Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Marcus Tullius Cicero >

Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/cicero/weissa1/weissa1.xml
typetractate
authorMarcus Tullius Cicero
titleVon der Weissagung
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorRaphael Kühner
translatorRaphael Kühner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130308
projectidc3802e99
Schließen

Navigation:

Einleitung

Von der Weissagung im allgemeinen

Die beiden Bücher Ciceros Von der Weissagung sind eine Fortsetzung der Bücher Vom Wesen der Götter zu nennen. Die Fragen über Religion und Weissagung, die dort nur kurz berührt sind, beabsichtigte Cicero in einer besonderen Schrift ausführlicher darzustellen und zu behandeln. Hatte Cicero im zweiten Buch Vom Wesen der Götter (Kap. 3 und 4) in den Weissagungen und Ahnungen der Zukunft einen Beweis für das Dasein der Götter gefunden, so will er in der vorliegenden Abhandlung nicht nur die allgemein übliche Ansicht von der Weissagung auseinandersetzen, sondern auch seine eigene Überzeugung hiervon an den Tag legen.

Der Glaube an die Weissagung ist uralt und geht hervor aus dem Glauben an den innigen Verkehr der Götter mit der Menschheit und aus der Überzeugung, daß die Götter auch für die Menschen Fürsorge tragen und ihnen tätige Hilfe leisten. Der Begriff der Weissagung steht aber in wesentlichem Zusammenhang mit Religion, Philosophie und Geschichtsschreibung, kurz mit dem ganzen öffentlichen Leben des Altertums und läßt sich auch nicht davon trennen, sondern muß im Zusammenhang mit jenen betrachtet werden.

Die Weissagung bei den Alten, lateinisch divinatio, ist die vis divinandi, die Annahme einer Fähigkeit, das Zukünftige vorauszusehen und zu deuten. Da nach dem Glauben der Alten die Götter für das Wohl der Menschen sorgen, so ist auch die Überzeugung allgemein, daß sie ihnen ihren Willen offenbaren wollen. Dies geschieht eben durch die Weissagung. Da nämlich der Mensch nicht aus eigener Kraft den Willen der Götter erforschen kann, um danach seine Handlungsweise einrichten zu können, und da er sich in vielen Lagen des Lebens ratlos sieht, so ruft er die Gottheit an, ihm Belehrung zu verschaffen. So entsteht allmählich ein Kultus, der als ein inneres Band zwischen Gott und den Menschen diesen die Kenntnis des Verborgenen enthüllen und ihnen zugleich die Sicherheit für das irdische Wohl bereiten soll.

Außerdem glaubte man im Altertum, daß allerlei unglückliche Ereignisse und Plagen, wie Hungersnot, Seuchen und dergleichen, durch den Zorn der Götter als Strafe der Menschen bewirkt seien. Man wandte sich daher zunächst an die Götter, um sie zu befragen und von ihnen Belehrung zu erhalten, wie und wodurch man den Zorn auf sich geladen habe und auf welche Weise man ihn wieder sühnen könne. Diese Ungewißheiten und Zweifel also, wobei der Mensch in seinem Handeln ratlos und unsicher ist, sind die hauptsächlichsten und eigentlichen Ursachen des Wunsches nach göttlicher Belehrung und somit des Entstehens der Weissagung. Die Götter, die man für Wohltäter des menschlichen Geschlechts hielt, glaubte man, würden auch nicht abgeneigt sein, den Menschen ihren Willen zu offenbaren und ihnen Weissagungen zu erteilen.

Schon oben bemerkten wir, daß der Glaube an die Weissagung uralt sei; er ist in den Religionen des ganzen Altertums verbreitet und zugleich durch die ältesten Urkunden der Geschichte bezeugt; auch in den Werken der griechischen Dichter sind uns die Namen der alten berühmten Seher bewahrt, deren prophetische Gabe sich häufig durch Generationen forterbte. Da aber die Alten glaubten, daß die Gesetze und die Verfassungen der Staaten unter dem besonderen Schutz der Götter ständen, so war es auch natürlich, daß die Leitung der Weissagung nicht in den Händen einzelner blieb, sondern Sache des Staates wurde. So bildete denn in Griechenland sowohl wie besonders in Rom die gesetzmäßige Einrichtung der Augurien und der Haruspizien einen besonderen Zweig der Verfassung und griff tief in das staatliche Leben ein. Ja, in Rom hielt man eben den väterlichen Glauben und damit auch die Ausübung der Divination und der Augurien für einen Grundpfeiler der Verfassung; Cicero nennt selbst den Senat und die Auspizien die beiden herrlichen Grundsäulen der Verfassung Egregia duo firmamenta rei publicae. Vom Staat, II.. In der Wahrung des alten Glaubens und in der Beobachtung der Auspizien sah die Aristokratie selbst später, als sich schon eine gewisse Freigeisterei in Rom Bahn gebrochen hatte, ein Mittel, sich gegen die Übermacht der Demokratie zu schützen Vgl. Livius, VI 41..

Griff die Weissagung also in das politische Leben ein, so nahm sie auch in der Philosophie ihre bestimmte Rolle ein. Als die Philosophie in Ionien aufblühte, erhielt auch die Weissagung zugleich in ihr eine kräftige Stütze. Herakleitos Herakleitos: griechischer Philosoph, Ende des 6. Jahrh. v. Chr., der die Lehre vom ewigen Kreislauf der Dinge vertrat., Pythagoras Zu Pythagoras vgl. I, 3, 5., Empedokles Empedokles: ca. 494-434 v. Chr., griechischer Philosoph und Arzt aus Akragas in Sizilien., ja selbst Sokrates Sokrates: 469-399 v. Chr., griechischer Philosoph; stellte den Menschen in den Mittelpunkt seines Philosophierens und strebte nach der Erkenntnis des Guten. nahmen eine Weissagung an. Doch schon in den Zeiten des Perikles Perikles: ca. 500-429 v. Chr., attischer Feldherr und Staatsmann. schwand allmählich das Ansehen der Orakel; der Glaube an sie wurde angegriffen, namentlich von den Philosophen Anaxagoras Anaxagoras, 500 v. Chr. in Klazomenai in Ionien geboren, war der erste Vertreter des Dualismus in der Philosophie (Materie + Verstand). Etwa 464 nach Athen kommend, wurde er der Freund des Perikles und Eripides. Im Alter von 72 Jahren starb er in Lampsakos. Von seiner im Altertum viel gelesenen Schrift »Über die Natur« sind nur Fragmente erhalten. und Xenophanes Vgl. I, 3, 5., hauptsächlich aber war es Epikuros Vgl. I, 3, 5., der, obgleich er den Glauben an die Götter festhielt, doch die göttliche Regierung der Welt und damit auch jede Art der Weissagung leugnete und bestritt Zu den eifrigsten Verspottern der Orakel gehörte der beliebte Possendichter Aristophanes.. Im Gegensatz dazu verteidigten die Stoiker in ihrer Philosophie die Weissagung, zogen sie mit in ihr philosophisches System hinein und suchten sie mit ihrer Weltanschauung in Einklang zu bringen. Die Mantik wurde daher von den Stoikern für sehr wichtig gehalten, was deutlich der Eifer beweist, womit die meisten und bedeutendsten Vertreter der Stoa sich darüber in besonderen Schriften ausließen. Cicero schließt sich in seiner Darstellung am meisten dem System der Stoiker an, wie wir später genauer sehen werden. Wenn auch die Stoiker auf die gewöhnlichen Vorstellungen von Vorbedeutungen und Orakeln nicht eingingen und sich mit ihnen nicht näher befaßten, so suchten sie doch bei ihrem Bestreben, alle volkstümlichen Ideen zu wahren und die Religion mit der Philosophie zu verbinden, nachzuweisen, daß es der göttlichen Natur angemessen sei, ihren Willen zu offenbaren und zugleich das tiefeingewurzelte Bedürfnis göttlicher Weissagung ans Licht treten zu lassen. Der Glaube an eine besondere Fürsorge der Götter für die Menschheit erschien ihnen viel zu tröstlich, als daß sie die Weissagung hätten aufgeben können; sie priesen sie daher als den augenscheinlichsten Beweis für das Dasein der Götter und einer Vorsehung und schlossen auch umgekehrt: Wenn es Götter gebe, müsse es auch eine Weissagung geben.

Das Wesen der Weissagung suchten die Stoiker auf drei Wegen mit ihren philosophischen Prinzipien in Einklang zu bringen, indem sie die Weissagung von Gott, dem Schicksal und der Natur herleiteten und so ihre Existenz zu beweisen suchten. Den Beweis durch Gott führte Chrysippos Vgl. I, 3, 6., wie ihn Cicero in unserer Schrift gibt Vgl. I, 38, 82 ff..Die gegenseitige Bedingtheit dieser darin enthaltenen Schlüsse erschien ihnen so streng, daß sie umgekehrt aus dem Bestehen der Weissagung das Dasein der Götter herleiteten und gerade in der Mantik den größten Beweis für die Güte und Vorsehung der Götter erblickten, so wie sie auch aus der Divination schlossen, daß die Götter die Zukunft kennen. Den zweiten Beweis für die Weissagung und für deren Verbindung mit ihrem System unternahmen die Stoiker vom Standpunkt der Schicksalstherie aus. Schicksal nannten sie das unvermeidliche, von der Gottheit festgestellte Gesetz, nach dem alle Dinge in der Welt, durch eine unendliche Reihe von Ursachen und Folgen miteinander verknüpft, vor sich gehen. Man vergleiche die Beweisführung, die Cicero selbst dem Quintus in den Mund legt. Vgl. I, 55, 126.. Auf der Unvermeidlichkeit des Schicksals beruht die nicht zu bezweifelnde Wahrheit der Weissagungen. So sicher das Schicksal ist, so sicher treffen auch diese ein. Der dritte Beweis für die Weissagung endlich ist der aus dem Wesen der Natur, den Cicero mit den Worten des Quintus auseinanderlegt. Vgl. I, 57, 129. Man behauptete, daß infolge des einheitlichen Zusammenstimmens der verschiedenen Naturerscheinungen auch in der Natur vielerlei Anzeichen der kommenden und zukünftigen Ereignisse lägen. Poseidonios Vgl. über ihn I, 3, 6., ein stoischer Philosoph, ging bei der Begründung der Mantik von der stoischen Annahme aus, daß das Zusammentreffen verschiedener Erscheinungen in den verschiedenen Teilen der Welt durch einen natürlichen Zusammenhang hervorgerufen werde.

Die Häupter der Stoa selbst wandten sich der Besprechung der Weissagung mit ganz besonderem Fleiß zu. Zenon und Kleanthes legten den Grund zu den späteren Lehren, und Chrysippos gab in dieser Beziehung dem stoischen Dogma seine endgültige Gestalt. Chrysippos selbst schrieb zwei Bücher ›Über die Mantik‹ und wahrscheinlich hat er im ersten Buch über die natürliche, im zweiten über die künstliche Weissagung gehandelt. Wenigstens läßt sich diese Einteilung der Mantik wohl sicher auf Chrysippos zurückführen. Für zwei besondere Arten der natürlichen Mantik hat er noch Einzelschriften verfaßt, in denen er eine reiche Sammlung von Beispielen zusammenhäufte, und zwar hat er in seinem Werk ›Über die Orakel‹ Apollinische Orakel gesammelt und in der Schrift ›Über die Träume‹ Traumerklärungen von dem berühmten Antiphon Vgl. I, 20, 39.. Dann folgte Diogenes Babylonios Vgl. I, 3, 6., Schüler des Chrysippos, der ein Buch ›Über die Mantik‹ schrieb. Ferner schrieb Antipater Vgl. I, 3, 6 und 20, 39. aus Tarsos zwei Bücher ›Über die Mantik‹, worin er viele Träume, namentlich von Antiphon erzählte, anführt. Ausführlich wurde das ganze System noch einmal von Poseidonios Vgl. I, 3, 6. besprochen in fünf Büchern ›Über die Mantik‹. Panaitios Vgl. I, 3, 6., der vielfach von den Ansichten der älteren Stoiker abwich, sprach seinen Zweifel an der Weissagung aus; ja, er verwarf sie zum Teil, besonders die Weissagungen der Astrologen.

Dies sind zugleich die Quellen gewesen, die Cicero bei der Abfassung seiner Schrift Von der Weissagung zu Rate zog und die er auch selbst zu wiederholten Malen in ihr angibt.

Die Alten unterschieden im ganzen zwei Arten der Weissagung, die natürliche oder kunstlose und die künstliche oder kunstgemäße Vgl. I, 18, 34.. Der Mensch vernimmt nämlich die göttliche Offenbarung entweder innerlich, geistig, oder er erkennt den Willen der Gottheit erst durch äußere Vermittlung.

Die natürliche oder kunstlose Weissagung beruht nach Meinung der Alten nicht auf einer Tätigkeit außerhalb des Menschen. Sie glauben vielmehr, das Göttliche, das im Menschen durch den göttlichen Ursprung der Seele liegt, erkenne die Zukunft, nachdem es durch höhere Begeisterung oder Schlaf von den Fesseln der Sinnlichkeit losgebunden sei. Der Mensch nun, durch den göttlichen Geist angetrieben, fühlt sich gedrungen, das von der Gottheit ihm Eingegebene auszusprechen. Das ist die niedere Art der Weissagung; zu ihr gehören drei Unterarten: die Ekstase oder Verzückung, die Träume und die Orakel.

Die zweite Art der Weissagung, die künstliche, beruht nicht auf einer inneren, göttlichen Eingebung, sondern auf Beobachtung und Deutung gewisser Zeichen, die den Menschen von den Göttern zur Kundgebung ihres Willens gesandt werden. Diese Art der Weissagung erscheint als eine wirkliche Kunst; sie sucht den übernatürlichen Zusammenhang der gegebenen Zeichen zu einer festen und gewissen Methode zu bringen. Sie war bei Griechen und Römern sehr verbreitet; namentlich war bei den letzteren die kunstvolle Weissagung viel wichtiger und in den einzelnen Zweigen weit ausgebildeter als bei den Griechen. Diese Zeichen können von der verschiedensten Art sein, und daher wurden alle möglichen Arten und Formen der Weissagung zulässig gefunden. Es gehört hierher die Deutung von Wunderzeichen, Losen, Weissagungen, dann besonders die Opferschau, Vogelschau, die Wahrsagung aus Blitzen und sonstigen Himmelserscheinungen und anderes mehr.

In dieser Beziehung ließen sich auch die Stoiker viel Aberglauben gefallen und hatten ihn sogar in ihre Philosophie aufgenommen, wie dies deutlich Ciceros erstes Buch Von der Weissagung beweist. Da freilich die Deutung dieser Zeichen Sache der Kunst ist, so kann auch in ihr der einzelne wie bei jeder anderen Kunst fehlen Vgl. I, 55, 124 und 56, 128.. Zur Sicherung dagegen dient besonders die Überlieferung, die sich auf vieljährige Erfahrung stützt, und außerdem trägt die sittliche Beschaffenheit des Weissagenden nach dem Begriff der Stoiker viel dazu bei, den rechten Erfolg zu erzielen. Trotzdem blieb doch ein bedeutender Unterschied zwischen dem Volksglauben und der stoischen Lehre von der Weissagung: Gerade der Kernpunkt dieses ganzen Glaubens – die tröstliche Annahme einer speziellen Fürsorge der Götter, die diesen Glauben hervorgerufen hatte – wurde durch die Lehre der Stoiker zerstört.

Zweck und Anlage der Schrift Ciceros und Ciceros eigene Ansicht von der Weissagung

Der hauptsächlichste Zweck, den Cicero mit der Abfassung der vorliegenden Schrift Von der Weissagung verfolgte, bestand darin, den Aberglauben, der aus der Unwissenheit und Unkenntnis in den Naturwissenschaften hervorging und die tiefere und feine Bildung zu unterdrücken drohte, zu zerstreuen und namentlich seinen Landsleuten darzulegen, daß dem dummen und verderblichen Aberglauben, der sich auf die Deutung von verschiedenen Anzeichen, Träumen und dergleichen berief und von den Stoikern als göttlich und heilig betrachtet wurde, keine Geltung einzuräumen sei. Cicero zeigt sich hier also in scharfem Gegensatz zu den Stoikern, die unerwiesene und unerweisbare Religionsgrundsätze vorbrachten; dagegen steht er selbst als Neuakademiker auf der Seite der Akademie, deren Organ er gleichsam ist und mit der er demnach auch deren Fehler und Verirrungen gemeinsam hat.

Die Anlage der Schrift ist der äußeren Form nach höchst einfach: Quintus Cicero Er war um 102 v. Chr. geboren und wurde mit seinem älteren Bruder zusammen erzogen und unterrichtet. Er verheiratete sich mit Pomponia, der Schwester des Atticus. Im Jahre 66 wurde er Aedil, 62 Prätor; im Jahre 61 verwaltete er Asien als Provinz und kehrte darauf im Jahre 58 nach Rom zurück, um an den Kämpfen seines Bruders gegen Clodius teilzunehmen. Im Jahre 57 verwaltete er die Provinz Sardinien; im Jahre 54 ging er mit C. Iulius Caesar nach Britannien und im Jahre 51 mit seinem Bruder nach Kilikien. Als der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius ausgebrochen war, schloß er sich letzterem an. Caesar begnadigte ihn, aber nach dessen Tod im Jahre 43, wurde auch er proskribiert und verbarg sich eine Zeitlang in Rom, wurde aber verraten und ermordet. Quintus Cicero war ein begabter und auch literarisch tüchtiger Mann, besonders ein Freund der Poesie und der historischen Studien. In der Philosophie folgte er etwas blindlings dem stoischen System, wie wir besonders deutlich aus dem ersten Buche unserer Schrift ersehen., der Bruder des Marcus Tullius Cicero, unseres Autors, ein eifriger Anhänger der stoischen Schule, hat das letzte Buch der Schrift Vom Wesen der Götter durchgelesen, in deren zweitem Buch Lucilius Balbus nach Weise der Stoiker die Untersuchung über das Wesen der Götter auseinandersetzt, während im dritten Buch die stoischen Ansichten durch den Neuakademiker Cotta widerlegt werden. Da nun dort die Weissagung nur kurz berührt ist, so benutzt Quintus die Gelegenheit und bittet seinen Bruder Marcus auf einem Spaziergang in den Hallen des Tusculanums Landgut Ciceros in der Nähe der Stadt Tusculum., noch einmal auf die Frage von der Weissagung näher und genauer einzugehen und, was er dort unvollendet gelassen habe, zu ergänzen und weiter auszuführen.

Im ersten Buch unserer Schrift trägt nun Quintus die Ansicht der Stoa vor, indem er im ganzen mit dem übereinstimmt, was in der Schrift Vom Wesen der Götter II, 3, 4 Lucilius gegen Velleius für die Weissagung sagt, nur mit dem Unterschied, daß Lucilius die Weissagung als Beweis für das Dasein der Götter gebraucht, Quintus aber umgekehrt den Glauben an die Weissagung aus dem Glauben an die Götter herleitet.

Im zweiten Buch tritt dann Marcus gegen die Begründung der Mantik auf, indem er die Rolle der Akademie und des Karneades Vgl. I, 4. übernimmt und, mit ihren Waffen gerüstet, gegen die Stoa und deren Ansichten kämpft.

Die Form der Rede, deren sich Cicero bei Abfassung seiner Schrift bedient, ist nicht, wie bei den meisten übrigen philosophischen Werken, die dialogische Art des Sokrates, sondern die dialogische Form des Aristoteles, die darin besteht, daß einer der Redenden einen zusammenhängenden Vortrag über einen gewissen Gegenstand hält und dann der andere antwortet, wie Quintus im ersten und Marcus im zweiten Buch mit geringen Unterbrechungen es tun.

Geschrieben ist das Werk Ciceros Von der Weissagung im Jahre 44 v. Chr. Es ist etwas später als die Bücher Vom Wesen der Götter abgefaßt, mit denen es in engstem Zusammenhange steht.

Allerdings scheint das, was Cicero in seiner Schrift Über die Gesetze (II, 13, 32) von der Weissagung, zu deren Glauben er sich dort bekennt, behauptet, nicht mit seiner Ansicht, die er in den Büchern Von der Weissagung auseinandergesetzt hat, übereinzustimmen. Doch muß man hierbei Cicero, den Philosophen, und Cicero, den Staatsmann, voneinander trennen. In den Büchern Über die Gesetze hat Cicero häufig seinen Landsleuten zu Gefallen populär gesprochen, um die in seiner eigenen Heimat üblichen und zum allgemeinen Nutzen aufgestellten Gesetze und Staatseinrichtungen mit seinen philosophischen Anschauungen in Übereinstimmung zu bringen.

Cicero erkannte sehr wohl die politische Wichtigkeit des Glaubens an eine Weissagung und wollte nur von ihr den Aberglauben getrennt wissen, nicht aber, daß zugleich mit dessen Beseitigung auch die Religion aufgehoben würde. Freilich ist auf der anderen Seite nicht zu verkennen, daß Cicero bei dieser Schrift nicht sehr in die Tiefe geht, auch sich selbst vielfach von Vorurteilen nicht frei machen kann, wie er überhaupt in seinen philosophischen Werken nicht selbständig zu Werke geht, sondern mehr die Ansichten der griechischen Philosophen wiedergibt und in römisches Gewand zu kleiden sucht. Die Gründe für und gegen die Sache sind freilich scharf und klar dargestellt, bewegen sich aber zu sehr an der Oberfläche; eine gründliche Widerlegung darf man daher nicht erwarten, sondern nur eine Zusammenhäufung von Argumenten, die sich einwenden lassen; dies genügte dem Akademiker.

Was noch zum Schluß die Art und Weise der Darstellung in der Schrift Von der Weissagung anbelangt, so hat es Cicero verstanden, auch in diesem Werk den Leser zu fesseln durch Mannigfaltigkeit in der Rede und besonders durch Einstreuen interessanter, aus griechischen Quellen geschöpfter Erzählungen.

Raphael Kühner

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.