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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 14
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verwehen

O Schlamm, den eine vieljährige Kriegszeit aufgewirbelt! Von ihm war er an den Strand geraten, der gerade noch Halt bot, um einigermaßen Tritt zu bekommen.

Verlustig und auch unlustig seiner früheren bürgerlichen Beschäftigung, unfähig auch dazu durch körperliche Beschädigung, verwüstet an Sinn und Leib, betrat er, der ans Land Gespülte, den einzig ihm richtig dünkenden Weg. So viele andere wanderten ihn ja auch.

Anfänglich, da er schon notdürftig ausgeheilt war, hatte er sich an der erträgnisreichen Verwüstung des Wienerwaldes beteiligt. Und nur einmal hatte sein Herz gezuckt, seine Hand gebebt und sein Auge sich gefeuchtet: bei der Lichtung einer Stelle, die einst Zeuge war, als diese nun rauhe, Bäume mordende Hand sich der eines jungen, schönen, einfachen Mädchens bemächtigt, ihm eine schicksalsschwere Frage gestellt hatte, die mit einem leisen, vielsagenden Druck beantwortet worden war. O versunkener Zauber eines einstigen herrlichen Wienerwaldes! Und die Axt, die den Baum gefällt, hatte auch tief in das Innerste seines Menschentums gehauen.

106 Herzlieb von einst, was ist aus dir geworden? – – –

Heute war alles aus seinem Herzen getilgt, was noch liebe Erinnerung hätte genannt werden können. Heute war er der erfolgreiche Einbrecherkönig geworden, dessen erster Strafe keine zweite nachgefolgt war, da die Behörden ihn niemals mehr ertappen konnten, dessen Hand aber sich überall verriet und ihm Ruhm und Ansehen bei der »Gilde« eintrug.

Heute war er »Kavalier«, wenn ihm die tadellose »Schalung« und der Besitz einer stets gefüllten Brieftasche den Anspruch auf diesen abgetanen Titel verleihen konnten. Und es kam einmal so, daß er und sein Jugendlieb sich fanden nach Jahren, da keines mehr nach dem anderen geforscht.

Verbrecher und Dirne. – Fast hätten sie sich nach dem ersten Wiedersehen nicht erkannt.

Er war an der Seite einer Begleiterin, der der Stolz aus den Augen leuchtete, die Geliebte dieses stolzen, eleganten Mannes zu sein, dessen »Berühmtheit« ein Teil ihres Werkes als Verbrechergenossin war, in eine Bar getreten. Herzlieb von einst hatte statt der früheren schlichten, kastanienbraunen, eine goldrote, aufgedonnerte Frisur. Der einmal schlanke, jungfräulich zarte Körper hatte Fülle und Stärke gewonnen, die einmal verschämten und schüchternen Blicke richteten sich mit zudringlichem Forschen auf die Gäste.

Und da hatten sie sich wieder erkannt. Ihre Augen ruhten mit Wohlgefallen aufeinander.

107 War dieser elegante Mann mit den nachlässigen Manieren der einstige schüchterne Bewerber um ihre Hand gelegentlich eines Gesellschaftsausfluges nach Hütteldorf? Wo er von seinem kargen, ehrlichen Verdienst als Schlosser gesprochen und sich dennoch erbötig machte, ihr mittels dieses Verdienstes den Himmel auf Erden zu schaffen?

Dem Mann selbst ging es bei seiner Prüfung nicht anders. Sein Geschmack hatte sich mit seinem ganzen Ich gewandelt.

»Laß uns a biss'l allan,« sagte er zu seiner Begleiterin, die vor Eifersucht ganz fahl wurde. »A alte Bekannte von mir und mit der i gern a biss'l von frühere Zeiten reden möcht'. Kannst dir derweil anschaffen, was du willst,« setzte er gnädig hinzu, »dann kumm i eh wieder zu dir.« Einen Widerspruch gab es nicht, das wußte das Mädchen.

Als die beiden Junggeliebten einander gegenübersaßen, bei Getränken, die er bestellt hatte, entstand eine lange Pause. Jedes stellte unbewußt eine Forschung auf dem Gesichte des anderen an.

»No . . . wia geht's, was machst denn immer?« begann der Mann.

»Sixt es ja, Vikerl. Was? Wer hätt' das amal 'denkt?«

»Damals hätt' ma' gar viel's net 'denkt, Mali. Mir san grad in a narrische Zeit kumma. Hm!«

»I . . . i . . . hab' damals von dir g'lesen. Waßt eh.« Es betraf den ersten Prozeß wegen Einbruchs.

108 »Ja . . . Ja,« sagte er mit der blasierten Entgegennahme des Zolles einer verdienten Bewunderung, wie etwa ein Künstler, dessen Gaumennerven der Eitelkeit schon abgestumpft sind, »das war ja nur a klaner Anfang. Mir hab'n scho' was hinter uns. G'scheit sei' muaß ma' und a Kuraschi hab'n. Aber sag' m'r nur, seit wann hast du dir neuche Haar' ang'schafft? Wia i mi' erinnern kann, war'n s' amal braun.«

»Geh! Wohin war' i denn damit hin'kumma? Die Männer von heut fliag'n auf so was nimmer. Aber gelt, amal san s' m'r guat g'standen. Gott! I erinner' mi' no' heut, wias d' g'sagt hast: Na, Fräul'n, was Sie für a prachtvolles Haar hab'n! Erinnerst du di' no'?«

»Jetzt, ob i das grad so g'sagt hab', waß i nimmer. Aber daß i amal ganz verruckt war, net nur in die Haar' allan, das steht. Ja . . . wo san die Zeiten?« und er blickte sinnend dem Rauch seiner Zigarette nach.

»Und . . . und . . .« zögerte sie, »is die dort'n jetzt die Deine?« Mit einer kaum merklichen Bewegung des Hauptes wies sie nach der Stelle, wo die andere saß, Bitterkeit im Herzen über die brutale Zurücksetzung gegen eine, die, wie sie meinte, Nebenbuhlerin war.

»Ah, die manst,« meinte er gleichgültig. »I geh' halt mit ihr, so lang 's mi' freut. Übrigens is s' ja net nur mei' Geliebte. Du wirst do' net glaub'n,« setzte er nach kurzem Auflachen hinzu, »daß i vielleicht a Braut hab'. So was war amal, a anzig'smal, das waßt du guat g'nua. Dö is vernarrt in mi', aber schließlich is das 109 ihr' Sach'n, net meine. A Kopfweh hat s' mir no' net g'macht.«

»Schau, Vikerl,« sagte Mali nach kurzem Nachsinnen, und ihr Auge bekam fast den verlorenen Glanz ihrer Jugendtage, »es hätt' für uns zwa amal anders kommen können, wann . . .«

»Du manst, wann net der Kriag dazwischen 'kumma wär'. Freilich! Für mi' und für di'. Hörst, i hab' g'staunt, wia i di' g'segn hab'. Das hätt' mir amal wer sag'n soll'n. So was G'schamiges und Liab's wia du war no' net da. Wia bist denn du zu dem G'schäft 'kumma?«

»Ja, wia? Es war eigentli' so anfach. Sixt, drei Jahr' hab' i auf di' g'wart't. Immer bin i zu deine Leut' g'rennt, ob sie aa no' ka' Nachricht von dir hab'n. Nix is 'kumma, weder für sie oder für mi'. Dann is amal aner vom Feld da g'wesen, der hat di' fall'n 'seg'n.«

»Deine Leut' und mei' Muatta san so nachanand 'ganga. Waßt, es war damals a großes Alteleutsterb'n. Und so is mir damals scho' allesans g'west. I hab' mir 'denkt, wann i di' do' nimmer derwarten kann, is mir ganz gleich. Für wem sollt' i mei' Unschuld aufheb'n, wann net für di'? Für di' hat halt aner amal a Glück g'habt, der mi' a biss'l an'zecht hat. Sauber war i ja, und dann hab i mir 'denkt: ah was, machst halt a G'schäft draus, wia alle heut. Die Ausländer hab'n guat 'zahlt. Dann erst, wia i von dir g'lesen hab', hab' i g'wußt, daß du net tot bist und z'ruck'kumma bist. Damals hab' i Tag und Nacht g'want, weil's z' spät war. Hätt'st do' g'wart't! hab i mir immer sag'n 110 müassen. Und oft hab' i an das Platzerl im Hütteldorferwald denken müass'n. Du waßt do' no'.«

»Is mir aa eing'fall'n, wia i just den Bam umg'haut hab', damals, als i no' Holzschlager war. Hat mir's an' Bremsler geb'n, grad als wär mir die Hack'n in'n Fuaß 'gangen. Warst jung und dumm, hab' i mir 'denkt.«

»War die G'schicht' gar so dumm, Viki?« Eine gewisse Angst durchzitterte die Stimme Malis. »Sag', war's denn wirklich dumm?«

»I waß net, was i da sag'n soll. Aber schön war's damals. So was Schönes kummt gar nia net mehr.«

Er stützte den Kopf in beide Hände und starrte lange vor sich auf die Marmorplatte.

»Gelt ja, und all's hätt' können so schön bleib'n, wann halt . . . Aber da nutzt ka' Nachdenken mehr. Was hin is, is hin. Aber Viki,« sie dämpfte unwillkürlich die Stimme und neigte sich, wie zärtlich, gegen ihn, »därf i dir mei' Adress' geb'n? Kunnt'st mi' amal besuchen . . .«

Er erhob jäh den Kopf. Eine ganz kurze, selige Vision war urplötzlich verschwunden, weggelöscht durch diese wenigen Worte.

»Na. Hätt' kan' Zweck,« sagte er rauh. »War' mir beinah' liaber g'west, mir hätten uns gar net mehr g'seg'n. Jetzt schau i überi zu der Meinigen. Wann i a grad net verliabt in sie bin, so will i s' do' net martern, weil s' soviel eifersüchti' is. Und du schau di' um an' Herrn um. 's G'schäft geht bevur. Scheangelt eh all'weil schon aner übri.« Er stand auf und reichte ihr die 111 Hand. »Das biss'l, was m'r uns zum sag'n g'habt hab'n, hab'n m'r uns g'sagt. Mehr braucht's net. Alsdann Serwas! Laß dir's guatgehn und denk manchmal an mi'. Dann halt' die Dam' ein, daß s' mi' net verschütten.«

»Pfiat di' Gott, Viki. Der dort muß mir heut an' Schampus zahl'n, weil . . . weil . . . daß i . . .« Jäh hervorbrechende Tränen lähmten ihre Stimme. Und ihre zitternde Hand drückte die seinige zum letzten Abschied. 112

 


 

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