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Von früher und heute

Karl Adolph: Von früher und heute - Kapitel 10
Quellenangabe
typesketch
booktitleVon früher und heute
authorKarl Adolph
year1924
firstpub1924
publisherAnzengruber-Verlag
addressLeipzig / Wien
titleVon früher und heute
pages169
created20130610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Scheidewand

Wunderbarlich sind oft die Wege des Amtsganges. In der Evidenzhaltung, kurzweg die »Evidenz« genannt, stand nebst den Amtstischen, an eine Wand gelehnt, etwas, das man im gewöhnlichen Leben als eine Art von Schusterstellage angesprochen hätte. Eine mehr genial als genau 70 arbeitende Tischlerhand hatte vor Zeiten eine schiefe Ebene draufgesetzt, die wiederum als Pult angesprochen wurde.

Besagte Stellage enthielt nur ein Längsfach. Auf diesem und unter ihm standen Bücher. Gewaltige, gewichtige, sich mit den Jahren immer mehr blähende Bücher von der Höhe eines Wickelkindes und der Rückenbreite einer Möbelpackerfaust.

Der Oberoffiziant Holz, der immer vom Herbst bis zum Frühjahr mit aufgestelltem Rockkragen saß und sich die Finger vor Kälte rieb, der beim Aufgehen einer der drei Türen, die zur Evidenz führten, unwillig murrte, kurz, Herr Holz betrachtete das voluminöse, auf ästhetische Wirkung keinerlei Anspruch erhebende Amtsmöbelstück mit grollenden Blicken.

Der Grund war der, daß das zu solchem Mißmut herausfordernde Möbel (in der offiziellen Amtssprache »Evidenzhaltungs- und Liquidaturergänzungskasten« genannt) den Herren aus den verschiedensten Zimmern dienstliche Nötigung gab, sich der dickbauchigen Ungetüme zu bedienen.

Bei dieser Gelegenheit ward gewöhnlich das Schließen irgendeiner der drei Türen vergessen, was auch den Herrn Oberrevidenten Bukovic, der nahe dem Fenster saß, zu unwilligen Protestrufen veranlaßte.

Aber für die ansonsten erwünschte Amtsstille des Zimmers war es so unvorteilhaft als möglich, die Flüche und Verwünschungen zu hören, mit denen die amtierenden Herren die »verdächtige, miserable« Stellage bedachten.

71 Denn sämtliche der dickbauchigen, ratsherrnmäßigen Folianten hatten die Neigung, bei Entnahme eines ihrer Kollegen ganz einfach wie in maßloser Trunkenheit umzufallen, um sich an den jeweiligen Nächsten zu lehnen. Und bei der Gelegenheit wurde stets ein oder auch mehrere Finger schmerzhaft geklemmt.

Alle in solcher Weise lädierten Herren behaupteten dann, daß ein solcher Zustand ganz einfach unhaltbar und unerhört sei.

Es wurde ganz offen verlangt, daß in die Mitte ein vertikales »Brettl« eingefügt werde, und zwar auf Kosten der Staatskasse. Man trat mit dem Ansinnen, ein solches Brettl kurzerhand unter eigener Verantwortlichkeit anbringen zu lassen, an den Diener Weinmann heran.

Als er erfuhr, worum es sich handle, wurde er um einen Schatten ernster, als es sonst schon der Fall war.

»Wissen S',« sagte er mit leicht bebender Stimme, »i dien' jetzt schon dreißig Jahre. Aber –« hier festigte sich die Stimme, »während der ganzen Zeit hab' i kan' Anstand g'habt, net so viel, als schwarz unter'n Nagel geht. Jetzt, das können die Herren net verlangen, daß i so mir nix, dir nix hergeh und ohne höhere Erlaubnis, ganz auf meine eigene Verantwortung, das Brettl da einimach'n laß. Daß i vielleicht auf meine alten Täg' no in d' Disziplin kummert. Schreiben S' ganz anfach an' Bedarfschein mit 'n Herrn Vorstand seiner Unterschrift und leiten S' ihn in 'n Dienstweg. Das is mein Rat, wann die Herr'n erlaub'n.«

72 Dann setzte er sich wieder an seinen Platz und fixierte einen wohl nur ihm sichtbaren, sonst ganz imaginären Punkt in der Ecke des Zimmers, gerade über dem Kopfe des Oberrevidenten Bukovic.

Da man bei näherer Beratung fand, daß der Rat des erprobten Dieners der Befolgung würdig war, so wurde diese beschlossen.

Als der Beamte den Schein an der zuständigen Stelle zur Unterschrift vorlegte und einen diesbezüglichen aufklärenden Vortrag hielt, schüttelte der Herr Chef, nachdem er seinen Zwicker abgenommen, milde das Haupt und bemerkte in seiner korrekten, liebenswürdigen Weise, daß er geneigt sei, an der vollen Wahrscheinlichkeit des Gefahrenreichtums des bewußten Amtskastens gelinde Zweifel zu hegen.

»Übertreibung, lieber Bukovic, ganz gewiß Übertreibung. Vielleicht a Angstneurose? Übrigens will i Ihner persönlich davon überzeugen, daß 's nur auf die Geschicklichkeit beim Anfassen ankommt.«

Gefolgt vom Oberrevidenten, dann dem zweiten Vorstand, den das brennendste Interesse an der Erledigung der wichtigen Angelegenheit ins Zimmer geführt, und einigen Beamten, die sich am Wege angeschlossen, nachdem ihnen eine rasche Belehrung Sinn und Zweck der vorständlichen Schaukommission vermittelt hatte, begab sich der Herr Chef nach der Evidenzhaltung.

Von den Nebenzimmern waren mittlerweile auch einige Beamte erschienen, die alle die 73 Rätlichkeit der Anbringung eines Brettls besprachen und zu verschiedenen Schlußfolgerungen gelangten.

»Na, schau'n S', meine Herren,« sagte lächelnd der Herr Vorstand, indem er einen der Dickleibigen mit beiden Händen anfaßte und hervorzog, »ein Griff, ein Bett . . . au!«

Nun war die Angelegenheit in ein Stadium getreten, das man spruchreif nennt. Der Bedarfschein erhielt die amtlich vorgeschriebene Genehmigung und wurde mit stiller Freude in die Wege geleitet.

Acht Tage vergingen, die lächelnd ertragen wurden, dann kamen weitere vierzehn Tage. Und dann meldete sich ein Beamter dienstuntauglich, die Untauglichkeit bestätigt durch ein ärztliches Parere, das eine hochgradige Schwellung des Mittelfingers der linken Hand feststellte.

Weitere Duldung wäre sträflich gewesen. Jedes Zögern konnte die Dienstuntauglichkeit mehrerer anderer Beamten nach sich ziehen. Der Herr Vorstand war ernstlich empört. Eine Seltenheit bei ihm.

Aber der Dienstweg gestattete vorderhand nur eine Urgenz an die für solche Dinge bestimmte Verwaltung, die man dem für »scharfe« Erledigungen bestimmten dicken Referenten Stuhleck zuwies.

Der knurrte erst, da er behauptete, ein solcher »Quargel« falle gar nicht in sein Ressort, schärfte aber dennoch seine Feder, tauchte sie ein wenig in die bei ihm stets angesammelte 74 Galle und verfaßte eine saftige Urgenz, dahingehend, daß die ehebaldigste Aufstellung der Scheidewand dringendst usw. . .

Es vergingen jedoch weitere Wochen und dann noch weitere. Der Herr Vorstand wollte mit der Angelegenheit nicht weiter behelligt werden. Und dann kam über die Nacht der Krieg, der unheimlich rasch die verschiedenen Zimmer zur Hälfte ihrer Insassen beraubte. Sollte sich da noch einer wegen einer etwas geschundenen oder gequetschten Hand wehleidig zeigen? Und so ging man acht- und teilnahmslos an der Tatsache vorüber, daß eine mehr diensteifrige als kundige Hand sich kurzerweise eines alten, herumliegenden Kistendeckels bemächtigt, auf dem eine Flasche und die Worte: »zerbrechlich – Glas!« schabloniert waren, und ganz unbeholfen in die Mitte der oberen Abteilung eingenagelt hatte. So war die vielberufene, umstrittene, urgierte »Scheidewand« geboren . . .

Hiemit könnte die ganze Geschichte ein geruhsames, friedliches, gar nicht aufreizendes, nüchternes Ende haben. Aber in amtlichen Dingen gibt es nichts Kleinliches und Einfaches.

Denn eines Tages feierte das Brettl eine Art düsterer Auferstehung eines peinlichen Interesses. An den Herrn Vorstand, den Chef der Verwaltung, gelangte seitens der Direktion eine Zuschrift höhernorts, der eine offenbar irrtümlich beigegebene, schon sehr langfristige Urgenz in Sache einer gewissen Scheidewand angeschlossen war.

Der Herr Vorstand war wie vor den Kopf 75 geschlagen. Wo in aller Welt sollte eine Scheidewand errichtet oder aufgebaut werden?

Aber wie der Herr die Künder seiner Offenbarungen gewöhnlich unter Leuten sucht, die nicht den Gelehrten und Großen angehören, erleuchtete er das schlichte Gemüt des Dieners Weinmann, als er von der dunklen Angelegenheit erfuhr.

»I waß scho,« sagte er in seiner ruhigen, gesetzten Art, »das is weg'n dem Brettl in der Stellage.«

Der Kistendeckel mußte durch eine fachmännisch eingesetzte »Scheidewand« ersetzt werden; das stand fest.

Der mit Dringlichkeit herbeigerufene Tischler erklärte, über den Grund seiner Konsultation aufgeklärt, mit kühler Sachlichkeit, daß er seine Anwesenheit als eine ganz unnötige betrachte, da er doch nicht dazu berufen sei, frevelhaftem Pfuscherwesen mit seiner Meisterhand Helfersdienste zu leisten.

»Im übrigen,« das war der Inhalt der Erläuterungen des Meisters, »g'hört das Glumpert am Mist!«

Im letzten Augenblick fiel jedoch sein Blick auf eine Nische der Rückwand, die sich von halber Breite bis zur Plafondhöhe erstreckte, zog seinen Zollstab, Notizbuch und Bleistift hervor, maß, prüfte, berechnete, murmelte, machte Eintragungen, Rechenexempel, und ein ganzer Beamtenstab folgte ehrfurchtsvoll diesem Beginnen. Dann empfahl er sich endgültig. Er hatte das Seine einstweilen getan.

Drei Tage später erschien der Herr Direktor 76 in Begleitung des Herrn Vizedirektors mit dem Tischlermeister, der seinerseits von einem Stabe von drei Mann gefolgt war. Dieses Ereignis verfehlte nicht, das ganze Amt aufzuscheuchen. Die beiden Herren Vorstände, dann einige ihnen an Rang Zunächststehende schlossen sich der direktorialen Heerschau an. An den drei Türen drängten sich Krethi und Plethi, reckten die Hälse, stellten sich auf die Zehen und begleiteten im Flüsterton die sich entwickelnden hochwichtigen Ereignisse.

Und diese bestanden in nichts Geringerem als der kommissionellen Besichtigung der Nische zwecks Einbauung eines neuen Kastens amerikanischen Systems mit Rollschubtüren usw. Der instruktive, eingehende, von gediegenem Fachwissen zeugende Vortrag des Meisters wurde vom Herrn Direktor und den übrigen Mitgliedern der Kommission mit ungeteiltem Interesse angehört und seine Vorschläge einstimmig zum Beschluß erhoben. Nach vierzehn Tagen stand in stattlicher, imponierender Schönheit der neue, in das Inventar unter dem Titel »Vereinigter beider Liquidaturen- und Evidenzhaltung- sowie Protokoll-Hauptkasten« eingetragene Kasten da.

Nach abermals drei Wochen erschien, von der Oberbehörde gesendet, der Referent für Personal- und Sachangelegenheiten, um die vor drei Jahren urgierte »Scheidewand« in Besichtigung zu nehmen.

Er trug einen Akt bei sich, der die ganze schwerwiegende Angelegenheit als Materie barg. Denn inzwischen hatten die Federn beider Ämter keinen Anlaß zum Rosten gehabt.

77 In den Anblick des Kastens mit der herrlichen Rollschubtür versunken, fragte das inspizierende Organ:

»Hä, sagen Sie einmal, Herr Direktor« (denn der ganze übliche Apparat war nun einmal in Bewegung gesetzt worden), »ein komischer Name. In meinem Akt war von einer Scheidewand die Rede? Das ist doch – hä! – ein Kasten? Das muß nun jedenfalls in allen Teilen der amtlichen – hä! der dienstlichen, dahinzielenden Erledigungen eine angemessene Korrektur finden. Ich werde meinem, betreffende Angelegenheit behandelnden Referat als »Betreff« Kasten setzen. Bitte, Ihren Organen eine dahingehende – hä! – Weisung zu erteilen. Also Kasten, bitte, nicht Scheidewand! Sonst aber, sehr schön, Herr Direktor. Gratuliere Ihnen. Adjö, meine Herren!« 78

 


 

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