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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Opfer

Nun, Himmel, sei mein Zeuge, der über mir blaut; Amsel, die du auf dem armseligen Zweig eines armseligen Baumes in dem dürftigen »Park« dein uraltes Lied flötest; ihr Spatzen, die ihr euch um eine weggeworfene Brotkrume rauft – kurz, alle seid Zeugen meines Erschreckens, als sich eine kleine Kinderhand auf mein Knie legte und ich, aus der Spannung einer Lektüre aufgestört, in ein Antlitz blickte, das ein solches sein sollte.

Welche Entsetzlichkeit der Natur, ein Kinderantlitz so zu zeichnen. Aus einem rohen Klumpen von Narben, feucht und widrig, sahen zwei klare, unschuldige Augen zu mir empor, und das Stimmchen eines winzigen Geschöpfes heischte von mir offenbar Beistand in irgendeiner dringlichen Sache.

»Ball'n – da – da – hol'n – Ball'n fall'n – da – da«

Ein kleiner Finger, dünn und zart wie der Rest eines Bleistiftes, deutete nach dem dürftigen Rasen, der durch eine einen Viertelmeter hohe Eisenbarriere von dem sogenannten Spielplatz abgeschlossen war. Dieser bestand aus Kies, Sand, in Wirklichkeit viel Staub, der, mit dem von 96 der Straße vermischt, die Lungen der hier spielenden Kinder kräftigen half.

Ich starrte, die Situation nicht gleich begreifend, das kleine Bündel Scheusäligkeit an.

Aber dieses beharrte unentwegt auf seiner mir unverständlichen Forderung.

»Ball'n – hol'n – fall'n – da – da.«

Endlich verstand ich doch. Da hatte die ungeschickte, kleine Hand einen Ball über die fast unüberwindliche Barriere geworfen. Und mich hatte die unselige Eigentümerin des Balles zu dessen Errettung ausersehen.

Aufstehend und der Weisung des Zeigefingers folgend, erspähte mein Blick etwas, das einem weggeworfenen oder vom Winde vertragenen Lumpen glich. Es war schwer, unter den Papierfetzen, die den »Rasen« zierten, den geforderten »Ball« zu entdecken. Ich holte diesen unter dem jubelnden Beifall der Kleinen herbei und überreichte ihn seiner Eignerin.

Das, was die Phantasie eines Kindes in Dingen seltsamster Form eine Puppe, ein Pferd, einen Ball usw. entdecken läßt, war in diesem Falle nichts anderes als ein notdürftig mit einem Lumpen umnähtes Häuschen zusammengeballten Papieres. Vielleicht nur aus diesem Grunde der Name »Ball«.

Die Kleine warf das seinem eigenen Aussehen entsprechende monströse Spielzeug jauchzend in die Luft. Etwa in dieselbe Höhe, als sich ein aus dem Neste gefallener Sperling erheben mag.

Ich starrte das sonderbare, häßliche, nein – abscheuliche Geschöpf an, wie man eine Kröte 97 betrachtet, die einem unversehens über den Weg hüpft und die zu berühren schon in der Vorstellung unangenehme Schauer erzeugt.

Ich hatte die einladenden Reize dieses Park benannten Erdenflecks, nur meiner Müdigkeit nach langem Spaziergang nachgebend, auf mich wirken lassen. Mich meiner unterbrochenen Lektüre aufs neue widmend, hatte ich den kleinen Ritterdienst von vorher vergessen.

Auf einmal schrak ich wieder auf. Denn wieder hatte sich ein Händchen von der Größe eines Hühnereis auf mein Knie gelegt und ein Stimmchen flehte:

»Anni müd – Anni sitzen – Anni heidi.«

Alle Barmherzigkeit der Welt und des Himmels! Das kleine Scheusälchen strebte an mir herauf, mit der Zumutung, sich auf mein Knie, in meine Arme nehmen zu lassen und an meiner Brust zu schlummern.

In diesem Augenblick stürzte ein etwa vierzehnjähriges Mädchen herbei. Dürr, aufgeschossen, weißblond, die Coiffüre als etwas Belangloses betrachtend, Waschgelegenheiten verschmähend, wie eben der Typus einer jungen, parkbesuchenden, der Schule noch nicht ganz entronnenen Dame.

»Du Bankert, du elendiger,« fuhr sie meinen unwillkommenen Schützling an, »tua den Herrn net belästigen. Du ang'steckt's Luader, du grausliches! Wia kannst du so keck sei' und verlangen, daß di' der Herr vielleicht am Schoß nimmt? Wart' nur, bis dein' Muatta hamkummt.«

Mein Blick, der bisher auf die unerwartete neue Erscheinung geheftet war, wandte sich 98 unwillkürlich der an meine Knie festgeklebten, kleinen, abscheulichen Kreatur zu.

Aber – alle anfangs angeführten Zeugen mögen es bestätigen: als ich das anfänglich mir so schreckliche Antlitz besah, erblickte ich zwei Augen, die voll kindlichem, unschuldigem und mitleiderregendem Entsetzen die grausame Störerin anstarrten.

»Anni baff, Anni net bim.«

Aus der selbstherrlichen, kindlichen Sprachschöpfung in korrektes Deutsch übersetzt, lautete es, daß Anni brav und nicht schlimm sei.

Und dabei drängte Anni noch fester an mich, als ihren erkorenen, instinktiv erfühlten Schutzherrn und Schirmer gegen eine böse Macht.

»Wissen S', Herr,« erläuterte diese böse, schreckliche Macht sehr geläufig, mit ihren grellen, unbarmherzigen Augen das winzige Nichts anstarrend, das sich mit beiden Ärmchen meinem Bein vermählt hatte, »daß die ang'steckt is von ihr'n Vodan. Geb'n S' acht, daß s' Ihner net aa ansteckt. Mein' Muatta sagt, daß a Weib, was in der Hoffnung is und den schiachen Bankerten anschaut, si' verschaut und aa so a Mißgeburt kriagt. Ihr' Muatta selber will s' net anschau'n, weil 's ihr graust. Pfui Teufel no'mal, so a G'sicht! Und all'weil will dös Luader, man soll 's am Schoß nehmen. Als wann an' vor gar nix mehr grausert!«

Dieses kleine Ereignis hatte Kreise gezogen. Eine ganze Kinderschar hatte sich bewogen gefühlt, mich, meinen Schützling und seine Anklägerin zu umkreisen.

99 Teils entsetzte, teils neugierige, teils mitleidlose Gesichter.

Aber in keinem der göttliche Unschuldsblick der kleinen, abscheulich anzusehenden Anni mit ihrem, wie von einem Fleischschlegel zermarterten Antlitz.

Und alle Umstehenden und auch Erwachsenen hatten sich mit Mienen gleich denen der Unmündigen dazugesellt; sie mit Blick und Handbewegung von mir wegscheuchend, hob ich die kleine schutzlose, häßliche Kreatur an mein Herz, und mit einem tiefen Ausatmen der Erleichterung, sich fest an mich nestelnd, entschlief die Kleine.

Teils um sie nicht zu wecken, teils um durch ihr Antlitz nicht zwischen meinem ästethischen Empfinden und meiner Barmherzigkeit einen Zwiespalt aufkommen zu lassen, auch – o Schwäche! – um mich den Blicken der in weitem Bogen um mich versammelten Zuschauerschaft der Kinder zu entziehen, griff ich nach meiner unterbrochenen Lektüre.

Aus dieser heraus störte mich ein weißblondes Verhängnis mit seiner schrillen Stimme.

»Jetzt kummt bald die Muatta von dem grauslichen Bankerten. Sie is in aner Fabrik und kummt das schiache Luder abhol'n.«

»Was sind denn die Eltern der Kleinen?« fragte ich.

»Der Voda is scho' g'storb'n. Alle sag'n, daß er so ang'steckt g'wesen is, daß er hat sterb'n müassen.«

»Was verstehst du davon . . .«

»Ui je! Wann unserans nix davon wußt' . . .«

100 Ein trillerndes Lachen ergänzte den wissenden Blick des Kindes, das nicht mehr ein solches war.

»Mir werd'n uns aber net durch so a Mistkreatur aa anstecken lassen. Da schau'n S', da kummt ihr' Muatta.«

Ein an Jahren vielleicht junges, aber an Aussehen fast greisenhaftes Weib kam herbei, und sein Staunen kam dem der früheren Zuschauerschaft in nichts nach.

»Anni!«

Der schreckliche Klang der mütterlichen Stimme erweckte die Kleine.

Und wieder diese vor Furcht weit geöffneten klaren, schönen Kinderaugen.

»Herr tut – Herr baff – mit Herr mittehn . . .«

Zwei unbarmherzige Arme wollten die Kleine von meinem Schoße reißen.

Aber Anni wehrte sich, und indessen Tränen über die abscheulichen Wangen strömten, klammerte sie sich nur fester an mich.

»Lassen Sie die Kleine noch ein wenig,« sagte ich der Mutter, die nachgebend sich neben mich auf die von anderen Parkgästen verfemte Bank setzte. Offenbar fühlte sie sich bedrückt und beschämt, da alle Kinder sich wieder in einiger Entfernung im Halbkreise aufgestellt hatten und gleich den meist weiblichen älteren Besuchern dieses gottvollen Erdenfleckes zu uns herüberstarrten.

»Das Kind scheint Sie zu fürchten,« bemerkte ich nach einer Weile, »und das ist nicht gut. Wer sollte sich dieses armen, unglücklichen 101 Geschöpfes annehmen, wenn nicht die Mutter. Glauben Sie nicht, daß in ihm ebenso große Sehnsucht nach Liebe herrscht wie bei jedem anderen Kinde?«

Die Frau brach mit ihrem Grolle hervor.

»Wann S' glaub'n, daß i die Mißgeburt gern hab'n kann, täuschen S' Ihner. Das kann i dem Schuften net verzeih'n, was er mir an'tan hat. Hätten S' mi' no' vor fünf Jahren g'seg'n! G'sund, sauber . . . Und heut' – schau'n S' mi' guat an! Wia ane mit sechzig. Das hat die Krankheit und die Kränkung g'macht. Guat, daß er g'storb'n is. Denn jeden Tag möcht' i ihm den Fratzen zeig'n, als sein Werk, sein gottverfluchtes. Ka' ruhige Stund' sollt' er hab'n . . . O Gott! o Gott! o Gott! Warum bin i so g'straft? Warum bin i so g'straft?«

Eine Weile konnte ich auf diese Ausbrüche der Verzweiflung dieses bedauernswerten Weibes nichts erwidern. Sie waren ja berechtigt. Unschuldig war sie mit der furchtbaren Seuche behaftet worden. War der Mann wirklich so schuldig gewesen oder die mangelnde Aufklärung? Vor allem jedoch dieser viehisch törichte, unselige Krieg!

Doch, war dem wie es wolle. Das unschuldigste Opfer war dieses grauenhaft entstellte Würmchen auf meinem Schoße, das die große, unversöhnliche Frage an das Schicksal hätte stellen dürfen:

»Warum mir das? Habe ich jemals gesündigt? Oder ist mein einfaches, selbstverständliches Dasein allein schon Sünde? Statt in meinem 102 namenlosen Unglück durch den Engel der Liebe getröstet zu sein, weicht man vor mir zurück wie vor dem giftigsten Reptil.

»Warum mir das?«

»Schöne, gesunde Kinder zu lieben,« nahm ich endlich das Wort, »dazu gehört nicht große Kunst und keinerlei Überwindung. Aber ein solches armes, kleines Geschöpf, wenn nicht zu lieben, so doch liebevoll zu behandeln, ist vor allem Sache der Mutter. Ihr Schutz sollte ihm Ersatz sein in seinem kleinen Leben für alles unverdiente Leid, das ihm aus Unverstand und Böswilligkeit zugefügt wird. Ich brauche nicht viel Prophetengabe, um Ihnen die bestimmte Versicherung zu geben, daß sich die Natur bald selbst dieses unglücklichen Erzeugnisses entledigen wird. Um es deutlicher zu sagen: die Ärmste wird bald das sein, was man einen kleinen Engel nennt. Und dann werden vielleicht Stunden kommen, da Sie reuevoll sich anklagen, lieblos an ihrem Fleisch und Blut gehandelt zu haben. Und solche Stunden unfruchtbarer Reue, liebe Frau, möchte ich Ihnen nicht gönnen. Jede körperliche Krankheit ist erträglicher. Seien Sie, wenn Sie keine liebevolle Mutter sein können, wenigstens eine pflichttreue.«

Ich reichte ihr das abermals entschlafene Kind, und da ich mich besann, im Besitze einiger Rippen Schokolade zu sein, die für die gesunden, glücklichen Kinder eines Freundes bestimmt waren, übergab ich sie der Mutter, um die Kleine beim Erwachen über den Verlust ihres Beschützers zu trösten.

103 Die Frau schien nachdenklich geworden zu sein, und in der Behutsamkeit, mit der sie die kleine Bürde entgegennahm, wollte sich jedenfalls ein Hervorwagen besserer Gefühle offenbaren.

Die Kleine in ihrem süßen Kinderschlaf nestelte sich nun an die Brust der Mutter. Ein Schauspiel, das für seine Seltsamkeit durch den Umstand zeugte, daß die schon dem Einschlummern zuneigende Aufmerksamkeit der beneidenswert unbeschäftigten Zuschauerschaft einen neuen Anstoß erhielt.

Besonders die Schokoladenspende schien den nachhaltigsten Eindruck auszuüben, den meine kleine, zungenfertige, flachsblonde Freundin ganz ungeschminkt äußerte.

»A schiacher, ang'steckter, frecher Bankert muaß ma' sein, dann hat ma' Glück. Die kriagt an' Schokolad' dafür, daß s' si' keck an den Herrn an'drängt hat. Haßt aa a Vergnüg'n, so an' Wechselbalg am Schoß hab'n.«

Ich bemerkte im Antlitz der Mutter die aufsteigende Röte der Entrüstung.

»Lassen Sie das kleine Lästermaul,« sagte ich. »Kinder sind aus Unwissenheit grausam. Aber lassen Sie sich das als neue Belehrung dienen, daß Sie als Mutter die zehnfache Pflicht haben, für Ihr unglückliches Kind einzutreten.

»Leben Sie wohl, und wenn mich mein Weg wieder einmal vorbeiführen sollte, werde ich mich um die arme Kleine erkundigen.«

»Leb'n S' aa wohl, Herr. Es war schön von Ihna. Bis heut hat no' niemand das Kind am 104 Schoß g'halt'n. I werd' halt schau'n, daß i Ihnern Rat folgen kann. Sie hab'n ja so recht. Aber i bin so unglücklich, und da is das Guatsein und die Liab' soviel schwer. A Geltsgott für Ihner Freundlichkeit.« –

Nach ungefähr einem Jahr hatte ich wieder Gelegenheit, den »Park« zu passieren. Lauter fremde Gesichter. Und weder meine kleine Freundin, noch ihre Widersacherin waren zu erblicken. Nur der alte Parkwächter hielt belanglose Aufsicht. Ihn befragte ich wegen der Kleinen.

»O, die is scho' bald a halb's Jahr g'storb'n. A Lungenentzündung. Is eh besser, denn ka' Mensch hat s' leiden können, so schiach war s'.«

»Und die Mutter?«

»Ja – die is aa bald drauf im Spital g'storb'n. I bitt Ihner, war ja aa ang'steckt durch und durch. Da waß ma' wirkli' net, wer mehr Opfer war– sie oder das Kind . . .« 105

 


 

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