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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 12
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Großmutter

Großmutter war gestorben. Nicht so eine, wie sie das Märchen schildert, noch eine, die selbst Märchen erzählt, wie erbauliche Bücher zu berichten wissen.

Schon einige Tage war sie vom Schauplatz ihrer Tätigkeit des Anstellens vor allen Läden, die etwas Eßbares feilbieten, verschwunden. Oft gedrängt und gestoßen, oft hart angefahren und gescholten als eine lästige, weil hilflose Mitbewerberin um die armseligen Bedürfnisse des Tages.

Und da erinnerte sich plötzlich eine Frau: »Je – was is denn mit dera Alten, die sunst allerweil da ang'stellt war? Am Ende is s' gar krank? War ja wirklich a alt's Leut.«

Jetzt erinnerten sich auch alle anderen. So geht es gewöhnlich. Man starrt stumpf und unbewußt nach einer Lücke, ohne sich sagen zu können, was sie einst ausgefüllt.

Sie kannten sich alle, die der Tag zusammentrieb auf der Hetzjagd nach den einfachsten Anforderungen des Magens. Überall traf man sich, kannte man sich, ohne einer des anderen Namen zu kennen, und wußte von den einfachen Verhältnissen der anderen.

86 Sorge um das Zusammenraffen der täglichen Nahrung, Entbehrungen, Hunger, Wucherzinsen an die Lebensmittelhyänen; Väter und Söhne im Felde oder doch beim Heer; hungernde und verwahrloste Jugend, und vor allem: Mangel – nichts als Mangel.

Eine vorübergehende Frau, die zu kurzem Gespräch mit einer anderen stehengeblieben war, vernahm, um was es sich handelte.

»Jessas – dö alte Geßlerin? Der Herr gib ihr dö ewige Ruah', dera tuat ka' Ban mehr weh. Vorgestern hat s' dö Leich' g'habt.«

»Mein Gott – is 's wahr? Aber vur a paar Täg' hab'n m'r s' no' da stehn g'seg'n. So schnell is dös 'gangan? Was hat ihr denn g'fehlt?«

»Da frag'n S' no'? Den ganzen Tag dö Plag', dö Hetzerei und dabei dö Nahrung von heutzutag' . . . G'rackert hat si' dös alte Weib mehr als a Junge. Und nix hat sa si' vergunnt, nur daß die Kinder g'nua g'habt hab'n. Unser Herrgott hat s' endli' derlöst.«

Eine Weile noch teilnehmende Bemerkungen, dann lösten für alle wichtigere Gegenstände das kurze Erinnern und Gedenken an eine ab, die mit ihrer Person eine Zeitlang die Reihen der Unzähligen verstärken half, die ein gleiches Schicksal und Erdenlos miteinander verband. – Ich aber will die Geschichte der alten Großmutter erzählen, die ihren wohlverdienten Ruheschlaf schläft, eingebettet wieder unter eine Reihe von Gefährten, die den Reisestaub der öden Landstraße des Lebens von sich geschüttelt.

Es ist keine Geschichte, die auch nur den 87 Schein eines Lächelns auf das Antlitz des Hörers zaubern könnte. Auch keine Spannung der Erwartung. Sie ist so abwechslungslos wie das Leben all der Millionen Menschenameisen, deren eintöniger Pfad den ausgefahrenen Geleisen einer Fahrstraße gleicht. Aber sie ist so goldig und in ihrer Schlichtheit wiederum so herrlich, daß sie nur den Engeln im Himmel Freude machen kann, die die Großmutter mit größerer Ehrerbietung und Zärtlichkeit empfangen haben werden als irgendeinen Großen der Erde, der sein Himmelreich schon in den Gärten dieser Welt gefunden hatte.

Seit Großmutter vor vielen Jahren geheiratet hatte und die Flitterwochen ein paar dürftige Flittertage darstellten, hatte sie die grauen Weggenossen Sorge und Not nie von ihrer Seite weichen sehen. Mit dem Fatalismus der Frauen ihres Standes, die nie das »Wunderbare« erwarten, sondern mit dem Tatsächlichen, mit dem harten Irdischen rechnen, hatte sie alle Pflichten der Gattin und Mutter in ihrer vollsten Schwere und Eintönigkeit auf sich genommen. Und Ehemänner aus den Kreisen, die Frauen aus ihrem Kreise wählen, sind keine zärtlichen Verbündeten fürs Leben. Der dürre Boden des Wegrandes an der harten Landstraße läßt keine prächtigen und seltenen Blumen erblühen. Was auf ihm gedeiht, ist robust und muß der Sonne, den Winden und dem grauen Staub standhalten können.

Ihre Fruchtbarkeit glich der Verschwendung der Natur, die wahllos zeugt, um eine kleine 88 Auslese lebenskräftiger Stämmlinge zu erhalten. Von vielen Kindern schienen nur drei bestimmt zu sein, den harten Schritt auf dem noch härteren Pfade des Lebens zu gehen, indes die anderen nach flüchtigem Gleiten in das unbekannte All entschwebten, aus dem sie herbeigezwungen waren.

Und von diesen dreien trennte sich in dem Alter, das mit dem gaukelnden Schmetterling verglichen wird, ihr Liebling, die zärtlichst Betraute, die Bewundertste, sogar von dem rauhen, sonst unzärtlichen Vater Geliebteste. Mit fünfzehn Jahren starb die sanfte schöne Luzie, schwand dahin wie eine wunderbare Erscheinung und hinterließ dem Herzen der Mutter eine Wunde, die nie mehr verheilte, dafür aber andere, später zugefügte Wunden mit mehr Fassung und Leichtigkeit ertragen ließ.

Es gibt so seltene Wesen oft in den Wohnungen der größten Armut, des abscheulichsten Elends, die, wie die Künder der Göttlichkeit, durch ein nur kurzes Weilen beglücken und tief betrüben.

Noch waren zwei geblieben. Ein Sohn und eine andere Tochter. Auch diese entschwand bald dem Mutterauge. Aber nicht verflüchtigt zu reineren Höhen, wie wir bei der Schönheit und Unschuld so gerne annehmen, sondern in den Abgrund, den die Gesellschaft den Verlorenen des Lebens anweist. Diese zweite Tochter fand, daß es eigentlich nur des Mutes der Lustigkeit bedürfe, um ein durch Bestimmung zur Entsagung verurteiltes Leben zu einem glänzenden zu gestalten.

89 Wäre ihre Lebensklugheit auf gleicher Stufe mit ihrer Schönheit gestanden, hätte sich dieser Glanz zu einer dauernden Verwirklichung bestimmen lassen.

So jedoch ward ihr der sanfte Pfühl einiger Beglückter und Auserwählter des Standes zum Pfuhl, der so viele Tausende ihrer Mitschwestern und Genossinnen verschlingt. In einem Spital fand das letzte Wiedersehen zwischen Mutter und Kind statt. In einer jener Abteilungen, die der Krankheit auch die Verklärung des Mitleidens nimmt. Ein entsetzlich entstelltes Antlitz zeigte sich dem Mutterauge. Das Grauen ging von diesem siechen, lebend verwesenden Körper aus. Und damals, zum ersten Male, dankte die Mutter der schönen Stunde, da ihr anderes Kind, gleich einem lichten Engel, aus ihren Armen in die Ewigkeit geschieden war.

Der Sohn der Witwe (das war sie schon seit Jahren geworden) gründete nach abgedienter Militärzeit nun auch seinen Hausstand. In solchem Falle muß bei den Ziehern der Lebensniete die kindliche Dankesschuld und Anhänglichkeit, wenn diese gerade vorhanden, zugunsten der neuen Nestbewohnerin zurückweichen. Wohin mit einer Mutter in den beschränkten Räumen von einem kleinen Zimmer und einer winzigen Küche, die zur Volkswohlfahrt von uneigennützigen Bauherren zu lächerlich geringen Preisen für die Gründer einer neuen Familie beigestellt werden?

Also trennten sich Mutter und Sohn ohne Sentiments und unangebrachte Rührung ganz 90 einfach, wie sich das Blatt vom Stamme, der Nesthäkling vom Neste und der Lehrling vom Meister trennt. Erstere schon durch Erfahrungen im Leben anderer Mütter gewitzigt, die sich lieber den Unbilden der Fremde aussetzen als dem Beisammensein mit einer Schwiegertochter, mietete sich innerhalb eines vergitterten Geviertes von etwa sechs Quadratmetern ein und ging ins »Bedienen und Ausreib'n«.

Aus diese Art ward allen drei Beteiligten gedient. An Sonntagen und manchen Abenden besuchte sie Sohn und Schwiegertochter, half mit Belehrungen und kleinen Handreichungen, ja gegen Wochenende selbst mit einem geringen Betrag ihres hart erarbeiteten Besitzes aus. Dann kamen der Reihe nach Enkelkinder. Jetzt erst ward Großmutter ein unentbehrlicher Gast im Hause. Welche trefflichen Ratschläge wußte sie zu erteilen in all den Fährnissen, die mit der Aufzucht der jungen Brut verbunden sind. Und merkwürdig, wie sie bei ihrem erbärmlichen Verdienst nicht nur jeder Unterstützung seitens des Sohnes entraten, sondern stets noch für kleine Überflüssigkeiten zum Wohle der Kinder sorgen konnte.

Mit der Schwiegertochter stand sie bei allem Fehlen irgendwelcher weiblichen Zärtlichkeitsbezeugungen in gutem Einvernehmen, da sie sich hütete, jemals eine Parteinahme zu zeigen, sondern nur ihre schwachen Kräfte in den Dienst der Familienallgemeinheit stellte. Sie glich einem alten Möbel, das unbeachtet seinen Nützlichkeitszweck erfüllt und das erst bei seinem Fehlen 91 so recht gewürdigt wird. Die Sorge für Ausbessern der Kleider und Strümpfe ging ganz auf sie über. Immer gab es zu flicken und zu stopfen, zu waschen und zu bügeln, alles mit der Geräuschlosigkeit und Selbstverständlichkeit eines guten Hausgeistes.

So gingen die Jahre dahin, und Großmutter, des Arbeitens und des Lebens Notdurft müde geworden, bezog die letzte Ruhestätte, die der Staat seinen abgetakelten, unbrauchbaren Menschenwracks gibt – die Versorgung. Jetzt war sie in »Lanz« und hatte so viel, unendlich viel freie Zeit, mit der sie eigentlich nichts anzufangen gewußt hätte, wären nicht die zerrissenen Strümpfe und Kleider ihrer Langeweile zu Hilfe gekommen. –

Da kam etwas ganz Unfaßbares, Gewaltiges, Furchtbares. Binnen wenigen Wochen verschwanden alle Männer bis zu einem gewissen Alter aus ihren Arbeitsorten, vertauschten den rußgeschwärzten oder kalkbespritzten oder tintenbeklecksten Arbeitskittel gegen eine eintönige Uniform, sangen begeisterte Lieder, nahmen raschen Abschied von ihren Familien und zogen in den Krieg. Das alles hört sich so einfach an, wie die Schilderung in einem Lesebuch oder eine naive Erzählung aus den Zeiten der Kreuzzüge oder des Dreißigjährigen Krieges.

Für alle, die es nichts anging, waren es Tage und Wochen einer erhöhten Festesstimmung. Die davon Betroffenen machten gute Miene zum bösen Spiel oder aber jammervolle Gesichter. Es ist gar keine Kleinigkeit, so ohne weiteres 92 Gatten, Väter, Söhne, Brüder oder Herzliebste in die Unbestimmtheit und die Fährnisse eines Krieges ziehen zu sehen.

Auch den Sohn hatte es getroffen. Vierundzwanzig Stunden Frist waren ihm gegönnt, seine einfachen Verhältnisse zu ordnen, von Weib und Kindern und von der zitternden alten Mutter Abschied zu nehmen, dann ging es fort. Wohin? In das Dunkel eines Verhängnisses. Das einzelne Gehirn ward für lange vom Denken ausgeschaltet.

Jedes erhoffte in kurzer Zeit ein Wiedersehen, wem nicht gerade bestimmt war, das schwarze Los zu ziehen. Aber die Wochen dehnten sich zu Monaten, die Monate zu Jahren, und kein rettendes Ufer zu erspähen in dem Meer von Blut, Haß, Verelendung und Verwahrlosung, das das treibende Wrack der Menschheit umtoste.

Großmutter war seit langem schon aus der Versorgung in das Heim der Schwiegertochter gezogen. Diese hatte gleich Tausenden anderer Frauen sich an eine Munitionsfabrik verdingt und nun die Sorge um den Haushalt der alten Frau allein überlassen.

Und diese hütete das Nest. Wer den Kampf dieser Zeiten um das tägliche Brot in des Wortes eigenster Bedeutung mitgemacht, kann ermessen, welche Riesenlast dieser alten, abgemagerten, der Ruhe bedürftigen Frau aufgebürdet war.

Mit der zähen Geduld der Greisin stand sie halbe Nächte und halbe Tage auf ihrem Posten vor den Geschäftsläden. Das älteste Mädchen half mit ebenso schwachen Kräften vor und nach der Schulzeit mit; und beide brachten 93 es fertig, daß der Abendtisch gedeckt war, soweit einige Ansprüche erhoben werden konnten und der Tag für die Kinder kein allzu großes Hungern brachte.

Einmal war der Sohn für kurze Zeit auf Urlaub heimgekommen und war beruhigteren Herzens wieder seinem blutigen Handwerk nachgegangen. Beim Abschied, als er der alten Mutter die Hand drückte, sagte er nur einigemal: »Tausend Vergeltsgott, Muatta! Dös wir' i Ihna nia vergess'n!« Und da es ihn einigermaßen in der Kehle zu würgen anfing, war er, ohne ein weiteres Wort zu reden, fortgegangen, vielleicht auf ein Niewiedersehen.

Und das Leben ging weiter seinen eintönig-hastigen, aufregenden Gang. Zehn Jahre des Friedenslebens verschlang ein einziges Jahr dieser grauenvollsten Menschenabschlachtung.

Daneben gedieh die groteske Bestie Abart Mensch mit dem Herzen voll Unflat und dem Gehirn einer scheusäligen Abnormität: die alles Ungeziefer und alle Raubbestien des Tierreiches weit an Gefährlichkeit und Ekelhaftigkeit überragende Gilde der Nutznießer dieses Krieges.

Großmutter aber stand wacker auf ihrem Posten. In Sturm und Regen, in Sonne und Wind, in Schnee und Kälte, mühselig Kohlen nach Hause schleppend, um ein Stück Fleisch angestellt, vor den Trafiken harrend, um dem Sohn Zigaretten fürs Feld zu »hamstern«, oder um Licht und Seife für den Haushalt zu beschaffen und all die anderen Notwendigkeiten mehr des Lebens, deren man in Zeiten des Friedens nie geachtet.

94 Wovon Großmutter lebte? Ich denke, sie selbst wußte es nicht einmal. Von dem, was von dem Kargen noch übrig blieb. Die Schwiegertochter mußte essen, da sie hart arbeitete. Sie verdiente wohl viel, gegen die alten Verhältnisse gemessen, aber alles verschwand wie in einem Kessel mit einem Loch. Und die Kinder – ach, die armen! Sie hätten eigentlich Tag und Nacht nichts lieber getan als gegessen. Es gibt ausrangierte Maschinen, die, wenn sie zum Notgebrauch eingestellt werden, noch ganz überraschende Leistungen vollbringen. Aber keine so sehr wie die Maschine Mensch. Doch auch sie ist in ihrer Dauer nur begrenzt. Das mußte jedenfalls Großmutter erfahren, die ganz plötzlich versagte, wie ein überangestrengter Droschkengaul, der in den Sielen stirbt.

Mit fieberndem Gesicht und röchelndem Atem lag sie da, noch in ihren letzten Zügen verfolgt von einem unabweisbaren Gedanken.

Morgen wären die Kinder ohne Essen, wenn sie sich nicht aufraffe. Und die Kohlenkarte würde verfallen, wenn sie nicht am bestimmten Tag eingelöst würde. Der hartherzige Kohlenhändler bliebe einen Tag später unerbittlich und folgte die bestimmte Ration nimmer aus. Und . . . ach! So viele »Und« durchschwirrten den armen, fieberheißen Kopf. Aber allen machte der Engel der Erlösung ein Ende. Wenn Glaube und Religion Sinn und Berechtigung haben, dann, wie gesagt, müssen Engel Großmutter mit den größten Ehren und der jubelndsten Freude aufgenommen haben. 95

 


 

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