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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 4
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authorMarcus Tullius Cicero
titleVon der Weissagung
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorRaphael Kühner
translatorRaphael Kühner
correctorJosef Muehlgassner
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Zweites Buch

I. 1. Wenn ich untersuchte und oftmals und lange darüber nachdachte, wodurch ich recht vielen nützlich werden könnte, um nie das Wohl des Staates aus den Augen zu lassen, bot sich mir nichts Wichtigeres dar, als wenn ich meinen Mitbürgern die Wege für die besten Wissenschaften zeigte, und dies glaube ich durch mehrere Schriften erreicht zu haben. Denn soviel in unseren Kräften stand, haben wir in dem Buche, das Hortensius Hortensius oder De philosophia, eine Schrift, die bis auf wenige Bruchstücke verlorengegangen ist. Cicero verteidigte darin die Philosophie gegen die Angriffe des Hortensius, den er als Tadler der Philosophie redend einführte, und suchte die Römer zum Studium der Philosophie aufzufordern. Hortensius selbst war nach Cicero der größte Redner der Römer; er war 114 geboren, also acht Jahre älter als Cicero. Vgl. über diese Schrift Ciceros: Kühner, Ciceronis in philosophiam eiusque partes merita. Hamburg 1825. betitelt ist, zum Studium der Philosophie aufgemuntert; und welche Art zu philosophieren wir für am wenigsten anmaßend und am meisten sich gleichbleibend und geschmackvoll hielten, haben wir in den Vier Akademischen Büchern In den Vier Akademischen Büchern, die Cicero verfaßte, behandelte er die Philosophie der Neueren Akademie, die sich durch ihre korrekte äußere Darstellung (elegans) vor der Philosophie der Stoiker und Epikureer auszeichnete; vgl. Tuskulanen II, 3. gezeigt. 2. Und da die Grundlage der Philosophie auf dem höchsten Gute und dem höchsten Übel beruht, so ist dieser Gegenstand von uns in fünf Büchern ins reine gebracht worden In den fünf Büchern Vom höchsten Gut und Übel (De finibus bonorum et malorum), deren Abfassung in das Jahr 45 fällt., so daß man einsehen kann, was von jedem und was gegen jeden Philosophen gesagt werde. Ebensoviel Bücher Tusculanischer Untersuchungen Tusculanae disputationes, verfaßt im Jahr 45. folgten gleich hierauf und haben die zum glückseligen Leben notwendigen Dinge offenbart. Denn das erste handelt von der Verachtung des Todes, das zweite von der Ertragung des Schmerzes, das dritte von der Linderung des Kummers, das vierte von den übrigen Leidenschaften der Seele; das fünfte umfaßt den Gegenstand, der auf die ganze Philosophie das meiste Licht wirft; denn es zeigt, daß zum glückseligen Leben die Tugend sich selbst genug sei. 3. Nach der Herausgabe dieser Schriften wurden drei Bücher Vom Wesen der Götter vollendet, in denen die ganze Frage über diesen Gegenstand enthalten ist Vgl. den Anfang der Einleitung.. Um sie aber vollständig und umfassend auszuführen, haben wir in diesen Büchern über die Weissagung zu schreiben begonnen. Wenn wir – wie wir beabsichtigen – noch eins Vom Schicksal Die Schrift De fato ist uns nun fragmentarisch überliefert; sie wurde auch, wie die drei Bücher Vom Wesen der Götter und unsere Schrift Von der Weissagung, im Jahr 44 abgefaßt. hinzugefügt haben, so wird dieser ganzen Frage Genüge geleistet sein. Auch sind diesen Büchern die sechs Vom Staat beizuzählen, die wir damals schrieben, als wir das Ruder des Staates lenkten Die Bücher De re publica gab Cicero im Jahre 54 heraus, als er, durch das Ansehen seiner Freunde aus der Verbannung zurückgerufen, nach Rom zurückgekehrt war und wieder mehrere Staatsämter nacheinander verwaltete.: ein wichtiger und der Philosophie ganz eigentümlicher Gegenstand, der von Platon, Aristoteles, Theophrastos Theophrastos aus Eresos auf der Insel Lesbos, geb. 372 v. Chr., war ein Schüler des Aristoteles und gehörte zu den Peripatetikern. und der ganzen Schule der Peripatetiker sehr ausführlich behandelt worden ist. Was soll ich nun von der Schrift Über den Trost Die Schrift De consolatione verfaßte Cicero im Jahre 45, als er sich von den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte und in dem eifrigen Studium der Philosophie Trost suchte in dem Kummer über den Tod seiner geliebten Tochter Tullia. reden? Sie ist mir wenigstens selbst außerordentlich heilsam, und ich glaube, daß sie auch anderen sehr nützlich sein wird. Dazwischen haben wir auch neulich das Buch ( Cato maior) Vom Greisenalter Cato maior hieß das Werk auch nach der Hauptperson des Gesprächs, Marcus Porcius Cato der Ältere mit dem Beinamen Censorius; Cicero verfaßte die Schrift zwischen den drei Büchern Vom Wesen der Götter und den zwei Büchern Von der Weissagung im Jahre 44. eingeschoben, das wir unserem Atticus Titus Pomponius Atticus, römischer Ritter und intimster Freund Ciceros, durch Heirat seiner Schwester mit Ciceros Bruder Quintus mit Cicero verwandt. Den Namen Atticus erhielt er von seinem Aufenthalt in Athen. gewidmet haben. Besonders aber muß, weil die Philosophie rechtschaffene und tapfere Männer bildet, unser Cato (minor) Cicero schrieb auch eine Lobschrift auf Marcus Cato den Jüngeren mit dem Beinamen Uticensis (vgl. I, 14, 24). Von dieser Schrift sind nur Fragmente erhalten. Julius Caesar verfaßte eine Gegenschrift; vgl. Plutarch, Leben Caesars, Kap. 54. zur Zahl dieser Bücher gerechnet werden. 4. Und da Aristoteles und ebenso Theophrastos, durch Scharfsinn und Fülle der Rede ausgezeichnet, mit der Philosophie auch die Vorschriften in der Redekunst verbunden haben, so müssen auch, wie mir scheint, unsere rhetorischen Schriften dazu gezählt werden. Das sind die Drei Bücher vom Redner, das vierte: Brutus (Von den berühmten Rednern) und das fünfte: Der Redner Die drei Bücher: De oratore, Brutus de claris oratoribus und Orator oder de optimo genere dicendi gehören zu den bedeutenderen rhetorischen Schriften Ciceros..

II. Das waren unsere bisherigen Schriften. Zu den übrigen schritten wir mit frischem Mut und mit dem Vorsatz, wenn nicht irgendein bedeutenderes Hindernis in den Weg träte, kein Feld der Philosophie übrigzulassen, das nicht in lateinischer Sprache aufgeklärt und zugänglich gemacht würde. Denn welchen größeren oder besseren Dienst können wir dem Staat erweisen, als wenn wir die Jugend belehren und bilden? Zumal bei diesen Sitten und zu diesen Zeiten, in denen sie so gesunken ist, daß sie nur durch gemeinsame Anstrengungen gezügelt und in Schranken gehalten werden kann. 5. Nicht aber glaube ich erreichen zu können – und das kann man nicht einmal verlangen daß alle Jünglinge sich zu diesen Studien wenden. O daß es nur wenigstens einige wenige täten, deren Tätigkeit sich im Staat weit genug ausdehnen könnte. Ich meinerseits werde auch durch diejenigen für meine Arbeit belohnt, die schon im vorgerückteren Alter in meinen Schriften Beruhigung finden; durch ihre Lust zum Lesen wird mein Eifer zu schreiben von Tag zu Tag lebhafter angeregt, und ich habe ihrer mehr, als ich glaubte, kennengelernt. Auch das ist herrlich und für die Römer ruhmvoll, daß sie in bezug auf die Philosophie die griechischen Schriften nicht nötig haben. 6. Dies werde ich sicherlich erreichen, wenn ich meine Pläne ausführe. Und zur Entwicklung der Philosophie hat mir das schwere Unglück des Staates Mit diesen Worten will Cicero die Unterdrückung der römischen Freiheit und die Umstürzung der alten Verfassung durch Caesar bezeichnen, wodurch er veranlaßt wurde, sich vom Staatsdienste gänzlich zurückzuziehen und sich dem Studium der Philosophie ausschließlich zu widmen. Anlaß gegeben, da ich weder während des Bürgerkrieges nach meiner Weise den Staat verteidigen noch auch untätig sein konnte und auch nichts, was meiner mehr würdig gewesen wäre, zu tun fand. Es werden mir daher meine Mitbürger verzeihen oder vielmehr Dank wissen, daß, als der Staat in der Gewalt eines einzigen Nämlich des Julius Caesar war, ich mich weder verbarg noch mich aufgab, noch an mir verzweifelte, noch mich so benahm, als ob ich dem Manne oder den Zeiten zürnte, noch ferner so schmeichelte oder das Schicksal des anderen bewunderte, als ob ich mit meinem eigenen unzufrieden wäre. Denn das gerade hatte ich von Platon und der Philosophie gelernt, daß es in den Staaten gewisse natürliche Umwälzungen gebe, so daß sie bald von den Vornehmen, bald vom Volk und bald von einem einzelnen regiert werden Platon, Der Staat VIII, 2. 7. Da dies unserem Staat widerfahren war, so begann ich damals, als ich meiner früheren Ämter beraubt war, diese Studien zu erneuern, teils um hierdurch hauptsächlich mein Gemüt von den Beschwerden zu erleichtern Vgl. Tusculanen II, 4, 11 und andere Stellen., teils um meinen Mitbürgern auf jede mögliche Weise nützlich sein zu können. Denn in Schriften sprach ich mein Urteil aus; in ihnen sprach ich zur Volksversammlung; die Philosophie, glaubte ich, sei mir an die Stelle der Staatsverwaltung gerückt. Jetzt, da man angefangen hat, mich in bezug auf den Staat zu befragen Was nach der Ermordung des Julius Caesar im Jahre 44 geschah, wo Cicero hoffte, die Freiheit des römischen Staates werde erneut aufblühen und er selbst werde wieder eine einflußreiche Stellung in der Staatsverwaltung einnehmen. Vgl. seine Philippinischen Reden, muß ich diesem meine Tätigkeit widmen oder vielmehr alle Gedanken und Sorgen ihm zuwenden, und nur so viel darf ich für dieses Studium erübrigen, wie das öffentliche Amt und die Pflicht mir erlauben. Doch hiervon ein andermal mehr; jetzt laßt uns zu der begonnenen Untersuchung zurückkehren!

III. 8. Als nämlich mein Bruder Quintus über die Weissagung das, was im vorigen Buche geschrieben ist, auseinandergesetzt hatte und wir lange genug gelustwandelt waren, setzten wir uns in der Bibliothek, die im Lyceum Über das Lyceum auf dem Landgut Ciceros vgl. I, 5; Anmerkung 52. ist, nieder. Und ich sprach: »Du hast, Quintus, mit Sorgfalt und nach stoischer Weise die Ansicht der Stoiker verteidigt, und, was mich am meisten erfreut, du hast meistens einheimische Beispiele, und zwar berühmte und hervorleuchtende, angeführt. Ich muß daher auf das, was du gesagt hast, antworten; aber so, daß ich nichts behaupte, alles untersuche, meistens zweifelnd und mir selbst mißtrauend. Denn wenn ich etwas Gewisses zu sagen hätte, so würde ich selbst weissagen, ich, der ich behaupte, daß es keine Weissagung gibt. 9. Denn mich bewegt hierzu das, was vorzüglich Karneades zu untersuchen pflegte, auf welche Dinge sich denn die Weissagung beziehe, ob auf die, die mit den Sinnen aufgefaßt werden. Aber diese sehen, hören, schmecken, riechen und berühren wir. Ist also wohl in diesen Dingen etwas, was wir durch Voraussehen oder durch geistige Anregung eher als durch die Natur selbst wahrnehmen könnten? Oder sollte etwa irgendein beliebiger Wahrsager, wenn er der Augen beraubt wäre, wie Teiresias es war, sagen können, was weiß, was schwarz sei? Oder würde er, wenn er taub wäre, die Verschiedenheit der Stimmen oder die Töne erkennen? Auf keines von diesen Dingen also, die mit dem Sinne wahrgenommen werden, wird die Weissagung angewandt. Aber auch nicht einmal zu den Dingen, die durch Kunst behandelt werden, ist die Weissagung nötig. Denn zu Kranken pflegen wir nicht Seher oder Wahrsager, sondern Ärzte herbeizurufen. Und diejenigen, die ein Saitenspiel oder die Flöte lernen wollen, erlernen deren Behandlung nicht von den Opferschauern, sondern von den Musikern. 10. Dasselbe Verhältnis findet bei den Wissenschaften statt und bei den übrigen Gegenständen, für die es einen Unterricht gibt. Du glaubst doch nicht etwa, daß die sogenannten Weissager darauf antworten können, ob die Sonne größer sei als die Erde, ob sie so groß sei, wie sie erscheint, und ob der Mond sein eigenes Licht oder das der Sonne habe; welche Bewegung die Sonne und der Mond haben und welche die fünf Sterne, die man ›irrende‹ nennt. Und diejenigen, die für Wahrsager gelten, behaupten nicht, dies sagen zu können, noch was in den geometrischen Figuren wahr oder falsch sei; denn das ist die Sache der Mathematiker und nicht die der Wahrsager.

IV. Von den Gegenständen der Philosophie aber, gibt es da wohl etwas, worauf irgendein Wahrsager zu antworten pflegte oder worüber er befragt würde, was gut sei, was böse, was keins von beiden? Denn dies ist das den Philosophen Eigentümliche. 11. Wie? Fragt wohl jemand einen Opferschauer in betreff seiner Pflicht um Rat: wie man mit den Eltern, mit den Brüdern, mit den Freunden leben müsse, wie man sein Geld anzuwenden habe, wie die Ehre, wie die Herrschaft? Hierbei pflegt man sich an die Weisen und nicht an die Wahrsager zu wenden. Wie, was von den Dialektikern oder Physikern betrieben wird? Kann einer von denen weissagen, ob es eine Welt gibt oder mehrere; was die Urstoffe der Dinge sind, aus denen alles entsteht? Das ist die Weisheit der Physiker. Wie willst du aber den Trugschluß, den sie Pseudomenos Den Trugschluß hat Eubulides aus Milet erfunden oder wenigstens häufiger angewendet. Nadi Cicero (Acad. Unters. II, 30, 96) lautet er: Si dicis te mentiri, verumque dicis, mentiris. Dicis autem te mentiri, verumque dicis: mentiris igitur. (Wenn du sagst, du lügst, und sagst die Wahrheit, so lügst du. Wenn du aber sagst, du lügst, und sagst doch die Wahrheit, lügst du also.) nennen, auflösen oder wie sollst du dem Sorites Der Sorites, Haufen- oder Kettenschluß, ein bekannter Trugschluß: »Ein Korn macht keinen Haufen, und doch entsteht ein Haufen dadurch, daß du immer ein Korn zum anderen tust.« Es war also ein Versuch, das Relative mit dem Maßstabe des Absoluten zu messen. Vgl. Cicero, Akademische Untersuchungen II, 16 und 29, und Horaz, Episteln II, 1, 45 bis 47. entgegnen, den man, wenn es nötig wäre, lateinisch acervalis nennen könnte? Doch bedarf es dessen nicht; denn wie ›Philosophie‹ selbst und andere griechische Wörter, so ist auch ›Sorites‹ in der lateinischen Sprache hinreichend gebräuchlich. Also auch dies werden die Dialektiker sagen, nicht die Wahrsager. Wie, wenn es sich darum handelt, welches die beste Staatsverfassung sei, welche Gesetze, welche Sitten nützlich oder untauglich seien, soll man dazu die Opferschauer aus Etrurien kommen lassen, oder werden darüber die ersten und auserwählte und des Staatswesens kundige Männer entscheiden? 12. Wenn nun weder den Dingen, die den Sinnen unterworfen sind, irgendwelche Weissagung zukommt noch denen, die in den Künsten begriffen sind, noch denen, die in der Philosophie besprochen werden, noch endlich denen, die sich mit der Staatsverwaltung beschäftigen, so sehe ich durchaus nicht, auf welche Dinge sie sich erstrecken soll. Denn entweder muß sie sich auf alle beziehen, oder es muß ihr irgendein bestimmter Stoff angewiesen werden, mit dem sie sich beschäftigen kann. Aber die Weissagung ist weder für alle Gegenstände, wie die Untersuchung gelehrt hat, noch findet sich ein Platz oder ein Stoff, dem wir die Weissagung zuweisen könnten. Sieh also, ob es nicht vielleicht gar keine Weissagung gibt.

V. Es gibt einen bekannten griechischen Vers in diesem Sinne:

›Wer glücklich rät, der sei der beste Seher mir!‹ Der Vers ist aus Euripides und steht bei Plutarch. Von der Abnahme der Orakel, S. 432 C.

Wird also wohl ein Seher besser erraten, was für ein Wetter bevorsteht, als der Steuermann, oder wird er die Natur einer Krankheit scharfsinniger als der Arzt oder die Kriegführung verständiger als der Feldherr durch Mutmaßung treffen? 13. Doch ich habe bemerkt, Quintus, daß du die Weissagung mit Vorsicht sowohl von den Mutmaßungen, die Kunst und Klugheit in sich schließen, als auch von den Dingen, die mit den Sinnen oder durch Kunstgeschicklichkeit aufgefaßt werden, trennst und sie so bestimmst: Die Weissagung sei das Vorhersagen und die Vorempfindung von den Dingen, die zufällig seien. Erstens kommst du auf denselben Punkt zurück. Denn auch die Vorempfindung des Arztes, des Steuermanns und des Feldherrn betrifft zufällige Dinge. Wird also nun etwa ein Opferschauer oder ein Augur oder ein Seher oder ein Träumender besser erraten, ob entweder der Kranke der Krankheit oder das Schiff der Gefahr oder das Heer dem Hinterhalte entgehen werde, als der Arzt, der Steuermann und der Feldherr? 14. Nun aber sagtest du, daß nicht einmal dies dem Weissagenden zukomme: bevorstehende Winde oder Regengüsse aus gewissen Zeichen vorauszuahnen. Hierbei trugst du einige Verse von Aratos Nämlich nach der Übersetzung Ciceros von Aratos, vgl. oben I, 7 und 8 und Anmerkung 57. aus dem Kopfe vor, obgleich gerade dies zufällig ist; denn es trifft meistenteils, nicht aber immer ein. Was ist denn also oder womit beschäftigt sich die Vorahnung zufälliger Dinge, die du Weissagung nennst? Denn was entweder durch Kunst oder durch Schlüsse oder durch Erfahrung oder durch Mutmaßung vorausgeahnt werden kann, das glaubst du nicht den Weissagenden, sondern den Sachverständigen zuerteilen zu müssen. So bleibt übrig, daß nur diejenigen zufälligen Ereignisse geweissagt werden können, die weder durch irgendeine Kunst noch durch irgendwelche Weisheit vorhergesehen werden können, wie, wenn einer viele Jahre vorher jenem Marcus Marcellus Marcus Claudius Marcellus, der Enkel des Marcellus, der im Zweiten Punischen Krieg Syrakus (212) eroberte, war Konsul in den Jahren 222, 215 und 214. Vgl. Vom Schicksal 14, 33, wo Cicero dasselbe erwähnt., der dreimal Konsul war, gesagt hätte, er werde durch Schiffbruch umkommen, er dann in der Tat geweissagt hätte. Denn er hätte dies durch keine andere Kunst oder Weisheit wissen können. Also die Vorempfindung solcher Dinge, die von Zufälligkeiten abhängen, ist Weissagung.

VI. 15. Kann es nun bei den Dingen, bei denen kein Grund vorhanden ist, weshalb sie geschehen werden, irgendeine Vorempfindung geben? Denn was anders ist Ungefähr, Schicksal, Zufall, Ereignis, als wenn etwas sich so zuträgt, so ereignet, daß es sich [gegebenenfalls] entweder gar nicht zutragen und ereignen, oder sich anders hätte zutragen und ereignen können? Wie kann also das, was ohne Grund, durch den blinden Zufall und durch die Wandelbarkeit des Glückes geschieht, vorausgefühlt und vorausgesagt werden? 16. Der Arzt sieht die zunehmende Krankheit nach Gründen voraus, der Feldherr den Hinterhalt, die Stürme der Steuermann; und dennoch täuschen sich diese selbst oft, die nichts ohne sicheren Grund vermuten, so wie der Landsmann, wenn er die Blüte des Ölbaums sieht, auch die Frucht zu sehen erwartet, und zwar sicherlich nicht ohne Grund; aber bisweilen täuscht er sich dennoch. Wenn sich also diejenigen täuschen, die nichts ohne irgendeine wahrscheinliche Mutmaßung und ohne Grund behaupten, was muß man von der Mutmaßung derer halten, die aus den Eingeweiden oder Vögeln oder Wunderzeichen oder Orakeln oder Träumen die Zukunft vorausahnen? Ich sage noch nicht, wie nichtig diese Zeichen sind: der Spalt der Leber Über den Spalt in der Leber vgl. I, 10, 16; Anmerkung 65., das Geschrei des Raben, der Flug des Adlers, das Fallen eines Sternes, die Stimmen der Rasenden, die Lose, die Träume, worüber ich im einzelnen an seinem Ort reden werde, jetzt nur im allgemeinen. 17. Wie kann man vorhersehen, daß irgend etwas geschehen werde, was weder irgendeinen Grund noch ein Zeichen hat, weswegen es geschehen wird? Sonnen- und ebenso Mondfinsternisse werden auf viele Jahre von denen vorausgesagt, die die Bewegungen der Gestirne nach Berechnungen verfolgen. Denn sie sagen nur das voraus, was das notwendige Naturgesetz in Erfüllung bringen wird. Sie sehen aus der höchst regelmäßigen Bewegung des Mondes, daß, wenn er der Sonne gegenübersteht und in den Schatten der Erde tritt, der die Kegelspitze der Nacht ist, er notwendig verfinstert werden muß; und wenn der Mond wiederum unter die Sonne und ihr gegenüber tritt, er ihr Licht unseren Augen verdunkelt Vgl. hierzu Vom Wesen der Götter II, 40, 103 und 19, 49.; sie sehen, in welchem Zeichen und zu welcher Zeit jeder der Irrsterne darin stehen wird, wie der Aufgang eines jeden Sternbildes an jedem Tag oder wie sein Untergang erfolgen wird. Welchen Gründen aber diejenigen, die dies voraussagen, folgen, das siehst du ein.

VII. 18. Wer da aber sagt, er werde einen Schatz finden oder eine Erbschaft werde ihm zufallen, worauf begründet er dies? Oder in welchen natürlichen Gründen liegt es, daß es geschehen werde? Wenn nun dies und ähnliches der Art auf irgendeiner solchen Notwendigkeit beruht, was gibt es dann wohl, von dem wir glauben könnten, es geschehe durch Zufall oder von ungefähr? Denn nichts ist der Vernunft und der Folgerichtigkeit so entgegengesetzt wie der Zufall, so daß es mir nicht einmal für einen Gott passend erscheint, zu wissen, was durch Zufall und von ungefähr geschehen werde. Denn wenn er es weiß, so ist kein Zufall da. Es gibt also keinen Zufall; folglich gibt es auch kein Vorausahnen zufälliger Dinge. 19. Oder wenn du behauptest, es gebe keinen Zufall und alles, was geschieht und geschehn wird, sei von aller Ewigkeit her durch das Schicksal bestimmt, so ändere deine Erklärung der Weissagung, die du ein Vorausahnen von zufälligen Dingen nanntest. Denn wenn nichts geschehen, nichts vorfallen, nichts sich ereignen kann, außer was von aller Ewigkeit her bestimmt war, daß es in einer bestimmten Zeit geschehen soll, was kann es dann für einen Zufall geben? Und wenn dieser aufgehoben ist, was hat dann die Weissagung für einen Platz, die du ein Vorausahnen von zufälligen Dingen nanntest? – Doch sagtest du, daß alles, was geschehe und geschehen werde, im Verhängnis enthalten sei. Fürwahr, selbst der Name Verhängnis ist altweibermäßig und voll von Aberglauben. Aber dennoch wird bei den Stoikern viel von diesem Verhängnis geredet; doch hierüber ein andermal, jetzt von dem, was notwendig ist.

VIII. 20. Wenn alles durch das Verhängnis geschieht, was nützt mir da die Weissagung? Denn was derjenige, welcher weissagt, voraussagt, das wird auch geschehen, so daß ich nicht einmal weiß, wie das aufzufassen ist, daß unseren guten Freund Deiotarus Über Deiotarus vgl. I, 15, 26; Anmerkung 101. von der Reise ein Adler zurückrief. Wenn er nicht umgekehrt wäre, so hätte er in dem Zimmer schlafen müssen, das in der nächsten Nacht einstürzte. Er wäre also durch den Einsturz verschüttet worden. Aber dem wäre er, wenn es sein Schicksal war, auch nicht entgangen, und wenn es sein Schicksal nicht war, so hätte ihn dieses Schicksal nicht betroffen. Was hilft also die Weissagung, oder was können die Lose oder die Eingeweide oder irgendeine Voraussagung warnen? Denn wenn es Verhängnis war, daß die Flotten des römischen Volkes im Ersten Punischen Krieg Über diese Niederlage der beiden Konsuln Lucius Iunius Pullus und Publius Clodius (oder Claudius) Pulcher im Jahre 249 vgl. I, 16, 29; Anmerkung 106., die eine durch Schiffbruch, die andere von den Puniern versenkt werden und zugrunde gehen sollten, so waren, auch wenn die Hühner unter dem Konsulat des Lucius Iunius und Publius Clodius ein tripudium solistimum Über die Bedeutung des tripudium solistimum vgl. II, 34, 72. gemacht hätten, die Flotten doch untergegangen. Wenn aber, falls man den Auspizien gehorcht hätte, die Flotten nicht untergehen sollten, so sind sie nicht durch das Schicksal untergegangen. Ihr wollt aber, daß alles durch das Schicksal geschehe. Folglich gibt es keine Weissagung. 21. Wenn es Schicksalsbeschluß war, daß im Zweiten Punischen Krieg das Heer des römischen Volkes beim Trasumenischen See zugrunde ging Vgl. I, 35; Anmerkung 215., konnte dies etwa vermieden werden, wenn der Konsul Flaminius den Zeichen und Auspizien, die ihn von der Schlacht zurückhielten, Folge geleistet hätte?« – »Gewiß konnte es.« – »Also kam entweder das Heer nicht durch das Schicksal um, denn die Schicksalsbeschlüsse können nicht geändert werden; oder wenn durch das Schicksal (wie ihr wenigstens behaupten müßt), so würde eben dies auch dann eingetroffen sein, wenn er den Auspizien Folge geleistet hätte. Wo ist also diese Weissagung der Stoiker, die, wenn alles infolge des Schicksals geschieht, uns durchaus nicht ermahnen kann, vorsichtiger zu sein? Denn wie wir uns auch benehmen mögen, es wird doch das geschehen, was geschehen soll. Kann dies aber abgeändert werden, so gibt es auch kein Schicksal und auch keine Weissagung, weil diese sich auf die zukünftigen Dinge bezieht. Nichts aber ist mit Gewißheit zukünftig, bei dem es durch irgendeine Vorkehrung möglich ist, daß es sich nicht ereigne.

IX. 22. Und ich glaube, daß uns die Kenntnis der zukünftigen Dinge nicht einmal nützlich ist. Denn was hätte Priamos für ein Leben gehabt, wenn er von Jugend auf gewußt hätte, was er im Alter erleben würde? Gehen wir ab von den Fabeln und betrachten wir Näherliegendes! In der Schrift Über den Trost Vgl. II, 1, 3; Anmerkung 360. habe ich das traurige Ende der berühmtesten Männer unseres Staates zusammengestellt. Wie also – um die Früheren zu übergehen – glaubst du, daß es dem Marcus Crassus Über Marcus Licinius Crassus vgl. I, 16, 29; Anmerkung 108. Sein Sohn Publius kam ebenfalls kurz vorher in der Schlacht selbst um oder ließ sich nach anderen von seinem Schildträger durchbohren, als er sich verloren sah. Vgl. Plutarch, Leben des Crassus, 25, 31. nützlich gewesen wäre, damals, als er sich im größten Glück und Reichtum befand, zu wissen, daß er nach dem Tod seines Sohnes Publius und nach Vernichtung seines Heeres jenseits des Euphrat mit Schimpf und Schande umkommen müsse? Oder glaubst du, daß sich Gnaeus Pompeius Gnaeus Pompeius, mit dem Beinamen der Große, wurde von Julius Caesar bei Pharsalos besiegt und in Ägypten durch die Treulosigkeit des dortigen Königs 49 v. Chr. auf dem Meere bei Pelusium ermordet. Vgl. Lucanus, Pharsalia. über sein dreimaliges Konsulat, über seine drei Triumphe und über den Ruhm seiner so großen Taten gefreut haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er nach Verlust seines Heeres verlassen in Ägypten In solitudine Aegyptiorum steht bei Cicero. Die solitudo wird hier den vorher erwähnten Triumphen und der großen Begleitung des Pompeius, die er um sich zu haben pflegte, entgegengesetzt. ermordet werden würde, daß nach seinem Tode aber das erfolgen würde, was wir nicht ohne Tränen aussprechen können Cicero versteht darunter den gänzlichen Untergang der Freiheit durch die Alleinherrschaft Caesars.? 23. Was aber glauben wir von Caesar, wenn er sich hätte weissagen können, daß er in dem Senat, den er zum größeren Teile selbst gewählt hatte, in der Pompeiischen Kurie vor dem Bild des Pompeius selbst, im Angesicht so vieler seiner Zenturionen, von den vornehmsten Mitbürgern, die zum Teil von ihm auf alle Weise ausgezeichnet worden waren, ermordet, so daliegen würde, daß nicht nur keiner von seinen Freunden, sondern nicht einmal einer von den Sklaven sich seiner Leiche näherte Vgl. über den Tod Caesars besonders Plutarch, Leben Caesars 66.: in welcher Seelenqual würde er sein Leben zugebracht haben? Gewiß ist also die Unkenntnis des zukünftigen Unglücks nützlicher als die Kenntnis davon Derselbe Gedanke, schon am Anfang dieses Kapitels ausgesprochen, findet sich in der Schrift Vom Wesen der Götter, II, 6, 14.. 24. Denn das kann zumal von den Stoikern auf keine Weise behauptet werden: ›Pompeius würde dann nicht zu den Waffen gegriffen, Crassus nicht den Euphrat überschritten und Caesar nicht den Bürgerkrieg unternommen haben.‹ Sie erlitten also nicht einen vom Schicksal bestimmten Tod. Ihr wollt aber, daß alles durch das Schicksal geschehe. Also hätte ihnen das Weissagen nichts genützt, und den ganzen Genuß ihres früheren Lebens hätten sie verloren. Denn was hätte ihnen erfreulich sein können, wenn sie an ihr Ende dachten? So muß, wohin sich auch die Stoiker wenden mögen, ihr ganzer Scharfsinn zu Boden sinken. Denn wenn das, was geschehen wird, auf diese oder auf jene Weise geschehen kann, so vermag der Zufall außerordentlich viel. Was aber zufällig ist, das kann nicht gewiß sein. Wenn aber das, was bei jeder Sache zu jeder Zeit zukünftig ist, bestimmt ist, was helfen mir dann die Opferschauer, wenn sie sagen, daß die traurigsten Dinge verkündigt würden.

X. 25. Sie fügen zuletzt hinzu, alles würde leichter ausfallen, wenn religiöse Vorkehrungen getroffen würden. Wenn nichts außerhalb des Schicksals geschieht, so kann auch nichts durch religiöse Mittel erleichtert werden. Dies fühlt Homer, wenn er den Iupiter darüber klagen läßt, daß er seinen Sohn Sarpedon gegen den Willen des Schicksals nicht dem Tode entreißen könne Vgl. Homer, Ilias XVI, 433 ff., wo allerdings Zeus nicht darüber klagt, daß er Sarpedon dem Tod durch die Hand des Patroklus nicht entreißen könne, sondern überlegt, ob er den Sarpedon gegen den Willen des Schicksals aus dem Kampfe entfernen und so vom Tode erretten oder ihn durch Patroklos töten lassen solle; denn für den Fall, daß Sarpedon mit jenem kämpfte, war ihm durch das Verhängnis bestimmt, zu fallen.. Eben dasselbe bedeutet auch jener griechische Vers folgenden Inhalts:

›Das, was geschehen soll, besiegt den höchsten Zeus Der bestimmte griechische Vers, den Cicero hier meint, ist nicht bekannt; aber derselbe Gedanke kehrt sehr häufig wieder; so bei Aischylos, Der gefesselte Prometheus, Vers 527; Herodot I, 91..‹

Überhaupt scheint mir das ganze Schicksal mit Recht auch in einem Atellanischen Vers D. h. in dem Verse eines Atellanischen Lustspiels, die ihren Namen von der oskischen Stadt Atella in Kampanien hatten und aus Possenspielen voll Satire und niedrigkomischen Scherzen bestanden. verspottet zu sein; aber bei so ernsten Dingen ist Scherz nicht am Platze. Laßt uns also den Schluß ziehen! Denn wenn nichts von dem, was durch Zufall geschieht, als zukünftig vorhergesehen werden kann, weil es nicht gewiß sein kann, so gibt es keine Weissagung. Wenn es aber deswegen vorausgesehen werden kann, weil es gewiß und vom Schicksal bestimmt ist, so gibt es wiederum keine Weissagung; denn du sagtest, daß sich diese auf zufällige Dinge beziehe. 26. Aber dies mag mir gleichsam das erste Vorpostengefecht von leichten Truppen in unserer Rede gewesen sein; jetzt soll es zum Handgemenge kommen, und wir wollen versuchen, ob wir die Flügel deiner Beweisführung zum Weichen bringen können.

XI. Du sagtest nämlich, es gebe zwei Gattungen der Weissagung, eine künstliche und eine natürliche Vgl. I, 6, 11 und 18, 34.; die künstliche beruhe teils auf Mutmaßungen, teils auf langjähriger Beobachtung; die natürliche sei die, welche der Geist von außen her, aus der Gottheit erfasse oder empfange, woher unsere Seelen geschöpft oder empfangen oder entnommen seien Vgl. I, 49, 110.. Zu den Arten der künstlichen Weissagung rechnetest du folgende: die der Eingeweideschauer und derer, die aus den Blitzen und Erscheinungen weissagen, dann die der Auguren und derer, die Anzeichen und Vorbedeutungen auslegen, und du setztest alles, was auf Mutmaßung beruht, in diese Gattung. 27. Jene natürliche Gattung aber, meintest du, gehe entweder aus einer Aufregung des Geistes hervor und ergieße sich gleichsam daraus oder sie werde von dem während des Schlafes der Sinne und der Sorge entbundenen Geist vorausgesehen. Du leitetest aber alle Weissagung von den drei Quellen ab: von Gott, vom Schicksal und von der Natur. Da du jedoch nichts erklären konntest, so kämpftest du mit einer wunderbaren Fülle von erdichteten Beispielen. Hierüber will ich zuerst das sagen: Ich halte es nicht für die Sache eines Philosophen, Zeugen anzuführen, die entweder aus Zufall wahrhaftig oder aus Bosheit falsch und erdichtet sein können; durch Beweise und Schlüsse muß man zeigen, weshalb ein jedes so ist, nicht durch Ereignisse, zumal durch solche, denen ich nicht Glauben zu schenken brauche.

XII. 28. Um mit der Opferschau zu beginnen, die ich um des Staates und der gemeinsamen Religion willen zu ehren für nötig erachte – aber wir sind allein, und wir dürfen die Wahrheit ohne Gehässigkeit erforschen, zumal ich, der ich über das meiste zweifle Nämlich nach der Weise der neueren Akademiker, welche die Erkenntnis der Wahrheit leugneten und nur die Wahrscheinlichkeit gelten ließen; vgl. I, 3, 6 und II, 72, 150. –, laßt uns also, wenn es gefällig ist, zuerst die Eingeweide betrachten! Kann also wohl irgendeiner überzeugt werden, daß das, was durch die Eingeweide vorhergesagt werden soll, die Opferschauer durch langjährige Beobachtung erkannt haben? Wie alt war diese, oder seit wie langer Zeit konnte sie beobachtet werden, oder wie ist sie unter ihnen selbst verglichen worden, welcher Teil der feindliche, welcher der freundliche sei, welcher Spalt Gefahr, welcher einen Vorteil verkündige? Oder haben sich hierüber die etruskischen, elischen, ägyptischen und punischen Opferschauer Vgl. 1, 41, 91, wo nur die ägyptischen und die punischen Opferschauer nicht besonders erwähnt werden. untereinander verständigt? Aber das kann, abgesehen davon, daß es nicht geschehen konnte, nicht einmal ersonnen werden. Denn wir sehen, daß die Eingeweide von den einen so, von den anderen so gedeutet werden und daß nicht alle ein und dieselbe Lehre haben. 29. Und gewiß, wenn in den Eingeweiden irgendeine Kraft liegt, die das Zukünftige anzeigt, so muß diese notwendig entweder mit der Natur der Dinge in Verbindung stehen oder durch den göttlichen Willen und Einfluß ihr gewissermaßen angepaßt werden. Was kann nun mit der so großen, so herrlichen und nach allen Seiten und Richtungen hin verbreiteten Natur der Dinge, ich will nicht sagen, eine Hühnergalle (denn einige halten diese Eingeweide für die allerbedeutsamsten) Argutissima bei Cicero; die exta heißen arguta, wenn durch sie vieles angedeutet (arguo) wird., sondern die Leber Die Leber galt im Altertum als das vorzüglichste Organ für die Weissagung. oder das Herz Über das Herz, das man erst seit der Zeit des Pyrrhus unter den Eingeweiden zu beschauen anfing, vgl. Plinius, Naturgeschichte XI, 37. oder die Lunge eines fetten Stieres Gemeinsames haben? Was liegt darin Natürliches, wodurch die Zukunft verkündigt werden könne?

XIII. 30. Demokritos Über Demokritos vgl. I, 3, 5; Anmerkung 42. schwatzt nicht ungeschickt als Physiker, die anmaßendste Klasse von Menschen:

›Was vor den Füßen liegt, schaut keiner;
nur am Himmel forschen sie Aus der Iphigenia des Ennius. Derselbe Vers steht auch bei Cicero, Vom Staat I, 18, 30..‹

Jedoch meint dieser, daß sich aus der Beschaffenheit und der Farbe der Eingeweide nur die Art des Futters und die Fülle und die Magerkeit der Erderzeugnisse erklären lasse, und er glaubt, daß auch gesunde und ungesunde Witterung durch die Eingeweide angezeigt werde. O über den glücklichen Sterblichen, dem, wie ich gewiß weiß, es nie an Scherz gefehlt hat! Wie konnte dieser Mann an solchen Tändeleien sich ergötzen, daß er nicht einsah, daß dies erst dann wahrscheinlich sein würde, wenn die Eingeweide aller Tiere zu einer und derselben Zeit dieselbe Beschaffenheit und Farbe annähmen? Aber wenn zu derselben Stunde die Leber eines Tieres glänzend und voll ist, die eines anderen rauh und mager, was kann dann aus der Beschaffenheit und der Farbe der Eingeweide erklärt werden? 31. Oder ist das nicht von derselben Art, wie jenes, was du von Pherekydes Über Pherekydes und seine Weissagung vgl. I, 50, 112. anführtest? Als dieser das aus einem Brunnen geschöpfte Wasser gesehen hatte, sagte er, daß ein Erdbeben kommen werde. Das ist, dünkt mich, gerade nicht so unverschämt, wenn sie, nachdem das Erdbeben gewesen ist, es anzugeben wagen, welche Kraft das hervorgebracht hat. Ahnen sie auch aus der Farbe des fließenden Wassers voraus, daß es bevorstehe? Vieles dieser Art wird in den Schulen vorgetragen; aber alles zu glauben, möchte vielleicht nicht notwendig sein. 32. Doch es mag jene Behauptung des Demokritos wahr sein. Wann forschen wir hiernach in den Eingeweiden? Oder wann haben wir etwas der Art von einem Opferschauer nach Prüfung der Eingeweide vernommen? Sie warnen vor Wasser- oder Feuersgefahr, verkündigen bald Erbschaften, bald Verluste; behandeln den befreundeten und den Lebensspalt Fissum familiare et vitale. Was der Lebensspalt für eine besondere Bedeutung hatte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich war eine Linie in der Leber, die dem Befragenden andeutete, ob für sein Leben zu fürchten sei., betrachten den Kopf der Leber Über den Leberkopf vgl. I, 52, 119. aufs sorgfältigste nach allen Seiten und glauben, wenn er nicht aufgefunden ist, daß nichts Traurigeres sich habe ereignen können.

XIV. 33. Dies konnte sich gewiß nicht beobachten lassen, wie ich oben gezeigt habe. Es sind also Erfindungen der Kunst, nicht des Alters, wenn es anders irgendeine Kunst bei unbekannten Dingen gibt. Welche Verwandtschaft haben sie aber mit der Natur der Dinge? Ist diese durch eine allgemeine Übereinstimmung in sich verbunden und zusammenhängend – was, wie ich sehe, die Physiker meinen, und besonders die, welche behaupten, daß alles, was sei, ein Ganzes sei Die Lehre, das All sei Eins, war die des Xenophans aus Kolophon (um 550 v. Chr.). Er nahm als das Urwesen das Eine an, dieses ist Gott und das Seiende. Vgl. Cicero, Akademische Untersuchungen II, 37, 118. was kann die Welt mit der Auffindung eines Schatzes für eine Verbindung haben? Denn wenn mir durch die Eingeweide die Vergrößerung meines Vermögens angezeigt wird und wenn dies auf natürlichem Wege geschieht, so stehen erstens die Eingeweide mit der Welt in Verbindung, und dann hängt mein Gewinn mit der Natur der Dinge zusammen. Schämen sich die Physiker nicht, dies zu behaupten? Denn mag auch eine gewisse Verwandtschaft in der Natur der Dinge sein, die ich zugebe – die Stoiker sammeln ja viele Beispiele, sie sagen zum Beispiel: Die Lebern der Mäuschen nehmen am kürzesten Tage zu Vgl. Plinius, Naturgeschichte IX, 76., der trockene Polei blühe gerade auch am kürzesten Tage Vgl. Plinius, Naturgeschichte II, 41 und XVIII, 60. Nach Aristoteles, Probleme XXI, blüht der Polei (eine Art Flohkraut) nicht am kürzesten Tage, sondern um die Zeit der Sonnenwende., die angeschwollenen Blasen zerplatzen, und die Samenkörner der Äpfel, die in ihrer Mitte eingeschlossen sind, wenden sich auf die entgegengesetzte Seite; daß ferner bei den Saiten von Instrumenten, wenn die einen angeschlagen sind, die anderen mittönen; bei den Austern und allen Muscheln träfe es sich, daß sie mit dem Monde zugleich zu- und abnehmen Vgl. Plinius, Naturgeschichte II, 41; Gellius, Attische Nächte XX, 8 und Aelian, Tiergeschichten IX, 6.; und die Bäume, glaubt man, würden zur Winterszeit, indem sie zugleich mit dem Monde alterten, weil sie dann ausgetrocknet wären, am passendsten gefällt Vgl. Plinius, Naturgeschichte XVI, 74.. 34. Was soll ich noch weiter von den Meerengen oder den Meeresfluten sprechen, deren Andrang und Rückgang durch die Bewegung des Mondes beherrscht wird Vgl. Cicero, Vom Wesen der Götter 11, 7, 19.? Dergleichen Dinge lassen sich zu Hunderten anführen, um die natürliche Verwandtschaft unter entfernt liegenden Dingen zu offenbaren. – Wir wollen dies zugeben; denn es widerspricht dieser Behauptung nicht; wird etwa nun auch, wenn sich ein Spalt von gewisser Art in der Leber zeigt, damit ein Gewinn angezeigt? Aus welcher Vereinigung der Natur, aus welchem Einklang und welchem Zusammenhang – was die Griechen ›Sympatheia‹ nennen – kann der Spalt der Leber mit meinem kleinen Gewinn oder mein elender Erwerb mit Himmel und Erde und der Natur der Dinge zusammenhängen?

XV. Das selbst will ich zugeben, wenn du willst, obgleich ich meiner Sache einen großen Schaden zufüge, wenn ich irgendeine Übereinstimmung der Natur mit den Eingeweiden einräume. 35. Aber dennoch, dies zugestanden, wie kommt es dann, daß derjenige, der gute Anzeichen zu erhalten wünscht, ein für seine Zwecke passendes Opfertier auswählt? Das ist, was, wie ich meinte, sich nicht lösen läßt. Aber wie fein löst es sich! Ich schäme mich zwar nicht deinetwegen – ich bewundere sogar dein Gedächtnis –, sondern über Chrysippos, Antipater, Poseidonios Über Chrysippos, Antipater, Posidonios vgl. I, 3, 6., die eben dasselbe sagen, was du gesagt hast, bei der Auswahl des Opfertieres sei eine gewisse empfindende göttliche Kraft, die in der ganzen Welt verbreitet sei, die Führerin. Das ist aber noch weit besser, was sowohl du benutzt hast, als auch jene behaupten, wenn jemand opfern wolle, so gehe dann eine Umwandlung in den Eingeweiden vor, so daß entweder etwas fehle oder zuviel sei; denn dem Willen der Götter gehorche alles. 36. Das, glaube mir, nehmen selbst alte Weiber nicht mehr an. Oder meinst du, wenn einer ein Kalb aussucht, so wird er die Leber ohne Kopf, und wenn ein anderer dasselbe Kalb aussucht, so wird er sie mit Kopf finden? Kann dieses Verschwinden des Kopfes oder sein Hinzukommen plötzlich eintreten, so daß sich die Eingeweide nach dem Schicksal des Opfernden bequemen? Seht ihr nicht ein, daß eine Art Würfelspiel bei der Auswahl der Opfertiere stattfindet, zumal da die Sache selbst es lehrt? Denn nachdem Eingeweide ohne Kopf, was für das Unheilvollste gilt, sehr ungünstig Exta – tristissima; tristis ist das eigentliche Wort für die unheilverkündenden Eingeweide, vgl. II 13, 32 am Ende und II, 32, 69. waren, wurde oft das nächste Opfertier mit den schönsten Zeichen geschlachtet. Wo sind also jene Drohungen Die Ausdrücke minae und minari wurden von den Eingeweiden gebraucht, die ein Unglück anzeigten. der vorigen Eingeweide, oder wie ist so plötzlich solch eine Versöhnung der Götter eingetreten?

XVI. Aber du führst an, daß, als Caesar opferte, in den Eingeweiden eines fetten Stieres kein Herz gewesen sei Vgl. oben I, 52, 119.. Da nun jenes Tier nicht ohne Herz habe leben können, so müsse man schließen, daß das Herz gerade beim Opfern verloren gegangen sei. 37. Wie kommt es, daß du das eine einsiehst, daß ohne Herz der Stier nicht habe leben können; das andere aber nicht siehst, daß das Herz nicht plötzlich, ich weiß nicht wohin, habe entfliegen können? Denn ich kann entweder nicht wissen, welche Bedeutung das Herz zum Leben hat, oder vermuten, daß das Herz des Stieres durch irgendeine Krankheit mager, klein, welk und einem Herzen unähnlich geworden sei. Was hast du aber für einen Grund zu glauben, daß, wenn kurz vorher in dem fetten Stier ein Herz gewesen ist, dieses plötzlich während des Opferns selbst verschwunden sei? Oder hat er etwa, weil er den herzlosen Excordem Caesarem. Cicero gebraucht absichtlich das Wort excors, das zugleich »verstandlos« bedeuten konnte, und Caesar nennt er so, weil dieser infolge seines Hochmuts nicht einsah, wie er seine Mitbürger durch sein Auftreten vor den Kopf stieß. Caesar im Purpurgewand erblickte, selbst das Herz verloren? Glaube mir, ihr gebt die Stadt der Philosophie preis, während ihr die Kastelle verteidigt Der Sinn der Stelle ist: Während ihr die einzelnen Kastelle (Außenwerke) verteidigt, verliert ihr die Stadt selbst.. Denn während ihr behauptet, daß die Opferschau wahrhaftig sei, stürzt ihr die ganze Physiologie um. Die Leber hat einen Kopf, die Eingeweide haben ein Herz; nun sofort wird es verschwinden, sobald man Opfermehl Mola oder mola salsa ist das gesalzene Opfermehl, das zwischen die Hörner der Opfertiere gestreut und mit Wein befeuchtet wurde. und Wein darauf sprengt. Ein Gott wird es entreißen, irgendeine Kraft wird es vernichten oder verzehren. Nicht wird also die Natur das Untergehen und Entstehen aller Dinge bewirken, sondern es wird etwas geben, was aus dem Nichts entsteht und plötzlich in das Nichts verfällt. Welcher Physiker hat dies jemals behauptet? Die Opferschauer behaupten es. Diesen also, meinst du, muß man mehr Glauben schenken als den Physikern.

XVII. 38. Wie? Wenn mehreren Göttern geopfert wird, wie kommt es denn, daß bei den einen ein glücklicher Ausgang versprochen wird, bei den anderen nicht? Was für einen Wankelmut aber besitzen die Götter, daß sie bei den ersten Eingeweiden drohen, bei den zweiten Gutes verheißen Wenn man nämlich bei den ersten Opfertieren keine günstigen Anzeichen erlangt hatte, so wurden andere an deren Stelle gebracht. Vgl. Gellius, Attische Nächte IV, 6.? Oder herrscht unter ihnen eine so große Zwietracht, oft sogar unter den Nächstverwandten, daß die Eingeweide für Apollo günstig sind, die für Diana ungünstig? Was ist so einleuchtend wie das, daß, wenn die Opfertiere nach dem Zufall herbeigeführt werden, bei jedem die Eingeweide so sein müssen, wie ihm gerade das Opfertier zugefallen ist?« – »Aber freilich eben dann liegt etwas Göttliches, was für ein Opfertier jedem zuteil wird, gerade wie bei den Losen, was für jeden gezogen wird.« – »Von den Losen bald; wiewohl du eben durch den Vergleich mit den Losen nicht den bei den Opfertieren herrschenden Zufall bekräftigst, wohl aber die Lose durch die Zusammenstellung mit den Opfertieren schwächst. 39. Wird mir etwa, wenn ich einen nach dem Aequimaelium Aequimaelium war ein Platz in Rom, in der Nähe des forum Boarium, an der Stelle, wo das Haus des Spurius Maelius gestanden hatte, der als Feind der Freiheit von Ahala Servilius getötet und dessen Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vgl. Livius IV, 13 bis 16. Aus unserer Stelle ist zu schließen, daß dort ein Viehmarkt gewesen sein muß. geschickt habe, um ein Lamm zu holen, das ich schlachten will, gerade das Lamm gebracht, das für die Sache passende Eingeweide hat, und wird der Sklave nach jenem Lamme nicht durch Zufall, sondern unter der Leitung eines Gottes geführt? Denn wenn du auch hierbei den Zufall annimmst, gleichsam wie ein mit dem Willen der Götter verbundenes Los, so tut es mir leid, daß unsere Stoiker den Epikureern so reichen Stoff, sie zu verspotten, gegeben haben. Denn du weißt sehr wohl, wie sehr sie dies verlachen. 40. Und zwar können sie es auch recht leicht tun. Denn die Götter selbst hat Epikuros Scherzes halber als durchsichtig und durchwehbar Perlucidos atque perflabiles bei Cicero, d. h. von Licht und Luft durchdrungen. Epikur nahm Göttergestalten an, die keinen Körper, sondern nur eine ätherische Körperähnlichkeit besäßen und aus den feinsten Atomen beständen. Vgl. Vom Wesen der Götter I, 25, 71 und 18, 49. dargestellt und als solche, die wie zwischen den zwei Hainen, so aus Furcht vor dem Einsturz zwischen zwei Welten Jacobs bemerkt hierzu folgendes: Mit doppelter Beziehung auf die Gegend des Kapitols, wo das Asyl (des Romulus) gewesen war, später inter duos lucos genannt (Livius I, 8), und auf die Zwischenwelten (intermundia), die Epikur seinen Göttern zum Aufenthalt angewiesen hatte. Die Worte »aus Furcht vor dem Einsturz« scheinen sich auf die Lehre von den Atomen zu beziehen, die in ewiger Bewegung eine unendliche Menge neuer Welten hervorbringen und die vorhandenen auflösen können. wohnen, und er glaubt, daß sie dieselben Glieder wie wir haben, aber keinen Gebrauch von den Gliedern machen Vgl. hierzu Vom Wesen der Götter I, 30, 85, und Plutarch, Meinungen der Philosophen I, 7.. Indem er also auf einem gewissen Umweg die Götter aufhebt, trägt er mit Recht keine Bedenken, die Weissagung aufzuheben. Aber so gleich er sich hierin bleibt, bleiben die Stoiker sich nicht. Denn sein Gott, der weder für sich noch für andere ein Geschäft hat Vgl. über diese Ansicht Epikurs Cicero, Vom Wesen der Götter I, 17, 45 und Diogenes Laërtius X, 139., kann den Menschen auch nicht die Weissagung mitteilen. Euer Gott aber kann diese Mitteilung unterlassen und nichtsdestoweniger die Welt regieren und für die Menschen sorgen. 41. Warum verwickelt ihr euch also in solche Schlingen, die ihr niemals auflösen könnt? Denn wenn sie sich noch kürzer fassen, pflegen sie so zu schließen: ›Wenn es Götter gibt, so gibt es eine Weissagung. Nun aber gibt es Götter; also gibt es eine Weissagung.‹ Viel wahrscheinlicher ist dies: Es gibt aber keine Weissagung, also auch keine Götter. Siehe, wie unbesonnen sie das Dasein der Götter aufgeben, wenn es keine Weissagung gibt. Denn die Weissagung läßt sich augenscheinlich aufheben; das Dasein der Götter aber muß beibehalten werden.

XVIII. 42. Und ist diese Weissagung der Eingeweideschauer aufgehoben, so ist die ganze Opferschau aufgehoben. Denn die Wunderzeichen und Blitze folgen nach. Bei den Blitzen aber wird die langjährige Beobachtung zur Geltung gebracht, bei den Wunderzeichen werden meistens die Schlüsse und die Mutmaßung angewandt. Was ist denn also bei den Blitzen beobachtet worden? Die Etrusker haben den Himmel in sechzehn Teile geteilt Vgl. Plinius, Naturphilosophie II, 54, der es ausführlich beschreibt.. Es war leicht, die vier Teile, die wir haben, zu verdoppeln und hernach es noch einmal zu tun, um daraus zu sagen, aus welchem Teil der Blitz gekommen sei. Erstens, was ist daran gelegen, zweitens, was bedeutet es? Ist es nicht offenbar, daß die Menschen beim ersten Erstaunen, weil sie den Donner und die Blitzstrahlen fürchteten, geglaubt haben, dies bewirke der über alle Dinge allgewaltig herrschende Iupiter? Daher finden wir in unseren Kommentarien Commentarii oder libri augurales; vgl. I, 33, 72. geschrieben: Wenn Iupiter donnert und blitzt, ist es ein Frevel, Wahlversammlungen des Volkes zu halten. 43. Dies ist vielleicht aus Staatsgründen festgesetzt worden. Denn man wollte Gründe haben, die Wahlversammlungen nicht zu halten. Daher ist der Blitz bloß bei den Wahlversammlungen ein Hindernis, bei allen anderen Dingen halten wir ihn für das beste Auspizium, wenn er zur linken erscheint. Doch über die Auspizien an einem anderen Orte, jetzt von den Blitzen!

XIX. Was darf also weniger von den Physikern behauptet werden, als daß etwas Gewisses durch ungewisse Dinge angezeigt werde? Denn ich glaube nicht von dir, daß du annimmst, die Kyklopen hätten im Aetna dem Iupiter den Blitz geschmiedet Vgl. Vergil, Aenëis 8, 418 ff.; 4, 170 ff.. 44. Denn es wäre wunderbar, wie Iupiter diesen so oft schleudern könnte, wenn er nur einen hätte; und er würde dann die Menschen nicht durch Blitze daran erinnern können, was sie zu tun oder zu meiden hätten. Denn die Stoiker stellen den Satz auf, daß die Ausdünstungen der Erde, die kalt sind, wenn sie zu fließen anfingen, Winde würden Vgl. die ähnliche Angabe in der Schrift Vom Wesen der Götter II, 39, 101., wenn sie sich aber in eine Wolke einhüllten und immer den dünnsten Teil derselben zu zerteilen und zu zerreißen und das häufiger und heftiger zu wiederholen begännen, daß dann Wetterleuchten und Donner entständen; wenn aber die durch das Zusammenstoßen der Wolken ausgepreßte Hitze hervorbräche, so sei dies der Blitz. Was wir also durch die Kraft der Natur ohne Beständigkeit, ohne bestimmte Zeit hervorgebracht sehen, darin suchen wir ein Anzeichen nachfolgender Dinge? Würde wohl Iupiter, wenn er diese andeutete, so oft vergebens die Blitze versenden! 45. Denn was erreicht er, wenn er mitten in das Meer einen Blitz schleudert oder auf die höchsten Berge Vgl. Aristophanes, Die Wolken, Vers 395 ff., wo Sokrates auch den Glauben an einen donnernden und blitzenden Zeus verspotten muß; s. Lucretius, Von der Natur der Dinge, 6, 405., was meistens geschieht, oder in wüste Einöden oder in die Länder solcher Völker, bei denen dies nicht einmal beobachtet wird?«

XX. »Aber man hat den Kopf Von der Bildsäule Iupiters, was I, 10, 16 erwähnt wurde. im Tiber gefunden.« – »Als ob ich leugnete, daß es bei diesen Dingen eine Kunst gäbe! Die Weissagung leugne ich. Denn die Einteilung des Himmels, von der ich vorher II, 18, 42. gesprochen habe, und die Aufzeichnung bestimmter Dinge lehren, woher der Blitz gekommen und wohin er gefahren ist. Was er aber bedeute, das lehrt keine Regel. Aber du drängst mich mit meinen Versen:

›Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympos
Zielte einst selbst der Vater auf eigene Hügel und Tempel,
Schleudernd den feurigen Blitz auf die Kapitolinischen Sitze Diese drei Verse aus dem Gedicht Ciceros über die Begebenheiten seines Konsuls hat Quintus schon I, 12, 19 unter den übrigen angeführt..‹

Damals stürzte die Bildsäule des Natta, damals die Bilder der Götter, Romulus und Remus mit der nährenden Wölfin, von der Gewalt des Blitzes getroffen, nieder Vgl. I, 12 und Anmerkung 80., und über diese Ereignisse erschienen die wahrhaftesten Antworten der Opferschauer. 46. Auch das ist wunderbar, daß gerade zu der Zeit, als die Anzeige von der Verschwörung im Senat gemacht wurde, das Standbild des Iupiter zwei Jahre, nachdem es verdungen worden war, auf dem Kapitol aufgestellt wurde. ›Willst du dich also entschließen‹ – denn so drängst du auf mich ein – ›diese Meinung gegen deine eigenen Handlungen und gegen deine Schriften Die Handlungen und Schriften Ciceros gehen auf das, was er nach dem herkömmlichen Glauben in der dritten Catilinarischen Rede (8, 9) zur Bewegung der Gemüter des Volkes und im allgemeinen Interesse des Staates gesagt hatte. Vgl. I, 12. zu verteidigen?‹ Du bist mein Bruder, und deshalb scheue ich mich Nämlich geradeheraus dir meine Meinung zu sagen, um dich nicht zu verletzen.. Aber was schadet dir denn eigentlich hier, die Sache, die einmal so beschaffen ist D. h. es liegt nicht sowohl die Schuld an mir, wenn du die Weissagung nicht verteidigen kannst, da ich von dir belehrt werden will, als vielmehr an der Sache selbst, die sich durchaus nicht verteidigen läßt., oder ich etwa, der ich die Wahrheit erklärt wissen will? Daher sage ich nichts dagegen; ich verlange nur von dir den Grund für die ganze Haruspizin Haruspizin (lat. haruspicina) ist die Opferschau, Eingeweideschau. Die Opferschauer (haruspices) genossen große Ehre in Rom, bildeten aber kein amtliches Priesterkollegium wie die Auguren (augur von avis, Vogel, abstammend) oder Vogelschauer, denen die Deutung der Zeichen im Auftrag des Staates oblag. Auspex – von avis (Vogel) und specio (schauen, spähen) – war auch jeder Oberbefehlshaber im Kriege, der die Vogelschau (auspicium) vorzunehmen hatte.. Aber du hast dich in ein wunderbares Versteck geworfen. Denn weil du wohl einsahst, daß du in Verlegenheit kommen würdest, wenn ich von dir die Gründe einer jeden einzelnen Weissagung ausforschen wollte, so hast du weitläufig darüber gesprochen, daß du, wenn du die Sachen sähest, nicht nach Grund und Ursache fragtest; es käme vielmehr bei der Sache darauf an, was geschähe, nicht, warum es geschähe. Als ob ich entweder zugäbe, daß es überhaupt geschehe, oder als ob es sich für einen Philosophen geziemte, nicht danach zu fragen, warum ein jedes geschehe. 47. Und bei dieser Gelegenheit führtest du teils meine Prognostica Vgl. I, 8, 13 und Anmerkung 57. an, teils Arten von Kräutern, die Scammonea- und Aristolochiawurzel, deren Kraft und Wirkung du sähest, ohne ihren Grund zu kennen.

XXI. Das sind ganz unähnliche Dinge! Denn die Ursachen der Wetterzeichen haben sowohl der Stoiker Boëthos, den du nanntest, als auch unser Poseidonios aufgeführt. Und wenn sich auch keine Gründe für diese Dinge finden lassen, so können doch die Dinge selbst beobachtet und wahrgenommen werden. Aber das Standbild des Natta oder die ehernen Gesetzestafeln, die vom Blitze getroffen sind, was ist dabei beobachtet und alt Der Sinn der Stelle ist folgender: Daß die eben erwähnten Wetterzeichen wahr sind, hat die lange Erfahrung bewiesen; aber durch welche frühere und alte Beispiele ist beobachtet worden, daß sie vom Blitz getroffenen Gesetztafeln Unglück verkünden??« – »Die Pinarii des Natta Vgl. Anmerkung 79. sind von Adel; folglich droht Gefahr von Seiten des Adels.« – »Das hat Iupiter so schlau ausgedacht! Der saugende Romulus ist vom Blitz getroffen, folglich wird der Stadt, die jener gegründet hat, Gefahr angekündigt.« – »Wie geschickt benachrichtigt uns doch Iupiter durch Zeichen!« – »Aber gerade zu der Zeit wurde das Bild des Iupiter aufgestellt, als die Verschwörung angezeigt wurde Siehe II, 20, 46..« – »Und du willst natürlich lieber annehmen, daß dies nach dem Willen der Götter, als durch Zufall geschehen sei? Und der Unternehmer, der jene Säule herzustellen von Cotta und Torquatus Über Lucius Manlius Torquatus und Lucius Aurelius Cotta vgl. I, 12, 19. gedungen war, ist nicht aus Trägheit oder Geldmangel so langsam gewesen, sondern er ist von den unsterblichen Göttern bis zu jener Stunde aufgehalten worden? 48. Zwar verzweifle ich nicht gänzlich daran, daß dies wahr sei; aber ich weiß es nicht und will es von dir lernen. Denn da manches durch Zufall so eingetroffen zu sein schien, wie es von den Weissagenden vorausgesagt war, so hast du ausführlich über den Zufall gesprochen, zum Beispiel es könne der Venuswurf Siehe I, 13, 23, Anmerkung 91. durch Zufall mit vier Würfeln geworfen werden, bei vierhundert aber könnten nicht hundert Venuswürfe durch Zufall entstehen. Erstens weiß ich nicht, warum es nicht möglich ist; aber ich bestreite es nicht; denn du hast ähnliche Beispiele in großer Menge. Du führst auch das Anspritzen der Farben, den Schweinerüssel und vieles andere an. Du sagst, daß dasselbe auch Karneades von dem Kopfe des Paniscus erdichtet habe. Als ob dies sich nicht zufällig hätte ereignen können und als ob nicht in jedem Marmor notwendig selbst praxitelische Köpfe stecken müßten! Denn eben diese werden durch Wegmeißeln hervorgebracht, und nichts wird von Praxiteles hinzugetan, sondern wenn vieles weggenommen und man zu den Gesichtszügen gelangt ist, dann kannst du einsehen, daß das, was nun ausgearbeitet ist, schon darin gelegen hat Es ist wohl nicht nötig zu sagen, daß dies ironisch gemeint ist, aber wir wollen doch auf die feine Satire an dieser Stelle wie auch unten bei § 50 hinweisen.. 49. Also kann so etwas auch von selbst in den Steinbrüchen der Chier entstanden sein. Aber das mag erdichtet sein. Wie? Hast du niemals in den Wolken die Gestalt eines Löwen oder eines Hippokentauren bemerkt? Es kann also, was du eben leugnetest, der Zufall die Wahrheit nachahmen.

XXII. Doch nachdem nun genug von den Eingeweiden und den Blitzen geredet ist, so bleiben noch die Wunderzeichen übrig, womit die ganze Opferschau abgetan ist. Du hast angeführt, daß eine Mauleselin geworfen habe Vgl. I, 18, 36.. Ein wunderbares Ereignis, deswegen, weil es nicht oft geschieht; aber wenn es nicht hätte geschehen können, so wäre es nicht geschehen. Und das mag nun gegen alle Wunderzeichen gelten, daß nie etwas, was nicht hat geschehen können, geschehen ist; wenn es aber geschehen ist, so muß man sich nicht darüber wundern. Denn die Unkenntnis der Ursache erweckt bei einer neuen Sache die Verwunderung. Wenn dieselbe Unkenntnis bei gewöhnlichen Dingen stattfindet, so wundern wir uns nicht. Denn wer sich wundert, daß eine Mauleselin geworfen hat, der weiß nicht, wie eine Stute wirft oder überhaupt wie die Natur bei der Geburt des Tieres zu Werke geht. Aber darüber, was er häufig sieht, wundert er sich nicht, auch wenn er nicht weiß, warum es geschieht. Was er noch nicht gesehen hat, hält er, wenn es geschehen ist, für ein Wunder. Ist es also ein Wunder, wenn eine Mauleselin empfangen oder wenn sie geworfen hat? 50. Die Empfängnis ist vielleicht gegen die Natur; aber die Geburt beinahe notwendig.

XXIII. Doch wozu noch mehr? Betrachten wir den Ursprung der Opferschau, so werden wir sehr leicht urteilen können, was für einen Wert sie hat. Ein gewisser Tages Über diesen Tages vgl. besonders Ovid, Metamorphosen 15, 553 ff. Er soll hiernach zuerst Etruskern die Opferschau gelehrt und überhaupt ihr Urheber und Begründer gewesen sein. soll auf Tarquinischem Gebiet, als das Feld gepflügt wurde und eine Furche etwas tiefer gezogen war, plötzlich hervorgetreten sein und den Pflügenden angeredet haben. Dieser Tages aber, heißt es in den Büchern der Etrusker, soll in Knabengestalt erschienen sein, aber die Klugheit eines Greises besessen haben. Als bei seinem Anblick der Rinderhirt erstaunte und vor Verwunderung ein lautes Geschrei erhob, sei ein Auflauf entstanden und ganz Etrurien binnen kurzer Zeit an jenem Orte zusammengekommen; darauf habe jener mehreres vor vielen Zeugen gesprochen, die alle seine Worte aufgefaßt und niedergeschrieben hätten; seine ganze Rede aber sei so gewesen, daß sie die ganze Wissenschaft der Opferschau umfaßt hätte; sie sei später durch neue Erfahrungen und deren Anwendung auf eben jene Grundsätze erweitert worden. Dies haben wir von ihnen selbst erfahren, dies bewahren ihre Schriften auf, dies ist die Quelle ihrer Wissenschaft. 51. Ist also wohl ein Karneades, ein Epikur nötig, um dies zu widerlegen? Ist jemand so unvernünftig zu glauben, es sei – soll ich sagen, ein Gott oder ein Mensch – aus der Erde ausgepflügt worden? Wenn ein Gott, warum sollte er sich gegen die Natur in die Erde versteckt haben, um durch den Pflug entdeckt das Tageslicht zu erblicken? Wie, konnte eben dieser Gott nicht den Menschen seine Wissenschaft von oben herab erteilen? Wenn aber jener Tages ein Mensch war, wie konnte er unter der Erde begraben leben? Woher ferner konnte er das, was er andere lehrte, selbst gelernt haben? – Aber ich bin selbst unvernünftiger als jene, die das glauben, da ich so lange gegen sie streite.

XXIV. Aber jener alte Ausspruch des Cato Marcus Porcius Cato Censorius, vgl. I, 15, 28; Anmerkung 104. ist recht geschickt, indem er sagt, er wundere sich, daß ein Haruspex nicht lache, wenn er einen anderen sähe Derselbe Ausspruch, aber ohne Nennung des Cato, findet sich in der Schrift Vom Wesen der Götter, I, 26, 71: Mirabile videtur, quod non rideat haruspex, cum haruspicem viderit.. 52. Denn die wievieltste von ihren Voraussagen trifft ein? Oder wenn etwas eintrifft, womit läßt sich beweisen, daß es nicht durch Zufall eingetroffen sei? Als Hannibal beim Könige Prusias Vgl. Cornelius Nepos, Hannibal, Kap. 10, und Livius 39, 51. Hannibal war, als die Römer seine Auslieferung vom König Antiochus von Syrien verlangten, zum König Prusias von Bithynien geflohen und nahm, als er sich von diesem verraten sah, Gift (183 v. Chr.). in der Verbannung lebte und eine entscheidende Schlacht zu liefern beschloß und dieser sagte, er wage es nicht, weil die Eingeweide ihn hinderten, erwiderte jener ihm: ›Willst du also lieber einem Stückchen Kalbfleisch als einem alten Feldherrn Vertrauen schenken?‹ Wie? Ist nicht Caesar selbst, als er von dem vorzüglichsten Opferschauer gewarnt wurde, vor Wintersanfang nach Afrika überzusetzen, doch übergesetzt Vgl. Sueton, Caesar, Kap. 59. Caesar setzte am Ende des Jahres 47 v. Chr. (daher ante brumam) nach Afrika über, wo sich die Anhänger des Pompeius gesammelt hatten, um mit Iuba, dem König von Numidien, den Krieg fortzusetzen.? Wenn er das nicht getan hätte, so würden sich alle Truppen seiner Gegner vereinigt haben. Was soll ich die Antworten der Opferschauer erwähnen – ich könnte deren unzählige anführen –, die entweder gar keinen oder einen entgegengesetzten Erfolg gehabt haben? 53. In diesem Bürgerkrieg, o ihr unsterblichen Götter, wie viele haben getrogen! Was sind uns von Rom nach Griechenland für Antworten von Opferschauern gesandt worden Als Cicero nämlich in der Verbannung zu Thessalonike in Makedonien (58 v. Chr.) verweilte.. Was wurde dem Pompeius gesagt! Denn dieser ließ sich gar zu sehr durch Eingeweide und Wunderzeichen bewegen. Ich habe keine Lust, es zu erwähnen, und es ist auch nicht notwendig, zumal bei dir, der du dabei warst. Du siehst jedoch, daß fast alles anders eingetroffen ist, als es vorausgesagt wurde. Jetzt laß uns zu den Wunderzeichen kommen.

XXV. 54. Du hast viele, die ich als Konsul selbst geschrieben habe, hergesagt Nämlich in den Versen Ciceros, I, 11., viele von dem Marsischen Kriege, die von Sisenna gesammelt sind Über den Marsischen Krieg und den Geschichtsschreiber Lucius Cornelius Sisenna vgl. I, 44, 99; Anmerkungen 270 und 272., hast du beigebracht, viele von der unglücklichen Schlacht der Lakedaimonier bei Leuktra, die von Kallisthenes Über Kallisthenes vgl. I, 34, 74; Anmerkung 210. erwähnt sind, hast du angeführt. Von diesen werde ich im einzelnen reden. Was ist denn jene von den Göttern ausgegangene Anzeige und gleichsam Ankündigung von Unglücksfällen? Was wollen die unsterblichen Götter, wenn sie uns erstens Anzeichen geben, die wir ohne Ausleger nicht verstehen, und zweitens solche, vor denen wir uns nicht hüten können? Das tun doch nicht einmal wackere Leute, daß sie ihren Freunden bevorstehende Unglücksfälle voraussagen, denen diese auf keine Weise entgehen können, so wie die Ärzte, obgleich sie es oft einsehen, dennoch es niemals den Kranken sagen, daß sie an dieser Krankheit sterben würden. Denn jedes Vorhersagen eines Übels wird nur dann gebilligt, wenn zu dem Vorhersagen zugleich das Verhütungsmittel hinzugefügt wird. 55. Was haben also die Wunderzeichen oder ihre Ausleger einst den Lakedaimoniern oder kürzlich den Unsrigen geholfen? Wenn sie für Zeichen der Götter zu halten sind, warum waren sie so dunkel? Denn wenn wir sie bekamen, um einzusehen, was geschehen sollte, so hätten sie deutlich erklärt werden müssen, oder auch nicht einmal versteckt, wenn wir sie nicht erfahren sollten.

XXVI. Ferner aber wird jede Mutmaßung, auf die sich die Weissagung stützt, durch die geistige Anlage der Menschen oft nach vielen und verschiedenen und auch entgegengesetzten Richtungen hin gezogen. Denn wie bei gerichtlichen Verhandlungen die Mutmaßung des Klägers eine andere ist als die des Verteidigers und dennoch beide glaublich sind, so findet sich in allen den Dingen, die durch Mutmaßung erforscht werden sollen, ein doppelsinniger Ausdruck. Bei solchen Dingen aber, die sowohl die Natur wie auch der Zufall herbeiführt – bisweilen erzeugt auch die Ähnlichkeit Irrtum –, ist es eine große Torheit, die Götter zu ihren Urhebern zu machen, die Gründe der Dinge aber nicht zu untersuchen. 56. Du glaubst, daß die boiotischen Seher zu Lebadeia Über die Hähne, die vor der Schlacht bei Leuktra gekräht hatten, vgl. I, 34, 74 und über Lebadeia die Anmerkung 211. den Sieg der Thebaner aus dem Gekräh der Hähne erkannt haben, weil die Hähne, wenn sie besiegt sind, zu schweigen, als Sieger aber zu krähen pflegen. Dies Zeichen gab also Iupiter einem so großen Staate durch Hühner? Pflegen etwa jene Vögel nur, wenn sie gesiegt haben, zu krähen? Damals krähten sie doch und hatten nicht gesiegt. Das ist eben, wirst du sagen, das Wunderzeichen. Fürwahr ein großes, als ob Fische, nicht Hähne gekräht hätten! Was gibt es aber für eine Zeit, bei Nacht oder bei Tage, wo diese nicht krähten! Wenn sie nun als Sieger durch Munterkeit und gleichsam durch Freude zum Krähen angeregt werden, so konnte auch irgendeine andere Freude ihnen begegnet sein, wodurch sie zum Krähen bewogen wurden. 57. Demokritos erklärt recht schön den Grund, weshalb die Hähne vor Tagesanbruch krähen. Wenn nämlich die Speisen von der Brust entfernt und durch den ganzen Körper verteilt und wohl verdaut seien, da ließen sie, von Ruhe gesättigt, ihre Stimme hören, und im Schweigen der Nacht ›lassen sie‹, wie Ennius sagt,

›Frohen Gesang aus den roten Kehlen ertönen und
Schlagen mit Klatschen die Flügel Diese Worte sind von Ennius, vgl. I, 20, 40; Anmerkung 137..‹

Da also dieses Tier von selbst so sanglustig ist, was kommt dem Kallisthenes in den Sinn, zu sagen, die Götter hätten den Hähnen das Zeichen zum Singen gegeben, da dies sowohl die Natur wie der Zufall bewirken konnte?

XXVII. 58. Dem Senat wurde gemeldet, daß es Blut geregnet habe, auch führe der Fluß Atratus Vgl. I, 43, 98. Blut mit sich, und die Bilder der Götter hätten geschwitzt. Glaubst du etwa, daß Thales Über Thales aus Milet vgl. I, 49, 111; Anmerkung 300. oder Anaxagoras Über Anaxagoras vgl. Anmerkung 8. oder irgendein Physiker diesen Meldungen Glauben geschenkt hätte? Denn Blut und Schweiß kommt nur aus dem Körper. Aber es kann durch eine gewisse Verbindung mit der Erde eine dem Blut ganz ähnliche Färbung entstehen, und eine von außen anschlagende Feuchtigkeit, wie wir beim Südwind an den Bekleidungen der Wände sehen, scheint den Schweiß nachzuahmen. Und diese Dinge erscheinen in Kriegszeiten bei den Leuten, die sich fürchten, noch häufiger und wichtiger; dieselben werden in Friedenszeiten nicht so sehr bemerkt. Auch das kommt hinzu, daß sie bei Furcht und in Gefahr sowohl leichter geglaubt als auch ungestrafter erdichtet werden. 59. Sind wir aber so leichtsinnig und unbedacht, daß, wenn die Mäuse, deren einzige Beschäftigung dies ist, etwas zernagt haben, wir es für ein Wunder halten? Doch vor dem Marsischen Krieg erklärten die Opferschauer, wie du erwähntest, das sei ein großes Wunder, daß die Mäuse zu Lanuvium die Schilde zernagt hätten Vgl. I, 44, 99.. Gerade als ob es ein Unterschied wäre, ob die Mäuse, die Tag und Nacht etwas benagen, Schilde oder Siebe zernagt haben. Denn wenn wir hierauf eingehen, so hätte ich, weil neulich bei mir die Mäuse Platons ›Republik‹ Die Politeia des Platon. zernagt haben, um den Staat in Besorgnis sein müssen; oder wenn Epikurs Buch ›Vom Vergnügen‹ Über Epikur vgl. I, 3, 5. zernagt wäre, müßte ich glauben, daß die Lebensmittel auf dem Speisemarkt teurer würden.

XXVIII. 60. Oder schreckt uns etwa das, wenn es heißt, daß von einem Vieh oder einem Menschen etwas Wunderbares geboren ist? Bei allen diesen Dingen – um kurz zu sein – ist ein und dasselbe Verhältnis. Denn alles, was entsteht, wie es auch immer beschaffen sein mag, muß notwendig in der Natur seinen Grund haben, so daß es, auch wenn es wider die Gewohnheit entstanden ist, dennoch nicht im Widerspruch mit der Natur entstehen kann. Spüre also bei einer neuen und wunderbaren Sache, wenn du kannst, nach ihrer Ursache. Wenn du keine findest, so nimm dennoch das als ausgemacht hin, daß nichts ohne Ursache hat geschehen können, und den Schrecken, den dir die Neuheit der Sache verursacht hat, verscheuche durch die Ursache, die in der Natur liegt Vgl. zu dieser Ansicht besonders Vom Wesen der Götter, I, 20, 56 und Tuskulanen I, 21, 48.. Dann wird dich weder das Getöse der Erde Vgl. I, 18, 35; es ist das unterirdische Getöse, das dem Erdbeben voranzugehen pflegt., noch die Spaltung des Himmels Beim Wetterleuchten scheint der Himmel sich zu teilen und auseinanderzugehen., noch der Stein- oder Blutregen, noch das Fortschießen eines Sternes, noch die Erscheinung von Fackeln erschrecken. 61. Wenn ich Chrysippos nach den Ursachen aller dieser Erscheinungen frage, so wird selbst dieser Verteidiger der Weissagung Über Chrysippos, den Cicero hier den Verteidiger (auctor) der Weissagung nennt, vgl. I, 3, 6; Anmerkung 46. niemals behaupten, daß sie zufällig geschehen seien, sondern wird von allen einen natürlichen Grund angeben. Denn nichts kann ohne Ursache geschehen, und es geschieht nichts, was nicht geschehen kann. Und wenn das geschehen ist, was geschehen konnte, so darf dies nicht für ein Wunder gehalten werden. Also gibt es keine Wunder. Denn wenn das, was selten geschieht, für ein Wunder zu halten ist, so ist es ein Wunder, weise zu sein. Denn öfter, glaube ich, hat eine Mauleselin geworfen, als es einen Weisen gegeben hat. Folglich wird dieser Schluß gezogen: Weder das, was nicht hat geschehen können, ist jemals geschehen, noch ist das, was geschehen konnte, ein Wunder; es gibt also überhaupt kein Wunder. 62. So soll auch sogar ein Zeichendeuter und Erklärer von Wunderzeichen einem, der ihm als ein Wunder meldete, daß in seinem Hause eine Schlange sich um einen Riegel geschlungen habe, nicht unwitzig geantwortet haben: ›Dann würde es ein Wunder sein, wenn der Riegel sich um die Schlange gewickelt hätte Dieser Ausspruch wird von Clemens Alexandrinus (Stromata VII, S. 712 D.) dem Kyniker Diogenes beigelegt.! Durch diese Antwort gab er deutlich genug zu verstehen, daß nichts für ein Wunder zu halten sei, was geschehen kann.

XXIX. Gaius Gracchus hat an Marcus Pomponius geschrieben, als man zwei Schlangen in seinem Hause ergriffen hätte, seien vom Vater die Opferschauer zusammengerufen worden Vgl. I, 18, 36.. Warum eher bei Schlangen als bei Eidechsen oder bei Mäusen? Weil das alltäglich ist, die Schlangen aber nicht. Als ob es darauf ankäme, wie oft das, was möglich ist, geschieht. Ich jedoch wundere mich, wenn die Entlassung des Weibchens dem Tiberius Gracchus den Tod brachte, die des Männchens aber der Cornelia den Tod verursachte, warum er eine von beiden losgelassen hat. Denn er schreibt nichts darüber, was die Opferschauer als zukünftig bezeichnet hätten, wenn keine von beiden Schlangen losgelassen wurde. Aber der Tod traf darauf den Gracchus; die Ursache war, denke ich, irgendeine schwere Krankheit, nicht die Freilassung der Schlange; denn die Opferschauer sind nicht so unglücklich, daß nicht einmal durch Zufall etwas geschehen sollte, was sie als zukünftig vorausgesagt haben.

XXX. 63. Darüber würde ich mich wundern, wenn ich es glaubte, daß, wie du sagtest, Kalchas bei Homer aus der Zahl der Sperlinge die Jahre des Trojanischen Krieges geweissagt habe Vgl. I, 33, 72., von dessen Deutung Agamemnon bei Homer, wie wir in einer müßigen Stunde übersetzt haben, folgendes spricht Nicht Agamemnon, sondern Odysseus spricht diese (aus Ilias 2, 299 bis 330 übersetzten) Verse zu den Griechen, indem er sie an ihr Versprechen und die gegebenen Götterzeichen erinnert und sie zum Bleiben auffordert. Cicero hat übrigens, wie gewöhnlich, im ganzen sehr frei übersetzt, trotzdem haben wir uns seiner Übersetzung angeschlossen.:

›Duldet, o Männer, und tragt mit Mut das drückende Elend,
Daß wir die Sprüche erfahren von unserem Seher, dem Kalchas,
Ob sie werden erfüllt, ob eiteles Wähnen der Brust nur.
Denn ihr alle wohl habt das Wunder in treuer Erinn'rung,
Die nicht das harte Geschick das Leben zwang zu verlassen.
Als von argolischen Schiffen zuerst ward Aulis umgeben,
Welche Verderben und Tod dem Priamus brachten und Troja,
Sahn wir am kühlenden Naß und bei dem rauchenden Altar,
Wo wir die Götter versöhnten durch Stiere mit goldenen Hörnern,
Unter des Ahorns Schatten, von wo die Quelle herausströmt,
Eines gewaltigen Drachen Gestalt mit schrecklicher Windung,
Wie durch Iupiter selber gesandt er sich nahte vom Altar.
Er nun ergriff mit Gier auf des Ahorns Zweige die Jungen,
Welche die Blätter verbargen; und als er die achte verschlungen,
Flog als die neunte die Mutter umher mit bebendem Angstschrei.
Und auch diese zerfleischte mit grimmigem Bisse das Untier.
64. Als er die zarten Jungen und auch die Mutter gewürget,
Ließ ihn der Sohn des Saturn, der an den Tag ihn gesendet,
Wieder verschwinden und wandelt' ihn um in steinerne Hülle.
Wir jedoch standen voll Furcht und schauten das Zeichen des Wunders,
Das da erschien in der Mitte der heiligen Götteraltäre.
Kalchas redete drauf mit vertrauenerweckender Stimme:
Warum seid ihr so plötzlich vor Staunen starr, ihr Achiver?
Selbst der Vater der Götter hat uns dies Zeichen verliehen,
Langsam und spät zur Erfüllung, doch ewig an Ruhm und an Lobe.
So viel Vögel ihr seht von des Untiers Zahne getötet,
So viel werden wir Jahre des Kriegs ausharren vor Troja.
Dies wird fallen im zehnten und stillen den Grimm der Achiver.
Dies hat Kalchas gesprochen, ihr habt es gereift zur Vollendung.‹

65. Was ist denn das für eine Weissagung, aus den Sperlingen auf die Jahre viel mehr als auf Monate oder Tage zu schließen? Warum aber schöpft er seine Mutmaßung von den Sperlingen, bei denen kein Wunder war, und schweigt von dem Drachen, der, was unmöglich war, zu Stein verwandelt sein soll? Endlich, was hat der Sperling für eine Ähnlichkeit mit den Jahren? Denn von der Schlange, die dem Sulla beim Opfer erschien, ist mir beides in der Erinnerung, daß Sulla, als er ins Feld rücken wollte, geopfert hat und daß eine Schlange unter dem Altar hervorgekommen ist und daß an diesem Tage die Schlacht glänzend gewonnen wurde, nicht auf den Rat des Opferschauers, sondern auf den des Feldherrn.

XXXI. 66. Und diese Gattungen von Zeichen haben nichts Wunderbares; wenn sie eingetreten sind, dann werden sie auf irgendeine Mutmaßung durch die Deutung zurückgeführt. So seien jene in den Mund des Knaben Midas zusammengetragenen Weizenkörner oder die Bienen, die sich, wie du sagtest, auf den Lippen Platons niederließen, nicht an sich wunderbar, wohl aber artig gedeutet Vgl. I, 36, 78.; doch konnten sie entweder selbst falsch oder das, was vorausgesagt ist, zufällig eingetroffen sein. Von Roscius Vgl. I, 36, 79. selbst kann der Umstand wenigstens falsch sein, daß er von einer Schlange umwunden war; daß aber eine Schlange in der Wiege war, ist nicht eben wunderbar, zumal in Solonium, wo die Schlangen am Herd ihren Verkehr zu treiben pflegen. Denn was das anlangt, daß die Opferschauer erklärten, er werde vor allen berühmt und ausgezeichnet werden, so wundere ich mich, daß die Götter einem zukünftigen Schauspieler Berühmtheit vorausgedeutet haben, dem Africanus Nämlich Publius Cornelius Scipio Africanus der Ältere, 205 v. Chr. Konsul, der den Hannibal (202) bei Zama schlug. aber nicht. 67. Du hast ja auch die Flaminischen Zeichen Vgl. I, 35, 77. gesammelt, ›daß er selbst und sein Roß plötzlich niederstürzten‹. Das ist fürwahr nicht wunderbar. ›Wenn das Feldzeichen der ersten Kompanie der Hastaten nicht hat herausgenommen werden können‹, so zog vielleicht der Adlerträger ängstlich an dem Schaft, den er vertrauensvoll hineingestoßen hatte. Was erregte denn das Roß des Dionysios Vgl. I, 33, 73. für Bewunderung, daß es aus dem Fluß hervortauchte und daß es Bienen in seiner Mähne hatte? Aber weil er nach kurzer Zeit die Regierung antrat, so galt das, was zufällig sich ereignet hatte, für ein Wunderzeichen.« – »Aber bei den Lakedaimoniern ertönten im Tempel des Herakles die Waffen, und zu Theben öffneten sich plötzlich die verschlossenen Flügeltüren desselben Gottes, und die Schilde, die in der Höhe befestigt waren, wurden auf der Erde gefunden!« Vgl. I, 34, 74. – »Da von diesem allen nichts ohne irgendwelche Bewegung hat geschehen können, was ist für ein Grund vorhanden, zu behaupten, daß dies eher durch göttlichen Einfluß als durch Zufall geschehen sei?«

XXXII. 68. »Aber auf dem Haupte der Statue Lysanders entstand ein Kranz aus stachligen Kräutern, und zwar plötzlich Vgl. I, 34, 75..« – »Wirklich? Glaubst du, daß der Kräuterkranz eher entstanden sei, als der Samen empfangen worden? Das wilde Kraut aber, denke ich, ist durch Vögel hergeschafft, nicht durch Menschen gesät. Dann kann alles, was auf dem Kopfe ist, einem Kranze ähnlich erscheinen. Denn daß zu derselben Zeit, wie du sagtest, die zu Delphoi aufgestellten goldenen Sterne des Kastor und Polydeukes herabgefallen sind und nirgends wieder aufgefunden wurden Vgl. I, 34, 75., das scheint eher eine Tat der Diebe als der Götter zu sein. 69. Daß die Bosheit des Dodonäischen Affen Vgl. I, 34, 76. der griechischen Geschichte überliefert worden ist, wundert mich. Was ist weniger wunderbar, als daß jenes allerhäßlichste Tier die Urne umgeworfen und die Lose zerstreut hat? Und die Geschichtsschreiber behaupten, daß den Lakedaimoniern kein traurigeres Zeichen als dieses begegnet sei. Und was jene Weissagung der Veienter anlangt, wenn der Albanische See überströmte und ins Meer flösse, so würde Rom zugrunde gehen; wenn er aber zurückgedrängt würde, Veii Vgl. I, 44, 99. – Hinter Veios muß etwas ausgefallen sein. – so wurde das Wasser des Albanischen Sees zum Nutzen der Felder vor dem Stadtgebiet, nicht zur Erhaltung der Burg und der Stadt abgeleitet.« – »Aber kurz darauf ließ sich eine warnende Stimme hören, man solle sich in acht nehmen, daß Rom nicht von den Galliern eingenommen werde; hierauf sei dem Aius Loquens Vgl. I, 45, 101. ein Altar auf der neuen Straße geweiht worden.« – »Wie nun? Jener Aius Loquens sagte und redete, als niemand ihn kannte, und bekam davon den Namen. Nachdem er aber Sitz, Altar und Namen gefunden hat, ist er verstummt? Dasselbe läßt sich von der Moneta Vgl. 1, 45, 101; Anmerkung 279. sagen; wann sind wir je von ihr gewarnt worden, außer wegen des trächtigen Schweines?

XXXIII. 70. Genug von den Wunderzeichen! Es bleiben noch die Auspizien übrig und diejenigen Lose, die gezogen werden, nicht die, die durch Weissagung ausströmen, die wir richtiger Orakel nennen. Von diesen wollen wir dann reden, wenn wir zu der natürlichen Weissagung gelangt sind. Auch von den Chaldäern bleibt noch zu sprechen. Aber zuerst wollen wir die Auspizien betrachten.« – »Eine schwierige Aufgabe für einen Augur, dagegen zu sprechen Weil Cicero im Jahr 53 selbst Augur für den im Krieg gegen die Parther gefallenen M. Crassus gewesen war. Er hatte auch selbst eine Schrift De auguriis verfaßt, die aber verlorengegangen ist. Vgl. zu dem Sinn der ganzen Stelle I, 47, 105..« – »Für einen Marser Vgl. I, 58, 132. vielleicht, aber für einen Römer sehr leicht. Denn wir sind nicht solche Auguren, daß wir nach der Beobachtung der Vögel und der übrigen Zeichen die Zukunft weissagen. Und doch glaube ich, daß Romulus, der die Stadt unter Auspizien gründete, die Meinung gehabt hat, es gebe zur Voraussehung der Dinge eine Augurenwissenschaft – denn das Altertum irrte in vielen Sachen –, die wir jetzt teils durch den Gebrauch, teils durch die Bildung, teils durch das Alter verändert sehen Vgl. dazu I, 49, 108 und II, 14, 33.. Es wird aber wegen des Volksglaubens und zum großen Nutzen des Staates noch die Sitte, die Religion, die Wissenschaft, das Recht der Auguren und das Ansehen ihres Kollegiums beibehalten Das Kollegium der Auguren, deren Amt lebenslänglich war, bestand anfangs aus drei, unter Servius Tullius aus vier und seit Sulla aus fünfzehn Mitgliedern.. 71. Und fürwahr verdienten die Konsuln Publius Claudius und Lucius Iunius Vgl. I, 16, 29 und Vom Wesen der Götter II, 3, 7., die entgegen den Auspizien absegelten, jede Strafe. Denn sie mußten der Religion gehorchen und durften nicht die vaterländische Sitte so trotzig verschmähen. Mit Recht ist daher der eine vom Volksgericht verurteilt worden, und der andere hat sich selbst das Leben genommen.« – »Flaminius Vgl. I, 35, 77. gehorchte nicht den Auspizien. Daher ist er mit seinem Heer zugrunde gegangen.« – »Aber ein Jahr darauf gehorchte Paulus Lucius Aemilius Paulus fiel in der Schlacht bei Cannae (220) gegen Hannibal.. Ist er etwa darum weniger mit seinem Heer in der Schlacht bei Cannae gefallen? Denn gesetzt, es gäbe auch Auspizien, wie es keine gibt, so sind doch wenigstens diejenigen, deren wir uns bedienen, Tripudium oder Himmelsbeobachtungen, nur Schattenbilder von Auspizien, richtige Auspizien auf keine Weise Vgl. besonders Vom Wesen der Götter II, 3, 9, wo Cicero die Vernachlässigung der Auspizien näher auseinandersetzt; über tripudium vgl. II, 34, 72..

XXXIV. ›Quintus Fabius, ich will, daß du mir beim Auspizium zugegen seiest.‹ Er antwortete: ›Ich habe es gehört Cicero gibt hier ein Beispiel eines zu seiner Zeit üblichen Auspiziums, indem er die Personen handelnd und miteinander sprechend einführt. Er bedient sich dabei der alten herkömmlichen Auspizienformeln..‹ Hier wurde bei unseren Vorfahren ein Sachverständiger zugezogen, jetzt jeder beliebige. Aber sachverständig muß notwendig der sein, der versteht, was Schweigen ist; denn Schweigen nennen wir bei den Auspizien das, was von jedem Fehler frei ist. 72. Das zu verstehen ist die Sache eines vollkommenen Auguren. Wenn aber der, der die Auspizien abhält, dem, der zum Auspizium hinzugezogen wird, folgendermaßen geboten hat: ›Sprich, wenn Schweigen zu sein scheint!‹, so blickt dieser weder auf noch um sich, sondern antwortet sofort: ›Es scheint Schweigen zu sein.‹ Darauf sagt jener: ›Sprich, wenn sie fressen!‹ – ›Sie fressen.‹ – ›Welche Vögel oder wo?‹ – ›Es hat‹, sagt er, ›in einem Käfig der die Hühner gebracht, der eben davon Hühnerwärter heißt.‹ Diese Vogel sind also Zwischenboten des Iupiter? Ob sie fressen oder nicht, was kommt darauf an? Für die Auspizien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, daß etwas aus dem Schnabel fällt und auf die Erde schlägt, so ist dies zuerst Erdaufschlag (terripavium), hernach Erdsprung (terripudium) genannt, und jetzt heißt es tripudium. Wenn also ein Bissen aus dem Schnabel des Huhnes gefallen ist, so wird dem, der die Auspizien hält, ein tripudium solistimum gemeldet Vgl. I, 15, 28. Das Wort solistimum leitet man von solum, Boden, ab, andere auch von solus, also soviel wie »von selbst«, »freiwillig«..

XXXV. 73. Kann also dieses Auspizium irgend etwas Göttliches haben, das so erzwungen und abgepreßt ist? Daß die ältesten Auguren sich dessen nicht bedient haben, dafür ist der Beweis, daß wir einen alten Beschluß des Kollegiums haben, daß jeder Vogel ein Tripudium machen könne. Dann würde es also ein Auspizium sein, wenn es dem Vogel freistände, sich zu zeigen; dann könnte jener Vogel als Dolmetscher und Trabant Iupiters angesehen werden. Jetzt aber, wenn er, in den Käfig eingeschlossen und vor Hunger erschöpft, über den Bissen Brei Vgl. I, 15, 28. herfällt und wenn ihm etwas dabei aus dem Schnabel fällt, hältst du das für ein Auspizium, oder meinst du, daß Romulus so Auspizien zu halten pflegte? 74. Glaubst du ferner, daß diejenigen, welche Auspizien anstellten, nicht selbst den Himmel zu beobachten pflegten? Jetzt befehlen sie dem Hühnerwärter; dieser berichtet. Den Blitz zur Linken halten wir für das günstigste Auspizium bei allen Dingen, außer bei den Wahlversammlungen Vgl. II, 18, 43., und dies ist im Interesse des Staates festgesetzt, damit bei den Wahlversammlungen sowohl in bezug auf die Volksgerichte wie bei der Gesetzgebung und der Wahl der Magistratspersonen die Ersten im Staat die Entscheidung hätten.« – »Aber als auf das Schreiben des Tiberius Gracchus die Auguren urteilten, daß die Wahl der Konsuln Scipio und Figulus fehlerhaft gewesen sei, dankten diese ab Vgl. hierzu I, 17, 33. Die beiden Konsuln des Jahres 162 v. Chr. sind Publius Cornelius Scipio Nasica Corculum (d. i. der Einsichtige), der Sohn des Publius Cornelius Scipio Nasica Optimus, und Gaius Marcius Figulus..« – »Wer leugnet, daß es eine Wissenschaft der Auguren gibt? Die Weissagung leugne ich.« – »Aber die Opferschauer weissagen. Als Tiberius Gracchus diese wegen des plötzlichen Todes dessen, der bei der Aufzeichnung der Prärogativstimmen In praerogativa referenda. Die Prärogativstimme ist in den comitiis centuriatis die Stimme der ersten Zenturie, die dem Vorsitzenden (rogator comitiorum) von dem rogator hinterbracht wurde, vgl. Vom Wesen der Götter II, 4, 10. Cicero hat hier nach Hottingers Angabe bei rogatorem absichtlich comitiorum weggelassen, um es zweifelhaft zu lassen, ob der Vorsitzende oder der Stimmensammler (rogator primae centuriae oder praerogativae) gemeint sei, wie aus den gleich folgenden Worten »vide ne in eum dixerint, qui rogator centuriae fuisset« hervorgeht. auf einmal niedergestürzt war, in den Senat einführen ließ, so sagten sie, daß der Stimmensammler nicht rechtmäßig gewesen sei.« – 75. »Zuerst sieh zu, ob sie es nicht von dem Stimmensammler der Zenturie gesagt haben. Denn dieser war tot. Das konnten sie aber ohne Weissagung noch Mutmaßung sagen. Zweitens vielleicht durch Zufall, der auf keine Weise aus diesem Gebiet ausgeschlossen werden darf. Denn was konnten die etruskischen Opferschauer von der richtigen Wahl des Zeltes oder von dem Recht der Stadtmauer wissen? Ich wenigstens stimme lieber dem Gaius Marcellus Siehe über Gaius Marcellus und Appius Claudius I, 16, 29; 47, 105 und I, 58, 132; und vgl. das Urteil Ciceros über beide Auguren in der Schrift Von den Gesetzen 2, 13, 32. als dem Appius Claudius bei, die beide meine Amtsgenossen gewesen sind; und ich glaube, daß das Recht der Auguren, wenn es sich auch anfangs auf den Glauben an die Weissagung gegründet hat, dennoch hernach um des Staates willen bewahrt und beibehalten worden ist.

XXXVI. 76. Aber hierüber anderswo mehr; jetzt nur so weit. Denn wir wollen die auswärtigen Augurien betrachten, die nicht sowohl künstlich als vielmehr abergläubisch sind. Sie befragen fast alle Vögel; wir nur wenige. Andere sind bei jenen ungünstig, andere bei uns. Deiotarus pflegte mich nach der Lehre unserer Augurien zu befragen, und ich ihn nach der seinigen. Unsterbliche Götter! Was für ein Unterschied, so daß einige sogar entgegengesetzt sind. Und jener wandte sie immer an; wir, außer wenn wir vom Volke übertragene Auspizien haben Dies bezieht sich auf die magistratus maiores, wie Konsuln, Prätoren und Censoren, welche Auspizien hatten., wie selten bedienen wir uns derselben! Unsere Vorfahren wollten nicht, daß ein Kriegsunternehmen ausgeführt würde, ohne daß vorher Auspizien angestellt wurden. Wie viele Jahre sind es her, daß Kriege von Konsuln und Proprätoren geführt werden, die keine Auspizien haben Die Prokonsuln und Proprätoren, die in den comitiis tributis gewählt waren und aus dem Privatstand zu diesen Ehren erhoben waren, hatten keine Auspizien, während die Konsuln und Prätoren die Auspizien der Hühner beobachteten.! 77. Daher setzen sie ohne Auspizien über die Flüsse Beim Übergang über eine Quelle oder einen Fluß wurden von den Priestern und Magistraten, wenn sie sich zu amtlichen Verrichtungen begaben, Auspizien angestellt, die sogenannten auspicia peremnia (entstanden aus per und amnis), vgl. Vom Wesen der Götter II, 3, 9. und halten kein Tripudium. Denn das Auspizium aus den Waffenspitzen Ex acuminibus. Diese acumina werden verschieden erklärt. Die wahrscheinlichste Erklärung ist die, daß man sie auf die elektrischen Flämmchen, die sich unter Umständen an den Spitzen der Lanzen zeigten, bezieht; vgl. Livius 22, 1 und 43, 13. Andere Erklärer beziehen sie auf die sich zuspitzenden Flammen des Opferfeuers, vgl. Vom Wesen der Götter II, 3, 9., das ein ganz militärisches ist, hat schon Marcus Marcellus, jener fünfmalige Konsul und zugleich ausgezeichneter Feldherr und Augur Marcus Claudius Marcellus, der fünfmal (222, 215, 214, 210, 208 v. Chr.) Konsul war, schlug den Hannibal bei Nola in die Flucht (216), belagerte und eroberte Syrakus (212) und wurde zuletzt bei Venusia in Lucanien von Hannibal besiegt und getötet (207)., gänzlich unterlassen. Wo ist also die Weissagung der Vögel? Da die, die keine Auspizien haben, Kriege führen, so scheint jene Art der Weissagung von den städtischen Beamten beibehalten, aber von denen im Kriege Vgl. II; 36, 76 am Ende. aufgehoben zu sein. Und jener eben sagte, wenn er eine Unternehmung ausführen wolle, so pflege er, um nicht durch die Auspizien daran gehindert zu werden, in einer bedeckten Sänfte zu reisen. Denn ähnlich ist das, was wir Auguren vorschreiben, daß man die Zugtiere voneinander spannen solle, damit nicht ein vereintes Auspizium eintrete. 78. Heißt das etwas anderes, als von Iupiter sich nicht warnen lassen zu wollen, wenn man die Sache so einrichtet, daß entweder das Auspizium nicht stattfinden oder, wenn es eintritt, nicht gesehen werden kann?

XXXVII. Denn das ist gar zu lächerlich, was du von Deiotarus erzählst, er bereue die ihm auf der Reise zu Pompeius dargebotenen Auspizien nicht, weil er die Treue und Freundschaft dem römischen Volke bewahrt und seine Pflicht geleistet habe; denn ihm sei das Lob und der Ruhm von höherer Bedeutung gewesen als sein Reich und seine Besitzungen. Ich glaube es wohl; aber das geht die Auspizien nichts an. Denn die Krähe konnte hier auch nicht verkünden, daß er recht handle, indem er die Freiheit des römischen Volkes zu verteidigen dachte. Er selbst fühlte dies, wie er es gefühlt hat. 79. Die Vögel zeigen die Ereignisse, glückliche oder unglückliche, an. Wie ich sehe, hat aber Deiotarus die Auspizien der Tugend Man nimmt an, Cicero habe bei diesen Worten die Rede Hektors im Sinne gehabt (bei Homer, Ilias XII, 230 bis 243), in der dieser dem Polydamas abrät, den unglücklichen Vogelflug zu beachten, und dagegen ihn auffordert, lieber dem Willen des Zeus zu folgen. befolgt, die da auf das Glück zu sehen verbietet, wenn nur die Treue bewahrt wird. Wenn die Vögel glückliche Erfolge gezeigt haben, so haben sie ihn sicher getäuscht. Er floh mit Pompeius aus der Schlacht. Eine harte Zeit! Er trennte sich von ihm. Ein trauriges Ereignis! Er sah den Caesar zu gleicher Zeit als Feind und Gast. Was gibt es Traurigeres? Als dieser ihm die Tetrarchie der Trogmer Die Trogmer oder Trokmer waren ein Volksstamm in Galatien, dem Reiche des Königs Deiotarus. entrissen und einem seiner Anhänger, einem Pergamenier, ich weiß nicht, wem Cicero sagt aus Haß gegen Caesars Willkür hier: Ich weiß nicht, wem; es war aber Mithridates von Pergamos, der für einen natürlichen Sohn des Königs Mithridates von Pontus gehalten wird; er war im Alexandrinischen Kriege (48 bis 47) Caesar zu Hilfe gezogen und erhielt zum Lohn die Bosporanische Königskrone., gegeben und ihm das vom Senat verliehene Armenien entzogen hatte und von ihm aufs prächtigste bewirtet worden war, ließ er ihn, den Wirt und König, beraubt zurück. Doch ich schweife zu weit ab, ich will zu meinem Vorhaben zurückkehren. Wenn wir nach den Ereignissen fragen, die durch die Vögel erforscht werden, so waren sie dem Deiotarus auf keine Weise günstig; wenn aber nach der Pflicht, so entnahm er diese von der Tugend selbst und nicht von den Auspizien.

XXXVIII. 80. Laß also den Lituus des Romulus Vgl. I, 17, 30. fahren, von dem du behauptest, er habe bei der größten Feuersbrunst nicht verbrennen können; verachte den Wetzstein des Attus Navius Vgl. I, 17, 31 f.. Keine Stelle dürfen in der Philosophie erdichtete Märchen finden. Das war die Sache eines Philosophen, zuerst die Natur des ganzen Augurienwesens zu untersuchen, dann seine Erfindung und zuletzt seine Folgerichtigkeit. Was ist denn das für eine Natur, welche die hin- und herschweifenden Vögel veranlaßt, etwas anzuzeigen, bald eine Handlung zu verbieten, bald sie anzubefehlen, entweder durch Stimme oder Flug? Warum ist es einigen Vögeln verliehen, von der Linken, anderen, von der Rechten ein Auspizium gültig zu machen? Wie aber ist dies oder wann oder von wem erfunden worden? Die Etrusker haben doch einen ausgeackerten Knaben als Urheber ihrer Lehre Nämlich den Tages; vgl. II, 23, 50.. Wen wir? Den Attus Navius? Aber Romulus und Remus, beide Auguren, wie uns berichtet wird, sind um mehrere Jahre älter. Oder sollen wir es für Erfindungen der Pisider oder Kilikier oder Phryger erklären Vgl. I, 1, 2.? Beliebt es also, die, denen menschliche Gesittung fehlt, als Urheber göttlicher Weisheit Divinitatis, was Cicero hier in gleichem Sinne mit divinatio gebraucht hat, ebenso wie divinus auch weissagend und divinare weissagen bedeutet. anzunehmen?«

XXXIX. 81. »Aber alle Könige, Völker und Nationen bedienen sich der Auspizien.« – »Als ob etwas so sehr alltäglich wäre wie der Unverstand; oder als ob dir selbst beim Urteil die Menge Geltung hätte. Wieviel Menschen gibt es denn, die das Vergnügen nicht für ein Gut halten? Die meisten behaupten sogar, daß es das höchste Gut sei. Lassen sich etwa deshalb die Stoiker Die Stoiker, die nur die Tugend für ein Gut und das Laster für ein Übel hielten. durch deren große Anzahl von ihrer Meinung abschrecken, oder befolgt etwa in den meisten Dingen die Menge ihr Urteil? Was Wunder also, wenn bei den Auspizien und bei der ganzen Weissagung schwache Geister diesen Aberglauben auffassen, das Wahre aber nicht erkennen können? 82. Was ist aber unter den Augurien für eine übereinstimmende und feste Ansicht? Dem Gebrauche unserer Augurien gemäß sagt Ennius:

›Wenn bei heiterem Himmel zur Linken es günstig gedonnert Aus den Annalen des Ennius, II, 5; vgl. I, 20, 40..‹

Aber der Homerische Ajax Nicht Aiax, sondern Odysseus spricht diese Worte bei Homer (Ilias IX, 236)., der sich bei Achilleus über den Starrsinn der Trojaner beklagt, meldet auf folgende Weise:

›Ihnen verkündete Zeus das Glück durch Blitze zur Rechten.‹

So erscheint uns das Linke, den Griechen und Barbaren das Rechte als günstiger Die Griechen hielten die Auspizien zur Rechten für günstig, die Römer dagegen die zur Linken. Der Grund davon ist, daß die Griechen, wenn sie Auspizien einholten, sich mit dem Gesicht nach Norden, die Römer aber gegen Süden stellten. Beiden Nationen galt der Osten für glückverkündend, und diesen hatten die Griechen zur Rechten, die Römer zur Linken. Vgl. I, 7, 12; I, 39, 85 und II, 38, 80. – obgleich ich sehr wohl weiß, daß wir das, was günstig ist, links nennen, auch wenn es zur Rechten ist. Aber sicherlich haben die Unsrigen es links genannt, die Fremden rechts, weil es ihnen wenigstens günstiger erschien. Was ist das für ein großer Widerspruch! 83. Wie, bedienen sie sich nicht anderer Vögel, anderer Zeichen, beobachten anders und geben andere Antworten? Muß man nicht eingestehen, daß hiervon vieles teils auf Irrtum beruht, teils auf Aberglauben, vieles auf Betrug?

XL. Und diesem Aberglauben hast du kein Bedenken getragen auch die Omina oder Vorbedeutungen Vgl. I, 45, 102. anzureihen? Aemilia sagte zu Paulus, Persa sei gestorben Vgl. I, 46, 103., was der Vater als Omen annahm; Caecilia sagte, sie räume ihrer Nichte ihren Platz ein. Ferner die Anordnung: ›Wahret die Zungen Vgl. I, 45, 102.!‹ und die Prärogative, das Omen der Wahlversammlungen Vgl. I, 45, 103.; das heißt gegen sich selbst wortreich und beredt sein. Denn wann wirst du, wenn du diese Dinge beobachtest, ruhigen und freien Geistes sein können, um bei einer Unternehmung nicht den Aberglauben, sondern die Vernunft zum Führer zu haben? Wie also? Wenn einer etwas seinen Verhältnissen und seiner Rede gemäß gesagt hat und eines seiner Worte gerade zu dem paßt, was du vorhast oder denkst, soll dir dies entweder Besorgnis oder Mut einflößen? 84. Als Marcus Crassus zu Brundisium sein Heer einschiffte, rief im Hafen ein Mann, der Feigen, die von Caunus angekommen waren, verkaufte: Cauneas Über Marcus Crassus vgl. I, 16, 29. Der Verkäufer der Feigen rief: Cauneas, d. h. Feigen aus Caunus, einer Stadt in Karien in Kleinasien, was auch klingen konnte wie: cav' n' eas (cave ne eas) = hüte dich zu gehen!. Wenn es dir gefällt, können wir da sagen, daß Crassus von ihm gewarnt sei, er möge sich hüten zu gehen, und daß er, wenn er diesem Omen gefolgt wäre, nicht umgekommen wäre. Wenn wir dies anerkennen, so werden wir auf das Anstoßen des Fußes, das Zerreißen eines Schuhriemens und auf das Niesen Achtung geben müssen.

XLI. 85. Es bleiben nun noch die Lose übrig und die Chaldäer, um auf die Träume zu kommen. Du glaubst also, von den Losen reden zu müssen? Was ist denn ein Los? Beinahe dasselbe wie das Fingerspiel Lateinisch micare. Dieses Fingerspiel, das seinen Namen von der schnellen Bewegung der Finger erhalten hat, ist noch jetzt in Italien unter dem Namen la mora bei den Landsleuten üblich. Zwei Menschen stehen mit geballter Faust einander gegenüber. Indem jeder einen oder mehrere Finger in die Höhe hält, ruft er zugleich eine Zahl von 1 bis 10 aus. Wessen Zahl nun mit der Summe der von beiden in die Höhe gerichteten Finger zusammentrifft, der hat gewonnen. Vgl. auch Cicero, Von den Pflichten, III, 19, 76., Knöchel- oder Würfelwerfen Talos, tesseras iaecre; talus ist der ursprünglich aus den Knöcheln der Hinterfüße gewisser Tiere gemachte längliche Würfel, an zwei Seiten rund und daher nur mit vier bezeichneten Seiten. Die tesserae dagegen waren kubisch geformt und hatten daher auch sechs bezeichnete Seiten., wobei das Ungefähr und der Zufall, nicht Vernunft und Klugheit walten. Die ganze Sache ist durch Betrug erfunden oder auf Gewinn, auf Aberglauben oder auf Täuschung abgesehen. Und wie wir bei der Opferschau getan haben, so laß uns zusehen, was für eine Erfindung der berühmtesten Lose berichtet wird. Die Denkmäler von Praeneste Praeneste, eine Stadt in Latium, in der Nähe von Rom, das heutige Palestrina, das auf den Trümmern des von Sulla errichteten Tempels der Fortuna erbaut ist. erzählen, daß Numerius Suffucius, ein angesehener und vornehmer Mann, durch häufige, zuletzt auch drohende Träume aufgefordert worden sei, an einem bestimmten Platz einen Kieselstein zu zerschlagen, und, durch die Traumgesichte erschreckt, habe er, obwohl ihn seine Mitbürger verspotteten, es zu tun begonnen; und so seien aus dem zerschlagenen Stein die Lose hervorgebrochen von Eichenholz, auf denen altertümliche Schriftzeichen eingegraben waren. Diese Stelle ist heutigen Tages gewissenhaft eingezäunt, dicht neben dem Tempel des Knaben-Iupiter, der, als Säugling mit der Iuno im Schloß der Fortuna Die Fortuna Primigenia zu Praeneste, wo sie eben ihren prächtigen Tempel hatte, war eine Natur- und Schicksalsgöttin von allgemeiner Bedeutung und galt als Mutter des lupiter und der Iuno und offenbarte ihren Willen durch Lose. Die erwähnten matres, die sie verehren, sind die mit Kindern gesegneten Matronen. sitzend, nach der Brust greift und von den Müttern mit der größten Andacht verehrt wird. 86. Und zu derselben Zeit soll an der Stelle, wo jetzt der Tempel der Fortuna steht, Honig aus einem Ölbaum geflossen sein, und die Opferschauer sollen gesagt haben, daß jene Lose großes Ansehen erlangen würden, und auf ihr Geheiß sei aus jenem Ölbaum ein Kasten gemacht und darin die Lose aufbewahrt worden, die jetzt auf den Wink der Fortuna gezogen werden. Was kann also bei diesen Zuverlässiges sein, die auf den Wink der Fortuna von der Hand eines Knaben gemischt und gezogen werden? Auf welche Weise sind sie an jenen Ort gelegt? Wer hat jenes Eichenholz gefällt, behobelt und beschrieben? ›Es gibt nichts‹, sagen sie, ›was Gott nicht bewirken könnte.‹ O, daß er doch die Stoiker weise gemacht hätte, damit sie nicht alles mit abergläubischer und peinlicher Ängstlichkeit glaubten! Aber diese Art der Weissagung ist ja schon von dem gewöhnlichen Leben verhöhnt worden. Die Schönheit des Tempels und sein Alter erhält auch jetzt noch den Namen der Praenestinischen Lose, und zwar für das gemeine Volk. 87. Denn welche obrigkeitliche Person oder welcher bedeutendere Mann bedient sich der Lose? An anderen Orten aber sind sie gänzlich außer Gebrauch gekommen. Daher schreibt Kleitomachos Kleitomachos aus Karthago war ein Schüler des Karneades und zeichnete dessen Lehre auf. Über Karneades vgl. I, 4, 7., daß Karneades zu sagen pflegte, er habe nirgends eine glücklichere Fortuna als zu Praeneste gesehen.

XLII. Wir wollen also diese Art der Weissagung beiseite lassen. Kommen wir auf die Wundererscheinungen (monstra) der Chaldäer! Von diesen meint Eudoxos, ein Zuhörer Platons Eudoxos aus Knidos war ein Schüler des Pythagoreers Archytas und Platons und lebte um 360 v. Chr., nach dem Urteil der gelehrtesten Männer wohl der Erste in der Astrologie, folgendes, was er in seinen Schriften hinterlassen hat: Den Chaldäern sei bei ihrer Weissagung und bei der Angabe des Lebenslaufes eines jeden aus dem Geburtstag In notatione cuiusque vitae ex natali die, was im § 89 natalicia praedicta heißt. Es ist die sogenannte Nativitätsstellung am Geburtstage eines Menschen darunter zu verstehen, d. h. der Stand der Gestirne zu seiner Geburtszeit, woraus seine Schicksale prophezeit werden. durchaus nicht zu glauben. 88. Auch Panaitios Über Panaitios vgl. zu I, 3, 6; Anmerkung 50., der allein von den Stoikern die Voraussagungen der Astrologen verwarf, nennt Archelaos und Kassandros Archelaos und Kassandros sind Zeitgenossen des Panaitios, sonst weiter nicht bekannt. die bedeutendsten Astrologen jener Zeit, in der er selbst lebte, und sagt von ihnen, daß, obgleich sie sich in den übrigen Teilen der Astrologie hervortaten, sie sich dieser Art der Weissagung nicht bedient hätten. Der Halikarnassier Skylax Skylax aus Halikarnassos in Karien wird sonst nicht genannt., ein Freund des Panaitios, ausgezeichnet in der Astrologie und zugleich der Erste in der Verwaltung seiner Stadt, verwarf diese ganze Gattung der Weissagung bei den Chaldäern. 89. Doch wir wollen die Zeugen beiseite lassen, um auf die Gründe zu kommen. Die Verteidiger dieser Geburtsweissagungen der Chaldäer führen so den Beweis: Sie sagen, es sei eine gewisse Kraft in dem Gestirnkreis, der griechisch Zodiakos heißt, von der Art, daß ein jeder Teil dieses Kreises, der eine auf diese, der andere auf jene Weise, den Himmel bewegt und verändert, je nachdem jeder Stern zu dieser Zeit in diesen und den benachbarten Teilen steht; und diese Kraft werde von den Sternen, welche Irrsterne heißen, auf mannigfaltige Weise bestimmt Über den Tierkreis oder Zodiakos vgl. Vom Wesen der Götter, II, 20, 52.. Wenn sie aber gerade an den Teil des Kreises gekommen sind, in den die Entstehung des Geborenen fällt, oder in den, der irgendeine Verbindung oder Übereinstimmung mit ihnen hat, so nennen sie dies den Gedritt- und Geviertschein Vgl. Sextus Empiricus, Gegen die Mathematiker, V, 39.. Denn da durch das Vor- und Rückschreiten der Sterne so große Veränderungen und Abwechslungen der Jahreszeiten und der Lufttemperatur Wir haben nach der Konjektur Hottingers übersetzt, der temporum anni tempestatumque coeli schreibt statt des handschriftlichen tempore. entstehen, und da das, was wir sehen, durch die Kraft der Sonne bewirkt wird, so halten sie es nicht nur für wahrscheinlich, sondern für gewiß, daß gerade wie die Temperatur der Luft beschaffen sei, so die Kinder bei ihrer Geburt beseelt und gestaltet werden und daß hieraus sich die Anlagen, der Charakter, das Gemüt, der Leib, die Lebensweise, die Zufälle und Schicksale eines jeden bilden.

XLIII. 90. O unglaublicher Wahnwitz! Denn nicht darf man jeden Irrtum Torheit nennen. Ihnen Den ebengenannten Chaldäern. gesteht auch der Stoiker Diogenes Der Stoiker Diogenes aus Babylon war ein Schüler des Chrysippos und Lehrer des Neuakademikers Karneades in der Dialektik; vgl. über ihn I, 3, 6; Anmerkung 47. etwas zu, aber nur so viel, daß sie voraussagen könnten, wie beschaffen eines jeden Natur und wozu er am meisten geeignet sein werde. Das übrige, was sie behaupteten, sagt er, könnten sie auf keine Weise wissen; denn die Gestalt von Zwillingsbrüdern sei sich ähnlich, ihr Leben und Schicksal meistens verschieden. Prokles und Eurysthenes, die Könige der Lakedaimonier Prokles und Eurysthenes, die Zwillingssöhne des Herakliden Aristodemos, bekamen bei der Einwanderung der Dorier in den Peleponnes Sparta; daher herrschten in Sparta immer zwei Könige, ein Agide (von Agis I, dem Sohne des Eurysthenes benannt) und ein Proklide. Vgl. über beide Brüder Pausanias III, 1, 7 bis 9., waren Zwillingsbrüder. 91. Aber sie sind nicht gleich alt geworden; denn das Leben des Prokles war um ein Jahr kürzer und zeichnete sich vor seinem Bruder bedeutend durch Tatenruhm aus. Aber ich behaupte, daß eben das, was der brave Diogenes den Chaldäern mit einer gewissen Pflichtvergessenheit zugesteht, keinen Sinn hat. Denn da, wie sie selbst sagen, der Mond die Geburten beherrscht und die Chaldaer diejenigen Sterne in der Geburtsstunde beobachten und anmerken, die mit dem Mond in Verbindung zu stehen scheinen, so beurteilen sie nach dem höchst trüglichen Sinn der Augen das, was sie mit der Vernunft und dem Geist sehen sollten. Denn die Berechnung der Mathematiker, die ihnen bekannt sein sollte, lehrt, in welcher niedrigen Bahn der Mond läuft, indem er fast die Erde berührt; wie weit er von nächsten Stern, dem Mercur, entfernt ist, wieviel weiter von der Venus, sodann wie weit er in einem anderen Zwischenraum von der Sonne absteht, durch deren Licht er, wie man glaubt, erleuchtet wird Nämlich nach dem Ptolemäischen System (Ptolemaios aus Alexandria um 150 v. Chr.) steht die Erde im Mittelpunkt, und um sie bewegt sich zunächst der Mond, dann der Mercur, die Venus, die Sonne usw.. Die drei übrigen Zwischenräume aber sind unendlich und unermeßlich, von der Sonne zum Mars, von da zum Iupiter, von diesem zum Saturn und von da bis zum Himmel selbst, der die äußerste und letzte Grenze der Welt ist. 92. Was für ein Einfluß kann also von einem fast unendlichen Zwischenraum auf den Mond oder vielmehr auf die Erde stattfinden?

XLIV. Wie? Wenn sie sagen, was sie notwendig sagen müssen, daß die Geburten aller, die auf der bewohnten Erde geboren werden, dieselben seien und daß allen, die bei demselben Stand des Himmels und der Sterne geboren sind, dasselbe begegnen müsse: ist das nicht von der Art, daß diese Himmelsdeuter offenbar nicht einmal die Natur des Himmels kennen müssen Zu diesem Angriff Ciceros vgl. besonders Gellius, Attische Nächte XIV, 1, wo der Philosoph Favorinus (Rhetor um 130 n. Chr. zu Rom) gegen den astrologischen Aberglauben der Chaldäer redet.? Denn da jene Kreise, die den Himmel gleichsam in der Mitte durchschneiden und unsere Aussicht begrenzen, die von den Griechen die Horizonte genannt werden und von uns sehr treffend die Grenzkreise genannt werden können, die größte Verschiedenheit haben und an allen Orten anders sind; so kann notwendig der Aufgang und Untergang der Sterne nicht bei allen zu derselben Zeit erfolgen. 93. Wenn nun durch ihren Einfluß der Himmel bald auf diese, bald auf jene Weise bestimmt wird, wie kann bei den Geborenen ein und dieselbe Kraft walten, da die Verschiedenheit des Himmels so groß ist? In den Gegenden, die wir bewohnen, geht der Hundsstern Canicula, der hellste Stern im Hundsgestirn (Großen Hund), auch Sirius genannt, dessen Aufgang Hitze brachte. Solstitium oder Sonnenwende ist hier das Sommersolstitium (21. Juni). nach dem Solstitium auf, und zwar um mehrere Tage später, bei den Troglodyten Die Troglodyten waren ein äthiopisches Volk, südlich von Ägypten am Arabischen Meerbusen; sie wohnten in Höhlen. Vgl. Herodot 4, 183 und Strabo XVII, 1., wie man schreibt, vor dem Solstitium, so daß, wenn wir auch zugeben, daß irgendein Einfluß des Himmels sich auf diejenigen, die auf der Erde geboren werden, erstrecke, jene doch eingestehen müssen, daß die, die zu derselben Zeit geboren werden wegen der Verschiedenheit des Himmels ganz verschiedene Naturen erhalten können. Das ist aber durchaus nicht ihre Ansicht. Denn sie behaupten, daß alle, die zu derselben Zeit, wo es auch immer sei, geboren werden, ein und dasselbe Schicksal haben.

XLV. 94. Aber was ist das für ein großer Wahnsinn, zu glauben, daß es bei den größten Bewegungen und Veränderungen des Himmels nicht darauf ankomme, welcher Wind, welcher Regen und welches Wetter überall sei, Dinge, bei denen oft an den nahegelegensten Orten so große Verschiedenheiten vorkommen, daß häufig eine andere Witterung zu Tusculum Vgl. I, 43, 98; Anmerkung 268. als zu Rom ist – dies bemerken am meisten die Schiffer, da sie beim Umsegeln der Vorgebirge oft die größte Verschiedenheit des Windes verspüren. Da also der Himmel bald heiter, bald stürmisch ist, kommt es da wohl vernünftigen Menschen zu, zu sagen, daß dies keinen Einfluß auf die Entstehung der Geborenen habe – wie es denn auch gewiß keinen hat und doch daneben zu behaupten, daß ein gewisser zarter Einfluß, der auf keine Weise gefühlt und kaum gedacht werden kann, so wie der vom Mond und von den übrigen Sternen auf die Temperatur der Witterung, sich auf die Geburt der Kinder erstrecke? Wie? Wenn sie nicht einsehen, daß dadurch die Kraft des Samens, die zum Zeugen und zum Hervorbringen so wesentlich wirkt, gänzlich aufgehoben wird, ist das wohl ein geringfügiger Irrtum? Denn wer sieht nicht, daß die Kinder die Gestalt und die Sitten und die meisten auch die Stellungen und Bewegungen den Eltern nachbilden? Dies würde nicht eintreffen, wenn nicht die Kraft und die Natur der Zeugenden, sondern die Temperatur des Mondes und die Beschaffenheit des Himmels es hervorbrächte. 95. Wie? Haben nicht Menschen, die in ein und demselben Augenblick geboren sind, verschiedene Naturen, Lebensweisen und Schicksale? Beweist das nicht hinlänglich, daß die Geburtszeit auf das Lebensgeschick durchaus keinen Einfluß hat? Wir müßten denn etwa glauben wollen, daß niemand zu derselben Zeit empfangen und geboren sei wie Africanus Einer von den beiden Scipio Africanus, die wohl beide gleich berühmt waren.. Hat es denn wohl einen zweiten wie diesen gegeben?

XLVI. 96. Wie? Ist wohl das zu bezweifeln, daß, wenn viele mit einem bestimmten Naturfehler auf die Welt kamen, sie entweder durch die Natur selbst, indem diese sich selbst berichtigte, oder durch die Kunst und durch Arznei wiederhergestellt und geheilt wurden, so wie bei denen, deren Zunge so angewachsen war, daß sie nicht sprechen konnten, diese durch einen Schnitt mit dem Messer frei gemacht wurde? Viele haben auch ein Naturgebrechen durch Nachdenken und Übung gehoben, wie Phalereus Demetrios Phalereus (aus Phaleron bei Athen), lebte zur Zeit Alexanders des Großen und war ein Schüler des Theophrastos, berühmter Staatsmann und Redner; unter Kassandros war er Statthalter von Athen (318 bis 308). Später von Antigonos und Demetrios Poliorketes vertrieben, wurde er Ratgeber des Ptolemaios von Ägypten; er starb zu Alexandria (283 v. Chr.). von Demosthenes schreibt, da er das Rho Den Buchstaben ñ = r. nicht habe aussprechen können, habe er es durch Übung so weit gebracht, es sehr deutlich auszusprechen. Wären dergleichen Fehler dem Menschen durch die Gestirne angeboren und mitgeteilt, so könnte sie nichts abändern. Wie, bringt nicht die Verschiedenheit der Gegenden auch eine Verschiedenheit in der Erzeugung der Menschen mit sich? Dies kann man leicht mit wenigen Worten andeuten, was für ein Unterschied zwischen den Indern und Persern, zwischen den Äthiopiern und Syriern an Leib und Geist ist, so daß die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit unglaublich groß ist. 97. Hieraus läßt sich ersehen, daß die Lage der Länder einen größeren Einfluß auf die Geburt hat als die Einwirkung des Mondes. Denn wenn sie sagen, daß die Babylonier 470 000 Jahre lang Proben und Versuche mit allen geborenen Kindern angestellt hätten D. h. daß sie die Stellung der Gestirne bei ihrer Geburt mit ihren späteren Lebensschicksalen und geistigen Anlagen verglichen hätten., so ist das eine Täuschung. Denn wenn es öfters geschehen wäre, so hätte man nicht damit aufgehört. Wir haben aber keinen Gewährsmann, der da sagte, daß es geschieht, oder der wisse, daß es geschehen ist.

XLVII. Siehst du nun, daß ich nicht das sage, was Karneades Über Karneades und Panaitios siehe I, 3, 6., sondern das, was einer der vorzüglichsten Stoiker, Panaitios, gesagt hat? Ich frage aber auch noch danach, ob alle, die in der Schlacht bei Cannae Die Schlacht bei Cannae in Apulien, in der die Römer unter Lucius Aemilius Paulus und Gaius Terentius Varro von Hannibal 216 v. Chr. gänzlich geschlagen wurden; mehr als 40 000 Römer, unter ihnen auch der Konsul Aemilius Paulus, wurden getötet. fielen, ein Gestirn gehabt haben. Das Ende war wenigstens bei allen ein und dasselbe. Wie, haben diejenigen, welche an Talent und Geist ausgezeichnet sind, etwa ein gleiches Gestirn? Gibt es denn eine Zeit, in der nicht unzählig viele geboren werden, aber gewiß keiner dem Homer gleich? 98. Und wenn es darauf ankommt, bei welcher Beschaffenheit des Himmels und bei welcher Stellung der Gestirne jedes lebende Wesen entstehe, so muß dies notwendig auch von leblosen Dingen gelten. Kann etwas Abgeschmackteres als dies behauptet werden? Zwar unser guter Freund, Lucius Tarutius Ferinanus Lucius Tarutius war ein mit Cicero befreundeter Astronom; vgl. auch Plutarch, Leben des Romulus, Kapitel 9, wonach er ein Zeitgenosse des berühmten Geschichtsschreibers Varro und ein in der alten Geschichte sehr belesener Mann war., der besonders in den Chaldäischen Berechnungen bewandert war, führte auch den Geburtstag unserer Stadt auf die Palilia Die Parilia oder Palilia waren ein Fest zu Ehren der Hirtengöttin Pales, das am 21. April gefeiert wurde. Vgl. Ovid, Festkalender 4, 721 bis 798; Metamorphosen 14, 774; ferner Tibull, Properz und andere. Der Name der Pales ist von einer Wurzel pâ (pa-sco) abzuleiten, welche die Bedeutung des Nährens, Erhaltens hat. zurück, an welchen sie von Romulus gegründet sein soll, und behauptete, Rom sei geboren, als der Mond im Zeichen der Waage stand, und er trug kein Bedenken, seine (Roms) Schicksale vorauszuverkündigen. 99. O über die so große Macht des Irrtums! Also auch die Geburt der Stadt sollte unter dem Einfluß der Gestirne und des Mondes stehen? Gesetzt, es komme bei einem Kind etwas darauf an, bei welcher Beschaffenheit des Himmels es den ersten Atemzug tat, konnte dies auch von dem Ziegelstein oder von dem Mörtel, womit die Stadt erbaut ist, gelten? Doch wozu mehr? Täglich wird es widerlegt. Wieviel, erinnere ich mich, wurde dem Pompeius Über Pompeius vgl. I, 14, 24 und II, 24, 53., wieviel dem Crassus Über Marcus Licinius Crassus vgl. I, 16, 29., wieviel auch dem Caesar von den Chaldäern geweissagt, daß keiner derselben anders als im Greisenalter, als zu Hause, als im Genusse seines Ruhmes sterben werde; so daß es mir sehr wunderbar scheint, wenn nur irgendeiner sich findet, der noch jetzt denen Glauben schenken kann, deren Weissagungen er täglich durch die Tat und durch den Erfolg widerlegt sieht.«

XLVIII. 100. »Es bleiben noch zwei Arten der Weissagung übrig, die wir von der Natur und nicht von der Kunst haben sollen, die der Seher und die Träume. Über diese«, sprach ich, »laß uns jetzt reden, wenn es dir recht ist, lieber Quintus.« – »Mir ist es ganz recht«, antwortete er; »denn dem, was du bisher auseinandergesetzt hast, stimme ich vollständig bei, und, um die Wahrheit zu sagen, obwohl mich deine Rede noch mehr bestärkt hat, so hielt ich doch schon von selbst die Ansicht der Stoiker über die Weissagung für allzu abergläubisch, und mich bewogen weit mehr die Gründe der Stoiker, sowohl die des alten Dikaiarchos Über die Peripatetiker Dikaiarchos und Kratippos vgl. I, 3, 5, und zu dieser Stelle Plutarch, Von den Meinungen der Philosophen, V, 1., wie die des jetzt lebenden Kratippos, die meinen, daß in den Geistern der Menschen gleichsam ein Orakel wohne, wodurch sie die Zukunft vorausahnten, wenn die Seele, entweder durch göttliche Begeisterung angeregt oder durch den Schlaf entfesselt, sich ungebunden und frei bewege. Was du über diese Arten der Weissagung denkst und mit welchen Gründen du sie entkräften willst, möchte ich wohl hören.«

XLIX. 101. Als er dies gesagt hatte, da begann ich wiederum gleichsam von neuem zu reden. »Ich weiß sehr wohl, Quintus«, sagte ich, »daß du immer so gedacht hast, indem du die übrigen Arten der Weissagung bezweifeltest; jene beiden aber, die der Begeisterung und des Traumes, da sie aus freiem Geist hervorzugehen schienen, annahmst. Ich will also über diese beiden Arten meine Ansicht sagen, wenn ich zuvor gesehen habe, was die Schlußfolgerung der Stoiker und unseres Kratippos für einen Wert habe. Denn du sagtest, daß Chrysippos, Diogenes und Antipater Vgl. I, 38, 82 ff. und 39, 84, wo der Schluß, den Chrysippos, Diogenes und Antipater zum Beweis der Weissagung anwenden, mit denselben Worten angegeben ist. auf folgende Weise schlössen: ›Wenn es Götter gibt und sie den Menschen das Zukünftige nicht vorherverkündigen, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie glauben, es liege den Menschen nichts daran, die Zukunft zu wissen, oder sie meinen, es sei ihrer Würde nicht angemessen, den Menschen vorher anzudeuten, was geschehen wird, oder die Götter selbst können dies nicht einmal andeuten. 102. Aber fürwahr sie lieben uns; denn sie sind wohltätig und dem Menschengeschlecht wohlgesinnt, und sie wissen sehr wohl das, was von ihnen selbst angeordnet und bestimmt ist, und es ist uns nicht gleichgültig, das zu wissen, was sich ereignen wird, denn wir werden vorsichtiger sein, wenn wir dies wissen; noch halten sie es ihrer Würde für unangemessen; denn nichts ist schöner als die Wohltätigkeit, und es ist unmöglich, daß sie das Zukünftige nicht im voraus erkennen sollten. Es ist also nicht denkbar, daß es Götter gibt und sie das Zukünftige nicht anzeigen. Es gibt aber Götter; also zeigen sie es auch an. Und wenn sie es anzeigen, so eröffnen sie uns auch Wege zur Erkenntnis der Anzeichen; denn sie würden es sonst vergeblich anzeigen; und wenn sie Wege eröffnen, so ist es nicht möglich, daß es keine Weissagung gebe; es gibt also eine Weissagung.‹ 103. O über die scharfsinnigen Menschen! Mit wie wenig Worten glauben sie die Sache abgemacht zu haben! Sie nehmen Sätze zum Schluß, von denen ihnen keiner zugestanden wird. Es kann aber nur eine solche Schlußfolgerung als gültig angesehen werden, in der aus unzweifelhaften Vordersätzen das, woran man zweifelt, erwiesen wird.

L. Siehst du, wie Epikuros Über Epikuros vgl. I, 3, 5; Anmerkung 37., den die Stoiker stumpfsinnig und roh zu nennen pflegen, schließt, daß das, was wir in der Natur der Dinge das All nennen, unbegrenzt sei? ›Was begrenzt ist‹, sagt er, ›hat ein Äußerstes‹. Wer wird das nicht zugeben? – ›Was aber ein Äußerstes hat, das kann von einem anderen von außen gesehen werden.‹ Auch dies muß man einräumen. – ›Aber was das All ist, das wird nicht von außen von einem anderen gesehen.‹ – Auch dies kann nicht geleugnet werden. ›Da das All also nichts Äußerstes hat, so muß es notwendig unbegrenzt sein.‹ 104. Siehst du, wie er von zugestandenen Sätzen zu dem zweifelhaften Satz D. h. zum Beweise des vorher Zweifelhaften. gelangt ist? Dies tut ihr Dialektiker Nämlich die Stoiker, deren Scharfsinn und Feinheit in der Dialektik bekannt war. Vgl. hierüber Seneca in seinen Briefen. nicht und nehmt nicht nur solche Sätze nicht in die Schlußfolgerung auf, die von allen zugestanden werden, sondern nehmt die Sätze auf, nach deren Einräumung das, was ihr wollt, um nichts besser erwiesen wird. Denn zuerst nehmt ihr an: ›Wenn es Götter gibt, so sind sie wohltätig gegen die Menschen.‹ Wer wird euch dies einräumen? Etwa Epikuros, der da leugnet, daß die Götter sich um irgend etwas Fremdes oder um ihr Eigenes kümmern, oder unser Ennius Über Ennius siehe I, 20, 40. Die beiden Verse sind aus der Tragödie Telamon. Der dritte Vers, in dem Ennius den Grund für seinen Glauben angibt, lautet: Nam si curent, bene bonis sit, male malis, quod nunc abest. (Denn kümmerten sie sich darum, so wäre es gut für die Guten, schlimm für die Bösen, wie es eben jetzt nicht ist.) Vgl. Vom Wesen der Götter I, 2, 3, und II 32, 79., der mit großem Beifall und unter Zustimmung des Volkes sagt:

›Immer sagt' ich, werd' auch sagen,
Daß im Himmel Götter sind,
Doch nicht glaub' ich, daß sie's kümmert,
Was die Menschen treiben hier.‹

Und zwar fügt er den Grund bei, warum er das glaubt. Es ist aber nicht nötig, das darauf Folgende zu sagen; es genügt einzusehen, daß jene das als gewiß annehmen, was zweifelhaft und streitig ist.

LI. 105. Es folgt weiter: ›Den Göttern ist nichts unbekannt, weil alles von ihnen angeordnet ist.‹ – Wie groß ist aber hier der Streit der gelehrtesten Männer, die da leugnen, daß dies von den unsterblichen Göttern angeordnet sei! – ›Aber es liegt uns daran zu wissen, was sich ereignen wird.‹ – Es gibt ein großes Buch von Dikaiarchos Vgl. I, 3, 5; der Titel des Buches ist unbekannt. darüber, daß es besser sei, es nicht zu wissen, als es zu wissen. – Sie leugnen, ›daß es der Würde der Götter unangemessen sei‹ – nämlich in jedermanns Hütte hineinzugucken, um zu sehen, was einem jeden nützlich sei. 106. ›Es ist unmöglich, daß sie das Zukünftige nicht vorauserkennen sollten.‹ – Die Möglichkeit leugnen die, welche behaupten, das, was geschehen werde, sei nicht fest bestimmt. Siehst du also wohl, daß das, was zweifelhaft ist, für ein Gewisses und Zugestandenes angenommen wird? Hierauf holen sie weit aus und schließen so: ›Es ist also nicht denkbar, daß es Götter gibt und daß sie das Zukünftige nicht anzeigen‹; denn dies halten sie schon für ausgemacht. Dann stellen sie den Untersatz auf: ›Es gibt aber Götter‹, was eben nicht von allen zugestanden wird. ›Sie zeigen also an.‹ Auch das folgt nicht; denn es kann sein, daß die Götter nicht anzeigen und doch existieren. ›Und wenn sie anzeigen, so eröffnen sie uns auch Wege zur Erkenntnis der Anzeichen.‹ Aber auch das ist möglich, daß sie den Menschen keine geben und sie doch haben. Denn warum sollten sie diese lieber den Etruskern als den Römern geben? – ›Und wenn sie Wege eröffnen, so muß es auch eine Weissagung geben.‹ Gesetzt, die Götter eröffneten Wege (was widersinnig ist); was hilft es, wenn wir sie nicht finden können? Der Schluß ist: ›Es gibt also eine Weissagung.‹ Mag das der Schluß sein; bewiesen ist es dennoch nicht. Denn aus falschen Vordersätzen kann, wie wir von ihnen selbst gelernt haben, die Wahrheit nicht erwiesen werden. Die ganze Schlußfolgerung liegt also zu Boden.

LII. 107. Kommen wir jetzt zu unserem braven Freund Kratippos Über Kratippos siehe I, 3, 5. Der ganze folgende § 107 steht ebenso I, 32, 71.. ›Wenn ohne Augen‹, sagt er, ›die Verrichtung und das Amt der Augen nicht stattfinden kann, die Augen aber bisweilen ihren Dienst nicht versehen können, so ist doch derjenige, der nur einmal seine Augen so gebraucht hat, daß er das Wahre sah, mit dem Sinne der Augen, die das Wahre sehen, begabt. Ebenso also, wenn ohne Weissagung die Verrichtung und das Amt der Weissagung nicht stattfinden kann; es kann aber einer, wenn er die Weissagung besitzt, bisweilen irren und das Wahre nicht sehen, so reicht es doch zur Bestätigung der Weissagung hin, daß einmal etwas so geweissagt worden ist, daß nichts durch Zufall sich dabei ereignet zu haben schien. Dergleichen Beispiele gibt es aber unzählige; folglich muß man zugestehen, daß es eine Weissagung gibt.‹ Fein gedacht und bündig! Aber da er zweimal nach seinem Belieben Voraussetzungen macht, so kann dennoch, wenn wir auch nicht geneigt sein möchten nachzugeben, das, was er voraussetzt, auf keine Weise eingeräumt werden. 108. ›Wenn‹, sagt er, ›die Augen bisweilen trügen, so ist dennoch, weil sie einmal richtig gesehen haben, die Sehkraft in ihnen.‹ Ebenso, ›wenn jemand einmal etwas in der Weissagung vorausgesagt hat, so muß man, auch wenn er fehlgreift, doch von ihm glauben, daß er die Kraft der Weissagung besitzt.‹

LIII. Sieh doch, bitte, guter Kratippos, wie wenig ähnlich sich dies ist. Denn mir scheint es nicht so. Die Augen nämlich bedienen sich, wenn sie das Wahre sehen, der Natur und der Empfindung; die Seelen aber, wenn sie einmal durch Begeisterung oder im Traum das Wahre gesehen haben, des Glückes oder des Zufalls. Wenn du nicht etwa glaubst, diejenigen, die Träume nur für Träume halten, würden dir, wenn einmal irgendein Traum wahr geworden ist, eingestehen, daß dies nicht durch Zufall eingetroffen sei. Aber mögen wir dir auch diese beiden Voraussetzungen (sumptiones) – die Dialektiker nennen sie Annahmen (lemmata) In der Lehre vom Syllogismus werden die beiden Urteile, aus denen das dritte abgeleitet wird, die Prämissen (propositiones praemissae) oder Vordersätze genannt, und zwar ist der Obersatz die propositio maior und der Untersatz die propositio minor, bei Cicero assumptio, wie er auch nachher (§ 109) »assumit« sagt; assumere heißt: den Untersatz (die propositio minor) beibringen., aber wir wollen lieber lateinisch reden – zugeben; so wird dennoch der Untersatz (assumptio), den dieselben Hinzunahme (proslepsis) nennen, nicht zugegeben werden. 109. Kratippos assumiert auf folgende Weise: ›Es gibt aber unzählige nicht zufällige Vorausempfindungen.‹ – Aber ich behaupte: es gibt keine. Sieh, wie groß der Gegensatz ist! Ist ferner die Assumption (der Untersatz) nicht zugestanden, so gibt es keine Schlußfolgerung. Aber wir sind unverschämt, wenn wir nicht zugeben, was so einleuchtend ist. Was ist einleuchtend? ›Daß vieles wahr wird‹, sagt er. Wie nun, daß noch weit mehr sich als falsch zeigt? Lehrt denn nicht eben die Mannigfaltigkeit, die dem Schicksal eigentümlich ist, daß das Schicksal die Ursache ist und nicht die Natur? Dann, wenn dieser dein Schluß wahr ist, Kratippos – denn mit dir habe ich es zu tun –, siehst du nicht ein, daß sich seiner auch die Opferschauer, die Deuter der Blitze, die Ausleger der Wunderzeichen, die Auguren, die Losezieher und die Chaldäer bedienen können? Unter diesen Arten ist keine, in der nicht etwas so, wie es vorausgesagt worden ist, eingetroffen wäre. Folglich sind entweder auch diese Arten der Weissagung, die du mit dem größten Recht verwirfst, gültig, oder wenn sie es nicht sind, so begreife ich nicht, warum es diese beiden sein sollen, die du gelten läßt. Mit demselben Grund, mit dem du diese einführst, können auch jene bestehen, die du verwirfst.

LIV. 110. Was aber hat denn jene Raserei (furor), die ihr göttlich nennt, für ein Ansehen, daß der Wahnsinnige das sehen soll, was der Verständige nicht sieht, und daß der, welcher die menschlichen Sinne verloren hat, die göttlichen erlangt haben soll? Wir beachten die Verse der Sibylle Über die Sibyllinischen Bücher siehe I, 2, 4; Anmerkung 31., die jene in Raserei ausgesprochen haben soll. Vor kurzem glaubte man einem falschen Gerücht der Menschen zufolge, daß ein Ausleger derselben Es war Lucius Cotta, der einer der fünfzehn Ausleger (interpretes) der Sibyllinischen Bücher war. Es ging nämlich das Gerücht, Cotta werde im Senat einen Antrag machen, den Diktator Gaius Julius Caesar zum König auszurufen, vgl. Sueton, Caesar, Kap. 79 und Plutarch, Leben Caesars, Kap. 60 und 64. im Senat habe beantragen wollen, wir müßten den, den wir in Wahrheit zum König hätten, auch König nennen, wenn es uns wohlgehen sollte. Wenn dies in den Büchern steht, auf welchen Menschen, auf welche Zeit geht es? Denn ihr Verfasser hat es auf schlaue Weise so eingerichtet, daß alles, was sich auch zutragen mag, vorausgesagt zu sein scheint, da die bestimmte Angabe von Menschen und Zeiten fortgelassen wurde. 111. Er hat auch den Schlupfwinkel der Dunkelheit zu Hilfe genommen, damit dieselben Verse bald dieser, bald jener Sache angepaßt werden könnten. Daß aber diese Dichtung nicht das Werk eines Rasenden sei, beweist sowohl die Dichtung selbst (denn sie ist mehr ein Werk der Kunst und des Fleißes als der Begeisterung und Aufregung) als auch besonders die sogenannte Akrostichis Akrostichis oder Akrostichon ist ein Gedicht, in dem die Anfangsbuchstaben jeder Zeile zusammen ein Wort oder einen Satz bilden, wie es Cicero selbst hier erklärt., wenn der Reihe nach aus den ersten Buchstaben des Verses irgendein Sinn zusammengefügt wird, wie bei einigen Ennianischen Versen: ›Quintus Ennius hat es verfaßt.‹ 112. Das ist entschieden mehr das Werk eines aufmerksamen als eines rasenden Geistes. Und bei den Sibyllinischen Versen wird vom ersten Vers eines jeden Ausspruchs an das ganze Gedicht mit den ersten Buchstaben jenes Ausspruches versehen. Dies ist das Verfahren eines Schriftstellers, nicht eines Rasenden, eines, der Fleiß anwendet, nicht eines Wahnsinnigen. Deshalb lassen wir die Sibylle beiseite liegen und verborgen sein Die Sibyllinischen Bücher wurden im Tempel des Capitolinischen Iupiter in einem steinernen Kasten aufbewahrt. Diesen durften die fünfzehn Ausleger derselben (interpretes, vgl. 1, 2, 4) nur infolge eines Senatsbeschlusses öffnen., damit, wie von unseren Vorfahren uns überliefert ist, ohne Befehl des Senates die Bücher nicht einmal gelesen werden und vielmehr zum Aufheben als zur Erweckung von abergläubischen Bedenklichkeiten dienen; laß uns mit ihren Vorstehern verhandeln, daß sie eher alles andere aus jenen Büchern zum Vorschein bringen als einen König, den in Zukunft weder Götter noch Menschen zu Rom dulden werden Cicero hat hier allerdings, wie bekannt, nicht wahr prophezeit. Durch Caesars Ermordung wurde die Alleinherrschaft zu Rom nicht beseitigt, sondern gerade heraufbeschworen. Vgl. Ciceros Philippische Reden..

LV. Aber viele haben doch häufig Wahres geweissagt, wie Kassandra:

›Schon wird gefügt für das Meer Usw.; vgl. I, 31, 67..‹

Und dieselbe bald darauf:

›Ach sehet Usw.; vgl. I, 50, 114.!‹

113. Zwingst du mich also etwa, Fabeln zu glauben? Mögen diese so viel Ergötzliches haben, wie du willst, mögen sie durch Worte, Gedanken, Versmaß und Melodie gehoben werden; Ansehen und Zuverlässigkeit dürfen wir wenigstens erdichteten Dingen nicht beimessen. Ebenso, glaube ich, darf man weder dem Publicius Vgl. I, 50, 115., wer er auch sein mag, noch den Marcischen Sehern Vgl. I, 40, 89., noch den Geheimsprüchen Apollons Glauben schenken, wovon ein Teil offenbar erdichtet, ein anderer aufs Geratewohl herausgeschwatzt ist und niemals auch nur bei einem unbedeutenden, geschweige denn bei einem klugen Mann Billigung gefunden hat. 114. ›Wie?‹ wirst du sagen, ›hat nicht jener Ruderknecht von der Flotte des Coponius Vgl. I, 32, 68. das vorausgesagt, was eingetroffen ist?‹ – Allerdings, und zwar solche Dinge, wie wir sie zu der Zeit alle befürchteten. Denn wir hörten, daß in Thessalien die Lager einander gegenüberständen; und es schien uns, als habe das Heer des Caesar teils mehr Kühnheit, da es ja die Waffen gegen das Vaterland führte, teils mehr Kraft, wegen der alten Geübtheit. Es war niemand unter uns, der nicht den unglücklichen Ausgang der Schlacht befürchtete; aber nur so, wie es bei standhaften Männern billig war, nicht augenscheinlich. Was Wunder aber, wenn jener Grieche bei der Größe des Schreckens, wie es meistens geschieht, die Besonnenheit, den Verstand und sich selbst aufgab! In dieser Bestürzung des Gemüts sagte er, was er bei gesundem Verstande befürchtete, im Wahnsinn als bevorstehend voraus. Ist es denn, ich rufe Götter und Menschen an, wahrscheinlicher, daß ein verrückter Ruderknecht, als daß einer von uns, die damals zugegen waren, ich, Cato, Varro Über Marcus Porcius Cato Uticensis und Varro vgl. I, 32, 68. und Coponius selbst die Ratschlüsse der unsterblichen Götter habe durchschauen können?

LVI. 115. Aber jetzt komme ich zu dir,

›Heiliger Phoibos, der des Erdreichs sichern Nabel innehält,
Wo zuerst die wilde Stimme in Begeistrung drang hervor Aus welchem Tragiker diese Verse sind, ist unbestimmt. Die Alten hielten Delphoi für den Nabel, d. h. den Mittelpunkt der Erde. Als solcher war es durch Zeus bestimmt, der zwei Adler von den entgegengesetzten Enden der Welt hätte fliegen lassen, die hier zusammentrafen. Vgl. Pindar, Pythien IV, 6, 131; VIII, 85; Pausanias (X, 16, 3) erzählt, daß in Delphoi ein Nabel von weißem Marmor gewesen sei. Die wilde Stimme bezieht sich auf das Geräusch, mit dem die Pythia ihre Orakel zu geben pflegte..‹

Denn Chrysippos Vgl. I, 3, 6; I, 19, 37. hat einen ganzen Band mit deinen Orakeln angefüllt, die zum Teil falsch sind, wie ich glaube, zum Teil durch Zufall wahr, wie es sehr oft bei jeder Rede vorkommt; zum Teil verschlungen und dunkel, so daß der Erklärer einen Erklärer nötig hat und das Orakel selbst auf die Orakel verwiesen werden muß; zum Teil zweideutig und so, daß man sie einem Dialektiker Vgl. Anmerkung 553. vorlegen muß. Denn als dem mächtigsten König Asiens jenes Orakel gegeben worden war:

›Mächtiges Reich wird zerstört, geht Kroisos über den Halys Diodor (IX, 31) und Suidas (unter Loxias) haben den griechischen Vers, den Cicero übersetzt hat. Herodot (I, 53) gibt den Sinn des Orakels und nennt es selbst (Kap. 75) zweideutig. Über Kroisos vgl. I, 53, 121.‹,

so glaubte er, daß die Macht der Feinde umstürzen würde; er stürzte aber die seinige um. 116. Mochte nun das eine oder das andere erfolgen, das Orakel wäre wahr gewesen. Warum soll ich aber glauben, daß dies jemals dem Kroisos gegeben wurde? Oder warum soll ich den Herodotos für wahrhafter halten als den Ennius? Konnte jener etwa weniger von Kroisos erdichten als Ennius von Pyrrhos? Denn wer möchte wohl glauben, daß Pyrrhos vom Orakel die Antwort erhalten habe:

›Wahrlich, das Volk der Römer wird Aiakos' Enkel besiegen Pyrrhos, König von Epeiros, führte von 282 bis 272 v. Chr. mit den Römern Krieg; er leitete sein Geschlecht von Aiakos ab, dem Sohn Iupiters, der der Vater des Peleus und Großvater des Achilles war. Die Zweideutigkeit des Orakels: Aio te, Aeacida, Romanos vincere posse - liegt in der Akkusativen te und Romanos, die sowohl Subjekt wie Objekt sein können. Quintilian (IV, 9, 7) gibt das Orakel auch als ein Beispiel der Zweideutigkeit an. Pyrrhos, dadurch eben verleitet, kam den Tarentinern zu Hilfe und begann mit den Römern den für ihn unglücklichen Krieg. Die beigefügte Übersetzung des Hexameters ist die von Hottinger. Übrigens ist der Vers aus den Annalen des Ennius (V, 8)..‹

Erstens hat Apollon niemals Lateinisch gesprochen; dann ist aber dieses Orakel auch den Griechen unerhört, überdies hatte zu des Pyrrhos Zeiten Apollon schon aufgehört, Verse zu machen; schließlich, wiewohl es immer war, wie es bei Ennius heißt,

›– Stumpf an Geist das Geschlecht der Aiakiden,
Weit mehr mächtig im Krieg als mächtig an Weisheit befunden Die beiden Verse werden Hesiodos zugeschrieben (bei Suidas unter Alke).‹,

so hätte er dennoch diese Zweideutigkeit des Verses begreifen können, daß der Sieg der Römer (vincere te Romanos) ebensowohl den Römern als ihm gelten konnte. Denn jene Zweideutigkeit, die den Kroisos täuschte, hätte selbst einen Chrysippos täuschen können; diese aber nicht einmal den Epikuros.

LVII. 117. Aber, was die Hauptsache ist, warum werden denn auf diese Weise keine Orakel in Delphoi mehr erteilt, nicht nur in unserer Zeit, sondern schon längst, so daß jetzt nichts verachteter sein kann? Wenn sie an diesem Punkt angegriffen werden, so sagen sie, die Kraft des Ortes, aus dem jene Ausdünstung der Erde hervordrang, durch die begeistert die Pythia Orakel gab Vgl. I, 19, 38 und I, 36, 79; vgl. auch Diodor, XVI, 26., sei durch die Länge der Zeit verschwunden. Man sollte glauben, sie sprächen von Wein oder Salzfischen, die durch das Alter verdunsten. Es handelt sich um die Kraft eines Ortes und nicht bloß um eine natürliche, sondern auch um eine göttliche Kraft. Wohin ist denn diese verschwunden? Durch das Alter, wirst du sagen. Welches Alter kann denn wohl eine göttliche Kraft aufzehren? Was ist aber so göttlich wie ein Hauch aus der Erde, der den Geist so erregt, daß er die Zukunft vorauszusehen imstande ist, so daß er dieselbe nicht nur lange vorher erblickt, sondern auch in Rhythmen und Versen verkündigt? Wann aber ist diese Kraft verschwunden? Etwa seitdem die Menschen angefangen haben, weniger leichtgläubig zu sein? 118. Demosthenes wenigstens, der vor ungefähr dreihundert Jahren lebte, sagte schon damals, daß die Pythia philippisiere, das heißt, sie halte es gleichsam mit Philippos Den Ausdruck ›phillipizein‹ gebraucht zwar Demosthenes nicht in seinen Reden; aber Aischines (Rede gegen Ktesiphon, S. 520 f.) und Plutarch (Leben des Demosthenes, Kap. 20) erwähnen es.. Damit zielte er aber darauf hin, daß sie vom Philippos bestochen sei. Hieraus läßt sich abnehmen, daß auch in anderen Delphischen Orakeln manches nicht aufrichtig gewesen sei. Aber – ich weiß nicht wie – jene abergläubischen und beinahe fanatischen Philosophen wollen, scheint es, alles lieber als nicht albern sein. Ihr wollt lieber, daß das verschwunden und erloschen sei, was, wenn es jemals gewesen wäre, gewiß ewig sein würde, als an etwas nicht glauben, was keinen Glauben verdient.

LVIII. 119. Ein ähnlicher Irrtum findet sich bei den Träumen. Wie weit ist ihre Verteidigung hergeholt! Unsere Seelen, meinen sie, sind göttlich und von außen her angezogen, und die Welt ist von einer Menge übereinstimmender Seelen angefüllt, und durch diese Göttlichkeit des Geistes selbst und die Verbindung mit den äußeren Geistern werde nun das Zukünftige geschaut. Zenon Über Zenon siehe I, 3, 5. aber glaubt, die Seele ziehe sich zusammen, versinke gleichsam und falle zusammen, und eben das heiße schlafen. Ferner Pythagoras und Platon Vgl. zu der folgenden Stelle I, 29 und I, 30, 62, wo dasselbe Verbot bei den Pythagoreern erwähnt wird., die zuverlässigsten Gewährsmänner, schreiben vor, daß man, um im Schlafe zuverlässigere Erscheinungen zu sehen, durch eine bestimmte Pflege und Nahrung vorbereitet sich zum Schlafen begeben solle. Der Bohnen enthalten sich die Pythagoreer gänzlich, gerade als ob durch diese Speise der Geist und nicht der Leib aufgebläht würde. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, es kann nichts so abgeschmackt behauptet werden, was nicht von einem Philosophen behauptet würde. 120. Glauben wir etwa, daß die Seelen der Schlafenden durch sich selbst während des Träumens in Bewegung gesetzt werden oder daß sie, wie Demokritos meint, durch eine von außen hinzukommende Erscheinung angestoßen werden? Mag es nun so oder anders damit sein, es kann den Träumenden viel Falsches als wahr erscheinen. Denn auch den Seeleuten scheint sich das zu bewegen, was stille steht, und bei einer gewissen Art des Blickes sieht man an einer Laterne zwei Lichter statt einem. Was soll ich noch sagen, wieviel den Wahnsinnigen, den Trunkenen selbst erscheint? Wenn man nun dergleichen Erscheinungen nicht trauen darf, so weiß ich nicht, warum man den Träumen glauben soll. Denn über jene Irrtümer läßt sich, wenn du willst, ebenso wie über die Träume streiten, so daß man sagen kann, wenn das, was steht, sich zu bewegen scheint, es bedeute ein Erdbeben oder irgendeine plötzliche Flucht; durch ein doppeltes Licht einer Laterne aber werde angezeigt, daß Zwiespalt und Aufruhr im Werke sei.

LIX. 121. Ferner läßt sich aus den Erscheinungen der Wahnsinnigen oder Trunkenen Unzähliges durch Mutmaßung entnehmen, was als zukünftig erscheinen kann. Denn wer sollte den ganzen Tag schießen und nicht einmal treffen? Wir träumen ganze Nächte, und es ist fast keine einzige, in der wir nicht schliefen, und wundern wir uns, daß einmal das, was wir geträumt haben, eintrifft? Was ist so ungewiß wie der Wurf der Würfel? Und doch ist niemand, der bei häufigerem Werfen nicht einmal den Venuswurf Vgl. I, 13, 23. täte, bisweilen auch zwei- und dreimal. Wollen wir nun etwa wie die albernen Leute lieber sagen, daß dies durch den Einfluß der Venus als durch Zufall geschähe? Wenn man zu anderen Zeiten falschen Erscheinungen nicht vertrauen darf, so sehe ich nicht ein, was der Schlaf voraus hat, daß bei ihm das Falsche als wahr gelten soll? 122. Wenn es so von der Natur eingerichtet wäre, daß die Schlafenden das täten, was sie träumten, so müßten alle, die schlafen gingen, angebunden werden. Denn sie würden im Traum gewaltigere Bewegungen machen als irgendein Wahnsinniger. Wenn man nun den Erscheinungen der Rasenden keinen Glauben zumessen darf, weil sie falsch sind, so sehe ich nicht ein, warum man den Erscheinungen der Träumenden glauben soll, die noch viel verwirrter sind. Etwa weil die Wahnsinnigen ihre Erscheinungen dem Ausleger nicht erzählen, die aber es tun, welche geträumt haben? Ich frage nun, wenn ich etwas schreiben möchte oder lesen oder singen oder Zither spielen oder wenn ich eine geometrische oder physikalische oder dialektische Aufgabe lösen möchte, ob ich da auf einen Traum warten muß oder lieber die Kunst anwenden, ohne die sich nichts von diesen Dingen machen und bewerkstelligen läßt. Nun würde ich aber nicht einmal, wenn ich schiffen wollte, so steuern, wie ich geträumt hätte; denn die Strafe würde auf dem Fuße nachfolgen. 123. Wie ist es also zweckmäßig, daß die Kranken lieber bei dem Traumdeuter als bei dem Arzte Heilmittel suchen? Oder kann Aesculapius Aesculapius, bei den Griechen Asklepios, Sohn des Apollon und der Nymphe Koronis, war der Schüler des Cheiron in der Heilkunde; wegen seiner großen medizinischen Kenntnisse wurde er als Gott der Heilkunde besonders zu Epidauros in Argolis verehrt, von wo er während der Pest (293 v. Chr.) auf den Ausspruch der Sibyllinischen Bücher hin nach Rom geholt wurde. Zu Epidauros war zugleich mit dem Tempel eine Heilanstalt verbunden, eine Inkubation (vgl. oben I, 43, 96), wo die Leidenden sich zum Schlafe niederlegten, um im Traum eine Offenbarung über die anzuwendenden Heilmittel zu erlangen. oder Serapis Serapis, eine bekannte Gottheit der Ägypter, die später auch in Griechenland und Rom verehrt wurde. Serapis hatte einen Tempel zu Kanopos in Unterägypten, wo ebenfalls die Kranken durch Inkubationen Heilung suchten. Vgl. Strabo XVII, 1, 17. uns im Traum eine Heilung von der Krankheit vorschreiben, Neptun aber den Steuernden nichts? Und wenn Minerva Minerva, die griechische Athene, wurde in Attika auch als Göttin der Gesundheit verehrt. ohne einen Arzt Arznei gibt, werden die Musen die Wissenschaft des Schreibens, Lesens und der übrigen Künste den Träumenden nicht verleihen? Aber wenn die Heilung von einer Krankheit so verliehen würde, so würde auch das, was ich angeführt habe, verliehen werden. Da nun dies nicht geschieht, so wird auch die Arznei nicht verliehen. Und wenn diese aufgegeben ist, so fällt auch das ganze Ansehen der Träume damit weg.

LX. 124. Doch das mag auch am Tage liegen; jetzt wollen wir ins Innere einen Blick tun. Entweder bewirkt irgendeine göttliche Kraft, die für uns sorgt, die Andeutungen durch Träume; oder die Traumdeuter erkennen aus einer gewissen Zusammenstimmung und Verbindung der Natur, die sie ›Sympatheia‹ Unter ›Sympatheia‹ verstanden die Stoiker den consensus, die cognatio, coniunctio naturae, das naturgemäße Zusammentreffen gewisser Erscheinungen in den verschiedenen Teilen der Welt. Im Anfang des 69. Kapitels wird die ›Sympatheia‹ nochmals erwähnt. nennen, was den Träumen gemäß einer jeden Sache zukomme und was auf jede Sache folge; oder es ist keines von beidem der Fall, sondern es ist eine beständige und langjährige Beobachtung darüber vorhanden, was, wenn man etwas im Schlafe gesehen hat, danach einzutreten und zu erfolgen pflegt. Denn zuerst muß man einsehen, daß keine göttliche Kraft die Schöpferin der Träume ist. Und das ist einleuchtend, daß keine Traumerscheinungen von dem Willen der Götter ausgehen; denn die Götter würden doch unsertwegen dies tun, damit wir die Zukunft voraussehen könnten. 125. Wieviel Menschen gibt es aber nun, die den Träumen gehorchen, die sie einsehen, die sich ihrer erinnern, wie viele aber, die sie verachten und für einen Aberglauben eines schwachen und altweibischen Geistes halten? Warum sollte also Gott aus Sorge für diese Menschen sie durch Träume warnen, die jene nicht nur nicht der Beachtung, sondern nicht einmal der Erinnerung für wert erachten? Denn Gott kann es nicht unbekannt sein, wie jeder gesinnt ist, und es ist der Gottheit nicht würdig, etwas vergebens und ohne Grund zu tun, was sogar der Beständigkeit eines Menschen zuwider wäre. Wenn so die meisten Träume entweder unbekannt bleiben oder vernachlässigt werden, so weiß dies entweder Gott nicht, oder er bedient sich ohne Grund der Andeutungen durch Träume. Aber hiervon kommt keines von beiden einem Gotte zu. Also muß man eingestehen, daß von Gott nichts durch Träume angezeigt wird.

LXI. 126. Auch danach frage ich, warum Gott, wenn er uns diese Erscheinungen, um vorauszusehen, sendet, sie uns nicht lieber im Wachen als im Schlafe gibt. Denn mag ein von außen kommender Anstoß die Seelen der Schlafenden in Bewegung setzen oder mögen die Seelen durch sich selbst bewegt werden oder mag es sonst eine Ursache geben, weshalb wir während des Schlafes etwas zu sehen, zu hören oder zu treiben glauben, so könnte dieselbe Ursache auch beim Wachenden stattfinden. Und wenn die Götter dies unsertwegen im Schlafe täten, so könnten sie dasselbe auch im Zustand des Wachens tun; zumal da Chrysippos Über Chrysippos vgl. I, 3, 6. in seiner Widerlegung der Akademiker behauptet, daß das, was die Wachenden sähen, viel deutlicher und gewisser sei, als was sich im Traum zeige. Es war also der göttlichen Wohltätigkeit, wenn sie für uns sorgen wollte, würdiger, deutlichere Erscheinungen den Wachenden zu geben als dunklere vermittels des Traumes. Weil nun dies nicht geschieht, so darf man die Träume nicht für göttlich halten. 127. Wozu aber sind eher die Umschweife und Umwege nötig, daß man Traumdeuter zu Rate ziehen muß, statt daß Gott, wenn anders er uns raten wollte, geradezu sagen sollte: ›Dies tue, dies tue nicht!‹ – und dieses Gesicht würde er eher einem Wachenden als einem Schlafenden geben.

LXII. Wer möchte ferner zu behaupten wagen, daß alle Träume wahr seien? ›Einige Träume sind wahr‹, sagt Ennius, ›daß es aber alle seien, ist nicht nötig Vgl. Ribbeck, Fragmente, wo der Vers lautet: Aliquot sunt vera somnia, at non omnia est necesse..‹ Was ist denn das für eine Unterscheidung? Welche Träume hält sie für wahr, welche für falsch? Und wenn die wahren von Gott gesandt werden, woher entstehen die falschen? Denn wenn auch diese göttlich sind, was ist dann wankelmütiger als Gott? Oder was ist ungereimter, als die Geister der Sterblichen durch falsche und trügerische Erscheinungen aufzuregen? Wenn aber die wahren Erscheinungen göttlich, die falschen und nichtigen aber menschlich sind, was ist das für eine Willkür, zu bestimmen, daß dies Gott, jenes die Natur gemacht haben soll, statt vielmehr alles auf Gott, was ihr leugnet, oder alles auf die Natur zurückzuführen? Weil ihr nun jenes leugnet, müßt ihr notwendig dies zugestehen. 128. Natur aber nenne ich den Zustand der Seele, in dem sie niemals ruhen und von Tätigkeit und Bewegung frei sein kann. Wenn sie wegen Erschlaffung des Körpers sich weder der Glieder noch der Sinne bedienen kann, so verfällt sie auf mannigfaltige und unbestimmte Erscheinungen von den anhaftenden Überbleibseln der Dinge, wie Aristoteles In dem Buch Über Träume und Traumdeutungen. sagt, die sie im Wachen getan oder gedacht hat. Aus der Verwirrung dieser entstehen bisweilen wunderbare Erscheinungen von Träumen. Wenn von diesen die einen falsch, die anderen wahr sind, so möchte ich fürwahr wissen, an welchem Merkmale sie unterschieden werden. Gibt es keines, wozu sollen wir jene Traumdeuter anhören? Gibt es eins, so trage ich Verlangen; zu hören, was es für eins ist. Aber sie werden sich verlegen fühlen.

LXIII. 129. Denn jetzt kommt es zur Streitfrage, ob es wahrscheinlicher sei, daß die unsterblichen Götter, die über alles herrlich und erhaben sind, nicht nur zu den Betten aller irgendwo lebenden Sterblichen, sondern auch zu ihren elendesten Lagern umherlaufen, und wenn sie einen schnarchen sehen, diesem gewisse verworrene und dunkle Bilder vorhalten, damit er sie im Schrecken über den Traum frühmorgens dem Traumdeuter hinterbringt, oder daß die Seele, durch die Wirkung der Natur in lebhafte Bewegung versetzt, das, was sie im Wachen gesehen hat, im Schlafe zu sehen glaubt. Ist es der Philosophie würdiger, dies durch den Aberglauben von Wahrsagerinnen oder durch die Erklärung aus der Natur zu deuten, so daß, wenn auch eine wahre Deutung der Träume deutlich wäre, dennoch diejenigen sie nicht machen könnten, die ein Gewerbe daraus machen; denn sie gehören gerade zu dem geringsten und unwissendsten Menschenschlag. Deine Stoiker aber behaupten, daß niemand mit Ausnahme des Weisen weissagen könne. 130. Chrysippos wenigstens definiert die Weissagung mit folgenden Worten: Sie sei eine Kraft, die die von den Göttern den Menschen gegebenen Zeichen erkenne, einsehe und erkläre, ihr Geschäft aber sei es, vorher zu erkennen, wie die Götter gegen die Menschen gesinnt seien, was sie anzeigen und wie dies abgewandt und gesühnt werden müsse. Ebenfalls definiert er die Deutung der Träume auf folgende Weise: Sie sei die Kraft, die alles das wahrnehme und erkläre, was den Menschen von den Göttern im Traum angezeigt werde. Wie nun? Hat man hierzu eine mittelmäßige Klugheit nötig oder einen vorzüglichen Geist und eine vollendete Bildung? Von der Art habe ich aber noch keinen Wahrsager kennengelernt.

LXIV. 131. Bedenke also, ob wir, wenn ich dir auch zugestehen würde, daß es eine Weissagung gibt, was ich niemals tun werde, dennoch einen Weissager finden können. Wie steht es denn mit dem Verstand der Götter, wenn sie uns weder das im Schlaf anzeigen, was wir für uns selbst einsehen, noch das, wofür wir Ausleger haben können? Denn wenn uns die Götter solche Erscheinungen vorführen, wovon wir weder Kenntnis noch wozu wir einen Ausleger haben könnten, so sind sie in einer ähnlichen Lage, wie wenn Punier oder Spanier im römischen Senat ohne Dolmetscher reden würden. 132. Und wozu dienen ferner die Dunkelheiten und Rätsel der Träume? Denn die Götter müßten doch wollen, daß wir die Warnungen einsehen, die sie unsertwegen geben.« – »Wie? Ist kein Dichter, kein Physiker dunkel?« – »Ja, gar zu dunkel ist jener Euphorion Euphorion aus Chalkis war ein Dichter und Gelehrter des Alexandrinischen Zeitalters, geb. um 270 v. Chr.. Aber nicht Homer! Wer von beiden ist nun der bessere?« – 133. »Herakleitos Herakleitos, ein berühmter Philosoph der Ionischen Schule, geb. um 500 v. Chr. zu Ephesos. Man hatte ihm den Beinamen der Dunkle gegeben, vgl. Anmerkung 3. ist sehr dunkel, Demokritos gar nicht.« – »Sind sie also zu vergleichen? Du gibst mir um meinetwillen eine Warnung, die ich nicht verstehen soll? Wozu warnst du mich also? Wie wenn ein Arzt einem Kranken vorschriebe: einzunehmen eine

›Erdgeborene, wandelnd im Gras, Hausträgerin, blutleer Wahrscheinlich hat Cicero den Vers einem Verse nachgebildet, den Athenaios (II, S. 53 d.) als ein Gesellschaftsrätsel anführt.‹,

anstatt nach menschlicher Weise eine Schnecke zu nennen. Denn als der Pacuvianische Amphion Über Pacuvius siehe I, 57, 131. Die Verse sind aus der Antiope. Amphion, der gleich darauf der Kitharaspieler genannt wird, und Zethus, zwei Brüder, werden in der Antiope miteinander im Wortwechsel über die Musik streitend eingeführt. Zethus mißgönnt seinem Bruder Amphion den Ruhm in der Tonkunst. Amphion fügte durch die Macht seiner Töne die Mauern Thebens zusammen. etwas sehr dunkel gesagt hatte:

›Vierfüßig, langsam schreitend, niedrig, mild und rauh,
Kurzköpfig, schlangenhalsig, und mit stierem Blick,
Entweidet, leblos, doch mit seelenvollem Ton Cum animali sono, dem vorhergehenden inanima entgegengesetzt, bezieht sich auf die Schildkröte, aus welcher Merkur, nachdem sie entweidet (eviscerata) und leblos (inanima) geworden war, die Kithara erfunden haben soll.‹,

so antworten die Attiker: ›Wir verstehen es nicht, wenn du nicht deutlich redest.‹ Und er spricht mit einem Wort: ›die Schildkröte.‹ Konntest du, Kitharaspieler, das nicht gleich am Anfang sagen?

LXV. 134. Es trägt einer dem Traumdeuter vor, er habe geträumt, daß ein Ei am Gurte seiner Bettstelle hinge. Dieser Traum steht in dem Buch des Chrysippos. Der Traumdeuter antwortet, unter dem Bett sei ein Schatz vergraben. Er gräbt nach und findet ziemlich viel Gold, und zwar von Silber umgeben. Er schickt dem Deuter so viel von dem Silber, wie ihm gutdünkt. Darauf sagte jener: ›Und nichts von dem Dotter?‹ Denn dadurch schien ihm beim Ei das Gold bezeichnet zu werden, durch das übrige das Silber. Hat also niemand sonst je von einem Ei geträumt? Warum hat also dieser eine, ich weiß nicht wer, allein einen Schatz gefunden? Wie viele Arme, die des Beistands der Götter würdig sind, werden durch keinen Traum daran erinnert, einen Schatz zu suchen? Weshalb aber wurde er auf so dunkle Weise erinnert, daß erst aus dem Ei die Ähnlichkeit mit dem Schatze in ihm aufstieg, anstatt vielmehr ihm geradezu zu befehlen, den Schatz zu suchen, so wie dem Simonides Vgl. I, 27, 56. geradezu verboten wurde, sich einzuschiffen? Folglich sind dunkle Träume durchaus nicht mit der Würde der Götter vereinbar.

LXVI. 135. Wir wollen jetzt auf die offenbaren und klaren Träume kommen, wie der ist von dem Mann, der zu Megara von dem Gastwirt ermordet wurde Vgl. I, 27, 57. Dasselbe erzählt auch Curtius Rufus IX, 8; vgl. auch Diodor XVII, 103 und Strabo XV, 2, 7. Der hier erwähnte Ptolemaios ist der Sohn des Lagus, einer der Feldherren Alexanders des Großen, der später der erste König von Ägypten aus dem Hause der Lagiden wurde. Olympias war die Tochter des Königs Neoptolemos in Epeiros, Gemahlin Philipps, des Königs von Makedonien, und Mutter Alexanders des Großen., wie der von Simonides, der durch den von ihm Bestatteten gewarnt wurde, sich einzuschiffen, auch wie der Traum Alexanders, den du zu meiner Verwunderung übergangen hast. Als sein Freund Ptolemaios in der Schlacht von einem vergifteten Pfeile getroffen war und an dieser Wunde unter den größten Schmerzen den Tod vor Augen sah, wurde Alexander, der bei ihm saß, vom Schlaf überwältigt. Da soll ihm im Traume der Drache, den seine Mutter Olympias hielt, mit einer Wurzel im Munde erschienen sein und zugleich gesagt haben, an welcher Stelle jene wüchse – es war nicht weit von dem Ort entfernt – und daß deren Kraft so bedeutend sei, daß sie den Ptolemaios leicht heilen könnte. Als Alexander erwacht sei, habe er den Traum seinen Freunden erzählt und Leute ausgeschickt, um jene Wurzel zu suchen. Nachdem sie gefunden war, soll Ptolemaios und viele Soldaten, die von derselben Art von Pfeilen verwundet worden waren, geheilt worden sein. 136. Viele Träume hast du auch aus der Geschichte angeführt, von der Mutter des Phalaris, von dem älteren Kyros Vgl. I, 23, 46., von der Mutter des Dionysios Vgl. I, 20, 39., vom Punier Hamilkar Vgl. I, 24, 50., von Hannibal Vgl. I, 24, 49., von Publius Decius Vgl. I, 24, 51., auch jenen allbekannten von dem Vortänzer, auch von Gracchus und den kürzlichen Traum der Caecilia, der Tochter des Balearicus Vgl. I, 44, 99.. Aber dieses sind fremde Träume Vgl. I, 23, 46. und deswegen uns unbekannt, einige vielleicht auch erdichtet. Denn wer ist Gewährsmann für sie? Was haben wir von unseren Träumen zu sagen? Du von meinem und meines Rosses Hervortauchen am Ufer, ich von Marius Vgl. I, 28, 59. mit den lorbeerbekränzten Rutenbündeln, der mich zu seinem Denkmal führen ließ?

LXVII. Alle Träume, Quintus, haben einen Grund, und laßt uns bei den unsterblichen Göttern zusehen, daß wir diesen nicht durch unseren Aberglauben und unsere Verkehrtheit vergrößern! 137. Welchen Marius, glaubst du, habe ich gesehen? Eine Erscheinung von ihm, meine ich, und ein Bild, wie Demokritos will. Woher soll das Bild gekommen sein? Denn er behauptet, daß von festen Körpern und bestimmten Figuren Bilder ausströmen Vgl. II, 58, 120. Lucretius nennt diese Bilder (Von der Natur der Dinge IV, 34 ff.) simulacra.. Was war es nun für ein Körper des Marius? ›Eine Ausströmung‹, sagt er, ›aus dem, was er gewesen war. Alles ist voll von Bildern.‹ – Jenes Bild des Marius also begleitete mich auf das Atinatische Gebiet. – ›Denn es läßt sich keine Gestalt denken, außer durch eine Einwirkung von Bildern Nach der Ansicht des Demokritos nämlich..‹ 138. Wie nun? Sind uns diese Bilder so auf das Wort gehorsam, daß sie, sobald wir wollen, herbeieilen? Auch von den Dingen, die gar nicht sind? Denn was gibt es für eine so ungewöhnliche, so nichtige Gestalt, die sich die Seele nicht ausdenken konnte? So daß wir uns auch von solchen Dingen, die wir niemals gesehen haben, dennoch eine Vorstellung machen, wie von der Lage der Städte, der Gestalt der Menschen. 139. Wenn ich mir die Mauern von Babylon oder das Gesicht Homers denke, macht etwa irgendein Bild von ihnen einen Eindruck auf mich? Also kann uns alles, was wir wollen, bekannt sein; denn es gibt nichts, was wir uns nicht denken könnten. Es schleichen sich also in die Seelen der Schlafenden keine Bilder von außen ein; es strömen überhaupt keine aus; und ich kenne keinen, der mit größerem Gewicht nichts sagte Nämlich als Demokritos, von dem die Rede ist.. Die natürliche Kraft der Seelen ist so beschaffen, daß sie im Wachen, ohne äußeren hinzutretenden Anstoß, sondern durch eigene Bewegung mit einer unglaublichen Schnelligkeit tätig sind. Solange sie durch die Glieder, durch den Körper und durch die Sinne unterstützt werden, sehen, denken und fühlen sie alles bestimmter. Wenn ihr aber diese entzogen sind und die Seele durch die Erschlaffung des Körpers verlassen ist, dann wird sie durch sich selbst in Bewegung gesetzt. Daher schweben in ihr Gestalten und Handlungen umher, und sie glauben vieles zu hören und vieles zu sagen. 140. Diese Dinge schweben in der schwachen und erschlafften Seele in großer Anzahl und auf alle Weise verwirrt und vervielfacht umher, besonders bewegen und regen sich in den Seelen Überreste derjenigen Dinge, die wir im Wachen gedacht oder getan haben, so wie mir zu jener Zeit Marius häufig vorschwebte, indem ich dachte, mit welch erhabenem und standhaftem Mut er sein schweres Unglück ertragen hatte. Das, glaube ich, ist der Grund gewesen, von ihm zu träumen.

LXVIII. Dir aber, als du an mich mit Bekümmernis dachtest, schien ich plötzlich aus dem Fluß aufzutauchen. Denn in unserer beider Seelen lagen noch die Spuren der wachenden Gedanken. Aber einiges wurde hinzugefügt, wie bei mir das von dem Denkmal des Marius, bei dir, daß das Roß, auf dem ich ritt, mit mir zugleich unterging und wieder zum Vorschein kam. 141. Oder glaubst du etwa, daß irgendein altes Weib so wahnwitzig gewesen wäre, den Träumen Glauben zu schenken, wenn dergleichen nicht zuweilen durch Zufall und von ungefähr zusammenträfe? Dem Alexander schien der Drache zu reden. Dies kann überhaupt falsch, aber auch wahr sein; wie es sein mag, wunderbar ist es nicht. Denn jener hörte den Drachen nicht reden, sondern glaubte, ihn zu hören, und zwar, was noch um so außerordentlicher ist, er redete, indem er die Wurzel im Munde hielt. Aber nichts ist außerordentlich für einen Träumenden. Ich frage aber, warum hatte Alexander diesen so ausgezeichneten, so zuverlässigen Traum und warum nicht ebenfalls einen zu anderer Zeit und warum andere nicht viele dergleichen? Mir wenigstens ist außer diesem Marianischen in der Tat keiner vorgekommen, dessen ich mich erinnerte. Vergebens sind also so viele Nächte in einem so langen Leben zugebracht. 142. Jetzt gerade habe ich wegen der Unterbrechung der gerichtlichen Tätigkeit den Nachtwachen etwas abgezogen und die Mittagsruhe zugefügt, die ich früher nicht zu halten gewohnt war; und doch habe ich bei diesem vielen Schlafen nie durch einen Traum eine Erinnerung erhalten, und zumal bei so wichtigen Begebenheiten; und niemals glaube ich mehr zu träumen, als wenn ich auf dem Markt die Obrigkeiten oder in der Kurie den Senat sehe Cicero spricht hier mit bitterer Ironie im Hinblick auf die zutage tretenden Anzeichen des Verfalles gerade in den maßgebenden Kreisen des Staates..

LXIX. Und was ist denn – nach unserer Einteilung ist dies das zweite – für ein Zusammenhang und eine Zusammenstimmung in der Natur, was sie, wie ich gesagt habe, die Sympatheia nennen, dergestalt, daß man einen Schatz aus einem Ei erkennen soll? Denn die Ärzte erkennen aus gewissen Anzeichen die Annäherung und Steigerung der Krankheit; sie sagen sogar, es ließen sich einige Merkmale für den Gesundheitszustand, wie namentlich, ob wir vollsaftig oder entkräftet sind, aus einer gewissen Art von Träumen erkennen. Ein Schatz aber und eine Erbschaft, eine Ehrenstelle und Sieg und vieles von derselben Art, in welcher natürlichen Verwandtschaft steht es mit den Träumen? 143. Es soll einer, als er vom Beischlaf träumte, Blasensteine ausgeworfen haben. Ich sehe die ›Sympathie‹. Denn ihm ist im Schlaf ein solches Bild erschienen, daß die Kraft der Natur, nicht der Irrwahn die erfolgte Wirkung hervorbrachte. Welche Naturkraft hat also dem Simonides Vgl. I, 27, 56 und II, 65, 134. jene Erscheinung vorgeführt, die ihm verbot, sich einzuschiffen? Oder was für eine Verbindung mit der Natur hatte der aufgezeichnete Traum des Alkibiades Vgl. Cornelius Nepos und Plutarch., der kurz vor seinem Tode im Schlafe glaubte, er sei mit dem Gewande seiner Geliebten bekleidet? Als er unbeerdigt hingeworfen war und von allen verlassen dalag, bedeckte seine Geliebte den Leichnam mit ihrem Mantel. Lag das also in der Zukunft und hatte natürliche Gründe? Oder hat der Zufall sowohl die Erscheinung wie den Erfolg hervorgebracht?

LXX. 144. Wie, geben nicht die Vermutungen der Traumdeuter mehr ihren Geist als die Kraft und Übereinstimmung der Natur zu erkennen? Ein Wettläufer, der zu den Olympischen Spielen zu reisen gedachte, glaubte im Schlaf auf einem vierspännigen Wagen zu fahren. Früh geht er zum Traumdeuter. Und dieser sagt: ›Du wirst siegen. Denn dies deutet die Schnelligkeit und Kraft der Rosse an.‹ Derselbe kommt nachher zu Antiphon Antiphon, ein Athener s. I, 20, 39.. Der aber sagt: ›Du wirst notwendig besiegt werden. Siehst du denn nicht ein, daß vier vor dir hergelaufen sind?‹ – Sieh, ein anderer Wettläufer – denn von diesen und ähnlichen Träumen ist das Buch des Chrysippos und das des Antipater voll – ..., doch ich kehre zu dem Wettläufer zurück. Er trägt dem Ausleger vor, er habe im Traum geglaubt, ein Adler geworden zu sein. Und jener sagt: ›Du hast gesiegt. Denn kein Vogel fliegt gewaltiger als dieser.‹ Antiphon aber sagte ihm: ›Du Einfaltspinsel, siehst du nicht, daß du besiegt bist? Denn dieser Vogel, der andere Vögel verfolgt und jagt, ist selbst immer der letzte.‹ 145. Eine Frau, die Kinder zu haben wünschte und im Zweifel war, ob sie schwanger sei, träumte, ihre Natur sei versiegelt. Sie erzählte dies. Ein Traumdeuter behauptet, sie habe nicht empfangen können, weil sie versiegelt gewesen sei. Aber ein anderer sagt, sie sei schwanger; denn etwas Leeres pflege man nicht zu versiegeln. Was ist das für eine Kunst des Traumdeuters, der mit seinem Witze täuscht? Oder beweisen die von mir angeführten Beispiele und unzählige, die von den Stoikern gesammelt sind, etwas anderes als den Scharfsinn der Menschen, die aus einer gewissen Ähnlichkeit ihre Vermutungen bald hierhin, bald dorthin lenken? Die Ärzte haben gewisse Zeichen an den Adern und im Atem des Kranken und erkennen aus vielen anderen Erscheinungen die Zukunft voraus. Wenn der Steuermann die Blackfische Lolligo, der Tintenfisch. aufspringen oder die Delphine sich in den Hafen flüchten sieht, so glaubt er, dies zeige einen Sturm an. Dies läßt sich leicht durch Gründe erklären und auf die Naturgesetze zurückführen; das aber, was ich kurz vorher gesagt habe, auf keine Weise.«

LXXI. 146. »Aber freilich, eine lang dauernde Beobachtung denn dieser eine Teil bleibt noch übrig – hat durch Aufzeichnung der Dinge eine Kunst erzeugt.« – »Meinst du? Können die Träume beobachtet werden? Auf welche Weise denn? Denn es gibt unzählige Mannigfaltigkeiten. Nichts läßt sich so verkehrt, so regellos und so ungeheuer erdenken, daß wir es nicht träumen könnten. Wie also können wir diese unendlichen und immer neuen Erscheinungen im Gedächtnis behalten oder durch Beobachtung aufzeichnen? Die Astrologen haben die Bewegungen der Irrsterne (Planeten) verzeichnet. Denn man fand bei diesen Sternen eine Ordnung, an die man früher nicht glaubte. Sag mir doch, welche Ordnung und welche Zusammenstimmung findet sich bei den Träumen? Auf welche Weise aber können die wahren Träume von den falschen unterschieden werden, wenn dieselben Träume bei dem einen so, bei dem anderen so und bei einem und demselben nicht immer auf dieselbe Weise eintreffen, so daß es mir wunderbar erscheint, da wir einem Lügner nicht zu glauben pflegen, auch nicht einmal, wenn er die Wahrheit sagt, wie jene doch, wenn einmal ein Traum in Erfüllung gegangen ist, nicht lieber wegen der vielen falschen diesem einen den Glauben absprechen, als um des einen willen unzählig viele für wahr halten. 147. Wenn also weder Gott der Schöpfer der Träume ist, noch die Natur irgendwelche Gemeinschaft mit den Träumen hat, noch durch Beobachtung eine Wissenschaft erfunden werden kann, so ist bewiesen, daß man den Träumen durchaus keinen Glauben schenken darf, zumal da die selbst, die sie sehen, nichts daraus weissagen, und diejenigen, welche sie auslegen, Mutmaßung und nicht die Natur zu Rate ziehen, der Zufall aber im Laufe von fast unzähligen Jahrhunderten bei allen Dingen mehr Wunderbares als bei den Erscheinungen der Träume hervorgebracht hat und da endlich auch nichts ungewisser ist als die Mutmaßung, die nach verschiedenen Seiten, bisweilen nach ganz entgegengesetzten hin gelenkt werden kann.

LXXII. 148. Es werde also auch diese Weissagung aus den Träumen zugleich mit den übrigen verworfen. Denn um die Wahrheit zu sagen, ein Aberglaube, der sich über die Völker verbreitet, hat sich fast aller Gemüter und der menschlichen Schwäche bemeistert. Dies ist in den Büchern Vom Wesen der Götter gesagt worden, und auch in dieser Abhandlung habe ich darauf hauptsächlich hingearbeitet. Denn ich glaubte sowohl mir selbst wie auch meinen Mitbürgern zu nützen, wenn ich den Aberglauben gänzlich vernichtete. Keineswegs aber – und dies will ich sorgfältig verstanden wissen – wird mit der Vernichtung des Aberglaubens auch die Religion vernichtet. Denn es ziemt sich für einen weisen Mann, die Anordnungen der Vorfahren durch Beibehaltung der heiligen Gebräuche und Zeremonien zu erhalten; und die Schönheit der Welt und die Ordnung in den Himmelsräumen zwingt uns das Geständnis ab, daß es ein erhabenes und ewiges Wesen gebe und daß dieses von dem menschlichen Geschlecht verehrt und bewundert werden müsse. 149. So wie deshalb die mit der Erkenntnis der Natur verbundene Religion befördert werden muß, ebenso müssen alle Wurzeln des Aberglaubens ausgerottet werden. Denn er bedroht, bedrängt und verfolgt dich, wohin du dich auch wenden mögest, magst du auf einen Wahrsager oder auf ein Omen hören; magst du opfern oder nach einem Vogel ausschauen; wenn du einen Chaldäer oder einen Opferschauer siehst; wenn es blitzt, wenn es donnert, wenn es einschlägt; wenn etwas einem Wunder Ähnliches zur Welt gekommen oder geschehen ist; Dinge, von denen meistens notwendig sich etwas ereignen muß, so daß man niemals ruhigen Gemütes bleiben kann. 150. Eine Zuflucht für alle Mühseligkeiten und Kümmernisse scheint der Schlaf zu sein. Aber aus ihm selbst entspringen sehr viele Sorgen und Befürchtungen. Diese würden aber an sich weit weniger Einfluß ausüben und mehr verachtet werden, wenn sich die Philosophen Nämlich die Stoiker, gegen die der Neuakademiker Karneades auftritt. nicht als Beschützer der Träume aufgeworfen hätten, und eben nicht gerade die verachtetsten, sondern besonders scharfsinnige Männer, die Folgerichtiges und Widersprechendes erkannten, ja die schon fast für vollendet und vollkommen angesehen werden. Wenn Karneades nicht ihrer Anmaßung entgegengetreten wäre, so würden sie jetzt vielleicht allein für Philosophen gelten. Gegen diese fast allein ist meine Erörterung und mein Streit gerichtet, nicht weil ich sie am meisten geringschätzte, sondern weil sie ihre Ansichten mit dem größten Scharfsinn und der größten Klugheit zu verteidigen scheinen. Da es aber der Akademie Cicero meint die Neuere Akademie, deren Stifter eben Karneades ist; vgl. I, 4. Der Grundsatz dieser Schule war: Weder durch die Sinne noch durch die Vernunft könne die Wahrheit der Dinge erkannt werden; man müsse daher alles bezweifeln und könne bei der Untersuchung eines Gegenstandes durch Prüfung aller einzelnen Momente für und gegen denselben nur der Wahrheit nahe kommen; eine Gewißheit des Wissens bestehe nicht; nur verschiedene Grade der Wahrscheinlichkeit. Cicero bekannte sich zu dieser Lehre. eigentümlich ist, kein eigenes Urteil von sich aufzustellen, nur das zu billigen, was der Wahrheit am nächsten zu kommen scheint, die Gründe zu vergleichen und, was sich für eine jede Ansicht sagen läßt, darzulegen und ohne eigene Entscheidung anzuwenden, das Urteil der Zuhörer unbefangen und frei zu lassen, so wollen wir diese von Sokrates übernommene Gewohnheit festhalten und uns derselben unter uns, wenn es dir, mein Bruder Quintus, gefällt, recht oft bedienen.« – »Mir, fürwahr«, erwiderte jener, »kann nichts angenehmer sein.«

Nach dieser Unterredung standen wir auf.

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