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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 3
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authorMarcus Tullius Cicero
titleVon der Weissagung
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorRaphael Kühner
translatorRaphael Kühner
correctorJosef Muehlgassner
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Erstes Buch

I. 1. Es ist ein alter Glaube, der schon aus den heroischen Zeiten stammt und der durch die Übereinstimmung des römischen Volkes sowie die aller Völker bekräftigt ist, es walte unter den Menschen eine gewisse Weissagung, welche die Griechen Mantik nennen, das heißt eine Vorempfindung und eine Kunde zukünftiger Dinge: eine herrliche und heilbringende Wissenschaft, wenn es anders eine solche gibt, durch die sich die sterbliche Natur am meisten der Macht der Götter nähere. Wie wir nun auch in manchen anderen Punkten den Griechen voraus sind, so haben unsere Landsleute den Namen für diese so ausgezeichnete Sache auch richtig von divis, das heißt von den Göttern, die Griechen, wie Platon erklärt, aber nur von furor, das heißt von der Raserei, abgeleitet. 2. Kein Volk gibt es, wie ich sehe, mag es noch so fein und gebildet, noch so roh und unwissend sein, das nicht der Ansicht wäre, die Zukunft könne gedeutet und von gewissen Leuten erkannt und vorhergesagt werden. Zuerst haben die Assyrier – um von den ältesten Völkern ein Zeugnis für meine Ansicht zu haben –, da sie wegen der Ebene und Weite der Flächen, die sie bewohnten, einen nach allen Seiten hin freien und unbeschränkten Horizont hatten, die vorübergehenden Bewegungen der Wandelsterne beobachtet, sie aufgezeichnet und das, was sie einem jeden bedeuteten, der Nachwelt überliefert. In dieser Nation haben, wie man glaubt, die Chaldäer, die nicht nach der Kunst, sondern nach dem Volke ihre Benennung haben Man nahm das Wort Chaldaei zu Ciceros Zeit für gleichbedeutend mit dem der Astrologen, vgl. Strabo XVI, I, 6 und Gellius, Attische Nächte XIV, 1., sich durch tägliche Beobachtung der Gestirne eine Wissenschaft gebildet, so daß sie voraussagen konnten, was einem jeden begegnen werde und zu welchem Schicksal er geboren sei. Dieselbe Kunst sollen auch die Ägypter in der Länge der Zeiten und im Laufe von zahllosen Jahrhunderten erlangt haben. Die Kilikier aber und die Pisider und die diesen benachbarten Pamphylier, denen ich selbst vorgestanden habe Cicero verwaltete die Provinz Kilikien, an der Südostküste Kleinasiens, 51 v. Chr. Die hier erwähnten Völkerschaften stehen für die Provinz selbst. Cicero führte Krieg gegen die räuberischen Völker am Gebirge Amanus und erwarb sich dadurch den Namen eines Imperators., glauben, daß durch den Flug und den Gesang der Vögel, als die zuverlässigsten Zeichen, die Zukunft sich zu erkennen gebe. 3. Und welche Kolonie hat Griechenland nach Äolien, Ionien, Asien, Sizilien und Italien ohne Befragung des Pythischen oder Dodonäischen oder Ammonischen Orakels Das Pythische Orakel ist das berühmte des Pythischen Apollo zu Delphi. – Zu Dodona im Lande der Molosser in Epeiros, wo Iupiter auf dem Berge Tomaros einen Tempel hatte, war das älteste griechische Orakel. – Das Ammonische Orakel war in Libyen, in der Oase Ammonien, wo in berühmter Tempel des Iupiter Ammon stand. entsandt oder welchen Krieg hat es ohne den Rat der Götter unternommen?

II. Und nicht nur eine Art der Weissagung wandte man im öffentlichen Leben und im Privatleben häufig an. Denn – um die übrigen Völker zu übergehen – wieviel Arten hat nicht allein das unsrige eingeführt? Gleich anfangs soll der Vater dieser Stadt, Romulus, nicht bloß unter Auspizien die Stadt gegründet haben, sondern auch selbst der beste Augur gewesen sein. Und dann bedienten sich der Auguren auch die übrigen Könige, und nach Vertreibung der Könige wurde keine öffentliche Handlung, weder daheim noch im Kriege, ohne Auspizien vorgenommen. Und da eine große Bedeutung teils zur Erlangung guter Anzeichen und zur Beratung der Dinge, teils zur Auslegung und Sühnung von Wunderzeichen in der Wissenschaft der Opferschauer zu liegen schien, so nahmen sie diese Wissenschaft in ihrem ganzen Umfang aus Etrurien auf Das Amt der Auguren bestand darin, daß sie aus dem Fluge, den Stimmen und dem Fressen der Vögel, sowie aus der Beobachtung anderer Tiere und aus Himmelserscheinungen weissagten. Ihr Amt war lebenslänglich. Nach der Überlieferung bestand unter Romulus ihr Kollegium aus drei, unter Servius Tullius aus vier, seit Sulla aus fünfzehn Mitgliedern. Auch Cicero hatte eine Schrift de auguriis verfaßt, die aber verlorengegangen ist., so daß durchaus keine Gattung der Weissagung von ihnen vernachlässigt zu sein schien. 4. Da nun die Seele auf zweierlei Weise ohne Überlegung und wissenschaftliche Erkenntnis durch ihre eigene ungebundene und freie Bewegung sich erregen läßt, indem sie teils begeistert ist, teils träumt, so glaubten sie, es sei die in der Begeisterung enthaltene Weissagung vornehmlich in den Sibyllinischen Versen zu finden, und bestimmten zehn auserlesene Erklärer aus der Bürgerschaft dazu Die Sibylla war eine Weissagerin in Cumae in Kampanien gewesen, von ihr stammten die Sibyllinischen Bücher oder Verse. Anfangs (bis 366 v. Chr.) hatten zwei interpretes oder sacerdotes Sibyllini über sie die Aufsicht, später zehn und zuletzt unter Sulla und Augustus fünfzehn.. Als zu dieser Gattung gehörig glaubte man auch die in Raserei getanen Aussprüche von Wahrsagern und Sehern, wie im Octavianischen Kriege Der »Octavianische« Krieg, im Jahre 87 v. Chr., benannt nach dem Konsul Gnaeus Octavius, einem Anhänger der Sullanischen Partei, der gegen seinen Kollegen Lucius Cornelius Cinna und Marius focht und getötet wurde, als Sulla in Asien im Kriege gegen Mithridates abwesend war. (Vgl. Vom Wesen der Götter II, 5, 14.) Es zeigten sich in dieser Zeit viele auffallende Erscheinungen am Himmel. Cornelius Culleolus war im Jahre 87 ein Seher, sonst unbekannt. die von Cornelius Culleolus, anhören zu müssen. Auch wichtigere Träume, wenn sie etwa den Staat zu betreffen schienen, wurden von der obersten Behörde, dem Senat, nicht außer acht gelassen. Ja, noch in unserer Zeit hat Lucius Iulius, der mit Publius Rutilius Konsul war Im Jahre 110 v. Chr., auf Senatsbeschluß den Tempel der Iuno Sospita Vgl. Vom Wesen der Götter I, 29, 82, Die Iuno Sospita wurde in ganz Latium verehrt, in Lanuvium hatte sie einen Tempel und Hain, der auch für Rom heilig war. herstellen lassen infolge eines Traumes der Caecilia, der Töchter des Balearicus Caecilia Metella war die Tochter des Konsuls Quintus Caecilius Metellus, der nach Eroberung der Balearischen Inseln (123 v. Chr.) den Beinamen Balearicus erhielt..

III. 5. Und dergleichen haben die Alten gebilligt, indem sie, wie ich glaube, eher durch die Erfolge der Dinge bewogen, als durch Vernunftgründe belehrt worden sind. Man hat jedoch einige auserlesene Beweise von Philosophen für die Wahrheit der Weissagung gesammelt. Unter diesen hat allerdings – um zuerst von den ältesten zu reden – Xenophanes Xenophanes aus Kolophon, gründete die Schule der Eleaten, geb. um 570 v. Chr. Er wanderte um 545 nach Elea in Großgriechenland; vgl. über ihn Vom Wesen der Götter I, 41, 28. aus Kolophon, obwohl er der einzige war, der das Dasein der Götter behauptete, dennoch die Weissagung von Grund aus verworfen. Aber alle übrigen, mit Ausnahme von Epikur Epikuros, 341 bis 270 v. Chr., aus Samios, Gründer der Epikureischen Schule, die die Lust für das höchste Gut und den Schmerz für das größte Übel erklärte. – Vgl. zu der Ansicht des Xenophanes und Epikuros Plutarch, Von den Philosophen 5, 1 und Diogenes Laërtius X, § 135., der sich über das Wesen der Götter ganz unklar ausdrückt, haben die Weissagungen angenommen; aber freilich nicht alle auf gleiche Weise. Während nämlich Sokrates und alle Sokratiker, dann Zenon Zenon aus Kition auf Kypros, Gründer der Stoischen Schule, um 300 v. Chr. und seine Schüler bei der Ansicht der alten Philosophen verblieben, mit Zustimmung der alten Akademie Die alte Akademie war von Plato gegründet. und der Peripatetiker Peripatetiker, die Schüler des Aristoteles.; während schon vorher Pythagoras Pythagoras, Philosoph aus Samos, stiftete die nach ihm benannte Pythagoreische Schule, lebte im 6. Jahrh. v. Chr.; vgl. Vom Wesen der Götter I, 11, 27. diesem Gegenstand großes Gewicht beigelegt hatte, da er sogar selbst Augur sein wollte; während endlich der gewichtige Gewährsmann Demokritos Demokritos aus Abdera in Thrakien, 460 v. Chr. geb., Schüler des Leukippos, dessen Atomenlehre er weiter ausbildete. Von seinen zahlreichen Schriften sind uns nur einzelne Sätze aufbewahrt worden. an mehreren Stellen die Vorempfindung der Zukunft unterstützt hatte, verwarf der Peripatetiker Dikaiarchos Dikaiarchos aus Sizilien, peripatetischer Philosoph, zugleich Mathematiker und Redner, Schüler des Aristoteles, schrieb Bücher über die Seele und ein Buch über den Tod. Vgl. Tuskulanen I, 10. die übrigen Gattungen der Weissagung und behielt nur die der Träume und der Begeisterung bei. Auch unser Freund Kratippos Kratippos aus Mytilene auf Lesbos, auch ein Peripatetiker zu Athen, Freund Ciceros und Lehrer von dessen Sohn, der ihn 44 zu Athen hörte. Vgl. II, 48, 100 und noch häufig in dieser Schrift., den ich den bedeutendsten Peripatetikern an die Seite stelle, maß nur diesen beiden Gattungen der Weissagung Glauben bei und verwarf die übrigen. 6. Da aber die Stoiker fast alle jene Gattungen verteidigten, indem teils Zenon in seinen Abhandlungen einige Samenkörner hierzu ausgestreut und Kleanthes Kleanthes von Assus in Troas, 333-231 v. Chr., berühmter stoischer Philosoph, Schüler des Krates und Nachfolger des Zenon in der Leitung der Stoischen Schule. diese weiterentwickelt hatte, so kam der äußerst scharfsinnige Chrysippos Chrysippos aus Soloi in Kilikien (ca. 280 bis 206 v. Chr.), Schüler des Kleanthes, ein sehr scharfsinniger und gelehrter Stoiker. Er schrieb sehr viel, u. a. ein Buch über die Orakel, woraus Cicero geschöpft hat; vgl. II, 56, 115. Cicero nennt ihn II, 28, 61 den auctor divinationis. hinzu, der die Weissagung in zwei Büchern auseinandergesetzt, außerdem in einem über die Orakel und in einem über die Träume gesprochen hat. Diesem reihte sich sein Zuhörer Diogenes Babylonios Diogenes, der Babylonier, eigentlich aus Seleukeia in Syrien, stoischer Philosoph, Schüler des Chrysippos, Lehrer des Neuakademikers Karneades, kam 155 v. Chr. mit Karneades und Kritolaos als Gesandter von Athen nach Rom. Dort hielten die drei gelehrte Vorträge über philosophische Gegenstände, mußten aber, da Cato besorgt war, daß die römische Jugend durch diese Vorträge dem tätigen Leben für den Staat entzogen würde, Rom bald wieder verlassen. an und gab ein Buch heraus; sodann schrieb Antipater Antipater, Schüler des Diogenes, aus Tarsos. zwei Bücher und unser Poseidonios Poseidonios aus Apameia in Syrien, 135 bis 51 v. Chr., Schüler des Panaitios (stoischer Philosoph), erteilte Cicero persönlich Unterricht, vgl. Vom Wesen der Götter I, 3. fünf. Von den Stoikern wurde zwar sogar ein Meister dieser Schule, Panaitios Panaitios aus Rhodos, ca. 180 v. Chr., ein berühmter Philosoph der Stoischen Schule und der hauptsächlichste Verbreiter des Stoizismus in Rom; er war der Freund des Scipio und Laelius., abtrünnig, wagte jedoch nicht zu behaupten, es gebe keine weissagende Kraft, sondern sagte nur, er schwanke darüber mit seinem Urteil. Und was jener Stoiker trotz des heftigsten Widerstrebens der Stoiker sich zu tun erlaubte, werden uns das nicht die Stoiker auch in den übrigen Punkten zugestehen, zumal das, was dem Panaitios nicht einleuchtet, den übrigen Anhängern seiner Schule heller als das Sonnenlicht zu sein scheint. 7. Diese löbliche Eigenschaft des Zweifelns, die der Akademie eigentümlich ist, ist durch das Urteil und Zeugnis eines der vortrefflichsten Philosophen gerechtfertigt worden.

IV. Indem ich mir nun selbst die Frage vorlege, was man von der Weissagung zu halten habe, weil Karneades Karneades aus Kyrene in Afrika, geb. 214 v. Chr., Stifter der Neueren Akademie, vgl. II, 72, 150, besonders Gegner des Stoikers Zenon. den Stoikern vieles scharfsinnig und wortreich bestritten hat, und indem ich besorgt bin, ohne Überlegung einer irrigen oder nicht hinreichend erwogenen Sache beizustimmen, so glaube ich, aufs neue wieder Gründe und Gegengründe gegeneinander halten zu müssen, wie ich es in den drei Büchern Vom Wesen der Götter getan habe. Denn es ist überall ein übereiltes Zustimmen und ein Irrtum schimpflich, besonders wenn wir darüber urteilen sollen, wieviel Gewicht wir den Auspizien und überhaupt den göttlichen Dingen und der Religion beilegen sollen. Denn es ist Gefahr vorhanden, daß wir, wenn wir jene Dinge vernachlässigen, uns eines gottlosen Frevels oder aber, wenn wir sie annehmen, eines kindischen Aberglaubens schuldig machen.

V. 8. Über diese Dinge habe ich schon sonst oft gesprochen und etwas gründlicher neulich, als ich mit meinem Bruder Quintus auf meinem Tusculanum verweilte. Als wir nämlich lustwandelten und in das Lyceum Cicero hatte in der Umgebung seines Tusculanum zwei Spaziergänge, von denen er in Nachahmung der athenischen Gymnasien den einen nach dem Lehrorte des Aristoteles Lyceum, den anderen nach dem des Platon Akademie nannte. gekommen waren (so heißt das oberhalb gelegene Gymnasium), da sagte jener: »Ich habe eben dein drittes Buch Vom Wesen der Götter durchgelesen, in dem die Erörterung Cottas Gaius Aurelius Cotta, 124-73 v. Chr., ist derselbe, der in dem Werk Vom Wesen der Götter als Neuakademiker auftritt. Im Jahre 75 war er mit Livius Octavius Konsul, darauf bekam er Gallien als Provinz. meine Ansicht zwar wankend gemacht, aber dennoch nicht von Grund aus umgestoßen hat.« – »Sehr schön«, sagte ich, »denn Cotta redet selbst in dem Sinne, daß er viel mehr die Beweise der Stoiker widerlegen als den Religionsglauben der Menschen vernichtet wissen will.« Darauf erwiderte Quintus: »Das sagt allerdings Cotta und zu wiederholten Malen und, wie ich glaube, damit es nicht den Anschein gewinne, als verletze er die allgemein-menschlichen Rechte; aber bei seinem Eifer, gegen die Stoiker anzukämpfen, scheint er mir selbst das Dasein der Götter leugnen zu wollen. 9. Doch bin ich keineswegs um eine Antwort auf seine Rede verlegen; denn die Religion ist hinlänglich von Lucilius Quintus Lucilius Balbus, ein Zuhörer des Panaitios, der auch in dem Dialog Hortensius als Verteidiger der Stoa auftritt, wie aus einem Bruchstück dieser Schrift zu ersehen ist. Vgl. Ciceros Urteil über seine Philosophie, Vom Wesen der Götter I, 6, 15. in dem zweiten Buche in Schutz genommen, und seine Erörterung schien dir selbst, wie du am Ende des dritten Buches schreibst, der Wahrheit näher zu kommen. Aber was in jenen Büchern ausgelassen ist (ich glaube deshalb, weil du es für zweckmäßiger hieltst, das besonders zu untersuchen und zu besprechen, nämlich die Frage von der Weissagung, die in der Voraussagung und der Vorempfindung der für zufällig gehaltenen Dinge besteht), das also laßt uns, wenn es beliebt, betrachten, was es für eine Bedeutung hat und von welcher Beschaffenheit es ist. Meine Meinung ist nämlich die: Wenn die Gattungen der Weissagung, die uns überkommen sind und die wir verehren, wahr sind, so gibt es auch Götter; und umgekehrt, wenn es Götter gibt, so muß es auch Leute geben, die weissagen.«

VI. 10. »Du verteidigst da die Hauptschanze arcem, das Hauptargument, auf das sich die Stoiker berufen. der Stoiker, mein Quintus«, sagte ich, »wenn anders dies sich so umkehren läßt, daß, wenn es Weissagung gibt, es Götter gibt; und Götter, wenn es Weissagung gibt. Aber hiervon wird dir wohl keines von beiden so leicht, wie du glaubst, eingeräumt. Denn einerseits kann auch durch die Natur und ohne Gott die Zukunft angedeutet werden, anderseits ist es auch, wenn es Götter gibt, möglich, daß überhaupt keine Weissagung dem Menschengeschlecht verliehen ist.« Und jener sagte: »Ich fürwahr habe einen hinreichenden Beweis für das Dasein der Götter und für ihre Leitung der menschlichen Dinge in dem Glauben, daß es deutliche und einleuchtende Gattungen der Weissagung gibt. Hierüber werde ich dir, wenn du Lust hast, meine Ansicht auseinandersetzen, jedoch nur unter der Bedingung, daß du Muße hast und nichts anderes diesem Gespräche vorziehen zu müssen glaubst.« – 11. »Ich«, erwiderte ich, »habe für die Philosophie immer Muße, mein Quintus. Und da ich jetzt gerade nichts anderes vorhabe, was ich mit Vorliebe treiben möchte, so wünsche ich um so viel mehr deine Ansicht über die Weissagung zu hören.« – »Neues freilich bringe ich nicht«, erwiderte er, »und nichts, was vor anderen ausschließlich meine Ansicht wäre. Denn ich folge der ältesten und der durch die Übereinstimmung aller Völker und Nationen bestätigten Ansicht. Es gibt also zwei Arten der Weissagung, eine künstliche und eine natürliche. 12. Und welche Nation, welcher Staat ließe sich nicht beeinflussen durch die Vorherverkündigungen der Opferschauer oder derer, welche die Wundererscheinungen und Blitze erklären, oder der Auguren oder der Astrologen oder schließlich der Lose (das sind so ziemlich die Arten, die der Kunst angehören) oder der Träume oder Weissagungen (diese beiden hält man für die natürlichen)? Man muß, glaube ich, bei diesen Dingen eher nach dem Erfolg als nach den Gründen fragen; denn es gibt eine gewisse natürliche Kraft, die teils durch eine lange Zeit fortgesetzte Beobachtung von Anzeichen, teils durch einen gewissen göttlichen Antrieb und Anhauch die Zukunft vorausverkündet.

VII. Deshalb mag Karneades aufhören, uns zuzusetzen, was auch Panaitios zu tun pflegte, indem er fragt, ob Iupiter der Krähe von der linken, dem Raben Über die Vögel, die durch den Flug zur Rechten oder Linken Anzeichen gaben, vgl. I, 39, 85 und 53, 120, und Vom Wesen der Götter 264, 160. von der rechten Seite her zu krächzen befohlen habe. Dies sind Beobachtungen einer unermeßlichen Zeit, die beim Anzeichen eines Erfolges wahrgenommen und aufgezeichnet sind. Es gibt aber nichts, was nicht die Länge der Zeiten mit Hilfe des Gedächtnisses und durch Überlieferung von Denkmälern sich aneignen und erreichen könnte. 13. Es ist zu bewundern, welche Arten von Kräutern die Ärzte beobachtet haben, welche Arten von Wurzeln gegen die Bisse wilder Tiere, gegen Augenkrankheiten und gegen Wunden, deren Wirksamkeit und Natur noch nie die Wissenschaft erklärt hat: Durch ihren Nutzen hat sich die Kunst und der Erfinder bewährt. Wohlan, laßt uns das betrachten, was zwar zu einer anderen Gattung gehört, aber dennoch der Weissagung sehr nahe kommt.

›Und gar oft verkündet zuvor die künftigen Stürme Diese Verse und die folgenden Fragmente im achten und neunten Kapitel sind aus Ciceros Übersetzung der Diosemeia des Aratos, von Cicero Prognostica genannt. Außer diesen Versen, Phainomena 909 bis 912 ff. (Diosemeia 177 bis 180) und dreien bei Priscian ist alles übrige verloren. – Aratos, aus Soloi in Kilikien, ca. 310-245 v. Chr., lebte am Hof des makedonischen Königs Antigonos, durch den veranlaßt er das Werk des Knidiers Eudoxos, eines Astronomen, in ein Lehrgedicht: Phainomena kai Diosemeia (Sternerscheinungen und Wetterzeichen) umarbeitete. Cicero übersetzte es in lateinische Verse.
Hoch aufschwellendes Meer, wenn es plötzlich vom Grund sich auftürmt
Und das graue Gestein, beschäumt von der schneeigen Salzflut,
Läßt den traurigen Ton erschallen dem Gotte des Meeres;
Oder wenn wildes Getöse vom Gipfel des Berges daherstürmt
Und an der Klippen Umzäunung gebrochen drohend heranwächst.‹

VIII. Von solchen Vorempfindungen sind ja deine Prognostica voll. Wer vermag nun die Gründe der Vorempfindungen zu erforschen? Und doch, sehe ich, hat es der Stoiker Boëthos Boëthos aus Sidon, ein stoischer Philosoph, wird selten erwähnt; er scheint ein Zeitgenosse des Chrysippos gewesen zu sein. versucht, der insofern etwas geleistet hat, als er den Grund der Erscheinungen im Meer und am Himmel erklärte. 14. Wer aber mag mit Wahrscheinlichkeit angeben, woher das Folgende entspringt?

›Auch verkündet das bräunliche Huhn, aus dem Schlunde des Meeres
Fliehend, mit kläglichem Ton, daß drohe ein schrecklicher Sturmwind,
Und nicht mäßige Töne ergießt es aus zitternder Gurgel.
Oft auch läßt aus der Brust ein Lied der Trauer erschallen,
Häuft unablässig die Tön' mit dem Anbruch des Tages die Unke,
Frühe, sobald den frostigen Tau das Morgenrot auflöst.
Oft auch läuft das Ufer entlang die schwärzliche Krähe,
Taucht hinunter das Haupt und nimmt mit dem Nacken die Flut auf Aratos, Phainomena 913, 948, 950 ff..‹

IX. 15. Wir sehen, daß diese Zeichen fast niemals trügen, aber trotzdem sehen wir nicht, warum es so geht.

›Ihr auch sehet die Zeichen, des süßen Wassers Bewohner,
Wenn mit Geschrei ihr beginnt nichtssagenden Laut zu erheben,
Und mit widrigem Ton erfüllet die Quellen und Sümpfe Aratos, Phainomena 947; die beiden folgenden Verse daselbst 954..‹

Wer möchte vermuten, daß die Frösche dies ahnen könnten? Aber es liegt in den Fröschen Kraft und Naturgabe, die ihnen etwas vorbedeutet und an und für sich hinlänglich zuverlässig, aber für die Erkenntnis des Menschen ziemlich dunkel ist.

›Und schleppfüßige Rinder, erblickend die Sterne des Himmels,
Ziehn mit den Nüstern befeuchtenden Dunst aus der Luft ein.‹

Ich frage nicht, warum, weil ich einsehe, was vor sich geht.

›Ferner der Mastixbaum, stets grün und mit Früchten beladen,
Der mit dreifacher Frucht heranzuwachsen gewohnt ist,
Weiset, dreimal ergiebig, zum Pflügen die dreifache Zeit an Aratos, Phainomena 1051. Diese drei Verse führt auch Plinius, Naturgeschichte 18, 25, 61 an, und dieselbe Eigentümlichkeit des Mastixbaumes erwähnt Theophrast in seinen naturwissenschaftlichen Werken..‹

16. Auch danach frage ich nicht, warum dieser Baum allein dreimal blüht oder warum er das Zeichen seiner Blüte der zum Pflügen geeigneten Zeit anpaßt Eigentlich: warum er die rechte Zeit des Pflügens dem Zeichen der Blüte anpaßt.. Damit bin ich zufrieden, daß ich, wenn ich auch nicht weiß, wie alles geschieht, doch einsehe, was geschieht. Zur Verteidigung jeder Weissagung werde ich daher dasselbe wie für die ebengenannten Gegenstände zur Antwort geben.

X. Was die Wurzel der Scammonea Scammonea, Purgierkraut, eine Pflanze, deren Wurzel und Saft heilkräftig war. als Reinigungsmittel, was die Aristolochia Aristolochia, Osterluzei; vgl. Theophrast, Botanik 9, 13. – die ihren Namen von dem Erfinder erhielt, dem Erfinder aber wurde die Sache durch einen Traum kund – gegen den Biß der Schlangen vermag, sehe ich wohl und das genügt; warum sie es vermag, weiß ich nicht. So sehe ich auch nicht hinlänglich ein, welchen Grund die Anzeichen der Winde und Regen, von denen ich eben sprach, haben; ihre Kraft und ihren Erfolg aber erkenne ich, weiß ich und billige ich. Ebenso erkläre ich mir, was die Spaltlinie Lat. fissum; so wurde von den Opferschauern der Einschnitt der Leber genannt, der ihre Lappen in zwei Teile trennt, von denen der eine ein dem Befragenden, der andere ein dem Feinde günstiges Resultat versprach; vgl. Vom Wesen der Götter III, 6, 14 in den Eingeweiden und was die Faser Fibra ist die Faser, der Lappen eines Stückes vom Eingeweide, besonders der Leber, worauf man beim Beschauen des Opfertieres besonders achtete. bedeutet; was die Ursache davon ist, weiß ich nicht. Und von solchen Dingen ist das Leben voll; denn von den Eingeweiden machen wir fast alle Gebrauch. Wie, können wir wohl an der Kraft der Blitze zweifeln? Ist hierbei nicht außer vielem anderen besonders folgendes bewunderungswürdig: Als der Summanus Summanus, römischer Gott des nächtlichen Himmels und des nächtlichen Gewitters, im Kult mit Iupiter verbunden. am Giebelfelde des Iupiter Optimus Maximus Der Iupiter Optimus Maximus, der höchste und beste Gott, besonders der Beschützer des römischen Staates, hatte seinen Sitz und sein vorzüglichstes Heiligtum auf dem Kapitol, daher er auch Capitolinus genannt wurde; vgl. Tacitus, Historien 3, 72., der damals von Ton war, vom Blitze getroffen wurde und der Kopf dieser Statue nirgends zu finden war, da sagten die Opferschauer, er sei in den Tiber geschleudert worden; und er wurde wirklich gefunden an dem Orte, den die Opferschauer bezeichnet hatten.

XI. 17. Aber wen kann ich wohl eher zum Gewährsmann oder Zeugen nehmen als dich selbst? Ich habe deine Verse auswendig gelernt, und das mit Lust, die im zweiten Buche Vom Konsulat Cicero hatte die Begebenheiten seines Konsulates in drei Büchern besungen; in dem zweiten führt er die Muse Urania redend ein. Außer diesem Fragment sind nur noch wenige Verse in den Briefen an Atticus (II, 3, 13) und im Nonius Marcellus auf uns gekommen. die Muse Urania spricht:

›Anfangs wälzet sich Zeus, entflammt vom ätherischen Feuer Iupiter wird hier nach der Auffassung der Stoiker von Cicero als der Weltgeist und das göttliche, kunstbegabte Feuer geschildert (vgl. Vom Wesen der Götter II, 22, 57). Gott (Iupiter) wird hier als Äther dargestellt, insofern in dem Äther die göttliche Kraft hervortritt. Gott und Welt werden von den Stoikern als identisch gefaßt.,
Und erleuchtet die Welt mit allumfassendem Scheine,
Himmel und Länder zugleich durchdringt er mit göttlichem Geiste,
Der im Innern erhält die Sinn' und das Leben der Menschen,
Von des himmlischen Äthers Gewölbe umzäunt und umgeben.
Willst du jedoch die Bahn und den Lauf der schweifenden Sterne
Kennen, die fest sind gestellt am Sitze der himmlischen Zeichen,
Die dem Worte nach irren, nach falscher Benennung der Griechen Bei den Griechen Planetai, Irrsterne genannt, von ðëáí?ó?áé umherschweifen.,
Aber in Wahrheit wandern in sicheren Bahnen und Räumen,
Alles wirst du erblicken bestimmt vom göttlichen Geiste.
18. Du ja sahest, als Konsul Cicero bekleidete im Jahre 63 v. Chr. das Konsulat, zugleich mit dem von ihm gehaßten Gaius Antonius Hybrida., den Lauf der geflügelten Sterne
Und den Zusammenstoß der vom Glanze glühenden Lichter,
Als auf albanischer Höhe Mons Albanus, der westliche Gipfel des jetzigen Albanergebirges (Monte Cavo), der heilige Berg der Latiner, mit einem Tempel des Iupiter Latialis auf dem höchsten Gipfel, zu dem ein Weg die Festzüge in den feriis Latinis sowie die römischen Feldherren bei einer Ovation hinaufführte (vgl. Livius 26, 21, 6). du sühntest die schneeigen Hügel,
An dem Latinischen Fest Das Latinische Fest oder die feriae Latinae waren ein Bundesfest der Völkerschaften Latiums und wurden alle vier Jahre dem Iupiter Latialis zu Ehren auf dem Albanischen Berg von dem Konsul mit einem gemeinschaftlichen Opfer gefeiert, wobei den Göttern Milch gespendet wurde. Sie konnten zu jeder Jahreszeit gefeiert werden, so hier im Winter, wie aus den »schneeigen Hügeln« deutlich hervorgeht. mit Frohsinn spendend den Milchguß,
Sahst die Kometen entflammt vom hellen Strahle des Feuers,
Glaubtest, daß viel in Verwirrung gerate durch nächtlichen Frevel Cicero deutet hier auf die Catilinarische Verschwörung, von der weiter unten deutlicher gesprochen wird.,
Weil das Latinische Fest in jene schreckliche Zeit fiel,
Wo die mit vollem Licht erst leuchtende Luna ihr Antlitz
Barg und plötzlich verlor den Glanz am sternvollen Himmel.
Wie! Die Fackel des Phoibos Quid vero Phoebi fax, nämlich fecit? wie ein solches Verbum in affektvoller Rede häufig ausgelassen wird. Die Fackel des Phoebus ist ein feuriges Meteor in Gestalt eines Pfeiles oder eines Balkens, wie hier, und galt, wie noch jetzt die Kometen, als Vorbote von Krieg und Unglück (vgl. Plinius, Naturgeschichte 2, 26). Vgl. zur Sache Catilinarische Reden III, 8, § 18 (und später § 19)., die traurige Botin des Krieges,
Flog wie ein mächtiger Balken dahin in brennender Hitze
Da, wo das Himmelsgewölb' sich senket, den Abend erstrebend.
Oder als selbst ein Bürger, getroffen vom schrecklichen Blitzstrahl,
Schwand, beim heitersten Himmel entrissen dem Reiche des Lebens?
Oder als schwanger der Schoß der erschütterten Erde erbebte?
Ja, es erinnerten uns so manche Schreckensgestalten,
Die in der Nacht sich zeigten, an Krieg und wilde Bewegung.
Ja, auch Seher ergossen durchs Land gar viele Orakel
Aus der begeisterten Brust und drohten trauriges Schicksal;
19. Und was endlich im Fall durch die Länge des Alters dahinsank,
Dies verkündete selbst sehr oft der Vater der Götter
Durch wiederholt untrügliche Zeichen auf Erd' und am Himmel.
XII. Jetzt hat, was einst unter Torquatus und Cotta, den Konsuln Lucius Manlius Torquatus und L. Aurelius Cotta waren 65 v. Chr. Konsuln. Der erste trat 62 gegen Catilina auf, als dessen Verschwörung entdeckt wurde. Er war mit Cicero befreundet. Der zweite war 70 Praetor, auch dem Cicero befreundet; später stand er auf Caesars Seite.,
Hatte ein lydischer Der Seher wird lydisch genannt und dem tyrrhenischen Stamme zugeschrieben nach der Sage, daß die Tusker oder Etrurier unter der Anführung des Tyrrhenus aus Lydien nach Etrurien gekommen seien. Seher tyrrhenischen Stammes geweissagt,
Dein Jahr alles gehäuft und gebracht zu sichrer Vollendung.
Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympos
Zielte einst selbst der Vater auf eigene Hügel und Tempel,
Schleudernd den feurigen Blitz auf die kapitolinischen Sitze.
Damals stürzte herab des Natta Natta, ein alter Römer aus der Familie der Pinarier, vgl. II, 21, 47. eherne, alte
Säule; es schmolz des Gesetzes durch Alter geheiligte Tafel;
Und der Götter Gebilde zerstörte die Flamme des Blitzes.
20. Hier stand einst die Tochter des Waldes, des römischen Namens
Pflegerin Hierunter ist das Wahrzeichen Roms, die Statue der Wölfin mit den Zwillingen, Romulus und Remus, den Söhnen des Mars oder Mavors, zu verstehen. Der Wolf ist ein dem Mars heiliges Tier, vgl. Vergil, Aeneis IX, 566: Martius lupus. Zu der ganzen Stelle vergleiche man noch Properz, Elegien III, 9, 51 und Cicero, Vom Staat II, 2., heilig dem Mars, die kleinen Sprossen des Mavors
Aus der Fülle der Euter mit Tau des Lebens erquickend.
Damals fiel sie zugleich mit den Knaben vom brennenden Blitzstrahl
Nieder; es blieb nur die Spur der abgerissenen Füße.
Wer durchsuchte da nicht der Kunst Denkmäler und Schriften,
Trauerverkündende Stimmen etruskischen Blättern Die chartae Etruscae sind die Bücher der etruskischen Weissager, wie überhaupt in Etrurien die Weissagekunst zu Hause war und von dort erst nach Rom gelangte. entnehmend?
Alle warnten zu meiden den Jammer und grauses Verderben Cicero deutet mit diesen Worten auf die Catilinarische Verschwörung hin, durch die dem Staate Verderben und Untergang drohte.,
Das aus der Mitte der Bürger von edlem Stamme entsprossen;
Auch einstimmig verkündigten sie der Gesetze Vernichtung,
Hießen die Tempel und Stadt der Macht des Feuers entreißen
Und vor schrecklichem Mord und verheerendem Kampfe sich hüten:
Alles dies stehe begründet und fest durch das harte Verhängnis,
Wenn nicht Iupiters heiliges Bild an der ragenden Säule
Schön gestaltet zuvor hinschaue zum leuchtenden Osten.
Dann erst werde Senat und das Volk die verborgenen Pläne
Deutlich erkennen, wenn jenes, gewandt zum Aufgang der Sonne,
Gnädig blicke herab zu dem Sitz des Senates und Volkes.
21. Endlich nach langem Verzuge und Zögern erhob sich das hehre
Standbild, während du Nämlich Cicero, der von der Muse angeredet wird. Konsul warst, auf erhabenem Throne,
Und in bestimmter Zeit und genau bezeichneter Stunde
Ließ auf der hohen Säule das Zepter Iupiter glänzen Das heißt, zu derselben Stunde, wo das Standbild Iupiters aufgestellt wurde, wurde auch die Verschwörung Catilinas entdeckt. Vgl. dazu Ciceros eigene Worte, Catillinarische Reden III, 9, 21.,
Und das Verderben, mit Feuer und Schwert dem Vaterland drohend,
Macht der Allobroger Über die Anzeige der Allobroger, die Catilina vergebens für sich gewinnen wollte, vgl. außer Sallust, Catilina 40, 41; noch Cicero, Catilinarische Reden III, 2, 4; 3, 8; 4, 9; 5, 10; Appian, Bürgerkriege II; Plutarch, Leben des Cicero, Kap. 18. Mund bekannt dem Volk und den Vätern.
XIII. Wohl drum taten die Alten, von denen ihr Denkmale habet,
Sie, die Völker und Städte mit Maß und Tugend regierten,
Wohl auch haben die Euren, die stets in heiliger Treue
Sich vor den andern bewährt und sie besiegten durch Weisheit,
Ganz vorzüglich geehrt der Götter kräftiges Walten;
Dieses erkannten auch, eindringend mit spürendem Scharfsinn,
Männer, die frohen Gemüts sich dem edlen Forschen gewidmet,
22. Unter dem Schatten der Akademie Die Akademie, in der Plato und seine Schüler lehrten, war ein Gymnasium Athens mitten in lieblichen Anlagen, daher von Cicero umbrosa (schattig) genannt; sie lag vor dem Tore Dipylon, sechs Stadien von der Stadt entfernt. und im Glanz des Lyceums Das Lyceum, in dem Aristoteles lehrte, war ein dem Apollon Lykeios geweihtes Gymnasium; hier wird es von Cicero in poetischer Weise nitidum genannt mit Beziehung auf das glänzende Öl, mit dem sich die Ringer und Wettkämpfer zu salben pflegten.,
Und aus sprudelndem Geist hellstrahlende Lehren ergossen.
Diesen Nämlich den griechischen Philosophen, mit denen Cicero umging. Im dreißigsten Jahre seines Lebens (76 v. Chr.) kehrte Cicero von Athen nach Rom zurück. entführte dich schon in der Jugend Blüte die Heimat,
Stellte dich mitten hinein in den Kampf der tätigen Tugend Unter dem Kampf der tätigen Tugend (media virtutum moles) sind die Staatsämter, die Cicero nach seiner Rückkehr bekleidete, zu verstehen, besonders die Quästur in Sizilien (im Jahre 75), im Gegensatz zu den philosophischen Studien, denen er sich bis dahin gewidmet hatte..
Doch die ängstlichen Sorgen vertreibst du durch Ruh' und Erholung,
Die du der heimischen Sprache und uns, den Musen, geweiht hast.«

Wirst du es also über dich gewinnen können, gegen das, was ich von der Weissagung behaupte, zu reden, du, der du gehandelt hast, wie du gehandelt, und das, was ich eben vortrug, auf das genaueste niedergeschrieben hast? 23. Wie, Karneades Karneades war der heftigste Gegner der Stoiker; vgl. I, 4, 7., du fragst, warum dies so geschieht oder durch welche Kunst dies durchschaut werden kann. Daß ich es nicht weiß, gestehe ich ein; daß es aber geschieht, das, behaupte ich, siehst du selbst. Durch Zufall, sagst du. Also wirklich? Kann irgend etwas durch Zufall geschehen sein, was alle Merkmale der Wahrheit an sich trägt? Geben vier hingeworfene Würfel durch Zufall den Venuswurf Der Venuswurf ist der glücklichste Wurf, nämlich wenn alle vier Würfel oben eine andere Zahl hatten, z. B.: 1, 3, 5, 6. Der schlechteste Wurf, bei dem alle vier Würfel eine gleiche Zahl oben zeigten, hieß der Wurf Hundewurf (canis).? Glaubst du nun etwa, daß, wenn du vierhundert Würfel hinwirfst, durch Zufall hundert Venuswürfe herauskommen werden? – Farben, die ohne Absicht auf eine Tafel gespritzt worden sind, können sie die Züge eines Gesichts hervorbringen? Glaubst du nun etwa, daß durch ein zufälliges Anspritzen die Schönheit der Koischen Venus Die Koische Venus, die aus dem Meere emporsteigende, ein Meisterwerk des Koers Apelles, des berühmten Hofmalers Alexanders des Großen. Augustus ließ das Werk aus dem Tempel des Aeskulap auf der Insel Kos nach Rom bringen. hervorgebracht werden könne? Wenn ein Schwein mit seinem Rüssel den Buchstaben A in den Boden eingedrückt hat, wirst du etwa deswegen mutmaßen können, daß die Andromache Die Andromache war eine der Tragödien des Ennius; vgl. über ihn I, 20, 40. des Ennius von ihm geschrieben werden könne? Karneades erdichtete, daß in den Steinbrüchen der Chier bei der Zerspaltung eines Steines der Kopf eines Paniscus Paniscus ist ein junger Pan. entstanden sei. Ich glaube wohl, irgendeine diesem ähnliche Gestalt, aber sicherlich nicht eine solche, daß man sie für ein Werk des Skopas Skopas, einer der berühmtesten Bildhauer, aus der blühendsten Zeit der Kunst, geboren auf der Insel Paros, lebte im 4. Jahrh. v. Chr. Seine Werke waren besonders auch in Rom bekannt und geschätzt. hätte halten können. Denn in der Tat verhält sich die Sache so, daß der Zufall niemals vollkommen die Wahrheit nachahmen kann.«

XIV. 24. »Doch bisweilen trifft das, was vorhergesagt ist, nicht gerade ein.« – »In welcher Kunst ist das nicht der Fall? Ich meine solche Künste, die in Mutmaßungen bestehen und auf Wahrscheinlichkeit beruhen. Oder ist etwa die Heilkunde für keine Kunst zu halten? Und doch täuscht bei ihr so vieles. Wie täuschen sich nicht auch die Steuermänner! Oder sind nicht die Heere der Achiver und die Lenker so vieler Schiffe so von Ilium abgesegelt,

›Daß sie bei der Abfahrt freudig auf der Fische munteres Spiel
Schauten‹,

wie Pacuvius In seinem Dulorestes; Pacuvius, der Tragödiendichter, um 220 v. Chr. in Brundisium geboren, ein Neffe des Dichters Ennius, lebte in Rom. sagt,

›... und ihr Auge sich nicht satt dran sehen konnt'?
Doch schon bei der Sonne Sinken schäumet hoch das Meer empor.
Es verdoppelt sich das Dunkel, schwarz steigt Nacht und Regen auf.‹

Hat daher etwa der Schiffbruch so vieler hochberühmter Führer und Könige die Steuerkunst aufgehoben? Oder ist etwa die Feldherrnkunst nichts, weil neulich einer der bedeutendsten Feldherren Cicero meint Pompeius Magnus, der im Juni des Jahres 48 v. Chr., also ungefähr drei Jahre vor Abfassung der Schrift Von der Weissagung trotz seines bedeutend überlegenen Heeres von Caesar bei Pharsalus aufs Haupt geschlagen wurde. nach Verlust seines Heeres geflohen ist? Oder gibt es etwa deswegen keine Methode und Wissenschaft der Staatsverwaltung, weil vieles den Gnaeus Pompeius, manches den Marcus Cato Marcus Cato (der Jüngere), mit dem Beinamen Uticensis, 95 v. Chr. geboren, einer der edelsten Römer der sinkenden römischen Republik. Hauptfeind des Caesar, nahm er sich nach der verlorenen Schlacht bei Thapsus 46 v. Chr., um sich Caesars Gnade nicht zu unterwerfen, in Utica das Leben., einiges auch dich selbst getäuscht hat? Ähnlich verhält es sich mit der Antwort der Opferschauer und aller mutmaßlichen Weissagung; denn sie stützt sich auf Vermutung, über die sie nicht hinausgehen kann. 25. Diese täuscht uns vielleicht bisweilen; aber sehr häufig führt sie uns zur Wahrheit. Denn sie stammt von aller Ewigkeit her; und da in dieser sich die Dinge fast unzähligemal auf ein und dieselbe Weise ereigneten, nachdem dieselben Zeichen vorausgegangen waren, so ist eine Kunst geschaffen worden, indem man die nämlichen Ereignisse bemerkte und aufzeichnete.

XV. Aber wie fest stehen eure Auspizien Quintus denkt hierbei an das Augurat seines Bruders, das dieser an Stelle des im Parthischen Kriege gefallenen Crassus durch Gnaeus Pompeius und Quintus Hortensius im Jahre 53 erhielt.? Diese sind freilich den römischen Auguren – du erlaubst mir wohl, dies zu sagen – wenig bekannt, werden aber von den Kilikiern, Pamphyliern, Pisidern und Lykiern Die Kilikier, Pambylier und Pisider sind schon im Anfang (Kap. 1, 2) erwähnt. An Pamphylien grenzt Lykien. festgehalten. 26. Denn was soll ich unseren Gastfreund, den hochberühmten und trefflichen Mann, den König Deiotarus Deiotarus, Tetrarch von Galatien, ein eifriger Anhänger der Römer, unterstützte im Mithridatischen Krieg die römischen Feldherren gegen Mithridates und erhielt deshalb von Pompeius die Herrschaft über Klein-Armenien und vom Senat den Königstitel. Im Kampf zwischen Caesar und Pompeius stand er auf des letzteren Seite und verlor nach der Schlacht bei Pharsalus, an der er selbst teilnahm, fast sein ganzes Reich an Pharnaces, den Sohn des Mithridates. Dem Caesar mußte er sich unterwerfen und behielt, nachdem er sich zu Geldleistungen verpflichtet hatte, nur sein ererbtes Reich und den Königstitel. Einige Jahre darauf (45 n. Chr.) wurde er von seinem Enkel, Castor, bei Caesar verklagt, diesem nach dem Leben getrachtet zu haben. Cicero, ihm seit seinem Prokonsulat in Kilikien (51 v. Chr.) befreundet, verteidigte den Angeklagten in der bekannten Rede und bewirkte seine Freisprechung. Nach Caesars Tod bestätigte ihn Antonius auch in seinen früheren Besitzungen (vgl. Cicero, Philippische Reden, 2, 37). erwähnen, der nie etwas ohne vorausgegangene Auspizien unternimmt. Als dieser, durch den Flug eines Adlers gewarnt, auf einer Reise, die er sich vorgenommen und fest beschlossen hatte, umkehrte, stürzte das Zimmer, wo er, wenn er weitergereist wäre, hätte bleiben müssen, in der nächsten Nacht zusammen. 27. Daher kehrte er häufig, wie ich aus seinem eigenen Munde hörte, auf der Reise um, wenn er auch schon mehrere Tagereisen zurückgelegt hatte. Ein sehr schöner Zug an ihm ist folgender. Nachdem er von Cäsar um die Tetrarchie, sein Reich und eine Summe Geldes bestraft worden war, behauptete er dennoch, die Auspizien, die sich ihm bei seiner Reise zu Pompeius günstig gezeigt hätten, gereuten ihn nicht. Denn er habe das Ansehen des Senats, die Freiheit des römischen Volkes und die Würde der Herrschaft mit seinen Waffen verteidigt, und die Vögel, durch die bewogen er an Pflicht und Treue festhielt, hätten ihm gut geraten; denn sein Ruhm sei ihm von höherer Bedeutung gewesen als seine Besitztümer. Dieser scheint mir also sich der rechten Augurien zu bedienen. Unsere Obrigkeiten gebrauchen freilich nur erzwungene. Denn es muß notwendigerweise, wenn der Bissen Der Bissen (offa) war ein aus Mehl und Wasser geknetetes und mit den Händen geformtes Kügelchen. Solche Kügelchen warf man den Hühnern, mit denen man Auspizien anstellen wollte, zum Fressen vor. Fiel etwas dabei auf den Boden, so galt das als ein günstiges Omen. Wenn die Hühner nun lange gehungert hatten, so mußten sie wegen des gierigen Fressens notwendig etwas fallen lassen. hingeworfen ist, dem Huhne beim Fressen ein Stückchen aus dem Schnabel fallen. 28. Weil ihr es aber geschrieben findet, daß, wenn etwas davon auf die Erde fällt, daraus ein Tripudium entstehe, so nennt ihr auch das, was ich erzwungen nenne, ein tripudium solistimum Über tripudium und tripudium solistimum vgl. II, 34, wo Cicero selbst die Worte erklärt, und die Anmerkung dazu.. Daher sind viele Augurien, viele Auspizien, worüber der weise Cato Marcus Porcius Cato (der Ältere), mit dem Beinamen Censorius, der Urgroßvater des Kapitel 14 genannten Cato Uticensis, 234 v. Chr. zu Tusculum geboren, 195 Konsul, 184 Censor, 149 gestorben, war Hauptanhänger der stoischen Philosophie. klagt, durch Nachlässigkeit des Kollegiums gänzlich verloren und aufgegeben worden.

XVI. Vordem wurde fast keine Sache von größerer Bedeutung, selbst im Privatleben nicht, ohne vorausgegangene Auspizien unternommen, was noch jetzt die Auspizien bei den Hochzeiten Auspices nuptiarum. Auch bei Hochzeiten wurde, wenn auch mehr der Formalität halber, ein auspex ernannt, um der Hochzeit ein feierliches Ansehen zu verleihen. Vgl. Sucton, Claudius, Kapitel 26. beweisen, die, nachdem die Sache aufgehört hat, nur noch den Namen behalten haben. Denn wie jetzt durch Beschauen der Eingeweide (obwohl auch dies bedeutend weniger als sonst), so pflegte man damals durch Beobachtung der Vögel glückliche Anzeichen zu erlangen. Wenn wir daher die ungünstigen Zeichen nicht ausforschen, geraten wir in Unheil und Mißgriffe. 29. So haben zum Beispiel Publius Claudius, der Sohn des Appius Caecus, und sein Amtsgenosse, Lucius Iunius Im Jahre 249 v. Chr., im Ersten Punischen Krieg, verloren die beiden Konsuln Publius Claudius Pulcher und Lucius Iunius Pullus, der erste in einer Seeschlacht beim Vorgebirge Drepanum in Sizilien gegen den Karthager Adherbal und der zweite durch einen heftigen Sturm beim Vorgebirge Pachynum, ihre Flotten. Vgl. besonders Vom Wesen der Götter, II 3, 7, wo Cicero den Vorfall ausführlicher erzählt, und Polybios' Geschichte, I, 54. sehr bedeutende Flotten verloren, da sie mit Verletzung der Auspizien in See gegangen waren. Ganz ebenso erging es dem Agamemnon, der, als die Achiver anfingen

›Unter sich zu murren und der Opferschauer Kunst zu schmähn,
Abfuhr unter großem Beifall und dem Vogelflug zum Trotz Woher diese beiden Verse stammen, ist ungewiß, vielleicht auch aus dem Dulorestes des Pacuvius, vgl. I, 14, 24 und Anmerkung. Die Verse beziehen sich übrigens auf die Abfahrt Agamemnons und der Griechen von Aulis nach Troja. Agamemnon fuhr trotz der widrigen Winde, die ihnen die Göttin Diana wegen der Tötung einer Hirschkuh gesandt hatte, ab, nachdem er freilich auf den Rat des Sehers Kalchas seine Tochter Iphigenia zum Opfer dargebracht hatte..‹

Doch wozu erwähne ich alte Dinge? Was dem Marcus Crassus Der habsüchtige Marcus Licinius Crassus (60 v. Chr. mit Caesar und Pompeius Triumvir) fiel in dem Krieg gegen die Parther, kurz nach der Niederlage von Carrhae (53 v. Chr.), vgl. Plutarch, Leben des Crassus, Kap. 17, 19, 23; Vellerns Paterculus 2, 46; Appian, 2, 16. begegnet ist, als er die Verkündigung der schlimmen Anzeichen vernachlässigt hatte, sehen wir. Hierbei hat dein Amtsgenosse Appius den Gaius Ateius, einen wackeren Mann und ausgezeichneten Bürger, mit nicht gehöriger Einsicht als Censor bestraft, weil jener falsche Augurien erdichtet habe, wie er unterschrieb Appius Claudius Pulcher war der Amtsgenosse Ciceros im Augurat, vgl. I 47, 105. Der hier erzählte Vorfall ist nicht genau bekannt; nur daß Ateius sich dem Feldzug des Crassus widersetzt habe, erzählt Plutarch, Leben des Crassus, Kap. 16; vgl. Cassius Dio, 39, 39. Ateius ist vielleicht derselbe, der in Ciceros Briefen ad fam. XIII, 29 erwähnt wird.. Es mag dies die Sache des Censors gewesen sein, wenn er meinte, jener habe Augurien erdichtet. Aber das war durchaus nicht die Sache des Censors, hinzuzuschreiben, daß aus diesem Grunde das römische Volk eine sehr große Niederlage erlitten habe. Denn wenn das die Ursache des Unglücks war, so liegt nicht die Schuld an dem, der die bösen Vorzeichen verkündigt, sondern an dem, der ihnen nicht gehorcht hat. Daß die Verkündigung wahr gewesen ist, hat, wie er Nämlich Appius Claudius Pulcher., Augur und Censor zugleich, sagt, der Erfolg bewiesen; wenn sie falsch gewesen wäre, so hätte sie keinen Grund für die Niederlage abgeben können. Denn die Verwünschungen bringen, so wie die übrigen Auspizien, wie die Vorbedeutungen, wie die Zeichen, keine Gründe herbei, warum etwas geschehe, sondern verkünden nur, daß es sich ereignen werde, wenn man sich nicht vorsieht. 30. Nicht also hat die Verkündigung des Ateius den Grund zu dem Unglück gebildet, sondern als das Zeichen sich entgegenstellte, erinnerte er den Crassus, was geschehen würde, wenn er sich nicht in acht nehme. So hat also jene Verkündigung entweder nichts bewirkt, oder wenn sie, wie Appius urteilt, eine Wirkung hatte, so war es die, daß der Fehler nicht an dem haftet, der gewarnt, sondern an dem, der nicht gehorcht hat. XVII. Wie, woher ist jener euer Lituus Lituus hieß a) der oben gekrümmte Stab, den die Auguren in der rechten Hand führten, um die Himmelsgegenden damit zu bezeichnen, also der »Augur-Krummstab«; b) die ähnlich gekrümmte Kriegstrompete oder »Zinke«., das berühmteste Abzeichen des Augurats, euch übergeben worden? Hat nicht mit ihm Romulus die Himmelsgegenden bezeichnet, als er die Stadt gründete? Dieser Lituus des Romulus also (ein gekrümmter und am oberen Ende sanft gebogener Stab, der seinen Namen von der Ähnlichkeit mit dem Lituus, auf dem man bläst, bekommen hat), lag in der Kurie der Salier Die Salier waren Priester des Mars, und die curia auf dem Palatinischen Hügel war das Gebäude für ihre Zusammenkünfte, deshalb hießen sie auch Palatini., die auf dem Palatinischen Hügel ist, und als diese abgebrannt war Bei der Einnahme Roms durch die Gallier 387 v. Chr.; vgl. Plutarch, Romulus, Kap. 22; Cajnillus, Kap. 32., wurde er unversehrt gefunden. 31. Ferner, viele Jahre nach Romulus, unter der Regierung des Tarquinius Priscus, welcher alte Schriftsteller spricht nicht von der Einteilung der Himmelsgegenden, die Attus Navius Attus Navius war ein Zeitgenosse des Königs Tarquinius Priscus, nicht des Hostilius, wie Cicero durch einen Gedächtnisfehler in seiner Schrift Vom Wesen der Götter II, 3, 9 berichtet. durch den Lituus vorgenommen hat? Dieser soll, als er wegen seiner Armut als Knabe die Schweine hütete und eines verlorengegangen war, gelobt haben, wenn er es wiederbekäme, die größte Traube im Weinberg dem Gott darzubringen. Als er nun das Schwein wiedergefunden hatte, soll er, nach Süden schauend, mitten im Weinberg stillgestanden haben, und als er den Weinberg in vier Teile geteilt hatte und drei Teile die Vögel verworfen hatten, fand er, wie wir geschrieben lesen, in dem vierten, noch übrigen der eingeteilten Gegend eine Traube von wunderbarer Größe. Als diese Sache bekannt wurde und alle Nachbarn insgesamt sich an ihn wegen ihrer Angelegenheiten wandten, wurden sein Name und sein Ansehen groß. 32. Daher ließ ihn der König Priscus zu sich kommen. Um seine Kenntnis als Augur auf die Probe zu stellen, sagte er ihm, er denke sich etwas, und fragte ihn, ob dies möglich sei. Jener antwortete nach Anstellung des Auguriums, es sei möglich. Tarquinius sagte darauf, er habe gedacht, man könne einen Schleifstein mit einem Schermesser zerschneiden. Da habe Attus befohlen, die Probe anzustellen. Es sei also ein Schleifstein auf das Komitium gebracht und vor den Augen des Königs und des Volkes mit einem Schermesser zerschnitten worden. Daher kam es, daß sowohl Tarquinius den Attus Navius als Augur annahm, wie auch das Volk ihn bei seinen Angelegenheiten um Rat fragte. 33. Der Schleifstein aber und das Schermesser wurden, wie man berichtet, auf dem Komitium vergraben und darüber ein Puteal Puteal ist eine Brunneneinfassung aus Marmor; von der Ähnlichkeit mit einer solchen wurde das Gemäuer, das zum Andenken an das Wunder des Attus Navius auf dem Komitium errichtet war, Puteal genannt. gesetzt. Wir wollen alles leugnen, wir wollen die Geschichtsbücher verbrennen, wir wollen annehmen, es sei erdichtet, und schließlich alles lieber zugestehen, als daß die Götter sich um die menschlichen Angelegenheiten bekümmerten. Aber was bei dir selbst von Tiberius Gracchus Die Sache wird ausführlich, aber etwas anders in der Schrift Vom Wesen der Götter II, 4, 10 erzählt. geschrieben ist, bestätigt das nicht die Wissenschaft der Auguren und Opferschauer? Als dieser, ohne es zu wissen, den Standort nicht gehörig eingenommen hatte, weil er ohne Auspizien über den Stadtzwinger gegangen war, hielt er die Komitien zur Wahl der Konsuln.

Die Sache ist bekannt und von dir selbst schriftlich aufgezeichnet. Aber auch der Augur Tiberius Gracchus selbst hat das Ansehen der Auspizien durch das Geständnis seines Irrtums bekräftigt, und die Wissenschaft der Opferschauer hat bedeutend an Ansehen gewonnen, indem sie, gleich nach den Komitien in den Senat eingeführt, behaupteten, der Vorsteher der Komitien sei nicht rechtmäßig verfahren.

XVIII. 34. Ich stimme also denen bei, die zwei Arten von Weissagungen angenommen haben, eine, die mit Kunst verbunden ist, und eine, die der Kunst entbehrt. Denn es findet sich Kunst bei denen, die neue Dinge durch Mutmaßung deuten, die alten durch Beobachtung kennengelernt haben. Es entbehren aber der Kunst die, welche nicht durch Vernunftschlüsse oder Mutmaßung nach Beobachtung und Anmerkung von Zeichen, sondern durch eine gewisse Erschütterung der Seele oder durch eine freie und ungebundene Bewegung die Zukunft voraussehen (was bei Träumenden oft der Fall ist und bei denen, die, von Wahnsinn ergriffen, weissagen), wie der Boioter Bakis Bakis, ein berühmter Seher, hatte den zweiten Persischen Krieg vorausgesagt; vgl. Herodot 8, 20; Pausanias X, 14, 3., wie der Kreter Epimenides Epimenides aus Knosos in Kreta, als Priester und Seher bekannt, wurde von Solon nach Athen berufen, um die Stadt durch Opfer und Sühnegebräuche zu reinigen und die Bürgerschaft mit den zürnenden Göttern wieder zu versöhnen., wie die Erythraeische Sibylle Die erytraeische Sibylle, siehe I, 2, 4; vgl. darüber Strabo, 14 und 17. Pausanias (X, 12) hält sie mit der delphischen und mit der trojanischen Sibylle für identisch. Erythrae gehörte zu den zwölf ionischen Städten in Kleinasien und lag auf der Chios gegenüberliegenden Halbinsel Erythraea.. Zu dieser Gattung sind auch die Orakel zu rechnen, nicht die, die nach Gleichmachung der Lose Aequatis sortibus – was dies bedeute, ist nicht genau zu ermitteln; wahrscheinlich bezieht sich der Ausdruck auf die gleiche Größe und gleichmäßige Anordnung der Lose, so daß nicht eines über das andere emporragte. gezogen werden, sondern jene, die durch einen göttlichen Antrieb und Anhauch sich ergießen. Wiewohl das Los selbst nicht zu verachten ist, wenn es nur das Ansehen des Alters besitzt, wie die Lose sind, die, wie wir hören, aus der Erde gekommen sind Die praenestinischen nämlich, von denen II, 41, 85 die Rede ist.; daß diese aber beim Ziehen für die bestimmte Sache treffend ausfallen, kann, glaube ich, durch göttlichen Einfluß geschehen. Die Erklärer aller dieser Dinge scheinen, wie die sprachgelehrten Erklärer der Dichter, der Weissagung derer, die sie erklären, am nächsten zu kommen Der Sinn dieser Stelle ist: Wie die Erklärer von Gedichten bei der Auslegung der Dichter mit einem poetischen Hauche begabt werden, so treten auch die Deuter der Weissagungen der Gottheit am nächsten und sind gottbegeistert.. 35. Was ist das also für ein Scharfsinn, Dinge, die durch das Alter bekräftigt sind, durch Verdrehungen umstoßen zu wollen? Ich finde keinen Grund. Er ist vielleicht in das Dunkel der Natur gehüllt und verborgen. Denn Gott hat nicht gewollt, daß ich diese Dinge wisse, sondern nur, daß ich Gebrauch davon mache. Ich werde also davon Gebrauch machen und will mir nicht einreden lassen, daß ganz Etrurien bei der Opferschau wahnsinnig sei oder daß dasselbe Volk bei der Deutung der Blitze irre oder trügerisch Wundererscheinungen auslege, da oft ein Brummen, oft ein Gebrüll, oft eine Erschütterung der Erde unserem Staate und den anderen Staaten viel Wichtiges und Wahres vorausgesagt haben. 36. Wie? Als eine Mauleselin ein junges warf, worüber man spottet Daß ein Maultier geworfen habe, erwähnt Plinius, Naturgeschichte 8, 44; aber er nennt es ein Wunder (prodigium). Die Maultiere sind als Bastarde von Pferd und Esel sonst unfruchtbar., sagten da nicht die Opferschauer voraus, die Zeit gehe mit unglaublichen Übeln schwanger, weil in unfruchtbarer Natur Frucht entsprang? Wie? Tiberius Gracchus Über Tiberius Sempronius Gracchus vgl. I, 17, 33 und die Anmerkung; er hatte die Tochter des älteren Scipio Africanus, Cornelia, zur Gemahlin, eine Frau von hoher Bildung und edler Gesinnung. Berühmt sind ihre beiden Söhne, die Volkstribunen Tiberius und Gaius Gracchus; ihre Tochter Sempronia wurde die Gemahlin des jüngeren Scipio Africanus. Dieselbe Geschichte wie hier erzählt Plutarch im Leben der Gracchen., des Publius Sohn, der zweimal Konsul und Censor gewesen ist und zugleich ein sehr tüchtiger Augur, ein weiser Mann und ein vortrefflicher Bürger, rief er nicht, wie sein Sohn Gaius Gracchus schriftlich hinterlassen hat, als zwei Schlangen in seinem Hause ergriffen wurden, die Opferschauer zusammen? Als diese geantwortet hatten, wenn er das Männchen losließe, so müsse seine Gattin binnen kurzem sterben, wenn das Weibchen, so er selbst; so hielt er es für billiger, daß er selbst einen frühzeitigen Tod sterbe, als die junge Tochter des Publius Africanus. Er ließ das Weibchen los; wenige Tage darauf starb er.

XIX. Mögen wir die Opferschauer verlachen, mögen wir sie eitel und nichtig nennen und die verachten, deren Wissenschaft ein sehr weiser Mann, der Erfolg und die Tatsache bekräftigt haben; mögen wir auch Babylon Unter Babylon sind natürlich dessen Einwohner zu verstehen. Daß die Babylonier im Altertum für bedeutende Astronomen gehalten wurden, ist bekannt, vgl. auch II, 46. und diejenigen verachten, die vom Kaukasus aus die Zeichen des Himmels beobachten und die Bahnen der Sterne nach ihren Gesetzen und Bewegungen verfolgen; mögen wir diese, sage ich, entweder der Torheit oder der Eitelkeit oder der Unverschämtheit beschuldigen, die, wie sie selbst sagen, in ihren Denkmälern die Beobachtungen von 470 000 Jahren umfassen, und mögen wir erklären, daß sie lügen und daß sie nicht das Urteil der künftigen Jahrhunderte über sie selbst scheuen! 37. Wohlan, mögen die Barbaren eitel und trügerisch sein; hat etwa auch die Geschichte der Griechen gelogen? Was, um von der natürlichen Weissagung zu reden, der Pythische Apollon Das berühmte Orakel des Pythischen Apollon zu Delphoi, von dem gleich darauf die Rede ist (vgl. I, 19, 38 und die Anmerkung). dem Kroisos, was er den Athenern, was den Lakedaimoniern, den Tegeaten Den Einwohnern von Tegea, einer Stadt in Arkadien., den Argivern und den Korinthern geantwortet hat, weiß das nicht jeder? Unzählig viele Orakel hat Chrysippos Chrysippos in dem Buch über die Orakel, vgl. zu I, 3, 6. gesammelt und keines ohne einen vollwichtigen Gewährsmann und Zeugen. Weil sie dir aber bekannt sind, so übergehe ich sie. Nur eines verteidige ich. Niemals wäre jenes Orakel zu Delphoi so besucht und so berühmt gewesen, nie wäre es mit so großen Geschenken aller Könige und Völker ausgestattet worden, wenn nicht jedes Zeitalter die Richtigkeit jener Orakelsprüche erfahren hätte. Schon lange tut es dieses nicht mehr. 38. Wie es also jetzt weniger berühmt ist, weil die Richtigkeit der Orakelsprüche weniger hervortritt, so würde es damals nicht so berühmt gewesen sein, wenn es sich nicht durch die größte Wahrheit ausgezeichnet hätte. Es kann aber jene Kraft der Erde, die den Geist der Pythia Die zu Delphoi auf dem Dreifuß sitzende Pythia wurde durch Dämpfe oder Ausdünstungen, die aus der Erde emporstiegen, in eine Art Betäubung versetzt, und so begeistert, sprach sie die Orakelsprüche. Vgl. Plinius, Naturgeschichte, 2, 95; Justinus 24, 6 (wo sich eine ausführliche Beschreibung des Delphischen Orakels findet). durch einen göttlichen Anhauch begeisterte, durch die Länge der Zeit verschwunden sein, so wie wir sehen, daß Flüsse ausgetrocknet sind oder sich in einen anderen Lauf gewunden und abgelenkt haben Dieselbe Vergleichung des Austrocknens der Flüsse mit dem Verschwinden der Orakel gebraucht auch Plutarch (Vom Verschwinden der Orakel).. Aber mag dies gekommen sein, wie du willst; denn die Frage ist wichtig; nur das bleibe, was sich nicht leugnen läßt, wenn wir nicht alle Geschichte über den Haufen werfen, daß nämlich dieses Orakel viele Jahrhunderte hindurch wahrhaft gewesen ist.

XX. 39. Doch lassen wir die Orakel beiseite, kommen wir auf die Träume! Von diesen handelt Chrysippos, und indem er viele und unbedeutende Träume sammelt, tut er dasselbe wie Antipater Antipater, aus Tarsos, schon I, 3, 6 erwähnt. und liest diejenigen zusammen, die, durch die Deutung Antiphons Antiphon, ein Athener, Zeitgenosse des Sokrates, war ein Wunderdeuter; er schrieb Bücher über die Deutung der Träume. erklärt, allerdings den Scharfsinn des Auslegers beweisen; aber er hätte wichtigere Beispiele anführen müssen. Als die Mutter des Dionysios Dionysios der Ältere, geb. 431 v. Chr., 406 bis 367 an der Regierung; vgl. auch I, 33, 73., des bekannten Tyrannen von Syrakus – wie bei Philistos Philistos, aus Syrakus, ein Geschichtsschreiber um 400 v. Chr., war mit Dionysios dem Älteren verwandt und sehr befreundet; er schrieb eine Sizilische Geschichte, deren erster Teil bis zur Einnahme Agrigents ging; der zweite umfaßte die Geschichte des älteren Dionysios, ferner eine Geschichte des jüngeren Dionysios., einem gelehrten, sorgfältigen Manne, der zu jener Zeit lebte, geschrieben steht –, mit eben diesem Dionysius schwanger ging, träumte ihr, sie habe einen jungen Satyr Satyriscus, ein junger Satyr; die Satyrn sind die beständigen Begleiter des Bacchus und werden in bocksähnlicher Gestalt dargestellt. geboren, Ihr antworteten die Ausleger der Wundererscheinungen, die damals in Sizilien Galeoten hießen, wie Philistos erzählt, der Sohn, den sie gebäre, werde in Griechenland sehr berühmt werden und sein Glück von langer Dauer sein Dieselbe Geschichte erzählt ebenso Valerius Maximus I, 7, 7.. 40. Soll ich dich etwa zu den Erzählungen unserer oder der griechischen Dichter zurückführen? Es erzählt nämlich bei Ennius jene Vestalin Die Vestalin ist Ilia oder Rhea Silvia, die Tochter des Numitor, oder, bei Ennius, des Aeneas, die durch Mars bekanntlich Mutter von Romulus und Remus wurde. – Ennius aus Rudiae in Kalabrien, geb. 239 v. Chr., gest. 169, Vater der römischen Dichtkunst genannt, hat ein historisches Epos, die »Annalen«, in Hexametern geschrieben; es umfaßte in achtzehn Büchern die Geschichte Roms bis zum Ersten Punischen Krieg. Es sind nur noch Fragmente davon erhalten.:

›Als die Alte, geweckt, mit zitternden Gliedern das Licht bringt Die Alte, die hier erwähnt ist, ist wahrscheinlich die Amme, die in dem Hause Numitors auferzogen war. Nach anderen versteht man darunter die Vestalis maxima (Cassius Dio 54, 24). Eurydike ist wahrscheinlich die Mutter der Antho, welche die Tochter des Amulius war; vgl. Plutarch, Leben des Romulus, 3.,
Spricht sie, erschreckt aus dem Schlafe, mit Tränen im Auge die Worte:
Tochter der Eurydike, die einst mein Vater geliebt hat,
Leben und Kraft sind jetzt mir ganz aus dem Körper gewichen.
Denn es schien mir, als ob durch liebliche Weidengebüsche
An ein fremdes Gestade ein stattlicher Mann Hierunter ist Mars zu verstehen, vgl. Anmerkung 137. mich entführte.
Einsam, glaubt' ich sodann, o teuere Schwester, zu irren,
Suchte mit zögerndem Schritt dich aufzuspüren, doch könnt' ich
Nicht dich erblicken im Geist, kein Pfad bot sicheren Fuß mir.
41. Drauf nun schien mich mein Vater zu rufen mit folgenden Worten:
Tochter, du mußt zuvor erst Kummer und Mühe ertragen,
Später wird dir dein Glück noch aus dem Strome Diese Worte beziehen sich auf die grausame Behandlung, die Rhea von Amulius erleiden mußte, und auf die Geburt der Zwillinge, Romulus und Remus, die von Amulius im Tiber ausgesetzt, vom Flusse aber wieder ans Land gespült wurden. Auch soll Ilia selbst von dem Flußgott zu seiner Gemahlin gemacht worden sein. entstehen.
Als dies der Vater gesprochen, entschwand er plötzlich, o Schwester,
Ließ nicht wieder sich blicken, wenngleich mein Herz ihn begehrte.
Ob ich auch lange die Hände zur blauen Wölbung des Himmels
Unter Tränen erhob und mit schmeichelnder Stimme ihn anrief;
Eben entwich mir der Schlaf aus meinem blutenden Herzen.‹

XXI. 42. Wenn dies auch vom Dichter ersonnen ist, so liegt es dennoch von der Gewohnheit der Träume nicht fern. Mag denn auch jener Traum erdichtet sein, durch den Priamus erschreckt wurde Woher die folgenden Verse genommen sind, ist ungewiß, vielleicht aus einer Hekuba des Accius, eines berühmten römischen Tragikers (geb. 170 v. Chr.), des Sohnes eines Freigelassenen. Seine Stücke sind freie Übersetzungen, zum Teil Umarbeitungen griechischer Tragödien. Vgl. Ribbeck, Fragmente.:

›Weil einst die schwangre Hekuba im Traum geglaubt,
Daß Mutter sie von einem Fackelbrande sei;
Da ward der König Priamus von Furcht bestürzt,
Und von den seufzervollen Sorgen aufgezehrt,
Bracht' er zur Sühn' manch blökend Schaf auf den Altar.
Drauf sucht er Deutung, fleht um Frieden dann,
Beschwört Apoll, daß er ihn doch belehren mög',
Was denn bedeute dieser wunderbare Traum.
Da gab Apoll aus Göttermund ihm diesen Spruch:
Den Knaben Dieser Sohn ist Paris, der die Ursache des Krieges gegen Troja und dessen Unterganges wurde. Vgl. Kapitel I, 31, 67 und die Anmerkung., der hiernach zuerst dem Priamus
Geboren würde, sollte er nicht auferziehn,
Er sei für Troja das Verderben und die Pest für Pergamon.‹

43. Das mögen freilich, wie gesagt, Träume aus Dichtungen sein, und zu diesen mag auch der Traum des Aeneas gerechnet werden, der in den Jahrbüchern unseres Fabius Pictor Quintus Fabius Pictor (um 220 v. Chr., zur Zeit Hannibals) schrieb zuerst in griechischer Sprache eine Geschichte Roms (annales), die Livius viel benutzt hat. so beschaffen ist, daß alle Taten und Schicksale des Aeneas mit dem übereinstimmen, was er im Traum gesehen hat.

XXII. Doch laßt uns Näherliegendes ins Auge fassen! Welcher Art ist denn der Traum des Tarquinius Superbus, von dem er im ›Brutus‹ des Accius Accius ist der in Anmerkung 141 auf der vorigen Seite erwähnte römische Tragiker. Sein »Brutus«, eine Tragödie, die auch ihrem Inhalt nach römisch ist, daher praetextata genannt, enthielt die Geschichte der Lucretia und die Vertreibung der Könige durch Lucius Iunius Brutus. selbst redet?

44. ›Als ich im Umschwung tiefer Nacht Nocturno impetu, vgl. Cicero, Vom Wesen der Götter II, 38, 97; besonders ferner die ähnliche Stelle in Vergil, Aeneis 2, 250: vertitur interea caelum et ruit Oceano nox. der Ruhe pflog,
Die müden Glieder stärkend durch den sanften Schlaf,
Da schien, als ob im Traum ein Hirt zu mir heran
Des ausgesuchtsten Wollenviehes Herde trieb;
Ein Zwillingspaar von Widdern Unter den Zwillingswiddern sind Lucius Iunius Brutus und sein Bruder zu verstehen, welch letzteren sein Oheim Tarquinius Superbus tötete; vgl. Livius I, 56. wählt' ich mir daraus.
Von diesen opfert' ich den schönsten am Altar.
Drauf stürmte auf mich los sein Bruder mit dem Horn
Und rannte mich zur Erde nieder mit dem Stoß.
Da, auf dem Boden hingestreckt und schwer verletzt,
Lag ich rücklings gefallen, und ein wunderbar
Und großes Werk erblickt' ich; denn der Feuerball
Der Sonne wälzte rechts sich hier auf neuer Bahn.‹

45. Sehen wir nun, was für eine Deutung die Ausleger diesem Traume gegeben haben!

›König, was der Mensch im Leben treibt und denkt und sorgt und sieht,
Was er wachend tut und treibet, wenn ihm das im Schlaf erscheint,
Ist's kein Wunder; doch kein Traum zeigt grundlos sich in solchem Fall Wir haben nach der Konjektur von Davies übersetzt: in re tanta haud temere visa se offerunt. Die Handschriften haben: improviso offerunt, was keinen Sinn gibt.
Drum sieh zu, ob einem, den du stumpf an Geist hältst, gleich dem Vieh,
Nicht inwohne ein erhabner und durch Weisheit starker Geist
Und dich aus dem Reich vertreibe. Was du an der Sonne sahst,
Deutet einen nahen Umschwung in dem Staat dem Volke an.
Dies mög' Heil dem Volke bringen: denn daß grad zur Rechten hin
Von der Linken her das hohe Licht der Sonne nahm den Lauf,
Deutet schön, daß einst der Römerstaat sehr glänzend werd' erblühn.‹

XXIII. 46. Wohlan, kehren wir nun zu dem Fremden zurück! Herakleides Pontikos Herakleides Pontikos, aus Herakleia, einer Stadt am Pontos, gehörte zur Schule Platons und lebte um 350 v. Chr.; vgl. über ihn noch die Anmerkung zu I, 57, 130., ein gelehrter Mann und ein Zuhörer und Schüler Platons, schreibt, die Mutter des Phalaris Phalaris, Tyrann von Akragas (Agrigent) 565 bis 549 v. Chr., wird von den Griechen als der grausamste und schrecklichste aller Tyrannen dargestellt. Besonders bekannt ist die wahrscheinlich auf dem dort herrschenden Molochsdienst beruhende Erzählung von dem ehernen Stier, in dem er Menschen verbrennen ließ; vgl. Cicero, Tuskulanen 2, 7, 18. habe einst im Traume die Bilder der Götter zu sehen geglaubt, die sie selbst zu Hause geweiht hatte; unter ihnen habe Merkur aus einer Schale, die er in der rechten Hand hielt, wie es schien, Blut ausgegossen, und als es die Erde berührt habe, sei es aufgebraust, so daß das ganze Haus in Blut geschwommen habe. Diesen Traum der Mutter bestätigte die unmenschliche Grausamkeit des Sohnes. Soll ich ferner aus Dinons Dinon hatte eine Persische Geschichte geschrieben, die auch Cornelius Nepos viel benutzt hat; vgl. dessen Conon 5, 4. ›Persischer Geschichte‹ vorbringen, was die Magier dem älteren Kyros ausgelegt haben? Als nämlich ihm im Schlafe die Sonne zu den Füßen erschienen sei, so schreibt Dinon, habe er dreimal vergebens mit den Händen nach ihr gegriffen, indem sie, sich umwälzend, ihm entschlüpft und verschwunden sei. Die Magier, die zu den Weisen und Gelehrten in Persien gerechnet werden, hätten ihm nun gesagt, durch das dreimalige Greifen nach der Sonne werde angedeutet, daß Kyros dreißig Jahre herrschen werde Vgl. Herodot I, 214.. Dies traf auch so ein. Denn er erreichte das siebzigste Jahr, nachdem er in einem Alter von vierzig Jahren die Regierung angetreten hatte. 47. Fürwahr, auch in den barbarischen Völkern wohnt ein Ahnungs- und Weissagungsvermögen. Als der Inder Calanus Dies erzählt Cicero auch Tuskulanen II, 22, 52. Calanus war ein sogenannter Gymnosophist (indische Philosophen nach Art der Fakire) und Freund Alexanders des Großen. In seinem dreiundsiebzigsten Jahre erkrankte er und tötete sich selbst durch Feuer. Vgl. auch Plutarch, Leben Alexanders, 69, und Arrian, VII, 3., zum Tode schreitend, den brennenden Scheiterhaufen bestieg, sagte er: »O, du herrliches Scheiden vom Leben, indem die Seele nach Verbrennung des sterblichen Körpers, wie es dem Herakles Auch Herakles errichtete, als er das von seiner Gemahlin Deianeira ihm gesandte Gewand angezogen und das darin enthaltene, aus dem Blute des Nessos bereitete Gift seinen Leib verzehrte, sich auf dem Oita einen Scheiterhaufen und verbrannte sich selbst. zuteil ward, zum Lichte emporsteigt.« Und als Alexander ihn bat, wenn er einen Wunsch habe, es ihm zu sagen, antwortete er: »Sehr wohl, in den nächsten Tagen werde ich dich wiedersehen.« Dies traf so ein: einige Tage darauf starb Alexander zu Babylon. Ich schweife ein wenig von den Träumen ab und will auf sie wieder zurückkommen. In derselben Nacht, in der der Tempel der ephesischen Diana In Ephesos war ein berühmter Tempel der Diana; er wurde von Herostratos 356 v. Chr., im Geburtsjahr Alexanders des Großen, angezündet und verbrannte, wurde aber von den kleinasiatischen Griechen mit Pracht wieder aufgebaut. abbrannte, wurde bekanntlich Alexander von der Olympias geboren, und beim Anbruch des Tages schrien die Magier, Pest und Verderben seien für Asien in der vergangenen Nacht geboren worden. Dies von den Indiern und Magiern.

XXIV. 48. Wir wollen uns wieder den Träumen zuwenden. Caelius Lucius Caelius, um 110 v. Chr., Geschichtsschreiber des Zweiten Punischen Krieges; vgl. über ihn Cicero, Über die Gesetze 1, 2. schreibt von Hannibal, er habe die goldene Säule, die im Tempel der Iuno Lacinia Iuno wird »Lacinia« genannt von dem Vorgebirge Lacinium im Lande der Bruttier in Unteritalien, wo ihr Tempel stand. Diesen soll Herakles nach Tötung des Wegelagerers Lacinius gegründet haben. Genaueres über diesen Tempel und die goldene Säule berichtet Livius 24, 3. stand, wegnehmen wollen, aber im Zweifel, ob sie gediegen sei oder nur von außen vergoldet, habe er sie durchbohrt, und als er sie gediegen befunden und sie wegzunehmen beschlossen habe, sei ihm im Traume Iuno erschienen und habe ihm verboten, es zu tun, und ihm gedroht, wenn er es doch tue, so werde sie bewirken, daß er auch das Auge, mit dem er gut sehe, verliere Daß Hannibal einäugig gewesen sei, wird von vielen Schriftstellern erzählt; vgl. die Auslegung zu Nepos, Hannibal 4.. Dies habe er als ein scharfsinniger Mann nicht außer acht gelassen und daher aus dem Gold, das ausgebohrt war, eine kleine Kuh machen und diese oben auf die Säule stellen lassen. 49. Folgendes steht auch in der ›Griechischen Geschichte‹ des Silenus Silenus aus Calatia in Kampanien (seine Zeit unbestimmt), Verfasser Sizilischer Geschichten. Diesen Traum erzählt auch Livius 21, 22., dem Caelius folgt, dieser aber hat die Geschichte Hannibals aufs genaueste behandelt: Hannibal habe nach der Einnahme Sagunts Sagunt, Stadt in Ostspanien, wurde im Jahre 219 v. Chr. von Hannibal eingenommen (Livius 21, 6 bis 15), was den Grund zum Zweiten Punischen Krieg gab. geglaubt, im Traume von Iupiter in die Götterversammlung gerufen zu werden. Als er dahin gekommen sei, habe Iupiter ihm befohlen, Italien zu bekriegen, und habe ihm einen Führer aus der Versammlung gegeben, unter dessen Leitung er mit dem Heere vorgerückt sei; darauf habe der Führer ihm geboten, sich nicht umzusehen; er aber habe dies nicht länger aushalten können und habe sich aus Neugierde umgeschaut und ein gewaltiges, ungeheures, von Schlangen umwundenes Tier gesehen, das, wo es hinkam, Büsche, Gesträuche und Häuser vernichtete. Hierüber verwundert, habe er den Gott gefragt, was denn das für ein Ungetüm sei, und der Gott habe geantwortet, das sei die Verwüstung Italiens, und er habe ihm geraten, vorwärts zu gehen und sich nicht um das, was hinter ihm in seinem Rücken geschähe, zu kümmern. 50. Bei Agathokles Agathokles, Geschichtsschreiber, wahrscheinlich aus Babylon. steht in der Geschichte geschrieben, daß der Karthager Hamilkar Hamilkar, ein Feldherr der Karthager, nicht der Vater des Hannibal. Diese Erzählung hier findet sich auch etwas verschieden bei Valerius Maximus I, 7, 8. bei der Belagerung von Syrakus geglaubt habe, eine Stimme zu hören, er werde am folgenden Tag in Syrakus speisen; als aber der Tag angebrochen war, sei ein großer Aufstand in seinem Lager zwischen den punischen und sizilischen Soldaten ausgebrochen, und als die Syrakusaner dies bemerkt hätten, seien sie unversehens in das Lager eingedrungen und hätten den Hamilkar lebendig mit fortgeführt. 51. Als jener Publius Decius, des Quintus Sohn, der erste Konsul aus der Familie der Decier, unter dem Konsulate des Marcus Valerius (Corvus) und Aulus Cornelius Kriegstribun war und unser Heer von den Samniten bedrängt wurde, er aber allzu kühn sich in die Gefahren der Schlacht stürzte und ermahnt wurde, vorsichtiger zu sein, da sagte er, wie in den Jahrbüchern steht, er habe im Traume geglaubt, mitten im Gewühle der Feinde am ruhmvollsten zu sterben. Damals blieb er zwar unversehrt und befreite das Heer von der Umzingelung. Nach drei Jahren aber weihte er sich als Konsul Im Jahre 340 v. Chr. weihte sich Publius Decius, der Vater, in einer Schlacht gegen die Latiner und Kampaner in der Nähe des Vesuvs dem Tode; sein Sohn tat dasselbe im Jahre 295 v. Chr. in seinem vierten Konsulat im Krieg gegen die Samniter, Umbrier, Etrusker und Gallier in der Schlacht bei Sentinum. dem Tode und stürzte sich bewaffnet auf die Schlachtlinie der Latiner. Durch diese Tat wurden die Latiner überwunden und vernichtet. Sein Tod war so ruhmvoll, daß sein Sohn sich einen gleichen wünschte. 52. Doch kommen wir nun, wenn es gefällig ist, auf die Träume der Philosophen!

XXV. Bei Platon Platon im Kriton. finden wir, wie Sokrates im Staatsgefängnis saß und seinem Freunde Kriton sagte, daß er nach drei Tagen sterben müsse; er habe im Traume eine ausgezeichnet schöne Frau erblickt, die, ihn beim Namen nennend, einen Homerischen Vers folgendermaßen ausgesprochen habe:

›Dich bringt günstiges Los am dritten Tage nach Phthia Der Vers steht Ilias 9, 363, wo Achilles hofft, in seine Heimat nach Phthia zu gelangen. Sokrates versteht unter seiner Heimat das Leben nach dem Tode..‹

Wie dies geschrieben steht, so soll es auch eingetroffen sein. Der Sokratiker Xenophon – was für ein großer Mann! – beschreibt in dem Feldzug, den er mit dem jüngeren Kyros gemacht hat, seine Träume So z. B. erzählt er in der Anabasis 3, 1, 11 von einem Traum vor der Schlacht., die auf wunderbare Weise in Erfüllung gegangen sind. 53. Sollen wir behaupten, daß Xenophon lüge oder wahnsinnig sei? Wie? Ein Mann von ausgezeichnetem und fast göttlichem Geiste, Aristoteles, irrt er etwa selbst, oder will er andere zum Irrtum verleiten, wenn er schreibt In einem zur Verewigung seines Freundes Eudemos geschriebenen, aber verlorengegangenen Dialog, Eudemos oder Über die Seele, den Plutarch im Leben des Dion (Kapitel 22) erwähnt., sein Freund, der Kyprier Eudemos, sei auf der Reise nach Makedonien nach Pherai gekommen, einer damals sehr angesehenen Stadt in Thessalien, die aber unter dem grausamen Joch des Zwingherrn Alexander Alexander, Tyrann von Pherai (um 350 v. Chr.), wurde von den Brüdern seiner Gemahlin getötet, wie Xenophon (Hellenische Geschichte VI, 4, 35 bis 37) erzählt. stand; in der Nacht sei nun Eudemos so schwer erkrankt, daß alle Ärzte ihn aufgaben. Da sei ihm im Schlafe ein Jüngling von herrlicher Gestalt erschienen und habe ihm gesagt, er werde binnen kurzem genesen und in wenigen Tagen werde der Gewaltherrscher Alexander umkommen; er selbst aber werde nach fünf Jahren in die Heimat zurückkehren. Und das erste, schreibt Aristoteles, sei sofort eingetroffen: Eudemos sei gesund geworden und der Gewaltherrscher von den Brüdern seiner Gemahlin getötet worden. Am Ende des fünften Jahres aber, als er jenem Traum zufolge von Sizilien nach Kypros zurückzukehren hoffte, sei er in einem Treffen bei Syrakus gefallen. Infolgedessen habe man jenen Traum so ausgelegt, daß, nachdem die Seele des Eudemos den Körper verlassen habe, er in seine Heimat zurückgekehrt sei. 54. Fügen wir den Philosophen einen sehr gelehrten Mann, wenigstens einen göttlichen Dichter, den Sophokles, hinzu. Als aus dem Tempel des Herakles eine schwere, goldene Schale entwendet worden war, sah er im Traum den Gott selbst, der ihm den Täter nannte. Dies ließ er das erste und zweite Mal unbeachtet. Als es sich aber wiederholte, bestieg er den Areopag Areopag: Hügel in Athen, auf dem der älteste Gerichtshof tagte. und zeigte die Sache an. Die Areopagiten ließen den Menschen, den Sophokles bezeichnet hatte, ergreifen, und dieser gestand nach eingeleiteter Untersuchung die Tat und brachte die Schale zurück. Hierauf erhielt jener Tempel den Namen des Angebers Herakles Der Biograph des Sophokles erzählt diesen Traum nur mit dem Unterschied, daß statt der goldenen Schale ein goldener Kranz gestohlen war und daß Sophokles dem Herakles einen Tempel baute..

XXVI. 55. Doch wozu erwähne ich Griechen? Das Unsrige zieht mich, ich weiß nicht wie, mehr an. Folgendes erzählen alle Geschichtsschreiber, die Fabier, die Gellier, aber zunächst Caelius Die Fabier, Gaius und Numerius; – Die Gellier Gnaeus und Sextus; über Caelius vgl. I, 24.. Als man im Latinischen Krieg zum ersten Male die großen Votivspiele Die ludi votivi waren die Spiele, die der in den Krieg ziehende Feldherr zu feiern gelobte und nach dem Siege veranstalten ließ; hier soll Postumius nach der Schlacht am Regillus (496) sie gelobt haben. Denselben Vorfall erzählt mit verschiedener Zeitangabe Livius (II, 36) ausführlicher; der Landmann hieß Titus Latinius. feierte, wurde plötzlich die Bürgerschaft zu den Waffen gerufen. Die Spiele wurden daher eingestellt und erneut angeordnet. Bevor diese begannen, wurde, als sich das Volk schon niedergelassen hatte, ein Sklave durch den Zirkus geführt, indem er das Gabelkreuz Es war ein gabelförmiger, aus zwei Balken bestehender, tragbarer Halsblock. trug und mit Ruten gepeitscht wurde. Hierauf erschien einem römischen Landmann jemand im Schlafe, der zu ihm sagte, der Vortänzer Praesul oder praesultator ist der Anführer des Festzuges; hier bezieht es sich auf den Sklaven, der vor dem feierlichen Aufzuge durch den Zirkus getrieben wurde. habe bei den Spielen nicht gefallen, und zugleich ihm befahl, dies dem Senat zu melden; er habe es aber nicht gewagt. Er sei zum zweiten Male aufgefordert und ermahnt worden, er möchte es nicht zum Äußersten kommen lassen; aber auch da habe er es nicht gewagt. Nun sei sein Sohn gestorben, und dieselbe Mahnung habe sich zum dritten Male wiederholt. Da sei auch er gebrechlich geworden und habe seinen Freunden die Sache mitgeteilt, und auf deren Rat sei er auf einer Sänfte in die Kurie getragen worden, und nachdem er dem Senat seinen Traum erzählt hätte, sei er gesund auf seinen Füßen zurückgekehrt. Daher wurde dem Traume vom Senat Glauben geschenkt, und es wurden, wie man erzählt, jene Spiele zum zweiten Male erneuert. 56. Gaius Gracchus Im Jahre 126 v. Chr. Die beiden Brüder Tiberius und Gaius Sempronius Gracchus, bekannt als Freunde des Volkes, waren Enkel des älteren Scipio durch ihre Mutter Cornelia; vgl. I, 18, 36 und die Anmerkung. Gaius ließ sich im Jahre 121 von seinen Sklaven töten. Plutarch (Leben des Gaius Grachus, Kap. 1) erzählt diesen Traum mit Bezug auf Cicero. hat, wie gleichfalls bei Caelius steht, vielen erzählt, daß ihm, als er sich um die Quästur bewarb, im Traume sein Bruder erschienen sei und ihm gesagt habe, wie sehr er auch zögern möge, werde er doch desselben Todes sterben müssen, wie er selbst gestorben sei. Dies, schreibt Caelius, habe er selbst, bevor Gaius Gracchus Volkstribun wurde, gehört und habe es vielen erzählt. Kann etwas Zuverlässigeres als dieser Traum aufgefunden werden?

XXVII. Wie, jene beiden Träume, die so häufig von den Stoikern erwähnt werden, wer kann sie wohl verachten? Der eine von Simonides Simonides aus Keos im Ägäischen Meer, um 490 v. Chr., berühmter lyrischer Dichter; vgl. über den Traum Valerius Maximus I, 7, 3.. Als dieser den Leichnam irgendeines Unbekannten hatte liegen sehen und ihn bestattet hatte und die Absicht hatte, zu Schiffe zu gehen, da schien es ihm, als ob er von dem, welchen er begraben hatte, gewarnt würde: wenn er führe, so würde er im Schiffbruch umkommen. Daher sei Simonides zurückgekehrt, die übrigen aber, die gefahren wären, seien umgekommen. 57. Der andere Suidas (Verfasser eines Reallexikons, um 1000 n. Chr.) erwähnt diesen dem Chrysippos entlehnten Traum unter dem Stichwort Timoruntos. ganz besonders berühmte Traum wird folgendermaßen erzählt. Als zwei befreundete Arkader zusammen eine Reise machten und nach Megara gekommen waren, sei der eine bei einem Gastwirt eingekehrt, der andere bei einem Gastfreunde. Als sie nach dem Abendessen sich zur Ruhe begeben hätten, sei es dem, der bei dem Gastfreunde war, um Mitternacht vorgekommen, als ob der andere ihn bäte, ihm zu Hilfe zu kommen, da ihm der Gastwirt mit dem Tode drohe. Anfangs sei er durch den Traum erschreckt worden und aufgestanden; als er sich dann aber wieder gesammelt und geglaubt habe, diese Erscheinung für bedeutungslos halten zu müssen, habe er sich wieder niedergelegt; da sei ihm im Schlafe jener wieder erschienen und habe gebeten, er möchte doch, weil er ihm im Leben nicht zu Hilfe gekommen sei, seinen Tod nicht ungerächt hingehen lassen; er sei ermordet und von dem Wirte auf einen Wagen geworfen und mit Mist überdeckt worden; er bitte ihn daher, frühmorgens am Tore zu sein, bevor der Wagen aus der Stadt führe. Durch diesen Traum aber erschüttert, habe er in der Frühe auf den Knecht bei dem Tore gewartet und ihn gefragt, was er in dem Wagen habe; jener sei erschrocken geflohen, und der Tote sei hervorgezogen worden; der Wirt aber sei, als die Sache so an den Tag gekommen war, bestraft worden.

XXVIII. 58. Was kann göttlicher genannt werden als dieser Traum? Doch wozu suchen wir noch mehreres und Altes auf? Oft habe ich dir meinen Traum erzählt, oft habe ich von dir den deinigen gehört. Als ich als Prokonsul Im Jahre 62 v. Chr. bekam Quintus Cicero Asien als Provinz. Asien verwaltete, hatte ich im Traume gesehen, wie du auf einem Pferd an das Ufer eines großen Flusses geritten und, vorgeeilt, plötzlich in den Fluß gefallen und nirgends zum Vorschein gekommen seiest; ich hätte gebebt und gezittert, da seiest du auf einmal froh hervorgekommen und habest auf demselben Pferde das jenseitige Ufer erstiegen, und wir hätten uns umarmt. Die Deutung dieses Traumes war leicht, und mir wurden von Sachverständigen in Asien die Erfolge der Dinge, die eingetroffen sind, vorausgesagt Die Erfüllung dieses Traumes bezieht sich auf die Verbannung Ciceros im Jahre 58 und seine glänzende Rückkehr im Jahre darauf.. 59. Ich komme jetzt zu deinem Traum. Ich habe ihn zwar von dir selbst gehört; aber häufiger hat mir ihn unser Sallustius Sallustius ist der Freigelassene oder Klient Ciceros, der ihm in die Verbannung folgte. erzählt. Als du auf jener für uns ruhmvollen, für das Vaterland unheilvollen Flucht Cicero mußte im Jahre 58 durch den Gesetzesvorschlag des Clodius, seines Todfeindes, wegen der Hinrichtung der Catilinarier Rom verlassen und ging in die Verbannung nach Thessalonike in Griechenland, wurde aber am 4. August des folgenden Jahres durch die zahlreich versammelte Bürgerschaft zurückberufen. in einem Landhause des atinatischen In der Umgegend von Atina in Latium, nicht weit von Arpinum. Gebietes verweiltest und einen großen Teil der Nacht durchwacht hattest, seiest du endlich gegen Anbruch des Tages in einen schweren und tiefen Schlaf verfallen. Daher habe er (Sallustius), obwohl die Reise bevorstand, Stille anbefohlen und dich nicht wecken lassen; als du aber ungefähr um die zweite Stunde aufgewacht seiest, habest du ihm deinen Traum erzählt. Es sei dir, während du in einsamer Gegend traurig umherirrtest, Gaius Marius mit lorbeerbekränzten Rutenbündeln erschienen und habe dich gefragt, warum du traurig seist, und auf deine Antwort, daß du aus deinem Vaterlande mit Gewalt vertrieben seist, habe er deine Rechte ergriffen und dich geheißen, guten Mutes zu sein, und dich durch den zunächststehenden Liktor zu seinem Denkmale Das Denkmal des Marius ist der Tempel des Honor Virtus, den Marius nach dem Siege über die Cimbern zum Andenken an sich hatte erbauen lassen. In diesem Tempel wurde auf Veranlassung des Konsuls Publius Cornelius Lentulus Spinther der Senatsbeschluß gefaßt, der die Rückberufung des verbannten Cicero anordnete; vgl. besonders Ciceros eigene Worte hierüber in seiner Rede gegen Lucius Piso, 15, 34. führen lassen und gesagt, dort werde dir Heil zuteil werden. Da habe er, erzählt Sallustius, ausgerufen, es stehe dir eine schnelle und ruhmvolle Rückkehr bevor und du selbst seist offensichtlich über diesen Traum erfreut gewesen. Und mir selbst wurde bald gemeldet, sobald du gehört habest, daß in dem Denkmale des Marius jener so glänzende Senatsbeschluß wegen deiner Rückkehr auf den Antrag des trefflichen und ausgezeichneten Konsuls gefaßt und bei sehr vollem Theater unter unglaublichem Zuruf und Beifallklatschen bestätigt worden sei, da habest du gesagt, es könne nichts Göttlicheres geben als jenen atinatischen Traum.

XXIX. 60. »Aber viele sind falsch.« – O nein, aber vielleicht dunkel für uns. Mögen einige falsch sein, was sagen wir aber gegen die wahren? Und diese würden in weit größerer Zahl vorkommen, wenn wir uns freien Geistes zur Ruhe begäben. Nun aber, mit Speise und Wein beschwert, sehen wir wüste und verworrene Träume. Höre, was Sokrates in Platons ›Staat‹ Platon, Der Staat, IX, 1. spricht. Er sagt nämlich: Da, während wir schlafen, der Teil der Seele, der des Verstandes und der Vernunft teilhaftig ist, eingeschlummert sei und erstarrt daliege, jener aber, in dem eine gewisse Wildheit und tierische Roheit wohnt, durch unmäßiges Trinken und Essen aufgeschwellt sei, so empöre sich dieser im Schlafe und gebare sich unmäßig. Daher bieten sich ihm alle Erscheinungen als leer an Verstand und Vernunft dar, so daß mancher glaubt, daß er mit seiner Mutter fleischlichen Umgang habe oder mit irgendeinem anderen Menschen oder einem Gott, oft auch mit einem Tiere; auch daß er jemanden ermorde und sich ruchlos mit Blut beflecke und viel Unzüchtiges und Häßliches mit Frechheit und Schamlosigkeit ausführe. 61. Wer sich dagegen nach heilsamer und mäßiger Pflege und Kost zur Ruhe begibt, indem der Teil der Seele, der Verstand und Besonnenheit besitzt, geweckt und aufgerichtet ist und gesättigt mit der Speise guter Gedanken, und der [andere] Teil der Seele, der in Sinnenlust seine Nahrung findet, weder durch Mangel geschwächt noch durch Sättigung überfüllt ist (denn beides pflegt die Schärfe des Geistes abzustumpfen, mag der Natur etwas fehlen oder mag sie durch Überfluß übersättigt sein), und wenn auch der dritte Teil der Seele, in dem die Glut des Gemüts Irarum ardor. Das Platonische ›Thymos‹ (Gemüt) übersetzt Cicero hier und anderwärts durch ira. sich zeigt, beruhigt und gedämpft ist: dann geschieht es, daß, nachdem die beiden vernunftlosen Teile niedergedrückt sind, jener dritte Teil der Seele, der der Vernunft und des Verstandes, aufleuchtet und sich kräftig und munter zum Träumen zeigt; dann werden ihm ungetrübte und wahrhafte Erscheinungen während der Ruhe vor die Seele treten. Das sind Platons eigene Worte, die ich übersetzt habe.

XXX. 62. Wollen wir nun lieber Epikuros hören? Denn Karneades Vgl. Anmerkung 51. behauptet aus Streitsucht bald dies, bald jenes. Aber was meint jener? Er meint nie etwas Feines, nie etwas Geziemendes. Willst du etwa diesen dem Platon und dem Sokrates vorziehen, die, gesetzt, sie legten keine Rechenschaft ab, doch diese unbedeutenden Philosophen an Ansehen übertreffen? Platon schreibt also vor, mit solcher Körperverfassung sich zur Ruhe zu begeben, daß nichts in den Seelen Irrtum und Verwirrung erzeugen kann. Daher glaubt man auch, es sei den Pythagoreern verboten, Bohnen zu essen, weil diese Speise eine starke Aufblähung verursacht, die der Ruhe des Geistes, der das Wahre sucht, entgegengesetzt ist Vgl. II, 58, 119. Über Pythagoras Anmerkung 41.. 63. Wenn sich also im Schlaf die Seele von der Gemeinschaft und der Berührung mit dem Körper absondert, so erinnert sie sich des Vergangenen, schaut das Gegenwärtige und sieht das Zukünftige voraus. Denn der Leib eines Schlafenden liegt untätig da wie der eines Toten; die Seele aber ist tätig und lebendig. Dies wird sie noch weit mehr nach dem Tode sein, wenn sie den Körper gänzlich verlassen hat. Daher ist sie auch bei Annäherung des Todes weit mehr von göttlicher Eingebung erfüllt Divinus von divinare, hier, wie die folgenden Worte beweisen, in seiner eigentlichen Bedeutung: weissagerisch.. Denn eben das sehen diejenigen, welche von einer schweren und tödlichen Krankheit befallen sind, daß ihnen der Tod bevorstehe. Deshalb bieten sich diesen meistens Bilder der Verstorbenen dar; sie streben dann gerade am meisten nach Ruhm, und diejenigen, welche anders, als es sich ziemte, gelebt haben, bereuen dann am meisten ihre Fehler. 64. Daß die Sterbenden weissagen, bestätigt Poseidonios Vgl. über Poseidonios Anmerkung 49. auch durch das Beispiel, das er anführt, daß ein gewisser Rhodier sterbend sechs seiner Altersgenossen genannt und gesagt habe, welcher von ihnen zuerst, welcher hernach und welcher dann der Reihe nach sterben werde. Er glaubt aber, daß auf dreierlei Weise die Menschen durch göttliche Anregung träumen: erstens, indem die Seele selbst durch sich voraussehe, da sie ja in Verwandtschaft mit den Göttern steht; zweitens, weil die Luft voll sei von unsterblichen Seelen, in denen die Kennzeichen der Wahrheit gleichsam eingeprägt erscheinen D. h. welche die Wahrheit in sich eingeprägt haben, die daher wissen, was wahr ist, und den Menschen deshalb das Wahre in den Träumen zeigen können.; drittens, weil die Götter selbst mit den Schlafenden sich unterhielten, und das tritt, wie eben gesagt, leichter bei der Annäherung des Todes ein, daß die Seelen das Zukünftige weissagen. 65. Hierher gehört auch jenes vorher von mir erwähnte Beispiel von Calanus Vgl. über Anmerkung 152. und das des Homerischen Hektor, der sterbend dem Achilles den nahen Tod verkündigt Ilias XXII, 355 bis 360..

XXXI. Und es würde nicht der Redegebrauch jenes Wort so ohne Grund aufgenommen haben, wenn die Sache überhaupt nichts zu bedeuten hätte:

›Die Seele spürte (praesagibat), daß vergeblich ich das Haus verließ Der Vers ist aus Plautus' Der Goldtopf II, 2, 1 und lautet dort: praesagibat mihi animus, frustra me ire, quum exirem domo..‹

Denn spüren (sagire) heißt scharf wahrnehmen, weshalb man von spürenden alten Frauen (sagae anus) spricht, weil sie vieles zu wissen glauben, und von Spürhunden (sagaces canes). Wer also die Sache ahnt (sagit), bevor sie ihm vor die Augen tritt, von dem sagt man, er spüre voraus (praesagire), das heißt, er sehe die Zukunft vorher. 66. Es liegt also in den Seelen ein Ahnungsvermögen, das ihnen von außen eingeflößt und von der Gottheit in sie eingeschlossen ist. Wenn es heftiger entbrennt, so wird es Raserei (furor) genannt, indem die Seele vom Körper abgezogen und durch göttlichen Antrieb aufgeregt wird.

›H. Warum scheint sie denn auf einmal mit dem wutentbrannten Aug'? Woher diese und die beiden folgenden poetischen Stellen genommen sind, ist ungewiß. Vielleicht aus der Alexandra des Ennius, oder wahrscheinlicher aus der Hekuba des Accius. Es spricht hier Hekuba, die Gemahlin des Priamus, zu ihrer Tochter Kassandra, die durch Apollon, dem sie sich nicht preisgeben wollte, in weissagerische Raserei versetzt worden war.
Wo ist die vorhin so weise, jungfräuliche Sittsamkeit?

K. Mutter, von den besten Weibern die bei weitem trefflichste,
Ach! ich bin dahingegeben gotterfüllter Weissagung;
Denn Apoll reizt wider Willen rasend mich zum Schicksalsspruch.
Meine Schwestern scheu' ich; vor dem Vater schäm' ich mich der Tat,
Diesem edlen Manne; dich beklag' ich, Mutter, hasse mich.
Daß du Priam gute Kinder schenktest außer mir, das schmerzt,
Daß ich schade, jene nützen, willig sind und trotzig ich.‹

O was für ein zartes, charaktervolles und weiches Gedicht! Doch das gehört hier nicht zur Sache. 67. Das, was wir wollen, ist darin ausgedrückt, daß nämlich die Raserei Wahres zu weissagen pflegt.

›Da, da ist die Schreckensfackel Diese Fackel ist auf Paris zu beziehen, vgl. I, 21, 42. Paris wurde wegen jenes Traumes nach seiner Geburt ausgesetzt und unter den Hirten auf dem Berge Ida erzogen., eingehüllt in Blut und Brand;
Jahrelang war sie verborgen; Bürger, helft und löscht sie aus!‹

Schon spricht der in dem sterblichen Leib eingeschlossene Gott, nicht Kassandra:

›Schon wird gefügt für das Meer die eilende
Flotte; es eilt der verderbliche Schwarm, und er
Naht; und die trotzigen Krieger erfüllen aus
Segelbeflügelten Schiffen den Meerstrand.‹

XXXII. 68. Ich scheine von Tragödien und Fabeln zu reden. Aber von dir selbst habe ich keine erdichtete, sondern eine wirkliche Tatsache derselben Art gehört: Gaius Coponius, ein höchst kluger und unterrichteter Mann, sei zu dir nach Dyrrhachium Als der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius ausgebrochen war, verließ Cicero Rom und begab sich nach Brundisium, wohin Pompeius mit seinem Heere gegangen war, um von da nach Griechenland überzusetzen. Während der Schlacht bei Pharsalos (48 v. Chr.), die den vollständigen Sieg Caesars über Pompeius entschied, verweilte Cicero in Dyrrhachium, einer Stadt in Illyrien (jetzt Durazzo). gekommen, als er mit dem Oberbefehl die rhodische Flotte befehligte, und er habe gesagt, ein Ruderknecht von einem Fünfruderer der Rhodier habe geweissagt, in weniger als dreißig Tagen werde Griechenland mit Blut getränkt werden, Dyrrhachium werde geplündert werden, und man werde die Schiffe besteigen und fliehen, und die Fliehenden würden einen jammervollen Rückblick auf die Feuersbrunst haben; doch der Flotte der Rhodier stehe baldige Rückkehr und Heimfahrt bevor. Dies habe einen tiefen Eindruck auf dich gemacht, und Marcus Varro Marcus Terentius Varro (116 v. Chr. geb.) war dem Pompeius beim Ausbruche des Krieges gefolgt. Nach dem Sieg bei Pharsalos werde er wieder von Caesar in Gunst aufgenommen. und Marcus Cato Cato ist Marcus Porcius Cato Uticensis, ein Anhänger der Stoischen Philosophie; siehe Anmerkung 98. Vgl. über ihn auch Senecas »Ausgewählte Schriften« sowie über die Ereignisse jenes Bürgerkrieges das Epos Pharsalia von Lucanus., die sich damals gerade dort befanden, seien heftig darüber erschrocken. In der Tat sei wenige Tage nachher Labienus Titus Atius Labienus, der Legat Caesars in Gallien im Jahre 58, ging später zur Partei des Pompeius über. von der pharsalischen Flucht angekommen, und als er den Untergang des Heeres verkündigt habe, sei auch der übrige Teil der Weissagung nach kurzer Zeit erfüllt worden. 69. Denn das aus den Speichern geplünderte Getreide bedeckte alle Straßen und Gassen, ihr bestiegt in dem plötzlichen Schrecken die Schiffe, und indem ihr bei Nacht auf die Stadt zurückblicktet, saht ihr die Lastschiffe in Brand, welche die Soldaten angezündet hatten, weil sie nicht hatten folgen wollen; und endlich erkanntet ihr, von der rhodischen Flotte verlassen, daß der Wahrsager wahrhaftig gewesen sei. – 70. Ich habe so kurz wie möglich die Orakel des Traumes und der Raserei auseinandergesetzt, die, wie ich gesagt habe, der Kunst entbehren. Diese beiden Gattungen haben einen gemeinsamen Grund, den unser Kratippos Über Kratippos vgl. Anmerkung 44. anführt, nämlich daß die Seelen der Menschen nach einem Teile von außen her genommen und geschöpft seien Vgl. I, 49, 110.. Hieraus sieht man denn ein, daß außerhalb eine göttliche Seele sei, aus der die menschliche abgeleitet ist, und daß der Teil der menschlichen Seele, der Empfindung, der Bewegung, der Begierden hat, von der Tätigkeit des Körpers nicht geschieden ist; daß derjenige Teil aber, der an Vernunft und Einsicht Anteil hat, dann am lebenskräftigsten ist, wenn er vom Körper am meisten entfernt ist. 71. Nach der Auseinandersetzung der wahren Weissagungen und Träume also pflegt Kratippos auf folgende Weise zu schließen: ›Wenn ohne Augen die Verrichtung und das Amt der Augen nicht stattfinden kann, die Augen aber bisweilen ihren Dienst nicht versehen können, so ist doch derjenige, der nur einmal seine Augen so gebraucht hat, daß er das Wahre sah, mit dem Sinne der Augen, die das Wahre sehen, begabt. Ebenso also, wenn ohne Weissagung die Verrichtung und das Amt der Weissagung nicht stattfinden kann; es kann aber einer, wenn er die Weissagung besitzt, bisweilen irren und das Wahre nicht sehen, so reicht es doch zur Bestätigung der Weissagung hin, daß einmal etwas so geweissagt worden ist, daß nichts durch Zufall dabei sich ereignet zu haben schien. Dergleichen Beispiele gibt es aber unzählige: Folglich muß man zugestehen, daß es eine Weissagung gibt Derselbe Schluß wird auch I, 55, 125 gezogen..‹

XXXIII. 72. Diejenigen Arten der Weissagung, die sich entweder durch Mutmaßung erklären lassen oder nach den Erfolgen beobachtet und aufgezeichnet sind, werden, wie ich oben I, 6, 12. bemerkt habe, nicht natürliche, sondern künstliche genannt, und hierzu werden die Opferbeschauer, die Auguren und Traumdeuter gerechnet. Diese Arten werden von den Peripatetikern verworfen und von den Stoikern verteidigt. Einiges hiervon beruht auf schriftlichen Denkmälern und Wissenschaft, wie die Schriften der Etrusker über Opferschau und über Blitze und die Rituale und auch eure Auguralbücher Die Ritualbücher enthielten nach Festus vieles aus der Wissenschaft der Opferschau; vgl. auch zu II, 18, 42. beweisen. Anderes läßt sich augenblicklich aus dem Stegreif durch Mutmaßung erklären, wie es bei Homer Kalchas tut, der aus der Zahl der Sperlinge die Jahre des Trojanischen Krieges geweissagt hat Vgl. Ilias II, 301 bis 329, und auch unsere Schrift II, 30, 63, wo Cicero die Verse Homers übersetzt hat., und wie wir in der Geschichte des Sulla Bei Gellius, Attische Nächte, wird ein Geschichtswerk (Rerum gestarum libri, aus dem 2. Jahrh. n. Chr.) des Lucius Cornelius Sulla, des bekannten Diktators und Gegners des Marius, erwähnt, das sein Freigelassener Cornelius Epicadus fortsetzte. Sulla unterwarf im Bundesgenossenkrieg (91 bis 88) die von den Römern abgefallenen Städte in Samnium und Unteritalien und lagerte hier vor Nola in Kampanien. – Der Opferschauer Postumius ist sonst nicht weiter bekannt. geschrieben sehen und was sich vor deinen Augen ereignete, daß, als jener auf dem Nolanischen Acker vor dem Feldherrnzelte opferte, plötzlich eine Schlange Die Schlangen galten als Symbol des Glückes und Sieges. vom untersten Teile des Altars hervorschlüpfte; worauf ihn der Opferschauer Gaius Postumius bat, das Heer sogleich ins Feld zu führen; und als dies Sulla getan hatte, da nahm er vor der Stadt Nola das so stark befestigte Lager der Samniten. 73. Auch bei Dionysios Dionysios I, vgl. I, 20. – Leontinoi, eine Stadt in Sizilien. wurde eine Mutmaßung gemacht kurz vor dem Antritt seiner Herrschaft. Als er auf einer Reise durch das Leontinische Gebiet selbst mit seinem Roß in einen Fluß hinabgestiegen war, ging dieses in den Strudeln unter und verschwand; und als er es mit der größten Anstrengung nicht herausziehen konnte, ging er, wie Philistos Über diesen Geschichtsschreiber siehe I, 20. erzählt, unmutig fort. Als er aber eine ziemliche Strecke vorgeschritten war, hörte er plötzlich ein Gewieher; er sah sich um und erblickte zu seiner Freude sein Roß, das ganz munter war und an dessen Mähne sich ein Bienenschwarm niedergelassen hatte. Diese Erscheinung hatte die Bedeutung, daß Dionysios wenige Tage darauf die Herrschaft antrat.

XXXIV. 74. Wie? Was wurde den Lakedaimoniern kurz vor der Niederlage bei Leuktra In der Schlacht bei Leuktra (in Boiotien) im Jahre 371 v. Chr. wurden die Spartaner von den Thebanern unter Epameinondas geschlagen. für ein Anzeichen gegeben, als in dem Tempel des Herakles die Waffen ertönten und das Bild des Herakles von starkem Schweiße troff? Und zu derselben Zeit öffneten sich zu Theben, wie Kallisthenes Kallisthenes aus Olynth war Begleiter Alexanders des Großen auf seinen Feldzügen. Er war mit Alexander zugleich von Aristoteles unterrichtet worden und ließ sich, darauf fußend, zu einem unbesonnenen Benehmen gegen den König hinreißen, indem er sich dessen Hinneigung zur orientalischen Sitte widersetzte; er wurde von diesem 327 v. Chr. getötet. Zur Sache vgl. besonders Xenophon, Hellenische Geschichte. sagt, im Tempel des Herakles die mit Riegeln verschlossenen Flügeltüren plötzlich von selbst, und die Waffen, die an den Wänden befestigt waren, wurden auf der Erde gefunden. Und als um dieselbe Zeit bei Lebadeia dem Trophonios Über die Höhle und das Orakel des Trophonios bei Lebadeia, einer Stadt in Boiotien, vgl. Pausanias XI, 37, 7. geopfert wurde, sollen die Hähne an dem Orte so anhaltend zu krähen angefangen haben, daß sie gar nicht aufhörten: Da hätten die boiotischen Auguren gesagt, der Sieg sei auf seiten der Thebaner deswegen, weil jener Vogel, wenn er besiegt sei, zu schweigen, und wenn er gesiegt habe, zu krähen pflege. 75. Und in ebender Zeit wurde durch viele Anzeichen den Lakedaimoniern das Unglück der Leuktrischen Schlacht verkündet. Denn auf dem Haupt der Statue Lysanders Lysander, der Anführer der Spartaner, schlug am Ende des Peloponnesischen Krieges in der Seeschlacht bei Aigospotamoi im Hellespont (405) die Athener unter den zehn Feldherren. Dieselben auf Lysander bezogenen Anzeichen der Niederlage bei Leuktra erwähnt Plutarch II, S. 397 E., des berühmtesten unter den Lakedaimoniern, entstand plötzlich ein Kranz von stacheligen und wilden Kräutern; und die goldenen Sterne, die in Delphoi von den Lakedaimoniern geweiht worden waren, nach jenem Seesiege Lysanders, in dem die Athener unterlagen – weil in dieser Schlacht Kastor und Polydeukes sich bei der Flotte der Lakedaimonier gezeigt haben sollen Plutarch im Leben Lysanders, Kap. 12, erzählt, daß vor der Schlacht bei Aigospotamoi (405 v. Chr.) beim Auslaufen der Flotte am Schiffe Lysanders die Sterne der Dioskuren Kastor und Polydeukes erschienen seien., so wurden ihre Abzeichen, die goldenen Sterne, von denen ich gesprochen habe, zu Delphoi aufgestellt –, diese fielen kurz vor der Schlacht bei Leuktra herunter und wurden nicht wieder aufgefunden. 76. Das bedeutendste Wunderzeichen aber gleichfalls für die Spartaner war, daß, als sie den Dodonäischen Iupiter Zu Dodona in Epeiros, im Lande der Molosser, nicht weit vom Acherusischen See, lag das berühmte älteste griechische Orakel. Vgl. Kapitel 1, 3. um ein Orakel baten und ihn in betreff des Sieges befragten und die Gesandten jenes Gefäß, in dem die Lose waren, hingestellt hatten, ein Affe, welcher der Liebling des Königs der Molosser war, sowohl die Lose wie auch alles, was zum Losen vorbereitet war, in Verwirrung brachte und das eine hierhin, das andere dorthin warf. Da soll die Priesterin, die dem Orakel vorstand, gesagt haben, an die Rettung, nicht an den Sieg sollten die Lakedaimonier denken.

XXXV. 77. Wie? Hat nicht im Zweiten Punischen Krieg Gaius Flaminius, zum zweiten Male Konsul, die Zeichen der Zukunft zum größten Nachteile des Staates vernachlässigt Gaius Flaminius Nepos, der gegen die Auspizien wider Hannibal ins Feld gezogen war, wurde 217 v. Chr. am Trasumenischen See in Etrurien gänzlich geschlagen; außer ihm selbst fielen 15 000 Römer; vgl. II, 8, 21 und Vom Wesen der Götter II, 3, 8. Hannibal war bei Arretium (j. Arezzo) an ihm vorübergezogen, als ob er sich nach Rom wende.? Als dieser nach der Musterung des Heeres nach Arretium hin aufgebrochen war und gegen Hannibal seine Legionen führte, stürzte er selbst und sein Roß vor der Bildsäule des Iupiter Stator Iupiter hatte als Gott des Krieges, als Entscheider der Schlachten den Namen Stator. ohne Veranlassung plötzlich zusammen; aber er trug deshalb kein Bedenken, eine Schlacht zu liefern, obgleich, wie es den Sachverständigen schien, das Zeichen sich in den Weg gestellt hatte. Als er mit dem Tripudium Vgl. I, 15, 28 und besonders II, 34, 72. Auspizien hielt, hieß ihn der Wärter der Hühner den Tag für die Schlacht aufschieben. Da fragte Flaminius ihn, wenn die Hühner auch nachher nicht fräßen, was er dann zu tun rate. Als jener geantwortet hatte, dann müsse man sich ruhig verhalten, sagte Flaminius: Fürwahr, herrliche Auspizien, wenn nur gehandelt werden kann, sobald die Hühner hungrig sind, wenn sie aber satt sind, nichts ausgeführt wird. Daher befahl er, die Feldzeichen aus dem Boden zu reißen und ihm zu folgen. Als zu derselben Zeit der Adlerträger der ersten Kompanie der Hastaten Primi hastati, nämlich hastati primi ordinis oder primi manipuli. Die Hastaten (Speerträger), bildeten in der Schlacht das erste Glied der dreigliedrigen römischen Schlachtordnung. das Feldzeichen nicht von der Stelle bewegen konnte und auch, als mehrere hinzukamen, doch nichts ausgerichtet wurde, so ließ Flaminius, als ihm dies gemeldet wurde, nach seiner Gewohnheit die Sache unbeachtet. Das Heer wurde binnen drei Stunden niedergemacht und er selbst getötet. 78. Auch das, was Caelius Vgl. über ihn I, 24, 48. hinzufügte, ist von großer Bedeutung, daß sich gerade zu der Zeit, als dies Unglück geschah, so große Erdbeben in Ligurien, Gallien, auf mehreren Inseln und in ganz Italien zeigten, daß viele Städte zusammenstürzten, an vielen Orten Erdfälle entstanden, die Flüsse in die entgegengesetzte Richtung strömten und das Meer in die Ströme eindrang.

XXXVI. Es werden sichere Mutmaßungen in der Weissagung von Sachverständigen gemacht. Jenem Phryger Midas Midas, der mythische König von Phrygien mit Eselsohren, dem sich alles, was er berührte, in Gold verwandelte, worüber er schließlich verhungern mußte. trugen in seiner Kindheit, als er schlief, Ameisen Weizenkörner in den Mund zusammen. Daß er sehr reich werden würde, wurde ihm geweissagt, und es traf ein. Und als sich dem Platon, während er als kleiner Knabe in der Wiege schlief, Bienen auf die Lippen gesetzt hatten, wurde geantwortet, daß er eine ausgezeichnete Anmut der Rede bekommen werde Diese beiden Vorbedeutungen bei Midas und Platon bringen auch miteinander in Verbindung Aelian, XII, 45, und Valerius Maximus, I, 6, 2.. So wurde die zukünftige Beredsamkeit bei dem Kinde vorausgesehen. 79. Wie? Roscius Quintus Roscius aus Lanuvium, der berühmteste Schauspieler damaliger Zeit und ein Freund Ciceros, starb 63 v. Chr. in hohem Alter., deine Freude und dein Liebling, hat er etwa selbst oder für ihn ganz Lanuvium gelogen? Als er in der Wiege lag und in Solonium, einem Felde des lanuvinischen Gebiets, erzogen wurde, erwachte nachts die Amme und bemerkte, nachdem sie das Licht herbeigeholt hatte, wie der Knabe im Schlafe von den Windungen einer Schlange umringt sei; durch diesen Anblick in Schrecken geraten, erhob sie ein Geschrei. Der Vater des Roscius trug es den Opferschauern vor, und diese antworteten, dieser Knabe werde vor allen berühmt und ausgezeichnet werden. Und diesen Gegenstand hat Pasiteles Pasiteles, nicht mit Praxiteles zu verwechseln, ist ein berühmter Bildhauer aus Unteritalien (1. Jahrh. v. Chr.); vgl. über ihn Plinius, Naturgeschichte 36, 4. in Silber ausgearbeitet und unser Archias Aulus Licinius Archias, zu Antiocheia in Syrien ungefähr 120 v. Chr. geboren, ein griechischer Dichter, den Cicero im Jahre 61 in der bekannten Rede verteidigte. in Versen geschildert. Worauf warten wir also? Etwa bis sich die unsterblichen Götter mit uns auf dem Forum unterreden, bis sie auf den Straßen, bis sie zu Hause mit uns verkehren? Diese zeigen sich zwar persönlich uns nicht; aber ihre Kraft verbreiten sie weit und breit, sie schließen dieselbe teils in die Höhlen der Erde ein, teils verweben sie sie mit der Natur der Menschen. Denn die Kraft der Erde begeisterte die Pythia zu Delphoi, die der Natur die Sibylle Über die Pythia vgl. I, 19, 38. Die Sibylle ist die zu Cumae in Kampanien, von der die Sibyllinischen Bücher stammen sollen, eine Sammlung von Weissagungen in griechischen Versen, die nach der Sage König Tarquinius von einer geheimnisvollen Greisin um ungeheuren Preis ankaufte und auf dem Kapitol im Tempel des Iupiter verwahren ließ. Sie durften nur auf Befehl des Senats durch eigens dazu bestellte Beamte nachgeschlagen werden. Beim Brande des Kapitols 83 v. Chr. verbrannten diese Bücher. Vgl. I, 2, 4.. Wie? Sehen wir denn nicht, was für verschiedene Arten von Erdstrichen es gibt? Von diesen ist ein Teil tödlich, wie die Gegend von Ampsanktus Der See von Ampsanktus war von schwarzer Farbe und hauchte schlechte Dünste aus; dorthin verlegt Vergil, Aeneis VII, 563 ff., den Eingang zur Unterwelt. bei den Hirpinern und in Asien die Plutonien Plutonia oder Charonia in Kleinasien, namentlich am Flusse Maiandros, Gegenden, die schädliche und verpestete Dünste aushauchten, vgl. Strabo XII, 8 und XIII 4. Cicero sah diese, als er 51 v. Chr. Prokonsul in Kilikien war und seinen Bruder bei sich hatte., die ich gesehen habe; dann gibt es verpestete Landstriche, auch gesunde und einige, die scharfsinnige Köpfe, andere, die stumpfe hervorbringen. Dies alles geschieht sowohl durch die Verschiedenheit des Klimas als auch durch die verschiedenartige Ausdünstung der Erde. 80. Oft kommt es auch vor, daß durch irgendeine Erscheinung, oft durch den Ernst der Töne und durch den Gesang, die Gemüter sehr heftig erregt werden, oft auch durch Kummer und Furcht, wie jene, die

›Bewegt im Herzen, rasend, wie von Bacchus' Wut
Ergriffen, an dem Grabe ihren Teucer ruft Die beiden Verse sind aus dem Teucer des Pacuvius und beziehen sich auf die Tekmessa, das Weib des Aiax. Teucer ist der Sohn des Telamon, des Königs von Salamis und des Aiax Stiefbruder..‹

XXXVII. Und auch jene Erregung beweist, daß in den Seelen eine göttliche Gewalt wohnt. Denn Demokritos Demokritos aus Abdera in Thrakien, 460 v. Chr. geboren, Schüler des Leukippos, des Gründers der Lehre von den Atomen. behauptet, daß ohne Raserei kein Dichter groß sein könne, und dasselbe sagt Platon Im Phaidros S. 244 A, Kapitel XXII.. Mag er dies, wenn es ihm beliebt, Raserei nennen, wenn nur diese Raserei so gelobt wird, wie es im Phaidros des Platon geschieht. Wie verhält es sich mit der Rede vor Gericht, wie mit dem theatralischen Vortrage? Kann er wirksam, gewaltig und voll Fülle sein, wenn nicht die Seele selbst ungewöhnlich bewegt ist? Ich wenigstens habe oft bei dir und – um auch auf Geringeres zu kommen – bei deinem Freunde Aesopus Dieser Aesopus (nicht zu verwechseln mit dem Fabeldichter Äsop) war ein berühmter Schauspieler und Freund Ciceros und ist dessen Lehrer im Vortrag gewesen; vgl. Plutarch, Leben Ciceros, Kap. 5. eine solche Glut in Bewegungen und Mienen gesehen, daß ihn irgendeine Kraft dem Bewußtsein des Geistes entrissen zu haben schien. 81. Oft treten auch Gestalten auf, die an sich nichtig sind, aber doch ein Bild darbieten; dies soll Brennus Brennus, Anführer der Kelten, fiel im Jahre 278 v. Chr. in Makedonien und Griechenland ein und fand bei Delphoi seinen Tod. und seinem gallischen Heere begegnet sein, als er den Tempel des Delphischen Apollo mit frevelhaftem Kriege überzogen hatte; denn damals soll die Pythia das Orakel ausgesprochen haben:

›Mir und den weißen Jungfrau'n wird dies Sorge sein Vgl. Justinus 24, 8; Pausanias X, 23..‹

Hiernach geschah es, daß sowohl weiße Jungfrauen sich mit Waffen entgegenstellten als auch das Heer der Gallier unter dem Schnee begraben wurde.

XXXVIII. Aristoteles glaubte, daß diejenigen sogar, die infolge einer Krankheit rasten und Melancholische hießen, in den Seelen etwas Weissagendes und Göttliches hätten Aristoteles, Problemata XXX, S. 471; vgl. Von der Seele, S. 122 (ed. Bekk.).. Ich aber möchte das vielleicht weder den Magenkranken noch den Gehirnkranken zuschreiben; denn einer gesunden Seele, nicht einem krankhaften Körper kommt die Weissagung zu. 82. Daß diese aber in Wirklichkeit da sei, wird durch folgenden Schluß der Stoiker gefolgert: ›Wenn es Götter gibt und sie den Menschen das Zukünftige nicht vorherverkündigen, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie glauben, es liege den Menschen nichts daran, die Zukunft zu wissen; oder sie meinen, es sei ihrer Würde nicht angemessen, den Menschen vorher anzudeuten, was geschehen wird; oder die Götter selbst können dies nicht einmal andeuten. Aber fürwahr sie lieben uns; denn sie sind wohltätig und dem Menschengeschlecht wohlgesinnt; und sie wissen sehr wohl das, was von ihnen selbst angeordnet und bestimmt ist; und es ist uns nicht gleichgültig, das zu wissen, was sich ereignen wird; denn wir werden vorsichtiger sein, wenn wir dies wissen; noch halten sie es ihrer Würde für unangemessen; denn nichts ist schöner als die Wohltätigkeit; und es ist unmöglich, daß sie das Zukünftige nicht im voraus erkennen sollten Man erwartet statt vorher erkennen eher ein Wort, wie: anzeigen.. 83. Es ist also nicht denkbar, daß es Götter gibt und sie das Zukünftige nicht anzeigen. Nun aber gibt es Götter; also zeigen sie es auch an. Und wenn sie es anzeigen, so eröffnen sie uns auch Wege zur Erkenntnis der Anzeichen; denn sie würden es sonst vergeblich anzeigen, und wenn sie Wege eröffnen, so ist es nicht möglich, daß es keine Weissagung gebe; es gibt also eine Weissagung.‹

XXXIX. 84. Dieses Schlusses bedienten sich Chrysippos, Diogenes und Antipater Über Chrysippos, Diogenes und Antipater vgl. I, 3, 6.. Was ist also für ein Grund, zu zweifeln, daß dasjenige, was ich behauptet habe, sehr wahr ist? Wenn die Vernunft auf meiner Seite steht, wenn die Erfolge, die Völker und Nationen, wenn die Griechen und Barbaren und auch unsere Vorfahren auf meiner Seite stehen; wenn man dies endlich immer so geglaubt hat, wenn die ausgezeichnetsten Philosophen, wenn die Dichter, die weisesten Männer, die die Staaten geordnet, die Städte gegründet haben, auf meiner Seite stehen: wollen wir da etwa warten, bis die Tiere sprechen? Sind wir nicht mit dem übereinstimmenden Zeugnis der Menschen zufrieden? 85. Auch wird ja dafür, daß die von mir genannten Arten der Weissagung nichtig sind, kein anderer Grund beigebracht, als daß es scheinbar schwer zu sagen ist, was jedesmal die Ursache, was der Grund einer Weissagung ist. Denn was hat der Opferschauer für einen Grund, daß die gespaltene Lunge auch bei guten Eingeweiden die Zeit unterbreche und den Tag hinausschiebe Die Eingeweide mit einem Einschnitt galten für ein böses Vorzeichen; vgl. Livius VIII, 9; Ovid, Metamorphosen XV, 794.? Was der Augur, daß der Rabe zur Rechten und die Krähe zur Linken etwas bestätigt Vgl. I, 7, 12 und Anmerkung 56.? Was der Astrologe, daß der Stern des Iupiter oder der Venus mit dem Monde verbunden bei der Geburt der Kinder heilbringend, der des Saturn oder des Mars feindlich sei? Warum aber soll uns Gott im Schlafe ermahnen, im Wachen vernachlässigen? Was gibt es endlich für einen Grund, daß die rasende Kassandra die Zukunft voraussieht, der weise Priamus aber ebendies nicht zu tun vermag? 86. Du fragst, warum jegliches geschehe. Ganz mit Recht; aber davon ist jetzt nicht die Rede. Ob es geschehe oder ob es nicht geschehe, danach wird gefragt. Wie wenn ich sage: Der Magnet ist ein Stein, der das Eisen an sich lockt und anzieht, den Grund aber, weshalb dies geschieht, nicht beibringen kann; könntest du da leugnen, daß es überhaupt geschehe? Und eben dieses tust du bei der Weissagung, die wir selbst sehen, hören und lesen und von den Vätern empfangen haben. Auch hat vor dem Aufblühen der Philosophie, die noch nicht lange erfunden ist, das gewöhnliche Leben nicht daran gezweifelt, und hernach, als die Philosophie hervorgetreten war, hat kein Philosoph, der nur einige Bedeutung hatte, anders geurteilt. 87. Ich habe von Pythagoras, von Demokritos, von Sokrates gesprochen, ich habe keinen von den Alten, außer Xenophanes Xenophanes und die übrigen Philosophen vgl. I, 3 und die Anmerkungen., ausgenommen, ich habe die alte Akademie, die Peripatetiker und die Stoiker hinzugefügt. Nur Epikuros allein ist anderer Ansicht. Was Wunder? Ist dies schimpflicher, als daß dieser meint, es gebe keine uneigennützige Tugend?

XL. Wen sollte aber wohl nicht das durch die berühmtesten Denkmäler beglaubigte und verbürgte Altertum bewegen? Von Kalchas schreibt Homer, er sei der bei weitem beste Augur und Führer der Flotten vor Ilium Homer, Ilias I, 69 ff. gewesen, wegen seiner Kenntnis der Auspizien, glaub ich, nicht wegen der der Gegenden. 88. Amphilochos und Mopsos Amphilochos war der Sohn des gleich darauf erwähnten Amphiaraos und der Eriphyle. Er ging mit nach Troja und wurde hier mit dem Seher Mopsos befreundet, mit dem er zusammen die Stadt Malios in Kilikien erbaute. Amphiaraos selbst nahm an dem Krieg gegen Theben teil durch den Verrat seiner Gattin Eriphyle, die sich von Adrastos durch ein goldenes Geschmeide bestechen ließ und seinen Aufenthalt entdeckte. Er wurde vor Theben von der Erde verschlungen. Mopsos war der Sohn der Manto, der Tochter des Sehers Teiresias und des Ampykos, nach anderen des Apollo. sind die Könige der Argiver gewesen, aber auch zugleich Auguren, und sie haben an der Seeküste Kilikiens griechische Städte gegründet. Und noch vor ihnen lebten Amphiaraos und Teiresias, keine geringen und unberühmten Leute und nicht denen ähnlich, wie es bei Ennius heißt:

›Die um ihres Vorteils willen falsche Sprüche sinnen aus Dieser Vers des Ennius ist vielleicht aus dessen Telamon, vgl. Ribbeck, Fragmente S. 56, und I, 53, 132.‹,

sondern berühmte und vortreffliche Männer, die, durch Vogel und Zeichen belehrt, die Zukunft weissagten. Von dem einen derselben sagt Homer Nämlich von Teiresias, dem blinden Seher in Theben; vgl. Homer, Odyssee X, 492., daß er auch in der Unterwelt allein weise sei, während die übrigen wie Schatten umherschwärmten. Den Amphiaraos aber hat der Ruf in Griechenland so sehr geehrt, daß er für einen Gott gehalten wurde und daß man von der Stelle, wo er begraben wurde Zu Oropos, vgl. Pausanias I, 34; Strabo IX, 1., Orakel holte. 89. Hatte nicht der König von Asien, Priamos, einen Sohn Helenos Vgl. über ihn Homer, Ilias VI. 34; über Kassandra vgl. I, 31, 66. und eine Tochter Kassandra, die weissagten, der eine durch Augurien, die andere durch geistige Erregung und durch göttliche Begeisterung? Von derselben Art, lesen wir geschrieben, sind die Marcischen Brüder Die Zeit, in der die Marcischen Brüder gelebt haben, ist unbekannt. Sie waren Wahrsager, und ihre Weissagungen stehen mit den Sibyllinischen Sprüchen in Verbindung., edler Abkunft, bei unseren Vorfahren gewesen. Und erzählt nicht Homer, daß der Korinthier Polyidos Homer, Ilias XIII, 663 bis 668. sowohl anderen vieles als auch seinem Sohne, der nach Troja zog, den Tod vorhergesagt habe? Überhaupt besaßen bei den Alten die Machthaber auch zugleich die Augurien. Zeuge davon ist unser Staat, in dem die Könige als Auguren und hernach die mit demselben Priestertum bekleideten Privatpersonen den Staat durch das Ansehen der Religion lenkten.

XLI. 90. Und diese Weise der Weissagungen ist nicht einmal bei den barbarischen Völkern vernachlässigt worden. So sind doch in Gallien die Druiden, von denen ich selbst den Haeduer Divitiacus Die Haeduer waren eine von den gallischen Nationen und standen mit den Römern im Bündnis. Caesar erwähnt (Gallischer Krieg VI, 12) den Druiden und vornehmen Haeduer Divitiacus, der sonst bei Cicero nicht vorkommt., deinen Gastfreund und Lobredner, kennengelernt habe, der behauptete, ihm sei die Naturwissenschaft, welche die Griechen Physiologie nennen, bekannt, und der teils durch Augurien, teils durch Mutmaßung, was zukünftig wäre, voraussagte. Auch bei den Persern deuten und weissagen die Magier, die sich in einem Heiligtum Magi, qui congregantur in fano. Fanum ist ein der Gottheit geweihter, mit Mauern umgebener Platz; vgl. Livius 10, 37: fanum tantum, id est, locus templo sacratus. Eigentliche Tempel hatten die Perser nicht. versammeln, um sich zu beraten und sich miteinander zu besprechen, was auch ihr ebenfalls einst an den Nonen zu tun pflegtet An den Nonen (d. h. am siebenten Tag im März, Mai, Juli und Oktober und am fünften Tag in den übrigen Monaten) pflegten die Auguren, um Auspizien anzustellen, außerhalb Roms an einem freien Platze zusammenzukommen.. 91. Auch kann niemand König der Perser sein, der nicht zuvor die Lehre und Wissenschaft der Magier erlernt hat. Man kann ferner gewisse Familien und Nationen sehen, die dieser Wissenschaft sich gewidmet haben. Telmessos Vgl. Arrian, Feldzüge Alexanders, II, 3, und Herodot I, 78, der zuerst Wahrsager aus Telmessos, einer Stadt in Karien, erwähnt hat. ist eine Stadt in Karien, in welcher der Unterricht der Opferschauer berühmt ist. Ebenfalls hat Elis im Peloponnes zwei bestimmte Familien, die der Iamiden und die der Klytiden Herodot IX, 33 erwähnt diese beiden Familien., die durch die Berühmtheit der Opferschau ausgezeichnet sind. In Syrien zeichnen sich die Chaldäer Die Chaldäer werden schon I, 1, 2 erwähnt. durch die Kenntnis der Gestirne und durch die geistige Erfindsamkeit aus. 92. Etrurien Über die Etrusker vgl. Plinius, Naturgeschichte II, 52 ff. aber beobachtet das vom Blitz Getroffene mit großem Geschick und deutet ebenfalls alles, was durch irgendwelche wunderbare Erscheinungen und Anzeichen angekündigt wird. Daher hat auch bei unseren Vorfahren der Senat während der Blüte des Reichs wohlweislich beschlossen, daß sechs Söhne von Vornehmen den einzelnen Völkerschaften Etruriens zum Unterricht übergeben werden sollten, damit nicht eine bedeutende Kunst durch die Niedrigkeit der Menschen vom Ansehen in der Religion zum Lohndienst und zum Erwerb herabgewürdigt würde Vgl. Valerius Maximus I, 1, der von zehn Söhnen spricht; Cicero, Über die Gesetze II, 9.. Die Phryger aber, die Pisider und die Kilikier Dieselben Völkerschaften sind schon I, 1, 2 und 3 erwähnt. und die Nation der Araber folgen meist den Anzeichen der Vögel, und dasselbe soll auch in Umbrien, wie wir gehört haben, üblich gewesen sein.

XLII. 93. Und mir scheinen auch aus der Lage der Gegenden, die von den einzelnen bewohnt wurden, die günstigen Gelegenheiten zu den Weissagungen entsprungen zu sein. Denn die Ägypter und Babylonier, die auf den Erdflächen sich weit ausdehnender Ebenen wohnten, haben, da nichts über die Erde emporragte, was der Betrachtung des Himmels hätte hinderlich sein können, alle Sorge auf die Kenntnis der Gestirne verwandt Vgl. I, 1, 2.; die Etrusker aber haben, weil sie, von Religiosität erfüllt, eifriger und häufiger Opfertiere schlachteten, sich besonders auf die Kenntnis der Eingeweide gelegt; und weil wegen der dicken Luft bei ihnen vieles am Himmel sich zutrug und aus demselben Grund viel Ungewöhnliches teils vom Himmel, teils aus der Erde entstand Dreierlei verschiedene Erscheinungen nennt Cicero, erstens solche, die in der Luft vorkommen als Meteore, vgl. I, 43, 97; zweitens die am Himmel selbst wahrgenommen werden als Regen von Steinen u. ä., vgl. I, 43, 98; drittens die besonderen Merkmale auf der Erde, wozu Erdbeben und auch Eigentümlichkeiten im Stein- und Pflanzenreiche gehören., manches auch bei der Empfängnis und Zeugung der Menschen oder Tiere, so wurden sie die geübtesten Ausleger von Wundererscheinungen. Die Bedeutung dieser Erscheinungen wird, wie du selbst zu sagen pflegst Vgl. Vom Wesen der Götter II, 3, 7., durch die Benennung selbst bezeichnet, die unsere Vorfahren sinnreich dafür geschaffen haben. Denn weil sie anzeigen, verkündigen, hinweisen und vorhersagen, so werden sie Anzeichen, Verkündigungen, Hinweisungen und Vorbedeutungen genannt. 94. Die Araber aber, die Phryger und Kilikier, die vorzüglich Viehzucht treiben, haben, indem sie Sommer und Winter Felder und Berge durchstreifen, deshalb leichter den Gesang und den Flug der Vögel beobachtet, und derselbe Grund war in Pisidien und hier in unserem Umbrien. Ferner ganz Karien und besonders die vorhin erwähnten Telmessier sind, weil sie sehr ergiebige und höchst fruchtbare Äcker bewohnen, auf denen sich wegen der Fruchtbarkeit vieles bilden und erzeugen kann, in der Beobachtung von Anzeichen sorgfältig gewesen.

XLIII 95. Wer sieht aber nicht, daß gerade in der besten Staatsverfassung die Auspizien und die übrigen Arten der Weissagung den größten Einfluß gehabt haben? Gab es je einen König, je ein Volk, das sich nicht der göttlichen Weissagung bedient hätte? Und nicht bloß im Frieden, sondern noch weit mehr im Kriege, wo der Kampf und die Entscheidung für das Wohl von größter Bedeutung war. Ich übergehe unsere Landsleute, die nichts im Kriege ohne Befragung der Eingeweide unternehmen, nichts ohne Auspizien, solange sie Auspizien haben! Laßt uns Auswärtiges betrachten! Die Athener haben zu allen öffentlichen Beratungen immer einige weissagende Priester, die sie Manteis nennen Das ist Seher, Weissager., zugezogen, und die Lakedaimonier haben ihren Königen einen Augur zum Beisitzer gegeben, und ebenso bestimmten sie, daß bei den Greisen (denn so nennen sie den Staatsrat) Es ist der Rat der Alten, der die oberste Regierungsbehörde und das höchste Gericht des Landes in Sparta bildete; er bestand aus 28 mindestens sechzigjährigen Greisen, und die beiden Könige führten den Vorsitz. ein Augur zugegen sei; auch holten sie bei wichtigeren Dingen immer von Delphoi oder vom Iupiter Ammon oder von Dodona das Orakel ein. 96. Lykurg wenigstens, der den Staat der Lakedaimonier ordnete, hat seine Gesetze durch das Ansehen des Delphischen Apollo bekräftigt Lykurg, der Gesetzgeber der Spartaner, gab vor, seine Gesetze von Apollo empfangen zu haben, oder er ließ sie doch durch das Orakel dieses Gottes bestätigen (vgl. Plutarch, Leben des Lykurgos, Kap. 5, und Herodot I, 65).. Als diese Lysander ändern wollte, wurde er durch dieselbe religiöse Rücksicht daran gehindert Über Lysander (vgl. I, 34, 75,) der die Verfassung der Spartaner zu ändern beabsichtigte, vgl. Plutarch, Leben des Lysander, Kap. 25; Diodor, XIV, 13 und Cornelius Nepos, Lysander, Kap. 3.. Ja, auch die oberste Behörde der Lakedaimonier, nicht zufrieden mit der Sorge während des Wachens, legte sich in dem Tempel der Pasiphaë Unter der obersten Behörde sind die Ephoren zu Sparta zu verstehen. Plutarch (Leben des Agis, Kap. 9) erwähnt ein Orakel der Pasiphaë bei Thalamae in Sparta, und Pausanias (III, 26) einen Tempel und ein Orakel der Ino bei Thalamae, wo die Priester in dem Tempel schliefen, um während des Traumes von der Gottheit sich weissagen zu lassen., der auf einem Felde nahe bei der Stadt steht, zum Träumen nieder, weil sie die Orakel während des Traumes für wahr hielten. 97. Ich komme auf das Einheimische zurück. Wie oft hat nicht der Senat die Zehnmänner zu den Büchern Nämlich zu den Sibyllinischen; vgl. I, 36, 79. gehen lassen? In wie wichtigen Angelegenheiten und wie oft hat er nicht den Antworten der Opferschauer Folge geleistet! Als zwei Sonnen sich gezeigt hatten und drei Monde und als Fackeln und eine Sonne zur Nachtzeit erschienen waren und als vom Himmel her ein Getöse gehört ward und der Himmel sich zu teilen schien und an ihm Kugeln wahrgenommen wurden. Dem Senat wurde auch ein Erdfall auf privernatischem Gebiet Privernum, eine Stadt in Latium. vorgetragen, als die Erde sich bis zu einer unendlichen Tiefe herabgesenkt hatte und Apulien durch sehr heftige Erdbeben erschüttert worden war: lauter Anzeichen, durch die dem römischen Volk schwere Kriege und verderbliche Unruhen verkündigt wurden; und bei allen diesen Vorfällen stimmten die Antworten der Opferschauer mit den Versen der Sibylle überein. 98. Wie? Als zu Cumae Apollon Vgl. Livius 43, 13: Cumis in arce Apollo triduum ac tres noctes lacrimavit; Plutarch, Leben des Coriolanus, Kap. 38, der eine Erklärung gibt., zu Capua die Victoria schwitzte, als ferner ein Zwitter geboren wurde, war das nicht ein verhängnisvolles Vorzeichen? Wie? als der Fluß Atratus von Blut strömte? Wie? als oft ein Regen von Steinen, bisweilen von Blut, manchmal von Erde und einmal auch von Milch herabfloß? Wie? als auf dem Kapitol der Kentaur vom Blitz getroffen wurde, auf dem Aventinus Tore und Menschen, zu Tusculum Tusculum, eine Munizipialstadt in Latium, in deren Nähe Cicero sein Landgut (Tusculanum) hatte; vgl. I, 5, 8. der Tempel des Kastor und Polydeukes und zu Rom der Tempel der Pietas? Haben da nicht die Opferschauer das geantwortet, was wirklich eintraf, und sind nicht in den Büchern der Sibylle dieselben Weissagungen aufgefunden worden?

XLIV. 99. Auf einen Traum der Caecilia, der Tochter des Quintus Diese Caecilia Metella, die Tochter des Quintus Caecilius Metellus wird schon I, 2 erwähnt, außerdem I, 46, 104., wurde noch jüngst im Marsischen Krieg Der Marsische Krieg, auch Bundesgenossenkrieg (bellum sociale), nach den italischen Bundesgenossen, besonders den Marsern, die das römische Bürgerrecht verlangten, benannt (91 bis 89). vom Senat der Tempel der Iuno Sospita Über den Tempel der Iuno Sospita vgl. zu I, 2. wiederhergestellt. Nachdem Sisenna Lucius Cornelius Sisenna (geboren um 120 v. Chr.), war ein römischer Geschichtsschreiber. auseinandergesetzt hatte, daß dieser Traum wunderbar Wort für Wort mit dem Erfolg zusammentraf, behauptete er dann doch ganz unerwartet, ich glaube, von einem Epikureer verleitet, man dürfe den Träumen kein Vertrauen schenken. Er sagt aber gegen die Vorzeichen nichts und erzählt, daß im Anfang des Marsischen Krieges die Bilder der Götter geschwitzt hätten, daß Blut geflossen sei, daß der Himmel sich geteilt habe, daß man aus dem Verborgenen Stimmen vernommen habe, die die Gefahren des Krieges verkündigten, daß zu Lanuvium Lanuvium, eine Stadt in Latium, berühmt durch den Tempel der Iuno Sospita, vgl. I, 2. – was den Opferschauern als das Traurigste erschienen sei –, die Schilder von den Mäusen zernagt worden seien. Wie? Lesen wir nicht in den Jahrbüchern, daß im Veientischen Krieg Der Veientische Krieg gegen die Stadt Veii, 406 bis 396 v. Chr., der mit der Einnahme der zehn Jahre lang belagerten Stadt durch Camillus endigte. Vgl. Livius, 15; Plutarch, Leben des Camillus, Kap. 4., als der Albanische See über die Maßen angeschwollen war, irgendein vornehmer Mensch zu uns geflohen sei und gesagt habe, nach den geschriebenen Schicksalsbüchern, die die Veienter besäßen, könne Veii nicht eingenommen werden, solange dieser See übertrete; und wenn der See abgelassen würde und durch seinen Fall und Lauf zum Meere sich ergösse, so werde dies dem römischen Volke verderblich sein. Würde er aber so abgeleitet, daß er zum Meere nicht gelangen könne, so würde das den Unsrigen zum Heile dienen. Daraufhin wurde jene bewunderungswürdige albanische Wasserleitung von unseren Vorfahren gebaut. 100. Als aber die Veienter, des Krieges müde, Gesandte an den Senat geschickt hatten, da soll von diesen einer gesagt haben, daß jener Überläufer nicht gewagt habe, dem Senate alles zu sagen; in denselben Schicksalsbüchern der Veienter stehe geschrieben, daß Rom binnen kurzer Zeit von den Galliern werde eingenommen werden, und wie wir sehen, ist dies sechs Jahre nach der Einnahme Veiis geschehen Im Jahre 390 v. Chr. (sechs Jahre nach der Einnahme Veiis) wurde nach der Schlacht an der Allia Rom von den Galliern unter Brennus geplündert und verbrannt..

XLV. 101. Oft ließen sich auch Faune Den Faunen schrieben die Römer alles Panische und alle gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen zu Gesicht kamen; sie betrachteten alle seltsamen, das Gehör erschreckenden Rufe als ihr Wort und glaubten, daß sie auch bisweilen die Zukunft verkündigten. Vgl. Vom Wesen der Götter II, 2, 6. in den Schlachten hören; und in unruhigen Zeiten sollen wahrredende Stimmen aus dem Verborgenen erschollen sein. Von dieser Gattung gibt es unter vielen zwei Beispiele, aber sehr wichtige. Nicht lange vor der Einnahme der Stadt wurde aus dem Haine der Vesta Der Tempel und Hain der Vesta lag zwischen dem Forum und dem Palatinischen Hügel an der via nova. Livius 5, 50 erwähnt dieselbe nächtliche Stimme, die vor dem Gallischen Krieg die Niederlage der Römer verkündigte., der sich vom Fuß des Palatinischen Berges nach der neuen Straße herabzieht, eine Stimme gehört: Die Mauern und Tore sollten ausgebessert werden; würden keine Vorsichtsmaßregeln getroffen, so würde Rom eingenommen werden. Dieses wurde nicht beachtet, als es noch verhütet werden konnte, und wurde nach jener so großen Niederlage gesühnt. Denn es wurde dem Aius Loquens Aius Loquens oder Locutius, der Sager oder Sprecher, war eine Gottheit, die den Kindern zum Erlernen des deutlichen Sprechens zur Seite stand; vgl. II, 33, 69. jenem Platze gegenüber der Altar geweiht, den wir dort umzäunt sehen. Und viele haben auch geschrieben, nach einem Erdbeben sei von dem Tempel der Iuno her aus der Burg eine Stimme vernommen worden, daß durch ein trächtiges Schwein die Sühnung veranstaltet werden solle; daher sei jene Iuno die Mahnerin (Moneta) Iuno wurde als Höhen- und Burggöttin verehrt, sie hatte einen Tempel auf dem Capitolinischen Hügel (in arce). Den Beinamen Moneta leitet Cicero a monendo (mahnen) ab, indem sie bei einem Erdbeben die Mahnung ergehen ließ, zur Abwendung ein trächtiges Schwein zu opfern. Livius (VII, 82), Ovid (Festkalender 6, 183) und Suidas geben andere Erklärungen, nämlich daß sie ihren Beinamen von der ihrem Tempel nahegelegenen Münzstätte empfangen habe. genannt worden. Verachten wir also, was die Götter angezeigt und unsere Vorfahren beachtet haben? 102. Und nicht nur die Stimmen der Götter haben die Pythagoreer fleißig beobachtet, sondern auch die der Menschen, die sie Vorbedeutungen nennen. Weil unsere Vorfahren von diesen meinten, daß sie eine wirksame Kraft besäßen, so schickten sie deshalb allen ihren Handlungen die Worte voraus: ›Möge es gut, günstig, glücklich und heilsam sein!‹, und bei Gottesdiensten, die von Staats wegen gehalten wurden, wurde angeordnet, ›die Zunge zu wahren Favete linguis! (Hütet eure Zungen!) lautete der Zuruf der Priester. Favere linguis, ist fast gleichbedeutend mit schweigen, damit niemandem ein Wort, das vielleicht ein böses Omen hätte, während des Opfers oder der heiligen Handlung entschlüpfe.‹ und bei der Ankündigung der Ferien Die feriae nämlich Latinae, vgl. I, 11. Sie dauerten unter Tarquinius einen Tag, nach der Vertreibung der Könige zwei, später drei, zuletzt, wie zur Zeit Ciceros, vier Tage. Während dieses Festes fand ein Stillstand der öffentlichen Geschäfte statt., ›sich des Streites und des Zankes zu enthalten‹. Desgleichen wurden bei der Sühnung einer Kolonie von dem, der sie führte, und wenn der Feldherr das Heer, der Censor das Volk sühnte, Männer mit günstigen Namen ausgesucht, welche die Opfertiere führen sollten Auch Plinius, Naturgeschichte 28, 2, 5, erwähnt, daß bei den Reinigungsfesten diejenigen, welche die Opfertiere führten, günstige Namen haben mußten, wie z. B. Valerius, Salvius und ähnliche.. Ebendasselbe beobachten auch die Konsuln bei der Aushebung, daß der erste Soldat einen günstigen Namen habe. 103. Und das hast du, wie du weißt, sowohl als Konsul wie auch als Feldherr mit der größten Gewissenhaftigkeit beobachtet. Unsere Vorfahren haben auch gewollt, daß die Prärogative Praerogativa, nämlich tribus oder centuria, ist die Zenturie, die in den Zenturiatskomitien aus der ersten Klasse aller Tribus als die zuerst stimmende ausgelost und mit dem Namen ihrer Tribus bezeichnet wurde; hatte diese einen guten Klang (z. B. Valeria), so wurde es zugleich als eine günstige Vorbedeutung für den glücklichen Verlauf der Komitien angesehen. als eine Vorbedeutung rechtmäßiger Wahlversammlungen gelte.

XLVI. Und nun will ich bekannte Beispiele von Vorbedeutungen anführen. Als Lucius Paulus Lucius Aemilius Paulus, der Sohn des bei Cannae gefallenen Lucius Aemilius Paulus (vgl. II, 33, 71), besiegte in seinem zweiten Konsulat (168) den König Perseus von Makedonien in der Schlacht bei Pydna in Makedonien und erhielt den Beinamen Macedonicus. Plutarch, Leben des Aemilius Paulus, Kap. 10, gibt diese Erzählung nach Cicero wieder. in seinem zweiten Konsulat beauftragt worden war, den Krieg mit dem Könige Perseus zu führen, und an ebendemselben Tage nach Hause zurückkehrte, küßte er sein Töchterchen Tertia, die damals noch recht klein war, und bemerkte, daß sie etwas traurig war. ›Was ist dir, meine Tertia?‹ sagte er. Sie antwortete: ›Mein Vater, Persa ist dahin!‹ Darauf drückte er das Mädchen enger an sich und sprach: ›Ich nehme das Omen an, meine Tochter!‹ Es war nämlich ein Hündchen dieses Namens gestorben. 104. Den Flamen des Mars, Lucius Flaccus Numa hatte für die drei Götter Iupiter, Mars und Quirinus aus patrizischem Geschlecht eigene Opferpriester, flamines (benannt nach dem wollenen Faden, der um die Priestermütze oder um den Kopf selbst gewunden wurde), eingesetzt; sie hießen die flamines maiores; außerdem gab es noch 12 flamines minores, die aus den Plebeiern gewählt wurden., habe ich oft erzählen hören, daß Caecilia, die Tochter des Metellus Über Caecilia Metella, die Tochter des Konsuls Quintus Caecilius Metellus Belearicus, vgl. I, 2; für die Erzählung vgl. Valerius Maximus I, 5, 4., als sie die Tochter ihrer Schwester verheiraten wollte, in eine Kapelle gegangen sei, um ein Omen abzuwarten, was nach der Sitte der Alten zu geschehen pflegte. Als die Jungfrau stand und Caecilia auf einem Sessel saß und lange Zeit sich keine Stimme vernehmen ließ, da habe das Mädchen vor Ermüdung ihre Tante gebeten, in ihrem Sessel sich ausruhen zu dürfen; und jene habe gesagt: ›Sehr wohl, mein Mädchen, ich räume dir meinen Platz ein.‹ Diesem Omen folgte die Erfüllung. Denn sie selbst starb kurze Zeit darauf, die Jungfrau aber heiratete den, mit dem Caecilia verheiratet gewesen war. Daß man dies verachten oder gar verlachen kann, sehe ich vollkommen ein; aber das heißt eben, an die Götter nicht glauben, wenn man verachtet, was von ihnen angedeutet wird.

XLVII. 105. Was soll ich von den Auguren reden? Das ist deine Rolle, deine Sache muß es sein, die Auspizien in Schutz zu nehmen. Dir meldete während deines Konsulats der Augur Appius Claudius Appius Claudius Pulcher, der schon I, 16, 29 erwähnt ist, war Ciceros Kollege im Augurat gewesen. Er hatte auch libros augurales geschrieben. Cicero war im Jahre 63 Konsul, und unter dem gleich darauf erwähnten Bürgerkrieg ist die Catilinaris die Verschwörung zu verstehen, die Cicero während seines Konsulats entdeckte und unterdrückte; vgl. I, 12., da das Augurium der Salus Die Göttin Salus (salus = Heil, Rettung; Personifikation der Staatswohlfahrt) hatte einen Tempel auf dem Quirinal. Zu ihr wurde vermittels des sogenannten augurium Salutis gebetet, wozu es einer vorgängigen Anfrage und Beobachtung der öffentlichen Auguren bedurfte, ob ein solches Gebet den Göttern angenehm sei. bedenklich gefunden sei, so stehe ein trauriger und stürmischer Bürgerkrieg bevor. Und dieser brach wenige Monate darauf aus, wurde aber in wenigen Tagen von dir unterdrückt. Diesem Augur stimme ich aus vollem Herzen bei. Denn er hat allein seit einer langen Reihe von Jahren die Wissenschaft besessen, nicht nur das Augurium abzuleiern, sondern auch wirklich zu weissagen. Ihn verlachten deine Amtsgenossen und nannten ihn bald einen Pisider Die Pisider (s. I, 2) befleißigten sich besonders der Auspizien., bald einen Soranischen Aus Sora, einer kleinen Stadt in Latium am Soracte, die wegen großen Aberglaubens bekannt war. Augur. Es schien ihnen, als ob es in den Augurien oder Auspizien kein Vorgefühl, kein Wissen zukünftiger Wahrheit gäbe; die Religionen, behaupteten sie, seien wohlweislich nach dem Glauben der Unverständigen gebildet. Das verhält sich aber ganz anders. Denn weder konnte sich bei jenen Hirten, über die Romulus gebot, noch bei Romulus selbst diese Schlauheit finden, daß sie zur Täuschung der Menge Schattenbilder der Religion hätten ersinnen sollen; sondern die Schwierigkeit und Mühe des Lernens hat die Nachlässigkeit beredt gemacht. Denn sie wollen lieber auseinandersetzen, daß an den Auspizien nichts sei, als, was an ihnen liegt, erlernen. 106. Was ist göttlicher als jenes Auspizium, das bei dir im Marius Marius war ein Gedicht Ciceros, das verlorengegangen ist, in dem er die Taten seines Landsmannes, des Arpinaten Gaius Marius, des Gegners Sullas, besingt, vgl. Über die Gesetze I, 1. Übrigens ahmt Cicero den Homer (Ilias XII, 200; VII, 247 und Odyssee XIV, 160) nach. steht? um dich gerade besonders als Gewährsmann anzuführen:

›Sieh, der beschwingte Trabant des weithindonnernden Iovis Iupiters Adler.,
Plötzlich vom Stamme des Baums durch den Biß der Schlange verwundet,
Zwinget die Natter selbst und durchbohrt sie mit grimmigen Krallen.
Halb schon entseelt, erhebt sie den fleckigen Nacken mit Drohung;
Wie sie sich windet, zerfleischt er sie ganz mit dem blutigen Schnabel.
Als er gesättigt den Zorn und die bitteren Schmerzen gerächt hat,
Wirft er die sterbende hin und schleudert zerrissen ins Meer sie,
Schwingt dann vom Abend sich weg zu der Sonne strahlendem Aufgang.
Als mit glücklichem Flug und mit eilenden Schwingen ihn gleitend
Marius hatte erblickt, der Augur der himmlischen Gottheit,
Und die erfreulichen Zeichen zum Ruhme bemerkt und zur Heimkehr,
Donnerte Jupiter selbst zur linken Seite des Himmels.
Also bestärkte der Vater des Adlers herrliches Omen.‹

XLVIII. 107. Und jenes Augurat des Romulus war ein hirtenmäßiges, kein politisches und nicht nach den Meinungen der Unverständigen erdichtet, sondern von Zuverlässigen empfangen und den Nachkommen überliefert. Daher der Augur Romulus, wie es bei Ennius In dem ersten Buch der Annalen, Vers 94 ff. Daß die beiden Brüder Romulus und Remus Rom unter Auspizien gegründet haben, wird oft erwähnt. Über den Ort der Gründung war gleich Streit entstanden: Romulus wählte den Palatinus, Remus den Aventinus. Die Auspizien sollten nun entscheiden; daher begaben sich beide auf den Gipfel ihres bevorzugten Berges und harrten mit Gebeten die Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen der Zeichen. Beim Aufgang der Sonne erschienen dem Remus zuerst sechs, darauf aber dem Romulus zwölf Geier, so daß Remus nachgeben mußte. Ennius erlaubt sich übrigens mehrere Abweichungen von der gewöhnlichen Tradition, indem er den Romulus auf den Aventinus stellt. heißt, mit seinem Bruder, der ebenfalls Augur war,

›Sorgend mit großer Sorge, da jeder strebt nach der Herrschaft,
Mühen sich beide zugleich um günstige Zeichen der Vögel.
Hier weiht Remus sich den Auspizien, und er erwartet
Einsam den günstigen Vogel; doch Romulus schauet, der schöne,
Auf hohem Aventin weitfliegende Vögel erspähend.
Streit war, ob sie die Stadt Rom, ob sie sie Remora nennten.
Alle hegen die Sorge, wer Herrscher werde von ihnen.
Und sie harren, wie wenn der Konsul das Zeichen will geben
Und dann alle mit Gier hinschaun nach der Öffnung der Schranken,
Wo sie aus farbigem Schlund die Wagen möge entsenden Diese Worte beziehen sich auf die öffentlichen Spiele im Zirkus, bei denen der Konsul das Zeichen gab, die Wagen aus den Schranken (Schuppen, Ständen) herauszulassen, vgl. die Beschreibung bei Livius 1, 25, und Vergil, Aenëis 5, 137..
108. Also harrte das Volk, und es malt' sich Furcht im Gesichte,
Wem von beiden der Sieg des großen Reiches verliehn sei.
Und jetzt sank das weiße Gestirn in die nächtlichen Tiefen,
Drauf dann erschien der Tag, von den glänzenden Strahlen getroffen Hierunter ist also der Untergang der Sonne und ihr Wiedererscheinen am anderen Morgen zu verstehen.
Und zugleich aus der Höh' schwang sich mit beglückendem Fluge
Links ein herrlicher Vogel: zugleich steigt golden die Sonn' auf.
Sieh! es schweben vom Himmel dreimal vier heiliger Vögel
Leiber herab und fliegen nach schönen und günstigen Stellen.
Romulus siebet daraus, ihm sei beschieden der Vorrang
Und durch Auspizien fest begründet der Thron und die Herrschaft.‹

XLIX. 109. Doch es kehre meine Rede dahin zurück, von wo sie abgeschweift ist. Wenn ich auch nicht auseinandersetzen kann, weswegen jedes geschehe, und nur zeige, daß das, was ich erwähnt habe, wirklich geschieht; antworte ich damit nicht genügend dem Epikur oder dem Karneades Über Epikur vgl. I, 3, über Karneades I, 4.? Wie? wenn sogar für die künstliche Weissagung ein leichter Grund vorhanden ist und für die göttliche ein etwas dunklerer? Denn was aus den Eingeweiden, was aus den Blitzen, aus Wunderzeichen, aus Sternen vorausgeahnt wird, das ist durch langjährige Beobachtung aufgezeichnet. Es erzeugt aber die Länge der Zeit bei allen Dingen durch langwierige Beobachtung eine unglaubliche Wissenschaft, die auch ohne Anregung und Antrieb der Götter stattfinden kann, wenn das, was aus jeder Erscheinung erfolgt, und das, was eine jede Sache bedeutet, durch häufige Wahrnehmung durchschaut worden ist.

110. Die zweite Art der Weissagung ist, wie ich gesagt habe, die natürliche; diese muß durch die scharfsinnige physische Forschung auf die Natur der Götter bezogen werden, aus der, wie die gelehrtesten und weisesten Männer D. h. die Philosophen, die Pythagoreer, Platoniker und Stoiker. Über die hier ausgesprochene Ansicht vgl. Tuskulanen V, 13, 38; Vom Wesen der Götter I, 11, 27; Cato Maior oder Vom Greisenalter, 21, 78; Diogenes Laërtius 8, 28. geurteilt haben, unsere Seelen geschöpft und entnommen sind; und da alles mit ewigem Sinn und göttlichem Geist angefüllt und durchdrungen ist, so müssen notwendigerweise die menschlichen Seelen durch die Verwandtschaft mit dem göttlichen Geist angeregt werden. Aber im Wachen dienen die Seelen den Bedürfnissen des Lebens und trennen sich von der göttlichen Gemeinschaft, da sie durch die Bande des Leibes behindert sind. 111. Selten ist eine gewisse Gattung derer, die sich von dem Körper lossagen und sich zur Erkenntnis der göttlichen Dinge mit aller Sorge und mit Eifer hinziehen lassen. Die Weissagungen derer sind nicht das Werk göttlichen Dranges, sondern menschlicher Vernunft; denn von Natur sehen sie die Zukunft voraus, wie z. B. Überschwemmungen und die dereinstige Verbrennung des Himmels und der Erde Cicero spielt mit den letzten Worten auf die Ansicht der Stoiker von der Verbrennung der Welt an, vgl. hierüber II, 46, 118. Andere aber, die im Staatswesen geübt sind, sehen, so wie wir es von dem Athener Solon Diogenes Laërtius I, 48 und Valerius Maximus V, 3, 3. wissen, eine sich erhebende Tyrannei lange voraus, diese können wir Vorsichtige (prudentes), das heißt Vorsehende (providentes) nennen, Weissagende (divinos) aber auf keine Weise, ebensowenig wie den Thales aus Milet, der, um seine Tadler zu widerlegen und zu zeigen, daß auch der Philosoph, wenn es ihm gelegen sei, Geld erwerben könne, alle Ölbäume auf dem milesischen Gebiete, ehe sie zu blühen angefangen hatten, zusammengekauft haben soll Thales aus Milet, der Stifter der Ionischen Schule (um 600 v. Chr.), der das Wasser als Urstoff aller Dinge annahm. Dieselbe Erzählung berichtet uns Aristoteles, Politik I, 11.. Er hatte vielleicht vermittels irgendeiner Wissenschaft bemerkt, daß die Ölbäume ergiebig sein würden. 112. Und er soll auch zuerst die Sonnenfinsternis, die unter der Herrschaft des Astyages eintrat, vorhergesagt haben Herodot I, 74 erzählt von dieser Sonnenfinsternis, die einer Schlacht zwischen dem Alyattes, dem König von Lydien, und Kyaxares, dem König von Medien und Vater des Astyages, wahrscheinlich am 28. Mai 585 ein Ende machte.. L. Vieles ahnen die Ärzte, vieles die Steuerleute und auch vieles die Landleute voraus; aber das alles nenne ich bei ihnen nicht Weissagung, nicht einmal jene Voraussage, wodurch die Lakedaimonier von dem Physiker Anaximander Anaximander aus Milet gehört zu den Ionischen Philosophen, etwa 610 bis 547 v. Chr.; er war angeblich ein Schüler des Thales und galt für einen bedeutenden Naturforscher, daher physicus genannt. – Von dem hier erwähnten Erdbeben erzählt auch Plinius, Naturgeschichte II, 79, 81. gewarnt wurden, die Stadt und die Häuser zu verlassen und bewaffnet auf dem Felde zu wachen, weil ein Erdbeben bevorstehe, damals, als die ganze Stadt zusammenstürzte und von dem Berg Taygetos das äußerste Ende, wie das Heck eines Schiffes, losgerissen wurde. Auch jener Pherekydes, der Lehrer des Pythagoras, wird nicht sowohl für einen Seher gehalten werden, als für einen Physiker; denn als er das aus einem immerfließenden Brunnen geschöpfte Wasser gesehen hatte, sagte er, daß ein Erdbeben bevorstehe Vgl. Plinius, Naturgeschichte 18, 83: futurae terrae motu est in puteis turbidior aqua.. 113. Aber fürwahr, niemals weissagt die Seele des Menschen auf natürliche Weise, außer wenn sie so entfesselt und frei ist, daß sie durchaus keine Gemeinschaft mit dem Körper hat. Dies ist entweder bei den Sehern oder bei den Schlafenden der Fall. Daher werden auch diese beiden Gattungen von Dikaiarchos und, wie ich gesagt habe, von unserem Kratippos Über Dikaiarchos und Kratippos vgl. I, 3. angenommen; wenn sie auch darum, weil sie von der Natur ausgehen, die vorzüglichsten sein mögen, nur nicht die einzigen. Wenn sie aber glauben, daß nichts an der Beobachtung sei, so heben sie vieles auf, worin die Regel für das Leben enthalten ist. Aber weil sie etwas, und zwar nicht Unbedeutendes zugeben, nämlich die Weissagungen und Träume, so ist kein Grund vorhanden, mit ihnen lange zu streiten, zumal da es Leute gibt, die überhaupt keine Weissagung annehmen. 114. Also diejenigen, deren Seelen den Körper verschmähen und sich aufschwingen und herauseilen, sehen, durch eine gewisse Glut entflammt und aufgeregt, in der Tat dasjenige, was sie weissagend vorausverkündigen. Und durch viele Dinge werden solche Seelen, die an den Körpern nicht haften, entflammt, sowie diejenigen, die durch den Ton gewisser Stimmen und durch die phrygische Musik Bei dem Fest der Göttin Kybele, deren Kultus besonders in Phrygien zu Hause war, wurden die Feiernden durch die aufregende Musik von Trommeln und Pfeifen begeistert, vgl. Seneca, Brief 108; vgl. auch Catull, 63, 20 bis 29. begeistert werden. Viele fühlen sich durch Haine und Wälder, viele durch Flüsse oder Meere erregt, und ihr in Raserei versetzter Geist sieht vieles vorher, was in der Zukunft liegt. Von dieser Art ist folgendes:

›Ach, sehet!

Das berühmte Urteil fällte einer zwischen drei Göttinnen,
Und danach wird das spartan'sche Weib als Rachegeist erscheinen Die Verse sind vielleicht aus der Alexandra des Ennius oder aus der Hekuba des Accius; vgl. I, 31. Es spricht hier vermutlich auch Kassandra. Unter dem Richter ist Paris zu verstehen, der den bekannten Streit der drei Göttinnen, Iuno, Minerva und Venus, um die Schönheit entschied. Das spartanische Weib ist die Helena, die von Paris geraubt wurde..‹

Auf diese Weise nämlich ist vieles von den Weissagenden oft vorausgesagt worden, und nicht nur in Prosa, sondern auch in

›Versen, die Faune und Seher vor Zeiten pflegten zu singen Aus Ennius, Annalen VII, 2.

115. Auf ähnliche Weise sollen auch die Seher Marcius Vgl. I, 40 und Anmerkung 246. und Publicius Publicius wird noch einmal II, 55, 113 erwähnt, sonst ist er weiter nicht bekannt. gesungen haben. Zu dieser Gattung gehören die enthüllten Geheimsprüche Apollons. Ich glaube, daß es auch gewisse Ausdünstungen der Erde gegeben hat, durch die angeweht die Geister Orakel ergossen.

LI. Und dies ist nun die Art und Weise der Seher, und nicht davon verschieden ist in der Tat die der Träume. Denn was den Sehern im Wachen begegnet, das begegnet uns im Schlaf. Denn die Seele ist tätig, wenn wir schlafen, und frei von den Sinnen und von jeder Hemmung durch Sorgen, indem der Körper wie tot daliegt. Weil sie von aller Ewigkeit her gelebt und mit unzähligen Seelen verkehrt hat, so sieht sie alles, was sich in der ganzen Natur befindet, wenn sie nur durch Genuß von mäßigen Speisen und bescheidenem Trunk so gestimmt ist, daß, während der Körper schlummert, sie selbst wacht Vgl. I, 29, 60 und 30, 62.. Das ist die Weissagung des Träumenden. 116. Hier tritt uns entgegen Antiphons Über Antiphon vgl. zu I, 20. bekannte, und zwar nicht natürliche, sondern künstliche Auslegung der Träume, und ebenso die der Orakel und Weissagungen; denn auch sie haben ihre Erklärer, wie die Dichter an den Grammatikern. Denn wie die göttliche Natur Gold und Silber, Erz und Eisen umsonst erzeugt hätte, wenn sie nicht zugleich gelehrt hätte, auf welche Weise man zu ihren Adern gelangen könne, und wie sie die Früchte der Erde und die Beeren der Bäume ohne allen Nutzen dem Menschengeschlecht geschenkt hätte, wenn sie nicht deren Pflege und die Art, sie schmackhaft zu machen Conditio von condio (einmachen), nicht von condo (aufbewahren)., uns mitgeteilt hätte; was würde sodann uns das Bauholz nützen, wenn wir nicht die Kunst, es zu gewinnen, besäßen? So ist mit jedem Vorteil, den die Götter den Menschen verliehen haben, irgendeine Kunst verbunden, durch die jener Vorteil benutzt werden kann. Ebenso sind also auch bei den Träumen, Weissagungen und Orakeln, weil viele dunkel, viele zweideutig waren, die Erklärungen der Ausleger angewendet worden. 117. Wie aber entweder die Seher oder die Träumenden das sehen, was gerade zu der Zeit noch nirgends ist, das ist eine große Frage. Aber wenn das erforscht ist, was vorher untersucht werden muß, so dürfte der Gegenstand der Untersuchung leichter sein. Denn diese ganze Frage ist in der Schlußfolge enthalten, die du im zweiten Buch Vom Wesen der Götter Nach der einleuchtenden Konjektur Hottingers, der quae hinter deorum und est hinter explicata streicht. Im zweiten Buche Vom Wesen der Götter (30, 75) läßt Cicero den Balbus die Beweisführung für die Verwaltung der Welt durch die Götter nach der Ansicht der Stoiker vortragen. lichtvoll auseinandergesetzt hast. Wenn wir diese festhalten, so wird der Satz feststehen, der diese Frage umfaßt, von der wir handeln: daß es Götter gibt und daß durch ihre Fürsorge die Welt regiert wird und daß sie für die menschlichen Dinge sorgen, und nicht bloß im allgemeinen, sondern auch im einzelnen. Wenn wir das festhalten, was mir wenigstens unerschütterlich erscheint, so ist es fürwahr notwendig, daß den Menschen von den Göttern die Zukunft angedeutet werde.

LII. 118. Doch glaube ich unterscheiden zu müssen, auf welche Weise. Denn die Stoiker geben nicht zu, daß bei jeder Spaltung der Leber Über fissum vgl. I, 10. oder bei jeder Stimme der Vögel ein Gott zugegen sei; denn das ist nicht geziemend und der Götter würdig und kann auf keine Weise möglich sein; sondern so sei die Welt von Anbeginn eingerichtet, daß gewissen Dingen gewisse Zeichen vorausgingen, einige in den Eingeweiden, andere in den Vögeln, andere in den Blitzen, andere bei Wunderzeichen, andere bei den Gestirnen, andere bei den Erscheinungen der Träumenden, andere in den Worten der Rasenden. Wer diese Dinge richtig aufgefaßt hat, täuscht sich nicht oft. Was ungeschickt gemutmaßt und ungeschickt ausgelegt ist, das ist nicht durch die Schuld der Dinge, sondern durch die Unwissenheit der Erklärer falsch. Wenn aber das feststeht und eingeräumt ist, daß es eine göttliche Kraft gebe, die das Leben der Menschen umfaßt Vgl. I, 49, 110., so ist es nicht schwer zu mutmaßen, auf welche Weise das geschieht, was wir wirklich geschehen sehen. Denn schon zur Auswahl des Opfertieres kann eine gewisse empfindende Kraft, die über die ganze Welt verbreitet ist, als Führerin dienen, und dann, wenn man es gerade opfern will, kann eine Veränderung mit den Eingeweiden vorgehen, so daß entweder etwas fehlt oder etwas zuviel ist; denn mit geringem Aufwand setzt die Natur vieles zu, ändert es oder nimmt es weg. 119. Und daß wir daran nicht zweifeln können, dazu mag als ein sehr wichtiger Beweis das dienen, was sich kurz vor dem Tode Caesars ereignete Gaius Iulius Caesar wurde im Jahre 44 v. Chr., in der Zeit zwischen der Abfassung der Bücher Vom Wesen der Götter und der Schrift Von der Weissagung ermordet. Vgl. zu dieser Erzählung besonders Sueton, Caesar, Kap. 77, und Plutarch, Leben Caesars, Kap. 61.. Als dieser an jenem Tage opferte, an dem er zuerst auf dem goldenen Sessel saß und mit dem Purpurmantel ausging, fand sich in den Eingeweiden eines fetten Stieres kein Herz. Glaubst du nun etwa, daß irgendein Tier, das Blut hat, ohne Herz sein könne? Als Spurinna Spurinna Vestricius ist der Haruspex, der Caesar vor den Iden des März warnte; vgl. Sueton a. a. O., Kap. 81: Et immolantem haruspex Spurinna monuit, caveret periculum, quod non ultra Martias Idus proferretur., durch das Ungewöhnliche dieser Erscheinung betroffen, sagte, es sei zu fürchten, daß Rat und Leben mangle, denn dieses beides gehe vom Herzen aus: da fand sich am folgenden Tage auch an der Leber kein Kopf Was der Kopf an der Leber bedeutet, ist nicht recht klar, vielleicht der oberste Teil der Leber.. Diese Vorbedeutungen gaben ihm die unsterblichen Götter, damit er seinen Untergang voraussähe, nicht um sich vor ihm zu hüten. Wenn also diese Teile in den Eingeweiden nicht gefunden werden, ohne die doch das Opfertier nicht hätte leben können, so muß man annehmen, daß gerade zur Zeit des Opferns die fehlenden Teile verschwunden sind.

LIII. 120. Und dasselbe bewirkt bei den Vögeln der göttliche Geist, daß sie durch ihren Flug Alites sind die Vögel, die durch ihren Flug bedeutsam sind. andeutend bald hierher, bald dorthin fliegen, bald an dieser, bald an jener Stelle sich verbergen, bald durch ihre Stimme bedeutsam Oscines sind die Vögel, die durch ihre Stimmen Vorzeichen beim Augurium geben. Vgl. Plinius; Naturgeschichte 10, 19, 22. von der rechten, bald von der linken Seite her singen. Denn wenn jedes Tier nach seinem Willen seinen Körper bewegt, vorwärts, zur Seite, rückwärts, und seine Glieder, wohin es will, biegt, dreht, ausstreckt und einzieht und dies fast eher tut, als es daran denkt: wieviel leichter ist dies für Gott, dessen Willen alles gehorcht? 121. Er sendet uns Zeichen der Art, wie sie die Geschichte in großer Anzahl berichtet hat und wie wir jenes geschrieben sehen, daß, wenn der Mond sich kurz vor dem Aufgange der Sonne in dem Zeichen des Löwen verfinstere, dann Darius und die Perser von Alexander und den Makedoniern durch die Waffen in der Schlacht besiegt werden und Darius sterben werde Über diese Mondfinsternis, die sich während des Feldzuges Alexanders gegen Darius zutrug, vgl. Arrian, Feldzüge Alexanders III, 7, 6, und Curtius Rufus 4, 39.; und wenn ein zweiköpfiges Mädchen geboren würde, so würde im Volke eine Empörung, zu Hause Verführung und Ehebruch stattfinden; und wenn ein Weib im Traume einen Löwen geboren zu haben glaubte, so würde der Staat, in dem sich dies zugetragen hätte, von fremden Nationen besiegt werden. Von derselben Art ist auch das, was Herodotos Herodot, I, 85, der das Orakel der Pythia in Delphoi zuschreibt, zu dem Kroisos, der König von Lydien, vor der Einnahme von Sardes durch die Perser unter Kyros geschickt hatte. Vgl. Gellius, Attische Nächte 5, 9. schreibt, der Sohn des Kroisos habe, obgleich er stumm war, gesprochen und nach diesem Wunderzeichen sei die Herrschaft und das Haus des Vaters gänzlich untergegangen. Welche Geschichte hat nicht überliefert, daß dem Servius Tullius im Schlafe das Haupt gebrannt habe Dies erzählt ausführlich Livius 1, 39; vgl. Valerius Maximus I, 6, 1. Servius Tullius war der Sage nach ein in der Knechtschaft geborener Fürstensohn, den Tarquinius Priscus wegen seiner Vorzüge zum Schwiegersohne machte; er wurde durch Tanaquil, die Witwe des Tarquinius, König von Rom (578 bis 534).? Wie also der, welcher sich mit einem teils durch gute Gedanken, teils durch Dinge, die der Ruhe angemessen sind, vorbereiteten Gemüte zur Ruhe begibt, Zuverlässiges und Wahres in den Träumen erblickt Vgl. I, 29 und 30., so ist auch ein keusches und reines Gemüt des Wachenden für die Erkenntnis der Wahrheit in den Gestirnen, den Vögeln, den Eingeweiden und übrigen Zeichen empfänglicher.

LIV. 122. Das ist nämlich eben das, was wir von Sokrates gehört haben und was von ihm selbst in den Büchern der Sokratiker oft gesagt wird, daß es etwas Göttliches gebe, was er das Daimonion nennt, dem er immer gehorcht habe, das ihn niemals antreibe, aber häufig zurückhalte Vgl. Plato, Theagenes S. 128 D.. Und Sokrates nun sagte – und was für einen besseren Gewährsmann suchen wir? – zu Xenophon, der ihn um Rat fragte, ob er dem Kyros folgen solle, nachdem er ihm seine Meinung auseinandergesetzt hatte: ›Mein Rat freilich ist ein menschlicher; aber wegen dunkler und ungewisser Dinge, bin ich der Meinung, muß man sich an Apollo wenden Xenophon aus Athen, ein Schüler des Sokrates, wurde von seinem Freunde Proxenos eingeladen, an dem Feldzuge des jüngeren Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes teilzunehmen. Xenophon ergriff diese Einladung und begab sich nach Sardes (401); er erzählt dies selbst in seiner Anabasis (III, 1, 4 ff.).‹ Bei diesem holten auch die Athener in wichtigeren Angelegenheiten des Staates Rat. 123. Es ist ebenfalls geschrieben, als er das Auge seines Freundes Kriton Kriton war ein Freund des Sokrates; bekannt ist der gleichnamige Dialog Platons, der I, 25 erwähnt ist. verbunden sah, habe er nach dem Grund gefragt, und als jener antwortete, beim Spaziergange auf dem Felde sei ein angezogener kleiner Zweig losgeschnellt und habe ihn ins Auge geschlagen, sagte Sokrates: ›Du hast ja meiner Warnung nicht Folge geleistet, als ich die gewöhnliche göttliche Ahnung hatte‹ Derselbe Sokrates wollte, als die Schlacht bei Delion In der Schlacht bei Delion in Boiotien (424 v. Chr.) wurden die Athener von den Boiotiern geschlagen. Alkibiades rettete hierbei dem Sokrates das Leben. Beiden wurde der Preis der Tapferkeit zuerkannt. unter der Anführung des Laches unglücklich verlief und er mit Laches selbst floh und man an einen Scheideweg kam, nicht auf demselben Wege wie die übrigen fliehen. Als diese fragten, warum er nicht denselben Weg einschlüge, sagte er, der Gott halte ihn davon ab. Darauf fielen die, die auf dem anderen Wege geflohen waren, in die Hände der feindlichen Reiter. Sehr vieles, was von Sokrates wunderbar geweissagt ist, hat Antipater Über Antipater vgl. I, 3, 6. gesammelt. Dies will ich übergehen, denn es ist dir bekannt und mir zu erwähnen nicht nötig. 124. Das jedoch ist von diesem Philosophen (Sokrates) herrlich und beinahe göttlich, daß, als er durch einen gottlosen Richterspruch verurteilt war, er erklärte, er sterbe mit der größten Gemütsruhe. Denn weder beim Herausgehen aus dem Hause noch beim Besteigen jener Bühne, auf der er sich verteidigte, sei ihm irgendein gewohntes Zeichen vom Gotte gegeben, als ob ein Unglück bevorstände Vgl. Platon Apologie, 31..

LV. Ich wenigstens bin der Meinung, daß, wenn auch vieles diejenigen täuscht, die entweder durch Kunst oder durch Mutmaßung zu weissagen glauben, es dennoch eine Weissagung gibt, daß die Menschen aber so wie in den übrigen Künsten, so auch in dieser sich täuschen können. Es kann vorkommen, daß irgendein zweifelhaft gegebenes Zeichen für ein gewisses angenommen worden ist; es kann auch eines entweder selbst unbemerkt geblieben sein oder ein anderes, das ihm entgegengesetzt ist. Mir aber genügt, um das, was ich behaupte, zu beweisen, nicht nur, daß vieles, sondern schon, daß einiges, was göttlich geahnt und vorausgesagt ist, sich finden läßt. 125. Ja, ich möchte ohne Bedenken folgendes behaupten, daß, wenn nur eine einzige Sache so vorausgesagt und vorgeahnt worden ist, daß sie, wenn sie erfolgt ist, so eintrifft, wie sie vorausgesagt ist, und dabei offenbar nichts durch Zufall und von ungefähr sich zugetragen hat, es gewiß eine Weissagung gibt und daß dies alle zugestehen müssen Vgl. I, 32, 71 den ähnlichen Schluß des Kratippos.. Daher, scheint mir, muß, wie es Poseidonios tut Über Poseidonios vgl. I, 3 und II, 11, 27; ferner Plutarch, Von den Philosophen I, 28., die ganze Kraft und das Wesen der Weissagung zuerst von Gott, von dem wir genug gesprochen haben, dann vom Schicksal und zuletzt von der Natur abgeleitet werden. Daß also alles durch das Fatum oder Schicksal geschehe, das zwingt uns die Vernunft einzugestehen Vgl. hierzu Vom Schicksal 16, 38.. Fatum Vgl. Vom Wesen der Götter I, 20, 55. Das Schicksal ist bei den Stoikern nicht eine von der Gottheit getrennte absolute Macht, sondern Zeus selbst, die Weltvernunft, die Vorsehung, die alles mit absoluter Gesetzmäßigkeit bestimmende, die ganze Welt durchdringende Urkraft, das vernünftig geordnete Verhältnis, nach dem in Ewigkeit alles geschieht, die unabänderliche Wahrheit der zukünftigen Dinge. aber nenne ich, was die Griechen Heimarmene nennen, das ist die Ordnung und die Reihe von Ursachen, indem die eine Ursache an die andere geknüpft ein Ding aus sich erzeugt. Das ist die von aller Ewigkeit her fließende unvergängliche Wahrheit. Daher ist nichts geschehen, was nicht geschehen mußte, und auf dieselbe Weise wird nichts geschehen, wovon nicht in der Natur die Ursachen, die jenes bewirken, enthalten wären. 126. Hieraus erkennt man, daß das Schicksal nicht das ist, was nach der Weise des Aberglaubens, sondern das, was nach Art der Physiker so benannt wird, die ewige Ursache der Dinge, warum sowohl das Vergangene geschehen ist, als auch das, was bevorsteht, geschieht und, was nachfolgt, geschehen wird Vgl. Plutarch, Von den Philosophen I, 28.. So ist es möglich, daß durch Beobachtung bemerkt werden kann, was meistens, wenn auch nicht immer, die Folge einer jeden Ursache ist. Denn das zu behaupten ist allerdings schwer, und es ist wahrscheinlich, daß dieselben Ursachen zukünftiger Dinge von denen erblickt werden, die sie entweder in Begeisterung oder im Schlaf sehen.

LVI. 127. Da außerdem alles durch das Schicksal geschieht – was an einem anderen Orte gezeigt werden soll Was Cicero in der Schrift Vom Schicksal freilich nicht tut; denn dort greift er vielmehr das fatum an. –, so würde, wenn es einen Sterblichen gäbe, der die Verkettung aller Ursachen im Geiste durchschaute, diesem fürwahr nichts entgehen. Denn wer die Ursachen der zukünftigen Dinge wüßte, der müßte notwendigerweise auch alles wissen, was zukünftig ist. Da dies niemand außer Gott kann, so muß dem Menschen übrigbleiben, durch gewisse Zeichen, welche die Folge andeuten, die Zukunft vorauszuempfinden. Denn nicht plötzlich entsteht das, was zukünftig ist, sondern wie das Abrollen eines Taues, so ist die Entwicklung der Zeit, die nichts Neues bewirkt, sondern das erste immer wieder weiter abrollt. Das sehen sowohl diejenigen, denen die natürliche Weissagung verliehen ist, als auch diejenigen, die den Lauf der Dinge durch Beobachtung angemerkt haben. Obwohl diese die Ursachen selbst nicht erkennen, so erkennen sie doch die Zeichen und Merkmale der Ursachen, und indem hierbei Gedächtnis und Fleiß angewandt wird, so geht aus den Denkmälern der früheren Begebenheiten die Weissagung hervor, die die künstliche heißt, nämlich die der Eingeweide, der Blitze, der wunderbaren Erscheinungen und der Himmelszeichen. 128. Es ist also kein Grund sich zu wundern, daß das von den Weissagenden vorausgeahnt wird, was nirgends ist. Denn alles ist da, es ist nur der Zeit nach abwesend. Und wie im Samen die Kraft derjenigen Dinge ist, die daraus erzeugt werden, so sind in den Ursachen die zukünftigen Dinge verborgen, und daß diese sein werden, sieht der begeisterte oder vom Schlafe befreite Geist, oder die Vernunft und Mutmaßung fühlt es voraus. Und wie die, die den Aufgang, den Untergang und die Bewegung der Sonne, des Mondes und der übrigen Gestirne kennen, lange voraussagen, zu welcher Zeit ein jedes hiervon eintreffen wird, so erkennen auch die, die den Lauf der Dinge und die Aufeinanderfolge der Begebenheiten in der Länge der Zeit durchforscht und angemerkt haben, entweder immer oder, wenn dies schwer ist, meistenteils, oder, wenn auch dies nicht zugegeben wird, doch gewiß bisweilen, was geschehen wird. Diese und einige andere Beweise für das Vorhandensein einer Weissagung werden vom Schicksal abgeleitet.

LVII. 129. Ein anderer Grund aber geht von der Natur aus. Diese lehrt uns, wie groß die von den Sinnen des Körpers getrennte Kraft der Seele ist, was besonders bei Schlafenden oder bei Begeisterten eintritt. Denn wie die Seelen der Götter ohne Augen, ohne Ohren und ohne Zunge untereinander empfinden, was ein jeder denkt – daher die Menschen, auch wenn sie stillschweigend etwas wünschen oder geloben, nicht zweifeln, daß die Götter dies anhören –, so sehen die Seelen der Menschen, wenn sie entweder im Schlafe vom Körper entfesselt und frei sind oder in der Begeisterung durch sich selbst in freie Bewegung gesetzt werden, dasjenige, was sie in der Vermischung mit dem Körper nicht erblicken können. 130. Und vielleicht ist es schwer, diesen Grund der Natur auf diejenige Art der Weissagung zurückzuführen, welche, wie wir sagen, aus der Kunst hervorgeht; aber auch dies durchforscht Poseidonios Über Poseidonios vgl. I, 3 und I, 55, 125., so gut er kann. Er ist der Meinung, daß in der Natur gewisse Zeichen der zukünftigen Dinge liegen. Denn wir hören ja, daß die Einwohner von Keos Keos, eine der Kykladen im Ägäischen Meere. den Aufgang des Hundssternes jährlich mit Sorgfalt zu beobachten pflegen und daraus, wie Herakleides aus Pontos Herakleides aus Herakleia in Pontos, ein Schüler des Platon und später auch des Aristoteles; vgl. noch I, 23 und Anmerkung 148. schreibt, die Vermutung schöpfen, ob das Jahr gesund oder ungesund sein werde. Denn wenn der Stern trüb und gleichsam dunkel aufgegangen sei, so sei die Luft dick und dumpfig, so daß ihr Einatmen schwer und gefährlich sein werde; sei aber der Stern klar und hell zum Vorschein gekommen, so sei dies ein Zeichen, daß die Luft dünn und rein und deswegen gesund sei Über den mythischen Ursprung dieses Gebrauches vgl. den Scholiasten zu Apollonios von Rhodos I, 500 und Diodor IV, 82.. 131. Demokritos Über Demokritos vgl. I, 37 und Anmerkung 229. aber meint, die Alten hätten die weise Einrichtung getroffen, daß die Eingeweide der geschlachteten Opfertiere beschaut würden, da man aus ihrer Beschaffenheit und Farbe die Zeichen für Gesundheit wie für Ungesundheit Nämlich der Luft; vgl. jedoch, was II, 13 dagegen behauptet wird. und zuweilen auch für die zukünftige Unfruchtbarkeit oder Fruchtbarkeit der Äcker entnehmen könne. Wenn diese von der Natur ausgehenden Erscheinungen die Beobachtung und Erfahrung erkannt hat, so konnte die Zeit vieles herbeiführen, was durch Wahrnehmung aufgezeichnet wurde, so daß jener bei Pacuvius, von dem er im ›Chryses Chryses, eine Tragödie des Pacuvius; dieser, aus Brundisium gebürtig, war ein Verwandter des Ennius, geb. 219 v. Chr.; er übersetzte griechische Tragödien ins Lateinische oder arbeitete sie um; über den Inhalt des Chryses vgl. Ribbeck, Fragmente S. 284 ff.‹ als Physiker eingeführt wird, sehr wenig die Natur der Dinge erkannt zu haben scheint.

›Denn jene, die der Vögel Sprach' verstehn und doch
Aus fremder Leber mehr als aus der eignen sehn,
Man mag sie hören, mein' ich, doch befolgen nicht.‹

Warum denn nicht? Da du doch selbst wenige Verse weiter hinreichend deutlich sagst:

›Was auch nur das All belebet, bildet, nährt, beseelt und schafft,
Und begräbt und in sich aufnimmt, ist des Weltalls Vater auch;
Was von daher neu entstanden, das verschwindet auch dorthin.‹

Warum sollen also nicht, da alles ein und dasselbe gemeinsame Haus hat und da die Seelen der Menschen immer gewesen sind und sein werden, diese erkennen können, was aus einem jeden hervorgehe und wodurch ein jedes Ding vorbedeutet werde? Dies ist«, sprach er Nämlich Quintus, der Bruder Ciceros; vgl. die Einleitung., »was ich über die Weissagung zu sagen habe.

LVIII. 132. Jetzt will ich noch das bezeugen, daß ich nicht die Loswahrsager Sortilegi sind Wahrsager, die dem gemeinen Volke auf den Straßen und besonders im Zirkus durch das Los weissagten und es zu täuschen suchten; vgl. weiter unten in diesem Kapitel. noch diejenigen, welche des Gewinnes halber weissagen, und auch nicht die Geisterweissagungen, deren dein Freund Appius Ciceros Kollege im Augurat, vgl. I, 47, 105. sich zu bedienen pflegte, anerkenne. ›Nicht einer tauben Nuß wert endlich halte ich den Marsischen Die Marser, eine Völkerschaft Italiens, galten für besonders abergläubisch und waren als Zauberer bekannt; sie leiteten sich von Marsus, dem Sohne der Kirke her. Vgl. Gellius, Attische Nächte, 16, 11. Augur, nicht die Dorfpropheten, nicht die Sterndeuter vom Zirkus Auf dem Circus maximus trieben sich diese betrügerischen Wahrsager umher, um das Volk in ihre Schlingen zu ziehen., nicht die Isischen Wahrsager Die Priester der Isis, der ägyptischen Hauptgottheit, der Gemahlin des Osiris, die besonders in Rom Urheber des Aberglaubens waren. und die Traumdeuter Dieser Satz (in Prosa aufgelöst) ist wahrscheinlich aus dem Telamon des Ennius, ebenso die folgenden Verse.‹ Denn das sind nicht Weissager von Wissenschaft oder Kunst –

›Sondern Schwärmer sind sie, abergläubisch, und weissagen frech,
Träge oder gar Verrückte oder die die Armut drängt.
Die für sich den Pfad nicht kennen, zeigen andern noch den Weg.
Welchen Schätze sie versprechen, betteln sie die Drachme Eine Drachme war eine griechische Silbermünze im Werte von etwa 80 Pfennigen, mit einem römischen Denarius gleichwertig. ab.
Nehmt die Drachme von dem Gelde, und das andre gebt heraus!‹

Und das sagt Ennius, der wenige Verse vorher Götter annimmt, aber meint, daß sie sich nicht darum kümmern, was das Menschengeschlecht treibe. Ich aber, der ich glaube, daß sie sich darum kümmern und sogar warnen und vieles voraussagen, nehme mit Ausschluß der Leichtfertigkeit, der Eitelkeit und Boshaftigkeit eine Weissagung an.«

Als dies Quintus gesagt hatte, antwortete ich schlagfertig: »Fürwahr vortrefflich ...«

 

(Der Schluß des Buches fehlt.)

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