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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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32. Das, denkst du wohl, sind Stücke aus Tragödien und aus der Mythenzeit. Aber dich selbst habe ich eine nicht erdichtete Geschichte, sondern eine Thatsache ganz gleicher Art 840 erzählen hören: Wie nämlich C. Coponius zu dir nach Dyrrhachium kam, zu der Zeit, wie er als Prätor die Rhodische Flotte befehligte, ein höchst gebildeter und kluger Mann, und erzählte, es habe ein Ruderknecht auf einem Rhodischen Fünfruderschiffe prophezeit, in weniger als dreißig Tagen werde Griechenland mit Blut getränkt und Dyrrhachium ausgeplündert werden; man werde sich auf die Schiffe flüchten, und die Fliehenden einen jammervollen Rückblick auf eine Feuersbrunst haben; die Rhodische Flotte werde jedoch bald zurück und nach Hause kehren dürfen. Diese Erzählung habe auch auf dich einen bedeutenden Eindruck gemacht, und M. Varro nebst dem M. Cato, gebildete Männer, die sich gerade dort befunden, seyen darüber sehr erschrocken; wirklich sey dann wenige Tage darauf Labienus von der Pharsalischen Niederlage hergekommen, und habe die Vernichtung des Heeres gemeldet. Kurz darauf seyen auch die übrigen Umstände der Prophezeiung eingetroffen. Denn das aus den Magazinen bei der Plünderung heraus geschleppte und verschüttete Getreide hatte alle Haupt- und Nebenstraßen übersä't; ihr bestieget, von plötzlicher Furcht ergriffen, die Schiffe, und als ihr bei Nacht auf die Stadt zurückblicktet, saht ihr die Transportschiffe in Brand stehen, welche die Soldaten angezündet hatten, weil sie euch nicht hatten folgen wollen; und als euch endlich die Rhodische Flotte im Stiche ließ und davon segelte, da mußtet ihr wohl fühlen, wie wahr jener Mensch geweissagt hatte. Und hiemit habe ich so kurz als möglich, über die durch Träume oder durch Begeisterte 841 gegebenen Orakel gesprochen, die ich zu den kunstlosen rechnete. Beiden Arten liegt eine gemeinsame Erklärung zum Grunde, die unser Cratippus gewöhnlich gebraucht, nämlich, daß die Seelen der Menschen zum Theil von aussen stammen und empfangen werden. Daraus folgt denn, daß ausserhalb eine göttliche Seele ist, aus der die menschliche gleichsam eingesaugt wird; der Theil der menschlichen Seele aber, der Empfindung, Bewegung und Begehrungsvermögen habe, sey nicht von der körperlichen Thätigkeit geschieden, während dagegen der, welcher mit Vernunft und Verstand begabt sey, gerade dann die meiste Lebhaftigkeit äußere, wenn er am wenigsten an den Körper sich gefesselt fühle. Und so schließt denn Cratippus, nachdem er erst die Beispiele von wahren Prophezeiungen und Träumen dargelegt, gewöhnlich mit folgender Beweisführung: »Wenn ohne Augen die Verrichtung und das Geschäft der Augen nicht möglich ist, die Augen aber möglicher Weise ihr Geschäft einmal nicht verrichten, so ist Der, welcher auch nur einmal mit Hülfe seiner Augen die wirklichen Gegenstände gesehen hat, mit dem Gesichtssinne und also mit Augen begabt, die das Wirkliche sehen. Auf dieselbe Weise nun, wenn ohne Weissagungsgabe die Verrichtung und das Geschäft der Weissagung nicht möglich ist, Einer aber, der im Besitze der Weissagungsgabe ist, bisweilen irren kann und falsch sehen, so reicht es zum Beweise, daß Weissagung möglich sey, vollkommen hin, daß auch nur einmal Etwas so geweissagt worden, daß dabei an kein zufälliges Zutreffen zu denken ist. Dergleichen Fälle gibt es aber unzählige, also muß man zugestehen: es gibt eine Weissagung.«

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