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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 91
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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30. Darüber jedoch würde ich mich wundern, wenn ich es glaubte, daß, wie du sagtest, bei Homer Kalchas aus der Zahl der Sperlinge die Dauer des Trojanischen Krieges schloß, von dessen Vermuthung Agamemnon [wie ich einmal in einer freien Stunde es übersetzt habe] Folgendes spricht:Die Stelle ist Ilias II, 299. Wir haben aber absichtlich nicht den Homer, sondern Cicero's Uebersetzung desselben übersetzt, damit die Leser Cicero's Abweichungen vom Original in der Vossischen Uebersetzung vergleichen können.

Duldet, Männer, und traget mit Muth schwerdrückende Mühsal,
Daß wir erkennen den Schicksalsspruch des Verkündigers Kalchas,
Ob in Erfüllung er geht, ob aus täuschendem Sinn er hervorging.
Allen noch liegt in gedenkender Brust vor dem Geist die Erscheinung,
Die nicht das Todesgeschick aus dem Reich der Lebendigen wegriß.
Als von Argolischen Schiffen zuerst ward Aulis umkleidet,
Welche Vernichtung und Tod dem Priamus brachten und Troja,
Sah'n wir am kühlenden Born, wo der Dampf von Altären emporstieg,
Wo mit vergoldeten Hörnern die Stier', als Sühne den Göttern
Standen zum Opfer, am rieselnden Quell, bei dem schattigen Ahorn,
Wie sich ein gräßlicher Drache, ein Ungeheuer, in Ringeln
Nahte, durch Zeus Antrieb, und vom Altar plötzlich hervordrang;
Der auf des Ahorns Ast die von schützenden Blättern geborgnen
Jungen ergriff, und als er die acht raubgierig verschlungen,
Flattert die neunte, die Mutter, umher mit bebendem Kreischen,
Aber mit grausamem Bisse zerfleischt sie der gierige Drache. 927
Als er die Jungen, die zarten, und selbst auch die Mutter gemordet,
Ließ ihn der Vater Cronion, der her an den Tag ihn gesendet,
Wieder verschwinden, und wandelt ihn um zum erharteten Felsstück.
Aber verschüchtert standen wir da ob dem furchtbaren Wunder,
Das sich begab in der Mitte der heiligen Götteraltäre.
Da sprach Kalchas, der Seher, mit zuversichtlicher Stimme:
»Was denn starr vor Staunen erbebt ihr auf einmal Achiver?
Sendet der Vater der Götter doch selbst dieß Zeichen als Wunder,
Langsam und spät zu erfüllen; doch unvergänglichen Ruhmes.
So viel Vögel ihr sahet gewürgt vom Zahne des Unthiers,
So viel werden wir Jahre des Kriegs ausdulden vor Troja.
Aber im zehenten fällt es, und satt wird Hellas von Rache.«
Dieß hat Kalchas enthüllt, was jetzo gereift ihr erblicket.

Was ist das für eine Weissagung, aus der Zahl der Sperlinge eher auf Jahre, als auf Monate oder Tage zu schließen? Und warum richtet er seine Vermuthung nach den Sperlingen, bei welchen doch gar nichts Ausserordentliches war, und schweigt vom Drachen, der, was ganz unmöglich war, in Stein verwandelt worden seyn soll? Und endlich, frage ich, wie kommen Sperlinge und Jahre zusammen? Denn von der Schlange, die Sulla plötzlich bei seinem Opfer erblickte, weiß ich noch recht gut, erstlich, daß Sulla, als er ausrücken wollte, opferte, zweitens, daß eine Schlange unter dem Altar hervorgekommen ist, und drittens, daß er an demselben Tage die Schlacht glänzend gewonnen, nicht weil es ihm die Haruspices prophezeit, sondern weil er ein einsichtsvoller Feldherr war.

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