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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 57
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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55. Ich bin nun einmal der Ueberzeugung, daß, mag auch Manches von Denen, die durch Kunst oder aus Vermuthungsgründen weissagen, falsch angesehen werden, es 874 dennoch eine Weissagung gibt; daß aber die Menschen in dieser Kunst, wie in den übrigen Künsten, dem Irrthum ausgesetzt sind. Möglich, daß irgend ein blos unbestimmt gegebenes Zeichen für bestimmt genommen worden ist; möglich auch, daß irgend Etwas unbemerkt geblieben, entweder das [bedeutende] Zeichen selbst, oder [ein anderes] das jenes aufhob. Mir aber genügt zum Erweise Dessen, worauf mein ganzer Vortrag geht, nicht blos, daß recht Vieles, sondern auch wenn nur Weniges wirklich durch Weissagung vorausbemerkt und vorausgesagt worden ist. Ja auch Das möchte ich unbedenklich behaupten: ist auch in einem einzigen Falle wirklich Etwas so vorausgesagt und vorausbemerkt worden, daß es sich, als es sich zutrug, gerade so ereignete, wie es vorausgesagt worden, und dabei Nichts als blos Zufälliges und Ungefähres erscheint, so darf man eine Weissagung annehmen, und es muß sie Jedermann zugeben. Aus dem Grunde, glaube ich, muß alle Weissagungsgabe und Weissagungskunst, wie Posidonius thut, zuerst von Gott (und hierüber ist genug gesprochen worden), dann vom Schicksal, endlich von der Natur hergeleitet werden. Die Vernunft also nöthigt uns zu der Annahme, daß Alles was geschieht, durch das Schicksal (Fatum) geschehe. Fatum aber nenne ich, was die Griechen ειμαρμένη nennen, das heißt, die Reihe und den Zusammenhang der Ursachen, wenn eine sich an die andere anknüpfend eine Sache aus sich hervorbringt. Das ist die von aller Ewigkeit her in einem Flusse fortlaufende und zusammenhängende Wahrheit. Demnach ist nie Etwas geschehen, das nicht geschehen mußte, und eben so wird Nichts geschehen, dessen Ursachen, von denen es abhing, nicht in der Natur liegen. Daraus 875 ist begreiflich, daß Schicksal nicht in dem Sinne, wie es der Aberglaube versteht, sondern im Sinne philosophischer Naturforschung, die ewige Ursache der Dinge ist, der zu Folge nicht nur die bereits vergangenen Dinge geschehen sind, sondern auch die geschehen, die eben bevorstehen, und die künftigen geschehen werden. So ist es möglich, daß sich theils durch Beobachtung bemerken läßt, welche Folgen in der Regel jede Ursache begleiten, obwohl nicht immer: denn Das zu behaupten ist schwer: theils ist es wahrscheinlich, daß gerade diese Ursachen der künftigen Dinge von Denen erblickt werden, die sie entweder in der Raserei der Begeisterung oder im Schlafe sehen.

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