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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Dergleichen Dingen haben nun wohl, denke ich, die Alten, mehr durch Beobachtung gewisser Erfolge, als durch Gründe veranlaßt, Beifall geschenkt. Man hat indessen doch auch einige ausgesuchte Beweise von Philosophen gesammelt, die darthun sollen, daß Etwas an der Weissagekunst sey. Unter den ältesten Philosophen, um auf diese zurückzugehen, war Xenophanes aus Kolophon der einzige, der die Weissagekunst gänzlich verwarf, und doch den Glauben an Götter festhielt. Die übrigen Alle (den Epikurus ausgenommen, der im Kapitel von dem Wesen der Gottheit gleich einem stammelnden Kinde spricht) nehmen eine Weissagung an, wiewohl mit sehr verschiedenen Nebenbestimmungen. Hatten sich nämlich Sokrates und seine Schule, ferner Zeno und seine Anhänger und Nachfolger ganz im Sinne der alten Philosophen hierüber erklärt, wobei sich auch die alte Akademie nebst den Peripatetikern anschloß; hatte diese Ansicht schon früher durch den Pythagoras ein großes Gewicht erhalten, der selbst für einen Augur gelten wollte; hatte auch Demokritus an mehrern Stellen ein bedeutendes Gewicht für die Annahme einer Vorahnung der Zukunft in die Wagschale gelegt; so beschränkte der Peripatetiker Dicäarchus das ganze Weissagungswesen, mit entschiedener Läugnung aller andern Gattungen, auf 800 die Weissagung durch Träume und durch begeisterte Raserei. Gerade diesen beiden Zweigen derselben, mit Verwerfung aller übrigen, gestand auch mein vertrauter Freund Kratippus Gehalt und Realität zu: ein Mann, dem ich unter den Peripatetikern vom ersten Range einen Platz anspreche.

Da jedoch die Stoiker die Weissagekunst so ziemlich in ihrem weitesten Umfange in Schutz nahmen; ein Verfahren, wozu theils schon Zeno in seinen Grundlinien zu seinem Systeme den Ton angegeben, und wovon Kleanthes bedeutende Partieen weiter ausgeführt hatte; so schloß sich nun der höchst scharfsinnige Chrysippus mit einem eigenen Werke an Jene an, und behandelte in zwei Büchern die ganze Lehre von der Weissagung, in einem dritten noch besonders die von den Orakeln, noch in einem die von den Träumen. Sein Zuhörer, Diogenes von Babylon, reihte sich mit einem Buche jenem an, mit zweien Antipater, mit fünfen mein Posidonius. Ein in dieser Hinsicht entarteter Zögling der stoischen Schule (wiewohl sonst unter ihnen ein Stern erster Größe) war Panätius, des Posidonius Lehrer, Schüler des Antipater. Ohne die Wirklichkeit der Weissagungskraft geradehin zu läugnen, erklärte er doch, er habe Gründe, an ihr zu zweifeln. Durfte sich nun er als Stoiker, wiewohl mit großem Widerstreben seiner Schule, Dieß in einem Punkte herausnehmen, wie sollten die Stoiker Dieß uns in den andern Punkten verwehren wollen? Zumal, da der Gegenstand, über welchen Panätius sich nicht zu entscheiden wagt, bei allen übrigen Anhängern der Stoa ein entschiedener und ausgemachter Glaubensartikel ist. Und so sehen wir denn hier einmal einen Hauptvorzug der Akademie durch das 801 Urtheil und die Bestätigung eines Philosophen vom ersten Range gerechtfertigt.

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