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Gutenberg > Marcus Tullius Cicero >

Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.

Uebersicht des zweiten Buches.

I. Einleitung. Cicero zählt der Reihe nach seine bisher verfaßten philosophischen und rhetorischen Werke auf, gibt kurz ihren Zweck und Inhalt an, und schließt die Einleitung mit einer Aufmunterung zum Studium der Philosophie und einer Herzenserleichterung über die gegenwärtigen innern Staatsverhältnisse Roms. Cap.1.2.

II. Widerlegung der von Quintus im ersten Buche aufgestellten Ansicht, und Darstellung der ganzen Weissagungskunst in ihrer Nichtigkeit.

1) Auseinandersetzung des Carneadeischen Beweises gegen dieselbe, welcher die Weissagung aus dem Grunde läugnete, weil sich gar kein Gegenstand oder kein Stoff für sie nachweisen lasse. Für die sinnlichen Wahrnehmungen, sagt er, gebe es weder eine Weissagung, noch bedürfe man eine; eben so wenig für die Gegenstände der Künste und Wissenschaften oder des Staatslebens. Cap.3.4. Auch lasse sich nicht sagen, die Weissagung habe die zufälligen Dinge zu ihrem Gegenstande, da z.B. Winde, Krankheiten und vieles Andere zufällig sey, und doch nach den Stoikern nicht in das Gebiet der Weissagung gehöre. Nenne man aber zufällig, was sich weder durch Vernunftschlüsse, noch durch Kunst voraussetzen lasse, eben weil es auf dem Zufalle beruhe; so könne es davon kein Vorauswissen geben. Läugnen aber die Stoiker den Zufall ganz, und lassen sie Alles von Ewigkeit her vom Schicksal bestimmt seyn, so sey die Weissagung zwecklos und werthlos, Cap.58; noch abgesehen davon, daß die Kenntniß künftiger Dinge für uns nicht einmal gut seyn würde, sondern uns beunruhigen und das Leben verbittern müßte. Cap.9.10.

2) Nach diesem Vorpostengefecht, wie er es nennt, greift er nun die einzelnen Gattungen der Weissagung an, und bestreitet die dafür von Quintus im Sinn der Stoiker vorgebrachten Gründe: (Cap.11. Recapitulation der Eintheilung:)

a) die Eingeweideschau, als gänzlich widersinnig in jeder Hinsicht, Cap.1216;

b) die Weissagung aus den Blitzen; sie habe ihre Quelle in der Furcht der Menschen in den Zeiten der Kindheit der Menschheit; auch wäre nicht zu begreifen, warum, wenn die Blitze überhaupt bedeutsam wären, so unzählig viele in Gegenden fielen, wo sie nicht bemerkt werden könnten. Ein Zusammentreffen eines Blitzes aber mit einem besondern Ereigniß sey reiner Zufall. Cap.1721;

c) Die Weissagung aus sogenannten Vorzeichen oder Wundererscheinungen; diese seyen

α) größtentheils erdichtet oder halbwahr;

β) oder man wundere sich über sie nur, weil sie selten seyen, unmöglich seyen sie aber nicht, sonst wären sie nicht geschehen;

γ) sie seyen zwecklos, wenn sie ohne Deuter nicht verstanden werden und man ihren Folgen nicht ausweichen könne;

δ) die Deutungen selbst seyen ungewiß und oft widersprechend. Cap.2232;

d) Die Auspicien;

α) man behalte sie im Grunde nur noch aus einer gewissen Achtung vor ihrem Alter, wegen des abergläubischen Volkes und zur Erreichung politischer Zwecke bei;

β) sie seyen selbst in Rom fast ganz außer Gebrauch gekommen, in Folge eines gewissen Gefühls ihres Unwerths;

γ) sie seyen in sich selbst inconsequent, und bei verschiedenen Völkern verschieden. Cap.3340;

e) Die Loose; ihr Ursprung (besonders der der Pränestinischen) sey fabelhaft; auch seyen sie jetzt selbst vom Volke ganz verachtet.Cap.41;

f) Die Sterndeuterkunst der Chaldäer;

α) sie werde von den bedeutendsten Astronomen selbst verworfen.

β) der Einfluß der Gestirne auf das Menschenleben sey unbegreiflich; eher sollte man Einflüsse der Atmosphäre und des Klima's und Bodens vermuthen;

γ) bei gleicher Constellation haben Menschen ganz verschiedene Schicksale;

δ) die in demselben Augenblicke an verschiedenen Orten Geborenen sind wegen Verschiedenheit des Horizonts doch nicht unter gleicher Constellation geboren;

ε) der Einfluß der Erzeugung ist bei der Astrologie ganz übersehen. Cap.4247.

Hiemit wird die künstliche Weissagung für widerlegt erklärt.

3) Widerlegung der natürlichen Weissagung. Cap.48:

a) die Weissagung der Verrückten oder Begeisterten.

α) Es ist widersinnig, daß, Wer nicht bei Sinnen ist, mehr sehen soll, als Wer bei Verstande ist;

β) die Sibyllinischen Bücher sind nicht einmal ein Werk der Begeisterung, sondern ein künstliches Machwerk;

γ) die übrigen berühmten Weissagungen sind fabelhaft; die Aussprüche der Orakel selbst entweder falsch, oder zufällig zugetroffen, oder zweideutig oder dunkel;

δ) die Orakel haben längst aufgehört, welches nicht geschehen wäre, wären sie durch göttliche Kraft entstanden gewesen. Cap.4957;

b) die Träume:

α) schon die Wachenden täuschen sich oft und halten Etwas mit Unrecht für wahr; um wie viel täuschender müssen Traumgesichte seyn;

β) ein zufällig eintreffender Traum beweist Nichts für die Bedeutsamkeit der Träume überhaupt;

γ) wären selbst die Träume göttlich, so würden sie wegen der Unsicherheit der Deutung keinen Werth haben. Cap.5871.

Zwischenein wird auch die Stoische Beweisführung, durch Beispiele statt durch Gründe siegen zu wollen, getadelt; ferner ihre Abweisung des Wie und Warum, und ihre Genügsamkeit, wenn sie glauben mit dem Ob im Reinen zu seyn; ferner ihre Annahme unerwiesener Vordersätze bei'm Schließen, endlich auch der Chrysippische Beweis (I.32.) widerlegt.

4) Schluß: Nichts soll in uns und im Staate fester wurzeln, als die Religion; Nichts mehr mit der Wurzel ausgerottet werden, als Aberglaube und Wahn. Cap.72.

Zweites Buch.

1. Bei meinem wiederholten und lange fortgesetzten Nachdenken über die Art und Weise, wie ich recht gemeinnützig wirksam seyn könnte, um zu keiner Zeit aufzuhören, dem Vaterlande nützlich zu seyn, fand ich keinen Gegenstand von größerer Wichtigkeit, als die Bemühung für die wissenschaftliche Ausbildung meiner Mitbürger, der ich schon durch mehrere Werke Vorschub gethan zu haben glaube. Ich habe nämlich nicht nur unter dem Titel »Hortensius« eine Schrift geschrieben, in der ich so nachdrücklich als möglich zum Studium der Philosophie aufmunterte, sondern habe in den vier Büchern Academischer Untersuchungen auch dargethan, welches philosophische System ich für das am wenigsten anmaßende, für das folgerechteste und eine geschmackvolle Darstellung am meisten begünstigende halte. Und da meiner Ansicht nach die Grundlage der Philosophie darauf beruht, Was man als das höchste Gut und als das höchste Uebel betrachtet, so habe ich dieses wichtige Capitel in fünf Büchern in's Reine gebracht, so daß man darüber in's Klare kommt, Was von jedem Philosophen und Was gegen jeden Philosophen (hierüber) vorgebracht worden ist. Eben so viele Bücher Tusculanischer Unterhaltungen, die sich daran anschlossen, haben diejenigen Hauptpunkte in's Licht gesetzt, die zum wahren Lebensglücke besonders nothwendig sind. Das erste nämlich handelt von der Todesverachtung; das zweite von der Erduldung des Schmerzes; von den Mitteln zur Linderung des Kummers das dritte; das vierte von den übrigen Störungen der Gemüthsruhe; das fünfte umfaßt ein Capitel der Philosophie, das auf die ganze Wissenschaft ein vorzüglich herrliches Licht wirft; es lehrt nämlich, daß die Tugend zum seligen Leben weiter Nichts als sich selbst bedürfe. Nach der Herausgabe dieser Bücher verfaßte ich drei über das Wesen der Götter, welche diesen Punkt ausführlich erörtern. Um aber die Untersuchung ganz vollständig und umfassend zu geben, habe ich in vorliegendem Werke die Erörterung über die Weissagung begonnen; habe ich dann einmal (und Dieß ist mein Vorsatz) noch eine Abhandlung über das Schicksal daran angeschlossen, so möchte wohl diese ganze Untersuchung als vollkommen abgethan betrachtet werden dürfen. Zu diesen (philosophischen) Schriften gehören auch meine sechs Bücher vom Staate, die ich zu der Zeit verfaßte, als ich das Ruder des Staates in den Händen hatte. Ein wichtiges Capitel, das ganz in das Gebiet der Philosophie gehört, und worüber sich Plato, Aristoteles, Theophrastus und die ganze Peripatetische Schule auf's umfassendste verbreitet haben. Ich darf auch vielleicht mein Trostbuch hierher rechnen, das mir wenigstens nicht wenig Trost in meinem Schmerze gewährt, und wohl auch Andern von bedeutendem Nutzen seyn möchte. Zwischenein habe ich auch neulich die Schrift geschrieben, die ich meinem Atticus unter dem Titel »Ueber das Greisenalter« zugeeignet habe. Weil aber die Philosophie es ist, die den Mann veredelt und muthig macht, so gehört besonders auch mein Cato in die Reihe dieser Schriften. Und da Aristoteles und auch Theophrastus, Männer die sich durch Feinheit wie durch Reichthum der Gedanken auszeichneten, neben ihren philosophischen Werken auch Lehrbücher der Redekunst abgefaßt haben, so dürfen sich, scheint mir, auch meine rhetorischen Schriften an meine obigen anschließen. Das sind dann drei vom Redner; ein viertes Brutus und ein fünftes der Redner betitelt.

2. Das ist das Verzeichniß meiner bisherigen Schriften. Rüstigen Muthes eile ich vorwärts zu dem noch nicht Bearbeiteten, mit dem festen Vorsatze, wofern nicht ein Hinderniß von Wichtigkeit eintritt, keinen Zweig der Philosophie übrig zu lassen, daß er nicht, in die Lateinische Literatur verpflanzt, (meinen Landsleuten) zugänglich würde. Kann ich denn (in meiner gegenwärtigen Lage) ein größeres und besseres Geschenk auf den Altar des Vaterlandes legen, als wenn ich dessen heranwachsende Jugend belehre und bilde? besonders bei dem gegenwärtigen Sittenverderbniß und in einer Zeit, wo sie so tief gesunken ist, daß Vereinigung aller Kräfte nöthig ist, wenn sie gezügelt und gebändigt werden soll. Doch ich rechne gar nicht auf die Möglichkeit (wie denn auch ein solcher Erfolg gar nicht zu verlangen ist), daß alle Jünglinge diese Studien lieb gewinnen. Fänden sich doch nur Wenige! Ihre Thätigkeit wird im Vaterlande einen weiten Spielraum finden. Ich, für meine Person, finde mich für meine Anstrengung auch durch Diejenigen belohnt, welche in schon vorgerücktem Alter meine Schriften genügend finden. Ihr Eifer, mit dem sie sie lesen, spornt meine Lust zum Schreiben täglich mehr; und ich finde, daß deren Mehrere sind, als ich vermuthete. Auch Das gereicht uns zur Ehre, und erhöht den Ruhm der Römischen Nation, wenn sie es einmal dahin gebracht hat, die Griechischen Schriften im Fache der Philosophie entbehren zu können. Und dahin bringe ich es sicher, wenn ich meinen Plan vollends ausführe. Mich hat nun einmal das große Unglück unseres Vaterlandes auf die Philosophie und deren schriftliche Darstellung geworfen, da ich während der Bürgerkriege weder dem Staate auf meine gewohnte Weise mit Erfolg dienen, noch müßig bleiben konnte, und doch auch nichts Besseres, das meiner würdig wäre, zu thun wußte. Meine Mitbürger werden mir also verzeihen, oder vielmehr es mir Dank wissen, daß ich, da der Staat in der Gewalt eines Einzigen war, mich nicht ganz zurückzog und alle [Thätigkeit für das Gemeinwohl] aufgab, daß ich nicht ganz trostlos wurde, und mich nicht so betrug, als wäre ich über den Mann und die Zeiten erbittert, und daß ich doch dabei weder irgend Jemanden geschmeichelt oder sein Glück so herrlich gefunden habe, daß ich das meinige nicht hätte gern ertragen wollen. Denn so viel hatte mich mein Plato und das Studium der Philosophie gelehrt, daß es im Leben der Staaten nach dem Gange der Natur gewisse Perioden gibt, so daß sie das einemal die Vornehmen an der Spitze haben, dann wieder die Regierung in den Händen des Volkes, ein anderesmal in den Händen Einzelner ist. Da sich nun der letztere Fall in unserem Vaterlande ereignet hatte, begann ich, da es in meinem frühern Wirkungskreise für mich nichts mehr zu thun gab, mich auf's neue auf diese Studien zu legen; theils, weil ich gerade sie für am besten geeignet hielt, mein Gemüth vom Gram zu entlasten, theils weil ich zugleich meinen Mitbürgern auf diese mir allein noch mögliche Weise nützen zu können gedachte. Hatte ich vorher mündlich abgestimmt und Reden an das Volk gehalten, so mußten für das nun meine Bücher einstehen, und ich betrachtete jetzt die Philosophie als mein eigentliches Geschäft, statt der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten. Gegenwärtig, da man mich über den Staat (wieder) zu Rathe zu ziehen begonnen hat, muß ich dem Staate meine Thätigkeit widmen, oder vielmehr all' mein Denken und Sorgen auf ihn richten, und diesem Studium (der Philosophie) darf ich nur die mir von öffentlichen Geschäften und meinem Amte frei bleibende Zeit widmen. Doch hierüber ein andermal ausführlicher; jetzt zurück zu der begonnenen Untersuchung.

3. Als nämlich mein Bruder Quintus seine im vorigen Buche aufgezeichneten Ansichten über die Weissagung entwickelt hatte, und wir nun nicht weiter lustwandeln wollten, setzten wir uns in der Bibliothek, die sich im Lyceum befindet, nieder. Das war einmal von dir, sagte ich, mein Quintus, eine gründliche und ächt stoische Vertheidigung der Ansicht der Stoiker; und, was mich besonders freut, du hast deine meisten Beispiele aus unserer Geschichte hergenommen, und zwar berühmte und von bedeutenden Personen. Meine Aufgabe ist nun, mich auf die von dir vorgebrachten Erörterungen einzulassen, jedoch so, daß ich Nichts entscheidend ausspreche, Alles untersuche, meistens im Tone des Zweifels, und nichts weniger als zuversichtlich. Denn wüßte ich hierüber etwas ganz Gewisses zu sagen, so wäre mein Vortrag selbst eine Weissagung [so könnte Dieß nur durch eine göttliche Eingebung oder Mitwirkung seyn], und doch gebe ich die Wirklichkeit der Weissagung nicht einmal zu. Ich sehe mich dazu durch Das bestimmt, was besonders Carneades als einen noch zu untersuchenden Gegenstand aufzustellen pflegte, auf welcherlei Dinge sich denn die Weissagung erstrecke. ob auf die, welche durch die Sinne erfaßt werden? Allein diese sehen, hören, schmecken, riechen, betasten wir. Ist also in diesen Gegenständen Etwas, was wir besser durch Voraussehen oder geistige Aufregung, als durch unsere Naturanlage wahrnehmen könnten? so daß so ein mit Weissagungsgabe Begabter, falls er blind wäre, wie z.B. Tiresias, dennoch angeben könnte, was weiß und was schwarz ist? oder, wenn er taub wäre dennoch die mannichfaltigen Stimmen und Melodien zu unterscheiden vermöchte? Auf keinen also von denjenigen Gegenständen, die sich durch die Sinne wahrnehmen lassen, läßt sich die Weissagung anwenden. Allein es bedarf auch selbst für diejenigen Gegenstände, die mit [und durch] Kunst behandelt werden, keiner Weissagung. Rufen wir doch zu den Kranken keine Seher und Wahrsager, sondern Aerzte herbei; und Wer Saiten- oder Blaseinstrumente spielen lernen will, läßt nicht Haruspices kommen, um sich von ihnen unterrichten zu lassen, sondern Musiker. Und so verhält es sich auch mit der literarischen Ausbildung, und mit den übrigen Gegenständen, für die es einen Unterricht gibt. Meinst du wohl, Diejenigen, welche für Weissager gelten, verstehen [vermöge ihrer Kunst] die Frage zu beantworten, ob die Sonne größer sey, als die Erde, oder so groß, als sie aussehe? ob der Mond mit eigenem Lichte, oder dem der Sonne glänze? welche Bewegung Sonne und Mond haben? und welche die fünf Sterne, die man Irrsterne nennt? So wenig die sogenannten Weissager [als solche] sich anmaßen, diese Fragen beantworten zu können, so wenig nehmen sie sich heraus, im Fache der geometrischen Zeichnungen über das Richtige und Unrichtige entscheiden zu wollen; das ist ja Sache der Mathematiker, nicht der Wahrsager.

4. Oder gibt es etwa im Gebiete der Philosophie Gegenstände, über die irgend ein Weissager zu entscheiden pflegte, oder worüber man ihn zu Rathe zöge, was ein Gut, was ein Uebel, oder was keins von beiden sey? Denn Das ist das eigenthümliche Gebiet der Philosophen. Oder erkundigt sich etwa Jemand beim Haruspex was er für Pflichten im Verhältnisse zu seinen Eltern, seinen Geschwistern, seinen Freunden habe? wie er das Geld anwenden, wie er sich bei einem Ehrenamte, oder einer Befehlshaberstelle benehmen müsse? Darüber zieht man doch in der Regel die Weisen, nicht die Weissager zu Rathe. Und in Beziehung auf die Gegenstände der Dialektik oder der Naturforschung, kann doch wohl Keiner von den Letztern durch seine Weissagungskunst bestimmen, ob es eine Welt oder mehrere gebe? was denn die Uranfänge der Dinge seyen, ans denen sie sämmtlich entstehen? Das müssen die Naturforscher verstehen. Und Wer lehrt dich denn den Lügenschluß, Bei Gellius (18, 2,) lautet er so: »Wenn ich lüge, und sage, daß ich lüge, lüge ich, oder sage ich die Wahrheit? Bei Cicero ( Acadd. II,29.). »Sagst du du lügest, und sagst damit die Wahrheit, so lügst du; du sagst aber du lügest, und sagst damit die Wahrheit, also lügst du.« den sie nennen, auflösen? oder wie willst du dich des Streites erwehren, den man, wenn es nöthig ist, Haufenschluß [lat. Acervalis] Er lautet ungefähr so: Wenn ein Haufen aus Körnern besteht, so ist die Frage: »Das wievielste Korn macht einen Haufen? oder bei der Wegnahme des wievielsten Kornes hört ein Haufen auf ein Haufen zu seyn?« nennen könnte? Doch es bedarf keiner Uebersetzung; denn so wie das Wort Philosophie selbst, und viele Griechische Ausdrücke, so ist auch Sorites in unserer Sprache gebräuchlich genug. Also auch darüber werden die Dialektiker Aufschluß geben, nicht die Weissager. Und wenn die Frage ist, welches die beste Staatsverfassung und die besten Gesetze seyen; welche Sitten etwas taugen, und welche nichts; wird man zur Beantwortung Haruspices aus Etrurien kommen lassen, oder werden die ersten Staatsmänner und ausgewählte, der bürgerlichen Einrichtung kundige Leute darüber entscheiden? Gibt es nun für die Gegenstände keine Weissagung, die in das Gebiet des Sinnengebrauches fallen, und keine für die, welche in der Philosophie erörtert werden; endlich keine für diejenigen, welche das Staatsleben betreffen; so sehe ich wahrhaftig keinen Wirkungskreis mehr für sie, den sie in Anspruch nehmen könnte. Denn sie muß sich entweder auf Alles erstrecken, oder es muß ihr doch ein Stoff angewiesen werden, in welchem sie ihren Spielraum haben kann. Allein auf Alles kann sie sich nicht erstrecken, Das hat sich durch meine Folgerungen erwiesen; und doch findet sich auch kein (einzelner) Raum oder Stoff, den wir der Weissagung als ihr Gebiet anweisen könnten. Und darum möchte es am Ende wohl gar keine Weissagung geben.

5. Es gibt einen bekannten Griechischen Vers folgenden Sinnes:

Wer richtig schließt, der beste Seher sey er mir. Dieß ist nach Plutarch ( de Orac. def. p. 432. C.) ein Vers des Euripides.

Da frage ich denn, wird ein Seher besser schließen, als ein Steuermann, was für eine Witterung bevorsteht? oder wird er die Natur einer Krankheit scharfsinniger erkennen, als ein Arzt, die Führung eines Krieges besser durch Vermuthungsschlüsse verstehen, als ein Feldherr? Allein ich habe wohl bemerkt, Quintus, daß du die Weissagung klüglich aus dem Gebiete der Vermuthungen, wo Kunst und Erfahrenheit anwendbar ist, und derjenigen Dinge, die durch die bloßen Sinne ohne Kunst aufgefaßt werden, hinausgespielt, und folgende Definition von ihr gegeben hast: »Die Weissagung sey die Vorausverkündigung und Vorausahnung derjenigen Dinge, die im Gebiete des Zufalls liegen.« Aber erstlich heißt Das sich im Kreise herum bewegen. Denn das Vorausbemerken des Arztes, des Steuermanns und des Feldherrn geht auch auf zufällige Dinge. Wird also ein Haruspex, oder ein Augur, oder ein Seher, oder ein Träumender besser schließen können, daß entweder ein Kranker davon kommen, oder ein Schiff der Gefahr, oder ein Heer dem Hinterhalte entrinnen werde, als ein Arzt, als ein Steuermann, als ein Feldherr? Nun aber sagtest du, Das gehöre nicht einmal in den Wirkungskreis eines Weissagers, bevorstehende Winde oder Platzregen an gewissen Zeichen zum voraus zu erkennen (bei welcher Gelegenheit du ein Stück aus meiner Uebersetzung des Aratus aus dem Gedächtnisse hergesagt hast); wiewohl gerade diese Dinge zufällig sind, denn sie ereignen sich gemeiniglich, aber nicht immer. Was ist nun, oder in welchem Kreise bewegt sich das Vorausahnen zufälliger Dinge, das du Weissagung nennst? Denn Was sich durch Kunst oder durch Vernunftschlüsse, oder Erfahrung, oder Vermuthung voraus bemerken läßt, Das soll man nach deiner Ansicht nicht Weissagenden sondern Kundigen zutheilen. Und so bleibt denn weiter nichts, als daß man diejenigen zufälligen Ereignisse prophezeien könne, die sich durch keine Kunst noch Geschicklichkeit voraussehen lassen, so daß z.B. Derjenige, welcher dem M.Marcellus, der dreimal Consul gewesen, viele Jahre zum voraus gesagt hätte, er werde in einem Schiffbruche umkommen, wirklich geweissagt hätte. Denn sonst eine Kunst oder Geschicklichkeit hätte ihn Das nicht lehren können. Das Vorausahnen solcher Dinge also, die auf dem Zufalle beruhen, ist Weissagung.

6. Läßt sich nun von den Dingen, für die es keinen Grund gibt, warum sie erfolgen sollten, irgend ein Vorausahnen annehmen? Denn was Anderes heißt Ungefähr, Zufall, Schicksal, Glück oder Unglück, als wenn Etwas sich so zuträgt, so ereignet, daß es sich entweder hätte nicht zutragen und ereignen, oder anders zutragen und ereignen können? Wie läßt sich nun Das, was ohne Grund geschieht, durch blinden Zufall oder den Unbestand des Glückes vorausahnen oder voraussagen? Ein Arzt sieht durch Vernunftschlüsse voraus, wenn eine Krankheit gefährlicher wird; ein Feldherr feindliche Nachstellungen, Stürme der Steuermann; und doch täuschen sich eben Diese oft, ungeachtet sie Nichts ohne Gründe, deren sie sich recht gut bewußt sind, thun. Der Landmann z.B. erwartet, wenn er den Oehlbaum blühen sieht, er werde auch Früchte sehen, und nicht ohne Grund; aber doch täuscht er sich zuweilen. Täuschen sich nun Diejenigen, die Nichts ohne einen wahrscheinlichen Vermuthungsschluß und ohne Grund sagen, Was muß man von der Vernunft Derjenigen halten, die aus Opfereingeweiden oder Vögeln, oder Vorzeichen, oder Orakelsprüchen, oder Träumen Künftiges vorausdeuten? Ich sage noch nicht einmal, wie so ganz nichtig diese Zeichen sind, ein Schnitt in der Leber, das Gekrächz eines Raben, der Flug eines Adlers, das Schießen eines Sterns, Stimmen [Worte] von Rasenden, Loose, Träume. Ueber jedes dieser Dinge will ich mich am gehörigen Orte verbreiten. Jetzt hierüber im allgemeinen Folgendes: Wie läßt sich voraussehen, daß sich Etwas ereignen werde, was weder irgend einen Grund hat, noch ein Kennzeichen, warum es geschehen werde? Sonnen- und Mondsfinsternisse werden auf viele Jahre von Denen vorausgesagt, welche die Bahnen und Bewegungen der Gestirne berechnen. Denn sie sagen Das voraus, was die Natur in ihrem nothwendigen Gange gewiß zur Erscheinung bringen wird. Sie sehen aus der sich vollkommen gleich bleibenden Bewegung des Mondes, daß er, wenn er der Sonne gegenüber in den dunkeln Schattenkegel der Erde tritt, nothwendig verfinstert werden muß; daß dagegen der Mond, wenn er unmittelbar vor der Sonne und ihr gegenüber steht, unsern Augen ihr Licht verdunkelt; sie sehen in welchem Zeichen und zu welcher Zeit jeder Planet darin seyn, was an jedem Tage für ein Gestirn aufgehen oder untergehen werde. Was aber Die, welche Dieß voraussagen, für einen Grund dazu haben, ist dir klar.

7. Wer dir sagt, du werdest einen Schatz finden, oder eine Erbschaft bekommen, auf Was gründet er seine Versicherung? oder wo liegt ein natürlicher Grund eines solchen Erfolges? Und hat etwa Dieses oder Aehnliches der Art einen solchen in der Naturnothwendigkeit liegenden Grund, was berechtigt dann noch zu der Annahme, es geschehe durch Zufall oder von Ungefähr? Denn Nichts ist so unverträglich mit der Vernunft und der Consequenz, als der Zufall; so daß ich wirklich nicht einmal es für die Gottheit für möglich halte, zu wissen, Was durch Zufall und durch's Ungefähr sich begeben werde; denn weiß es die Gottheit, so ist es ja wohl gewiß, daß es geschehen wird; ist es gewiß, daß es geschehen wird, so ist kein Zufall da; nun aber gibt es einen Zufall, folglich ist Vorausahnung des Zufälligen unmöglich. Läugnest du aber die Wirklichkeit des Zufalls, und behauptest, es sey Alles, was geschieht und geschehen wird, von aller Ewigkeit her vom Schicksal bestimmt, so mußt du deine Definition der Weissagung ändern, weil du sie für eine Vorausahnung derjenigen Dinge erklärtest, die im Gebiete des Zufalls liegen. Kann nämlich Nichts geschehen, Nichts vorfallen, sich Nichts ereignen, außer was von aller Ewigkeit her zu vorausbestimmter Zeit sich zu ereignen verhängt war; wo bleibt dann der Zufall und seine Möglichkeit? und ist diese verschwunden, wo bleibt dann Raum für die Weissagung, die du ja Vorausahnung zufälliger Dinge genannt hast? Wiewohl du sagtest, Alles, was geschehe oder geschehen werde, liege im Bereiche des Schicksals. Wahrhaftig, der Name Schicksal ist ein Popanz für alte Weiber, und öffnet dem Aberglauben Thür und Thore. Und dennoch wissen die Stoiker von diesem Schicksal so viel zu sagen. Doch davon ein andermal; jetzt zur Hauptsache.

8. Wenn Alles dem Schicksal zu Folge geschieht, Was hilft mir dann die Weissagung? Denn was Der, welcher weissagt, voraussagt, das ist eben Das, was geschehen wird. Und so begreife ich denn wirklich nicht, Was unsern Freund und Vertrauten Deiotarus bestimmt hat, als ihn ein Adler von der schon angetretenen Reise zurückrief. Wäre er nicht umgekehrt, so hätte er in dem Zimmer übernachten müssen, das in der nächsten Nacht zusammenstürzte. Er wäre also verschüttet worden. Aber Dem wäre er, wäre es vom Schicksal verhängt gewesen, nicht entgangen; und war es nicht über ihn verhängt, so hätte es ihn auch nicht betroffen. Was hilft also die Weissagung, oder was können mich Loose oder Opfereingeweide, oder irgend eine Prophezeiung warnen? Denn war es vom Schicksal bestimmt, daß die Flotten des Römischen Volkes im ersten Punischen Kriege, die eine durch Schiffbruch, die andere durch die Pöner versenkt, zu Grunde gehen, so wären, und hätten auch die Hühner unter dem Consulat des L.Junius und P.Clodius ein Tripudium solistimum verrichtet [auf die erwünschteste Weise gefressen], die Flotten dennoch zu Grunde gegangen; würden aber die Flotten, falls man den Auspicien gehorcht hätte, nicht zu Grunde gegangen seyn, so sind sie nicht dem Schicksal zu Folge zu Grunde gegangen; ihr behauptet aber, (es geschehe) Alles durch's Schicksal, also ist es mit der Weissagung Nichts. Wenn es des Schicksals Spruch war, daß im zweiten Punischen Kriege das Heer des Römischen Volkes am Trasimenus-See aufgerieben werde, war Dieß vermeidlich, wenn der Consul Flaminius denjenigen Vorzeichen und denjenigen Auspicien gehorcht hätte, welche ihn von der Lieferung der Schlacht abmahnten? Das war doch gewiß nicht möglich. Entweder ist also das Heer nicht dem Schicksal zu Folge zu Grunde gegangen denn die Sprüche des Schicksals sind unwiderruflich oder geschah es durch's Schicksal (worauf ihr wenigstens bestehen müßt), so hätte sich doch, falls er auch den Auspicien gehorcht hätte, das Nämliche ereignen müssen. Wo bleibt denn nun jene Weissagung der Stoiker, die uns, wenn Alles durch's Schicksal geschieht, vor gar Nichts warnen kann, damit wir vorsichtiger sind? Denn wir mögen uns benehmen wie wir wollen, so geschieht dennoch, was geschehen wird (muß). Läßt sich aber Dieß ändern, so ist es mit dem Schicksal nichts. Aber eben dadurch ist auch die Weissagung aufgehoben, weil sie auf die Dinge geht, die seyn werden. Denn von Nichts läßt sich entschieden sagen, es werde seyn, wobei durch irgend eine religiöse Gegenvorkehrung gemacht werden kann, daß es nicht geschieht.

9. Indessen würde uns auch meines Erachtens die Kenntniß der künftigen Dinge nicht einmal nützlich seyn. Was hätte denn Priamus für ein Leben gehabt, wenn er von Jugend auf gewußt hätte, wie es ihm am Ende im Alter ergehen werde? Doch wozu Beispiele aus der mythischen Zeit? blicken wir auf Näheres. Das jammervolle Lebensende mehrerer hochberühmter Männer unseres Vaterlandes habe ich in meiner Trostschrift zusammengestellt; z.B. der Frühern nicht zu gedenken, meinst du, es wäre dem M. Crassus ersprießlich gewesen, wenn er in der Blüthe seiner politischen Höhe und seines Glückes gewußt hätte, er werde erst seinen Sohn Publius und sein Heer erschlagen sehen, und dann jenseits des Euphrat mit Schmach und Schande umkommen? Wagst du zu behaupten, Cn. Pompejus würde seines dreimaligen Consulats, seiner drei Triumphe, und des Ruhmes seiner Großthaten froh geworden seyn, hätte er gewußt, daß er, verlassen, in Aegypten werde ermordet werden, nachdem er sein Heer eingebüßt, und daß nach seinem Tode noch Das erfolgen werde, was wir ohne Thränen nicht aussprechen können? Und glauben wir etwa, Cäsar würde, wenn er durch Weissagung die Versicherung erhalten hätte, in demselben Staate, den er dem größeren Theile nach selbst geschaffen, in der Pompejischen Curie, gerade vor dem Standbilde des Pompejus, vor den Augen so vieler seiner Centurionen, von Bürgern ersten Ranges, die zum Theil ihm Alles zu verdanken hatten, werde er ermordet werden, und so da liegen, daß nicht nur Keiner seiner Freunde, sondern nicht einmal Einer seiner Sclaven zu seinem Leichnam hinträte in welcher Seelenqual, sage ich, würde er sein Leben hingebracht haben? Auf jeden Fall ist die Unbekanntschaft mit dem bevorstehenden Unglück ersprießlicher, als die Kenntniß davon. Denn Das läßt sich doch, besonders von den Stoikern, auf keine Weise behaupten; Pompejus hätte es dann zu keinem Kriege kommen lassen; Crassus wäre nicht über den Euphrat gegangen; Cäsar hätte den Bürgerkrieg nicht unternommen. Dann wäre ja ihr (unglückliches) Ende ihnen nicht vom Schicksal bestimmt gewesen. Ihr wollt aber Nichts geschehen lassen, als was das Schicksal verhängt hat. Also hätte ihnen die Weissagung von der Zukunft nichts helfen können, ja sie hätten sogar den gesammten Genuß ihres frühern Lebens eingebüßt. Was hätte sie denn je erfreuen können, wenn sie an ihr Lebensende gedacht hätten? So kann, die Stoiker mögen sich wenden, wohin sie wollen, ihr ganzes fein ausgesponnenes System sich nicht vor dem Einsturz bewahren. Denn kann Das, was geschehen wird, auf diese oder auf jene Weise sich ereignen, so hat der Zufall äusserst viel Gewalt. Was aber zufällig ist, kann nicht gewiß seyn. Ist aber Das gewiß vorausbestimmt, was in Beziehung auf jeden Gegenstand zu jeder Zeit geschehen wird, was helfen mir dann die Haruspices, wenn sie melden, es drohen die schlimmsten Ereignisse?

10. Am Schlusse fügen sie noch bei, es werde, wenn man religiöse Gegenmittel ergreife, alles (Unglück) nicht so schwer ausfallen. Allein wenn Nichts geschieht, ausser was vom Schicksal verhängt ist, so erleichtern jene religiösen Mittel unmöglich Etwas. Das fühlt Homer, wenn er den Jupiter darüber klagen läßt, daß er seinen Sohn Sarpedon gegen den Willen des Schicksals dem Tode nicht entreissen könne. Cicero meint die Stelle Il. XVI, 433. f.; gibt aber, wahrscheinlich durch einen Gedächtnißfehler, die Sache etwas anders an, als sie ist. Und auf Dasselbe deutet auch der Sinn folgendes Verses eines Griechischen Dichters:

Des Schicksals Schluß steht höher selbst als Jupiter. Verse in diesem Sinne finden sich in den Fragmenten des Aeschylus und des Philemon, auch in einem Ausspruche des Delphischen Orakels bei Herodot. I, 91.

Auch ist überhaupt das ganze Schicksal, nach meiner Ansicht mit Recht, in einem Atellanischen Verse verspottet worden; doch in so ernsten Dingen ist der Scherz nicht an seinem Orte. Also zum Schlusse der Beweisführung: läßt sich von Dem, was durch Zufall geschieht, Nichts bestimmt voraussehen, daß es geschehen werde, weil es ja nicht bestimmt seyn kann; so gibt es keine Weissagung. Läßt sich aber (das Künftige) darum voraussehen, weil es fest bestimmt und vom Schicksal verhängt ist; so ist wiederum die Weissagung nichts. Denn du hast ihr ja die zufälligen Dinge als ihr Gebiet angewiesen. Doch das Bisherige magst du als ein Vorpostengefecht der leichten Truppen, als den Vortrab und ersten Anlauf meiner Einwendungen betrachten. Jetzt aber soll es an's Handgemenge und Haupttreffen gehen, und der Versuch gewagt seyn, die Flügel deiner Beweisführung zum Weichen zu bringen.

11. Du sagtest nämlich, es gebe zwei Gattungen der Weissagung, die natürliche und die künstliche; die letztere fuße theils auf Vermuthung, theils auf langer Beobachtung; die natürliche erfasse oder bekomme der Geist von aussen unmittelbar von der Gottheit, woher wir Alle unsere Seelen, gleichsam Tropfen aus einem Urquell, bekommen hätten. Als Gattungen der künstlichen Weissagung zähltest du ungefähr folgende auf: die Kunst der Opfereingeweide-Schauer und Deren, welche aus Blitzen und Vorzeichen weissagen; dann die der Auguren und Deren, welche aus Anzeichen und Mahnzeichen schließen, und rechnetest hierher überhaupt alle in das Gebiet der Vermuthung laufende Prophezeiung. Die natürliche nahmst du als ein Produkt, gleichsam als einen Erguß, entweder einer Gemüthsaufregung, oder als einen Blick in die Zukunft durch den Traum, bei einer von sinnlichen Eindrücken freien und von Sorgen nicht verstimmten Seele. Du leitetest dabei alle Weissagung aus drei Quellen ab, der Gottheit, dem Schicksal, der Natur. Da du indessen Nichts (theoretisch) zu erklären vermochtest, kämpftest du mit einer Staunen erregenden Masse von Beispielen, die auf Nichts als Erdichtung beruhen. Hierüber vorerst nur Dieß: ich halte es für unphilosophisch, Zeugen zu gebrauchen, die entweder blos zufällig wahr, oder aus böser Absicht falsch und grundlos zeugen können. Mit Beweisen und Gründen muß man lehren, warum jeder Satz wahr sey, nicht aus Ereignissen, besonders (nicht) aus solchen, deren Wirklichkeit ich meinen Glauben zu versagen berechtigt bin.

12. Um mit der Haruspicin zu beginnen, die ich übrigens aus politischen Gründen und der vaterländischen Religion wegen bei Ehren erhalten wissen will; doch da wir unter uns sind, so dürfen wir die Wahrheit heraus zu bringen suchen, ohne Furcht, uns Feinde zu machen, besonders ich, der ich ja über die meisten Gegenstände (philosophischer Forschung) mich nicht entscheidend ausspreche. Laß uns also, wenn du es zufrieden bist, zuerst einen Blick auf die Opfereingeweide-Schau werfen. Läßt sich nun wohl irgend Jemand bereden, die Haruspices wissen Das, was die Opfereingeweide bedeuten sollen, durch lange Beobachtung? Wie lang war denn diese? oder seit wie langer Zeit konnten Beobachtungen angestellt werden? oder wie haben sie sich darüber verständigt, welche Seite die feindliche, welche die befreundete sey? welcher Schnitt Gefahr, und welcher etwas Vortheilhaftes verkünde? Haben sich darüber die Etruscischen, die Elischen, die Aegyptischen, die Punischen Haruspices vereinigt? Das läßt sich, abgesehen von der Unmöglichkeit, auch nicht einmal vorgeben, denn wir sehen ja, daß Jeder auf andere Weise die Eingeweide deutet, und gar nicht Alle einerlei Schule und Bildung haben. Und nothwendig muß doch, wenn in den Opfereingeweiden eine Kraft ist, die das Künftige anzudeuten vermag, diese entweder mit der Natur der Dinge (auf die sie sich beziehen soll) schon in Verbindung stehen, oder durch eine göttliche Einwirkung (mit ihr) in Beziehung gesetzt werden. Wie kann nun aber mit der Natur der Dinge, die von so unendlichem Umfang und so herrlich, und durch Alles, was ist und sich regt, ergossen ist, ich will nicht sagen eine Hühnergalle (wiewohl Einige gerade Dieses für das bedeutsamste Eingeweide halten), für eine Verbindung haben, sondern die Leber, das Herz oder die Lunge eines fetten Stieres? was liegt in ihrer Natur, wodurch klar angedeutet werden könnte, Was bevorsteht?

13. Democritus jedoch witzelt mit ziemlichem Feinsinn, als Physiker; eine Menschenklasse, über deren Anmaßung Nichts geht:

Keiner schaut, Was vor dem Fuß liegt, Himmelsräum' ausspähen sie. Aus einem Römischen Tragiker, vielleicht Ennius oder Nävius.

Doch Dieser stellt den Satz auf, aus der Beschaffenheit der Opfereingeweide und deren Farbe lasse sich nur erklären, von welcher Beschaffenheit das Futter sey, und die Ergiebigkeit oder Magerkeit der Erderzeugnisse; auch deren Zuträglichkeit oder Ungesundheit. Obeglückter Sterblicher, der (dafür kenne ich ihn) überall seinen Witz anzubringen wußte. War der Mann wirklich ein so großer Freund des Worttandes, daß er nicht begriff, daß Dieß dann erst einen Schein von Wahrheit haben werde, wenn die Eingeweide aller Opferthiere zu gleicher Zeit dieselbe Beschaffenheit und Farbe annehmen? Allein wenn in derselben Stunde die Leber des einen Thiers glänzend und voll ist, die des andern rauh und eingeschrumpft, was kann dann Beschaffenheit und Farbe der Opfereingeweide andeuten? Oder ist Das von derselben Art, wie die von dir erwähnte Prophezeiung des Pherecydes, der aus dem Anblick eines aus einem Brunnen geschöpften Wassers ein Erdbeben prophezeite. Dazu gehört wohl nur ein kleiner Grad von Unverschämtheit, da sie hintendrein, wenn das Erdbeben gewesen ist, dreist anzugeben wagen, welcher Kraft Wirkung es sey, daß sie darum auch aus der Farbe des laufenden Brunnenwassers es voraus wissen wollen? Dergleichen wird Vieles in den Schulen vorgetragen, aber darum Alles für baare Wahrheit hinzunehmen, möchte wohl nicht nöthig seyn. Doch mag selbst jene Behauptung des Democritus begründet seyn: Wann suchen wir solche Dinge aus den Opfereingeweiden zu erfahren? oder wann haben wir je gehört, daß ein Haruspex etwas dergleichen nach Beschauung der Eingeweide ausgesprochen habe? Sie warnen vor Wasser- oder Feuersgefahr, verkündigen bald Erbschaften, bald Verluste, wissen von dem befreundeten und dem Lebens-Leberschnitt zu sprechen, betrachten den Kopf der Leber von allen Seiten auf's pünktlichste, und findet sich gar keiner daran, so betrachten sie Das als den traurigsten Vorfall, der sich nur ereignen kann.

14. Das hat sich doch wahrhaftig nicht beobachten lassen, wie ich oben bewiesen habe. Es sind folglich Erfindungen der Kunst, nicht der langen Erfahrung, wenn es je in Beziehung auf unbekannte Dinge eine Kunst gibt. Was haben sie aber für eine Verwandtschaft mit der Natur? Ist diese, wie ich von den Physikern behaupten höre, besonders von Denen, welche eine gänzliche Einheit der Dinge annehmen, durch eine allgemeine Uebereinstimmung in Zusammenhang gesetzt und verbunden, was kann das Weltall für einen Zusammenhang mit dem Finden eines Schatzes haben? Denn deutet mir das Opfereingeweide eine Vergrößerung meines Vermögens an, und ist Dieß ein durch die Natur bewirktes Ereigniß, so stehen erstlich die Eingeweide mit dem Weltall in Verbindung, und dann hängt wieder mein Vortheil mit der Natur der Dinge zusammen. Schämen sich Naturforscher nicht, diese Behauptung auszusprechen? Mag immerhin irgend eine Verwandtschaft der Dinge mit einander in der Natur Statt finden, ich gebe Das zu (denn die Stoiker stellen vieles dergleichen zusammen, sie sagen z.B. um die Zeit des kürzesten Tages wachse den Mäuschen die Leber, der trockene Polei blühe gerade an diesem Tage, es zerplatzen die angeschwollenen Blasen, und die darin eingeschlossenen Samen wenden sich auf entgegengesetzte Seiten; berühre man die Saiten eines Instruments, so klingen andere mit; bei den Austern und allen Schaalthieren treffe es zu, daß sie mit dem Monde zu- und abnehmen, und daß man annimmt, es sey der Winter die beste Jahrszeit um Bäume zu fällen, weil sie zugleich mit dem Mondlicht altern und dann am saftlosesten seyen. Was soll ich noch weiter von Meerengen, von Ebbe und Fluth reden, deren Andrang und Rückgang unter dem Einflusse der Bewegung des Mondes steht? Dergleichen Dinge lassen sich zu hunderten vorbringen, um die natürliche Verbindung von Dingen darzuthun, die mit einander gar nicht in Berührung stehen). All' Das zugegeben, denn dieser Folgerung steht Nichts im Wege; liegt aber in dem in einer gewissen Richtung laufenden Spalt der Leber eine Andeutung, daß ich Etwas gewinnen werde? Aus welcher natürlichen Wahlverwandtschaft, oder Harmonie oder Zusammenstimmung [Griechen nennen Das Sympathie] kann ein Leberschnitt mit meinem elenden Gewinn, oder mein kleiner Gelderwerb mit Himmel, Erde und der Natur zusammenhängen?

15. Doch selbst Das zugegeben, wenn du willst, wiewohl ich damit meine Sache sehr in Nachtheil setze, wenn ich irgend einen Zusammenhang der Natur mit den Opfereingeweiden zugebe: doch (sage ich) selbst Das zugestanden, wie trifft es sich, daß, Wer ein günstiges Zeichen erhalten will, ein zu seinen Zwecken passendes Opferthier wählt? Das war es eben, was ich für den unauflöslichsten Knoten hielt. Aber wie lustig wird er aufgelöst! Ich schäme mich, zwar nicht für dich (denn ich muß sogar dein gutes Gedächtniß bewundern), aber für den Chrysippus, den Antipater, den Posidonius, die eben gerade Das sagen, was du gesagt hast; es leite bei der Wahl des Opferthieres eine gewisse Ahnungskraft und ein weissagerisches Vermögen, das durch die ganze Welt verbreitet sey. Das ist aber noch viel hübscher, was du auch vorgebracht hast, und Jene behaupten: wenn Einer opfern wolle, da ereigne sich eine Verwandlung der Opfereingeweide, so daß entweder Etwas fehlt oder zu viel ist, denn dem Einwirken der Götter sey Alles unterworfen. So Etwas, glaube mir, fällt nicht einmal alten Weibern ein anzunehmen. Meinst du denn also, wenn der Eine dasselbe Kalb auswählt, so werde er die Leber ohne Kopf finden, wenn es der Andere wählt, mit einem Kopfe? Kann sich dieses Verschwinden des Kopfes oder jenes Zunehmen nur so plötzlich ereignen, so daß sich das Opfereingeweide den Glücksumständen des Opfernden anpaßt! Seht ihr nicht ein, daß bei der Wahl der Opferthiere eine Art von Glückswurf Statt findet, besonders da es die Sache selbst erweist? Denn oft, wenn die Eingeweide ohne Kopf höchst ungünstig waren, fielen die Zeichen bei dem nächsten Opferthiere auf's erfreulichste aus. Wo bleibt dann die Drohung des frühern Eingeweides? oder wie sind die Götter so auf Einmal ganz versöhnt worden?

16. Aber du bringst die Geschichte vor, wie in dem Eingeweide eines fetten Stieres, als Cäsar opferte, kein Herz gewesen, und sagst, weil es nicht möglich gewesen sey, daß jenes Opferthier ohne Herz gelebt habe, so müsse man daraus schließen, das Herz sey gerade unter dem Opfern verschwunden. Wie ist es möglich, daß du zwar das Eine begreifst, daß der Ochse ohne Herz nicht habe leben können, das Andere aber nicht einsiehst, daß das Herz nicht so auf einmal, der Himmel weiß wohin, habe davon fliegen können? Möglich ist es noch, daß Einer entweder gar nicht weiß, wie so unentbehrlich das Herz zum Leben ist, oder vermuthet, es könne durch irgend eine Krankheit das Herz eines Ochsen ganz unscheinbar, klein und welk geworden seyn, und einem Herzen gar nicht mehr gleich gesehen haben. Aber was hast denn du für einen Grund zu glauben, daß, wenn kurz zuvor in einem fetten Stiere ein Herz gewesen, es plötzlich unter dem Messer des Opferschlächters verschwunden sey? Ist ihm etwa das Herz entschwunden, weil er den herzlosen Cäsar im Purpurkleide erblickte? Wahrhaftig ihr gebt, so zu sagen, die Stadt der Philosophie (den Gegnern) Preis, während ihr die Castelle [Aussenwerke] vertheidigt. Denn während ihr die Haruspicin bei Ehren erhalten wollt, stoßet ihr die ganze Physiologie [Physik] über den Haufen. Die Leber hat einen Kopf, das Herz fehlt nicht bei den (edeln) Eingeweiden des Opferthieres, aber es verschwindet, so bald man gesalzenes Gerstenmehl und Wein darauf sprengt; die Gottheit reißt es dann heraus, oder irgend eine Kraft vernichtet oder verschlingt es. Es ist also nicht mehr die Natur, die das Vergehen und Entstehen aller Dinge bewirkt, und es muß der Satz gelten, daß Etwas aus Nichts entstehen, oder plötzlich aus Etwas Nichts werden könne. Hat den Satz je ein Physiker aufgestellt? Die Haruspices stellen ihn auf. Meinst du also, Diese verdienen mehr Glauben, als die Physiker?

17. Weiter: wenn mehreren Göttern (zugleich) geopfert wird, wie kommt es denn doch, daß bei den Einen die Zeichen günstig, bei den Andern ungünstig ausfallen? Und was ist das für eine Characterlosigkeit von Seiten der Götter, daß sie durch die Eingeweide des ersten Opfers bedrohen, durch die des zweiten Glück versprechen? oder findet etwa eine solche Uneinigkeit unter ihnen, oft auch unter den Nächstverwandten, Statt, daß die Eingeweide bei dem Opfer das dem Apollo gilt, Glück verheissen, die (bei dem) der Diana (dargebrachten) Unglück drohen? Was ist so einleuchtend, als daß, da die Opferthiere hergeführt werden, wie es eben der Zufall bringt, bei einer jeden (Gottheit) die Eingeweide so seyn werden, wie sie das sie treffende Opferthier eben hat? Aber (sagt ihr freilich) darin liegt gerade schon die, die Weissagung bestimmende, göttliche Einwirkung, was einem Jeden für ein Opferthier zu Theil werde, wie bei den Loosen, welches für Jeden gezogen werde. Auf die Loose werde ich bald auch kommen. Wiewohl du durch die Vergleichung mit den Loosen nicht den Punkt wegen des Zufalls oder Nichtzufalls bei den Opferthieren erhärtest, sondern vielmehr die Loose durch die Vergleichung mit der Wahl der Opferthiere um ihren Credit bringst. Bringt man mir etwa, wenn ich mir vom Aequimälium Der Name dieses Viehmarktes kommt von dem Sp. Mälius her, welcher im J. Roms 314., weil er nach der Königswürde getrachtet, von dem Servilius Ahala getödtet wurde. Sein Haus wurde dem Boden gleich gemacht [ aequata solo] und hieß daher Aequimälium. ein Lamm zum Opfer holen lasse, gerade das, welches die der Sache (wegen der ich opfere) anpassenden Eingeweide hat, und führt meinen Sclaven nicht der Zufall, sondern eine Gottheit an dieses Lamm hin? Denn, wenn du den Zufall, der hier waltet, auch in Verbindung mit dem Willen der Götter setzest, wie das Loos, so bedaure ich es, daß unsere Stoiker den Epicuräern eine so auffallende Veranlassung gegeben haben, sich über sie lustig zu machen. Denn du weißt doch wohl, wie sie Jenes bespötteln. Und Das können sie wirklich um so leichter thun, da Epicurus die Götter selbst, (wohl) um sich einen Spaß zu machen, als durchsichtig und durchwehbar vorstellt, die, aus Furcht vor Zertrümmerung zwischen zwei Welten, wie zwischen zwei Hainen wohnen, und ihnen zwar dieselben Glieder zuschreibt, die wir haben, aber ohne daß sie einen Gebrauch von diesen Gliedern machen. Da Dieser also auf eine etwas verblümte Weise die Götter läugnet, so trägt er mit Recht kein Bedenken, die Weissagung zu läugnen. Allein so consequent, als er in diesem Stücke ist, sind die Stoiker nicht. Denn sein Gott, »der weder für sich noch für Andere sich Etwas zu thun macht,« kann den Menschen nicht die Weissagung ertheilen. Der Eurige aber kann sie den Menschen nicht ertheilen, ohne dabei die Weltregierung und die Sorge für die Menschen aufzugeben. Warum verstrickt ihr euch denn in solche Schlingen, aus denen ihr euch nie herauswickeln könnt? denn wenn sie sich noch kürzer fassen wollen, schließen sie gewöhnlich: »Gibt es Götter, so gibt es eine Weissagung; es gibt aber Götter, folglich gibt es eine Weissagung.« Viel eher könnte folgender Schluß einem Beweise gleich sehen: »Es gibt aber keine Weissagung, folglich gibt es auch keine Götter.« Siehe wie unbesonnen sie das Daseyn der Götter auf's Spiel setzen, falls es keine Weissagung gibt. Die Nichtigkeit der Weissagung läßt sich augenscheinlich darthun. Daß es aber Götter gebe, darauf muß man beharren.

18. Fällt nun diese Weissagung der Eingeweideschauer zusammen, so ist es mit der ganzen Haruspicin aus. Und dann gehen die Vorzeichen und die Blitze denselben Weg. Freilich wird bei den Blitzen der langen Beobachtung ein Werth beigelegt, bei den Vorzeichen meistens auf Schlüsse und Vermuthung gebaut. Was ist es nun aber, das am Blitze beobachtet worden? Die Etrusker haben den Himmel in sechzehn Regionen getheilt. Das war keine Kunst, die vier, die wir annehmen, zu verdoppeln und dann diesen Prozeß zu wiederholen, um dann demnach zu sagen, von welcher Seite der Blitz gekommen sey. Erstlich (frage ich) Was liegt daran? und zweitens, Was soll es bedeuten? Ist es nicht sonnenklar, daß die Menschen in ihrem ersten Erstaunen, im Schrecken vor dem Donner und den Blitzesstrahlen, geglaubt haben, das seyen (unmittelbare) Wirkungen des allwaltenden Jupiter? So steht in unsern Augurenbüchern: »wenn Jupiter donnert, blitzt, ist es ein Frevel Wahlversammlungen zu halten.« Diese Bestimmung ist vielleicht aus politischen Gründen gemacht worden, denn man wollte, es solle Ursachen geben, die Comitien nicht zu halten. Daher gilt denn blos bei den Wahlversammlungen der Blitz als etwas Störendes, während wir ihn bei allen andern Fällen für das beste Auspicium gelten lassen, wenn er links herkommt. Doch über die Auspicien an einer andern Stelle. Jetzt von den Blitzen.

19. Vorerst. Was für eine Behauptung steht den Physikern weniger an, als daß etwas Gewisses durch Dinge angedeutet werde, die ungewiß sind? Denn ich glaube doch nicht, daß du annimmst, die Cyclopen haben dem Jupiter im Aetna den Blitz geschmiedet (denn Das müßte wunderlich zugehen, wie Jupiter ihn so oft schleudern könnte, wenn er nur Einen hätte), aber doch wieder die Menschen nicht daran mahne, was sie thun oder wovor sie sich hüten müssen. Es ist nämlich ein Satz der Stoiker, daß die kalten Aushauchungen der Erde, wenn sie flüssig werden, Winde seyen; wenn sie sich aber in eine Wolke eindrängen, und einen ganz dünnen Theil derselben zu spalten und zu zerreißen beginnen, und Dieß häufiger und heftiger zu thun, dann Blitze und Donner entstehen, wenn aber das durch das Zusammenprallen der Wolken herausgedrückte Feuer hervorbreche, so sey Dieß der Blitz. Was wir also durch Naturkräfte, ohne Regelmäßigkeit, und nicht in bestimmten Zeiträumen bewirkt sehen, darin wollen wir eine Andeutung künftig erfolgender Dinge finden. Seltsam! wenn Jupiter diese andeutete, da würde er wohl so viele Blitze vergebens verschleudern! denn was erreicht er damit für einen Zweck, wenn er mitten in's Meer einen Blitz geworfen hat? was für einen, wenn er ihn auf die höchsten Berge schleudert? ein Fall, der am häufigsten eintritt; was für einen, wenn er ihn in menschenleere Wüsten, oder wenn er ihn bei Völkern herabsendet, wo es gar nicht Sitte ist, darauf zu achten?

20. »Aber man hat ja den Kopf (des Summanus) in der Tiber gefunden.« Nun, ich läugne ja nicht, daß jene Leute [die Haruspices] eine Kunst besitzen. Die Weissagung läugne ich. Denn die Eintheilung des Himmels, die ich vorhin erwähnt, und die Aufzeichnung bestimmter Dinge, lehrt, woher der Blitz gekommen und wo er hingefahren sey. Aber was er bedeute, Das lehrt keine berechnende Schlußfolge. Du drängst mich aber mit meinen eigenen Versen:

Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympus
Zielt einst selber der Vater auf eigenen Hügel und Tempel,
Zum Capitolium nieder den Strahl des Verderbens entsendend.

Da stürzte denn das Standbild des Natta, die Götterbilder, da auch Romulus und Remus mit der nährenden Wölfin von des Blitzes Gewalt getroffen herab, und über diese Ereignisse zeigen sich die Erklärungen, welche die Haruspices gaben, vollkommen wahr. Wunderbar ist aber auch Das, daß um dieselbe Zeit, als die Verschwörung dem Senat (von mir) entdeckt wurde, das Standbild des Jupiters (gerade) zwei Jahre, nachdem dessen Verfertigung verdungen worden war, aufgestellt wurde. »Und du könntest es über dich gewinnen (so drängest du in mich), jene Ansicht sowohl gegen Das, was du gethan, als was du geschrieben, zu vertheidigen?« Du bist mein Bruder, darum rede ich ungescheut. Aber was setzt dich denn hier in Nachtheil? die Sache, die nun einmal so ist, oder ich, der ich ja nur die Wahrheit an den Tag gebracht wissen will? Ich spreche deßwegen auch gar Nichts dagegen, nur verlange ich von dir Belehrung, auf was für einem Grunde die ganze Haruspicin beruhe? Aber da hast du dich in ein seltsames Versteck geworfen. Denn weil du wohl begreifst, daß du in Verlegenheit kommen würdest, wenn ich darauf bestände, die Gründe jeder einzelnen Weissagung wissen zu wollen, so führtest du den Gedanken weit und breit aus, du fragest, wenn du die Thatsachen sehest, nicht nach dem Wie und Warum? was geschehe, nicht warum es geschehe, gehöre zur Sache. Als ob ich die Thatsachen schon zugäbe, oder es einem Philosophen anstände, nicht bei jedem Ereignisse nach dessen Ursache zu fragen! Bei dieser Gelegenheit führtest du denn auch unsere Prognostica auf, und die mancherlei Kräuter und die Scammonea- und Aristolochiawurzel, deren Kraft und Wirkung du sähest, ohne den Grund davon zu erkennen.

21. Da stellst du sehr ungleiche Dinge zusammen. Die Prognostica und ihre Ursachen hat der Stoiker Boëthus, den du genannt hast, und auch unser Posidonius untersucht, und wenn auch die Ursachen jener Dinge sich nicht ausfinden lassen, so lassen sich doch die Sachen selbst beobachten und wahrnehmen. Aber das Standbild des Natta oder die ehernen Gesetztafeln, die der Blitz getroffen hat, dieses Ereigniß an ihnen ist doch wahrhaftig kein Gegenstand langer Erfahrung und Beobachtung. Die Pinarii Nattä sind von Adel, folglich droht Gefahr von Seiten des Adels! Das war fein ausgesonnen von Jupiter. Der säugende Romulus ist vom Blitz getroffen, also droht der von ihm gegründeten Stadt Gefahr. Wie feinsinnig setzt uns Jupiter durch Andeutungen (von der Zukunft) in Kenntniß! »Aber (sagst du) zu derselben Zeit wurde das Standbild des Jupiter aufgestellt, als die Verschwörung angezeigt wurde.« Und du willst dieses Zusammentreffen lieber einer göttlichen Einwirkung, als dem Zufall zuschreiben? Und der Unternehmer, dem jene Säule von den Consuln (Cotta und Torquatus) fertigen zu lassen übertragen war, zögerte damit nicht etwa aus Mangel an Eifer oder an Mitteln, sondern es haben jenen Aufschub bis auf jene Stunde die unsterblichen Götter veranstaltet? Daß Dieß wahr seyn könne, halte ich nicht geradezu für unmöglich; allein ich begreife es nicht, und möchte gern von dir belehrt seyn. Denn da mir schien, als sey Einiges gerade so, wie die Weissagenden es verkündet, eben durch Zufall eingetroffen, sprachst du gar Vieles über den Zufall, z.B. ein Venuswurf könne durch Zufall mit vier Würfeln geworfen werden, aber mit vierhundert Würfeln hundert Venuswürfe Das sey durch bloßen Zufall nicht möglich. Erstlich begreife ich nicht, warum es nicht möglich seyn sollte. Doch ich streite nicht, denn dir steht eine Menge ähnlicher Fälle zu Gebote. Du bringst auch das Anspritzen von Farben herbei und den Schweinsrüssel und noch gar vieles Andere. So Etwas soll denn auch, nach deiner Angabe, Carneades mit dem Panskopfe vorgegeben haben. Als ob Das sich nicht durch Zufall ereignen könnte, und nicht nothwendig in jedem Marmorblocke Praxiteleische Meisterstücke von Köpfen steckten! denn diese kommen eben durch das Weghauen (von Marmorsplittern) heraus, und hingemacht wird vom Praxiteles nicht das Geringste, sondern wenn recht viel weggehauen ist, und man nun an der Bildung des Gesichtes steht, dann ist wohl klar, daß, was nun in's Feine herausgehauen ist, eigentlich schon darin gewesen. Es kann also so Etwas auch ohne Zuthun der Kunst in den Steinbrüchen auf Chios entstanden seyn. Doch sey Dieß immerhin erdichtet. Aber sage mir, hast du nie Wolken gesehen, die Aehnlichkeit mit einem Löwen oder einem Hippocentauren hatten? Es kann also, was du eben läugnetest, der Zufall mit der Wahrheit zusammentreffen.

22. Doch weil ich mich jetzt über die Opfereingeweide und Blitze genug heraus gelassen habe, so komme ich nun auf die noch nicht besprochenen Wunderzeichen, und dann bin ich mit der ganzen Haruspicin fertig. Du bringst vor, daß eine Mauleselin ein Junges geworfen habe. Ein wunderbares Ereigniß, weil es sich nicht oft begibt; aber wäre es nicht möglich gewesen, so wäre es nicht geschehen. Und Dieß soll hiemit gegen alle Wunderzeichen gesagt seyn: daß nie Etwas, das nicht hat geschehen können, geschehen ist; hat es aber geschehen können, so ist es kein Wunder. Bei einer neuen Erscheinung erregt nämlich die Nichtkenntniß der Ursachen Verwunderung. Kennen wir aber bei oft vorkommenden Fällen die Ursachen nicht, so wundern wir uns darum nicht. Denn Wer sich verwundert, daß eine Mauleselin ein Junges geworfen, weiß darum noch nicht, wie eine Stute wirft, oder überhaupt nach welchem Naturgesetze die Geburt eines Thieres erfolgt. Aber was er öfters sieht, darüber verwundert er sich nicht, gesetzt er weiß auch nicht, warum es geschieht. Was er vorher nicht gesehen hat, Das nennt er, wenn es sich ereignet, ein Wunderzeichen. Liegt nun das Wunder darin, daß die Mauleselin trächtig geworden ist, oder daß sie geworfen hat? das Trächtigwerden ist vielleicht widernatürlich, das Werfen so ziemlich nothwendig.

23. Doch wozu Mehreres? Werfen wir einen Blick auf den Ursprung der Haruspicin, dann werden wir am leichtesten ihren Gehalt und Werth beurtheilen können. Die Sage meldet, es sey ein gewisser Tages in dem Gebiete von Tarquinii bei'm Aufpflügen des Bodens, als man eine ungewöhnlich tiefe Furche gezogen, auf einmal zum Vorschein gekommen, und habe den Pflüger angeredet. Dieser Tages soll nach den Büchern der Etrusker in Knabengestalt erschienen seyn, aber mit der Klugheit eines Greisen begabt. Als der Pflugstiertreiber bei seinem Anblick in Erstaunen gerathen und vor Verwunderung einen lauten Schrei ausgestoßen habe, seyen die Leute herbeigelaufen, und in kurzer Zeit habe sich ganz Etrurien an derselben Stelle eingefunden. Da habe Jener dann vor einer Menge von Zuhörern Mehreres gesprochen, und Diese haben alle seine Worte aufgefaßt und schriftlich aufgezeichnet; der ganze Inhalt Dessen aber, was er gesprochen, seyen die die Haruspicin umfassenden Kenntnisse. Der Umfang derselben habe nach und nach zugenommen, nachdem man neue Erscheinungen beobachtet und sie unter dieselben Grundsätze gebracht. Das haben sie uns mitgetheilt, Das bewahren sie schriftlich auf, Das ist die Quelle ihres Wissens. Brauchen wir nun zu dessen Widerlegung einen Carneades, einen Epicurus? Ist wohl Jemand so albern, zu glauben, es sey ein soll ich sagen Gott oder Mensch? ausgepflügt worden. Ein Gott? wozu soll er sich wider seine Natur in die Erde versteckt haben, um durch den Pflug zum Vorschein gebracht, das Tageslicht zu erblicken? Konnte denn dieser Gott den Menschen seine Belehrung nicht von oben herab ertheilen? Und war jener Tages ein Mensch, wie konnte er mit Erde zugedeckt leben? woher konnte er ferner, was er Andere lehrte, selbst gelernt haben? Doch ich bin wohl noch alberner, als Die, welche dergleichen Zeug glauben, da ich so lange gegen sie spreche.

24. Wie witzig ist dagegen die bekannte Aeußerung des Cato, der einmal sagte, er wundere sich, daß ein Haruspex, wenn er einem Haruspex begegne, das Lachen halten könne. Denn die wievielste ihrer Voraussagungen trifft denn ein? und trifft einmal eine ein, was läßt sich für ein Grund angeben, warum es nicht durch Zufall geschehen seyn sollte? Als Hannibal in seiner Verbannung bei dem Könige Prusias Diesem einmal rieth, eine entscheidende Schlacht zu liefern, und der König sagte, er wage es nicht, weil die Opfereingeweide es widerrathen, erwiederte er ihm: Du willst also einem Stückchen Kalbfleisch mehr vertrauen, als einem erfahrenen Feldherrn?« Ja, ist nicht Cäsar selbst, als er von einem besonders berühmten Haruspex gewarnt wurde, ja nicht vor dem kürzesten Tage nach Africa überzusetzen, dennoch abgesegelt? Hätte er es nicht gethan, so hätte sich das ganze feindliche Heer an Einer Stelle gesammelt. Wozu soll ich aber solche Prophezeiungen anführen (und ich wüßte deren unzählige), wo entweder, was die Haruspices geweissagt, garnicht, oder wo das Gegentheil eintraf? In dem letzten Bürgerkriege, unsterbliche Götter! wie viele trogen da nicht! Was sind uns von Rom nach Griechenland für Antworten, die die Haruspices ertheilten, gemeldet worden! Was ward nicht dem Pompejus geweissagt! Denn dieser Mann gab gar viel auf Opfereingeweide und Wunderzeichen. Ich mag sie gar nicht erwähnen, und brauche es auch nicht, besonders dir gegenüber, der du dabei warst. Du siehst jedoch, daß fast von Allem, was prophezeit worden, gerade das Gegentheil geschehen ist. Doch genug davon. Jetzt zu den Wunderzeichen.

25. Du hast Vieles, was ich selbst als Consul geschrieben, auswendig hergesagt, vieles vor dem Marserkriege vom Sisenna Gesammelte beigebracht, Vieles, was den Lacedämoniern vor der unglücklichen Schlacht bei Leuctra vorgekommen, aus dem Berichte des Callisthenes erwähnt. Ueber diese Einzelnheiten werde ich mich, so weit es mir nöthig scheinen wird, erklären. Jetzt aber auch Etwas im Allgemeinen. Was hat es denn mit jener von den Göttern ausgehenden Andeutung und gleichsam Drohung von Unglücksfällen für eine Bewandtniß? Was wollen denn die unsterblichen Götter damit, indem sie uns erstlich Das andeuten, was wir ohne Dolmetscher nicht verstehen können, und zweitens Dinge, die zu verhüten nicht in unserer Macht steht? Thun Dieß doch wohlwollende Menschen nicht einmal, daß sie ihren Freunden bevorstehende Unfälle voraussagen, denen Diese auf keine Weise entfliehen können; wie die Aerzte, wiewohl sie es oft klar einsehen, dennoch den Kranken nicht sagen, daß sie an dieser Krankheit sterben werden. Alle Vorausverkündigung eines Uebels kann ja nur dann dankenswerth erscheinen, wenn zu der Ankündigung auch das Mittel, ihm zu entgehen, gefügt wird. Was haben also die Wunderzeichen oder ihre Erklärer den Lacedämoniern oder noch neuerlich den Unsrigen geholfen? Muß man dergleichen für göttliche Andeutungen nehmen, warum waren sie so dunkel? Geschehen sie, damit wir verstehen sollten, was sich ereignen werde, so mußte Dieß offen erklärt werden, oder nicht einmal versteckt, wenn wir Nichts davon wissen sollten.

26. Alle Vermuthung aber, auf die sich die Weissagung stützt, nimmt durch die Individualität der Menschen oft vielerlei und verschiedene oder auch widersprechende Richtungen. Denn wie bei gerichtlichen Verhandlungen die Vermuthung des Anklägers eine andere ist, als die des Vertheidigers, und doch Beide Recht haben können, so findet in allen Dingen, denen man durch Vermuthung auf den Grund zu kommen sucht, etwas Schwankendes und Zweideutiges Statt. Bei Dingen aber, die die Natur oder der Zufall herbeiführt (zumal da auch die Aehnlichkeit zuweilen zu Mißgriffen verleitet), ist es höchst thöricht, die Götter zu deren Urhebern zu machen, ohne nach ihren Ursachen zu fragen. Du glaubst, die Böotischen Seher haben zu Lebadia aus dem Geschrei der Hähne, den bevorstehenden Sieg der Thebaner erkannt, weil die Hähne, wenn sie besiegt seyen, zu schweigen, als Sieger zu krähen pflegen. Also durch Hühner gab Jupiter einem so bedeutenden Staate so ein Zeichen? Schreien denn jene Vögel nie, außer wenn sie gesiegt haben? Aber gerade damals schrien sie, und hatten doch nicht gesiegt. Das ist eben, wirst du erwiedern, das Wunderzeichen. Wahrhaftig ein auffallendes. als ob Fische, nicht Hähne gekräht hätten! Gibt es denn eine Zeit, wo jene nicht krähen, sey es bei Nacht oder bei Tage? Und werden sie, wenn sie Sieger sind, durch Siegesfreude und Lust zum Schreien aufgeregt, so konnten sie auch wohl durch eine andere Lust zum Krähen aufgeregt worden seyn. Democritus erklärt wirklich am besten, warum die Hähne vor Tag krähen. Wenn nämlich die Speise ihnen nicht mehr auf der Brust liege, sondern in den Körper vertheilt und verdaut sey, da lassen sie, wenn sie ausgeruht hätten, ihre Stimme erschallen, und im Schweigen der Nacht, wie Ennius sagt,

Tönen sie günstig aus röthlichem Halse, drücken die Flügel schlagend an.

Da also dieses Thier von selbst so sanglustig ist, wie konnte es dem Callisthenes in den Sinn kommen, zu sagen, die Götter haben den Hähnen den Wink zum Singen gegeben, da Dieß entweder die Natur oder der Zufall hatte bewirken können?

27. Der Senat erhielt die Meldung, daß es Blut geregnet habe, daß ein Fluß von Blute geschwärzt geflossen sey, daß Götterbilder geschwitzt haben. Meinst du, solchen Nachrichten würde Thales oder Anaxagoras oder irgend ein Physiker Glauben geschenkt haben? Kann ja weder Schweiß noch Blut anders woher, als aus einem Körper kommen. Aber eine Verfärbung, besonders durch Bespülung irgend einer Erdart kann dem Blute ähnlich seyn, und eine von aussen angeschlagene Feuchtigkeit, wie wir bei'm Südwind an begypsten Wänden sehen, sieht ganz dem Schweiße gleich. In einem Kriege kommen dergleichen Dinge den Leuten häufiger und bedeutsamer vor, im Frieden werden sie weniger beachtet. Ueberdieß wird in (Zeiten) der Furcht und Gefahr so Etwas leichter geglaubt und ungestrafter erdichtet. Sollten wir aber so schwach und gedankenlos seyn, es für eine ausserordentliche Erscheinung zu halten, wenn Mäuse Etwas benagt haben, die ja sonst eben gar Nichts thun? Und wirklich erklärten vor dem Marsischen Kriege die Haruspices es für ein bedenkliches Vorzeichen, daß die Schilde zu Lanuvium, wie du vorhin sagtest, von Mäusen angenagt worden waren. Als ob es nicht einerlei wäre, ob Mäuse, die Tag und Nacht an Etwas herumnagen, Schilde oder Siebe benagt haben. Denn wenn wir aus so Etwas Schlüsse ziehen wollen, so mußte ich, weil neulich in meinem Hause die Mäuse Plato's Republik benagten, wegen der Republik in Sorgen gerathen; oder, wenn Epicur's Buch von den Genüssen benagt worden wäre, müßte ich denken, die Lebensmittel auf dem Speisemarkt werden theurer werden.

28. Oder erschrecken wir etwa davor, wenn es heißt, es habe irgend ein Hausthier oder ein Mensch eine Mißgeburt geboren? Alle dergleichen Dinge, um es kurz zu machen, haben einen Grund. Denn was entsteht, mag es seyn, was es will, hat nothwendig eine Naturursache seiner Entstehung, so daß es, sey es auch gegen die Gewohnheit entstanden, dennoch nicht hat gegen die Natur entstehen können. Kommt dir also eine neue und wunderbare Sache vor, so spüre, wenn du kannst, ihrer Ursache nach. Findest du keine, so sey dennoch überzeugt, daß ohne Ursache nichts habe geschehen können, und wehre den Schrecken, den dir allenfalls das Ungewohnte der Erscheinung verursacht hat, durch die Ueberzeugung ab, daß es dennoch natürlich sey. So wird dich weder ein Getöse (im Innern) der Erde, noch ein Himmelsspalt, noch ein Stein- oder Blutregen, noch das Schießen eines Sternes, noch brennende Fackeln am Himmel erschrecken. Frage ich den Chrysippus nach den Ursachen aller dieser Erscheinungen, so wird gerade dieser Vertheidiger der Weissagung niemals sagen, sie seyen zufälliger Weise geschehen, sondern von allen eine natürliche Ursache angeben. Denn ohne Ursache kann Nichts geschehen, und es geschieht Nicht, was nicht geschehen kann; ist aber geschehen, was geschehen konnte, so darf man es nicht als ein Wunder ansehen. Es gibt also keine Wunder. Und ist das, was selten vorkommt, für ein Wunder anzusehen, so ist ein Weiser eine Wundererscheinung. Denn ich glaube, daß so selten auch eine Mauleselin geboren haben mag, ein Weiser doch eine noch größere Seltenheit ist. Der Schluß hat also seine Richtigkeit: es ist weder je Etwas geschehen, was nicht hat geschehen können, noch ist, was geschehen konnte, ein Wunder, folglich gibt es gar kein Wunder. Darum soll auch ein Deuter und Erklärer solcher Wundererscheinungen nicht unwitzig einem Menschen, der es ihm als ein Wunderzeichen vortrug, daß sich in seinem Hause eine Schlange um einen Riegel gewunden habe, geantwortet haben: dann wäre es ein Wunderzeichen, wenn der Riegel sich um die Schlange herum gewickelt hätte. Durch diese Antwort gab er wohl deutlich genug zu verstehen, man müsse, was geschehen könne, für kein Wunder ansehen.

29. C. Gracchus hat an den M. Pomponius geschrieben, es seyen die Haruspices von seinem Vater zusammen berufen worden, als man zwei Schlangen in seinem Hause gefangen habe. Warum denn gerade bei Schlangen mehr als bei Eidechsen oder Mäusen? Weil die letztern alltäglich sind, jene nicht. Als ob bei dem, was geschehen kann, Etwas darauf ankäme, wie oft es geschehe. Ich kann indessen doch nicht begreifen, wenn das Loslassen des Weibchens dem Tiberius Gracchus den Tod zuzog, das Loslassen des Männchens aber der Cornelia tödtlich seyn sollte, warum er denn eine hinaus gelassen hat. Denn er schreibt nicht, daß die Haruspices gesagt hätten, was auf den Fall geschehen würde, wenn keine von beiden Schlangen hinausgelassen würde. »Aber es starb doch Gracchus wirklich darauf.« Daran war, denke ich, eine schwere Krankheit, nicht das Hinauslassen der Schlange Schuld; denn so unglückliche Propheten sind die Haruspices nicht, daß nicht einmal irgend wann durch Zufall geschieht, was sie prophezeit haben.

30. Darüber jedoch würde ich mich wundern, wenn ich es glaubte, daß, wie du sagtest, bei Homer Kalchas aus der Zahl der Sperlinge die Dauer des Trojanischen Krieges schloß, von dessen Vermuthung Agamemnon [wie ich einmal in einer freien Stunde es übersetzt habe] Folgendes spricht: Die Stelle ist Ilias II, 299. Wir haben aber absichtlich nicht den Homer, sondern Cicero's Uebersetzung desselben übersetzt, damit die Leser Cicero's Abweichungen vom Original in der Vossischen Uebersetzung vergleichen können.

Duldet, Männer, und traget mit Muth schwerdrückende Mühsal,
Daß wir erkennen den Schicksalsspruch des Verkündigers Kalchas,
Ob in Erfüllung er geht, ob aus täuschendem Sinn er hervorging.
Allen noch liegt in gedenkender Brust vor dem Geist die Erscheinung,
Die nicht das Todesgeschick aus dem Reich der Lebendigen wegriß.
Als von Argolischen Schiffen zuerst ward Aulis umkleidet,
Welche Vernichtung und Tod dem Priamus brachten und Troja,
Sah'n wir am kühlenden Born, wo der Dampf von Altären emporstieg,
Wo mit vergoldeten Hörnern die Stier', als Sühne den Göttern
Standen zum Opfer, am rieselnden Quell, bei dem schattigen Ahorn,
Wie sich ein gräßlicher Drache, ein Ungeheuer, in Ringeln
Nahte, durch Zeus Antrieb, und vom Altar plötzlich hervordrang;
Der auf des Ahorns Ast die von schützenden Blättern geborgnen
Jungen ergriff, und als er die acht raubgierig verschlungen,
Flattert die neunte, die Mutter, umher mit bebendem Kreischen,
Aber mit grausamem Bisse zerfleischt sie der gierige Drache.
Als er die Jungen, die zarten, und selbst auch die Mutter gemordet,
Ließ ihn der Vater Cronion, der her an den Tag ihn gesendet,
Wieder verschwinden, und wandelt ihn um zum erharteten Felsstück.
Aber verschüchtert standen wir da ob dem furchtbaren Wunder,
Das sich begab in der Mitte der heiligen Götteraltäre.
Da sprach Kalchas, der Seher, mit zuversichtlicher Stimme:
»Was denn starr vor Staunen erbebt ihr auf einmal Achiver?
Sendet der Vater der Götter doch selbst dieß Zeichen als Wunder,
Langsam und spät zu erfüllen; doch unvergänglichen Ruhmes.
So viel Vögel ihr sahet gewürgt vom Zahne des Unthiers,
So viel werden wir Jahre des Kriegs ausdulden vor Troja.
Aber im zehenten fällt es, und satt wird Hellas von Rache.«
Dieß hat Kalchas enthüllt, was jetzo gereift ihr erblicket.

Was ist das für eine Weissagung, aus der Zahl der Sperlinge eher auf Jahre, als auf Monate oder Tage zu schließen? Und warum richtet er seine Vermuthung nach den Sperlingen, bei welchen doch gar nichts Ausserordentliches war, und schweigt vom Drachen, der, was ganz unmöglich war, in Stein verwandelt worden seyn soll? Und endlich, frage ich, wie kommen Sperlinge und Jahre zusammen? Denn von der Schlange, die Sulla plötzlich bei seinem Opfer erblickte, weiß ich noch recht gut, erstlich, daß Sulla, als er ausrücken wollte, opferte, zweitens, daß eine Schlange unter dem Altar hervorgekommen ist, und drittens, daß er an demselben Tage die Schlacht glänzend gewonnen, nicht weil es ihm die Haruspices prophezeit, sondern weil er ein einsichtsvoller Feldherr war.

31. Die Gattungen von Wunderzeichen aber haben gar nichts Wunderbares, die, wenn sie geschehen sind, auf irgend eine Weise durch eine Vermuthung gedeutet werden, wie z. B. jene Weizenkörner, die in den Mund des jungen Midas zusammen getragen worden; oder die Bienen, von denen du erzählt hast, sie seyen auf den Lippen des Knaben Plato gesessen. Das sind nicht sowohl wunderbare Erscheinungen, als artige Vermuthungen: die indessen entweder an sich falsch seyn konnten, oder wobei das Vorausgesagte auch reiner Zufall seyn kann. Was vom Roscius erzählt wird, nämlich, daß er von einer Schlange umwunden gewesen, das kann erdichtet seyn; allein daß in der Wiege sich eine Schlange gefunden hat, ist so wunderbar eben nicht, besonders im Solonium, wo sich die Schlangen häufig als Heerde einzufinden pflegen. Denn daß die Haruspices daraus prophezeiten, er werde ein ausserordentlich berühmter und ausgezeichneter Mann werden, da muß ich mich doch sehr wundern, daß die unsterblichen Götter einem künftigen Schauspieler Berühmtheit voraus andeuteten, dem Scipio Africanus aber nicht. Doch du hast ja auch die Flaminianischen Wunderzeichen zusammengestellt. Daß er mit seinem Pferd auf einmal gestürzt ist, darin finde ich nichts Wunderbares. Daß das Feldzeichen des ersten Zuges der Lanzenträger sich nicht herausreissen ließ nun, da zog eben vielleicht der Adlerträger etwas ängstlich (an dem Schaft) den er recht muthig hineingesteckt hatte. Denn was war denn an dem Pferde des Dionysius zu verwundern, daß es aus dem Flusse wieder herauskam? und daß Bienen an seiner Mähne waren? Aber weil er kurze Zeit darauf zur Alleinherrschaft gelangte, so galt, was zufällig geschehen war, für ein Wunderzeichen. »Aber zu Lacedämon tönten die Waffen im Herculestempel und die Thürflügel [im Tempel] desselben Gottes zu Thebä, die verschlossen gewesen waren, öffneten sich plötzlich von selbst; die hoch oben befestigten Schilde fand man auf dem Boden.« Da von allem Diesem nichts ohne irgend eine Erschütterung geschehen konnte, welchen Grund haben wir denn, hier vielmehr einen göttlichen Einfluß, als einen Zufall anzunehmen?

32. »Aber dem Standbilde des Lysander zu Delphi wuchs auf einmal auf dem Haupte ein Kranz von stachlichten Kräutern hervor.« Wirklich? Du glaubst also, es sey der Kräuterkranz entstanden, ohne daß vorher der Saame dazu empfangen worden? Wilde Kräuter aber, glaube ich, waren es, von Vögeln zusammengetragen, nicht von Menschen gesä't. Nun kann leicht, was auf dem Kopfe ist, einem Kranze gleich sehen. Daß du aber erzählt hast, es seyen zu derselben Zeit die goldenen Sterne des Castor und Pollux zu Delphi herunter gefallen, und nirgends mehr gefunden worden, das scheint wohl eher eine That der Diebe, als der Götter. Daß aber der böse Streich, den ein Affe zu Dodona gespielt, in Griechischen Geschichtsbüchern aufgezeichnet worden, darüber muß ich mich sehr wundern. Gibt es denn etwas weniger Wunderbares, als daß dieses so abscheuliche Thier eine Urne umgeworfen und die Loose zerstreut hat? Und da setzen die Geschichtschreiber hinzu, nie sey den Lacedämoniern ein traurigeres Wunderzeichen vorgekommen, als dieses! Die Prophezeiungen der Vejenter aber, daß, wenn der Albanische See überlaufen und in's Meer fließen werde, Rom zu Grunde gehe, wenn er zurückgedämmt würde, Veji ** da, glaube ich, wurde das Wasser des Albanersees zum Vortheil des angebauten Bodens auf unserem Stadtgebiet abgeleitet, und nicht, damit die Stadt und das Capitolium nicht zu Grunde gehe. »Aber kurz darauf ward die Stimme eines Warnenden vernommen: man sollte sich in Acht nehmen, daß Rom nicht von den Galliern eingenommen werde; und daher soll ja dem Ajus Loquens auf der neuen Straße ein Altar geweiht worden seyn.« Was ist's dann? der Ajus Loquens sprach [ ajebat] und redete [ loquebatur], als Niemand ihn kannte, und hat davon den Namen bekommen, nachdem er aber einen Wohnsitz, einen Altar und einen Namen erhalten, ist er verstummt? Dasselbe läßt sich auch von der (Juno) Moneta [Warnerin] sagen; denn sind wir je, außer wegen jenes trächtigen Schweines, durch sie bei irgend Etwas gewarnt worden?

33. Genug über die Wunderzeichen. Noch sind uns die Auspicien übrig, und diejenigen Loose, die gezogen werden, nicht die (auch sortes [Loose] genannten Weissagesprüche) die in prophetischer Begeisterung ausgesprochen werden, die wir richtiger Orakel nennen, und über die wir dann sprechen werden, wenn wir auf die natürliche Weissagung kommen. Auch ist noch über die Chaldäer zu sprechen. Doch wir wollen erst über die Auspicien in's Reine kommen. Ein Augur, der gegen sie sprechen will, hat einen harten Stand. Doch vielleicht nur ein Marsischer, ein Römischer ganz und gar nicht. Denn wir Auguren sind keine Leute, die aus der Beobachtung der Vögel und übrigen Vorzeichen die Zukunft prophezeien. Und doch glaube ich, Romulus, der nach Auspicien die Stadt gründete, war wirklich der Meinung, es gebe für die Vorausschauung der Dinge eine Augurenwissenschaft [denn das Alterthum hatte in vielen Stücken falsche Ansichten], die wir nun freilich gegenwärtig durch den Gebrauch, die (gesteigerte) Bildung oder durch das Alter in anderer Gestalt erblicken. Man behält aber, theils um die Vorurtheile des Volkes zu schonen, theils weil es wirklich dem Staate sehr vortheilhaft ist, die Sitte, die religiöse Achtung, die Schule und das Recht der Auguren, nebst dem Ansehen ihres Collegiums bei. Und ich erkläre bestimmt, daß die Consuln P.Claudius und L.Junius allerdings die strengste Bestrafung verdient haben, weil sie gegen die Auspicien absegelten. Denn sie hätten der religiösen Warnung gehorchen, und nicht die vaterländische Sitte so frech verhöhnen sollen. Recht ist also dem Einen geschehen, daß ihm das Volk das Urtheil gesprochen hat, und der Andere hat sich mit Recht selbst den Tod gegeben. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht. Darum kam er mit dem Heere um. Aber das Jahr darauf gehorchte Paullus. Ist er darum nicht dennoch in der Schlacht bei Cannä gefallen? Denn gesetzt, es wären auch Auspicien möglich, was ich läugne, so ist wenigstens Das, was bei uns üblich ist, sey es das Tripudium, oder Beobachtungen am Himmel, ein bloßer Schatten von Auspicien, Auspicien keinesweges.

34. Quintus Fabius, du mußt mein Gehülfe bei'm Auspicium seyn. Wir haben hier die alten Auspicienformeln. »Gut,« antwortet Dieser. Zu diesem Beistande wurde bei unsern Vorfahren ein Kundiger gezogen, jetzt der nächste Beste. Ein Kundiger aber muß nothwendig Der seyn, welcher versteht, was Stille [silentium] heißt. So nennen wir nämlich in den Auspicien Das, wenn von keiner Seite eine Störung ist. Das zu verstehen, dazu wird ein ausgelernter Augur erfordert. Wenn nun Der, welcher die Auspicien hält, Dem, welcher als Gehülfe gebraucht wird, die Vorschrift gegeben hat: » Sprich, wenn Stille zu seyn scheint,« blickt Dieser weder auf noch um, sondern antwortet gleich: » es scheint Stille zu seyn.« Jener dann wieder. » Sprich, wenn sie fressen.« » Sie fressen.« »Welche Vögel? oder wo?« »Es hat, spricht er, der Mann die Hühner im Käfig gebracht,« der eben davon pullarius [Hühnerwärter] heißt. Das sind also die Vögel, die Vermittlungsboten Jupiters; ob diese fressen oder nicht, was liegt daran? Für die Auspicien Nichts. Allein weil, wenn sie fressen, nothwendig ihnen etwas aus dem Munde fällt und auf den Boden schlägt [ pavit], so hat man es anfangs terripavium [Bodenschlag], später terripudium genannt, und das heißt gegenwärtig tripudium. Ist nun ein Bissen aus dem Munde des Huhns gefallen, dann wird Dem, der die Auspicien hält, ein tripudium solistimum [ein erwünschtes] gemeldet.

35. Kann nun dieses so erzwungene und (gleichsam) erpreßte Auspicium etwas (durch göttlichen Einfluß) Prophetisches in sich haben? Daß sich dessen die ältesten Auguren nicht bedienten, davon ist Das ein Beweis, daß wir einen alten Beschluß des Collegiums haben, jeder Vogel könne ein Tripudium machen. Dann also wäre es ein Tripudium, wenn es dem Thiere freigestanden wäre, ob es sich hätte zeigen wollen. Dann wäre es möglich, jenen Vogel als Willensverkünder und Trabanten Jupiters zu betrachten. Ist aber, wenn er im Käfig eingeschlossen und ausgehungert über den Breibissen herfährt, und Etwas aus seinem Munde fällt, Das, meinst du, sey ein Auspicium, oder auf solche Weise habe Romulus gewöhnlich Auspicien gehalten? Ferner den Himmel zu beobachten, pflegten, denkst du, nicht Die selbst, die Auspicien hielten? Jetzt heissen sie es den Hühnerwärter, und Dieser meldet es dann. Einen Blitz von der Linken halten wir für das beste Auspicium für alle Gegenstände, außer für die Comitien; eine Einrichtung, die aus politischen Gründen so veranstaltet ist, daß bei den Comitien, werden sie nun zum Zwecke der Volksgerichte, oder für die Gesetzgebung, oder für die Beamtenwahlen gehalten, ihre Gültigkeitserklärung von den Ersten im Staate abhangen möchte. »Aber es haben ja auf das Schreiben des Tiberius Gracchus hin die Consuln Scipio und Figulus, auf die Erklärung der Auguren, es sey bei ihrer Wahl (gegen die Auspicien) gefehlt worden, ihr Amt niedergelegt.« Wer läugnet denn, daß die Auguren nach Regeln verfahren? Die Weissagung läugne ich. »Aber die Haruspices weissagen doch. Denn als Tiberius Gracchus sie wegen des plötzlichen Todesfalls Desjenigen, der bei der Angabe der Tribus, die zuerst stimmen sollte, zu Boden gestürzt war, vor den Senat hineingeführt hatte, erklärten sie, der Rogator bei den Comitien sey den Göttern nicht wohlgefällig gewesen.« Erstlich könnte ihre Erklärung blos auf den Rogator der Comitien (nicht auf die Consuln) gegangen seyn; denn Dieser war gestorben. Das konnten sie aber ohne Weissagungskunst, aus Vermuthung sagen. Zweitens hatte vielleicht hier der Zufall sein Spiel; und diesen darf man auf keine Weise aus diesem Gebiete verweisen. Denn was konnten die Etruscischen Haruspices von der rechten Wahl des Auspicienzeltes oder von dem Rechte des Stadtzwingers wissen? Ich meines Theils stimme lieber dem C.Marcellus, als dem Appius Claudius bei, welche Beide meine Collegen waren, und glaube, das Recht der Auguren sey, obgleich anfangs in dem Glauben an die Möglichkeit der Weissagung eingeführt, späterhin blos aus politischen Gründen noch stehen gelassen und beibehalten worden.

36. Doch über diesen Punkt anderswo ausführlicher, hier nicht weiter. Ich will nämlich noch einen Blick auf die Augurien des Auslandes werfen, die nicht sowohl künstlich, als kindisch [eig. abergläubisch] sind. Anderswo braucht man fast alle Vögel dazu; wir sehr wenige. Andere [Auspicien] halten die fremden Völker für günstig, andere wir. Deiotarus fragte mich mehrmals über das Verfahren bei unsern Auspicien, ich ihn, wie es bei ihm gehalten werde. Unsterbliche Götter! welcher Unterschied! Manches war geradezu widersprechend. Und dieser Auspicien bediente sich der Mann immer. Wie oft wenden wir sie an, außer wenn sie uns vom Volke übertragen sind? Unsere Vorfahren litten nicht, daß im Kriege ohne vorher gehaltene Auspicien irgend Etwas unternommen werde. Wie viele Jahre her werden jetzt Kriege von Proconsuln und Proprätoren geführt, die gar keine Auspicien haben? Man hält also auch keine, ehe man über einen Fluß setzt, noch holt man Auspicien durch das Tripudium ein. Die Auspicien aber aus den Lanzenspitzen, ein ganz kriegerisches Auspicium, hat schon M.Marcellus, der fünfmal Consul war, ganz aufgegeben, und war doch ein trefflicher Feldherr und Augur zugleich. Wo bleibt nun die Weissagung durch Vögel? Weil gegenwärtig die Kriege unter der Leitung von Befehlshabern stehen, die gar keine Auspicien haben, so scheinen sie für die militärischen Beamten aufgegeben zu seyn, und nur noch von den städtischen beibehalten zu werden. Jener Feldherr sagte sogar, er reise, wenn er eine kriegerische Unternehmung vorhabe, in einer bedeckten Sänfte, um nicht durch ein vorkommendes Auspicium daran verhindert zu werden. Fast derselbe Fall ist, daß wir Auguren, damit sich kein juge auspicium Festus erklärt das durch die Worte: cum junctum jumentum stercus fecisset: wenn zusammengejochte Rinder Mist machen. ereigne, vorschreiben, man soll dem Zugvieh das Joch abnehmen. Heißt das etwas Anderes, als sich vom Jupiter nicht warnen lassen wollen, wenn man entweder macht, daß sich kein Auspicium ereignen kann, oder daß man es nicht sieht?

37. Denn Das ist einmal gar zu lächerlich, was du vom Deiotarus erzählst; er habe es nämlich nicht bereut, den ermunternden Auspicien, als er sich an den Pompejus anschließen wollte, gefolgt zu seyn, weil er, indem er sein Wort und den mit dem Römischen Volke geschlossenen Freundschaftsbund gehalten, seine Pflicht erfüllt habe; denn die (wahre) Ehre und der (wahre) Ruhm seyen ihm lieber, als sein Thron und seine Besitzungen gewesen. Das will ich glauben. Aber die Auspicien geht es doch nichts an. Denn die Krähe konnte ihm doch nicht zukrähen, er handle recht, daß er die Freiheit des Römischen Volkes zu vertheidigen sich anschicke. Seine Wahl war nur Folge seiner Grundsätze. Die Vögel kündigen günstige oder ungünstige Erfolge an. Aber (nicht ihrem, sondern) der Tugend Auspicien ist hier offenbar Deiotarus gefolgt, und diese gebietet, ohne Rücksicht auf das Glück, Wort zu halten. Haben ihm die Vögel aber glücklichen Erfolg versprochen, so haben sie ihn ohne Weiteres getäuscht. Er floh aus der Schlacht mit dem Pompejus. Ein schweres Mißgeschick. Er trennte sich von ihm. Jammervolles Ereigniß. Er mußte den Cäsar zu gleicher Zeit als Feind und als Gast bei sich sehen. Gibt es etwas Kränkenderes? Cäsar nahm ihm die Tetrarchie der Trogmer, und gab sie einem Menschen aus Pergamus, der es mit ihm hielt, Mithridates, der nach Hirt. (Bell. Alex. 78.) doch aus königlichem Stamme war. entzog ihm Armenien, das ihm der Senat gegeben hatte, und ließ sich noch dazu von Deiotarus auf's glänzendste beherbergen; und so verließ er seinen königlichen Gastwirth rein ausgeplündert. Doch ich schweife zu weit ab, zurück zur Sache. Fragen wir nach dem Erfolge, den man durch die Vögel erfahren will, so war er dem Deiotarus in keiner Hinsicht günstig. Fragen wir nach den Pflichten, die hat ihn sein Edelmuth, nicht der Vögelflug gelehrt.

38. Gib also den Lituus des Romulus Preis, von dem du sagst, ihn habe bei einem ungeheuern Brande das Feuer nicht verzehren können; laß den Wetzstein des Attius Navius fahren. Erdichtungen und Mährchen gebührt kein Raum in der Philosophie. Das war die Aufgabe eines Philosophen, erstens der Natur des ganzen Augurienwesens auf den Grund zu sehen, darin seiner Entstehungsgeschichte und endlich seiner Consequenz nachzuspüren. Was ist es denn nun für ein Etwas, das die Vögel in Kreuz- und Queer-Richtungen herum zu fliegen antreibt, um Etwas anzudeuten, bald von Etwas abzumahnen, dann dazu aufzumuntern, sey es durch Stimme oder Flug? und warum ist den einen Vögeln verliehen, daß sie von der Linken, den andern, daß sie von der Rechten her ein gültiges Auspicium bewirken können? Und wie soll man denn darauf gekommen seyn, oder wann, oder Wer zuerst? Die Etruscer haben doch einen ausgeackerten Knaben zum Erfinder ihrer Kunst. Wen wir denn? den Attius Navius? Allein Romulus und Remus, Beide Auguren, wie man uns berichtet, sind um mehrere Jahre älter. Oder sollen wir das Ganze für eine Erfindung der Pisidier, oder der Cilicier, oder der Phrygier erklären? Und wir wollten Die, denen rein menschliche Bildung abgeht, zu Urhebern übermenschlicher Lehre machen?

39. »Aber es bedienen sich ja alle Könige, Völker und Nationen der Auspicien.« Als ob Etwas so verbreitet wäre, wie die Thorheit! oder als ob du selbst das Urtheil des großen Haufens für einen Beweis der Wahrheit gelten ließest! Wie Viele gibt es denn, die die Sinnenlust nicht für etwas Gutes erklären? Die Meisten nennen sie gar das höchste Gut. Lassen sich darum die Stoiker durch ihre Ueberzahl bestimmen, ihren Grundsatz aufzugeben? oder richtet sich in den meisten Dingen der große Haufe nach ihrem Vorgange? Was Wunder also, wenn in den Auspicien und jeder Art der Weissagung Schwachköpfe nach jenem abergläubischen Zeug greifen, für das Wahre aber keinen Sinn haben? Und wo ist denn unter den Auguren eine feste und sichere Uebereinstimmung? Nach unserer Augurien Weise sagt Ennius:

Wenn von der Linken der Donner bei heiterem Himmel erwünscht hallt. Aus den Annalen des Ennius II, 5.

Aber der homerische Ajax, der sich bei Achilles über die Unbändigkeit der Trojaner, ich weiß nicht in welcher Hinsicht, beschwert, meldet auf folgende Weise:

Günstiges deutet uns Zeus so eben durch Blitze zur Rechten. Durch einen Gedächtnißfehler läßt Cicero diese Worte den Ajax sagen, da sie doch dem Ulysses gehören. Il. IX, 236.

So scheinen uns also die linken, den Griechen und Barbaren die rechten (Blitze) die günstigen. Wiewohl ich allerdings weiß, daß, was günstig ist, bei uns links heißt wenn es auch rechts her kommt. Aber sicher haben die Unsrigen das Linke (günstig) genannt, und die andern Nationen das Rechte, weil dieses Diesen, jenes uns meistentheils das Bessere schien. Welcher Widerspruch! Ja, auch andere Vögel erscheinen Jenen bedeutsam und andere Zeichen. Ihre Art zu beobachten und die Deutung auszusprechen, ist eine andere. Muß man nicht gestehen, daß ein Theil davon auf Rechnung des Irrthums, ein Theil auf Rechnung des Aberglaubens, Vieles auf Rechnung des Betrugs kommt?

40. Und diesen abergläubischen Dingen hast du so unbedenklich auch die Wahrzeichen angereiht: wie Aemilia dem Paullus erzählt, der Persa sey um's Leben gekommen; was dem Vater ein willkommenes Vorzeichen war; wie Cäcilia ihrer Nichte ihren Sitz einräumte. Auch das: Keinen Unheilslaut! und die zuerst zu befragende Tribus als Wahrzeichen bei den Comitien. Das heißt recht gegen sich selbst die Fülle und Gewandtheit seiner Rede kehren. Wann kannst du denn je, wenn du so etwas beachtest, ruhigen und freien Gemüthes seyn, um dich bei ^irgend einer Unternehmung statt vom Aberglauben, von der Vernunft leiten zu lassen? Sonderbar, wenn ein Wort, das Einer in Beziehung auf seine eigenen Angelegenheiten und auf das, was er zu sagen hat, spricht, sich gerade Dem anpaßt, was du vorhast oder denkst, Das sollte dir Besorgniß oder Muth einflößen? Als M.Crassus zu Brundisium sein Heer einschiffte, rief im Hafen ein Mann, der trockene Feigen von Caunus eingeführt hatte und feilbot: Cauneas! [Caunische]. Wenn du Lust hast, so können wir ja sagen, der Mann habe den Crassus gewarnt, er soll sich hüten, abzureisen [durch den Ruf: cav' n'eas: cave ne eas!], und er würde nicht umgekommen seyn, wenn er dem Wahrzeichen gehorcht hätte. Geben wir auf dergleichen Dinge Achtung, so werden wir auch uns ein Bedenken machen müssen, wenn wir den Fuß anstoßen, oder uns ein Schuhriemen reißt, oder über das Nießen. Jetzt habe ich noch von den Loosen und den Chaldäern zu sprechen, und dann komme ich auf die Seher und die Träume.

41. Die Loose also sind auch der Rede werth? Was ist denn ein Loos? Fast Dasselbe, was das Fingerspiel, Digitis micare; was die Italiener jetzt giucar' alla mora nennen. das Würfeln oder Knöchelwerfen; Dinge, bei denen das Ungefähr und der Zufall, nicht Besonnenheit und Plan walten. Die ganze Sache ist zum Betrügen ausgesonnen, oder zum Gewinn, oder aus Aberglauben, oder aus Irrthum. Laß und einmal, wie wir bei der Haruspicin gethan haben, das angebliche Auffinden der berühmtesten Loose beleuchten. Von dem Numerins Suffucius erzählen die Geschichtbücher der Pränestiner, er sey ein rechtschaffener und angesehener Mann gewesen, der durch häufige, am Ende gar bedrohende Traumgesichte aufgefordert worden, einen Kieselstein zu zerhauen, und er sey endlich, durch die Erscheinungen geschreckt, ob ihn gleich seine Mitbürger ausgelacht, daran gegangen; da seyen denn, als der Stein zerbrochen gewesen, Loose herausgefallen, nämlich eichene (Blättchen oder Stäbchen) mit eingeschnittenen uralten Buchstaben. An dem Platze ist heut zu Tage eine Umzäunung, als an einer heiligen Stelle, neben dem Tempel des als Knabe verehrten Jupiter, der als Säugekind mit der Juno auf dem Schoose der Fortuna sitzend und nach der Brust aufstrebend, dort von den Müttern mit besonders beobachteter Züchtigkeit verehrt wird. Um dieselbe Zeit soll an dem Platze, wo jetzt der Tempel der Fortuna steht, Honig aus einem Oehlbaume geflossen seyn, und die Haruspices gesagt haben, jene Loose werden ausserordentlich berühmt werden. Auf ihren Befehl sey sodann aus dem Holze jenes Oehlbaumes ein Kästchen verfertigt und darin die Loose verwahrt worden, die noch heut zu Tage auf den Wink der Fortuna gezogen werden. Was kann nun bei Loosen Zuverläßiges seyn, die auf den Wink der Fortuna von der Hand eines Knaben gemischt und gezogen werden? Und wie sind sie denn an den Platz hingekommen (wo sie gefunden worden)? Wer hat jene Eiche gefällt, in Täfelchen geschnitten und überschrieben? Einer Gottheit, erwiedern sie, ist Nichts unmöglich. Ohätte sie denn doch die Stoiker klug gemacht, damit sie nicht an Alles mit abergläubischer Aengstlichkeit und Erbärmlichkeit glaubten. Doch diese Art der Weissagung ist selbst im gemeinen Leben schon außer Credit gekommen. Die Schönheit des Tempels und das hohe Alter macht allein, daß man auch gegenwärtig noch von den Pränestinischen Loosen spricht: und zwar erst nur der Pöbel. Denn welcher Beamte oder welcher Mann von Auszeichnung bedient sich der Loose? An allen übrigen Orten aber interessirt sich kein Mensch mehr für die Loose. Uebrigens schreibt Clitomachus, Carneades habe sich mehrmals des Ausdrucks bedient, nirgends habe er die Glücksgöttin beglückter gesehen, als zu Präneste. Genug also von dieser Art der Weissagung.

42. Wir gehen zu den Erscheinungen der Chaldäer über, von welchen Eudoxus, ein Zuhörer des Plato, ein Mann, der nach dem Urtheile der Kenner vom ersten Range in der Sternkunde schwerlich seines Gleichen hatte, die Ansicht hatte, die er auch schriftlich hinterließ: die Chaldäer verdienen mit ihrer aus dem Geburtstage eines Menschen berechneten Prophezeiung und Angabe seines Lebensgeschickes gar keinen Glauben. Namentlich sagt auch Panätius, der einzige Stoiker, der die Prophezeiungen der Astrologen verworfen hat, vom Archelaus und Cassander, den größten Astrologen seiner Zeit, sie hätten sich in allen übrigen Theilen der Sternkunde ausgezeichnet, aber von dieser Art der Weissagung nie Gebrauch gemacht. Auch Skylar von Halicarnassus, ein vertrauter Freund des Panätius, dabei ein in der Sternkunde ausgezeichneter Mann, der zugleich an der Spitze der Verwaltung in seinem Vaterlande stand, verwarf das ganze Chaldäische Weissagungswesen. Doch, um methodisch zu verfahren und nach Gründen, wollen wir mit Beiseitsetzung der Zeugen, die Beweisführung Derjenigen vornehmen, welche die Nativitätstellerei der Chaldäer in Schutz nehmen.

Es sey, sagen sie, in dem Gestirnkreise, der Griechisch Zodiacus heißt, eine Kraft, vermöge welcher jeder Theil dieses Kreises, jeder auf eigene Weise, die Bewegung des Himmels veranlasse und bestimme, je nachdem jeder Stern zu jeder bestimmten Zeit zwischen ihnen und den benachbarten Theilen stehe, und diese Kraft werde wieder auf manchfache Weise durch diejenigen Sterne modificirt, welche Irrsterne heissen. Wenn sie aber gerade in den Theil des Kreises kommen, in welchen die Entstehung Desjenigen falle, der geboren wird, oder in den, welcher in einem Verhältnisse mit ihnen oder einer Art von Verwandtschaft steht, so nennen sie das Gedrittscheine und Geviertscheine. Man setze, ein Mensch sey in einem gewissen Zeichen des Thierkreises, z. B. im Sternbilde des Widders, geboren, und der Planet Jupiter stände dann im Löwen, so würde derselbe um den dritten Theil des ganzen Kreises von dem Widder entfernt ( Gedrittschein); stände er im Krebs, so wäre die Entfernung so viel als der vierte Theil des Kreises ( Geviertschein). Denn da die so bedeutenden Abwechslungen und Veränderungen der Jahrszeiten und der Lufttemperatur durch das Zusammen- und Auseinanderrücken der Sterne bewirkt werden, und da durch den Einfluß der Sonne Das geschieht, was wir gewahr werden, so betrachten sie es nicht blos als wahrscheinlich, sondern als gewiß, daß, je nach Beschaffenheit der Lufttemperatur die Kinder bei ihrem Entstehen eine Seele und Gestaltung bekommen, und sich dem zu Folge, die Anlagen, der Character, die Gemüthsart, der Körper, die Lebensführung und Alles, was ihnen Schlimmes und Gutes widerfährt, entfalte.

43. O unbegreifliche Verirrung des Verstandes! Denn nicht jeden Irrthum muß man Thorheit nennen. Doch auch der Stoiker Diogenes gibt ihnen in einem Punkte Etwas zu, nämlich daß sie blos voraussagen können, was Jeder für ein Temperament, und wozu er ein besonderes Talent haben werde. Was sie über Dieses hinaus noch wissen zu können vorgeben, Das, sagt er, sey zu wissen schlechterdings unmöglich; sehen ja doch Zwillingsbrüder einander gleich, während ihr Leben und ihr Schicksal gemeiniglich ungleich sey. So waren die Könige der Lacedämonier, Prokles und Eurysthenes, Zwillingsbrüder. Aber sie erreichten kein gleiches Lebensalter, denn Prokles starb ein Jahr vor seinem Bruder, dabei übertraf er aber Denselben weit an Thatenruhm. Ich aber behaupte, selbst Das, was der ehrliche Diogenes den Chaldäern durch eine Art von Inconsequenz zugesteht, hat keinen vernünftigen Sinn. Denn da, wie sie sagen, der Mond einen Einfluß auf das Entstehen der Geburten hat, und die Chaldäer diejenigen Sterne der Geburtsstunde bemerken und aufzeichnen, die mit dem Monde zusammen zu kommen scheinen, so beurtheilen sie nach dem so trüglichen Sinne des Gesichts Das, wo eigentlich das Auge der Vernunft und des Geistes zusehen sollte. Denn es lehrt die Berechnung der Mathematiker, die Jenen bekannt seyn sollte, wie niedrig die Bahn des Mondes geht, und wie sie fast an die Erde streift; wie weit er entfernt ist von dem nächsten (Wandel-)Sterne, dem Mercur, und noch viel weiter von der Venus; und welcher andere Zwischenraum dann wieder zwischen ihm und der Sonne sey, der er, wie man annimmt, sein Licht verdankt. Die drei übrigen Zwischenräume aber wie unendlich und unermeßlich sind sie nicht! nämlich der von der Sonne bis zum Mars, von da zum Jupiter und von diesem zum Saturnus, endlich bis an's Firmament den letzten und äussersten der Weltkreise. Wie ist nun ein Einfluß aus einer fast unendlichen Entfernung bis auf den Mond, oder vielmehr bis auf die Erde möglich?

44. Und daß sie nun vollends gar sagen [was sie consequenterweise auch sagen müssen] alles Entstehen aller Menschen, die auf der ganzen bewohnten Erde (in einem Momente) erzeugt werden, sey vollkommen gleich, und es müsse nothwendig Allen, die unter gleicher Constellation und Himmelsbeschaffenheit geboren seyen, Dasselbe begegnen; ist diese Behauptung nicht von der Art, daß jene Himmelsdeuter offenbar die Natur des Himmels nicht einmal kennen müssen? Denn da jene Kreise, welche den Himmel gleichsam mitten entzwei theilen und unsern Blick begrenzen, welche von den Griechen genannt werden; und von uns passend finientes [die begrenzenden] genannt werden können, unendlich manchfaltig sind, und jeder Ort seinen eigenen (Horizont) hat; so können unmöglich die Gestirne überall zu gleicher Zeit auf- und untergehen. Wird nun durch ihren Einfluß die Temperatur des Himmels auf verschiedene Weise modificirt, wie kann denn bei der so großen Verschiedenheit des Himmels die Natur der Geborenwerdenden dieselbe seyn? In den von uns bewohnten Gegenden geht einige Tage nach dem Solstitium der Hundsstern auf; bei den Troglodyten, wie wir aufgezeichnet finden, vor dem Solstitium; so daß, gesetzt wir geben nun auch zu, daß der Einfluß des Himmels sich auf die auf der Erde Geborenwerdenden erstrecke, Jene doch zugestehen müssen, daß Die, welche zu gleicher Zeit geboren werden, wegen der ungleichen Beschaffenheit des Himmels (in demselben Moment), eine sehr verschiedene Natur haben können. Und Das ist doch ganz gegen ihre Behauptung. Denn sie bestehen darauf, Allen, die zu gleicher Zeit, wo es auch immerhin sey, geboren werden, stehe genau dasselbe Schicksal bevor.

45. Aber wie widersinnig ist es, [anzunehmen,] es sey bei den ungeheuer großen Bewegungen und Veränderungen des Himmels ganz gleichgültig, welcher Wind oder Platzregen, welche Witterung überhaupt überall sey? Findet doch gerade in diesem Punkte oft in ganz nahe bei einander liegenden Orten eine so große Verschiedenheit Statt, daß (z.B.) oft zu Tusculum ein ganz anderes Wetter als zu Rom ist. Das merken besonders die Seefahrer, wenn sie bei'm Herumfahren um ein Vorgebirge oft auf einmal ganz andere Winde wahrnehmen. Da nun eine so große Abwechselung der Witterung Statt findet, so daß der Himmel bald heiter bald stürmisch ist, wie verträgt es sich mit dem gesunden Menschenverstande, zu sagen, Das habe keinen Einfluß auf die Entstehung der Geborenwerdenden [wie es denn auch gewiß keinen hat], und daneben wieder zu behaupten, etwas auf jeden Fall sehr Zartes, das sich auf keine Weise empfinden, ja kaum denken läßt, wie die Einwirkung des Mondes und der übrigen Gestirne auf die Temperatur des Himmels, habe einen Einfluß auf die Entstehung der Kinder? Ja, daß sie nicht einsehen, daß die Wirksamkeit des Samens, der auf Zeugung und Hervorbringung so einflußreich ist, dadurch gänzlich aufgehoben wird, Das ist doch wohl kein unbedeutender Irrthum? Ist denn Jemand so kurzsichtig, nicht zu begreifen, daß die Kinder in Gestalt, Charakter, häufig auch in Stellung und Bewegung der Abdruck ihrer Eltern sind? Eine Erscheinung, die sich nicht zeigen würde, wenn dieß Alles nicht von der Einwirkung und Natur der Zeugenden abhienge, sondern von der durch den Mond und den Himmel herbeigeführten Mischung und Temperatur. Und haben nicht Menschen, die in einem und demselben Augenblicke geboren sind, ganz verschiedenen Character, Lebensweise und Schicksale? und ist das nicht Beweis genug, daß auf den Gang des Lebens die Zeit der Geburt gar keinen Einfluß habe? Wir müßten nur etwa meinen, es sey mit dem Africanus kein Mensch zu gleicher Zeit empfangen und geboren worden, denn gab es einen Zweiten?

46. Oder weiß man nicht, daß Viele, die von Geburt irgend einen Naturfehler hatten, entweder durch die sich selbst nachbessernde Natur hergestellt und zurecht gebracht wurden oder durch Kunst und ärztliche Hülfe? so daß Menschen, deren Zunge so angewachsen war, daß sie nicht sprechen konnten, curirt wurden, indem man mit einem feinen Messer die Zunge lostrennte? Viele haben auch einen Naturfehler durch Anstrengung und Uebung geheilt, wie der Phalereer vom Demosthenes schreibt, er habe es durch Uebung dahin gebracht, daß er den Buchstaben Rho, den er nicht hatte aussprechen können, vollkommen deutlich aussprach. Wären dergleichen Fehler durch den Einfluß der Gestirne angeboren, so wäre Nichts im Stande sie zu ändern. Und hat nicht die Verschiedenheit der (Geburts-) Orte auch eine Verschiedenheit der Erzeugungen der Menschen zur Folge? Der Beweis davon läßt sich leicht führen. Was ist z.B. für ein Unterschied zwischen den Indern und Persern, Aethiopern und Syrern, und zwar an Körper und Geist! allerdings ein unbeschreiblich bedeutender und auffallender. Ein schlagender Beweis, daß die Lage der Länder weit größern Einfluß auf die Geburt äußere, als die Stellung des Mondes. Denn daß sie sagen, die Babylonier haben viermal hundert und siebenzig tausend Jahre lang die Probe und den Versuch bei allen neugebornen Kindern gemacht, ist eine Lüge. Denn wäre es so regelmäßig geschehen, so hätte man nicht aufgehört; wir haben aber gar keinen Gewährsmann, der uns sagte, es geschehe entweder oder sey geschehen.

47. Siehst du, daß ich nicht Das sage, was Carneades, sondern was Einer der vorzüglichsten Stoiker, Panätius, gesagt hat? Ich füge aber auch noch die Frage bei, ob wohl Alle, die in der Schlacht bei Cannä fielen, unter Einer Constellation geboren worden sind? Das Ende wenigstens war bei dem Einen wie bei dem Andern. Und sind etwa die an Talent und Gemüthsart ganz Ausgezeichneten auch unter gleichem Gestirn geboren? Vergeht denn eine Zeit, in der nicht Unzählige geboren werden? Und doch gibt es wahrhaftig keinen zweiten Homer. Und wenn es darauf ankommt, bei welcher Beschaffenheit des Himmels und Stellung der Gestirne jedes lebende Wesen entstehe, so muß Dieß doch nothwendig auch bei leblosen Dingen gelten. Gibt es aber eine abgeschmacktere Behauptung als diese? Freilich, mein guter Freund, L.Tarutius Firmanus, der besonders in den Chaldäischen Rechnungen sehr bewandert war, rechnete auch den Geburtstag unserer Stadt von dem Palesfeste Das Fest der Hirtengöttin Pales im April. her, an welchem sie der Sage nach von Romulus gegründet seyn soll, und sagte, Rom sey geboren, als der Mond im Zeichen der Wage war, woraus er denn unbedenklich die Schicksale der Stadt prophezeien zu können glaubte. Was für Kraft haben nicht verkehrte Ansichten! Also auch der Geburtstag einer Stadt fällt in den Kreis des Einflusses der Gestirne und des Mondes? Angenommen, es komme bei einem Kinde darauf an, bei welcher Beschaffenheit des Himmels es den ersten Athemzug gethan; konnte Das auch eine Wirkung haben auf den Ziegelstein oder auf den Mörtel, die bei'm Bau der Stadt gebraucht wurden? Doch was bedarf's Weiteres, da jeder Tag sie widerlegt? Wie oft wurde (ich erinnere mich's wohl) dem Pompejus, wie oft dem Crassus, wie oft gerade dem Cäsar von den Chaldäern geweissagt, Keiner von ihnen werde anders, als in den Greisenjahren, als zu Hause, als im Genusse seines Ruhmes sterben! so daß ich es wirklich höchst wunderbar finde, daß sich nur noch ein Mensch findet, welcher Leuten glaubt, deren Weissagungen er täglich durch That und Erfolg widerlegt sieht.

48. Es sind noch zwei Arten der Weissagung zurück, die wir angeblich der Natur verdanken, nicht der Kunst, nämlich die Weissagung der Seher und die aus Träumen. Ueber diese laß uns, Quintus, wenn es dir recht ist, noch sprechen. Mir ist es ganz recht, erwiederte er; denn deiner bisherigen Auseinandersetzung stimme ich vollkommen bei; und, die Wahrheit zu gestehen: wiewohl deine Ausführung mich noch mehr bestärkt hat, habe ich doch auch ohnedieß schon die Ansicht der Stoiker von der Weissagung für allzu abergläubisch gehalten, und ich hielt es bei mir selbst schon mehr mit den Peripatetikern, sowohl mit dem alten Dicäarchus, als dem gegenwärtig blühenden Cratippus, welche behaupten, es sey in den Seelen der Menschen eine Art von Götterstimme, durch die sie Künftiges vorausahnen, wenn entweder durch eine von der Gottheit erregte Begeisterung die Seele in Bewegung gesetzt oder durch den Schlaf entfesselt, sich schrankenlos und frei bewege. Ueber diese Gattungen möchte ich nun wohl deine Ansicht vernehmen, und mit welchen Gründen du sie entkräften willst.

49. Auf diese Aeußerung hin nahm ich denn wieder, gleichsam von vorne beginnend, das Wort. Ich weiß wohl, sagte ich, Quintus, daß Dieß immer deine Ansicht war. Du zweifeltest an den übrigen Arten der Weissagung, aber nahmst die beiden Gattungen, die der Begeisterten und die aus Träumen, die nach deiner Ueberzeugung aus frei bewegtem Geiste hervorgehen, an. Ich will mich also über die beiden genannten Gattungen erklären, aber erst noch die Schlußfolge der Stoiker und unseres Cratippus, nebst ihrem Gehalt, einer Prüfung unterwerfen. Du sagtest nämlich, Chrysippus, Diogenes und Antipater schließen auf folgende Weise: »Gibt es Götter, und sie deuten den Menschen nicht zum voraus an, was geschehen wird, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie denken, es interessire die Menschen nicht, zu wissen, was geschehen wird, oder sie glauben ihrer Würde Etwas zu vergeben, wenn sie den Menschen das Künftige voraus andeuten, oder sie können es nicht einmal andeuten. Aber es ist weder anzunehmen, daß sie uns nicht lieben; denn sie sind zu Wohlthun geneigt und dem Menschengeschlechte gut; noch wissen sie nicht, was von ihnen selbst beschlossen und bestimmt ist; noch ist es wahr, daß uns nichts daran liege, zu wissen, Was geschehen wird; denn wenn wir es wissen, werden wir uns mehr in Acht nehmen; noch achten sie es unter ihrer Würde, denn Würdevolleres gibt es ja nichts, als Wohlthun; noch ist es ihnen selbst unmöglich, Winke zu geben. Es gibt also entweder keine Götter, und dann zeigen sie auch die Zukunft nicht an, oder (und das ist das Wahre) es gibt Götter: also deuten sie diese an. Und deuten sie das Künftige an, so ist es falsch, anzunehmen, sie geben uns keine Mittel, die Andeutungen zu verstehen; denn sonst wäre ihr Andeuten vergeblich, und geben sie Mittel, so ist es falsch, daß es keine Weissagung gibt: folglich gibt es eine Weissagung.« Odie scharfsichtigen Menschen. Mit wie wenigen Worten halten sie die Sache für abgethan. Sie machen bei ihrem Schlusse Voraussetzungen, von denen ihnen keine eingeräumt wird. Eine Schlußreihe aber ist nur dann zuzugeben, wenn aus unzweifelhaften Vordersätzen Das, worüber noch gezweifelt wurde, erschlossen wird.

50. Siehst du, wie Epicur, dem die Stoiker Mangel an Scharfsinn und Bildung vorwerfen, durch eine Schlußfolge heraus gebracht hat, daß, was wir in der Natur das All nennen, unendlich sey? »Was endlich ist, sagt er, hat einen Endpunkt.« Wer sollte Das nicht zugeben? »Was aber einen Endpunkt hat, das muß von einem andern aus von aussen gesehen werden können.« Auch Das muß man zugeben. »Aber was Alles [das All] ist, läßt sich nicht von aussen von einem andern aus sehen.« Auch Das läßt sich nicht einmal läugnen. »Da es also keinen Endpunkt hat, so muß es unendlich seyn.« Siehst du wie er auf einen (vorher) zweifelhaften Satz aus zugestandenen Vordersätzen gekommen ist? Das thut ihr Dialektiker nicht, ihr setzt nicht nur keine solchen Sätze voraus, die von Jedermann zugegeben werden müssen; sondern ihr nehmt Dinge (als erwiesen) an, aus deren Annahme sogar nicht einmal folgen würde, was ihr (erschließen) wollt. Eure erste Voraussetzung ist diese: »Gibt es Götter, so sind sie gegen die Menschen zum Wohlthun geneigt.« Wer wird euch Das zugeben? Etwa Epicurus, welcher behauptet, die Götter haben weder Sorge für eigene noch für fremde Angelegenheiten. Oder unser Ennius? der mit großem Beifall im Sinne des Volkes spricht: Die Tragödie des Ennius, aus der diese Verse genommen sind, heißt Telamon.

Immer sprach ich und werd' auch sprechen: Götter walten im Himmel hoch:
Doch sie kümmert, denk' ich, niemals, was das Menschenhäuflein thut.

Und dann gibt er gleich darauf den Grund an, warum er so denkt. In dem Verse:
Sorgten sie, ging's gut den Guten, schlimm den Schlimmen; doch Das fehlt.
Aber ich brauche den folgenden Vers nicht beizusetzen. Ich begnüge mich bewiesen zu haben, daß Jene Etwas als ausgemacht annehmen, was zweifelhaft und streitig ist.

51. Es folgt weiter. »Den Göttern sey Nichts unbekannt, weil Alles von ihnen bestimmt sey.« Wie sehr streiten aber dagegen noch Philosophen vom ersten Range, und sagen, die Zukunft sey gar nicht von den unsterblichen Göttern bestimmt! Aber »es ist für uns von Wichtigkeit, zu wissen, was sich ereignen wird.« Es gibt ein dickes Buch von Dicäarchus (worin er darthut), es nicht zu wissen, sey besser, als es zu wissen. Sie sagen, »es vertrage sich wohl mit der Würde der Götter.« Wirklich, in Jedermanns Hütte zu durchspähen, um zu sehen, was Jedem tauge! »Auch können sie das Künftige voraus wissen.« Das läugnen Die, welche annehmen, was geschehen werde, sey gar nicht unabänderlich voraus bestimmt. Siehst du also, daß Das als gewiß vorausgesetzt wird und als zugestanden, was zweifelhaft ist? Dann machen sie eine Wendung und schließen so: »Also gibt es entweder keine Götter, und dann deuten sie auch die Zukunft nicht an.« Das halten sie nämlich für nothwendig aus einander folgende Sätze. Dann kommt der Untersatz: »Es gibt aber Götter;« ein Satz der ihnen auch nicht allgemein zugegeben wird. »Also deuten sie die Zukunft an.« Nicht einmal Das folgt. Denn es kann Götter geben, ohne daß Dieselben die Zukunft andeuten. »Und deuten sie sie an, so geben sie natürlich auch Mittel zum Verständnisse der Andeutung.« Aber möglich bleibt immer, daß sie sie dem Menschen nicht geben, und doch haben. Denn warum sollten sie sie gerade den Tuskern geben, und den Römern nicht? »Und geben sie die Mittel, so ist falsch, daß es keine Weissagung gebe.« Angenommen, die Götter geben die Mittel (was widersinnig ist); was hilft Das, wenn wir sie gar nicht erfassen können? Der Schluß ist: »Folglich gibt es eine Weissagung.« Mag Das ihr Schluß seyn, erschlossen ist es dennoch nicht. Denn aus falschen (Vordersätzen), wie wir von ihnen selbst gelernt haben, läßt sich nichts Wahres erschließen. Es ist also die ganze Folgerung umgestoßen.

52. Kommen wir nun auf den recht braven Mann, meinen guten Freund Cratippus. »Wenn ohne Augen, sagt er, die Verrichtung und das Geschäft der Augen (des Sehens) nicht möglich ist, es aber möglich ist, daß manchmal die Augen ihren Dienst nicht leisten, so hat, Wer auch nur Einmal seine Augen so gebraucht hat, daß er das Wirkliche sah, den Sinn der Augen, die die Dinge erblicken, wie sie sind. Weiter nun gleichfalls: wenn ohne Weissagung die Verrichtung und das Geschäft der Weissagung [des Weissagens] nicht möglich ist, es aber möglich ist, daß Einer, der Weissagung(sgabe) besitzt, manchmal irrt und nicht das Wahre sieht; so ist es, zur Bestätigung der (Existenz der) Weissagung Beweis genug, daß Einmal Etwas so geweissagt worden ist, daß man sieht, hier habe nicht der Zufall gewaltet. Dergleichen Fälle gibt es aber unzählige. Also muß man zugeben, daß es eine Weissagung gibt.« Witzig ausgedacht und bündig. Aber da er zweimal willkührliche Voraussetzungen gemacht hat, so kann man ihm doch, und wären wir auch noch so geneigt, ihm Recht zu geben, seine Voraussetzungen gar nicht einräumen. »Wenn, sagt er, die Augen manchmal trügen, so ist in ihnen, weil sie auch manchmal richtig gesehen haben, dennoch die Kraft des Sehens.« Ferner. »Hat Einer Einmal im Punkte des Weissagens Etwas (richtig) gesehen, so muß man auch, wenn er es nicht trifft, annehmen, er habe Weissagungskraft.«

53. Erwäge doch, lieber Cratippus, und zeige mir, wie das zusammenstimmt. Mir kommt es nicht so vor. Denn wenn die Augen das [Wirkliche] Wahre sehen, so liegt Das in ihrer Natur und der Empfindung. Wenn aber die Seelen, sey es durch Begeisterung oder im Traume, das Wahre gesehen haben, so ist ihnen Ungefähr und Zufall behülflich gewesen. Du müßtest nur etwa meinen, es werden dir Die, welche Träume für Träume halten, zugeben, wenn irgend einmal ein Traum zutrifft, Das sey nicht durch Zufall geschehen. Aber mögen wir dir auch die beiden Voraussetzungen [ sumptiones] zugeben [die Logiker nennen sie [Annahmen], doch wir wollen lieber den lateinischen Ausdruck behalten]; die Hinzunahme jedoch [ assumptio], bei Denselben genannt, kann man dir nicht zugeben. Des Chrysippus Hinzunehmen aber lautet so: »Es gibt aber unzählige Vorausahnungen, die nicht zufällig sind.« Ich sage, es gibt keine. Da sieh' einmal die scharfen Gegensätze. Ist nun aber die Assumtion nicht zugestanden, so ist der Schluß unstatthaft. Aber wir sind (wohl) unverschämt, daß wir das so Augenscheinliche nicht zugeben. Was ist denn augenscheinlich? »Daß, sagt er, Vieles zutrifft.« Und was sagst du dazu, daß noch weit Mehreres nicht zutrifft? Lehrt nicht gerade der Mangel an Consequenz, der dem Zufall eigenthümlich ist, daß eben der Zufall die Ursache davon sey, nicht die Natur. Sodann, wenn dieser dein Schluß, Cratippus, richtig ist [denn mit dir habe ich es zu thun], begreifst du nicht, daß denselben Schluß auch die Haruspices, die Blitzdeuter, die Zeichendeuter, die Auguren, die Looswähler und die Chaldäer für sich geltend machen können? denn von allen diesen Klassen ist keine, bei der nicht Etwas, wie es vorausgesagt worden, zugetroffen wäre. Also sind entweder auch jene Arten von Weissagung wirklich, die du mit vollkommenem Rechte mißbilligst; oder, wenn Nichts an ihnen ist, so sehe ich nicht ein, warum an den zwei Arten Etwas seyn soll, die du gelten lässest. Mit demselben Grunde also, mit welchem du diesen ihre Existenz sichern willst, können auch die sich behaupten, die du verwirfst.

54. Was für eine Gewährleistung hat aber jene Raserei, die ihr eine göttliche [weissagerische] nennt, so daß, was ein Weiser nicht sieht, ein Verrückter sehen soll, und Der, welcher den Menschensinn verloren hat, einen göttlichen bekommen habe? Vor den Versen der Sibylle haben wir Achtung, die sie im Wahnsinn ausgesprochen haben soll. Ihr Ausleger sollte ja neulich (einem falschen Gerüchte zu Folge) im Senat haben sagen wollen: »wenn wir gerettet seyn [nicht zu Grunde gehen] wollten, so müßten wir Den, den wir wirklich zum Könige hätten, auch König nennen. Jener Ausleger hieß L.Cotta, S.Sueton im Cäsar C.79. Steht Dieß in den (Sibyllinischen) Büchern; auf welche Menschen und aus welche Zeit geht es? denn Der, welcher jene Weissagungen abgefaßt hat, hat, schlau genug, durchaus Namen und Zeiten weggelassen, damit Alles, was nur immer geschehe, prophezeit scheinen möchte. Dazu bediente er sich noch des Kunstgriffes der Dunkelheit, so daß man denken muß, es lassen sich dieselben Verse unter andern Umständen einem andern Ereignisse anpassen. Daß aber das Gedicht selbst kein Werk eines Rasenden ist, zeigt sowohl das Gedicht an sich [denn es blickt mehr Kunst und Sorgfalt, als Begeisterung und innere Bewegung daraus hervor], als auch besonders die (Künstelei mit) der sogenannten Akrostichis, wenn nach der Reihe aus den ersten Buchstaben der Zeilen ein Sinn herauskommt, wie bei einigen von Ennius verfaßten Gedichten. So etwas ist offenbar mehr Produkt der Besonnenheit, als der begeisterten Wuth. In den Sibyllinischen Büchern ist wirklich mit dem ersten Verse jeder Sentenz die Reihe der ersten Buchstaben derselben Sentenz bis zum Ende verbrämt. So macht es Einer, der seine Gedichte (mit kleinlicher Künstlichkeit) aufschreibt, nicht ein Verrückter. Lassen wir also die Sibylle ruhen und schlafen, so daß ihre Bücher, wie es von unsern Vorfahren hergebracht ist, ohne Befehl des Senats nicht einmal gelesen werden; mögen sie noch gelten als ein (obwohl verschollenes) religiöses Vermächtniß, aber nicht um uns dort religiöse Verpflichtungen und Aussprüche zu holen. Laß uns die Bewahrer (dieser heiligen Reliquien) angehen, daß sie eher alles Andere aus jenen Büchern zu Tage fördern, als einen König, den fernerhin weder Götter noch Menschen zu Rom dulden mögen.

55. Aber es haben doch häufig Viele Wahres geweissagt, z.B. Cassandra:

Rasch für die See schon, die große, S. oben I, 31. das Ganze.

und bald darauf dieselbe:

Seht, seht! O weh. – – S. oben I, 50.

Nun, willst du mich also nöthigen, sogar Fabelgeschichten zu glauben? Mögen sie so ergötzlich seyn, als sie wollen, mögen Ausdruck, Gedanken, Versmaß und Melodie sie unterstützen, Ansehen und Zuverläßigkeit dürfen wir doch wohl erdichteten Dingen keinesweges zugestehen. Eben so wenig darf man einen fast ganz unbekannten Popilius, oder den Marciern, die Seher gewesen seyn sollen, oder den Apollo-Geheimnissen Glauben schenken, von denen ein Theil offenbar erdichtet, ein Theil ohne Sinn und Verstand herausgesprudelt ist, und die nie Jemand, selbst nicht ein halbwegs Verständiger, geschweige ein Besonnener für wahr hat gelten lassen. Was? wirst du sagen: hat nicht der Ruderknecht der Flotte des Coponius Das vorausgesagt, was geschehen ist? Oja; und zwar Das, was wir Alle in jener Zeit als sehr möglich befürchteten. Wir hörten ja, daß in Thessalien ein Lager dem andern gegenüber stand, und es war uns, als habe das Heer des Cäsar theils mehr Kühnheit, da es ja die Waffen gegen das Vaterland ergriffen hatte, theils mehr Stärke, da es aus gedienten Kriegern bestand. Jedermann aber auf unserer Seite fürchtete einen unglücklichen Ausgang der Schlacht, nur ließen wir Dieß, als Männer von Charakter, nicht heraus. Was Wunder aber, wenn jener Griechische Ruderknecht in der Angst seines Herzens, wie es so geht, Besonnenheit, verständiges Benehmen, ja sich selbst aufgab? In dieser Gemüthsverwirrung sagte er dann aus Sinnlosigkeit Das als bevorstehend voraus, dessen Zutreffen er bei gesundem Verstande (schon) fürchtete. Was ist doch bei Göttern und Menschen! wahrscheinlicher, daß ein verrückter Ruderknecht, oder daß Einer von uns damals dort Anwesenden, ich, Cato, Varro, ja Coponius selbst, die Plane der unsterblichen Götter habe durchschauen können?

56. Aber ich wende mich jetzt zu dir:

Heil'ger Phöbus, der du auf dem wahren Erdennabel thronst,
Dem zuerst in wilden Tönen der Begeist'rung Stimm' entquoll! Aus einem unbekannten Römischen Tragiker. Varro De ling. lat. VI, S.84. Bip. nennt ihn Manilius, oder, wie Scaliger will, Manlius.

Denn mit deinen Orakeln hat Chrysippus ein ganzes Buch angefüllt, die theils falsch sind, wie ich einmal glaube, theils durch Zufall wahr, wie sich's bei Allem, was man ausspricht, häufig findet; theils verschlungen und dunkel sind, so daß der Erklärer (der Zukunft) noch einen Erklärer braucht, und man zum Verständnisse des Orakels selbst ein Orakel bedarf; theils mit zweideutigen, die Einem erst ein Dialektiker erklären müßte; denn als dem überreichen Könige Asiens der Ausspruch ertheilt worden war:

Ueber den Halys gesetzt, stürzt Crösus ein mächtiges Reich um. S. Herodot I, 33.

da glaubte er, er werde die feindliche Macht umstürzen, er stürzte aber die seinige um. Mochte also das Eine oder das Andere erfolgen, das Orakel wäre wahr gewesen. Warum soll ich aber glauben, daß es jemals dem Crösus ertheilt worden? oder den Herodotus für zuverläßiger als den Ennius halten? Konnte Jener weniger (ein Orakel) über den Crösus als Ennius eins über den Pyrrhus erdichten? Denn Wer glaubt wohl, daß Pyrrhus vom Orakel des Apollo die Antwort erhalten habe:

  Aeakus Sprößling! Im Kampfe mit Rom wird erfochten ein Siegkranz. S. Ennius Annalen V, 8.
Hottinger:
        »Wahrlich, das Volk der Römer wird Aeakus Enkel besiegen.«
v. Meyer:
»Römersieg ist dir, o Aeakussohn, zu verkünden.«

Erstlich hat Apollo nie Lateinische Aussprüche von sich gegeben. Zweitens wissen die Griechen von jenem Orakel kein Wort. Ueberdieß hatte zu des Pyrrhus Zeiten Apollo bereits aufgehört Verse zu machen. Endlich, wiewohl, nach dem Ennius immer

– – Aeakus Sprossen in thörichtem Muth sich vertobten,
Viel mehr kriegesmächtig, als weisheitsmächtig befunden; S. Ennius in den Annalen V. 9. f.

so hätte er dennoch wohl dem Verse seine Zweideutigkeit ansehen können, und daß:

– – im Kampf mit Rom wird erfochten ein Siegkranz,

eben so gut den Römern, als ihm gelten könne. Denn die Zweideutigkeit, die den Crösus täuschte, hätte selbst dem Chrysippus entgehen können, diese nicht einmal dem Epicurus.

57. Aber, was die Hauptsache ist, warum werden denn keine solche Orakel mehr in Delphi ertheilt, nicht blos in unserer Zeit, sondern schon längst, so daß gegenwärtig Nichts verachteter ist? Geht man ihnen von dieser Seite zu Leibe, so sagen sie, es sey durch die Länge der Zeit die Kraft jener Stelle, wo der Dunst aus der Erde emporstieg, durch welchen begeistert die Pythia orakelte, ausgegangen [verdunstet]. Man sollte meinen, sie sprechen von einem Weine oder von Fischlacke, die durch Alter umstehen. Von der Kraft jener Stelle ist die Rede, und zwar nicht von einer blos menschlichen, sondern von einer göttlichen. Wie ist denn diese verdunstet? Durch die Länge der Zeit, wirst du sagen. Welche Länge der Zeit ist denn im Stande, eine göttliche Kraft aufzureiben? Was ist aber so göttlich, als ein Anhauch aus der Erde, der den Geist so aufregt, daß er ihm den Blick in die Zukunft aufschließt, so daß er dieselbe nicht nur lange voraussieht, sondern auch in Rhythmen und Versen ausspricht? Wann ist aber diese Kraft ausgegangen? Nicht wahr, seitdem die Menschen angefangen haben, nicht mehr so leichtgläubig zu seyn? Pflegte doch schon Demosthenes, der dreihundert Jahre vor uns gelebt hat, zu sagen, die Pythia philippisire, d.h. sie halte es mit dem Philippus. Damit wollte er aber sagen, sie habe sich vom Philippus bestechen lassen. Woraus man schließen darf, daß es auch bei andern Delphischen Orakelsprüchen nicht ganz ohne Betrug abgelaufen ist. Aber sonderbarerweise wollen, so scheint es, jene abergläubischen und fast schwärmerischen Philosophen Alles lieber, als nicht albern erscheinen. Ausgegangen, sagt ihr, und erloschen sey Das, was, wenn es je gewesen wäre, gewiß ewig wäre, lieber, als daß ihr nicht glaubtet, was gar keinen Glauben verdient.

58. Ein ähnlicher Irrthum findet bei den Träumen Statt. Wie weit hergeholt ist nicht ihre Vertheidigung. Unsere Seelen, behaupten sie, seyen göttlich und von aussen in uns gekommen, und die Welt sey mit einer Menge übereinstimmender [harmonirender] Seelen angefüllt. Durch diese theils ursprüngliche Göttlichkeit der Seele selbst, und durch die Verbindung mit den äussern Seelen werde nun erschaut, was künftig sey. Es ziehe sich aber, sagt Zeno, die Seele zusammen und sinke und falle (in sich) zusammen, und das eben sey schlafen. Pythagoras aber und Plato, gewichtvolle Vorgänger, geben die Vorschrift, man soll, um im Schlafe zuverläßigere Traumgesichte zu erblicken, durch eine bestimmte Leibespflege und Nahrung vorbereitet, sich zum Schlafen begeben. Der Bohnen enthielten sich die Pythagoräer gänzlich, als ob diese Speise in der Seele, und nicht im Unterleibe Blähungen bewirkte. Aber (so seltsam es ist, so wahr ist es) es läßt sich wirklich nichts so Abgeschmacktes sagen, das nicht von irgend einem Philosophen behauptet würde. Nehmen wir also an, die Seelen der Schlafenden werden im Träumen durch sich selbst in Bewegung gesetzt, oder, wie Democritus behauptet, durch einen von aussen kommenden Anstoß angeregt? Sey es nun auf diese oder jene Weise, es kann den Träumenden gar viel Falsches als Wahres vorkommen. Denn auch den Schiffenden scheint sich Das zu bewegen, was fest steht, und wenn man die Augen auf eine gewisse Weise stellt, sieht man in einer Laterne zwei Lichter, statt eines. Was brauche ich noch anzuführen, wie Vieles den Wahnsinnigen, wie Vieles den Trunkenen falsch erscheint? Ist nun solchen den Augen vorkommenden Dingen nicht zu trauen, so begreife ich nicht, warum man Träumen Glauben schenken soll. Denn wenn man will, kann man bei jenen Irrthümern so gut wie bei Träumen philosophiren; z.B. wenn sich Etwas, das steht, zu bewegen scheint, kann man daraus ein Erdbeben oder eine plötzliche Flucht prophezeien; und, wenn man das Licht in einer Laterne doppelt sieht, Zwiespalt und Aufruhr weissagen.

59. Aus Dem aber, was Wahnsinnigen oder Betrunkenen vorkommt, lassen sich zahllose Vermuthungen von möglichen künftigen Dingen herleiten. Gibt es aber auch einen Schützen, der den ganzen Tag nach einem Ziele werfen, und nicht manchmal treffen sollte? Ganze Nächte hindurch träumen wir, und kaum eine vergeht, in der wir nicht schlafen; und wir wundern uns noch, daß manchmal gerade Das, was wir geträumt haben, vorfällt? Was ist so ungewiß, als der Würfelwurf? und doch ist Niemand, der nicht bei häufigem Würfeln bisweilen einen Venuswurf wärfe, bisweilen auch zwei und drei hintereinander. Wollen wir also, wie die albernen Leute, lieber sagen, da habe die Venus ihre Hand im Spiele, als es sey Spiel des Zufalls? Wenn zu jeder andern Zeit falschen Erscheinungen kein Glaube beizumessen ist, so sehe ich nicht ab, was der Schlaf zum voraus haben soll, daß in ihm das Falsche für wahr gelten dürfte. Wäre die Einrichtung in der Natur, daß die Schlafenden Das wirklich thäten, was sie träumten; so müßte man Alle anbinden, die zu Bette gingen. Denn die Träumenden würden dann tolleren Unfug treiben, als nur irgend Rasende. Ist nun den Gesichten der Wahnsinnigen kein Glaube zu schenken, weil sie falsch sind, warum soll den Gesichten der Träumenden mehr Vertrauen gebühren, die noch viel verwirrter sind? Das begreife ich wenigstens nicht. Etwa darum, weil die Wahnsinnigen ihre Gesichte nicht dem Ausleger erzählen, Die aber, welche geträumt haben? Ich frage auch: wenn ich Etwas schreiben oder lesen, oder Musik treiben wollte, sey es Vocalmusik oder Saitenspiel, oder wenn ich etwas Geometrisches oder Physisches oder Logisches erklären wollte, müßte ich da einen Traum abwarten, oder Kunst anwenden, ohne welche in diesen Gegenständen sich nichts thun und zu Stande bringen läßt? Nun aber würde ich doch, selbst wenn ich schiffen wollte, das Schiff nicht so lenken, wie ich geträumt hätte; denn die Strafe würde auf dem Fuße nachfolgen. Wie sollte es nun zweckmäßig seyn, daß die Kranken lieber bei einem Ausleger, als bei einem Arzte Hülfe suchen? Oder kann Aesculapius etwa oder Serapis S. Creuzers Symb. u. Mythol. Bd.II, 393. 737. Nitsch's Mytholog. Wörterb. umgearbeitet von Klopfer I,S.82. uns durch den Traum die Herstellung der Gesundheit vorschreiben, Neptun aber die ein Schiff Regierenden nicht (belehren)? Und wenn Minerva, ohne daß wir einen Arzt zuziehen, uns Heilmittel gibt; sollten die Musen den Träumenden nicht das Lesen, das Schreiben und die übrigen Künste beibringen können? Würde aber die Wiederherstellung der Gesundheit (durch Träume) verliehen, so würde auch Das, was ich eben gesagt habe, verliehen werden. Da aber das Letztere nicht geschieht, so ist es auch mit der Heilung Nichts, und ist diese aufgegeben, so hat alles Ansehen der Träume sein Ende erreicht.

60. Doch das Bisherige mag von der Oberfläche geschöpft seyn; laß uns jetzt tiefer eindringen. Es ist entweder eine göttliche Kraft, die für uns sorgend die Andeutungen durch Träume gibt, oder die Ausleger verstehen zu Folge einer gewissen Harmonie und Verbindung der Natur, welche sie Sympathie nennen, was vermöge der Träume jeder Sache zukomme und jede begleite; oder es findet Kein's von beiden Statt, sondern man hat durch lange und fortgesetzte Beobachtung herausgebracht, was auf jedes bestimmte Traumgesicht sich zu ereignen und zu folgen pflege. Zuerst nun muß man sich überzeugen, daß keine göttliche Kraft die Träume hervorbringe. Da ist denn zuerst Das einleuchtend, daß keine Traumgesichte durch unmittelbare Einwirkung der Götter veranlaßt werden, denn die Götter würden Dieß offenbar um unsertwillen veranstalten, damit wir für die Zukunft Maßregeln nehmen könnten. Nun aber frage ich: unter wie Vielen ist auch nur Einer, der auf Träume etwas gibt? der sie versteht? der sich ihrer annimmt? Wie Viele dagegen, die sie gar nicht beachten, und den Glauben daran für einen Beweis von Schwachköpfigkeit und altweibischem Wesen ansehen? Warum sollte nun die Gottheit diese Menschen berücksichtigend sie durch Träume warnen, da sie die Träume nicht nur keiner Beachtung, sondern nicht einmal der Erinnerung für würdig halten? Denn unbekannt kann es ihr doch nicht seyn, wie Jeder gesinnt ist, und Etwas vergebens und zwecklos thun, ist der Gottheit nicht würdig, da schon ein Mensch von Charakter ein solches Verfahren verschmäht. Wenn also die meisten Träume entweder vergessen oder vernachläßigt werden, so weiß Dieß entweder Gott nicht, oder er bedient sich der Andeutung durch Träume vergebens. Aber beides widerspricht der Idee eines Gottes. Man muß also zugestehen, daß durch die Träume von Gott Nichts angedeutet werde.

61. Auch Das ist mir noch bedenklich, warum denn, wenn uns Gott diese Gesichte vorkommen läßt, damit wir Vorsichtsmaßregeln ergreifen können, er sie uns nicht lieber im Wachen vorführt, als im Schlafe? Erregt nämlich ein fremder und von aussen kommender Anstoß die Seelen der Schlafenden, oder es geht eine Bewegung in ihnen von der Seele selbst aus, oder es mag sonst irgend eine Ursache seyn, in Folge welcher wir im Schlafe Etwas zu sehen, zu hören und zu thun glauben; so konnte ja dieselbe Ursache jene Vorstellungen auch im Wachen erregen, und thäten Dieß die Götter um unsertwillen im Schlafe, so könnten sie Dasselbe uns auch im wachenden Zustande thun, zumal da Chrysippus in seiner Widerlegung der Academiker sagt, was uns im Wachen vorkomme, sey viel klarer und bestimmter, als was uns im Traume erscheine. Es wäre also des göttlichen Wohlthuns würdiger gewesen, wann sie für uns sorgten, uns im Wachen die bestimmtern Gesichte zu geben, als die dunklern im Traume. Weil Dieß nicht geschieht, so sind auch die Träume nicht für göttlich zu halten. Und was bedarf es nun noch vollends gar der Umwege und Umschweife, daß man statt geradezu (belehrt zu werden), erst noch Traumdeuter beiziehen muß? Läge der Gottheit daran, uns zu rathen, so brauchte sie nur zu sagen: thue Das, und Das laß bleiben, und das könnte sie uns besser im Wachen, als im Schlafe zu verstehen geben.

62. Wer möchte nun gar vollends zu sagen sich erkühnen, alle Träume seyen wahr. »Einige Träume sind wahr,« sagt Ennius, »alle brauchen es nicht zu seyn.« Was ist das für eine Unterscheidung? Welche hält er für wahr, welche für falsch? Und wenn die Gottheit die wahren schickt, woher entstehen die falschen? Denn wenn diese auch göttlich sind, was ist dann inconsequenter als die Gottheit? und was ist unverständiger als die Gemüther der armen Menschen durch falsche und täuschende Gesichte zu beunruhigen? Sind aber die wahren Gesichte göttlich, die falschen aber und nichtigen menschlich, was ist das für eine Unbestimmtheit im Andeuten, daß das Eine die Gottheit, das Andere die Natur thun soll, anstatt entweder Alles die Gottheit, was ihr läugnet, oder Alles die Natur? Weil ihr nun aber Jenes läugnet, so müßt ihr das Letztere zugeben. Unter Natur aber verstehe ich die Erregung der Seele, vermöge welcher sie nie stille stehen und ohne Bewegung seyn kann. Wenn nun die Seele während der Erschlaffung des Körpers weder die Glieder noch die Sinne gebrauchen kann, geräth sie auf allerlei und schwankende Vorstellungen, die, nach der Ansicht des Aristoteles Reste (der Eindrücke) von jenen Gegenständen sind, die sie im Wachen getrieben oder gedacht hat. Wenn nun diese durcheinander gerathen, entstehen bisweilen ganz wunderliche Traumgestalten. Sind nun die einen davon wahr, die andern falsch, so möchte ich doch wissen, an welchem Merkmale sie zu erkennen sind? Gibt es keins, was sollen wir jenen Deutern Gehör geben? Gibt es eins, so möchte ich doch gerne vernehmen, welches es ist. Aber die Antwort wird ihnen schwer werden.

63. Jetzt kommt nun in Erwägung, welcher von beiden Fällen der wahrscheinlichere sey, ob der, daß die unsterblichen Götter, die über Alles herrlich und erhaben sind, in der ganzen Welt umher bei aller Menschen Betten und gar Schragen herumlaufen; und wenn sie da oder dort Einige schnarchen sehen, ihnen gewisse verwickelte und dunkle Gesichte vorgaukeln, damit Diese sie dann im Schrecken über den Traum früh morgens dem Traumdeuter vortragen; oder der, daß es naturgemäß geschehe, daß das stark aufgeregte Gemüth Das, was der Mensch wachend gesehen hat, im Schlafe wieder zu sehen glaubt? Was ist des Philosophie würdiger, diese Erscheinungen dem Aberglauben der Wahrsagerinnen gemäß zu erklären, oder aus den Naturgesetzen? so daß, gesetzt, es ließe sich auch aus den Träumen etwas Wahres heraus deuten, doch Jene, die ein Gewerbe daraus machen, Dieß nicht zu thun verstünden, weil sie gerade zu der werthlosesten und ungebildetsten Menschenklasse gehören. Deine Stoiker aber behaupten geradezu, es könne Keiner, als ein Weiser, weissagen. Chrysippus gibt von der Weissagung folgende Definition: »Sie sey eine Kraft, welche die Andeutungen, die den Menschen von den Göttern ertheilt werden, erkenne, sehe, und auslege;« ihr Geschäft aber sey, voraus zu erkennen, wie die Götter gegen die Menschen gesinnt seyen, was sie ihnen zu verstehen geben, und wie diese Andeutungen durch religiöse Mittel abgewendet und gesühnt werden müssen. Derselbe definirt die Traumdeutung auf folgende Weise: »Sie sey eine Kraft, welche Das erschaue und erkläre, was den Menschen von den Göttern im Schlafe angedeutet werde.« Nun, wenn Dem so ist, gehört dazu etwa ein mittelmäßiger Grad von Einsicht, oder ein ausgezeichnetes Talent und vollendete Bildung? Ein Solcher aber ist mir unter diesen Leuten noch nicht vorgekommen.

64. Und so möchte denn wohl herauskommen, daß, gesetzt, ich gestände auch eine Weissagung zu, was ich nimmermehr thun werde, sich doch am Ende kein Weissager finden ließe. Wie steht es denn aber um die Einsicht der Götter, wenn sie uns weder im Schlafe solche Dinge andeuten, die wir durch uns selbst verstehen können, noch solche, für die wir Ausleger auftreiben können? Lassen uns die Götter Gesichte erscheinen, für die wir weder Einsicht noch einen Erklärer haben, so kommen sie mir vor, wie wenn Carthager oder Hispanier in unserem Senat ohne Dolmetscher sprächen. Was für einen Zweck kann denn am Ende das Dunkle und Räthselhafte der Träume haben? Die Götter mußten doch wohl die Winke, die sie uns unsertwegen gaben, von uns verstanden wissen wollen. »Wie (sagt ihr), ist denn kein Dichter, kein Physiker dunkel?« Oja. Nur gar zu dunkel ist (z.B.) Euphorion. Ein Griechischer Dichter aus Chalcis, dessen Fragmente neulich (Danzig 1823. 8.) A. Meinecke gesammelt und herausgegeben hat. Aber Homer nicht. Welcher von Beiden ist der Bessere? Sehr dunkel ist Heraclitus. Democritus gar nicht. Aber gehört denn auch Deren Vergleichung hierher? Um meinetwillen gibst du mir einen Wink, der mir unverständlich bleiben muß? Wozu dann der Wink? Gerade wie wenn ein Arzt einem Kranken zu nehmen verordnete eine

Erdegeborene, schreitend im Gras, Hausträgerin, blutleer;

anstatt, wie andere Menschen, eine Schnecke, zu sagen. Denn als sich Amphion bei'm Pacuvius etwas dunkel ausgedrückt hatte, eine

Lahmschreiterin, vierfüßig, unzahm, niedrig, rauh,
Kurzköpfig, schlangennackig, widrig anzuschau'n;
Doch seellos, ausgeweidet, seelenvollen Ton's. Aus der Antiope des Pacuvius.

Da entgegnen die Attiker: »Das bleibt uns dunkel, sprichst du es nicht verständlich aus.« Da sagt Jener mit Einem Worte: eine Schildkröte. Konntest du, Citharspieler, denn Das nicht gleich von Anfang sagen?

65. Es erzählt Einer dem Traumdeuter, ihm habe geträumt, es hänge ein Ei an dem Gurte seiner Bettstelle. Der Traum steht im Buche des Chrysippus. Der Deuter sagt ihm, unter dem Bette sey ein Schatz verscharrt. Er gräbt, und findet eine ziemliche Portion Gold mit Silber umgeben. Er schickt dem Deuter ein Bischen von dem Silber, so viel er denkt, daß genug sey. Da sagt Jener. »Nun, und vom Dotter Nichts?« Denn Das schien ihm vom Ei das Gold anzuzeigen, das Weiße das Silber. Hat nun nie auch einem andern Menschen von einem Ei geträumt? Warum hat denn dieser Jemand allein einen Schatz gefunden? Wie viele Arme, die wohl die Hülfe der Götter verdienten, bekommen keinen Wink im Schlafe, wo ein Schatz für sie zu finden sey! Aus welchem Grunde erhielt Jener aber einen so dunkeln Wink, daß erst aus dem Ei die Aehnlichkeit mit einem Schatze herausgedeutet werden mußte, anstatt daß ihm hätte geradezu gesagt werden können, da soll er einen Schatz suchen; so wie Simonides geradezu gewarnt wurde, sich nicht einzuschiffen. Dunkle Träume vertragen sich also durchaus nicht mit der hohen Würde der Götter.

66. Doch nun zu den verständlichen und deutlichen, wie der von dem Manne, welchen der Gastwirth zu Megara ermordete; wie der vom Simonides, welcher im Traume von Dem, welchen er bestattet hatte, gewarnt wurde, sich nicht einzuschiffen, auch wie der vom Alexander; welchen von dir übergangen zu sehen ich mich wundern muß. Als nämlich sein Vertrauter Ptolemäus in einer Schlacht mit einer vergifteten Waffe verwundet worden, und an dieser Wunde unter den heftigsten Schmerzen dem Tode schon ganz nahe war, saß Alexander gerade bei ihm, und wurde vom Schlaf überwältigt. Da träumte ihm denn, die Schlange, welche seine Mutter Olympias (im Hause) hielt, bringe im Munde eine kleine Wurzel her, und sage ihm zugleich, wo sie wachse [und er war gerade nicht weit von dem Orte weg], deren Kraft sey aber so wirksam, daß sie den Ptolemäus leicht heilen werde. Darauf habe Alexander (heißt es), als er vom Schlaf erwachte, Leute ausgeschickt, um jene Wurzel zu suchen; man habe sie gefunden, und dadurch sey nicht nur Ptolemäus, sondern noch Viele von gleichen Waffen verwundete Soldaten, geheilt worden. Viele Beispiele hast du auch aus Geschichtswerken beigebracht: das von der Mutter des Phalaris; vom ältern Cyrus; von der Mutter des Dionysius; von dem Carthager Hamilcar; vom Hannibal; vom P.Decius; auch die allbekannte Geschichte mit dem Vortänzer; ferner den Traum des Gracchus und den aus der neuesten Zeit, welchen Cäcilia, des Balearicus Tochter, hatte. Doch das sind Träume anderer Leute, über die wir deswegen nicht ganz im Klaren sind; manche vielleicht auch erdichtet. Denn Wer ist für sie Gewährsmann? Aber was haben wir von unsern eigenen Träumen zu sagen? Du (träumtest), wie ich versank, und mit dem Pferde an's Ufer (kam); ich vom Marius, der mich mit den umlorbeerten Fascen an sein Denkmal führte.

67. Alle Träume, mein Quintus, haben einerlei Gehalt; mögen wir uns nur, bei den unsterblichen Göttern! hüten, ihn nicht noch durch unsern Aberglauben und Irrwahn zu verschlechtern. Was meinst du denn, was für einen Marius ich gesehen habe? Seine Gestalt, nicht wahr, und sein Bild, wie Democritus will. Und woher soll das Bild gekommen seyn? Er behauptet nämlich, die Bilder strömen von den materiellen und wirklichen Gestalten aus. Was war es nun für ein Körper des Marius (der mir erschien)? Nun, erwiedert er, (eine Ausströmung) aus dem, der wirklich vorhanden gewesen war. Alles ist voller Bilder. Jenes Bild des Marius begleitete mich also in das Atinatische Gebiet. Denn es läßt sich keine Gestalt denken, ohne einen Eindruck der Bilder? Was folgt daraus? Sind uns jene Bilder so gehorsam, daß sie sich uns, so bald wir nur wollen, vorstellen? Auch die Bilder von solchen Dingen, die gar nicht existiren? Denn was kann sich nicht die Seele für widernatürliche und nichtige Gestalten denken? Haben wir doch auch Vorstellungen von Dingen in uns, die wir nie gesehen haben, z.B. von der Lage gewisser Städte, von der Gestalt dieses oder jenes Menschen. Macht also etwa, wenn ich mir die Mauern von Babylon oder die Gestalt des Homer denke, irgend ein Bild von ihnen einen Eindruck auf mich? Nun, dann können wir von allem, was wir nur wollen, eine Erkenntniß haben; denn es gibt Nichts, wovon wir uns nicht ein Gedankenbild machen könnten. So viel ist also nun richtig, daß von aussen keine Bilder sich in die Seelen der Schlafenden schleichen. Ja es strömen überhaupt keine aus; auch habe ich nie einen Menschen kennen gelernt, der mit größerem (Schein von) Gewicht Nichts sagte. Es liegt in dem Wesen und der Natur der Seelen, daß sie im Zustande des Wachens lebhaft sind, ohne allen Anstoß von aussen, durch eigene Bewegung, und zwar mit unglaublicher Geschwindigkeit. Werden sie nun durch die Glieder unterstützt, durch den Körper, die Sinne, so sehen, denken und empfinden sie Alles bestimmter. Sind ihnen aber diese entzogen, ist die Seele durch die Erschlaffung des Körpers [gleichsam] verlassen, dann setzt sie sich durch sich selbst in Bewegung. Da treiben sie denn in ihm Gestalten und Handlungen herum, und es kommt ihnen vor, als hören und sprechen sie Dieses und Jenes. Diese vielerlei, auf alle mögliche Art verwirrten und abwechselnden Dinge treiben sich nun in der ermüdeten und abgespannten Seele herum, besonders aber wälzen und tummeln sich in den Seelen die Reste derjenigen Gegenstände umher, die wir wachend gedacht und getrieben haben. So schwebte mir in jener (Unglücks-) Zeit Marius häufig vor der Seele, da ich mir in's Gedächtniß rief, mit welchem erhabenen Muthe und mit welcher Standhaftigkeit er sein schweres Unglück ertragen hatte. Das, glaube ich, war die Ursache, warum ich von ihm träumte.

68. Dir aber hat, als du eben an mich mit bekümmerter Sorge dachtest, von mir geträumt, ich tauche plötzlich aus dem Strome auf. Natürlich. In unser beider Seelen waren noch die Spuren der im Wachen uns bewegenden Gedanken. Aber es schloß sich Einiges davon an: z.B. bei mir vom Denkmal des Marius; bei dir, daß das Pferd, auf dem ich ritt, mit mir versunken wieder zum Vorschein kam. Glaubst du wirklich, daß irgend ein altes Weib so albern gewesen seyn würde, Träumen zu glauben, wenn dergleichen nicht zuweilen durch Zufall, von Ungefähr und ohne allen Zusammenhang zusammenträfe? Dem Alexander kam eine sprechende Schlange vor. Die Erzählung kann im Ganzen falsch, sie kann wahr seyn; aber was sie auch seyn mag, etwas Wunderbares ist nicht dabei. Denn er hörte ja nicht die Schlange sprechen, sondern es kam ihm nur vor, als höre er sie, und zwar [damit es noch auffallender wird] als sie die Wurzel im Munde hielt. Allein für einen Träumenden gibt es nichts Auffallendes. Ich frage aber, warum bekam Alexander einen so auffallend deutlichen und bestimmten Traum, und warum er nur dießmal, und nicht viele dergleichen Andere? Mir wenigstens ist, ausser diesem über den Marius, kein solcher vorgekommen, dessen ich mich zu erinnern wüßte. Vergebens sind mir also so viele Nächte in einem so bedeutenden Lebensalter verflossen. Gegenwärtig habe ich, weil ich auf dem Forum nichts mehr zu thun habe, dem Nachtstudiren Zeit abgebrochen, und mir die Mittagsruhe angewöhnt, die ich bisher nicht gewohnt war. Allein, bei alle dem vielen Schlafen hat mir doch nie ein Traum irgend eine Erinnerung gegeben, besonders über Gegenstände von solcher Wichtigkeit. Und nie ist mir mehr zu Muthe, als ob ich träumte, als wenn ich gegenwärtig [wachend] auf dem Forum einen Staatsbeamten, oder in der Curie den Senat erblicke.

69. Und was ist denn [das ist der zweite Punkt meiner Eintheilung nach] für eine natürliche Verbindung und für ein Zusammenhang [was sie, wie gesagt, Sympathie nennen] der (Jemanden) nöthigte, bei einem Traume von einem Ei an einen Schatz zu denken? Die Aerzte erkennen an gewissen Merkmalen die Annäherung und Zunahme von Krankheiten, ja sie sagen sogar, es lasse sich aus Träumen von einer gewissen Art auf den Gesundheitszustand des Träumenden, namentlich ob wir vollsaftig oder entkräftet sind, ein Schluß machen. Was für eine natürliche Verwandtschaft findet aber zwischen einem Schatze, einer Erbschaft, einem Ehrenamte, einem Siege, oder mehreren dergleichen Dingen, und zwischen Träumen Statt? Es soll einmal Einer, als ihm vom Beischlafe träumte, Blasensteine ausgeworfen haben. Da sehe ich einen Naturzusammenhang; es kam ihm im Schlafe ein solches Traumgesicht vor, daß Das, was sich dabei ereignete, die Kraft der Natur, nicht ein Irrwahn, bewirkt hat. Aber welche natürliche Veranlassung hat dem Simonides jene Erscheinung vorgegaukelt, die ihn vor dem Einschiffen gewarnt hat? Oder was hatte der Traum des Alcibiades, den die Geschichtschreiber erzählen, für eine Verbindung mit der Natur? Diesem träumte nämlich kurz vor seinem gewaltsamen Tode, er sey mit dem Gewande seiner Geliebten bekleidet. Als er nun unbegraben in's Freie hingeworfen worden war, und von Jedermann verlassen da lag, wurde sein Leichnam von seiner Geliebten mit ihrem Mantel zugedeckt. Das also lag in der Zukunft, und hatte seine in der Natur liegende Veranlassung? Oder hat der bloße Zufall sowohl die Erscheinung, als den Erfolg herbeigeführt?

70. Ja, geben nicht die Vermuthungen der Ausleger selbst mehr einen Aufschluß über die geistige Naturanlage des Deuters, als daß sie auf eine Kraft oder Uebereinstimmung der Natur hinwiesen? Ein Wettläufer, der vorhatte zu den Olympischen Spielen zu gehen, träumte, er fahre auf einem vierspännigen Wagen. Gleich früh Morgens (geht er) zum Traumdeuter. Der sagt: »du wirst Sieger.« Das deutet die Geschwindigkeit und Kraft der Pferde an. Darauf geht Derselbe zum Antiphon. Du verlierst es nothwendig, sagte Dieser. Siehst du nicht ein, daß viere vor dir hergelaufen sind? Noch ein Fall mit einem Wettläufer; und mit solchen und ähnlichen Träumen ist das Buch des Chrysippus und das des Antipater vollgepfropft. Doch zum Schnellläufer. Dieser erzählte einem Traumdeuter, es sey ihm im Schlafe vorgekommen, als wäre er ein Adler geworden. »Gut, sagte Jener, dein ist der Sieg. Denn kein Vogel fliegt mit größerer Heftigkeit, als der Adler. Aber zu Demselben sagte Antiphon: »Einfaltspinsel, siehst du nicht, daß du (so gut wie) besiegt bist? denn jener Vogel, der andere Vögel verfolgt und jagt, ist immer hinten drein.« Eine Frau, welche gerne Kinder bekommen hätte, träumte, ihre (weibliche) Natur sey versiegelt. Sie erzählt (den Traum einem Deuter). »Eben wegen der Versiegelung, sagte Dieser, konntest du nicht schwanger werden.« Der Andere dagegen sagte, sie sey schwanger, denn leere Dinge pflegen nicht versiegelt zu seyn. Was ist das für eine Kunst des Auslegers, wenn er mit Witzspielen um sich wirft? Beweisen die angeführten Beispiele, und die zahllosen, die die Stoiker in ihren Sammlungen haben, etwas Anderes, als den Scharfsinn von Menschen, die aus irgend einer Aehnlichkeit eine Vermuthung bald auf diese, bald auf jene Seite wenden? Die Aerzte sehen gewisse Dinge am Pulsschlag und Athemzuge des Kranken ab, und ahnen, was kommen wird, an vielen andern Erscheinungen voraus. Wenn Steuermänner aufhüpfende Blackfische oder Delphine sehen, die dem Hafen zueilen, prophezeien sie einen Sturm. Das läßt sich leicht auf Gründe zurückführen und aus Naturgesetzen erklären, aber die vorhin angeführten Fälle keinesweges.

71. »Allein langwierige Beobachtung [dieser eine Theil nämlich ist noch unerörtert] hat durch Aufzeichnung des Bemerkten eine Kunst geschaffen.« Wirklich? Lassen sich denn über Träume Beobachtungen anstellen? auf welche Weise? Da kommen ja zahllose Abwechselungen vor. Es läßt sich nichts so Verkehrtes, so Regelloses, so Ungeheures erdenken, was wir nicht träumen könnten. Wie können wir nun dieses Unendliche und immer Neue entweder mit dem Gedächtnisse erfassen, oder unsere Beobachtungen darüber aufzeichnen? Die Astronomen haben die Bewegungen der (sogenannten) Irrsterne aufgezeichnet. Man entdeckte nämlich bei ihrem Laufe eine vorhin nicht vermuthete Regelmäßigkeit. So nenne mir aber doch eine Regelmäßigkeit oder ein Zusammentreffen der Träume. Wie aber lassen sich die wahren Träume von den falschen unterscheiden, da dieselben Träume bei den Einen diesen, bei Andern jenen Erfolg haben, und bei denselben Menschen nicht immer den gleichen? Um so seltsamer kommt es mir vor, da wir einem Lügner nicht einmal glauben, wenn er auch (einmal) die Wahrheit spricht, daß Jene [die Stoiker], wenn irgend einmal ein Traum eingetroffen ist, nicht wegen der vielen (nicht eingetroffenen) dem einen den Glauben versagen, als aus einem (eingetroffenen) auf die Glaubhaftigkeit der zahllosen andern schließen. Wenn also weder die Gottheit die Träume veranlaßt, noch zwischen ihnen und der Natur ein Zusammenhang Statt findet, noch durch Beobachtung eine wissenschaftliche Erkenntniß zu gewinnen war, so ist erwiesen, daß auf Träume gar nicht zu achten ist. Besonders da gerade Die, welchen sie vorkommen, Nichts weissagen; Die, welche sie deuten, auf Vermuthungen, nicht auf Naturgründe, bauen, der Zufall aber in fast unzähligen Jahrhunderten in Allem mehr Wunderbares, als in den Traumgesichten, hervorgebracht hat; und endlich es nichts Ungewisseres gibt, als die Vermuthung, die sich auf mancherlei, oft auch auf ganz entgegengesetzte Seiten wenden läßt.

72. Also weg auch mit dieser Traumweissagung, wie mit den übrigen! Denn die Wahrheit zu sagen, der über alle Völker verbreitete Aberglaube hat fast Aller Gemüther umnebelt und einen offen stehenden Wohnsitz in der menschlichen Schwäche gefunden. Diesen Satz habe ich schon in meinem Werke über das Wesen der Götter aufgestellt, und in der gegenwärtigen Auseinandersetzung besonders zu erweisen gesucht. Denn ich glaubte nicht nur mir, sondern auch meinen Landsleuten bedeutend zu nützen, wenn es mir gelänge, ihn gänzlich zu entwurzeln. Wird doch [und Das wünsche ich ja ernstlich beachtet zu sehen] durch Vernichtung des Aberglaubens nichts weniger als die Religion vernichtet. Denn erstlich wird ein weiser Mann die Anstalten der Vorfahren achten, und die äusserlichen Religionsgebräuche und Uebungen aufrecht zu erhalten suchen; und zweitens, fühlen wir uns ja durch die regelmäßige Einrichtung der Welt und die Ordnung die im weiten Himmelsraume herrscht, innerlich genöthigt, ein (über Alles) erhabenes und ewiges Wesen anzuerkennen, das für das Menschengeschlecht ein Gegenstand der Ehrfurcht und Bewunderung seyn müsse. Aber, so wie es Pflicht ist, die Religion fortzupflanzen, so ist es auch Pflicht, alle Keime des Aberglaubens auszurotten. Denn er ist ein gewaltiger Bedroher und Bedränger; wende dich wohin du willst, er verfolgt dich: du magst einem Seher oder einem Vorzeichen Gehör geben: du magst opfern oder nach den Vögeln ausschauen; magst dich nach einem Chaldäer, oder nach einem Haruspex umsehen; mag es wetterleuchten oder donnern, oder Etwas vom Blitze getroffen seyn; ist Etwas wie ein Wunderzeichen zur Welt gekommen oder geschehen [und von allem Diesem muß sich häufig Etwas ereignen]; nie kannst du festen und ruhigen Geistes da stehen. Für eine Zuflucht von aller Mühsal, von allem Kummer, gilt der Schlaf. Aber er wird gerade die Quelle gar vieler Sorge und Angst. Diese würden aber an sich weit weniger Einfluß haben und weniger geachtet werden, hätten sich nicht die Philosophen zu Sachwaltern der Träume aufgeworfen, und zwar nicht gerade die am wenigsten geachteten, sondern sehr scharfsinnige, welche eben so gut das Widersprechende, als das Folgerechte, bemerken; ja, die schon fast für vollendet und vollkommen gelten. Hätte sich nicht Carneades ihrer Willkühr widersetzt, vielleicht würden sie gegenwärtig allein für Philosophen gelten. Und sie sind es gerade, mit denen ich es fast allein in meiner Widerlegung und Bestreitung zu thun hatte; nicht weil ich etwa sie für die Verächtlichsten halte, sondern weil sie ihre Behauptungen auf's scharfsinnigste und geschickteste zu vertheidigen scheinen. Da es aber der Character der academischen Philosophie ist, kein entscheidendes Urtheil niederzulegen, dem Beifall zu geben, was der Wahrheit am nächsten zu kommen scheint, Gründe und Gegengründe abzuwägen, und, was sich über jede Behauptung sagen läßt, vorzutragen, ohne auf ihre eigene Ansicht ein Gewicht zu legen, sondern dem Zuhörer sein Urtheil unbefangen zu lassen; so will ich diese vom Socrates herab fortgepflanzte Weise beibehalten, und recht oft wollen wir uns derselben unter uns, Quintus, wenn es dir recht ist, bedienen. »Mir, wahrhaftig, erwiederte er, kann Nichts willkommener seyn.« Und als wir diese Reden gewechselt, standen wir auf.

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