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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18. Ich halte es also mit Denen, welche zweierlei Arten von Weissagung angenommen haben, eine, bei der die Kunst mitwirkt, und eine, bei der die Kunst Nichts zu thun hat. Kunst findet nämlich Anwendung, wenn von den Sehern bei neuen Ereignissen Vermuthungen über deren Bedeutung aufgestellt werden; Kunst üben auch Die, welche schon häufig vorgekommene Fälle durch Beobachtung deuten gelernt haben. Kunstlos ist aber die Weissagung Derjenigen, die nicht durch Schlüsse der Wahrscheinlichkeitsberechnung, nicht nach beobachteten und aufgezeichneten Vorzeichen, sondern durch eine Art von Gemüthserregung [oder Steigerung], oder aus einer [von ihrem Wollen] unabhängigen und freien Bewegung das Künftige vorausahnen (ein Fall, der sich oft bei Träumenden ereignet, bisweilen auch bei Solchen, die vom Wahnsinn ergriffen weissagen), wie z. B. der Böotier Bakis, Epimenides 820 aus Kreta, und die Erythräische Sibylle. Als Weissagungen dieser Art sind auch die Orakel zu betrachten; nicht jene meine ich, die nach genauer Ausgleichung der Loose gezogen worden; sondern wo durch göttliche Eingebung und Begeisterung ein Ausspruch geschieht; wiewohl auch das Loos nicht zu verachten ist, wenn es das Ansehen des Alters für sich hat, wie die Loose, die der Sage nach aus der Erde gekommen sind. Ist es ja doch möglich, daß bei dem Ziehen derselben die Gottheit so einwirkt, daß sie zutreffen. Die Erklärer von allem Diesem möchten wohl, wie die Grammatiker als Erklärer der Dichter, der göttlichen Eingebung Deren, die sie erklären, am nächsten kommen. Dergleichen durch die Zeit so zu sagen erhärtete Dinge durch verdrehende Einwürfe umstoßen zu wollen, darin finde ich nun eben wenig Geistreiches. »Ich finde keinen Zusammenhang« [sagen sie]. Der ist vielleicht in ein Dunkel gehüllt, das in der Natur der Sache liegt. Die Gottheit hat mir eben hier nicht einen Gegenstand des Wissens geben wollen, sondern nur ein Mittel, aus dem ich Vortheil für mich ziehen soll. Diesen Gebrauch will ich also davon machen, und mir nicht einreden lassen, daß ganz Etrurien bei der Schau der Opfereingeweide fasele, oder dasselbe Volk in Deutung der Blitze auf einem Irrwege sey, oder unnatürliche Erscheinungen trügerisch auslege, da oft ein Gebrumme oder Gebrülle im Innern der Erde, oft ein Erdbeben unserm Vaterland und andern Staaten gar vieles Wichtige und Zutreffende vorausverkündigt hat. Ist nicht, als eine Mauleselin ein Junges geworfen, ein Fall, (worüber man sich lustig macht) eben weil ein von Natur unfruchtbares Thier geboren hat, durch die Haruspices 821 geweissagt worden, die Zeit gehe mit unglaublichen Uebeln schwanger? Hat nicht Tiberius Gracchus, des Publius Sohn, der zweimal Consul und Censor gewesen, zugleich ein Augur vom ersten Rang, ein weiser Mann und ausgezeichneter Bürger, nach der schriftlichen Versicherung seines Sohnes, Cajus Gracchus, als ein Schlangenpaar in seinem Hause gefangen worden, die Haruspices zusammengerufen? Wie nun Diese auf Befragen antworteten, wenn er die männliche hinausließe, so werde seine Gemahlin bald darauf sterben müßen; lasse er die weibliche hinaus, er: so erachtete er es für billiger, daß Er, der [zum Tode] reifere, sterbe, als die Tochter des P. Africanus in ihren besten Jahren. Er ließ also das Weibchen hinaus, und wenige Tage darauf starb er.

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