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Von Fiesole nach Pasing

Otto Julius Bierbaum: Von Fiesole nach Pasing - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1908
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleVon Fiesole nach Pasing
pages1-35
created20050517
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Ich hielt mich diesmal nicht lange in Venedig auf: die Stadt war nicht komplett. Es fehlte die Familie Naager. Wer meine »Sonderbaren Geschichten« kennt, besitzt ein freundschaftlich verzerrtes Familienporträt von ihr in der phantastischen Satire »Schmulius Cäsar«. Nachdem ich sie dort mit dem Karikaturstifte gezeichnet habe, werde ich nicht umhin können, nächstens eine ernsthafte Chronik der Familie Naager herauszugeben. Das wird in Form einer Monographie über Franz Naager geschehen, das stärkste und reichste dekorative Talent unserer Tage. Es scheint aber, daß unsere Zeit die künstlerisch reichen Naturen nicht liebt. Sie zieht die Spezialisten vor, die »Richtung« bedeuten. Franz Naager bedeutet Fülle, Verschwendung, Umfassen. Er ist schwer einzuordnen und auf eine bestimmte Manier festzulegen. Ein Form- und Stilgefühl sondergleichen vereinigt sich in ihm mit einer grundpoetischen Anlage voller Laune und Kühnheit. Aber es fehlt ihm alles Doktrinäre, und so denkt er gar nicht daran, sich an der Züchtung des »modernen Stils« zu beteiligen. Er ist vielmehr dezidiert unmodern: in einem Grade, daß man seine Arbeiten neben den besten Erbstücken alter, echter: gewachsener, nicht gezüchteter Stile sehen kann. Also ein Imitator, Eklektiker? Es tut mir leid, dies bejahen zu müssen. Er ahmt die Alten nach, indem er gleich ihnen so frei ist, auf seine Weise Formen, die schon da sind, zu entwickeln, und er holt sich seine Anregungen aus allem Schönen, das seiner Natur gemäß ist. Das Resultat ist aber immer ein echter Naager: ein Stück, das keinem alten Stile angehört und auch nicht wie ein Stückwerk aus alten Meistern anmutet, sondern frisch und froh eine Meisterpersönlichkeit verrät, die gar nicht anders als originell sein kann, weil sie eine künstlerische Vollnatur ist. Es liegt mir ferne, die dekorativen Talente der Gegenwart mit Abschätzigkeit zu behandeln, obwohl ihre Bemühungen um einen modernen Stil für meinen Geschmack im günstigsten Falle die Erkenntnis geweckt haben, daß die sogenannten Biedermeier Leute von einem Geschmack waren, der sich modern sehr hübsch nüancieren läßt; ich habe auch allen Respekt vor denen, die so naiv sind, zu glauben, es ließe sich eine absolut neue Formsprache aus der Jungfernerde des genialen Gemütes emporkonstruieren, und die dabei, ziemlich logisch, dazu gelangen, sich das Lallen in Linien anzugewöhnen (was aber schließlich, wie alles Eintönige, langweilig wird): nur erscheint es mir als ästhetische Pflicht, auf die Existenz eines dekorativen Genies hinzuweisen, das ohne moderne Stilprätensionen Werke hervorbringt, die den ganzen Reiz von stilvollen Arbeiten der Vergangenheit haben und sich dennoch deutlich als Werke unserer Zeit manifestieren, – wenn auch nicht des Zeitgeistes, der jene Talente beherrscht. Naager hat Phantasie. Damit ist eigentlich alles gesagt. Er hat Einfalle. Er konstruiert nicht: er fabuliert. Aber er ist so sehr Mensch der Form, des Raumblickes, daß seine Linien und Flächen auch als solche empfunden und damit konstruktive Werte sind. Es kommt nur eben noch etwas hinzu: er gibt mehr als bloß Gerüst. Wer die Nüchternheit als das kennzeichnende Merkmal unserer Zeit preist und die Phantasie nur insoweit gelten lassen will, als sie sich bei technischen Erfindungen betätigt; wer dem Dogma der »Zweckkunst« anhängt und also an eine »Kunst« glaubt, die in einem äußeren Zwecke aufgehen kann (z. B. in dem, einen bequemen Stuhl zu bauen, was aber doch wohl nur insofern eine Kunst ist, als es nicht jeder kann); wer wirklich sein volles ästhetisches Genüge daran hat, an einem Gegenstande seine konstruktive Richtigkeit zu empfinden, und es gnädig nur zulassen will, daß diese »dekorativ« betont werde; wer so bescheiden und (pardon) so gefühlskahl ist, daß er in der Kunst nicht mag, was in der Natur herrscht: den Ueberfluß, Ueberschwang, die Verschwendung: der wird an Naagerschen Arbeiten keine Freude haben. Es wird ihm gehen, wie dem Dresdener Bürgersmann, den ich vor einem Pariser Hutmodell in die Worte ausbrechen hörte: »So ä Unfug! Das is ja gee Hut mehr! Das is ä Blumentopp.« So kann bei Naager ein Kamin ein Wintermärchen sein; eine Tapete eine Idylle; eine Wandbekleidung in Marmor ein byzantinischer Hymnus; ein Figurenfries eine holländische Humoreske; eine Vase ein Liebesgedicht; ein Vorsatzpapier eine Zärtlichkeit; ein Kachelfußboden kann vom Sommer, ein Wandbespannstoff von romantischen Abenteuern erzählen. Alles, was aus seinen Händen hervorgeht, spricht, singt, musiziert. Aber es ist immer die stille Musik echt dekorativer Kunst.

Hoffentlich führt er bald einmal wirklich aus, was ich ihm seit Jahren predige: daß er in Venedig eine Ausstellung seines künstlerischen Reichtums: eine Palastausstellung macht.

Schade, daß er diesmal, in Berlin für einen Auftrag des Kaisers beschäftigt, nicht in Venedig war, wohin er einzig gehört. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, mich über ihn zu ärgern. Andre Souveräne wechseln, wenn sie sich besuchen, Höflichkeiten miteinander; wir wechseln Grobheiten. Sein Lieblingswort ist Kretin. Ich ziehe Idiot vor. Man kann sich auch auf diese Manier sehr gern haben. Für solche Fälle gilt das M. h. M. durchaus nicht.

*

Statt seiner besuchte ich einen anderen Freund und Künstler: Wladimir Schereschewsky. Er gehörte einmal zu den großen Hoffnungen des malerischen Naturalismus in München. Uhde schätzte ihn sehr hoch, aber auch Menzel. Zwei seiner großen Elends-Malereien gingen in öffentliche Galerien über. Er aber verschwand aus München, sah in Venedig die alten Italiäner und erklärte, künftighin nicht mehr Dreck mit Dreck malen zu wollen. In der Oeffentlichkeit hörte man erst dann wieder von ihm, als in venediger Zeitungen große Artikel erzählten, Signor Wladimiro sei verrückt geworden und weile im Irrenhause. Das war wirklich wahr. Schereschewsky, von jeher ein Schwärmer und Grübler, war aus der geistigen Balance geraten. Den Anstoß dazu hatte ein Erlebnis mit der politischen Polizei Oesterreichs gegeben, deren Brutalität wohl auch ein weniger irritables Nervensystem hätte zum Rasen bringen können. Man hatte ihn nahe der dalmatinischen Küste in einem Segelboote arretiert, weil man ihn, der ein paar photographische Aufnahmen machte, für einen italiänischen Spion hielt. Obwohl man bald merken mußte, daß er das nicht war, ließ man ihn zehn Tage lang mitten im Sommer in einem glutheißen Arrestlokale, weil er sich nicht ausweisen konnte, wohl aber zugab, vor Jahren aus Rußland politischer Meinungen halber ausgewandert zu sein. Ha: ein Nihilist! Ha: ein Mensch, um den sich sicher kein Konsul bemühte! Ha: eine entzückende Gelegenheit, Macht fühlen zu lassen, ohne einen Rüffel befürchten zu müssen! Kurz: ein bißchen Tortur und dann Abschub nach Italien. Er kehrte unter Wahnvorstellungen zurück, und es kam zu einem Anfall, der die venezianischen Behörden zwang, den in der Lagunenstadt sehr beliebten, ja populären Maler zu bitten, er möge sich ins Irrenhaus begeben. Das tat er ganz gerne, denn er suchte Ruhe vor gewissen Stimmen, die ihn verfolgten. Wie er sich beruhigt hatte, ließ ihn der Direktor der Anstalt, der ihn schätzte, wieder gehen. Ich fand ihn beim Schachspiel im Café Orientale. Wenn das verrückt war, was er sprach, so ist Verrücktheit eine sehr geistreiche Sache, und ich wünschte, oft so verrückt zu sein, wie Wladimir Schereschewsky. Aber eines war wirklich verrückt an ihm, und ich habe ihm gesagt, daß er dafür verdiente, wieder auf die »Insel der Narren« gebracht zu werden. Nämlich: er zerstörte jedes seiner Bilder immer in dem Momente, wo es vor der Vollendung stand. So vor allem sein großes Abendmahl, von dem alle Künstler, die es in irgend einem Zustande gesehen hatten, erklärten, es sei zu einem Meisterwerke angelegt und voller Schönheit, Kraft, Eigenart. Als ich ihn traf, ließ er es aber überhaupt niemand mehr sehen, und ich durfte erst dann ins Atelier, nachdem er es in seiner ganzen Riesenlänge mit Tüchern verhangen hatte. Dafür zeigte er mir ein andres, gleichfalls sehr großes Bild in der schon sehr weit gediehenen Skizze, das er »verso la luce«: »Dem Lichte entgegen« nannte. Es stellt eine Schar Arbeiter vor, die, »das Helle vor sich, Finsternis im Rücken«, einem nackten Knaben folgen, der singend vor ihnen herschreitet. Dort, wo sie herkommen, liegt Ruß und dunkle Röte in der Luft; dort, wo sie hingehen, ist silberiges Licht und blauer Himmel. Nun: ein nicht weiter originelles Symbol. Ueber die Idee des Bildes kann man so und so denken. Ich lasse mich darauf nicht ein, weil die Bewertung dieses Kunstwerkes nicht davon abhängt, wie man sich zu seinem Gegenstande verhält. Ich hatte, als ich es sah, die Empfindung, vor den Anfängen einer großen Sache zu stehen, vor dem Meisterwurfe eines Inspirierten. Welch ein Ausdruck in den Köpfen! Welche Wucht in der schwerfälligen und doch inbrunstvollen Bewegung der Menge! Welcher Adel in dem singenden nackten Knaben! Wie meisterhaft zur Monumentalität vereinfacht alles Aeußere: Gewand, Landschaft, Lichtkontrast! Welch großer Zug in der gewaltigen Komposition!

Ich war erschüttert, und ich sagte zu meinem Freunde: »Wenn du zu so was die Kraft hast, magst du meinetwegen im übrigen so viel Stimmen hören und Einbildungen hegen, wie du willst. Die Psychiater halten diese Stimmen und Einbildungen für Symptome einer Krankheit mit einem sehr gelehrten Namen; du selber hältst sie für etwas Reelles; ich bin so frei, dir zu erklären, daß diese Dinge mir sehr nebensächlich erscheinen, solange sie dich nicht hindern, ein derartiges Werk zu konzipieren und mit dieser Herrschaft über alle Mittel der Kunst anzulegen. Sie irritierten mich vis-à-vis diesem Bilde ebensowenig, wie etwa Zahnschmerzen, von denen du geplagt worden wärest.«

Aber Wladimir machte ein düsteres Gesicht und sagte: »Gewiß; ob ich verrückt bin oder nicht, ist nebensächlich, solange ich arbeiten kann. Das Scheußliche ist nur, daß ich weiß: ich werde auch das da nicht fertig bringen.«

»Warum?« fragte ich: »wegen der Stimmen?«

»Ich pfeife auf die Stimmen!« schrie der Maler. »Diese Stimmen genieren mich gar nicht beim Malen; im Gegenteil: sie regen mich an. Was mich aber wirklich verrückt macht, das ist: daß ich kein Geld habe, mir Modelle zu nehmen. Siehst du: anlegen kann ich ein Bild ohne Modelle; wenn ich aber so weit bin, daß ich es fertig machen möchte, dann seh ich: das und das und das ist falsch, hat keine Anatomie, ist nicht gesehen, ist bloß gedacht; und da muß ich mir was Lebendiges danebenstellen können, zu vergleichen und zu korrigieren. Aber alles Lebendige will bezahlt sein, und ich habe kein Geld. Ich kann mir ja nicht einmal einen Raum mit Nordlicht mieten. Auf dieser Leinwand hier tanzen, während ich male, die Reflexe vom Kanal unten. Da wäre auch Raffael verrückt geworden! Ich male, male, male, aber ich weiß: es kommt ein Tag, wo mich die Wut packt, daß ich das ganze Zeug wieder zusammenschmeiße, weil ich's nicht fertig machen kann. Denn ich höre zwar, daß die Glocken von San Marco russisch reden, und die Wellen draußen am Lido italiänisch, und die Kanonenschüsse mittags vom Arsenal her oberbayrisch: aber die Stimme des Geldes vernehme ich nicht. Ich habe einen Heiligenschein aus Gold, va bene: aber den kann ich nicht versetzen. Ich muß ihn vielmehr verbergen, weil heutzutage ein Mensch ausgelacht werden würde, an dem man einen Heiligenschein bemerkt. Deshalb setze ich meinen Hut nur abends ab, wenn ich ins Bett gehe.«

Und er fing an, wunderlich zu reden. Ich aber sagte mir: Nicht bloß die Brutalität der österreichischen Polizei hat diesen Menschen von Genie um sein seelisches Gleichgewicht gebracht, sondern die Not des Lebens. Man muß ihm Geld verschaffen, und die Medizin ist da, die es verhindert, daß er vernichtet, was wert ist, der Nachwelt aufbewahrt zu werden. Mag er dann immerhin weiter Stimmen hören und eine Gloriole unter seinem alten Filz fühlen: wenn er nur fertig machen kann, was er mit so sicherer, schöner Kraft begonnen hat.

Und ich ließ mir das letzte seiner vor zwanzig Jahren entstandenen und damals so lebhaft gepriesenen sibirischen Gemälde nach München schicken, es dort aufzustellen und zu verkaufen. Er lebte in der Hoffnung auf, daß es mir gelingen werde, und begann sogleich, ein richtiges Atelier zu suchen.

Es wäre besser gewesen, ihm diese Hoffnung nicht zu machen. Das Bild kam nach München, aber kein Kunsthändler wollte es auch nur sehen. Sie kannten es alle und priesen es sehr, ermahnten mich aber, es nicht erst auspacken zu lassen. »Das ›Heimatlied‹ von Schereschewsky. O ja: eine starke Leistung. Politische Verbannte in einem sibirischen Bergwerk. Einer spielt auf der Balalaika. Die andern, an ihre Karren geschmiedet, hören zu. Prachtvolle Typen. Viel Ausdruck in den Köpfen. Dabei sehr fein in der Beleuchtung des unterirdischen Milieus, durch gelbes Öllampenlicht. Aber, erstens: es war vor zwanzig Jahren schon in der Sezession zu sehen, ist also keine Novität, und Schereschewsky ist mittlerweile vergessen worden; ferner: der Geschmack hat sich verändert; Bilder, die etwas erzählen, gelten als unkünstlerisch; die Kundschaft will heute Impressionismus oder Stilsachen. Und schließlich: so riesige Bilder kann ja kein Mensch hängen.« Einer wies überdies darauf hin, daß er russische Großfürsten zu Kunden habe, und denen könne er doch nicht zumuten, in seinen Räumen russischen Verbannten zu begegnen.

Ich sah ein, daß nichts zu machen war, und schickte das Bild zurück. Vielleicht wird es in Venedig für die Moderne Galerie angekauft, obwohl da schon ein großes Bild Schereschewskys hängt. Man liebt ihn dort persönlich und möchte ihm helfen. Auch ist man in dieser Stadt, wo man gewöhnt ist, Jahrhunderte alte Bilder noch schön zu finden, nicht so fürchterlich modern, um zu glauben, daß ein Bild, dem vor zwanzig Jahren ein Uhde und ein Menzel Worte der Bewunderung zollten, heute als altes Eisen zu bewerten sei, weil sich mittlerweile einige Dutzend von Umschwüngen in der Kunstanschauung vollzogen haben. (»Alles veloziferisch,« wie Goethe sagte.) Ich glaube, die Venezianer werden es nicht zu bereuen haben, wenn sie dieses Werk erwerben. Der Naturalismus ist gewiß überwunden, aber die starken Arbeiten aus seinem Geiste, zu denen das »Heimatlied« gehört, werden länger vom Respekte echter Kunstfreunde gehegt und geschätzt werden, als die vielzuvielen Dokumente einer geschmackvolleren Generation, denen die ehrliche, leidenschaftliche Hingabe sowohl an malerische wie innerliche Probleme abgeht, durch die sich diese Arbeit auszeichnet.

*

Als ich von Venedig abreiste, verschaffte ich mir, ohne es zu wollen, eine recht sonderbare Sensation: ich vergiftete mich ein bißchen. Das tu ich ja nun, wie die meisten meiner verehrten Zeitgenossen, täglich, und ich betreibe diesen Sport sogar recht heftig, indem ich stärksten Tee literweise trinke und dem Kraute Nicotiana mit mehr Leidenschaft als Vernunft huldige. (Wie sollte ich auch nicht, da ich in puncto Alkohol so unmäßig tugendhaft bin. Auch die Gifte sind dazu da, genossen zu werden, insoweit sie bei entsprechender Dosierung die freundliche Eigenschaft haben, das Lebensgefühl anzuregen. Nur ist leider die Dosierung ein schwieriges Problem.) Aber diesmal handelte es sich um kein Gewohnheitsgift: Ich gedachte, einen guten Schluck tinctura amara zu nehmen, die auf meinen Magen wirkt, wie Schumanns »Aufschwung« auf die Seele, vergriff mich aber in der Flasche und nahm einen herzhaften Schluck Opiumtinktur.

Ich erschrak nicht wenig und suggerierte mir zu den positiven Folgen noch einen ganzen Schwanz eingebildeter. Obwohl ich es mir längst vorgenommen habe, einmal in Venedig zu sterben, setzte ich der Aussicht, das jetzt schon abzumachen, lebhaften Widerwillen entgegen. Ich rannte in die deutsche Apotheke und verlangte ein Gegengift. Man riet mir, Kolapastillen zu essen und schwarzen Kaffee zu trinken. Folgsam, wie ich bin, tat ich das sogleich. Ich nehme sogar an, daß ich es viel zu folgsam tat, denn es ist wohl möglich, daß die Zustände, die mich darauf beglückten, ebensosehr die Folgen von Kola und Kaffee wie von Opium waren. Es war reizend. Ein wundersames Gefühl von blödsinniger Gemütlichkeit erfüllte mich ganz und gar. Ich wurde stupide lustig und hatte die Empfindung, daß wohlwollende Dummheit der angenehmste Zustand ist, in dem sich ein Mensch befinden kann. Es gab nichts mehr, worüber ich mich geärgert hätte. Ich fand alles liebenswürdig, sogar mich selber. Da ich nicht denken konnte und gewissermaßen schlief, so träumte ich. Doch war es mehr ein Träumeln. Meine Beine schienen unter mir zu baumeln. Ich fühlte den Erdboden kaum, auf den ich trat. Wenn ich irgendwo angekommen war, so schien es mir, als sei ich angekommen worden. Ich sprach wenig; was ich aber sagte, sagte ich dreimal. Und immer lächelte ich dazu. Sehr angenehm war es, daß ich gar keine Wünsche hatte und nie ein Ziel. Meine Beine baumelten mich irgendwohin, und überall war mir's recht. Dabei führte ich aber doch Absichten aus, die ich früher gefaßt hatte. So kaufte ich mir schönes graues Büttenpapier in einem Laden, wo im übrigen Töpfe verkauft werden, was mir in diesem Zustande doppelt lustig vorkam. Aber ich kaufte statt fünf Kilo dreißig. (Als ich am nächsten Tag das Riesenpaket im Hotel vorfand, erschrak ich nicht wenig bei dem Gedanken, diesen Popokatepetl einmal betinten zu sollen.) In einer Gondel, in die ich gestiegen war, bloß weil es der Gondoliere gewünscht hatte, schlief ich ein. Als ich erwachte, befand ich mich genau an dem Orte, wo ich eingestiegen war. Sehr möglich, daß der Gondoliere so schlau gewesen ist, sich wegen des Schlafgastes, den er für betrunken halten mußte, nicht anzustrengen, und daß ich einfach in der stehend gewiegten Gondel geschlafen habe. Jedenfalls glaubte ich seinen Beteuerungen, er habe mich drei Stunden lang durch sämtliche Kanäle gerudert, und zahlte ihm widerspruchslos die verlangte dreifache Taxe. Und lächelte dazu. So freundlich bin ich sonst nicht, wenn mich jemand begaunern will. Ich könnte mir diese Art Menschenfreundlichkeit als deutscher Dichter ohne Zuschuß aus irgend einer fürstlichen Privatschatulle auch nicht leisten. Denn siehe da: ich fand am nächsten Tage, daß mich der Schluck Opium 60 Lire über mein Tagesbudget gekostet hatte (die Schwelgerei in Büttenpapier nicht mitgerechnet). Nur dem Allwissenden mag es bekannt sein, welchen Unfug ich mit diesem Kapitale angestellt habe.

Aus alledem geht hervor, daß der Zustand träumerisch vergnügten Blödsinns zwar angenehm, aber kostspielig ist. Nur sehr reiche Leute können ihn sich auf die Dauer leisten. – Merkwürdig war mir, daß ihm nur ein ganz gelinder Katzenjammer folgte. Wer weiß: Vielleicht ist es ganz gesund, ab und zu einen Opiumtag der großen Göttin Stupidität zu weihen. Das Gehirn ruht aus, die immanente Menschenfreundlichkeit, sonst durch Kritik gemäßigt, wacht auf, der Wille schläft ein, und man lächelt insipide einen Tag in animalischer Glückseligkeit dahin, ein Stückchen Nirwana genießend: alles in allem ein Tag ohne Strapazen, ein Gehirnferientag, ein blauer Mohntag des Lebens.

*

Ich fuhr nach Verona, nahm dort bei porta vecchia eine Droschke und besuchte den heiligen Zeno, doch war es diesmal eine kurze Visite, denn ich mußte zum nächsten Zuge nach Bozen wieder am Bahnhofe sein. Es gelang. Aber es war ein schändlicher Zug: so voll von Menschen, daß es nur im Zustande der Bemohnung ein Vergnügen gewesen wäre, in einem seiner Käfige sich transportieren zu lassen. Ich ließ mein Gepäck in ein Coupé stopfen, bestach einen Schaffner und setzte mich in eines der Bremshäuschen, die eigentlich nur von Schaffnern benutzt werden dürfen. Diese erhabenen Sitze, die oberhalb des Waggondaches angebracht, aber verglast sind, gibt es, glaub ich, nur auf den Wagen der k. k. privilegierten Südbahn. Sehr komfortabel sind sie nicht; dafür haben sie den Vorzug einer unvergleichlichen unbehinderten Aussicht nach allen Seiten, auch nach vorn. Auch dichtet es sich dort vorzüglich. Ich schrieb in mein Notizbuch:

Venedig.
        Das sind die Gassen der Vergessenheit.
Wohl: so vergiß! Dein Schatten an der Wand
Hat mehr Bedeutung, als dies »Meer von Leid«,
In dem dein Glück, ein Veilchenstrauß, verschwand.

Wer warf ihn weg? Du. Deine eigne Hand
Verwarf ihn. Stille! Jetzt ist er so weit
In Tiefen schon, daß ihn kein Lied erschreit:
Der dunkle Veilchenstrauß aus hellem Land.

Wohl möglich, daß daraus ein Sonnett geworden wäre, denn es kommt mir ganz so vor, als fehlte diesem Bukett das zusammenhaltende Band (ich kenne es – leider!) Aber plötzlich kam ein Gewitter hinter dem Zuge her. Es war wirklich, als ob es den k. k. privilegierten Südbahnzug persönlich verfolgte. Da Schnelligkeit die Sache dieser Eisenbahngesellschaft nicht ist, holte es ihn natürlich ein, und nun war es prachtvoll anzusehen, wie die schwarzen Wolkendärme über uns nach der dahin schießenden eisernen Schlange (Klapperschlange, versteht sich, denn auf keiner Bahn klappert's so, wie auf der k. k. privilegierten Südbahn) mit Blitzen zielten. War ich tapfer oder dumm, daß ich auch während dieses Donnerwetters in meinem exponierten Bremshäuschen sitzen blieb? Ich lasse die Frage offen. Da sie sich damals, als sie aktuell war, nicht bei mir eingestellt hat, verdient sie jetzt keine Antwort. Ich konnte aus dem einfachen Grunde nicht auf sie kommen, weil das Schauspiel, das ich genoß, zu schön war, als daß mich persönliche Fragen und Gefühle hätten beschäftigen können. Und so glaube ich denn, daß ich Gefahren immer sehr heldenmütig ins Auge schauen werde, wenn sie schön sind. (Kunststück! sagt Piefke.)

Als das Wetter merkte, daß es unsrer Klapperschlange nichts anhaben konnte, blieb es verdrossen in der »Berner Klause« stehen, während die k. k. privilegierte Lokomotive mit einem langen Triumphpfiffe in das breite Etschtal einfuhr, auf dem auch nicht der kleinste Wolkenschatten lag.

Soll ich das Etschtal beschreiben? Es fällt mir nicht ein. Ich bin nicht mehr so unerfahren zu glauben, daß sich Landschaften beschreiben ließen. Man kann im besten Falle Eindrücke eindrucksvoll wiedergeben. Diese aber richten sich nach allem möglichen, das mit der Landschaft gar nichts zu tun hat. Z. B. nach der Verdauung des Betrachters, oder nach seiner Nachbarschaft, oder nach seinen jeweiligen Seelenzuständen: ob er gerade verliebt ist, oder just einen Zahlungsbefehl erhalten hat, oder ob er vielleicht einen Reim auf Mensch braucht und des Peregrinus Syntax Reimlexikon nicht bei sich hat. Dieser Fall traf bei mir zu. Ich schäme mich, es zu gestehn, denn ich könnte es nun nachgerade wissen, daß ein Dichter von einiger Ueberlegung es vermeidet, das Wort Mensch reimherausfordernd an das Ende einer Zeile zu setzen. Vermutlich war es der erhabene Sitz im Bremshäuschen, der mich so übermütig gemacht hatte, zu glauben, der von 30 000 deutschen Dichtern seit Jahrhunderten gesucht Reim werde mir zwischen Trient und Bozen in den Schoß fallen. Aber wie verzweifelt ich auch suchte, er stellte sich nur in greulichen Mißformen ein, und ich gab das Rennen kurz vor Salurn auf. Da dort eine Ballade von mir spielt, hege ich eine gewisse Zärtlichkeit für diesen Ort, besonders aber für seine alte Burg, in der Dietrich von Bern seine Hochzeit mit der schönen Kurtatscherin gefeiert haben soll. Wenn ich Geld hätte, würde ich sie mir ausbauen. Doch nein: sie liegt zu nahe an der Bahn. Eine richtige Burg: die Burg, die ich bewohnen möchte: meine Burg, muß so gut wie unerreichbar sein. Was beschwere ich mich denn? Sie ist es ja; denn sie liegt auf dem Monde. (Bei dieser Gelegenheit eine Anmerkung: Die Zeiten, wo man in Tirol ein altes Ritterschloß für 98 Gulden 25 Kreuzer kaufen konnte, sind vorüber. Richtige, alte, rechtschaffen verwahrloste Nester gibt es überhaupt kaum mehr. Die Romantik hat dem Komfort Platz gemacht. Allerdings gebärdet sich dieser meist stilvoll. So brennt das elektrische Licht gerne in tückisch imitierten gothischen Laternen; aber der Teufel hole diesen Schwindel; er paßt nach Sachsen, aber nicht nach Tirol.)

*

In Bozen hatte ich eine originelle Anwandlung: ich wollte einmal nicht im »Greifen« absteigen. Das ist so, wie wenn einer nach Rom führe und wollte nicht dem Papst, sondern dem Oberrabbiner oder dem pastor primarius der evangelischen Gemeinde den Pantoffel küssen. Derlei kann man sich wohl vornehmen, aber man tut es nicht. Eine halbe Stunde nach meiner Ankunst saß ich in dem länglichen Speisesaal des »Greifen«, lautlos umhuscht von den traditionell weißgekleideten Servierladies dieses nun schon seit etwa 20 Jahren immer gleich gut funktionierenden Verpflegungsmechanismusses, dessen Seele die gleichfalls traditionell weißgekleidete Frau Staffler ist, mit der ich seit 15 Jahren immer wieder von Zeit zu Zeit folgendes Gespräch habe: Sie: Ah! guten Tag, Herr Professor! Sind Sie auch wieder zurückgekehrt? Ich: Ei ja wohl, Frau Staffler! Wie sollte ich auch nicht? Sie: Das freut mich so, Herr Professor! Ich: Und mich desgleichen, Frau Staffler! –

Dieses Gespräch, wie inhaltslos es auch erscheinen möge, lehrt zweierlei: 1. daß Frau Staffler an immer wiederkehrende Gäste gewöhnt ist (s. o.!) und 2. daß ich das Ansehen eines ungemein gelehrten Mannes habe. »Doktor« wird in deutschen Landen am Ende ein jeder Mann genannt, der nicht geradezu wie ein Kutscher aussieht oder durch eminent vornehme Allüren den Titel Baron herausfordert; aber der Professor wird doch wohl nur Leuten verliehen, denen profundes Wissen von der Stirne leuchtet. Ich begreife eigentlich nicht, warum man es sich in Deutschland noch immer so viel saure Mühe kosten läßt, akademische Grade zu erreichen, da man ihren Titeln ohnehin nicht entgeht. Vom 20. – 30. Jahre bin ich consensu omnium Doktor gewesen (die wenigen Menschen ausgenommen, die meine wissenschaftlichen Defekte aus Erfahrung kannten); vom 30. Jahre an haben sich die Stimmen derer bedenklich vermehrt, die mich als eine noch intensivere Leuchte der Gelehrsamkeit ansprechen. Ueber ein kleines, und ich werde Geheimrat sein. Da mir die Haare auszugehen beginnen, wird dieser Zeitpunkt, falls Capillomirakuloidol (Name geschützt.) nicht Wunder tut, bälder herangekommen sein, als mir lieb ist.

Daß mein würdevolles und weises Aussehen auch noch zu andern Trugschlüssen verleiten kann, mußte ich am nächsten Tage erfahren. Ich betrat ein Geschäft, dessen Besitzerin schon zur Zeit meines Südtiroler Aufenthalts fleißig dafür sorgte, daß Wiege und Kinderwagen nicht leer wurden. Auch diesmal hatte ich das Vergnügen, ihr zu einem Jungtiroler gratulieren zu können. Da sprach die Fruchtbare also: »Haben der Herr Professor auch Kinder?« Ich mußte gestehen: nein. »Aber natürlich!« erwiderte sie: »Der Herr Professor haben keine Zeit dazu.« Ich sah sie dümmer an, als es für einen Professor schicklich ist, und entfernte mich mit dem bedrückten Gefühle, daß ich nachgerade doch wohl etwas zu würdevoll und weise aussehe.

Die alte Erfahrung bestätigend, daß Verbrecher immer wieder an den Schauplatz ihrer Untaten zurückkehren, pflege ich fast stets, wenn ich in Bozen bin, einen Abstecher nach dem Eppan zu machen, wo das alte brave »Gschloß im Gschleich« liegt: Englar, die Hochburg meiner poetischen Sünden. Ich habe dort nicht weniger als zwei Romane, drei Bände Novellen, eine große Künstlermonographie und zwei dicke Kalenderbücher voller Gedichte und Prosa geschrieben, – einen Haufen Aufsätze garnicht gerechnet. Es ist nicht klug von mir, daß ich daran erinnere, denn eine derartige Fruchtbarkeit trägt nicht etwa eine gute Fleißnote, sondern das Verdikt ein: Vielschreiber! Aber was hülfe es mir, wenn ich es verbergen wollte? Die Schande ist offenbar, und einige meiner Englarer Produkte schämen sich nicht, von Zeit zu Zeit neue Auflagen zu erheischen. Ich weiß: auch das sollte ein kluger Autor verschweigen, denn, einmal, es macht mancherorts unbeliebt, und dann, es sieht wie Reklame und Renommisterei aus. Aber ich bin nun einmal so: ein bißchen Unbeliebtheit macht mir Spaß, und da das Renommieren auch dazu verhilft, so geht's mit hin. Deutlicher gesprochen: ich ärgere die Leute gerne, die mich ärgern. Und, ich muß es gestehen: dummer Neid ist mir immer ärgerlich gewesen. Er dient zu gar nichts, ist sich selber und der ganzen Welt nur zum Mißvergnügen da.

Ich werde immer auf dieses Thema gebracht, wenn ich Schloß Englar besuche. »Schloß Englar!« Kein Zweifel: das klingt feudal. Es war herausfordernd, die Widmungen der dort entstandenen Bücher sub »Schloß Englar« zu datieren. Aber es hat zu meiner Menschenkenntnis beigetragen. »Der Schloßherr von Englar« ist ein Bündel Drucksachen überschrieben, aus denen ich gelernt habe, wie gefährlich es für einen Dichter ist, in den Geruch eines »Schloßherrn« zu kommen. (Ein anderes Bündel trägt die Aufschrift: »Der Automobilbesitzer«.)

Uebrigens ist Englar, wie ich mich jetzt wieder überzeugt habe, gar kein richtiges Schloß. »In Berlin würde der olle Kasten uff Abbruch verkooft wer'n« sagte mir einmal ein Berliner Tourist, dem es gelungen war, bei Abwesenheit meines braven Wolfshundes Muschka in den Hof einzudringen. So unerbeten diese Kritik auch war, sie traf den Nagel auf den Kopf. Aber das Schöne an Englar ist gerade, daß es ein alter Kasten und kein ordentliches Schloß ist (wie das benachbarte Gandegg etwa oder Freudenstein). Auf den ersten Anblick wirkt es wie ein größenwahnsinnig gewordenes Bauernhaus. Diesem Ansehen entspricht die Umgebung: verfallende Mauern um einen unebenen winkligen Hof mit ein paar Scheunen. Trotzdem ist mir außer jenem Berliner Eindringling niemand (auch kein anderer Berliner) begegnet, zu dem nicht sofort das gesprochen hätte, was Englar mehr hat, als irgend einer der mir bekannten alten Tiroler Herrensitze: echt romantische Stimmung verbunden mit Behaglichkeit. Die Erklärung dafür mag paradox klingen: der romantische Reiz Englars beruht in dem Fehlen jeder romantischen Aeußerlichkeit. Diese pflegt sich meist durch Absichtlichkeit um die volle Wirkung zu bringen. Auch ist sie fast immer das Werk mehr oder minder moderner Restauration. Fast alle diese Schlösser sind eine Weile etwas ruinös gewesen. So auch Englar. Aber während die meisten übrigen, wenn ihre alten Besitzer zu Geld oder sie selber in fremde Hände kamen, »stilgemäß« hergerichtet wurden, so begnügte man sich, das gütige Schicksal sei gepriesen, bei Englar damit, dem alten Kasten ein neues Dach zu spenden und dieses immer mal von Zeit zu Zeit auszubessern. Dieses Dach entspricht dem Stile dieses sehr alten Gebäudes (von dem schon Urkunden aus dem 11. Jahrhundert berichten) zweifellos gar nicht. Auch Englar ist einmal »Burg« gewesen: mit Turm und Zinnen. Die ritterlichen Architekturbestandteile sind, wer weiß wann, kaputt gegangen, ohne daß die Grafen Khuen das Bedürfnis gehabt hätten, sie an einem Hause zu erneuern, das nun ja in der Tat keine Wehrburg mehr war, sondern ein Landsitz, dem nur aus alter Zeit der Name Schloß anhaftete. Wäre es, gleich den übrigen Schlössern, jüngerer Herkunft gewesen, so hätte man vielleicht doch auf mehr stilgemäße Ausbesserung Bedacht genommen. Aber Englar war schon vor Jahrhunderten so alt, daß man sich auf seinen Urstil nicht mehr besinnen konnte. Man baute dort etwas an, da etwas an, besserte hier aus, dort aus: immer nur wie es das Bedürfnis gebot und der jeweilige Geschmack der Zeit wollte. Dann verfielen die älteren Teile, und das Haus begann schließlich (wie es nicht nur bei Genies, sondern auch bei alten Schlössern zu gehen pflegt) »von oben herab zu sterben«. Die oberen Stockwerke des noch immer turmartig hohen Hauses verrümpelten eines nach dem andern, bis es den Besitzern, die im zweiten Stocke wohnten, in die Suppe zu regnen begann. Das billigste Hilfsmittel, das sich bot, wurde ergriffen. Statt die ruinös gewordenen Mauern bis zur ursprünglichen Höhe hinauf auszubessern, legte man ein sehr hohes, sehr steiles Dach an, das nun freilich ebenso viele Dachboden- wie Wohnstöcke zu schützen hatte. Aber gerade dieses Dach ist für das heutige Englar charakteristisch und trägt viel zu dem gemütlich romantischen Reize des Ganzen bei. Obwohl es in der Anlage gewiß noch keine hundert Jahre alt ist, hält es jeder beim ersten Anblicke für gotisch. Ich bin nie so roh gewesen, meinen Besuchern die Illusion zu rauben, daß sie unter einem gotischen Dache schliefen. Warum auch? Ein ehrwürdiges Dach war es auf alle Fälle, und sein märchenhafter Eindruck verdiente es wohl, in der Phantasie gotische Verbrämung zu erhalten.

Nun stieg ich also wieder da oben herum und kam mir vor wie ein Mann, der in seiner eigenen Vergangenheit herumgespenstert. Ich bin ja gar nicht mehr Der von dazumal. Der »Schloßherr von Englar« war ein beträchtlich leitsameres Wesen, als ich es bin, und da er sich fremder Angelegenheiten mit rührender Beflissenheit annahm, war er wohl auch »liebenswürdiger« als ich. Sicher ist, daß er beliebter war. Ich kann es gar nicht sagen, wie angenehm es mir ist, dieser Beliebtheit über den Kopf gewachsen zu sein. Erst seitdem mir das gelungen ist, besitze ich ein Stückchen Weltüberblick und einiges Selbstbewußtsein. Wie danke ich allen denen, die mir dazu verholfen haben! Hier in Englar wurde ich, etwas spät, Mann. Es war ein sehr kritischer Moment, als mir das Glück geschah. Hätte es mich nicht mit Gewitterkeulen aus einer stark tranigen Idylle geweckt, ich wäre einem erbärmlichen Behagen verfallen und direkt aus dem lyrischen Knaben ein idyllischer Frühgreis geworden. Seitdem habe ich mir den Ausruf angewöhnt: »Heiliges Donnerwetter!«

Trotzdem schien es mir anfangs wie eine Vertreibung aus dem Paradiese, als ich Englar mit dem Gefühle heilsamsten Ekels verließ. So töricht ist der Mensch, wenn er die Quellen seiner Kraft behaglich hat verschlammen lassen. Man stelle sich einmal vor, was für ein fettherziges Gesindel aus der Adamsnachkommenschaft geworden wäre, wenn die nicht genug zu preisende Schlange dem ersten Paare nicht zu jener Exmittierung verholfen hätte, mit der die Geschichte der Menschen aus einer Idylle ein Drama zu werden begann. Die Not, die herrliche, zeugende Not trat ins Leben. Das war Jehovas bester Streich. Die Menschheit hat sich dafür durch Darbietung einiger gewaltiger Gesellen revanchiert; ihre schönste, übersichtlichste Opfergabe sind die shakespearischen Dramen.

Die wunderschöne Strecke zwischen Bozen und Brixen (von der weltlichen zur geistlichen Handelsstadt Tirols: beide nicht mehr recht in Blüte) pflege ich, wenn sich's irgend machen läßt, nicht im Dampfwagen, sondern in der Kutsche zurückzulegen. So auch diesmal. Es gibt kein schöneres Stück Land deutscher Zunge. Brixen fängt leider an, sich zu modernisieren. Auch der altehrwürdige »Elefant« ist neu aufgezäumt und hat dadurch viel von seinem Reize verloren. Es ist nicht mehr der, von dem ich in der Empfindsamen Reise im Automobil geschwärmt habe. Der Fortschritt ins Ungemütliche, Gewöhnliche vollzieht sich rapid, und kein Wasserkloset, kein Knipslicht vermag dafür zu entschädigen. Auch das brave Weiße Lamm »des Kantioler« in Klausen ist nicht mehr das alte, denn »der Kantioler« ist nicht mehr. Schlecht vernewert ist es nicht, aber es hat die Seele verloren. Dagegen ist das hohe Säben noch immer wunderbar wie je. Ich hatte, als ich es nun besuchte, Aegypten, Syrien, Palästina, Griechenland gesehen und mußte mir doch sagen: Eigentlich braucht man nicht so weit zu reisen, um große Eindrücke aus der Natur und Menschheitsgeschichte zu erhalten. Von der rhätischen, römischen Zeit bis zu Napoleon fühlte dieser Fels die Stöße der Weltgeschichte, und immer wurde hier oben Göttern geopfert. Das letzte große: ihr Leben, brachte jene Nonne dar, die 1809 als Braut Christi keinem französischen Soldaten gehören wollte und sich in den Abgrund stürzte. Nun breitet ein ungeheurer Christus die Bräutigamsarme an dieser Stelle aus: so riesig, daß er selbst in der Tiefe überlebensgroß wirkt, oben aber als ein Gigant der heiligen Liebe. Daß auch die heutigen Nonnen ihren Christus mit fraulich schmückender Liebe lieben, zeigte mir eine mitten in der unteren Kapelle stehen gebliebene Christusfigur, der die Klosterfrauen einen purpurnen goldbordierten Mantel umgehängt hatten. In die Dornenkrone schlang sich ein Kranz seidener Blumen, eine silberne Kette mit einem vergoldeten Medaillon schmückte den Hals. Ich hätte mich nicht gewundert, Ringe an seinen Fingern zu sehen. Es war eine sehr alte Figur, und der schönen Arbeit des gotischen Schnitzmessers war kein Gefallen damit erwiesen, daß sie, wer weiß zum wievielten Male, mit glänzender Oelfarbe überstrichen worden war, aber es läßt sich durchaus begreifen, daß die Nonnen keinen holzfarbenen, wurmstichigen, hartlinigen Christus haben wollten, sondern einen glatten, glänzenden, weiß und roten. Und es ist keine lästerliche Verirrung, daß sie den Schmerzensmann schmücken und putzen wie einen Bräutigam: es ist reine und echte Liebe der Gottesbraut. Als sie noch Dichterinnen waren, wie die Mechthild von Magdeburg, haben sie ihn mit küssenden Reimen geherzt, und »es ging die Allerliebste« (die Nonne) »zu dem Allerschönsten« (Christus) in die geheime Kammer der unschuldigen Gottheit; da findet sie »der Minne Bette und Minne Gelaß«.

Dieses Nonnenkloster Säben bei Klausen gehört sicherlich zu den gewaltigsten und schönsten Gebetsburgen der Christenheit. Seine Lage und sein Bau lassen keinen Vergleich mit Monte Cassino zu, denn alles ist hier anders, aber es darf neben der Gründung des heiligen Benedikt genannt werden als ein Ort von ebenso mächtiger Ehrwürdigkeit und ebenso großer Schönheit.

Es wird eine Zeit kommen, wo man es nicht begreift, daß gescheite Leute sich in Käfigen auf Schienen an dieser Herrlichkeit vorbeischleppen ließen und ihr Genüge daran fanden, aus einem roten Buche schnell aufblickend zu konstatieren: Säben, Nonnenkloster, rhätisch, römisch . . . usw.

»Ueber Reisen kein Vergnügen« sang man in der Biedermeierzeit, ehe das begann, was Goethe »veloziferisch« nannte, er, der auch hinter der Erfindung des Dampfwagens den Unsinn ahnte, der aus seinem Sinn werden sollte. Was ist das aber für ein trauriges Vergnügen, das man von den Gesichtern heutiger Vergnügungsreisender (Kinder ausgenommen) abliest. Jeder Handwerksbursche hat mehr von der Welt gesehen als sie, die, wo immer sie auch gewesen sein mögen, eigentlich nie gereist, immer nur transportiert worden sind. Dieser Unsinn ist so erstaunlich, daß er sich bloß pathologisch erklären läßt. Ein Mensch reist von Berlin nach Rom; in einem Rutsch; obwohl er Zeit dazu hatte und Geld, an den schönsten Orten Station zu machen, fährt er, aufs widerwärtigste eingesperrt, Tag und Nacht, immerzu rattatta, rattatta weiter; Tirol, Oberitalien, Florenz: da schläft er vorüber, dort skatet er vorbei, hier liest er deutsche, dort italiänische Zeitungen; nur weiter, nur weiter sein Billett geht ja bis Rom. Welch ein Wahnsinn! (Ich rede natürlich von Leuten, die zum Vergnügen reisen, und nicht von solchen, die notgedrungen zu einem bestimmten Termine in Rom sein müssen.) Er läßt sich durch nichts als sinnvolle Handlung beschönigen. Es kommt mir vor, wie wenn ein Mensch an einer Table d'hôte teilnähme und würde von der Suppe bis zum Gefrornen schlafen oder lesen oder sonstwas tun, und erst beim Käse zulangen. Es ist eine Epidemie, wie der Veitstanz im Mittelalter. Aber ich glaube, daß diese Massendrehkrankheit mit stärkeren Sensationen verbunden war.

*

In Brixen stieg ich aber doch in den Zug. Ich mußte nach Hause und nun war meine Vergnügungsreise zu Ende. Grimmig schrieb ich angesichts des Siegmundskirchleins am Brenner in mein Notizbuch:

Hier entsäckelte einst der mutige Ritter den Kaufmann;
Siegmund dem Heiligen schuf dicht er ein Kirchlein dabei.
Nun am gleichen Altar entsühnte den Schnapphahn der Burgpfaff,
Und der Kaufmann hob dankend die Hände zu Gott:
»Herr, ich preise Dich! Herr, Du hast den Esel verblendet;
Siehe er ging auf den Leim: nahm nur den glitzernden Schund.«
Groß ist Gott. Er genießt die Menschheit, die er gebacken,
Wie er sie buk und verdirbt nicht mal den Magen sich dran.

Und bei St. Jodok, wo ein ehemaliger Kamerad die Sommerfrische zu genießen pflegt, der es nicht verwinden konnte, daß ich es ein wenig weiter gebracht habe, als er, gedachte mein Bleistift seiner und kritzelte:

Du willst mir in die Suppe spucken?
Welch Größenwahn und Unverstand.
Du kannst ja nicht mal bis zum Rand
Von meinem Suppenteller gucken.

Das kommt von der Eisenbahn: man denkt an Unerquickliches, das einem sonst nie einfällt; es fliegt einem mit dem Ruße an.

In Wörggl mußten zwei Mann einen schweren Wagen auf ein andres Gleis schieben. Der eine war ein Ironiker und sagte: »Arbeit macht das Leben süß!« Ich rief ihm entgegen: »Sauer ist mir lieber« und wurde für die Schändlichkeit durch lebhaften Beifall beider belohnt. Da ich sie darauf durch zwei Viertele Roten gut machte, hatte ich mich einer sehr aufrichtigen Ovation zu erfreuen, die in Gesang überging, als ich abfuhr:

Arbeit macht das Leben süß,
Sauer ist mir lieber.
Juhuhu! Juhuhu!

In Innsbruck stieg ein Mensch zu mir ins Coupé, der mich immerfort anstarrte und dazu den Lustigen Ehemann pfiff. Ich wollte eben die Notleine ziehen, da wurde er direkt und fragte mich: »Sind Sie nicht der Dichter des Lustigen Ehemanns?« »Nein,« antwortete ich, »der war ich einmal; aber ich ziehe den kleinen Kohn vor, und noch entzückender finde ich das Volkslied: Auf dem Baume sitzt 'ne Pflaume. Wenn Sie zur Abwechslung eines dieser Lieder pfeifen wollten, so würde ich Ihnen unaussprechlich verbunden sein.« »Hahaha.« lachte der Mann mir die Düfte seines Magens ins Angesicht, »hahaha, Sie sind ein Humorist!« Und er tat mir die höchste Ehre an, die ein literarisch gebildeter Deutscher zu vergeben hat: er verglich mich mit Otto Reutter. Das stimmte mich milde, und ich lehnte bescheiden ab. Aber er blieb dabei und meinte nur, daß Herr Reutter noch komischer aussähe, als ich. »Noch komischer?« rief ich, »das möchte ich denn doch bezweifeln. Sie sollten mich nur mal sehen, wenn ich mir Mühe gebe. Aber das geschieht natürlich nur im Engagement.« »Natürlich,« erwiderte er; »zu schade, daß ich nicht in Berlin war, wie Sie im Ueberbrettl sangen. Liliencron habe ich mal auftreten sehen, ich glaube in Köln, aber er sang leider nicht, las bloß vor. Wahrscheinlich war er nicht bei Stimme.« »Wahrscheinlich. Sonst hätte er gewiß »Die Musik kommt« gesungen.« »Deshalb war ich auch in die Vorstellung gegangen,« erklärte er, »und ich fand es eigentlich stark, daß der Herr bloß vorlas.« – »Sie haben offenbar viel Interesse für Literatur,« sagte ich. »Na,« sagte er, »nicht für alles: bloß für das Moderne. Aber auch bloß, wenn's vorgetragen wird. Lesen ist meine Sache nicht. Da fehlt ja auch die Musik bei.« »Freilich,« gab ich ihm zu, »und dann die Bewegungen! Die Mimik!« »Ja,« rief er aus, und seine Augen leuchteten: »Die Kunst. Und, sehen Sie, die hat Ihr Kollege Reutter doch riesig weg! Wenn er so mit den Armen schlenkert, oder er hat sich einen Rettich ins Knopfloch gesteckt und denkt, es ist ne Rose, und wie er daran riecht, merkt er's, und dann frißt er den Rettich auf! Göttlich! Gött–lich!« Und er besäuerte mich neuerdings mit einem Gelächter, das keinen Zweifel daran ließ, wie empfänglich er für Humor war. Ich unterhielt mich noch lange mit ihm über Literatur und Kunst und lernte dabei den Erfolg des Ueberbrettls begreifen, das seinen Platz in der deutschen Kulturgeschichte gewiß behalten wird. »Wir werden den Uebermenschen auf dem Brettl gebären«, rief mein Stilpe an der Stelle seines Romanes aus, der Wolzogen zu dem Titel seiner bunten Bühne inspirierte. Da saß er neben mir, der Uebermensch. Ich war aufs tiefste gerührt, schützte in Kufstein aber doch Geschäfte vor und setzte mich in ein anderes Coupé.

Dort saß (es war ein Coupé dritter Klasse) ein junges Mädchen und betete zu Goethe. Es las im Faust (Reklamheft). Ich bat der deutschen Kultur meine Lästerungen ab und erfreute mich des Anblicks. Da das junge Mädchen außerdem noch hübsch war, begann ich, als es das Buch zugeschlagen hatte, ein Gespräch. Ganz direkt: »Wundervoll, der »Faust«, nicht wahr?« – »Ja, herrlich!« – »Haben Sie ihn schon oft gelesen?« – »Oft? Nein. Jetzt das dritte Mal. Ich habe wenig Zeit zum Lesen.« – »Was lesen Sie denn sonst noch?« – »Ach wenig. Am liebsten Gedichte.« – »Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter?« – »Wie meinen Sie das?« – »Von wem Sie am liebsten Gedichte lesen?« – »Von wem sie sind, ist mir einerlei. Ich schreibe den Namen nicht drunter.« – »Das verstehe ich nicht.« – »Nun ja, wenn ich ein hübsches Gedicht finde, schreib' ich mir's ab.« – »Ach so.« – »Ich habe schon ein ganz dickes Buch.« Sie zog es aus ihrer Plaidrolle und zeigte es mir.

Ich muß gestehen, daß ich selten in meinem Leben vor Stolz errötet bin; hier wurde ich rot: denn ich fand in dieser Anthologie ein ganzes Dutzend Gedichte von mir.

»Wo haben Sie denn die gefunden?« fragte ich. – »Ach, die standen in einem dicken Buche. Aber die andern waren nicht so schön. Unser junger Herr hat mir das Buch mal geborgt.« – »Sie sind in Stellung?« – »Ja, ich bin Kindermädchen.«

Nun, dachte ich mir (denn Dichter sind eitel), ein ganzes Dutzend: das ist schon was, und hahaha (denn Dichter sind boshaft), von X und Y und Z war gar keins drunter.

Schade, daß wir so bald in München waren. Ich hätte mich mit dem Kindermädchen gerne noch lange über Gedichte unterhalten. Die Kleine hat mir auf eine sehr artige Manier auseinandergesetzt, wie ein Gedicht sein muß, wenn es ihr gefallen soll. Es lief darauf hinaus: Es muß so sein, als ob man es selber auch so hätte sagen können, aber doch wieder viel schöner; und es muß sein, als gehörte eine Melodie dazu; und es muß natürlich etwas fürs Herz sein: entweder »schrecklich« lustig oder »furchtbar« traurig.

Ich half der Kleinen, als sie ausstieg, mit vielem Respekt zu ihren Sachen und lachte dem humorbegeisterten Dyspeptiker, als er mich anschrie: »Nanu? Ich denke, Sie sind in Kufstein« mit so unzweideutigem Ausdruck ins Gesicht, daß er mich fürder nicht für einen Humoristen, sondern für ein Monstrum von Undankbarkeit halten wird.

In Pasing begrüßte mich meine alte Freundin Wiwwi mit all dem Ausdruck, den eine gute Hundeseele in die Bewegung eines Schwanzstummels zu legen vermag, und sie war nicht eher ruhig, als bis ich ihr versicherte, daß das Frauchen auch bald nachkommen werde.

Und von Pasing nach Fiesole schlug sich der mystische Bogen der Sehnsucht, der von Herz zu Herzen geht.

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