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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Als nämlich mein Bruder Quintus seine im vorigen Buche aufgezeichneten Ansichten über die Weissagung entwickelt hatte, und wir nun nicht weiter lustwandeln wollten, setzten wir uns in der Bibliothek, die sich im Lyceum befindet, nieder. Das war einmal von dir, sagte ich, mein Quintus, eine gründliche und ächt stoische Vertheidigung der Ansicht der Stoiker; und, was mich besonders freut, du hast deine meisten Beispiele aus unserer Geschichte hergenommen, und zwar berühmte und von bedeutenden Personen. Meine Aufgabe ist nun, mich auf die von dir vorgebrachten Erörterungen einzulassen, jedoch so, daß ich Nichts entscheidend ausspreche, Alles untersuche, meistens im Tone des Zweifels, 888 und nichts weniger als zuversichtlich. Denn wüßte ich hierüber etwas ganz Gewisses zu sagen, so wäre mein Vortrag selbst eine Weissagung [so könnte Dieß nur durch eine göttliche Eingebung oder Mitwirkung seyn], und doch gebe ich die Wirklichkeit der Weissagung nicht einmal zu. Ich sehe mich dazu durch Das bestimmt, was besonders Carneades als einen noch zu untersuchenden Gegenstand aufzustellen pflegte, auf welcherlei Dinge sich denn die Weissagung erstrecke. ob auf die, welche durch die Sinne erfaßt werden? Allein diese sehen, hören, schmecken, riechen, betasten wir. Ist also in diesen Gegenständen Etwas, was wir besser durch Voraussehen oder geistige Aufregung, als durch unsere Naturanlage wahrnehmen könnten? so daß so ein mit Weissagungsgabe Begabter, falls er blind wäre, wie z. B. Tiresias, dennoch angeben könnte, was weiß und was schwarz ist? oder, wenn er taub wäre dennoch die mannichfaltigen Stimmen und Melodien zu unterscheiden vermöchte? Auf keinen also von denjenigen Gegenständen, die sich durch die Sinne wahrnehmen lassen, läßt sich die Weissagung anwenden. Allein es bedarf auch selbst für diejenigen Gegenstände, die mit [und durch] Kunst behandelt werden, keiner Weissagung. Rufen wir doch zu den Kranken keine Seher und Wahrsager, sondern Aerzte herbei; und Wer Saiten- oder Blaseinstrumente spielen lernen will, läßt nicht Haruspices kommen, um sich von ihnen unterrichten zu lassen, sondern Musiker. Und so verhält es sich auch mit der literarischen Ausbildung, und mit den übrigen Gegenständen, für die es einen Unterricht gibt. Meinst du wohl, Diejenigen, welche für Weissager gelten, verstehen [vermöge ihrer Kunst] die Frage zu beantworten, ob die Sonne größer sey, 889 als die Erde, oder so groß, als sie aussehe? ob der Mond mit eigenem Lichte, oder dem der Sonne glänze? welche Bewegung Sonne und Mond haben? und welche die fünf Sterne, die man Irrsterne nennt? So wenig die sogenannten Weissager [als solche] sich anmaßen, diese Fragen beantworten zu können, so wenig nehmen sie sich heraus, im Fache der geometrischen Zeichnungen über das Richtige und Unrichtige entscheiden zu wollen; das ist ja Sache der Mathematiker, nicht der Wahrsager.

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