dös is a fade G'schicht'.« Dann eilte er, in seinen Dienst zu kommen, der ihn für vierundzwanzig Stunden einstweilen jeder weiteren Erörterung entzog.

Am Abend, als sie mit Pepperl traulich beim Nachtmahl saß, lehnte sie sich an ihn und tat verschämt.

»Waßt a Neuigkeit?«

Pepperl verneinte.

»No – in den Fall hast mi' 'bracht. I hab's in Ederl heute scho' g'sagt. Natürli' mant er, es is seins. Jessas! Wann der wüßt . . . I sterbert vur Schand'.«

Der Liebhaber, weniger mit Menschenwitz begabt als sein Freund, fand sich so jäh durch die Mitteilung überrumpelt, daß er in seiner Überraschung das Geheimnis verriet.

»Hardexfix! Dös is a blöde G'schicht'. Jetzt wird der Ederl nöt wissen, is er der Voda oder i.«

168 »So? Dös sollt' er wiss'n?« lautete die scharfe Frage. »Warst du am End' so g'scheert oder so a Schuft und hast eahm was g'sagt?«

»Ach, woher! Dös hat er ja von Anfang an g'wußt.«

»Er hat's g'wußt – er – hat's – g'wußt?« Kathl stieß ihren Galan unsanft von sich und stand auf. »Jetztn red!« kreischte sie. »I möcht' amal wissen, wia i mit euch zwa steh'.«

Pepperl, der sich schaudernd seiner Übereilung bewußt ward, beichtete nun stockend. Sprach von seiner tiefen Leidenschaft, von Ederls Barmherzigkeit und Großmut.

Kathl stieß ihren berühmten »Kirrer« aus, dem aber nicht das herzerfreuende Gelächter folgte, sondern ein Hohnlachen der Verzweiflung und des Zornes eines betrogenen, vernichteten Weibes.

Nun schrillte sie:

»Alsdann – er hat's g'wußt. Es habt's euch vielleicht aa mei' Ehr' ausg'schnapst, wia amal mei' Jungfernschaft? Und i tepperte Gans hab' 'glaubt . . .«

Was Kathl geglaubt hatte, unterdrückte sie in einem gellenden Weinen. Jedenfalls, daß ein harmloser Ehebruch ohne Wissen des Mannes bedeutend ehrenhafter gewesen wäre, als das wohlwollende Einverständnis dieses.

»Dö Schand' überleb' i net,« heulte sie nach einer Weile. »A ausg'schnapstes Weib verdient net mehr Achtung. Ös zwa Schuft'n, ös! Wo habt's euch das abg'macht? Jedenfalls beim Branntweiner oder im Wirtshaus. Schamts 169 enk! An' Weib so die Ehr' abschneid'n! Aber,« kreischte sie schrill die Frage heraus, »wem g'hört jetztn der Bankert, wann i 'hn net früher derwürg'? Wem denn?«

Pepperl blieb verlegen die Antwort schuldig. Wie sollte er das entscheiden?


Volle acht Tage waren die Rosenfluren Amors und Hymens unter einer Flut von Tränen und Vorwürfen ertränkt. Dann lachte die Sonne der Aussöhnung dem Kleeblatt, dem sich bald ein viertes Blättchen anschließen sollte. Pepperl erklärte sich bereit, im Vereine mit dem Freunde für das vierte – Herzblättchen sorgen zu wollen, und alle drei einstweiligen Ursprungsblätter beschlossen, den dreieckigen Zustand, der die gepriesene Pariser Komödienschreiberei mit Stoff versorgt, weiterleben zu lassen.

Es gibt Dinge, die, von einem säuerlichen Moralisten beschrieben, Abscheu erregen, von einem sittenlosen Franzosen geschildert, Heiterkeit auslösen, von einem einfachen, aller Ästhetik und Moral baren, aber frohmütigen Schilderer, Befriedigung gewähren. Würden viele so denken, gäbe es weniger Krieg auf Erden. »Denn leben und leben lassen« ist meine Losung. Der Wiener singt: »I kenn' kan' Neid, i kenn' kan' Neid, ja meiner Seel' . . .«

 


 

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