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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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57. Mit den von der Natur hergenommenen Beweisen verhält es sich etwas Anders. Hier wird darauf aufmerksam 877 gemacht, wie groß die Kraft der Seele sey, wenn sie von den körperlichen Gefühlen entfesselt ist; welcher Zustand besonders bei Schlafenden und bei Begeisterten eintritt. Denn so wie die Seelen der Götter ohne Augen, ohne Ohren, ohne Sprache einander verstehen: woher es auch kommt, daß die Menschen, selbst wenn sie ihre Wünsche nicht einmal aussprechen, oder stille Gelübde thun, überzeugt sind, daß es die Götter vernehmen; so sehen die Seelen der Menschen, wenn sie entweder durch den Schlaf vom Körper entfesselt sind, oder in der Begeisterung durch innern freien Drang sich erregt fühlen, Dinge, die sie in der Vermischung mit dem Körper nicht sehen können. Und dieser aus der Natur hergenommene Grund läßt sich vielleicht nur mit Mühe auf diejenige Art der Weissagung anwenden, die wir als ein Resultat der Kunst erklärt haben. Aber doch sucht Posidonius so gut als möglich auch Dieß herauszubringen. Er stellt den Satz auf, es liegen in der Natur gewisse Vorzeichen künftiger Dinge. Wir wissen nämlich, daß die Ceer alljährlich mit Sorgfalt den Aufgang des Hundssterns zu beobachten pflegen, und auf diese Beobachtung, wie Heraklides Ponticus schreibt, Vermuthungsschlüsse bauen, ob das Jahr gesund oder ungesund seyn werde. Gehe der Stern trüb und gleichsam verdüstert auf, so sey die Luft dick und dunstig, so daß deren Einathmung schwer und ungesund seyn werde: erscheine der Stern aber klar und hell, so deute Dieß auf eine dünne und reine und folglich gesunde Luft. Demokritus aber behauptet, es sey eine weisliche Einrichtung der Alten, daß man die Eingeweide der geschlachteten Opferthiere beschaue, aus deren Beschaffenheit und Farbe man auf Gesundheit oder 878 Ungesundheit schließen könne, auch wohl auf Seuchen; bisweilen auch ob Unfruchtbarkeit oder Fruchtbarkeit des Feldes bevorstehe. Hat diese von der Natur ausgehenden Zeichen die Beobachtung und die Erfahrung erkannt, so konnte die Länge der Zeit eine Menge Bemerkungen liefern, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, so daß Jener bei Pacuvius, der im Chryses als Naturforscher eingeführt wird, die Natur eben wenig gekannt zu haben scheint, [wenn er sagt]

– den Leuten die der Vögel Sprache gar versteh'n,
Und mehr aus fremder Leber, als aus eigner, seh'n, –
Horch ihnen zu, jedoch gehorchen mußt du nicht.

Warum denn nicht, da du doch wenige Verse weiter unten treffend sagst:

Was das All beseelt und bildet, nährt und wachsen läßt und schafft,
Und begräbt und in sich aufnimmt, ist des Weltalls Vater auch,
Schafft es neu gebärend, bis es wieder dorthin untergeht.

Was hindert also, daß, da Alles ein, und zwar ein gemeinsames Haus hat, und da die Seelen der Menschen immer gewesen sind und seyn werden, diese nicht sollten erkennen können, was aus jedem [Vorangegangenen] folgt, und durch was jedes voraus angedeutet wird? Und hiemit, sagte er, habe ich meine Ansicht von der Weissagung dargelegt.

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