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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 70
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9. Indessen würde uns auch meines Erachtens die Kenntniß der künftigen Dinge nicht einmal nützlich seyn. Was hätte denn Priamus für ein Leben gehabt, wenn er von Jugend auf gewußt hätte, wie es ihm am Ende im Alter ergehen werde? Doch wozu Beispiele aus der mythischen Zeit? blicken wir auf Näheres. Das jammervolle Lebensende mehrerer hochberühmter Männer unseres Vaterlandes habe ich in meiner Trostschrift zusammengestellt; z. B. der Frühern nicht zu gedenken, meinst du, es wäre dem M. 897 Crassus ersprießlich gewesen, wenn er in der Blüthe seiner politischen Höhe und seines Glückes gewußt hätte, er werde erst seinen Sohn Publius und sein Heer erschlagen sehen, und dann jenseits des Euphrat mit Schmach und Schande umkommen? Wagst du zu behaupten, Cn. Pompejus würde seines dreimaligen Consulats, seiner drei Triumphe, und des Ruhmes seiner Großthaten froh geworden seyn, hätte er gewußt, daß er, verlassen, in Aegypten werde ermordet werden, nachdem er sein Heer eingebüßt, und daß nach seinem Tode noch Das erfolgen werde, was wir ohne Thränen nicht aussprechen können? Und glauben wir etwa, Cäsar würde, wenn er durch Weissagung die Versicherung erhalten hätte, in demselben Staate, den er dem größeren Theile nach selbst geschaffen, in der Pompejischen Curie, gerade vor dem Standbilde des Pompejus, vor den Augen so vieler seiner Centurionen, von Bürgern ersten Ranges, die zum Theil ihm Alles zu verdanken hatten, werde er ermordet werden, und so da liegen, daß nicht nur Keiner seiner Freunde, sondern nicht einmal Einer seiner Sclaven zu seinem Leichnam hinträte – in welcher Seelenqual, sage ich, würde er sein Leben hingebracht haben? Auf jeden Fall ist die Unbekanntschaft mit dem bevorstehenden Unglück ersprießlicher, als die Kenntniß davon. Denn Das läßt sich doch, besonders von den Stoikern, auf keine Weise behaupten; Pompejus hätte es dann zu keinem Kriege kommen lassen; Crassus wäre nicht über den Euphrat gegangen; Cäsar hätte den Bürgerkrieg nicht unternommen. Dann wäre ja ihr (unglückliches) Ende ihnen nicht vom 898 Schicksal bestimmt gewesen. Ihr wollt aber Nichts geschehen lassen, als was das Schicksal verhängt hat. Also hätte ihnen die Weissagung von der Zukunft nichts helfen können, ja sie hätten sogar den gesammten Genuß ihres frühern Lebens eingebüßt. Was hätte sie denn je erfreuen können, wenn sie an ihr Lebensende gedacht hätten? So kann, die Stoiker mögen sich wenden, wohin sie wollen, ihr ganzes fein ausgesponnenes System sich nicht vor dem Einsturz bewahren. Denn kann Das, was geschehen wird, auf diese oder auf jene Weise sich ereignen, so hat der Zufall äusserst viel Gewalt. Was aber zufällig ist, kann nicht gewiß seyn. Ist aber Das gewiß vorausbestimmt, was in Beziehung auf jeden Gegenstand zu jeder Zeit geschehen wird, was helfen mir dann die Haruspices, wenn sie melden, es drohen die schlimmsten Ereignisse?

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