Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Adolph >

Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Ihre erste Rede

Zum erstenmal seit schier unvordenklichen Zeiten wieder Wählerversammlung! Der Raum war dicht gefüllt. Und was vor Zeiten nie denkbar und möglich erschienen wäre – eine Wählerinnenversammlung. Sie waren in Scharen erschienen. Teils im Bewußtsein ihrer neuen staatsbürgerlichen Würde, teils aus Neugier auf die Dinge, die da zu hören sein würden, teils infolge Überredung anderer, die, schon Organisationstalent bekundend, die Zaghaften, Unschlüssigen und Teilnahmslosen zur Versammlung gedrängt hatten.

In Wirklichkeit hatte sich nur der Ort verändert. Denn die Versammlung hatte sich schon die Jahre hindurch eingebürgert: vor den Laden der Greisler, Fleischhauer, Kohlenhändler, Tabaktrafiken und vor den Markthallen.

Zeit und Muße hatten sie alle genug, einander ihre Not, die Zeiten des Jammers, Hungers und Verfalls zu beklagen. In Politik hatte es an männlichen Beratern nicht gefehlt. Besonders die Krüppel und andere Invaliden, dann die Heimkehrer vor den Tabaktrafiken waren sehr eindringliche Prediger für den 113 Umsturz der alten Ordnung schon zu Zeiten, wo es eigentlich noch gefährlich war, laut und eindeutig zu reden.

Einstweilen drehte sich das Gespräch noch um Einkaufsquellen, Marktpreise, Wucher, Schleichhändler und die Schlappheit der Regierung.

Ein Klingelzeichen gebot Stille, die alsbald eintrat. Das Präsidium war erschienen. Eine Präsidentin eröffnete die Versammlung mit der Bekanntgabe der Tagesordnung und einigen einleitenden Worten der Begrüßung der zahlreich erschienenen Wählerinnen und Wähler und erteilte dann das Wort einer Referentin. Und dann traten die Redner und Rednerinnen der verschiedenen Parteien in Aktion. Alle sprachen den Frauen eigentlich so recht aus dem Herzen. Die Frau war der wirkliche Held des Tages, hinter den der so kläglich zusammengebrochene Militarismus demütig zurücktrat. Die Frauen, die Mütter, die Gattinnen.

Eine Stimme schrillte:

»Draußt san m'r die Weiber. Da herin die Mütter und Gattinnen. Ob uns amal a Wachmann so ang'red't hätt'?! Ja – Zettelweiber san m'r g'schimpft wur'n, wann m'r mit der Schwangernkarten in a G'schäft ha'm einiwöll'n.«

Gelächter ertönte: Rufe: »Ja, wahr is'!« – »Recht hat s'!« – »Ruhe!« – »Sßßßt!«

»Schlampen ha'm s' uns verheirat'te Weiber g'haßen, und unsere Kinder war'n Bankerten hin und her!« fuhr die Stimme fort. »Reservistenweiber! Das war das Ärgste, was s' uns hab'n schimpfen können.«

114 »Aber ja . . .« ließ sich die Stimme eines männlichen Versammlungsteilnehmers hören, »'is schon recht. Dös wissen m'r eh. Is gar mancher ka' Unrecht g'scheg'n. War'n schon a paar saubere Wuzerln darunter. Aber jetzt san S' amal stad!«

»So? Epper weg'n Ihna? Weil Sie's anschaffen? Das is a Frauenversammlung. Da ha'm mir 's Wurt. Verstanden? Gengan S' ham und reden S', das haßt, wann S' Ihner trau'n.«

Abermaliges Gelächter. Die Stimmung drohte sehr lustig zu werden. Die Vorsitzende läutete.

»Bitte, keine Störung der Versammlung durch Zwischenreden und Dialoge. Wer etwas zu sagen hat, möge sich als Redner für das Podium melden. Es ist vollkommene Redefreiheit.«

»Als Rednerin, wann i bitten därf! I man', mir san heut die Hauptsach',« sagte die unerbittliche schrille Stimme.

»Also gut! Die verehrte Zwischenruferin möge sich zur Vorbringung ihrer Ausführungen heraufbemühen. Aber nur keine störenden Zwischengespräche.«

»Fallt m'r net ein, daß i auf die Pablatschen kräul. I bin zu kaner Rednerin gebur'n und hab' ka' Mandat dazua. I red' nur, wia's m'r grad einfallt. Aber wann ane was zum red'n hätt', war's dö da.«

Die Zwischenruferin wies auf eine Frau in ihrer Nachbarschaft, die mit ersichtlich reger Spannung allen Rednern gelauscht hatte. Es war eine verhärmte, offenbar vor der Zeit gealterte Frau, die Schultern in ein Umhängtuch 115 gehüllt, das graue, nett frisierte Haar ohne Hut.

»Net schenier'n! . . . Heut hat jed's a Recht zum Reden. Kummen S' nur durch! . . . Nur Kuraschi!« ertönte es allseits.

Die so zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Gewordene, offenbar erschreckt durch das so plötzlich über sie hereingebrochene Interesse, schien eine Weile zu schwanken und den eigenen Mut zu überprüfen. Dann aber, wie einer Stimme ihres Innern folgend, schritt sie zögernd durch die sich öffnende Reihe nach dem Podium.

Als sei sie sich ihres Unterfangens erst so recht bewußt geworden, blickte sie verschüchtert auf die erwartungsvolle Menge, die sich von dem erhöhten Standpunkt aus noch viel mächtiger ausnahm.

Ruherufe forderten zur allgemeinen Aufmerksamkeit auf. Bis jetzt hatten Redner und Rednerinnen gesprochen, denen das Wort fließend von den Lippen strömte, erfahrene Beherrscher der Rede, in vielen Versammlungen geschult. Auch die Urwüchsigkeit war routiniert.

Aber diese Frau mit dem Umhängtuch, die offenbar nicht einmal im Nachbarinnenkreise eine Rednerrolle gespielt – was würde die wohl vorzubringen haben? Einige Augenblicke herrschte lautlose Stille, um der mit der Befangenheit der Anfängerin Ringenden Zeit zur Sammlung zu geben. Endlich begann sie leise und zögernd.

»Sie verzeih'n alle, wann i mir erlaub', aa a paar Worte zum reden. Es fallt mir jetzt schwer, und Sie entschuldigen schon – aber wia oft hab' i mir allani das alles vorg'sagt, was 116 i mal gern in alle Welt hätt' schrei'n woll'n! I brauch' ka' Wort weiter über das verlier'n, was mir Frau'n durchg'macht hab'n. Sie wissen das am meisten.«

Stürmische Zurufe: »Wahr is! Wahr is!«

»Und heute is uns Frauen so viel g'sagt word'n, daß wir die wahren Heldinnen der Kriegszeit g'wesen wär'n. I glaub', das is zu viel g'sagt, denn unsere armen Männer und Buam täten dabei einbüaßen, sie, die si' nimmer wehr'n können um das, was eahna gebührt. I will von mir nur kurz red'n, denn i hab' net allan all's ausg'faßt. Aber mein Mann mit fünfzig, meine zwa Buam – aner mit neunzehn, aner mit anundzwanzig – schlafen waß Gott wo. Weit, weit weg von z' Haus. Meiner jüngeren Schwester ihr Mann is aa nimmer ham'kumma. Und gestern hat sie 's dritte Kind begrab'n. Erschöpfung, sag'n die Dokter – mir wissen's besser: verhungert, sagt ma'.«

Stürmische Zurufe des Mitleids, der Empörung.

»I will das net aufg'rührt hab'n, daß S' mi' bedauern soll'n,« fuhr die Rednerin nach einer Weile fort, »i bin, wia g'sagt, net die anzige, der so was passiert ist, und mei' Schwester aa net. Mir hab'n net mehr Recht zum Klag'n wia viele andere. Aber ans muaß i sag'n: es wär' vieles net notwendig g'wesen, wenn a Fünkerl Barmherzigkeit, a Fünkerl von Christentum g'wesen wär' bei viele Leut', die's all'weil ausg'schrien hab'n, als wenn s' es 'pacht' hätten. Heute hab' i guat zuag'horcht. Da hab'n a paar 117 Damen über unsere Frauenbewegung g'red't. Daß mir alle Schwestern san, daß mir Mütter, die jungen natürlich, die Zukunft des neuen Staates san, weil s' die Gebärerinnen des künftigen Geschlechts san. I will den Damen, die so zu uns g'red't ha'm, net nahetreten, als ob s' es net ehrli' g'mant hätten. I aber sag',« und nun sprach sie mit erhobener Stimme und blitzenden Augen, »Damen und Weiber san wia Wasser und Feuer. Zum letzten Christkindl hat ma's g'seg'n, was in die Auslag'n no' alles zum hab'n war für Leut', die 's Geld dazua ha'm. Die Damen hab'n für ihre Kinder 's Christkindl fast wie alle Jahr' ruafen können. Ausg'suacht für die war's no' auf der Welt. Während für unsere Würmerln . . .« Ein Schluchzen brach ihr die Rede. »Im finstern, kalten Zimmer san s' g'sessen, und die klansten, die no nix g'wußt hab'n von der verfluchten, unbarmherzigen Welt, hab'n g'wart't und g'hofft, daß aa zu eahna das Christkindl kummt, wenigstens mit an' Labl Brot.

»Und so lang für die Welt net Weihnachten kumman, wo wirkli' alle Schwestern san in der Liab' für die Kinder, wo net alle Schwestern san, die a Kind unterm Herzen 'trag'n hab'n – so lang soll zwischen Damen und Weibern ka' Gemeinschaft sein. So lang wird uns alles politische Recht net helfen, außer daß mir Stimmviecher werd'n für eahna Kultur, für eahna Christentum. Verflucht die Körper, die unsere Männer und Kinder gebor'n hab'n für die Massenmörderei und für den Massenhungertod! Und hunderttausendmal verflucht die, die daran schuld san 118 in aller Welt! Hunderttausendmal verflucht, die aa das in alle Ewigkeit verfluchte Geld, den Judaslohn, unsere armen Waserln am G'wissen hab'n! Verflucht sei amal eahna Bruat! Die Sünden der Väter soll'n si' an ihr räch'n. Lumpen und Seid'n passen net z'samm'. Zwischen eahna steht der Fluch, den unser Herrgott im Himmel hör'n soll, wenn's wirklich an' gibt, der gerecht is. Hunderttausendmal verflucht in Ewigkeit alle Ausbeuter, denen das Geld liaber is als das Bluat von eahnere Mitmenschen! Mir Elendsschwestern allan g'hör'n z'samm', die mir allan alles leiden hab'n müassen. Das is, was i sag'n hab' woll'n, was i amal in alle Welt hätt' schrei'n woll'n . . .« 119

 


 

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.