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Gutenberg > Marcus Tullius Cicero >

Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch.

Uebersicht des ersten Buches.

I. Einleitung. Cap. 1–4. Kurze Aufzählung der Ansichten verschiedener Völker über die Weissagung, ihren Werth und ihre Gültigkeit. Cap. 1–2. Summarische Angabe der Behauptungen Griechischer Philosophen über dieselbe von Pythagoras bis auf Panätius. Cap. 3. Uebergang zur Abhandlung. Cap. 4.

II. 1. Anfang der Unterredung. Cicero spricht in seinem Tusculanum mit seinem Bruder Quintus. Dieser erklärt sich für die Weissagung, als Stoiker, und besonders wegen ihres hohen Alterthumes und ihrer Allgemeinheit bei den verschiedensten Nationen. Er nimmt zwo Arten der Weissagung an, die natürliche und die künstliche. Zu jener rechnet er die Weissagung aus Träumen und die der Seher; zu dieser die Haruspicin, das Augurenwesen, die Astrologie und die Weissagung durchs Loos. Dabei stellt er den Satz auf, bei allen diesen Dingen müsse man nur nach dem Ob, nicht aber nach dem Wie und Warum fragen; wie bei einer Menge unbezweifelter täglich in der Natur vorkommender Ereignisse die Sache selbst allbekannt sey, während die Ursachen und wie es zugehe, Niemand wisse. Cap. 5– 13.

2. Auf die Einwendung, daß vieles Vorausgesagte nicht eintreffe, und deßwegen an der Weissagung überhaupt Nichts sey, wird erwiedert, daß bei allen Künsten und Wissenschaften, wo Vermuthungen stattfinden, der Fall oft vorkomme, daß man sich täusche, ohne daß dadurch jene Künste und Wissenschaften selbst aufgehoben oder vernichtet würden. Nur Wer die ganze Geschichte umstoßen wolle, könne läugnen, daß dennoch auch sehr Vieles zugetroffen sey. Cap. 14–17.

3. Er nehme also, fährt Quintus fort, (alle seine Behauptungen von Anfang bis zu Ende mit fremden und einheimischen Beispielen belegend) zweierlei Gattungen von Weissagung, eine künstliche und eine kunstlose, unbedenklich an. Bei der kunstlosen sey nicht von Regeln oder Vermuthungsschlüssen, von Beobachtungen und Merkmalen die Rede, bei ihr werfe der Geist durch innere Aufregung und Entfesselung von den Eindrücken der Aussenwelt einen unmittelbaren Blick in die Zukunft: und hierher gehören auch vorzüglich die Weissagungen durch Orakel (Cap. 18. 19.), durch Träume (Cap. 20–30.) und die Prophezeihungen der Begeisterten (Wahnsinnigen, Verrückten). Cap. 31. Die Beweisführung aber für diese Weissagungen und ihre Glaubwürdigkeit wird mit den Worten des Chrysippus gegeben, dessen Beweis darauf hinausläuft, daß so wie es zum Erweise der richtigen Sehkraft nur eines einzigen Falles bedürfe, in welchem die Augen wirklich die Gegenstände gesehen haben wie sie sind; so sey es für die Existenz der Weissagung und deren Wirklichkeit hinreichend, wenn auch nur einmal etwas prophezeit worden sey, daß der Zufall dabei nicht im Spiel gewesen seyn könne. Cap. 32.

4. Die künstlichen Arten der Weissagung, fährt er fort, seyen die Gebiete, auf welchen sich die Haruspices, die Auguren und die Zeichendeuter bewegen. Davon beruhe denn ein Theil auf alten Denkmälern und traditioneller Lehre, die theils in den Büchern der Hetrusker über die Haruspicin, über die Bedeutung der Blitze und Donner, theils in den Römischen Augurenbüchern enthalten seyen. Ein andrer Theil werde durch augenblickliche Vermuthungsschlüsse gedeutet. Auch hievon werden viele Beispiele angeführt. Cap. 33–37.

5. Nun entwickelt Quintus die Gründe der Stoiker für die Weissagung, die von der Liebe der Götter zu den Menschen und von ihrer Allwissenheit, so wie von dem Wunsche und Bedürfnisse der Menschen hergenommen sind, und wodurch sogar die Existenz der Götter durch die Wirklichkeit der Weissagung bedingt wird. Cap. 38.

6. Die Gegner, sagt er, bringen im Grunde gegen die Weissagung nur die Unbegreiflichkeit derselben vor, und daß man nicht angeben könne, auf welchen Gründen sie beruhe. Und doch sey die Frage nicht, wie es denn damit zugehe, sondern ob wirklich Weissagung stattfinde oder nicht. An dem letztern aber haben weder je die Nationen, noch irgend ein Philosoph von Bedeutung gezweifelt Cap. 39–42.: auch habe gerade in den am besten eingerichteten Staaten die Weissagungskunst in allen ihren Theilen ganz vorzüglich geblüht und Einfluß gehabt, Cap. 43–48: welche Sätze mit Beispielen aus der Römischen Geschichte belegt werden.

7. Die Quelle aller Weissagung sey übrigens entweder die unmittelbare Einwirkung oder Eingebung der Gottheit. Cap. 49–55.; theils das Schicksal (das Fatum, die Heimarmene), Cap. 56., theils die Natur und die Erscheinungen in derselben. Cap. 57.

8. Quintus endigt damit, daß er sich, bei seinem Glauben an die Weissagung, von Allem, was dabei Betrügerisches oder Abergläubisches vorkommen möge, lossagt.

Erstes Buch.

1. Einem alten Glauben zu Folge, der sich schon aus den Heroenzeiten herschreibt, und in der Uebereinstimmung des Römischen Volkes mit allen Nationen seine Bestätigung findet, gibt es eine Weissagekunst, in deren Besitz einige Menschen sind, und die bei den Griechen Mantik heißt, d. i. Vorgefühl und Wissen von künftigen Dingen. Eine herrliche und heilbringende Kunst, wenn es anders eine solche gibt; eine Kunst, durch welche sich ein sterbliches Wesen der Kraft göttlichen Waltens nähert. Hier tritt, wie in so manchem Andern, der Fall ein, daß die Griechen hinter uns Römern zurückstehen: indem wir von jeher diese so treffliche Sache mit einem von der Gottheit hergenommenen Namen ( divinatio) bezeichnen, während die Griechen, nach Platons Deutung, sie mit einem Werke benennen, das auf den Wahnsinn (μανια) hindeutet. Meines Wissens gibt es kein so hochgebildetes und aufgeklärtes, so wie kein in so hohem Grade verwildertes und rohes Volk, wo nicht der Glaube herrschend wäre, es gebe Andeutungen und Vorzeichen der Zukunft, und zugleich Menschen, die dieselben verstehen und zu erklären wüßten. Zu allererst haben die Assyrier (ich belege meine Behauptung absichtlich mit der Sitte der ältesten Nation) durch ihre weiten Ebenen und Gefilde veranlaßt, weil diese ihnen einen überall freien Horizont und einen unbeschränkten Blick an den Himmel gewährten, die Bewegungen der Wandelsterne und ihren Lauf an den Fixsternen vorbei zum Gegenstande ihrer Beobachtungen gemacht, dieselben ausgezeichnet, und die jedesmalige Bedeutung für die Nachwelt aufbewahrt. Ein Volk aus jener großen Nation, die Chaldäer (ein Name, welcher nicht ihre Kunst, sondern einen Völkerstamm bezeichnet) Die Ungebildetern unter den Römern glaubten nämlich, das Wort Chaldäer sey der Name des Gewerbes der Astrologen. bildete sich, wie man glaubt, durch lange Beobachtung der Gestirne, eine Wissenschaft, durch die es möglich wurde, einem Jeden sein künftiges Geschick, und zu welchem Schicksal er durch die Geburt bestimmt sey, vorauszusagen. In derselben Kunst sollen auch die Aegyptier im langen Laufe der Zeiten und einer fast zahllosen Reihe von Jahrhunderten gelangt seyn. Die Cilicier aber und Pisidier, und die den Letztern benachbarten Pamphylier, Nationen, denen ich selbst [ als Proconsul] vorgestanden, glauben an eine Vorandeutung künftiger Ereignisse durch den verschiedenen Flug und Gesang der Vögel, und halten diese Anzeichen für vollkommen zuverläßig. Und hat selbst das Griechenvolk je eine Kolonie nach Aeolien, Ionien, Asien, Sicilien, Italien ausgesendet, ohne das Orakel zu Delphi, oder das zu Dodona, oder das des Jupiter Hammon zu befragen? oder wann haben sie je einen Krieg unternommen, ohne erst darüber den Rath der Götter einzuholen?

2. Es beschränkte sich aber der Gebrauch der Weissagekunst im öffentlichen Leben und im Privatleben nicht blos auf einen Zweig derselben. Denn wie viele Arten (um jetzt der übrigen Völker nicht zu gedenken) hat nur unser Volk bei sich eingeführt! Gleich bei der Gründung Roms soll ja der Stifter unseres Staates, Romulus, nicht blos unter Leitung von Auspicien die Stadt gegründet haben, sondern selbst ein ausgezeichneter Augur gewesen seyn. Der Augurien bediente sich darauf die ganze Reihe der Könige nach ihm, und seit der Ausrottung des Königthums [durch Verbannung der letzten Königsfamilie] wurde keine Staatsangelegenheit abgethan, es mochte im Frieden oder im Kriege seyn, ohne daß man die Auspicien zu Rathe zog. Und da man die vermittelst derselben veranstalteten und berathenen Geschäfte, so wie die Auslegung und Sühne bedrohlicher Vorzeichen besonders durch die Kunst der Haruspicien bedeutend gefördert glaubte, so nahm man diese Kunst in ihrem ganzen Umfange von den Hetruriern an, um nur überzeugt seyn zu können, auch nicht eine Gattung der Weissagekunst vernachläßigt zu haben. Da nun nach der Ansicht unserer Vorfahren, die Seele auf eine gedoppelte Weise, ohne Zuthun einer Verstandesthätigkeit oder wissenschaftlichen Erkenntniß, durch von ihr selbst ausgehende und unabhängige Bewegung oder Anregung sich ergriffen fühlt, nämlich durch eine an Wahnsinn gränzende Begeisterung und durch das Träumen, so betrachteten sie als begeisterte Weissagung vorzüglich die in Versen abgefaßten Sibyllinischen Sprüche, und bestimmten zur Deutung derselben zehen auserlesene Bürger. Als zu derselben Gattung gehörend glaubten sie auch oft die im Zustande der Raserei ausgesprochenen Prophezeiungen der Wahrsager und Seher berücksichtigen zu müssen, z. B. die des Cornelius Culleolus im Octavianischen Kriege Im Jahre Roms 666. Der Consul Octavius von der Sullanischen Partei kämpfte, während Sulla gegen den Mithridates zu Felde lag, gegen den Cinna und Marius.. Aber auch bedeutsame Träume, wenn sie in Beziehung mit dem Staate zu stehen schienen, wurden von der obersten Staatsverwaltungsbehörde nicht unbeachtet gelassen. Hat doch noch in neuerer Zeit, deren wir sogar uns erinnern, L. Julius, als er neben dem P. Rutilius die Consulwürde bekleidete, dem Ansinnen des Senats zu Folge aus Veranlassung eines Traumes der Tochter des Balearicus, Cäcilia, den Tempel der Juno Sospita wiederhergestellt.

3. Dergleichen Dingen haben nun wohl, denke ich, die Alten, mehr durch Beobachtung gewisser Erfolge, als durch Gründe veranlaßt, Beifall geschenkt. Man hat indessen doch auch einige ausgesuchte Beweise von Philosophen gesammelt, die darthun sollen, daß Etwas an der Weissagekunst sey. Unter den ältesten Philosophen, um auf diese zurückzugehen, war Xenophanes aus Kolophon der einzige, der die Weissagekunst gänzlich verwarf, und doch den Glauben an Götter festhielt. Die übrigen Alle (den Epikurus ausgenommen, der im Kapitel von dem Wesen der Gottheit gleich einem stammelnden Kinde spricht) nehmen eine Weissagung an, wiewohl mit sehr verschiedenen Nebenbestimmungen. Hatten sich nämlich Sokrates und seine Schule, ferner Zeno und seine Anhänger und Nachfolger ganz im Sinne der alten Philosophen hierüber erklärt, wobei sich auch die alte Akademie nebst den Peripatetikern anschloß; hatte diese Ansicht schon früher durch den Pythagoras ein großes Gewicht erhalten, der selbst für einen Augur gelten wollte; hatte auch Demokritus an mehrern Stellen ein bedeutendes Gewicht für die Annahme einer Vorahnung der Zukunft in die Wagschale gelegt; so beschränkte der Peripatetiker Dicäarchus das ganze Weissagungswesen, mit entschiedener Läugnung aller andern Gattungen, auf die Weissagung durch Träume und durch begeisterte Raserei. Gerade diesen beiden Zweigen derselben, mit Verwerfung aller übrigen, gestand auch mein vertrauter Freund Kratippus Gehalt und Realität zu: ein Mann, dem ich unter den Peripatetikern vom ersten Range einen Platz anspreche.

Da jedoch die Stoiker die Weissagekunst so ziemlich in ihrem weitesten Umfange in Schutz nahmen; ein Verfahren, wozu theils schon Zeno in seinen Grundlinien zu seinem Systeme den Ton angegeben, und wovon Kleanthes bedeutende Partieen weiter ausgeführt hatte; so schloß sich nun der höchst scharfsinnige Chrysippus mit einem eigenen Werke an Jene an, und behandelte in zwei Büchern die ganze Lehre von der Weissagung, in einem dritten noch besonders die von den Orakeln, noch in einem die von den Träumen. Sein Zuhörer, Diogenes von Babylon, reihte sich mit einem Buche jenem an, mit zweien Antipater, mit fünfen mein Posidonius. Ein in dieser Hinsicht entarteter Zögling der stoischen Schule (wiewohl sonst unter ihnen ein Stern erster Größe) war Panätius, des Posidonius Lehrer, Schüler des Antipater. Ohne die Wirklichkeit der Weissagungskraft geradehin zu läugnen, erklärte er doch, er habe Gründe, an ihr zu zweifeln. Durfte sich nun er als Stoiker, wiewohl mit großem Widerstreben seiner Schule, Dieß in einem Punkte herausnehmen, wie sollten die Stoiker Dieß uns in den andern Punkten verwehren wollen? Zumal, da der Gegenstand, über welchen Panätius sich nicht zu entscheiden wagt, bei allen übrigen Anhängern der Stoa ein entschiedener und ausgemachter Glaubensartikel ist. Und so sehen wir denn hier einmal einen Hauptvorzug der Akademie durch das Urtheil und die Bestätigung eines Philosophen vom ersten Range gerechtfertigt.

4. Wenn ich mir nun selbst die Frage aufwerfe, was denn wohl von der Weissagung zu halten sey; eine Untersuchung, auf die mich die vielen scharfsinnigen und mit rednerischer Fülle ausgeführten Gründe brachten, welche Karneades den Stoikern entgegengestellt hat; und gewissermaßen besorgt bin, ich möchte ohne hinlängliche Begründung entweder einer ganz falschen oder einer wenigstens nicht hinlänglich untersuchten Ansicht meinen Beifall schenken; so glaube ich mich einer sorgfältigen und wiederholten Vergleichung der Beweise und Gegenbeweise nicht entziehen zu dürfen, ungefähr in der Art, wie ich Gründe und Gegengründe in meinen drei Büchern vom Wesen der Götter abgewogen habe. So unrühmlich in jeder Untersuchung ein blindes Jasagen und unsicheres Herumtappen ist, so ist Dieß doch besonders in dem Gebiete des Forschens der Fall, wo wir uns ein entscheidendes Urtheil darüber bilden sollen, was wir für einen Werth auf Auspicien, auf andere mit der Religion in Verbindung stehende Dinge und auf die Religion überhaupt setzen dürfen: und Dieß um so mehr, da uns hier zwar gefährliche Abwege drohen: der eine, durch Vernachläßigung jener Gegenstände uns einer Ruchlosigkeit schuldig zu machen; der andere, durch Annahme derselben uns altweibischem Aberglauben hinzugeben.

5. Gerade diese Gegenstände waren nun schon verschiedene Male der Inhalt einer philosophischen Unterhaltung für mich; am gründlichsten aber wurden sie neulich durchgesprochen, als ich mich mit meinem Bruder Quintus auf meinem Tusculanischen Landsitze befand. Wir lustwandelten nämlich gerade im Lyceum (Dieß ist der Name des obern Gymnasiums); da sagte Jener zu mir: so eben bin ich mit der Durchlesung deines dritten Buches von dem Wesen der Götter zu Ende, in welchem Cotta meine Ansicht von der Sache zwar erschüttert, aber doch nicht von Grund aus umgestoßen hat. Ganz gut, erwiederte ich: das war ja eben der Zweck des Cotta, mehr die Beweise der Stoiker in ihrer Nichtigkeit darzustellen, als die Religion in dem menschlichen Gemüthe zu untergraben. Ja, sagte Quintus, Das versichert er freilich, und zwar wiederholt; vermuthlich um dem Rechte, das seine Schule in Anspruch nimmt, Nichts zu vergeben: allein in seinem Eifer, die Stoiker in ihrer Blöße darzustellen, läßt er, scheint mir, der Religion selbst keinen Raum und Halt mehr. Uebrigens bin ich um eine Antwort auf seine Einwürfe nicht verlegen; denn der Vortrag des Lucilius im zweiten Buche enthält eine hinlängliche Schutzrede für die Religion; und dieses Mannes Beweisführung schien dir ja selbst, nach deiner Aeusserung am Schlusse des dritten Buches, der Wahrheit ziemlich nahe zu kommen. Ein Punkt ist indessen in jenem Werke übergangen worden; vermuthlich weil es dir zweckmäßiger schien, ihm eine eigene Untersuchung zu widmen, und sich besonders über ihn zu verbreiten: ich meine die Weissagung, oder die Voraussagung und die Vorahnung derjenigen Dinge, die für zufällig gelten. Diesen Punkt nun wünschte ich, wenn dir's beliebt, in Beziehung auf seinen Werth und sein Wesen einer gegenseitigen Erörterung gewürdigt zu sehen. Meine Ansicht ist kurz die: sind die sämmtlichen hergebrachten und mit religiöser Achtung von uns behandelten Gattungen der Weissagung wahr und zuverläßig, so ist das Daseyn der Götter erwiesen; und umgekehrt: hat es mit dem Daseyn der Götter seine Richtigkeit, so muß es auch Menschen geben, die weissagen.

6. Das heiße ich, mein Quintus, die Vertheidigung des Hauptbollwerks der Stoiker übernehmen; wenn du die Sache so umkehrst, daß durch die Wirklichkeit der Weissagung das Daseyn der Götter bedingt ist, und durch das Daseyn der Götter die Wirklichkeit der Weissagung erwiesen seyn soll. So leicht, als du dir vorstellst, möchte wohl weder das Eine noch das Andere zugegeben werden. Denn erstens ist es ja möglich, daß, ohne eine Gottheit, schon durch die Natur Künftiges zum voraus angedeutet werde; und zweitens kann man Götter annehmen, ohne daß nothwendig, von ihnen aus, dem Menschengeschlechte eine Weissagekunst verliehen wäre. Ich für meine Person, erwiederte er, finde in der Ueberzeugung, daß es ganz unwidersprechliche und handgreifliche Arten von Weissagungen gibt, Beweis genug für das Daseyn der Götter und für die göttliche Leitung der menschlichen Angelegenheiten. Hierüber will ich dir denn, wenn du mir Gehör geben willst, meine Ansicht mittheilen, doch nur auf den Fall, daß du mir freie Aufmerksamkeit schenken kannst, und nicht gerade von einem dir wichtigern Gegenstande in Anspruch genommen bist. O, sagte ich, mein Quintus, für philosophische Untersuchungen habe ich immer freien Geist und freie Zeit. Gegenwärtig aber, da ich ohne dieß keinen Gegenstand habe, bei dem ich mit Wohlbehagen verweilen könnte, trage ich um so größeres Verlangen, deine Gedanken über die Weissagung zu vernehmen. Nun, erwiederte er, Neues wird es eben nicht zu vernehmen geben, und kein von den Ansichten Anderer ganz abweichendes besonderes System. Ich halte mich an die älteste Ueberzeugung, welche die Zustimmung aller Völker und Nationen für sich hat. Es gibt nämlich zwei Arten der Weissagung, eine künstliche und eine natürliche. Gibt es aber eine Nation oder einen Staat, wo nicht auf die Opferzeichendeuter, oder auf Die, welche seltsame Naturspiele auch wohl Blitze erklären, oder auf Auguren, auf Astrologen, auf Loose (das möchten etwa die künstliche Arten seyn) oder auf Träume und Aussprüche von begeisterten Sehern (die beiden letztern Arten gelten für die natürlichen), in Hinsicht auf Andeutung der Zukunft Etwas gehalten würde? Bei allen diesen Dingen ist meines Erachtens mehr nach dem Erfolge, als nach den Ursachen derselben zu fragen. Es gibt nämlich eine gewisse Kraft oder ein gewisses Etwas, welches theils durch eine, lange Zeit fortgesetzte, Beobachtung bestimmter Andeutungen theils durch irgend eine innere Eingebung oder göttlichen Anhauch einen Blick in die Zukunft thun läßt.

7. Darum unterlasse Karneades, uns mit Fragen zuzusetzen; eine Freiheit, die sich auch Panätius herausnahm, indem er zu wissen begehrte, ob wohl Jupiter der Krähe von der linken, und dem Raben von der rechten Seite zu krächzen den Befehl ertheilt habe? Das sind Beobachtungen von unermeßlicher Zeit her, die Resultate aus vielen bemerkten und aufgezeichneten Ereignissen. Gibt es doch Nichts auf der Welt, hinter das man nicht im Laufe der Zeit durch Aufzeichnung des Vorgekommenen und fortwährende Ueberlieferung kommen, das man nicht herausbringen könnte. Ist es doch ein Gegenstand gerechter Verwunderung, was für Gattungen von Kräutern von den Aerzten beobachtet worden, was für mancherlei Wurzeln gegen die Bisse wilder Thiere, gegen Augenkrankheiten, gegen Verwundungen, deren Kraft und Natur sich durch keine Theorie erklären läßt, die aber durch ihren Nutzen die Kunst und die Entdecker zu Ehren brachten. Und nun laß uns noch gar einen Blick auf die Dinge werfen, die, ohne unmittelbar hierher zu gehören, doch mit der Weissagung eine Aehnlichkeit haben.

Kündigt doch oft auch in der Zukunft drohende Stürme Die poetischen Fragmente des 7. 8. und 9ten Capitels sind aus Cicero's Uebersetzung der Διοσημει̃α des Aratus, von Cicero Prognostica betitelt. Außer diesen Versen, und noch dreien bei Priscian, ist alles Uebrige verloren.
Angeschwollen die See, wenn plötzlich und tief sie sich aufbäumt,
Wenn dann das graue Geklipp, umschäumt von der schneeigen Salzfluth,
Gibt wetteifernd zurück dem Neptun den beängstenden Nachhall,
Oder gewaltiges Sausen vom hochaufragenden Felshaupt
Herstürmt, dann noch verstärkt von dem Zaune der Klippen zurückprallt.

8. Von dergleichen Vorahnungen sind ja deine Prognostica ganz voll. Und nun [frage ich,] Wer kann die Ursache solcher Vorahnungen herausbringen? wiewohl ich sehe, daß sich der Stoiker Böethus darin versucht hat. Und wirklich hat der Mann in so weit nicht ganz vergebens gearbeitet, als er wirklich jene Erscheinungen im Meere und am Himmel zu erklären verstand. Aber Wer möchte eine auch nur wahrscheinliche Erklärung folgender Erscheinungen aufstellen? wenn,

Aufgeschreckt aus dem Schlunde des Meer's, das bräunliche Seehuhn
Laut aufschreiend verkündet, es nahen entsetzliche Stürme,
Laut unmäßige Tön' ausgießend aus gurgelnder Kehle;
Oft auch ringt aus der Brust ein Steinkauz traurig sein Lied los,
Häuft in den Stunden der Frühe die Wechselfälle der Töne,
Häufet die Töne, und stöhnt rastlos sein kreischendes Klaglied,
Frühe, sobald Aurora den Thau, den frostigen, auflöst.
Oft auch trippelt das Ufer entlang die schwärzliche Krähe,
Tauchet das Haupt, und lässet die Welle dem Nacken entrollen.

9. Wir sehen diese Zeichen, die fast nie trügen; aber warum es so kommt, Das sehen wir doch nicht.

Ihr auch sehet die Zeichen, ihr Zöglinge süßes Gewässers,
Wann mit Geschrei ihr beginnt leerschallenden Laut zu ergießen
Und mit dem widrigen Klang' aufregt das Gesümpf und die Quellen.

Meint wohl Jemand im Ernste, die armen Frösche sehen Das wirklich? Und doch liegt allerdings in diesen Thierchen eine unerklärliche Kraft und eine Art von Naturtrieb, der Etwas andeutet, an sich hinlänglich zuverläßig, wiewohl für die menschliche Erkenntniß weniger verständlich.

Auch schwankfüßige Rinder, erschauend die Lichter des Himmels
Zieh'n mit der Nase befeuchtenden Saft und Dunst aus der Luft ein.

Ich frage nicht, warum: denn es liegt mir ja klar vor, was geschieht.

Ferner der Mastixbaum, stets grün stets früchtebeladen,
Welcher gewohnt ist, dreifach von Frucht geschwängert zu schwellen,
Zeigt, auch dreimal tragend, uns an drei Zeiten des Pflügens.

Auch Das nicht einmal frage ich, warum dieser Baum allein dreimal blüht, oder warum er seine Blüthenzeit genau der gehörigen Pflügezeit anpaßt. Ich begnüge mich, bestimmt zu wissen, was geschieht; mag ich auch immer nicht wissen, wie es bei Allem zugeht. Dieß wird also auch meine Schutzrede für jede Weissagung seyn, wie sie es für die eben angeführten Erscheinungen ist.

10. Was die Scammoneawurzel als Abführungsmittel, was die Aristolochia (ein Name, den sie von dem Finder Natürlicher leitet Plinius H. N. 25. 54. den Namen der Pflanze von dem Nutzen her, den sie den Gebärenden leistete. erhielt, da der Finder sie selbst durch einen Traum bekam) als Mittel gegen Schlangenbisse auszurichten vermag, sehe ich, und Das genügt mir: warum sie es vermag, weiß ich nicht. So ist mir auch nicht eben recht klar, was den Vorzeichen der Winde und Platzregen zum Grunde liegt: aber die Andeutungskraft und das Zutreffen erkenne ich, weiß ich, und nehme ich darum als richtig an. Gleicher Weise lasse ich mir gesagt seyn, was ein Spalt in den Eingeweiden [der Opferthiere], was ein Fieber bedeute: was die Ursache davon ist, weiß ich nicht. Dergleichen Dinge kommen im Leben unzählig oft vor: denn der Befragung der Eingeweide bedienen wir uns fast Alle. Und können wir wohl an der Bedeutsamkeit der Blitze zweifeln? Haben wir da nicht viele höchst wunderbare Fälle, und unter andern auch folgenden: als der Summanus S. über diese Gottheit Creuzer's Symb. und Mythol. II, S. 965. f. des Uebersetzers Auszug daraus S. 529. f. Er war der Gott der nächtlichen Blitze. Einige hielten ihn für den Polarstern. Bei den arvalischen Brüdern hieß er Pater, und ist verwandt mit dem ältesten Zeus der Griechen. auf dem Giebel des Jupitertempels, ein thönernes Standbild, vom Blitze getroffen worden war, und sich der Kopf der Statue nirgends finden ließ, erklärten die Haruspices, er sey in die Tiber geschleudert worden. Und wirklich fand sich der Kopf genau an der von ihnen bezeichneten Stelle.

11. Doch kann ich einen passendern Gewährsmann oder Zeugen anführen, als dich selbst? Du hast ja diese Sachen gar poetisch dargestellt, und ich habe die Verse mit wahrem Vergnügen auswendig gelernt, die du im zweiten Buche deines Gedichtes über dein Consulat die Muse Urania sprechen lässest: Außer diesem langen Fragmente haben wir nur noch einige wenige Verse in den Briefen an den Atticus und im Nonius Marcellus von Cicero's Gedichte de Consulato suo.

Erst von ätherischem Feuer entflammt wälzt Jupiter's Glanz sich,
Ganz mit Helle die Welt und seinem Lichte beleuchtend,
Dringt mit göttlichem Geist hindurch durch Himmel und Länder,
Waltet, im Innern erhaltend Gefühl und Leben der Menschen,
Rings umzäunt und umschlossen in Kammern des ewigen Aethers.
Willst du jedoch der Gestirne Umlauf und schweifende Bahnen
Kennen, und wo sie im Raume der himmlischen Zeichen gestellt sind,
Welche dem Namen nach irren, nach falscher Benennung der Griechen,
Doch wahrhaftig auf sicherem Raum und bestimmtester Bahn geh'n;
Alles erblickst du, voraus von der Gottheit Willen bestimmt schon.
So als Consul sahst du der Sterne beflügeltes Schwingen,
Wie sie, zusammengestoßen, erglänzten in furchtbarem Brande,
Als du auf Alba's Gebirg anschautest die schneeigen Hügel
Weihend, und Latiums Fest besprengtest mit fröhlichem Milchguß,
Sah'st du in strahlenden Gluten die feurigen Ruthen erbeben,
Die wie ein Schlachtengemeng an dem nächtlichen Himmel sich wirrten,
Furchtbare Zeiten verkündete da dieß Fest der Latiner,
Als sich gefüllet die Scheibe des Monds mit verdunkeltem Lichtglanz
Barg, in gestirnter Nacht auf einmal plötzlich ersterbend.
Deutete nicht auch die Fackel des Phöbus uns traurigen Krieg an,
Die sich, zur Säule gestreckt, im flammenden Brande dahinschwang,
Durch des Gewölbs Abhang nach der Abendseite des Himmels?
Oder als selbst ein Bürger, von schrecklichem Blitze getroffen,
Schwand aus dem Reiche des Lebens bei hellaufglänzendem Taglicht?
Oder als schwanger der Schooß der erschütterten Erde gebebet?
Mahnten nicht mancherlei Bilder des Grau'ns, die dem Blicke sich zeigten
Tief in der Nacht, daß Krieg und wilde Bewegungen drohen?
Ja, auch Seher ergoßen aus rasendbegeisterter Brust laut
Manches Orakel durchs Land, es bedrohend mit traurigem Unfall;
Und, was lange schon Sturz androht' und nun endlich hereinsank,
Kündete, stets durch Zeichen, wohl hellandeutende, warnend,
Selbst der Vater der Götter am Erdkreis an und vom Himmel.

12. Jetzt was unter den Consuln Torquatus und Cotta vor Jahren
Hatte verkündet der Lyder, Nach der Sage, daß die Tusker unter Anführung des Tyrrhenus aus Lydien in Etrurien eingewandert seyen. des Tuscischen Volkes Haruspex,
All Das häuft dein Jahr, und bringt es zu sich'rer Vollendung.
Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympus
Zielt' einst selber der Vater auf eigenen Hügel und Tempel,
Zum Capitolium nieder den Stral des Verderbens entsendend.
Da ward niedergeschmettert des Natta Anspielung auf das Standbild eines vornehmen Römers aus der Familie der Pinarier. Vgl. II, 20. ehernes Standbild,
Alt und edel, es schmolz des Gesetzspruchs heilige Tafel,
Und die verzehrende Flamme zerstörte die Bilder der Götter.
Hier war gestanden die Tochter des Walds, des Römischen Namens
Amme, geheiligt dem Mars, die die Sprossen vom Saamen des Mavors
Kräftig aus strozenden Brüsten mit Thau des Lebens gelabt hat:
Diese zusammt den Knaben entsank vom flammenden Blitzstrahl
Nieder, und ließ losbrechend zurück die Spuren der Füße.
Wer durchspähte nicht da der Kunst Denkmäler und Schriften,
Suchend in Tuscischen Blättern verkündende Stimmen des Unheils?
Alle warnten vor Jammer und furchtbarem, grausem Verderben Anspielung auf die Catilinarische Verschwörung.,
Das aus der Mitte der Bürger vom edelsten Stamme herandroht:
Kündigten einerlei Sinn's und Wort's der Gesetze Vernichtung
An, und hießen die Tempel der Götter, und Rom der Zerstörung
Noch entraffen, und schrecklichen Mord und Verheerung verhüten.
So sey alles bestimmt und beschlossen vom schweren Verhängniß,
Wenn an der ragenden Säule nicht einst gebildet mit Kunstsinn
Jupiter's heiliges Bild hinschau' nach dem Glanze des Ostens.
Dann, dann werde das Volk und der Väter hehre Versammlung
Ganz durchschau'n den verborgenen Plan, wenn gegen den Aufgang
Hingewendet das Bild nach der Curie Blick und dem Forum.
Das ward endlich nach langem Verzug und vielem Verweilen
Von dir, Consul, Vergl. Cicero's Catilinarische Reden III, 8. 20. emporgestellt auf ragender Höhe,
Und in bestimmter Zeit und genau bezeichneter Stunde
Ließ auf erhabener Säule den Machtstab Jupiter glänzen:
Und der Allóbroger Wort S. Sallust's Catilina 40–47.enthüllt dem Senat und dem Volke
Wie schon Flamme und Schwert nah drohten dem Lande der Heimath.

13. Wohl drum thaten die Alten, die euch Denkmale gegründet,
Welche die Völker und Städte mit Maß und Tugend geleitet;
Wohl auch haben die Euren, die stets sich durch heilige Treue
Ausgezeichnet, und weit an Weisheit Alle besiegten,
Ganz vorzüglich geehrt der Götter lebendiges Walten.
Dieses erkannten sogar, tief schauend mit spürender Sorgfalt,
Männer, die edleren Künsten sich froh in Muße gewidmet,
Welche in Platon's schattigem Hain und Glanz des Lyceums
Fruchtbaren Geistes Künste so trefflich durch Lehren ergoßen.
Ihnen entführt, hat schon in der ersten Blüthe der Jugend
Auf zum edelsten Wirken das Vaterland dich gerufen.
Doch du erheiterst die Seele, die Grambeladne, durch Ruhe,
Weihend der vaterländischen Red' und den Musen die Muße.

Und du könntest es über dich gewinnen, gegen meine über die Weissagung aufgestellten Ansichten aufzutreten, du, der du gehandelt hast, wie du gehandelt hast, und so genau Das, was ich so eben vortrug, niedergeschrieben hast? Wie, du fragst also, Karneades, warum sich Dieß so ereigne, und was es für ein Mittel gebe, darüber ins Klare zu kommen? Ich gestehe hierüber meine Unwissenheit, jedoch behaupte ich: du siehst selbst, daß es wirklich geschieht. Durch Zufall, wendest du ein. Wirklich? Ist bei Thatsachen ein Zufall möglich, die alle Kennzeichen der Wahrheit [ihres Zusammenhanges] an sich tragen? Es mag Zufall seyn, daß vier hingeworfene Würfel einen Venuswurf geben. Meinst du, es werde auch durch Zufall sich treffen, daß, wenn du vierhundert Würfel hinwirfst, hundert Venuswürfe herauskommen? Möglich, daß ein Umriß eines Gesichts sich bildet, wenn einer auf gerathewohl Farben auf ein Brett hinspritzt. Meinst du darum, so ein zufälliges Hinspritzen könne auch [eine Zeichnung, wie] die Schönheit der Koïschen Venus herausbringen? Laß ein Schwein mit dem Rüssel auf dem Boden die Figur des A einwühlen: darfst du darum die Vermuthung hegen, das Thier werde auch die Andromache des Ennius mit seinem Rüssel schreiben können? Karneades hatte den Einfall, zu erdichten, es sey in den Steinbrüchen der Chier einmal beim Zersprengen eines Steines der Kopf eines jungen Pan's herausgekommen. Meinetwegen eine Figur, die ungefähr so ausgesehen: auf jeden Fall keine solche, daß man sie für eine Arbeit des Phidias nehmen möchte. Denn das ist nun einmal bestimmt ausgemacht, daß der Zufall nie der Planmäßigkeit es ganz gleich thut.

14. Aber, sagst du, bisweilen trifft das Vorausgesagte nicht eben ein. Bei welcher Kunst ist doch Dieß nicht der Fall? ich meine solche Künste, die sich in dem Gebiete der Vermuthungen und Meinungen herumdrehen. Oder ist etwa die Arzneikunde keine Kunst? und doch ist sie so vielen Täuschungen ausgesetzt. Und täuschen sich nicht auch die Steuerleute? Ist nicht das Heer der Achiver mit seinen vielen Schiffelenkern so von Ilium abgesegelt,

Daß sie, fröhlich ob der Abfahrt, auf der Fische lustig Spiel
Niederschauten (wie Pacuvius sagt), In seinem Dulorestes. S. über dieses Stück die Schrift von H.Stieglitz: De Pacuvii Duloreste: über unsere Stelle das. S.54.f. und ihr Auge nimmer satt des Schauens ward?
Da, schon bei der Sonne Sinken, kräuselt sich das Meer empor,
Doppelt breitet aus sich Dunkel, schwarz von Nacht ist's und Gewölk.

Hat darum der Schiffbruch so vieler hochberühmten Heerführer und Könige die Steuermannskunst vernichtet? Oder gibt es keine Feldherrnkunst, weil neulich ein Feldherr vom ersten Range geflohen ist, und sein Heer eingebüßt hat? Pompejus, der vier Jahre vor Abfassung dieser Bücher (nämlich im Jahre Roms 706.) von Cäsar bei Pharsalus geschlagen worden war. Oder ist darum die Kunst und Weisheit der Staatsverwaltung eine Chimäre, weil sich in so Manchem Cn. Pompejus, in Einigem M.Cato verrechnete, bisweilen auch du selbst? Auf ähnliche Weise verhält es sich mit den Antworten, die die Haruspices geben, und überhaupt mit der künstlichen Weissagung: sie beruht nämlich auf Wahrscheinlichkeitsschlüssen, über welche sie nicht hinaus kann. So ein Schluß täuscht vielleicht zuweilen; aber doch führt er sehr häufig auf's Wahre; denn er beruht auf einer unendlichen Reihe von Beobachtungen; und da in dieser fast unzähligemale die Ereignisse auf dieselbe Weise, auf dieselben vorangegangenen Zeichen zutrafen, so ist durch die häufige Bemerkung und Aufzeichnung derselben Erfolge eine Kunst geschaffen worden.

15. Und wie in sich übereinstimmend sind nicht eure Auspicien! Zwar verstehen sich die gegenwärtigen Römischen Auguren (ich bitte mir Das nicht übel zu deuten) schlecht darauf: die Cilicier aber, Pamphylier, Pisidier und Lycier sind Meister darin. Ich brauche hier kaum an unsern gemeinsamen Gastfreund, den ruhmwürdigen und wahrhaft edeln Mann, den König Deiotarus Tetrarch der Trogmer in Galatien und König von Kleinarmenien, aber nicht selbstständig, sondern von dem Römischen Senat abhängig. zu erinnern, der gar Nichts unternimmt, ohne erst die Auspicien zu befragen. Dieser war ja auf einer Reise, die er sich vorgenommen und fest beschlossen hatte, gewarnt durch den Flug eines Adlers, wieder umgekehrt: und die Nacht darauf stürzte das Zimmer ein, in welchem er hatte übernachten wollen, falls er weiter gereist wäre. Und so kehrte er, wie ich von ihm selbst vernahm, oft auf einer Reise um, und wenn er auch schon mehrere Tagreisen zurückgelegt hatte. Ein ganz trefflicher Charakterzug von diesem Manne ist aber folgender. Cäsar hatte ihm zur Strafe seine Tetrarchie und sein Königreich abgenommen und obenein noch eine Summe Geldes. Und dennoch erklärt er, die Auspicien, die sich ihm, als er zu Pompejus gestoßen, günstig erklärt, betrachte er nicht als täuschend. denn er habe seine Waffen zur Vertheidigung des Ansehens des Senats, der Freiheit des Römischen Volkes und der Würde des Reiches geführt, und die Vögel, auf deren Rath er der Pflicht und seinem Worte treu geblieben sey, haben ihm gut gerathen: denn seine Ehre sey ihm theurer gewesen als seine Besitzthümer. Dieser Mann, scheint mir, hat von den Augurien die rechte Ansicht. Unsere Beamten dagegen bedienen sich erzwungener Auspicien. Denn ist dem Huhn der Bissen vorgeworfen, so muß ihm nothwendig unter dem Fressen ein Stückchen aus dem Schnabel fallen: weil nun in euren Büchern steht, es sey Das ein Tripudium, wenn von dem Bissen Etwas auf den Boden fällt, so nennt ihr auch das, was ich erzwungen genannt habe, ein Tripudium sollistimum S. zur Erläuterung unten II, 34.. Und so ist es gekommen, daß die Augurien, viele Auspicien (worüber der weise Cato klagt) durch Nachläßigkeit von Seiten des Augurencollegiums ganz verloren gegangen und aufgegeben worden sind.

16. In frühern Zeiten allerdings wurde fast Nichts von Bedeutung, selbst im Privatleben, unternommen, ohne die Auspicien zu befragen. Ein Beweis davon ist, daß man noch heut zu Tage Auspices bei den Hochzeiten hat; die indessen freilich nur noch den Namen haben, da die Sache selbst außer Gebrauch gekommen ist. Denn wie jetzt durch die Eingeweideschau (eine Sache, die auch nicht mehr so üblich ist, wie sonst), so wurden damals durch Vogelflugbeobachtung gewöhnlich bei Dingen von Wichtigkeit günstige Vorzeichen eingeholt. Dadurch nun, daß wir die ungünstigen Momente nicht mehr erforschen, gerathen wir in Unheil und Mißgriffe. So haben z.B. P.Claudius, der Sohn des Appius Cäcus, und sein College L.Junius Im Jahre Roms 505, im ersten Punischen Kriege. bedeutende Flotten zu Grunde gerichtet, blos weil sie gegen die Warnung der Auspicien abgesegelt waren, ganz wie es dem Agamemnon gegangen, der, als die Archiver anfingen

Laut zu lärmen, Hohn zu sprechen offen aller Seher Kunst,
Schiffte, weil's die Schreier wollten, warnt' auch gleich der Vögel Flug. Nach Stieglitz a. a. O. S. 128. vielleicht auch aus dem Dulorestes des Pacuvius.

Doch wozu Beispiele aus alter Zeit? Liegt doch vor Augen, was dem M. Crassus begegnet ist, wie er die feierliche Bedrohung der Auguren nicht achtete. Bei diesem Falle hat dein College Appius, ein guter Augur, wie ich mehrmals von dir gehört habe, eben nicht sehr einsichtsvoll den redlichen Mann und trefflichen Bürger, C.Atejus, als Censor bestraft, indem er [als Grund der Strafe] unterzeichnete, er habe Auspicien erdichtet. Immerhin mag es ihm als Censor zugestanden seyn, wenn er ihn für einen Betrüger hielt [ihn zu strafen]. Aber es stand ihm als Augur schlecht an, daß er beischrieb, das sey die Ursache gewesen, warum das Römische Volk so schweren Verlust erlitten habe. War das wirklich die Ursache des Verlustes, so liegt doch die Schuld nicht an Dem, der gewarnt, sondern an Dem, der die Warnung verschmäht hat. Denn daß die Warnung gegründet war, wie er, Augur und Censor zugleich, angibt, hat der Erfolg bewiesen: wäre sie ungegründet gewesen, so hätte sie keine Veranlassung zu diesem Verluste herbeiführen können. Denn dergleichen feierliche Bedrohungen führen eben so wenig, wie die übrigen Auspicien, die Vorbedeutungen, die Vorzeichen, Ursachen herbei, warum sich Etwas ereignen muß, sondern melden nur, es werde sich ereignen, wenn man sich nicht vorsieht. Es hat also die Warnung des Atejus nicht die Veranlassung zu dem Verluste herbeigeführt, sondern als sich das Vorzeichen darstellte, sagte er dem Crassus warnend, was geschehen würde, wenn er keine Vorsichtsmaßregeln gebrauche. Es hat also entweder diese Warnung Nichts bewirkt; oder wenn sie, wie Appius behauptet, eine Wirkung hatte, so war es die, daß die Verschuldung nicht auf Dem haftet, der sie aussprach, sondern auf Dem, der ihr kein Gehör gab.

17. Und sprich, wo habt ihr denn jenen Lituus her, die so berühmte Auszeichnung des Augurats? Nicht wahr, Romulus hat damit, als er die Stadt gründete, die Himmelsgegenden bezeichnet? Dieser Lituus des Romulus [ein krummer und von oben an sanft gebogener Stab, der von seiner Aehnlichkeit mit einem Krummhorn, auf dem man bläst, den Namen erhalten hat,] lag in der Curie der Salier, die auf dem Palatinischen Berge steht, und ist, als diese abbrannte, nach dem Brande unversehrt gefunden worden. Ferner, welcher alte Schriftsteller erzählt nicht, was für eine Eintheilung der Himmelsgegenden viele Jahre nach dem Romulus, unter der Regierung des Tarquinius Priscus, von dem Attius Navius durch den Lituus geschehen sey? Dieser [so lautet die Sage] hütete aus Armuth als Knabe Schweine; und als ihm eins verloren gegangen, gelobte er, wenn er es wieder bekäme, wolle er der Gottheit die größte Traube schenken, die sich im Weinberge befinde. Als er das Schwein gefunden, stellte er sich, heißt es, mitten in den Weinberg, das Gesicht gegen Mittag gekehrt; theilte den Weinberg in vier Theile ab, und als die Vögel bei dreien verneinende Zeichen gegeben, fand er (so lesen wir) im vierten noch übrigen Theile der eingetheilten Gegend eine Traube von außerordentlicher Größe. Das Gerücht davon kam bald unter die Leute; alle Nachbarn erholten sich bei ihm Raths über ihre Angelegenheiten, und er gewann dadurch einen großen Namen und Berühmtheit. Dieß gab Veranlassung, daß ihn auch der König Priscus vor sich rufen ließ, und, um seine Kenntniß des Augurenwesens zu erproben, ihn fragte, ob wohl Das, was er im gegenwärtigen Augenblicke denke, möglich sey. Attius stellte sein Augurium an, und sagte darauf: Ja. Nun, sprach Tarquinius, ich habe gedacht, man könne einen Wetzstein mit einem Scheermesser abschneiden. Gut, soll Attius erwiedert haben, man versuche es einmal. Da habe man denn einen Wetzstein in das Comitium gebracht, das Scheermesser vor den Augen des Königs und des Volkes angesetzt, und ihn zerschnitten. In Folge dessen habe sich dann Tarquinius und das Volk bei ihren Angelegenheiten des Attius Navius als eines Augurs bedient. Der Wetzstein aber und das Scheermesser seyen (sagt man) im Comitium verscharrt und ein Puteal Ein steinernes Denkmal, von der Aehnlichkeit mit einem Brunnen so genannt. S. Wieland zu den Briefen des Horatius I, 19. Note 3. S. 314. f. darauf gesetzt. Laß uns Alles läugnen, laß uns die Jahrbücher verbrennen, laß uns das für erdichtet erklären, und eher Alles zugestehen, als daß die Götter sich um die menschlichen Angelegenheiten bekümmern: aber was sogar du selbst über den Tiberius Gracchus geschrieben hast, bestätigt Dieß nicht offenbar die Augurenkunst und die Haruspicin? Ohne es zu wissen hatte Dieser in der Einnehmung des Standpunkts bei den Auspicien gefehlt, weil er ohne Befragung derselben durch das Pomörium gegangen war, und hatte doch Comitien zur Consulwahl gehalten Das Ereigniß fällt ins Jahr Roms 591. Es ist ausführlicher erzählt in den Büchern de Nat. Deor. II,4.. Die Sache ist bekannt und von dir selbst als historische Nachricht aufgezeichnet. Doch hat auch Tiberius Gracchus, seinerseits gleichfalls Augur, das Ansehen der Auspicien durch das Geständniß seines Irrthums bekräftigt; und andererseits haben auch die Haruspices und ihre Kunst bedeutend an Gewicht gewonnen, da sie, als kaum die Comitien vorbei waren, vor dem Senat, in welchen sie eingeführt wurden, damals gleich erklärten, der Umfrager bei den Comitien sey dazu nicht religiös ermächtigt gewesen.

18. Ich halte es also mit Denen, welche zweierlei Arten von Weissagung angenommen haben, eine, bei der die Kunst mitwirkt, und eine, bei der die Kunst Nichts zu thun hat. Kunst findet nämlich Anwendung, wenn von den Sehern bei neuen Ereignissen Vermuthungen über deren Bedeutung aufgestellt werden; Kunst üben auch Die, welche schon häufig vorgekommene Fälle durch Beobachtung deuten gelernt haben. Kunstlos ist aber die Weissagung Derjenigen, die nicht durch Schlüsse der Wahrscheinlichkeitsberechnung, nicht nach beobachteten und aufgezeichneten Vorzeichen, sondern durch eine Art von Gemüthserregung [oder Steigerung], oder aus einer [von ihrem Wollen] unabhängigen und freien Bewegung das Künftige vorausahnen (ein Fall, der sich oft bei Träumenden ereignet, bisweilen auch bei Solchen, die vom Wahnsinn ergriffen weissagen), wie z.B. der Böotier Bakis, Epimenides aus Kreta, und die Erythräische Sibylle. Als Weissagungen dieser Art sind auch die Orakel zu betrachten; nicht jene meine ich, die nach genauer Ausgleichung der Loose gezogen worden; sondern wo durch göttliche Eingebung und Begeisterung ein Ausspruch geschieht; wiewohl auch das Loos nicht zu verachten ist, wenn es das Ansehen des Alters für sich hat, wie die Loose, die der Sage nach aus der Erde gekommen sind. Ist es ja doch möglich, daß bei dem Ziehen derselben die Gottheit so einwirkt, daß sie zutreffen. Die Erklärer von allem Diesem möchten wohl, wie die Grammatiker als Erklärer der Dichter, der göttlichen Eingebung Deren, die sie erklären, am nächsten kommen. Dergleichen durch die Zeit so zu sagen erhärtete Dinge durch verdrehende Einwürfe umstoßen zu wollen, darin finde ich nun eben wenig Geistreiches. »Ich finde keinen Zusammenhang« [sagen sie]. Der ist vielleicht in ein Dunkel gehüllt, das in der Natur der Sache liegt. Die Gottheit hat mir eben hier nicht einen Gegenstand des Wissens geben wollen, sondern nur ein Mittel, aus dem ich Vortheil für mich ziehen soll. Diesen Gebrauch will ich also davon machen, und mir nicht einreden lassen, daß ganz Etrurien bei der Schau der Opfereingeweide fasele, oder dasselbe Volk in Deutung der Blitze auf einem Irrwege sey, oder unnatürliche Erscheinungen trügerisch auslege, da oft ein Gebrumme oder Gebrülle im Innern der Erde, oft ein Erdbeben unserm Vaterland und andern Staaten gar vieles Wichtige und Zutreffende vorausverkündigt hat. Ist nicht, als eine Mauleselin ein Junges geworfen, ein Fall, (worüber man sich lustig macht) eben weil ein von Natur unfruchtbares Thier geboren hat, durch die Haruspices geweissagt worden, die Zeit gehe mit unglaublichen Uebeln schwanger? Hat nicht Tiberius Gracchus, des Publius Sohn, der zweimal Consul und Censor gewesen, zugleich ein Augur vom ersten Rang, ein weiser Mann und ausgezeichneter Bürger, nach der schriftlichen Versicherung seines Sohnes, Cajus Gracchus, als ein Schlangenpaar in seinem Hause gefangen worden, die Haruspices zusammengerufen? Wie nun Diese auf Befragen antworteten, wenn er die männliche hinausließe, so werde seine Gemahlin bald darauf sterben müßen; lasse er die weibliche hinaus, er: so erachtete er es für billiger, daß Er, der [zum Tode] reifere, sterbe, als die Tochter des P.Africanus in ihren besten Jahren. Er ließ also das Weibchen hinaus, und wenige Tage darauf starb er.

19. Doch verspotten wir immerhin die Haruspices, nennen wir sie eitle, windige Schwätzer; verachten wir sie, ungeachtet ihre Kunst ein höchst einsichtsvoller Mann, überdieß der Erfolg und die Thatsache für wahr erklärt hat: verachten wir auch die Babylonier, die meine ich, welche vom Caucasus aus die Gestirne beobachten, und die Bewegungen der Sterne und ihre Bahnen berechnen. Ja verurtheilen wir diese Leute als Thoren, oder als Prahler, oder als Unverschämte, welche nach ihrer Angabe in 470,000 Jahren angestellte Beobachtungen schriftlich verzeichnet haben, und nennen wir sie geradezu Lügner, die das Urtheil, das die kommenden Jahrhunderte über sie fällen werden, nicht scheuen. Immerhin seyen die Barbaren Prahler und Betrüger; wollen wir auch die Geschichte der Griechen Lügen strafen? Oder sollte Jemand nicht wissen, was der Pythische Apollo dem Crösus (um von der natürlichen Weissagung zu sprechen), den Athenern, was er den Lacedämoniern, den Tegeaten, den Argivern, was er den Korinthern geantwortet hat? Zahlllose Orakelsprüche hat Chrysippus gesammelt, keinen ohne einen gehaltvollen Gewährsmann und Zeugen; ich übergehe sie aber, weil du sie kennst. Nur Folgendes verfechte ich. Nie wäre jenes Orakel zu Delphi so vielbesucht und so berühmt geworden, noch mit so vielen Geschenken aller Völker und Könige angefüllt, hätte nicht jedes Zeitalter die Wahrheit jener Orakelsprüche erprobt. Schon lange thut es Nichts mehr der Art. So wie es nun darum gegenwärtig weniger geachtet ist, weil die Wahrheit seiner Aussprüche weniger hervorstechend ist; so wäre es damals nicht so berühmt gewesen, hätte es sich nicht durch die größte Wahrheit ausgezeichnet. Möglich, daß jene Kraft der Erde, welche die Pythia begeisterte, im Laufe der Zeit verdunstet ist; wie wir sehen, daß einiger Flüsse Quellen versiegt sind, andere einen ganz andern Lauf und eine veränderte Richtung genommen haben. Doch erkläre diese Erscheinung, wie du willst: denn diese Untersuchung läßt sich nicht so kurz abmachen: ich halte mich an Das, was sich, ohne alle geschichtliche Zuverläßigkeit umzustoßen, gar nicht läugnen läßt, daß dieses Orakel eine ganze Reihe von Jahrhunderten hindurch wahre Aussprüche von sich gegeben hat.

20. Doch genug von den Orakeln: wenden wir uns zu den Träumen. Auch über sie spricht Chrysippus, und gibt eine Sammlung von einer Menge und dabei höchst unbedeutender Träume, gerade wie Antipater, die Antiphon gedeutet hat; sie beweisen den Scharfsinn des Erklärers: aber seine Wahl hätte auf großartigere Beispiele fallen sollen. Der Mutter des Dionysius, des bekannten Tyrannen von Syrakus, träumte, nach dem Berichte des kenntnißreichen und genauen Philistus, der in jenem Zeitalter gelebt hat, als sie mit jenem Dionysius schwanger ging, sie habe einen jungen Satyr geboren. Die Traumdeuter (Galeoten hießen sie damals in Sicilien) erklärten, der Erzählung des Philistus zu Folge, das Kind, das sie gebären würde, werde in Griechenland höchst berühmt werden, und in langem Glücke leben. Soll ich dich in die Sagengeschichte unserer oder der Griechischen Dichter hinaufführen? Da erzählt nämlich jene Vestalin beim Ennius: Im ersten Buche seiner Annalen V, 40–56. S. die neue Ausgabe seiner Fragmente ( Lips. Hahn. 1825.). S.1214. Diese Vestalin ist die Mutter des Romulus und Remus, Rhea Sylvia oder Ilia.

Licht bringt, zitternd an Gliedern die Alte, vom Schrecken erschüttert,
Und aus dem Schlafe geweckt. Da spricht mit Thränen die Jungfrau:
Du der Eurydica Tochter, die einst mein Vater geliebt hat,
Kraft und Leben hat, ach, mir ganz den Körper verlassen;
Siehe, ein schöner Mann hat durch liebliche Weidengebüsche,
Rasch und durch fremde Räume im Traum mich entführet: und einsam,
Schwester, Traute, sodann war mir, als irrt' ich, verlassen,
Suchte dich langsam auf, und spürte dir nach, und vermochte
Nicht dich, Ersehnte, zu finden: mein Fuß fand sicheren Pfad nicht.
D'rauf war mir, als spräche zu mir mein Vater und sagte
Folgende Worte: Du mußt, o Tochter, zuvor noch ein Unglück
Tragen: doch später wird aus dem Strome das Glück dir erstehen.
Also der Vater, o Schwester, und schnell dann wieder entschwand er;
Nicht mehr ließ er sich schau'n, so sehr mein Herz ihn ersehnte;
Ob ich auch vielfach die Hände zum blauen Raume des Himmels
Weinend erhob, und ihn mit schmeichelnder Stimme zurückrief.
Endlich verließ mich der Schlaf, doch es blieb mir der Kummer im Herzen.

21. Mag das nun auch eine Erfindung des Dichters seyn: gewöhnlich geht es doch in wirklichen Träumen so zu. Mag immerhin auch der Traum ein Produkt der Poesie seyn, welcher den Priamus so heftig ergriff:

Als Mutter Hekuba, schwanger, einer Fackel Brand Aus einem unbekannten lateinischen Tragiker.
Im Traum gebar, erbebt' ob diesem Schreckenstraum
Der Vater, König Priamus, tief im Geist betrübt,
Und ganz erschüttert seufzt' er auf, und ahnungsvoll
Bracht' er ein blöckend Opfer auf den Sühnaltar.
D'rauf einen Deuter ruft er, fleht um Gnade dann
Apollo's Gottheit und erbat Belehrung sich,
Was ihm verkünde solcher Träume drohend Bild,
Und mit prophetischer Stimme gibt den Spruch der Gott
Apollo: welcher Knabe zuerst dem Priamus
Geboren würde, nicht aufheben soll er ihn,
Der sey Verderben Troja's, Pest für Pergamus: [nämlich Paris.]

Seyen das immerhin, wie gesagt, erdichtete Träume. und rechnen wir auch hierher den des Aeneas, der in den Griechischen Jahrbüchern des Numerius Fabius Pictor steht: ein Traum, in dem Alles vorkommt, was Aeneas wirklich gethan hat und was ihm begegnet ist.

22. Doch, wenden wir unsern Blick auf näher Liegendes. Was ist denn das für ein Traum des Tarquinius Superbus, von dem Dieser in dem Brutus des Attius selbst spricht?

Als bei der Nacht Einbrechen ich den Leib der Ruh'
Hingab, die schlaffen Glieder stärkend durch den Schlaf,
Da träumte mir, es treib' ein Hirte zu mir her
Sein Wollenvieh; ein schön'res hatt' ich nie geseh'n.
Daraus erwählt' ich Widder mir, ein Zwillingspaar,
Und opferte den einen gleich, den trefflichsten.
Da rennt nun mit gehörnter Stirn der andre an Diese beiden Verse deuten auf den Brutus und dessen von Tarquinius getödteten Bruder. S. Livius I,56.,
Stürmt auf mich ein, und fallen muß ich auf den Stoß.
Da lag ich, schwer verwundet, so dahin gestreckt,
Und rücklings schaut am Himmel ich ein wunderbar
Und seltsam Bild: es wendet rechts der Flammenkreis
Der Sonnenstrahlen abwärts sich auf neue Bahn.

Vernehmen wir nun, was diesem Traume die Ausleger für eine Deutung gegeben:

König, was bei Tag die Menschen treiben, denken, sorgen, seh'n,
Was sie wachend thun und streben, kommt im Schlaf es Einem vor,
Ist's kein Wunder: doch Bedeutung hat ein Traum in diesem Fall.
Sieh nur zu, daß nicht dir Einer, den du dumm glaubst gleich dem Vieh,
Edeln Sinn, bewehrt mit Weisheit, trag' in fester Mannesbrust,
Und vom Thron dich stoße. Was du an der Sonn' im Traum geseh'n,
Deutet an, daß naher Wechsel der Regierung blüht dem Volk.
Sey's dem Vaterland zum Heile! Doch, daß hin zur Rechten uns
Von der Linken bog der Sonne Machtgestirn, das deutet schön,
In der Zukunft groß und mächtig werde Roma's Staat erblüh'n.

23. Nun zurück zu fremden Beispielen. Der gelehrte Heraklides von Pontus, ein Zuhörer und Schüler Plato's, erzählt von der Mutter des Phalaris, es seyen ihr im Traume die von ihr selbst in ihrer Wohnung aufgestellten und geweihten Götterbilder vorgekommen; da habe sie denn den Mercurius aus der Schaale, die er in der rechten Hand hielt, Blut ausgießen sehen; und wie das Blut die Erde berührt, habe es aufgebraust, so daß das ganze Haus von Blut zu überwallen schien. Dieser Traum der Mutter ist durch die unmenschliche Grausamkeit ihres Sohnes in Erfüllung gegangen. Soll ich nun auch noch aus Dinon's Persischer Geschichte ausheben, wie die Magier dem Gründer des Perserreiches, Cyrus, seinen Traum deuteten? Er hatte im Traume die Sonne zu seinen Füßen gesehen, und nach jenem Berichte, dreimal vergebens nach ihr gegriffen, denn sie sey ihm entwischt und davongerollt. Da hätten ihm denn die Magier (das waren die Weisen und Gelehrten in Persien) gesagt: daß Cyrus dreimal nach der Sonne gegriffen, bedeute, daß er dreißig Jahre regieren werde. Und das traf zu: denn er wurde siebzig Jahre alt, und hatte mit vierzig Jahren den Thron bestiegen. Ja es liegt wahrhaftig auch in den Barbarenvölkern ein Ahnungs- und Weissagungsvermögen. Wie der Inder Calanus zum Tode ging, und den brennenden Scheiterhaufen bestieg, sagte er: Wie herrlich ist das Scheiden vom Leben, wenn nach Verbrennung des sterblichen Körpers, die Seele, wie es dem Herkules zu Theil ward, zum Lichte sich aufschwingt! Und wie dann Alexander zu ihm sagte, wenn er noch einen Wunsch habe, so solle er ihn aussprechen; erwiederte er. »Ich danke: ich sehe dich ohnedieß nächster Tage wieder.« Und das traf ein: denn wenige Tage darauf starb Alexander zu Babylon. Doch ich wende mich auf einige Augenblicke von den Träumen ab, werde aber gleich auf sie zurückkommen. In der Nacht, in welcher der Dianentempel zu Ephesus abbrannte, ist bekanntlich Alexander von der Olympias geboren worden: und wie es darauf Tag geworden, riefen, wie die Geschichte einhellig meldet, die Magier laut, in der verflossenen Nacht sey die Pest und das Verderben Asiens geboren worden.

24. Doch zurück zu den Träumen. Von Hannibal erzählt der Geschichtschreiber Cälius Er heißt L. Cälius Antipater, und lebte um das Jahr Roms 620 im zweiten Punischen Kriege., er habe die goldene Säule, die im Tempel der Juno Lacinia stand, mit fort nehmen wollen: um sich aber zu überzeugen, ob sie von massivem Golde, oder nur übergoldet sey, habe er sie durchbohren lassen. Als es sich nun gezeigt, daß sie massiv sey, und er den Entschluß gefaßt habe, sie wirklich wegzunehmen, sey ihm Juno im Traume erschienen, und habe ihn gewarnt, es zu unterlassen, mit der Drohung, sie werde, wofern er es thue, ihn auch noch um das eine Auge bringen, mit dem er noch gut sehe. Das habe sich denn der besonnene Mann zu Gemüthe gezogen, aus dem ausgebohrten Golde ein kleines Rind gießen und oben auf die Säule stellen lassen. Folgende auch den Hannibal betreffende Anekdote steht in der Griechischen Geschichte des Silenus, an den sich Cälius hält: Es habe dem Karthagischen Feldherrn nach der Einnahme von Saguntum geträumt, er werde von Jupiter in die Versammlung der Götter gerufen. Als er sich dort eingefunden, habe ihm Jupiter den Befehl ertheilt, Italien anzugreifen; zu welchem Zwecke ihm ein Führer aus der Versammlung gegeben worden. Unter dessen Leitung sey er denn mit seinem Heere vorgerückt: der Führer aber habe ihm verboten, sich umzusehen. Er habe Das aber in die Länge nicht aushalten können, sondern von Neugier hingerissen, umgeschaut. Da habe er denn ein gewaltig großes und gräßliches mit Schlangen umwundenes Ungeheuer erblickt, unter dessen Tritten Baumpflanzungen, Gebüsche und Häuser zusammenbrachen. Voll Verwunderung habe er seinen göttlichen Führer gefragt, was denn das für ein Ungethüm sey: worauf er zur Antwort erhielt, das sey die Verheerung Italiens; er solle nur ununterbrochen vorwärts gehen; was hinter ihm in seinem Rücken vorgehe, darum solle er sich nichts kümmern. Bei dem Geschichtschreiber Agathokles findet sich die Nachricht, der Karthager Hamilkar habe, als er Syrakus belagerte, im Traum eine Stimme zu hören geglaubt, die ihm zurief, er werde morgen zu Syrakus seine Mahlzeit halten. Als es Tag geworden, sey zwischen den Punischen und Sikulischen Soldaten eine heftige Entzweiung ausgebrochen. Dieß hätten die Syrakusaner bemerkt, seyen unversehens auf Hamilkar's Lager herausgestürmt, und hätten den Feldherrn selbst lebendig mit sich fortgeführt. So hat der Erfolg das Traumgesicht zur Wahrheit gemacht. Die ganze Geschichte, so wie das alltägliche Leben, ist voll von dergleichen Ereignissen. Von dem berühmten P.Decius, dem Sohne des Quintus Decius, der zuerst aus der Familie der Decier Consul war, weiß man ja, daß, wie er unter den Consuln M.Valerius und A.Cornelius Kriegstribun war, und unser Heer von den Samnitern bedrängt wurde, er mit fast allzugroßer Kühnheit sich den Gefahren der Schlachten entgegenwarf; und daß er, als man ihm größere Behutsamkeit empfahl, die Aeußerung that, die wir in den Annalen aufgezeichnet lesen: es habe ihm geträumt, er werde eines höchst rühmlichen Todes mitten in den feindlichen Schlachtreihen sterben. Damals befreite er nun zwar, ohne auch nur verwundet zu werden, das Heer von der feindlichen Umzingelung. Drei Jahre darauf aber, als er Consul war, weihte er sich dem Tode, und stürzte sich mit den Waffen in der Hand in die Reihen der Latiner. Diese That hatte die Niederlage und Vernichtung des Latinerheeres zur Folge. Und wirklich war dieses Mannes Tod so rühmlich, daß sein Sohn sich dadurch angefeuert fühlte, denselben Tod zu sterben. Doch kommen wir jetzt, wenn es dir recht ist, auf die Träume der Philosophen.

25. Den Socrates läßt Plato im Staatsgefängnisse zu seinem Freunde Krito sagen: ich weiß, ich habe nur noch drei Tage zu leben: es ist mir im Traume eine Frau von ausgezeichneter Schönheit erschienen, die mich beim Namen rief, und mit dem Homerischen Verse anredete:

Dich bringt günstiger Wind am dritten Tage nach Phthia.

Und das ist, wie die Geschichte berichtet, buchstäblich eingetroffen. Der Socratiker Xenophon (und was war dieß nicht für ein trefflicher und großer Mann!) erzählt in seinem Werke über den Feldzug, den er mit dem jüngern Cyrus gemacht, seine Träume, wo sich ein wunderbares Eintreffen gezeigt hat. Wollen wir sagen, Xenophon lüge oder sey nicht recht bei Troste gewesen? Und nun gar Aristoteles, ein Mann von ganz außerordentlicher und fast übermenschlicher Geisteskraft, ist er selbst im Irrthum befangen, oder will er Andere irre leiten? Dieser erzählt, sein vertrauter Freund, Eudemus von Cyprus, sey auf seiner Reise nach Macedonien in die Stadt Pherä gekommen, einen damals sehr bedeutenden Platz in Thessalien, wo gerade der Tyrann Alexander mit grausamem Despotismus herrschte. In dieser Stadt sey Eudemus so schwer erkrankt, daß alle Aerzte an seinem Aufkommen zweifelten. Da sey ihm denn im Traume ein ausgezeichnet schöner Jüngling erschienen, und habe ihn versichert, er werde bald genesen, der Tyrann Alexander aber in wenigen Tagen um's Leben kommen; doch Eudemus werde nach fünf Jahren heimkehren. Die beiden ersten Prophezeiungen seyen dann, schreibt Aristoteles, gleich eingetroffen. Eudemus sey genesen, der Tyrann von den Brüdern seiner Gemahlin ermordet worden. Am Ende des fünften Jahres aber, als jenem Traume zu Folge zu hoffen war, Jener werde aus Sicilien nach Cyprus heim kommen, sey er in einer Schlacht bei Syrakus geblieben: der Traum aber sey demnach so ausgelegt worden, daß die Seele des Eudemus, als sie den Körper verlassen, in ihre Heimath gegangen sey. Schließen wir an die Philosophen den Sophokles an, einen Mann von hoher Bildung, auf jeden Fall einen höchstbegabten Dichter. Als einst aus dem Herkulestempel eine schwere goldene Opferschale entwendet worden war, erschien diesem Manne im Traume der Gott selbst, und nannte ihm den, der es gethan hatte. Auf die erste und zweite Mahnung ging er gar nicht. Als ihm aber Dasselbe wiederholt vorkam, begab er sich auf den Areopagus, und gab die Sache an. Die Areopagiten ließen den von Sophokles Genannten festsetzen; Dieser gestand auf der Folter die Entwendung und gab die Schale zurück. Von jener Zeit an hieß jener Tempel der Tempel des Hercules Index [, Angebers].

26. Doch warum führe ich Griechische Beispiele an? Haben doch einheimische einen eigenen und größeren Reiz für mich. Folgende Begebenheit erzählen alle Geschichtschreiber, die Fabier, Sextus und Gneius Gellius, zunächst aber Cälius. Als im Latinerkriege zum erstenmale die großen Votivspiele gefeiert wurden, wurden die Bürger plötzlich durch den Ruf: zu den Waffen! aufgeschreckt. Dadurch waren die Spiele unterbrochen worden, und es wurde nun eine feierliche Erneuerung derselben veranstaltet. Kurz vor deren Beginn, als bereits das Volk schaulustig da saß, wurde ein Sclave, der die Furke [Halspflock] trug, mit Ruthen durch den Circus gepeitscht. Darauf soll einem Römischen Landmanne im Schlaf Einer erschienen seyn, der zu ihm sagte: der Vortänzer bei den Spielen habe ihm schlecht gefallen, und Das solle er nur dem Senat melden. Dazu habe aber der Mann nicht Muth gehabt. Nun habe er zum zweitenmale denselben Befehl bekommen, mit der Warnung, er möchte es nicht auf eine gewaltsame Nöthigung dazu ankommen lassen. Aber auch Dießmal habe es Jener noch nicht gewagt. Nun sey ihm sein Sohn gestorben, und darauf die dritte Mahnung im Traum an ihn ergangen. Endlich sey er selbst siech geworden. Da habe er denn die Sache seinen Freunden eröffnet, und Diese hätten ihm zugeredet, sich auf einer Sänfte in die Curie tragen zu lassen. Dort habe er dem Senat seinen Traum erzählt, und sey auf der Stelle gesund und wohl zu Fuße nach Hause zurückgekehrt. Der Senat habe nun auf den Traum geachtet, und (so erzählt die Geschichte) die zweite feierliche Erneuerung der Spiele veranstaltet. Wie Vielen hat nicht C.Gracchus, nach dem Zeugnisse desselben Geschichtschreibers Cälius, erzählt, wie ihm, als er sich um die Quästur beworben, sein Bruder Tiberius im Traume erschienen sey und gesagt habe, er möge an sich halten, so sehr er nur wolle, er werde doch am Ende desselben Todes sterben müssen, den er selbst gestorben sey. Das, schreibt Cälius, habe er gehört, ehe C.Gracchus Volkstribun geworden, und habe es Vielen gesagt. Und hat je Etwas auffallender zugetroffen, als dieser Traum?

27. Und Wer kann wohl jene beiden Träume verachten, die so häufig von den Stoikern angeführt werden? Der eine betrifft den Simonides. Dieser hatte den Leichnam eines Unbekannten liegen sehen, und ihn begraben. Als er nun einmal eine Reise zu Schiffe vorhatte, kam ihm Der, den er begraben hatte, im Traume vor, und rieth ihm, sich nicht einzuschiffen, weil er sonst Schiffbruch leiden, und umkommen würde. Da sey denn, heißt es, Simonides zurückgeblieben, die Uebrigen, die abgesegelt waren, seyen im Schiffbruch umgekommen. Der andere Traum, der ganz besonders berühmt ist, wird so erzählt. Zwei Arcadier, gute Freunde, machten einmal zusammen eine Reise, und kamen auf derselben nach Megara. Da kehrte der Eine bei einem Gastwirthe ein, der Andere bei einem Gastfreunde. Nachdem Beide zu Nacht gespeist und sich zur Ruhe begeben hatten, kam es Dem, der bei dem Gastfreunde übernachtete, im Schlafe um Mitternacht vor, als bitte ihn sein Reisegefährte, er möchte ihm zu Hülfe kommen, weil der Gastwirth ihn zu ermorden vorhabe. Da sey denn Jener anfangs über den Traum erschrocken vom Schlafe aufgefahren; als er aber recht zu sich gekommen und das Traumgesicht als etwas Bedeutungsloses betrachten zu müssen geglaubt, habe er sich wieder hingelegt. Nun sey ihm derselbe Freund, als er wieder eingeschlafen, zum zweitenmale erschienen, und habe ihn gebeten, er möchte wenigstens seinen Tod nicht ungerächt lassen, da er ihm im Leben nicht zu Hülfe gekommen sey; der Wirth habe ihn wirklich ermordet, auf einen Wagen geworfen und mit Mist zugedeckt; er bitte ihn nun, früh morgens am Thore sich einzufinden, ehe noch ein Wagen zur Stadt hinaus fahre. Dieser zweite Traum habe nun Jenen aufmerksam gemacht, er habe in aller Frühe auf den Knecht mit dem Wagen gewartet, und ihn gefragt, Was er auf dem Wagen habe? Da sey der Mensch erschrocken und davon gelaufen, der Leichnam unter dem Mist hervorgezogen, und der Wirth, als die Sache dadurch an den Tag gekommen, bestraft worden.

28. Gibt es etwas prophetischeres, als diesen Traum? Doch wozu suchen wir mehrere oder entferntere auf? Oft habe ich ja dir meinen Traum erzählt, oft du mir den deinigen. Ich sah dich, da ich als Proconsul in Asien stand, im Traume an das Ufer eines großen Flusses hinreiten, plötzlich mit einem Schritte in den Fluß hinabsinken, und unsichtbar werden. Da bebte ich vor Schrecken zusammen; aber auf einmal kamst du freudig wieder zum Vorschein, rittest auf demselben Pferde an's andere Ufer hinauf, und wir umarmten einander. Die Bedeutung dieses Traumes ist leicht zu errathen; auch haben mir geschickte Erklärer in Asien vorausgesagt, es werden sich die Ereignisse so gestalten, wie sie wirklich erfolgt sind. Ich komme jetzt auf deinen Traum, den du mir zwar auch selbst erzählt hast, öfter aber unser Sallustius. Als du auf jener für uns ehrenvollen, für das Vaterland unheilvollen Flucht auf einem Landhaus des Atinischen Gebietes übernachtetest, und einen großen Theil der Nacht durchwacht hattest, seyest du endlich gegen Tag in einen tiefen und schweren Schlaf gefallen. Er (der Freigelassene, Sallustius) habe deßwegen, wiewohl die Reise Eile hatte, doch Alles still seyn heissen und dich nicht aufwecken lassen. Als du aber um die zweite Stunde nach Sonnenaufgang erwacht seyest, habest du ihm erzählt, es habe dir geträumt, du seyest in einer einsamen Gegend traurig umhergeirrt. da sey dir C.Marius erschienen, Fasces, mit einem Lorbeerkranze umwunden, in der Hand, und habe dich gefragt, warum du traurig seyest. Auf deine Antwort, du seyest gewaltsam aus dem Vaterlande vertrieben worden, habe er dich bei der Rechten gefaßt, dir Muth zugesprochen, und dich von einem Lictor, der in der Nähe war, an sein Denkmal führen lassen, mit den Worten, dort sey dir Heil beschieden. Da habe er, erzählt Sallustius, gleich ausgerufen, das bedeute dir eine glänzende und ruhmvolle Zurückkunft in's Vaterland, und auch dir habe der Traum Freude zu machen geschienen. Ich selbst erhielt wirklich bald die Nachricht, du habest, als du vernommen, daß bei dem Denkmale des Marius durch jenen dich so hoch ehrenden Senatsbeschluß deine Rückkehr auf den Antrag des Consuls, eines edeln und mit Ruhm bedeckten Mannes, beschlossen, und dieser Beschluß von einer ausserordentlichen im Theater versammelten Volksmenge mit dem freudigsten Zuruf und Beifallklatschen gutgeheissen worden, selbst erklärt, jener Atinische Traum sey im vollesten Sinne des Worts prophetisch gewesen. Im Jahre Roms 697. Der Consul, welcher oben genannt ist, ist P. Cornelius Lentulus Spinther.

29. »Aber (wendet man ein) es trügen gar viele.« Vielleicht sind sie vielmehr für uns nur dunkel. Doch seyen auch einige täuschend; Was können wir gegen die wahren vorbringen? Dergleichen würden sich aber weit mehrere ereignen, wenn wir uns mit uneingenommenem Geiste zur Ruhe begäben. Jetzt, mit Speise und Trank überladen, kommen uns durcheinander gemengte und verworrene Bilder vor. Höre nur, was Socrates in Plato's Republik sagt. Da heißt es: »Wenn im Schlafe derjenige Theil der Seele, der im Besitze des Verstandes und der Vernunft ist, umnebelt und betäubt ist, der aber, in welchem das Thierische und wilde Rohheit waltet, durch unmäßigen Genuß von Trank und Speise sich aufbäumt, da empört er sich denn im Schlafe und bekommt, alle Schranken durchbrechend, das Uebergewicht, und so finden sich in allen Erscheinungen, die ihm vorkommen, keine Spuren von Verstand und Vernunft, so daß Einem von fleischlicher Vermischung mit seiner Mutter, oder mit andern Menschen, Wer es nur seyn mag, oder gar mit einer Gottheit, oft mit einem Thiere träumt; daß ihm ist, als schlage er Jemand todt, und beflecke sich frevelhaft mit Blut, und begehe viele unzüchtige, scheusliche, tollkühne und schamlose Handlungen. Wer sich aber nach dem Genusse gesunder und mäßiger Leibespflege und Nahrung zur Ruhe begibt, wobei der Theil der Seele, in welchem Verstand und Besonnenheit waltet, rege und lebhaft ist, und mit dem Mahle guter Gedanken gesättigt, dagegen derjenige Theil der Seele, der in der Sinnenlust seine Befriedigung findet, weder durch zu große Kargheit erschöpft, noch durch Uebersättigung in Aufruhr gebracht ist (wie denn Beides in der Regel die Schärfe des Geistes abstumpft, sey es daß die Forderungen der Natur nicht genug, oder daß sie zu viel und im Uebermaße befriedigt werden), und dabei auch der dritte Theil der Seele, in welchem die Glut des Zornes aufflammt, beruhigt und gedämpft ist; dann kann, wenn jene beiden leidenschaftlichen Theile der Seele gezügelt sind, jener dritte vernünftige und verständige Theil sein Licht leuchten lassen, sich lebhaft und kräftig auch im Traume zeigen, und dann werden ihm Traumgesichte vorkommen, die unverworren vor die Seele treten und Wahrheit verkünden.« Hier hast du eine Uebersetzung von Plato's eigenen Worten.

30. Wollen wir also lieber dem Epicurus Gehör geben? Carneades freilich sagt aus Streitlust bald Dieß, bald Jenes. Doch was hat Jener für Ansichten? Nirgendeine, die Scharfsinn verräth, und sich über das Gemeine erhebt. Diesen also willst du über Plato und Socrates stellen? Wahrhaftig, selbst wenn Diese keine Gründe angäben, so müßten dennoch jene schwachen philosophischen Lichter hinter ihnen zurück stehen. Plato also gibt die Vorschrift, man soll bei solcher Stimmung des Körpers sich zur Ruhe begeben, daß von ihm aus keine störenden und verwirrenden Eindrücke auf die Seele geschehen. Das soll auch der Grund seyn, warum den Pythagoräern der Genuß der Bohnen verboten wurde, weil diese Speise durch ihre blähende Natur den Geist bei seinem Suchen nach Wahrheit in der ruhigen Betrachtung stört. Wenn also die Seele im Schlafe ganz losgerissen ist von der Gemeinschaft und Berührung mit dem Körper, dann gedenkt sie klar des Vergangenen, schaut in die Gegenwart, und blickt in die Zukunft. Denn der Leib eines Schlafenden liegt da gleich dem eines Todten, indeß die Seele sich regt und lebt. Und Dieß wird sie noch weit mehr nach dem Tode thun, wenn sie sich ganz vom Körper losgemacht hat. Darum hat sie denn auch bei'm Herannahen des Todes einen weit schärfern Blick in die Zukunft. Schon Das ist ein Beweis davon, daß Menschen, ergriffen von einer schweren und tödtlichen Krankheit, bestimmt den bevorstehenden Tod voraussehen. Solchen erscheinen denn gewöhnlich die Gestalten Verstorbener; dann liegt ihnen noch ganz besonders daran, sich lobenswürdig zu benehmen; und Die, welche ihr früheres Leben unwürdig hingebracht haben, empfinden gerade dann die bitterste Reue über ihre Fehltritte. Daß aber die Sterbenden wirklich in die Zukunft schauen, bestätigt Posidonius auch durch den Fall, den er anführt: wie nämlich einmal ein Rhodier sterbend sechs seiner Altersgenossen mit Namen genannt und bestimmt vorausgesagt habe, in welcher Reihe sie nacheinander sterben werden. Auf dreierlei Art aber glaubt er, daß die Menschen unter göttlichem Einflusse träumen. Die eine sey, daß der Geist durch sich selbst, vermöge seiner Verwandtschaft mit der Gottheit, das Zukünftige erschaue; die zweite, weil die Luft voll von unsterblichen Geistern sey, die, was wahr ist, schon unverhüllter und schärfer ausgeprägt erkennen; die dritte, weil die Götter selbst sich den Schlafenden mittheilen. Und Dieß geschieht, wie ich eben gesagt habe, leichter bei'm Herannahen des Todes, daß nämlich die Seelen eine Ahnungsgabe des Zukünftigen besitzen. Hierher gehört eben das Beispiel von dem Inder Calanus, das ich vorhin angeführt habe, und das des Hector bei'm Homer, der sterbend dem Achilles den nahen Tod weissagt.

31. Doch wahrlich auch nicht ohne Grund wäre im Laufe der Zeit der jetzt häufige Ausdruck aufgekommen, wenn gar Nichts daran wäre:

Ahnt' ich's doch, es sey vergebens, als ich aus dem Hause trat. S. Plautus Aulular. II, 2, 1.

Denn ahnen ( sagire) heißt eben fein empfinden; daher spricht man von alten wahrsagenden (ahnenden, sagae) Weibern, weil sie Vieles wissen wollen, und Spürhunde nennen wir sagaces (gleichsam ahnungskräftig). Wer also vorher ahnet ( sagit), ehe der Gegenstand sich der Bemerkung darstellt, von Dem sagen wir, er habe eine Vorahnung ( praesagire), d.h. er empfinde das Zukünftige voraus. Es liegt also in den Seelen ein Ahnungsvermögen, das ihnen von der Gottheit eingepflanzt, und in sie eingeschlossen ist. Flammt dieses ungewöhnlich heftig auf: so nennen wir es Raserei, wenn die Seele ganz vom Körper abgezogen, von göttlicher [übermenschlicher] Aufregung ergriffen ist:

  Hecuba.   
Wie, woher der Blick des Wahnsinns plötzlich in des Auges Glut? Aus einem unbekannten Römischen Tragiker, so wie die zwei folgenden poetischen Stellen.
Wo der Jungfrau Zartgefühl hin, erst so schamhaft noch und klug?
Cassandra.
Beste Mutter! aller Weiber bestes Weib bei weitem du,
Sieh', Weissagungswuth ergreift mich, schließt die Zukunft vor mir auf.
Und Apollo's Willen folg' ich schicksalkündend, sinnverwirrt;
Meiner Thaten, meines Vaters, schämen die Gespielen sich;
O der Gute! Meine Mutter! dich beklag' ich, hasse mich.
Ausser mir, welch' edle Kinder gabst du Priamus! Wehe mir!
Ich muß schaden, Jene helfen; hindern ich, Sie folgen fromm

Welches Zartgefühl, welche Wahrheit der Characterschilderung, welche Wehmuth liegt in dieser Stelle! Doch daran liegt mir jetzt nicht so viel. Aber Das liegt darin, was ich andeuten will, nämlich, daß Raserei wahre Weissagung eingibt:

  Da, da ist die grause Fackel ganz mit Blut und Brand umhüllt,
Jahre lang war sie verborgen: Bürger, helft, o löscht sie aus!

Das spricht die im Menschenleibe verschlossene Gottheit, nicht mehr Cassandra selbst.

  Rasch für die See schon, die große, gezimmert wird
Schiffender Flotte verderbender Jammerschwarm;
Nahe schon ist sie, mit schwellenden Segeln bringt
Unserem Ufer auf Schiffen ein Feindesheer.

32. Das, denkst du wohl, sind Stücke aus Tragödien und aus der Mythenzeit. Aber dich selbst habe ich eine nicht erdichtete Geschichte, sondern eine Thatsache ganz gleicher Art erzählen hören: Wie nämlich C.Coponius zu dir nach Dyrrhachium kam, zu der Zeit, wie er als Prätor die Rhodische Flotte befehligte, ein höchst gebildeter und kluger Mann, und erzählte, es habe ein Ruderknecht auf einem Rhodischen Fünfruderschiffe prophezeit, in weniger als dreißig Tagen werde Griechenland mit Blut getränkt und Dyrrhachium ausgeplündert werden; man werde sich auf die Schiffe flüchten, und die Fliehenden einen jammervollen Rückblick auf eine Feuersbrunst haben; die Rhodische Flotte werde jedoch bald zurück und nach Hause kehren dürfen. Diese Erzählung habe auch auf dich einen bedeutenden Eindruck gemacht, und M.Varro nebst dem M.Cato, gebildete Männer, die sich gerade dort befunden, seyen darüber sehr erschrocken; wirklich sey dann wenige Tage darauf Labienus von der Pharsalischen Niederlage hergekommen, und habe die Vernichtung des Heeres gemeldet. Kurz darauf seyen auch die übrigen Umstände der Prophezeiung eingetroffen. Denn das aus den Magazinen bei der Plünderung heraus geschleppte und verschüttete Getreide hatte alle Haupt- und Nebenstraßen übersä't; ihr bestieget, von plötzlicher Furcht ergriffen, die Schiffe, und als ihr bei Nacht auf die Stadt zurückblicktet, saht ihr die Transportschiffe in Brand stehen, welche die Soldaten angezündet hatten, weil sie euch nicht hatten folgen wollen; und als euch endlich die Rhodische Flotte im Stiche ließ und davon segelte, da mußtet ihr wohl fühlen, wie wahr jener Mensch geweissagt hatte. Und hiemit habe ich so kurz als möglich, über die durch Träume oder durch Begeisterte gegebenen Orakel gesprochen, die ich zu den kunstlosen rechnete. Beiden Arten liegt eine gemeinsame Erklärung zum Grunde, die unser Cratippus gewöhnlich gebraucht, nämlich, daß die Seelen der Menschen zum Theil von aussen stammen und empfangen werden. Daraus folgt denn, daß ausserhalb eine göttliche Seele ist, aus der die menschliche gleichsam eingesaugt wird; der Theil der menschlichen Seele aber, der Empfindung, Bewegung und Begehrungsvermögen habe, sey nicht von der körperlichen Thätigkeit geschieden, während dagegen der, welcher mit Vernunft und Verstand begabt sey, gerade dann die meiste Lebhaftigkeit äußere, wenn er am wenigsten an den Körper sich gefesselt fühle. Und so schließt denn Cratippus, nachdem er erst die Beispiele von wahren Prophezeiungen und Träumen dargelegt, gewöhnlich mit folgender Beweisführung: »Wenn ohne Augen die Verrichtung und das Geschäft der Augen nicht möglich ist, die Augen aber möglicher Weise ihr Geschäft einmal nicht verrichten, so ist Der, welcher auch nur einmal mit Hülfe seiner Augen die wirklichen Gegenstände gesehen hat, mit dem Gesichtssinne und also mit Augen begabt, die das Wirkliche sehen. Auf dieselbe Weise nun, wenn ohne Weissagungsgabe die Verrichtung und das Geschäft der Weissagung nicht möglich ist, Einer aber, der im Besitze der Weissagungsgabe ist, bisweilen irren kann und falsch sehen, so reicht es zum Beweise, daß Weissagung möglich sey, vollkommen hin, daß auch nur einmal Etwas so geweissagt worden, daß dabei an kein zufälliges Zutreffen zu denken ist. Dergleichen Fälle gibt es aber unzählige, also muß man zugestehen: es gibt eine Weissagung.«

33. Diejenigen Gattungen der Weissagung nun, wo erst durch Vermuthungsschlüsse die Deutung herauskommt, oder wo (frühere) Erfolge und Beobachtungen zum Grunde liegen, heissen, wie oben gesagt worden, nicht natürliche, sondern künstliche; und das ist das Feld, auf welchem die Haruspices, die Auguren und Deuter walten. Das lassen nun die Peripatetiker nicht gelten; die Stoiker nehmen es in Schutz. Das Eine beruht auf alten Aufzeichnungen und auf Belehrung, und diese findet sich in den Büchern der Hetrusker über die Haruspicin, über Bedeutung der Blitze, über Bedeutung der Donner, und auch in euern Angurenbüchern. Anderes wird bei vorkommenden Fällen augenblicklich durch Vermuthungsschlüsse gedeutet, wie bei'm Homer Calchas thut, der aus der Zahl der Sperlinge die Dauer des Trojanischen Krieges herausdeutete; oder in dem Falle, der in der Geschichte des Sisenna zu lesen ist, und der sich vor deinen Augen ereignete: daß nämlich, gerade als Sulla im Nolanischen Gebiete vor dem Prätorium opferte, ganz unten am Altar auf einmal eine Schlange zum Vorschein kam. Auf Dieß hin bat ihn der Haruspex C.Postumius, er möchte nur gleich das Heer ausrücken lassen. Sulla that es, und eroberte vor der Stadt Nola das Lager der Samniter, worin sich der Kern ihrer Truppen befand. Auf einen solchen Vermuthungsschluß gründete sich auch die Weissagung, die den Dionysius betraf, kurz vor seiner Thronbesteigung. Er reiste durch das Gebiet von Leontium, und ließ dort sein Pferd in den Fluß. Dieses versank in einem Strudel und war nicht mehr zu sehen. Als alle Mühe, es wieder zu bekommen, vergebens schien, ging er, wie Philistus Philistus von Naucratis, nach Andern von Syracus, lebte zur Zeit der beiden Dionyse. erzählt, unmuthig fort. Kaum war er aber eine Strecke weit weg, so hörte er auf einmal ein Wiehern, sah sich um, und erblickte voll Freude sein Pferd, das ganz munter daher sprang, und an dessen Mähne sich ein Bienenschwarm angesetzt hatte. Auf diese Erscheinung zeigte sich der Erfolg, daß Dionysius wenige Tage darauf zur Regierung gelangte.

34. Und ist nicht auch den Lacedämoniern, kurz vor der Niederlage bei Leuctra, eine Vorandeutung zu Theil geworden, als im Herculestempel Waffen erdröhnten, und das Bild des Hercules von starkem Schweiße troff? Aber um dieselbe Zeit öffneten sich zu Thebä, nach dem Berichte des Callisthenes, in dem Herculestempel die verriegelten Thürflügel von selbst, und die vorher an den Wänden befestigten Waffen fand man auf dem Boden. Und als um dieselbe Zeit bei Lebadea dem Trophonius Trophonius, ein Böotischer Seher, der von der Erde verschlungen wurde, und dann bei Lebadea ein unterirdisches sehr berühmtes Orakel in einem Walde hatte. Siehe Pausanias IX,37.39. geopfert wurde, sollen die Hähne dort anhaltend fort und ohne Unterbrechung gekräht haben; woraus denn die Böotischen Auguren den Schluß gezogen, die Thebaner werden Sieger bleiben, weil jener Vogel, wenn er besiegt sey, zu schweigen, wenn er gesiegt hätte, zu krähen pflege. Eben damals wurde den Lacedämoniern durch viele Vorzeichen das Unglück der Leuctrischen Schlacht zum voraus verkündigt. Denn an dem Standbilde des Lysander, des bedeutendsten Helden der Lacedämonier, das zu Delphi stand, wuchs auf einmal auf dem Haupte ein Kranz von stachlichten und wilden Kräutern hervor, und die goldenen Sterne, ein Weihgeschenk der Lacedämonier zu Delphi, zum Danke für den von Lysander erfochtenen Seesieg, der die Athener von der Höhe ihrer Macht herabstürzte (weil man nämlich in dieser Schlacht den Castor und Pollux im Gefolge der Lacedämonischen Flotte erblickt haben wollte, so waren die Symbole dieser Götter, zwei goldene Sterne, wie gesagt, nach Delphi gestiftet worden); diese Sterne fielen kurz vor der Schlacht bei Leuctra herunter, und wurden nicht mehr gefunden. Die auffallendste Vorbedeutung war aber, gleichfalls für die Spartaner, folgende. Als sie bei'm Jupiter zu Dodona einen Orakelspruch über den Sieg im bevorstehenden Kampfe einholten, und ihre Abgeordneten das Gefäß, in welchem die Loose lagen, hingestellt hatten, warf ein Affe, den der Molosserkönig besonders lieb hatte, die Loose selbst und alle Anstalten zum Loosen durcheinander, und streute sie an verschiedenen Orten herum. Da soll die Priesterin, die dem Orakel vorstand, zu ihnen gesagt haben, nicht an's Siegen, sondern an Rettung (vor dem Untergange) sollten sie denken.

35. Und hat nicht im zweiten Punischen Kriege die Nichtbeachtung der Andeutungen über die Zukunft von Seiten des C.Flaminius, der damals sein zweites Consulat verwaltete, dem Staate ausserordentliches Unheil gebracht? Als er nach der feierlichen Musterung seines Heeres das Lager abgebrochen hatte, und gegen Arretium vorgerückt war, um seine Legionen gegen den Hannibal zu führen, so stürzte er mit dem Pferde auf einmal ohne Veranlassung vor der Bildsäule des Jupiter Stator nieder, machte sich aber kein Bedenken daraus, obgleich Kundige Dieß als ein warnendes Vorzeichen betrachteten, daß er jetzt keine Schlacht liefern sollte. Als der nämliche Feldherr durch das Tripudium Auspicien einholte, und der Hühnerbeobachter den Tag für das Beginnen eines Treffens für ungünstig erklärte, fragte ihn Flaminius, wozu er denn rathen würde, wenn auch späterhin die Hühner nicht fressen wollten? Auf seine Antwort, dann müsse man eben warten, erwiederte Flaminius: Das sind mir treffliche Auspicien, wenn man eine Schlacht liefern darf, wenn die Hühner hungrig sind, und keine, wenn sie satt sind. Darauf hieß er gleich die Feldzeichen aus dem Boden reissen und sagte: Mir nach! Als nun der Adlerträger der ersten Abtheilung der Lanzenträger das Feldzeichen nicht herausbringen konnte, und alle Anstrengung umsonst war, selbst als Mehrere daran zerrten, so achtete Flaminius, als man ihm den Vorfall meldete, eben so wenig darauf. Die Folge war, daß in drei Stunden darauf das Heer vernichtet und er erschlagen wurde. Auch Das ist noch von Bedeutung, was Cälius beifügt, daß sich um dieselbe Zeit, als dieses unheilvolle Treffen vorfiel, so heftige Erdbeben in Ligurien, Gallien und auf mehreren Inseln, und überdieß in ganz Italien ereigneten, daß viele Städte zusammenstürzten, an vielen Stellen Erdfälle entstanden und Stücke Landes versanken, Flüsse eine entgegengesetzte Richtung nahmen, und das Meer in die Mündungen der Ströme eindrang.

36. Es werden auch wirklich auf Muthmaßung gegründete Weissagungen von Kundigen ertheilt. Jenem Phrygier Midas trugen einmal, als er noch Knabe war, wie er schlief, Ameisen Weizenkörner in den Mund. Da wurde ihm geweissagt, er werde ausserordentlich reich werden. und Dieß traf auch ein. Dem Plato wurde, als sich ihm in frühester Kindheit Bienen auf die Lippen gesetzt hatten, prophezeit, er werde sich durch Anmuth der Rede auszeichnen. So wurde schon an dem Kinde die künftige Beredsamkeit zum voraus erblickt. Und was sagst du von deinem Lieblinge Roscius, den du so über Alles hochschätzest; hat er, oder ihm zu Liebe ganz Lanuvium gelogen? Als Dieser noch ein Wiegenkind war, und in Solonium, einer Gegend des Lanuvinischen Gebietes, erzogen wurde, bemerkte seine Amme des Nachts bei'm Lichte, wie sich um den schlafenden Knaben eine Schlange gewickelt hatte. Vor Schrecken über diesen Anblick schrie sie laut auf. Der Vater des Roscius befragte die Haruspices über den Vorfall; und Diese erwiederten ihm, der Knabe werde einmal ganz vorzüglich berühmt und ausgezeichnet werden. Diesen Vorfall hat Pasiteles in Silber in erhobener Arbeit vorgestellt, und unser Freund Archias Ein Dichter. Auch für ihn hielt Cicero eine Rede. Man hat unter seinem Namen noch eine Anzahl Griechischer Epigramme. in einem Gedichte verewigt. Worauf warten wir denn nun noch? Etwa bis die unsterblichen Götter mit uns auf dem Forum oder gar auf den Straßen umherwandeln, oder uns zu Hause besuchen? Persönlich erscheinen sie uns freilich nicht: aber ihre Wirksamkeit verbreiten sie waltend überall hin, sie schließen sie theils in die Tiefen der Erde ein, theils verweben sie sie mit Menschennaturen. Denn die Kraft aus der Erde begeisterte sonst die Pythia zu Delphi; die Naturanlage die Sibylle. Sehen wir denn nicht offenbar, was für verschiedene Arten des Bodens es gibt? Die (Dünste des) einen sind gar tödtlich, wie zu Ampsanctus im Hirpinerlande und in Asien die Plutonien, S. Chandlers Reisen in Kleinasien, Cap. 69. die ich selbst gesehen habe. Dann gibt es wieder Gegenden, die ungesund, andere, die heilsam sind; einige bringen talentvolle Köpfe hervor, andere stumpfe. Von Allem dem ist Ursache die Verschiedenheit des Clima's und die verschiedene Ausdünstung der Erde. Oft wird auch der Geist durch irgend eine Erscheinung, oft durch bedeutungsvolle Stimmen und Musik in ausserordentliche Bewegung gesetzt, oft auch durch Sorge und Furcht; wie jene,

Erregt im Herzen, sinnverwirrt, von bacchischer Wuth
Ergriffen, unter Gräbern rufend: Teucer, Aus dem Teucer des Pacuvius. komm.

37. Ja auch jene Erregung ist ein Beweis von einwirkender göttlicher Kraft in den Menschenseelen. Sagt doch Democritus geradezu, ohne Raserei könne kein Dichter groß seyn; und desselben Ausdrucks bedient sich auch Plato. Mag er es immerhin eine Raserei nennen, wenn nur diese Raserei so gepriesen wird, wie sie in Plato's Phädrus gepriesen ist. Und wie verhält es sich mit euern gerichtlichen Reden? Ja, kann selbst ein Schauspieler Kraft, Nachdruck, Redefülle entwickeln, wenn nicht das Gemüth selbst mehr als gewöhnlich aufgeregt ist? Oft sah ich ja selbst dich stark ergriffen, und (um auch Unwichtigeres zu berühren) an deinem Freunde Aesopus ein so feuriges Mienen- und Geberdenspiel, daß es schien, als hätte ihm eine ihn überwältigende Macht die Besinnung geraubt. Auch stellen sich zuweilen Gestalten dar, die an sich nichtig sind, aber doch in der Erscheinung vor die Seele treten. So Etwas soll dem Brennus begegnet seyn, und seinem Gallischen Heere, als er frevelhafter Weise den Tempel des Delphischen Gottes feindlich angriff. Da soll die Pythia begeistert ausgesprochen haben:

Da helf' ich, und die weisen Jungfrau'n helfen mit.

Und wirklich soll man, diesem Orakelspruch zu Folge, Jungfrauen gegen Jene haben kämpfen sehen, und das Gallische Heer wurde unter Schnee begraben.

38. Aristoteles glaubte gar von Denen, die durch Krankheit wahnsinnig werden und Melancholische heissen, sie haben in sich eine Art von Vorahnungs- und Weissagungsgabe. Ich meinerseits möchte dieses Vermögen so wenig den Hypochondrischen als den Gehirnkranken [Verrückten] zuschreiben. Denn zur Weissagung gehört ein gesundes Gemüth, und das ist nicht in einem erkrankten Körper. Daß aber in der That die Weissagung etwas Reelles sey, dafür führen die Stoiker folgenden Beweis: »Gibt es Götter, und sie deuten den Menschen nicht das Zukünftige an, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie denken, es liege den Menschen gar Nichts daran, zu wissen, was geschehen werde; oder sie denken, es sey unter ihrer Würde, den Menschen zum voraus anzudeuten, was zukünftig ist; oder es können Dieß die Götter selbst nicht einmal andeuten. Aber es ist weder wahr, daß sie uns nicht lieben: denn sie sind wohlthätig und gegen das Menschengeschlecht wohlwollend; noch kann man sagen, sie wissen Das nicht, was von ihnen selbst beschlossen und bestimmt ist; oder es liege uns Nichts daran, zu wissen, was sich ereignen wird. Denn wir werden vorsichtiger seyn, wenn wir es wissen: auch können sie es nicht unter ihrer Würde halten, denn im Wohlthun zeigt sich ja ein edler Character vorzüglich: endlich ist es auch nicht möglich, daß sie das Künftige gar nicht (anzudeuten) wissen. Also es gibt entweder keine Götter, und dann deuten sie auch die Zukunft nicht an. Oder (und das ist das Wahre) es gibt Götter: also deuten sie die Zukunft an. Deuten sie sie aber an, so ist auch nicht denkbar, daß sie uns keine Mittel geben, diese Andeutungen verstehen zu lernen; denn sonst wäre ja ihr Andeuten vergebens: und geben sie uns die Mittel dazu, so ist es nicht möglich, daß es keine Weissagung gebe: es gibt also eine Weissagung.«

39. Das ist die Beweisführung des Chrysippus, des Diogenes und des Antipater. Haben wir also Grund, in die vollkommenste Wahrheit meiner bisherigen Darstellung einen Zweifel zu setzen? Wenn die Vernunft auf meiner Seite ist, überdieß die Ereignisse, die Völker, die Nationen, die Griechen so gut, wie die Barbaren, ferner unsere Vorfahren: wenn überhaupt Dieß immer für wahr gegolten hat, und zwar bei den größten Philosophen, bei den Dichtern, bei den weisesten Männern, welche Staaten gegründet und Städte erbaut haben; wollen wir dann noch warten, bis selbst die Thiere reden? begnügen wir uns nicht mit dem übereinstimmenden Vorgange der Menschheit? Auch bringt man wirklich sonst keine Gegengründe vor, warum die von mir angegebenen Arten der Weissagung nichtig seyen, außer, daß sich eben der Grund und die Ursache jeder Weissagung nicht wohl angeben lassen. Denn was hat der Haruspex für einen Grund, warum ein Schnitt in der Lunge auch bei sonst günstigen Zeichen der Eingeweide, ein Vorhaben hemmt und es aufzuschieben nöthigt? was der Augur, daß von der rechten Seite ein Rabe, von der linken eine Krähe ein Unternehmen begünstigt? was der Sternkundige, daß der Jupiter oder die Venus, mit dem Monde vereinigt, bei der Geburt der Kinder günstig, die Vereinigung des Saturnus oder des Mars mit demselben ungünstig seyn soll? Warum sollte aber die Gottheit die Menschen, wenn sie schlafen, über die Zukunft belehren, und, wenn sie wachen, sie vernachläßigen? Und wie kommt es denn endlich, daß Cassandra im Wahnsinn die Zukunft voraussieht, und Priamus mit seiner Weisheit Dieß nicht vermag? Du willst also wissen, warum das Alles geschehe? Vernünftige Frage. Aber darum handelt sich's jetzt nicht. Das ist die Frage, ob diese Dinge wirklich geschehen oder nicht. Wie wenn ich z.B. sage, der Magnet sey ein Stein, der Eisen an sich locke und anziehe, und dir den Grund dieser Erscheinung nicht angeben könnte, würdest du darum die Thatsache überhaupt läugnen? Aber so machst du es bei der Weissagung, die wir doch selbst üben sehen, von der wir hören, lesen, und die von unsern Vätern auf uns vererbt ist. Auch hat in der Welt, ehe die Philosophie, eine Erfindung der neuern Zeit, aufgekommen ist, Niemand daran gezweifelt: und selbst seit die Philosophie in's Leben getreten ist, hat kein Philosoph von einiger Bedeutung eine andere Ansicht davon gehabt. Von Pythagoras, von Democritus, von Socrates habe ich gesprochen, außer Xenophanes habe ich von den Alten Keinen ausgenommen; ich ließ dann die alte Academie, die Peripatetiker, die Stoiker auftreten. Epicurus allein widerspricht. Was verschlägt Das? Das ist eine Kleinigkeit für einen Mann, der schändlich genug war, zu behaupten, daß alle Tugend auf Eigennutz beruhe?

40. Ist aber wohl ein Mensch, dem die Ueberzeugung der ganzen Vorwelt, die durch die berühmtesten Denkmäler bewahrheitet und beglaubigt ist, Nichts gelten sollte? Von dem Calchas schreibt Homer, er sey der ausgezeichnetste Augur gewesen, und zugleich der Führer der Griechischen Flotten nach Ilium, offenbar (das Letztere) wegen seiner Kenntniß der Auspicien, nicht, weil er den Weg so gut gewußt. Amphilochus und Mopsus waren Könige der Argiver, aber zugleich Auguren, und Diese gründeten Griechische Städte an der Seeküste Ciliciens. Ja schon vor Diesen (zeichneten sich) Amphiaraus und Tiresias (aus), keine Menschen von niedrigem und gemeinem Schlage, noch Denen gleich, von welchen es bei'm Ennius heißt;

Die zu schnödem Gelderwerbe Sprüche greifen aus der Luft; Aus einer unbekannten Tragödie des Ennius.

sondern berühmte und vorzügliche Männer, welche, durch Vögelflug und Zeichen belehrt, Künftiges weissagten. Von dem Letztern sagt sogar Homer, er sey im Todtenreiche allein bei klarem Bewußtseyn, die Uebrigen flattern nur wie Schatten umher. Den Amphiaraus aber hat die Griechische Sage so hochgeehrt, daß er einem Gott gleich geachtet wurde, so daß man an der Stelle, wo er in den Boden sank, Orakelsprüche holte. Und hatte nicht auch der Asiatische König Priamus einen Sohn, Helenus, und eine Tochter, Kassandra, die mit der Sehergabe begabt waren, von denen der Eine ein Augur war, die Andere in der Begeisterung und Sinnverrücktheit prophezeite? Mit gleicher Gabe waren bei unsern Vorfahren, wie wir schriftlich aufgezeichnet lesen, auch die Brüder Marcii, von angesehenem Stande. Und von dem Korinthier Polyidus erzählt Homer, daß er Manchen Manches, unter Andern auch seinem Sohne, wie er nach Troja gezogen, den Tod vorausverkündigt habe. In der Regel waren bei den Alten Die, welche an der Spitze des Staates standen, auch zugleich im Besitze (der Kenntniß) der Augurien. Denn so wie sie Weisheit als eine Eigenschaft der Könige betrachteten, so auch Weissagung. Zeugniß dessen gibt unsere Stadt, in welcher schon in der ersten Zeit die Könige zugleich Auguren waren, und nachher, als Bürger regierten, Diese dieselben heiligen Verrichtungen hatten, und den Staat durch das Ansehen solcher heiligen Gebräuche leiteten.

41. Ja selbst Barbarenvölker haben die Weissagungskunst nicht vernachläßigt. Denn in Gallien hat man die Druiden Ueber die Druiden ist so ziemlich Alles aus dem Alten und Neuern gesammelt in dem Buche: I. G. Frickii Comm. de Druidis Occidentalium populorum philosophis. Acutius et emend. ed. A.Frick. 4. Ulmae. 1744. m.K., von denen ich selbst einen, den Aeduer Divitiacus deinen Gastfreund und Bewunderer, gekannt habe, der sich überhaupt für einen Kenner der Physik (die Griechen nennen sie Physiologie) erklärte, und theils durch Augurien, theils durch Muthmaßungsschlüsse, künftige Ereignisse voraussagte. Bei den Persern treiben die Magier das Augurenwesen und die Weissagekunst, und versammeln sich dazu an einem heiligen Platz, um sich zu berathen und zu besprechen: gerade wie auch ihr es sonst an den Scenen gewöhnlich machtet. Auch kann Keiner König von Persien seyn, der nicht zuvor die Kunst und Wissenschaft der Magier erlernt hat. Ferner findet sich, daß gewisse Familien und Nationen solchen Künsten besonders ergeben sind. So ist in Karien die Stadt Telmessus, wo die Haruspicin besonders stark getrieben wird. So hat auch Elis im Peloponnes zwo bestimmte Familien, die Jamiden und die Klytiden, die sich in der Kenntniß der Haruspicin auszeichnen. In Syrien thun sich die Chaldäer durch Kenntniß der Gestirne und Gewandtheit des Geistes hervor. Etrurien aber hat mit besonderm Geschick auf die einschlagenden Blitze geachtet, und das durch sie Getroffene; auch versteht sich diese Nation ganz besonders auf die Deutung aller vorkommenden unnatürlichen Erscheinungen und Vorzeichen. Aus diesem Grunde hat der Senat schon vor langer Zeit, als der Staat in der besten Blüthe stand, beschlossen, es sollen aus den Söhnen der angesehensten [Hetruscischen] Familien jeder einzelnen Hetrurischen Völkerschaft sechs in die Lehre zur Ausbildung übergeben werden, damit nicht eine Kunst von solcher Wichtigkeit wegen der Niedrigkeit der sie Ausübenden ihr religiöses Ansehen verlieren, und zu einem Lohndienst und gemeinen Gewerbe herabsinken möchte. Die Phrygier aber und die Pisidier, die Cilicier auch und die Nation der Araber, lassen sich besonders viel durch die Andeutungen der Vögel bestimmen. Dasselbe soll, der Geschichte zu Folge, auch in Umbrien der Fall gewesen seyn.

42. Ich meines Theils bin überzeugt, daß schon das Land, wo ein oder das andere Volk wohnte, Veranlassung zu (bestimmten Arten von) Weissagungen gegeben hat. Denn wo wie die Aegypter und Babylonier, die auf weiten und offenen Erdflächen wohnten, da aus der Erde Nichts hervorragte, was der Betrachtung des Himmels im Wege stehen konnte, sich mit besonderer Sorgfalt auf die Kenntniß des Sternenlaufes legten; so ergaben sich die Etrurier, die, als ein besonders religiös erzogenes Volk, häufiger Opferthiere schlachteten, vorzüglich der Betrachtung der Opfereingeweide: und weil wegen der dicken Luft in ihrem Lande das Einschlagen der Gewitter häufig war, und aus demselben Grunde sich oft ungewöhnliche Meteore oder auch seltsame Dinge auf der Erde zeigten, überdieß mancherlei Mißgebnrten bei Menschen oder Thieren; so wurden sie ganz vorzüglich geübte Wunderzeichendeuter. Die Bedeutung dieser Wunderzeichen ( portenta ) bezeichnen, nach deiner eigenen gewöhnlichen Erklärung, schon die von unsern Vorfahren dafür bestimmten Ausdrücke ganz zweckmäßig. Denn weil sie vorzeigen ( ostendunt ), andeuten ( protendunt ), hinweisen ( monstrant ), vormelden ( praedicunt ); so heißen sie Vorzeichen ( ostenta ), Andeutungen ( portenta ), Hinweisungen ( monstra ), Vormeldungen ( prodigia ). Die Araber aber, die Phrygier und die Cilicier, weil sie [als Nomaden] vorzüglich Viehzucht treiben, und Winter und Sommer auf Ebenen und Gebirgen umherschweifen, haben darum um so leichter auf die Stimmen und den Flug der Vögel achten können. Dasselbe war auch Veranlassung für die Pisidier, und für die Umbrier in unsrer Nähe. Und so ist denn auch ganz Karien, und besonders die Telmessier, die ich vorhin erwähnte, weil sie üppig fruchtbare Getreidegegenden bewohnen, wo wegen des starken im Boden wirkenden Triebes manches [Seltsame] sich bilden und erzeugen konnte, in Beobachtung der Vorzeichen recht genau und pünktlich gewesen.

43. Wer bemerkt aber nicht, daß gerade in den am besten eingerichteten Staaten die Auspicien und die übrigen Gattungen der Weissagung den meisten Einfluß gehabt haben? War je ein König oder ein Volk, die nicht göttliche Weissagungen zu Rathe gezogen hätten? und Dieß nicht blos im Frieden, sondern weit mehr noch im Kriege, je mehr im Kampfe das Staatswohl bedroht war. Ich übergehe Fälle aus unserer Geschichte, da man ja bei uns von je her im Kriege Nichts unternimmt, ohne die Eingeweide der Opferthiere zu befragen, Nichts ohne vorher Auspicien zu halten Nach der Lesart des Uebersetzers. Nach der gewöhnlichen kommt dazu: Nichts von innern Staatsverhandlungen.. Werfen wir einen Blick auf das Ausland. Die Athener haben bei allen öffentlichen Berathungen immer weissagende Seher zugezogen, die sie Mantis [] nennen; die Lacedämonier gaben ihren Königen einen Augur zum Beisitzer, und auch im Rathe der Alten (so hieß bei ihnen die berathende Behörde) mußte ein Augur sitzen, überdieß holten sie auch in Angelegenheiten von besonderer Wichtigkeit jedesmal den Rath des Orakels zu Delphi, oder des Jupiter Hammon, oder zu Dodona ein. Lykurgus, der die Lacedämonische Staatsverfassung einrichtete, ließ sogar seine Gesetze durch das Ansehen des Delphischen Apollo bestätigen; und als Lysander sie ändern wollte, scheiterte sein Plan an der religiösen Achtung vor diesem Ausspruche. Ja die obersten Staatsbehörden der Lacedämonier begnügten sich nicht, blos wachend für den Staat zu sorgen, sondern schliefen auch [zuweilen] in dem Tempel der Pasiphae Ueber die Pasiphae S. Creuzers Symbolik und Mythologie IV. p. 85–88. des Uebersetzers Auszug S.742.f. Nitschs Mytholog. Wörterb. umgearb. von Klopfer II. S.424., der in der Nähe der Stadt auf dem Felde steht, um [prophetische] Träume zu erhalten, weil sie die Eingebungen, die sie [dort] im Schlafe bekamen, für zuverläßig hielten. Doch zurück auf Rom. Wie oft mußten nicht die Decemvirn auf Befehl des Senats in den [Sibyllinischen] Büchern nachschlagen. In was für wichtigen Fällen und wie oft befolgte nicht der Senat, was die Haruspices ausgesprochen hatten! Dieß geschah ja, als man einmal zwo Sonnen erblickt hatte, als sich drei Monde, als sich Fackeln am Himmel zeigten. als man die Sonne bei Nacht sah, als man am Himmel ein Getöse vernommen hatte, als einmal der Himmel sich zu spalten schien, und man an ihm [Feuer-] Kugeln gewahr wurde. Auch wurde dem Senat der Erdfall im Gebiete von Privernum vorgetragen, als sich dort der Boden in eine ungeheure Tiefe gesenkt hatte, und Appulien von gewaltigen Erdstößen erschüttert worden war: lanter Vorzeichen, die dem Römischen Volke schwere Kriege und verderbliche Bürgerzwiste verkündigten. Und in allen diesen Fällen traf, was die Haruspices antworteten, genau mit den Versen der Sibyllinischen Bücher zusammen. Und als das Apollobild zu Cumä schwitzte, das der Victoria zu Capua; als ein Zwitter geboren wurde: war Das nicht eine Ankündigung großen Mißgeschickes? Als ein Strom von dunkelem Blute geschwärzt floß , zuweilen ein Blutregen, ein anderesmal ein Erdregen, einmal auch ein Milchregen sich ergoß; als der Centaur auf dem Capitolium vom Blitze getroffen wurde, auf dem Aventinischen Berge Thore und Menschen, zu Tusculum der Tempel des Castor und Pollux, zu Rom der der Pietas: prophezeiten da nicht die Haruspices Das, was wirklich erfolgte, und fanden sich nicht in den Büchern der Sibylla dieselben Weissagungen?

44. [Wie oft hat nicht der Senat den Decemvirn aufgetragen, jene Bücher nachzuschlagen! in welchen wichtigen Angelegenheiten und wie oft hat er nicht befolgt, was die Haruspices ausgesprochen hatten!] In Folge eines Traumes der Cäcilia, der Tochter des Quintus, wurde vor nicht langer Zeit, im Marsischen Kriege, vom Senat der Tempel der Juno Sospita wiederhergestellt Dieser Krieg heißt auch der Italische oder Bundesgenossenkrieg. Die Begebenheit fällt in das Jahr Roms 673.. Sisenna, welcher auseinandersetzt, wie wunderbar dieser Traum und der Erfolg zusammengetroffen, behauptet dann hintendrein doch anmaßend genug, wahrscheinlich von einem Epikureer verleitet, Träumen müße man nicht glauben. Und derselbe Mann spricht Nichts gegen die Vorzeichen, und erzählt, wie im Anfang des Marsischen Krieges die Götterbilder geschwitzt, wie es Blut geregnet, wie sich der Himmel gespalten habe, wie man aus einem verborgenen Orte Stimmen vernommen, welche Kriegesgefahr drohten, und zu Lanuvium (ein Fall, den die Haruspices für den bedenklichsten erklärt hätten) die Schilde von den Mäusen zernagt worden seyen. Und steht nicht in unsern Jahrbüchern, daß im Vejenterkriege, als der Albanische See außerordentlich angewachsen war, ein vornehmer Vejenter als Ueberläufer zu uns gekommen sey, und angesagt habe, einem geschriebenen Orakel zu Folge, das die Vejenter hätten, könne Veji nicht erobert werden, so lange dieser See überfüllt sey, lasse man ihn ab, und er bahne sich seinem natürlichen Falle nach den Weg zum Meere, so sey Dieß für das Römische Volk verderblich; werde er aber so abgeleitet, daß er nicht in's Meer auslaufen könne, so werde Das für die Unsrigen zum Glück ausschlagen. Auf Dieß hin wurde von unsern Vorfahren die bewundernswürdige Ableitung der Gewässer des Albanischen See's veranstaltet. Als aber die Vejenter, des Krieges müde, Abgeordnete an unsern Senat geschickt hatten, soll Einer von Diesen gesagt haben, jener Ueberläufer habe es nicht gewagt, dem Senat die Prophezeiung vollständig zu eröffnen; denn in demselbigen Orakel haben die Vejenter auch die schriftliche Weissagung: in kurzer Zeit werde Rom von den Galliern eingenommen werden. Und Dieß geschah bekanntlich sechs Jahre nach der Eroberung von Veji.

45. Oft ließen auch in Schlachten Frauen ihre Stimme vernehmen, und bei gefährlichen Umständen soll man prophetische Stimmen aus verborgenen Orten vernommen haben. Von der Art sind folgende zwei sehr wichtige Fälle, die ich aus einer großen Zahl anderer aushebe. Kurz vor der Einnahme der Stadt ließ sich vom Haine der Vesta aus, der sich vom Fuße des Palatinischen Berges gegen die neue Straße herabzieht, eine Stimme hören; man solle Mauern und Thore ausbessern; ohne diese Vorsichtsmaßregel werde Rom eingenommen werden. Man beachtete Dieß nicht, als das Unglück noch verhütet werden konnte; brachte aber dafür, erst nach jenem so verderblichen Schlage, Sühnopfer. Es wurde nämlich dem Ajus Loquens der noch stehende umzäunte Altar jenem Orte gegenüber geweiht. Der zweite Fall ist die Nachricht, die sich bei vielen Schriftstellern findet, es habe sich einmal bei einem Erdbeben eine Stimme aus dem auf dem Capitolischen Berge stehenden Junotempel hören lassen: man soll zum Sühnopfer ein trächtiges Schwein darbringen. Davon habe denn die in jenem Tempel verehrte Juno den Beinamen Moneta [Warnerin] erhalten. Doch nicht nur auf [warnende] Götterstimmen achteten die Pythagoreer, sondern auch auf Menschenstimmen, und diese heißen sie omina . Und weil unsere Vorfahren sie für bedeutsam hielten, so brauchten sie bei'm Anfange jeder Unternehmung die Formel: Möge das zum Guten, zum Segen, zum Heil und zum Glücke gereichen: bei öffentlichen Opfern wurde die Formel ausgesprochen: Wahret die Zunge! und wenn Ferien angesagt wurden: Man enthalte sich alles Streites und Haders! Bei der Lustration einer Colonie pflegte Der, welcher sie zu führen hatte, so wie, wenn der Heerführer dieselbe religiöse Feierlichkeit bei dem Heere, der Censor bei'm Volke verrichtete, zu Führern der Opferthiere Leute mit glückbedeutenden Namen zu wählen. Gerade darauf sehen die Consuln bei der Truppenaushebung, daß der zuerst aufgerufene Soldat einen günstigen Namen habe. Und du weißt wohl, daß du selbst als Consul und Oberfeldherr diese Sitte mit der größten Gewissenhaftigkeit beobachtet hast. Auch beobachteten unsere Vorfahren den Namen der Tribus, die zuerst zum Stimmen kam, als ein Omen bei gehörigen Auspicien.

46. Doch nun will ich auch bekannte Beispiele anführen, wo ein Omen bedeutsam gewesen. L.Paullus war, als er zum zweitenmale Consul war, den Krieg mit dem König Perses zu führen beauftragt worden. Wie er nun an demselben Tage gegen Abend nach Hause kam, und sein Töchterchen Tertia, damals ein noch ganz kleines Kind, mit einem Kusse begrüßte, merkte er, daß sie etwas betrübt war. Was gibts, liebe Tertia, sagte er, warum bist du traurig? Ach Vater, sagte sie, Persa ist hin. Da umschlang er das Kind fester und sagte: Das Omen ist mir willkommen, gutes Kind. Es war ihr nämlich ein Hündchen gestorben, das Persa hieß. Den Flamen des Mars L.Flacius hörte ich erzählen, Cäcilia, des Metellus Tochter, sey einmal, als sie ihrer Schwester Tochter verheirathen wollte, in eine Capelle gegangen, um ein Omen abzuwarten. eine Sitte, die aus alter Zeit herstammt. Die Jungfrau stand neben der auf einem Sessel sitzenden Cäcilia. Lange ließ sich keine Stimme vernehmen. Da bat das Mädchen, das sich müde fühlte, ihre Muhme, sie möchte sie ein wenig auf ihrem Sitze ausruhen lassen. Ja mein Kind, erwiederte Diese, ich räume dir meinen Platz ein. Dieses Omen traf zu. Die Muhme starb bald darauf, die Jungfrau vermählte sich mit dem Manne, mit dem Cäcilia vermählt gewesen war. Daß man dergleichen verachten, wohl auch belachen kann, begreife ich vollkommen. Aber Das heißt eben das Daseyn der Götter wegläugnen, wenn man ihre Andeutungen verachtet.

47. Soll ich mich auch noch über die Auguren verbreiten? Das steht dir zu; ja du mußt eigentlich dich zum Vertheidiger der Auspicien aufwerfen. Hat dir ja, als du Consul warst, der Augur Appius Claudius gemeldet, als das Augurium über die [Staats-] Wohlfahrt zweideutig ausgefallen war, es werde ein einheimischer Krieg, voll Jammer und Verwirrung entstehen: und dieser brach wirklich nach wenigen Monaten aus, wurde jedoch von dir in noch wenigern Tagen gedämpft. Auf dieses Augurs Aussprüche halte ich sehr viel. Denn er allein seit einer langen Reihe von Jahren besaß die Kunst, nicht blos das Augurium herabzuleiern, sondern wirklich die Zukunft zu erschauen. Zwar verlachten ihn deine Collegen, und hießen ihn bald einen Pisidischen, bald einen Soranischen Augur: und da ihnen vorkam, als liege in den Augurien oder Auspicien keine Ahnung des künftig Zutreffenden, so sagten sie, diese religiösen Gebräuche seyen von schlauen Köpfen ersonnen worden, um die Unkundigen am Gängelbande ihres Aberglaubens zu leiten. Daran ist aber gar nicht zu denken. Denn weder jene Hirten, an deren Spitze Romulus stand, noch Romulus selbst, waren solcher Schlauköpfigkeit fähig, daß sie, um das Volk irre zu leiten, religiöse Gaukelspiele ersonnen hätten. Aber die Schwierigkeit und die Anstrengung, die es kostet, diese Kunst zu lernen, hat Die, welche sie vernachläßigen, zu ihren beredten Gegnern gemacht. Denn sie wollen sich lieber breit darüber herauslassen, es sey gar Nichts an den Auspicien, als lernen, was denn an ihnen ist. Oder gibt es ein prophetischeres Auspicium, als das, welches du selbst in deinem Marius schilderst? Ich lasse dich am liebsten selbst für die Sache sprechen Außer dieser Stelle hat man von dem Gedichte Cicero's, Marius, nur noch ein Paar Verse.

Sieh, der beschwingte Trabant des hochherdonnernden Gottes,
Schnell von dem Stamme des Baums; durch den Biß der Schlange verwundet,
Würget das Unthier gleich, es mit grimmigen Krallen durchbohrend,
Wie es sich windet, zerfleischt er es ganz mit dem Schnabel zerhackend;
Als er den Grimm nun gekühlt und die quälenden Schmerzen gerächt hat,
Wirft er es weg, wie es stirbt, und schleudert zerfetzt es ins Meer hin;
Hebt dann vom Abend sich weg zu der strahlenden Seite des Aufgangs,
Als ihn mit eilendbedeutsamem Flug, und in sinkendem Schweben
Marius sah, ein Augur von göttlichbegeisterter Sehkraft,
Eigenen Ruhms Vorzeichen erkennend darin und der Heimkehr:
Donnerte Jupiter selbst zur linken Seite des Himmels,
Also bestätigt der Vater des Adlers herrliches Omen.

48. Jene Augurenkunst des Romulus aber war eine hirtenmäßige, keine politischschlaue; nicht um die Unkundigen am Gängelbande des Aberglauben zu führen, sondern von Redlichen empfangen und weiter auf die Nachkommen verpflanzt. Romulus also, der Augur, wie es bei Ennius heißt, nebst seinem Bruder Remus, gleichfalls einem Augur Die Stelle steht beim Ennius im ersten Buche der Annalen.,

Sorgend dieser und jener mit großer Sorge, begehrend
Herrscher zu seyn, schau'n Beide mit Augurkunst nach den Vögeln,
Hier hält Remus Auspicien sich, und erwartet den günst'gen
Vogel allein, doch Romulus späht, der Schöne, vom hohen
Aventinus hinaus, hochfliegende Vögel erwartend.
Beide stritten, ob Roma, ob Rema die Stadt sie benennen:
Jeglicher strebte zu wissen, Wer Herr seyn sollte mit Obmacht.
Also schau'n sie, wie wenn zu dem Kampf das Zeichen der Consul
Geben will, voll Gier zu der Oeffnung der hemmenden Schranken,
Wann aus den farbigten Schlünden zur Bahn er die Wagen entlasse:
Also harrte das Volk, und gespannt mit Mund und mit Blicken
Wartet es, Welchem der Sieg und die Würde des Herrschers verlieh'n sey.
Indeß bleichet die Sonne der Nacht und versinkt in das Dunkel,
Plötzlich erhebt weißglühenden Strahls sich die Helle des Tages.
Und es erscheint aus der Höhe zugleich mit beglückendem Fluge
Links herfliegend ein Vogel: und gleich steigt golden die Sonn' auf.
Dreimal vier dann steigen vom Himmel heiliger Vögel
Körper herein, und eilen im Flug nach günstigen Stellen.
Da sieht Romulus, ihm sey jetzt beschieden der Vorrang,
Und durch Auspicien sey ihm begründet der Thron und die Herrschaft.

49. Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu dem Gegenstande zurück, von welchem ich ausging. Vermag ich immerhin gar nicht auseinander zu setzen, warum jedes Einzelne sich ereigne, und beweise ich auch blos, daß das Angegebene geschehe, ist Das nicht hinlängliche Erwiederung gegen den Epikurus und Karneades? Ja gibt es nicht sogar einen Grund, auf dem die künstliche Weissagung beruht, und zwar einen leicht begreiflichen; und einen etwas schwerer verständlichen für die natürliche? Denn was aus Opfereingeweiden, aus Blitzen, aus Wunderzeichen, aus Sternen vorausgeahnet wird, das sind die aufgezeichneten Ergebnisse langwieriger Beobachtung. Die Länge der Zeit aber verschafft uns in allen Gegenständen bei lang fortgesetzter Beobachtung eine unglaubliche Gewandtheit, die auch möglich ist ohne Antrieb und Anstoß von Seiten der Götter; da, was auf jedes Anzeichen erfolgt, und was jeder Sache für ein Ereigniß vorauszugehen pflegt, durch häufige Wahrnehmung zu klarer Erkenntniß gebracht ist. Die andere Weissagung ist, wie gesagt, die natürliche, und diese muß durch eine feine in die Naturforschung eingehende Untersuchung mit dem Wesen der Gottheit in Beziehung gesetzt werden, von deren Natur, wie die gelehrtesten und weisesten Forscher angenommen haben, unsere Seelen gleichsam vereinzelte Tropfen und Ausflüsse sind. Und da das All von unendlichem Lebensgefühl und göttlichem Selbstbewußtseyn durchdrungen ist, so muß die Verwandtschaft der Menschenseelen mit dem überall waltenden göttlichen Lebensgeiste auf dieselben wirken. Im Wachen freilich sind unsere Seelen im Dienste der Lebensbedürfnisse, und reißen sich von der Gemeinschaft mit dem Göttlichen los, weil sie von den Banden des Körpers sich nicht frei machen können: und nur ganz selten finden sich Menschen, die durch ihre Willensthätigkeit sich vom Körper losreißen, und sich mit angestrengtem Streben und Eifer der Betrachtung göttlicher Dinge hingeben. Sprechen Diese ein Augurium aus, so ist Dieß nicht ein Produkt [unbewußter] göttlicher Eingebung, sondern menschlicher Geistesthätigkeit. denn sie ahnen nicht nur künftige Ereignisse voraus, wo die [Andern unbemerkten] Naturkräfte walten, z.B. Ueberschwemmungen, sondern auch die einstige Auflösung des Himmels und der Erde durch Feuer. Andere aber im Staatsleben Bewanderte, wie uns die Geschichte von dem Athener Solon meldet, sehen eine sich erhebende Tyrannenherrschaft lange Zeit voraus: wir können diese Vorsichtige ( prudentes) nennen, d.h. Vorsehende; Weissagende auf keine Weise, eben so wenig als den Thales von Milet, welcher, der Sage nach, um seine Tadler zum Schweigen zu bringen, und zu zeigen, daß auch ein Philosoph, wenn er es für der Mühe werth halte, Geld gewinnen könne, den gesammten Oehlertrag, noch vor der Blüthe der Oehlbäume, in dem Gebiete von Milet zusammenkaufte. Er mochte nämlich vermöge einer besondern [Natur-] Kenntniß bemerkt haben, daß [dieses Jahr] der Oehlertrag ergiebig seyn werde. Derselbe Mann soll auch zuerst eine Sonnenfinsterniß, die sich unter des Astyages Regierung ereignete, vorausgesagt haben Im J. 597. v. C. Siehe die Stellen darüber in Simsoni Chronicon zum J.d.W. 3424..

50. Vieles merken die Aerzte, Vieles die Steuerleute, Vieles auch die Landleute voraus: aber das Alles nenne ich keine Weissagung, nicht einmal den Fall, als der Naturforscher Anaximander die Lacedämonier warnend ermahnte, sie sollten ihre Stadt und ihre Häuser verlassen und im Freien campiren, weil ein Erdbeben bevorstände: zu der Zeit nämlich, als wirklich die ganze Stadt zusammenstürzte, und von dem Berge Taygetus das äußerste Ende, wie das Hintertheil eines Schiffes, losbrach. Auch dem berühmten Pherecydes, dem Lehrer des Pythagoras, gebührt nicht sowohl der Name eines Sehers, als eines Naturforschers, weil er aus der Betrachtung des aus einem lebendigen Brunnen geschöpften Wassers ein bevorstehendes Erdbeben prophezeite. Auch regt sich in der menschlichen Seele nie die natürliche Weissagungsgabe, außer wenn sie so ganz fessellos und ledig ist, daß sie außer aller Verbindung mit dem Körper steht. Dieß ist der Fall bei [begeisterten] Sehern oder bei Schlafenden. Deswegen läßt auch Dicäarchus diese zwo Gattungen [der Weissagung] gelten, und, wie gesagt, unser Kratippus. Thun sie Dieß deswegen, weil beide unmittelbar natürlich sind, so mögen diese Arten für die bedeutendsten gelten; nur behaupte man nicht, sie seyen die einzigen. Glauben sie aber der Beobachtung gar keinen Werth [in dieser Hinsicht] beilegen zu dürfen, so heben sie Vieles auf, das mit dem wirklichen Leben in der engsten Verbindung steht. Es sehen also auch Diejenigen, deren Seelen sich mit Gewalt vom Körper losreißen, und sich ganz außer ihn versetzen, von einer gewissen innern Glut entflammt und aufgeregt, wirklich Das, was sie prophetisch voraus verkündigen; und solche Seelen, die außer Verbindung mit dem Körper treten, werden von manchen Dingen in Begeisterung versetzt, wie Diejenigen, welche durch die Wirkung gewisser Töne oder durch Phrygische Musik außer sich gesetzt werden. Viele fühlen sich in Hainen und Wäldern, Viele auf Strömen und Meeren aufgeregt, und ihr von Begeisterung ergriffener Geist, sieht das Künftige lange zuvor voraus. Zu dieser Art von Weissagungen gehört folgende Aus einem unbekannten Römischen Tragiker.:

Seht, seht! O weh! entschieden hat ein großer Spruch:
Drei Göttinnen stritten um Schönheitsrang.
Der Spruch führt eine Spartanerin her:
Bald kommt sie, und wird zur Furie uns.

Auf gleiche Weise nämlich ist von Begeisterten oft Vieles vorausgesagt worden, und nicht blos mit Worten, sondern auch in

Versen, wie vormals Faunen und Schicksalsprecher gesungen Ist der zweite Vers aus dem 7ten Buche der Annalen des Ennius..

Auf ähnliche Weise sollen auch die Seher Marcius und Publilius geweissagt haben. Von dieser Art von Orakelsprüchen sind die Geheimnisse des Apollo, die man bekannt gemacht hat. Ich glaube, es hat auch gewisse Aushauchungen der Erde gegeben, durch welche begeistert die Seelen [der Seher] Orakel ergossen.

51. Dieß nun ist die Art und Weise [der Weissagung] der Seher; wovon die durch Träume nicht verschieden ist. Denn was den Sehern im Wachen begegnet, Das begegnet uns im Schlafe. Wenn wir schlafen, so ist der Geist rege, ist frei von den Sinneseindrücken und aller Störung durch Sorgen, während der Körper da liegt und todtenähnlich ist. Weil aber die Seele von aller Ewigkeit her gelebt hat, und mit zahllosen Geistern umgegangen ist: so sieht sie Alles, was sich in der Natur befindet, vorausgesetzt, daß sie durch gemäßigten Genuß von Speisen und wenig Getränk in solche Stimmung versetzt ist, daß sie noch ihre Lebhaftigkeit behält, während der Körper betäubt ist. Das ist die Weissagung des Träumenden. Hier kommen wir auf die bedeutende, nicht natürliche, sondern künstliche Traumdeutung Antiphons, und wirklich, wie die Grammatiker Erklärer der Dichter sind, so gibt es auch eigene Deuter der Orakelsprüche und Weissagungen. Denn wie die Gottheit das Gold, das Silber, das Kupfer, das Eisen vergebens geschaffen hätte, hätte sie uns nicht auch belehrt, wie man zu den Adern dieser Metalle kommen könne: wie sie auch die Früchte des Bodens und die Baumfrüchte dem Menschengeschlecht ohne allen Nutzen verliehen hätte, hätte sie uns nicht zugleich belehrt, wie wir sie pflegen und aufbewahren müßten, endlich wie das Bauholz uns nichts helfen würde, wenn wir es nicht zu zimmern verständen; so ist mit jedem Vortheile, den die Götter den Menschen verliehen haben, auch eine Kunst in Verbindung, durch die uns der Genuß jenes Vortheils erst möglich wird. Demnach hat man denn auch bei Träumen, Prophezeiungen und Orakelsprüchen, weil manche dunkel, manche zweideutig waren, die Erklärungen der Ausleger zu Rathe gezogen. Wie aber entweder die Seher oder die Träumenden Dinge sehen, die in dem Augenblicke durchaus nirgends vorhanden sind, Das ist eine große Frage. Aber ist einmal herausgebracht, was vorläufig untersucht werden muß, so wird der eigentliche Gegenstand der Frage bedeutend leichter. Denn die ganze Frage beruht auf der Schlußfolge, die du im zweiten Buche deines Werkes über das Wesen der Götter vorgetragen hast. Halten wir diese fest, so bleibt auch Das unumstößlich, was sich um den Punkt herumdreht, von dem jetzt die Rede ist: nämlich daß es Götter gibt, daß durch ihre Vorsehung die Welt regiert wird, und daß ihre Sorge für die menschlichen Angelegenheiten nicht nur ins Allgemeine, sondern auch ins Einzelne geht. Halten wir uns an Das, was mir wenigstens unwiderleglich scheint; so ist wahrhaftig die nothwendige Folge davon, daß die Götter den Menschen die Zukunft andeuten.

52. Allein man muß meines Erachtens unterscheiden, auf welche Weise es geschieht. Die Stoiker nämlich lassen nicht gelten, daß bei jedem einzelnen Leberspalt, bei jeder Stimme eines Vogels, die sich hören läßt, sich eine göttliche Einwirkung offenbare. Dieß wäre weder schicklich, noch der Götter würdig, noch auf irgend eine Weise möglich. sondern [sie sagen], es liege in der ursprünglichen Einrichtung der Welt, daß bestimmten Ereignissen bestimmte Andeutungen vorangehen, theils bei den Opfereingeweiden, theils bei den Vögeln; andere bei den Blitzen, andere bei Erscheinungen, andere bei den Sternen, andere in den Gesichten der Träumenden, andere in den Aussprüchen der Rasenden. Wer diese Dinge richtig versteht, täuscht sich selten. Fehlerhafte Vermuthungen und schlechte Deutungen trügen freilich, nicht weil die Andeutungen falsch, sondern weil die Ausleger ungeschickt sind. Ist aber Dieß zugestanden, und steht es fest, daß es eine göttliche Kraft gebe, die über dem Menschenleben waltet; so hat es keine Schwierigkeit, bei Dem, was wir nun einmal wirklich sich ereignen sehen, auf das Wie und Warum zurückzuschließen. Denn schon bei der Wahl des Opferthieres kann ein gewisses durch die ganze Welt verbreitetes Allgefühl leiten; und dann kann, wenn man nun zu opfern im Begriff ist, gerade eine Veränderung in den innern Theilen des Thieres vorgehen, so daß entweder etwas fehlt, oder zu viel ist: denn es kostet nur einen kleinen Anstoß, so bildet die Natur Manches an, gestaltet es um oder nimmt etwas weg. Um uns hierüber allen Zweifel zu benehmen, mag uns schon Das als ein höchst auffallender Beweis dafür gelten, was kurz vor Cäsars Ermordung sich ereignet hat. Als Dieser nämlich an dem Tage, an dem er zum erstenmale auf dem goldenen Sessel saß, und im Purpurgewande ausging, opferte, fand sich in dem fetten Opferstiere kein Herz. Meinst du nun, es sey möglich, daß irgend ein Thier, das Blut in sich hat, ohne Herz leben könne? Das Ungewohnte dieses Ereignisses fiel ihm auf, und Spurinna sagte, es sey zu besorgen, daß Rath und Leben miteinander ausgehe: denn Beides gehe vom Herzen aus. Am folgenden Tage fand sich an der Leber [des Opferthiers] kein Kopf. Diese Winke gaben ihm die unsterblichen Götter, um ihm seinen bevorstehenden Untergang anzukündigen, nicht um ihn zu veranlassen, demselben zu entgehen. Wenn sich nun solche Theile in den Opfereingeweiden nicht finden, ohne welche das Thier nicht hätte leben können, so ist nichts Anderes zu denken, als daß die fehlenden Theile gerade unter dem Opfern verschwunden sind.

53. Dasselbe Walten des göttlichen Geistes bewirkt auch bei den Vögeln, daß die mit bedeutsamem Fluge bald daher bald dorther ihren Flug nehmen, bald auf dieser bald auf jener Seite sich entfernen, und die, deren Stimmen bedeutsam sind, sich bald von der rechten, bald von der linken Seite hören lassen. Denn wenn jedes Thier mit vollkommener Freiheit seinen Körper bewegt, vorwärts, schräg, rücklings; wenn es seine Glieder in jeder ihm beliebigen Richtung biegt, dreht, streckt, einzieht; und das fast eher verrichtet, als es den Vorsatz dazu faßt: um wie viel leichter ist Dieß Gott, dessen mächtigem Winke Alles gehorcht? Er sendet uns theils Vorzeichen der Art, dergleichen uns die Geschichte viele aufbewahrt hat: wie wir denn z.B. lesen, wenn kurz vor Sonnenaufgang der Mond im Zeichen des Löwen verfinstert würde, so werde Darius und die Perser von Alexander und den Macedoniern überwunden werden, und Darius das Leben verlieren; und wenn ein Mädchen mit zween Köpfen geboren würde, so werde eine Entzweiung im Volke entstehen, Verführung und Ehebruch im Hause; und wenn ein Weib im Traume einen Löwen gebären würde, so werde der Staat, in dem es sich ereigne, von fremden Nationen überwunden werden. Hierher gehört auch der Fall, den wir bei Herodotus lesen, daß der stumme Sohn des Krösus auf einmal gesprochen habe: durch welches Vorzeichen die gänzliche Vernichtung des Reiches und des Hauses seines Vaters verkündigt worden sey. Und steht nicht in allen unsern Geschichtschreibern, daß sich einmal um das Haupt des Servius Tullius ein Feuerschein gezeigt habe? Wie nun Dem, welcher sich mit einem durch gute Gedanken vorbereiteten Gemüthe, und wenn sonst Alles so beschaffen ist, daß es die ruhige Stimmung begünstigt, zur Ruhe begibt, im Schlafe wahre und zuverläßige Gesichte vorkommen; so ist auch ein unbeflecktes und reines Gemüth eines Wachenden zur Erkenntniß der wahren Bedeutung der Gestirne, der Vögel und der übrigen Anzeichen, auch der Opfereingeweide, aufgelegter.

54. Das ist es nämlich, was man uns von Socrates meldet, und was er in den Schriften der Socratiker oft selbst äußert: es sey [in ihm] etwas Göttliches, was er das Dämonische () nennt, dessen Warnung er immer gehorcht habe, die sich nie aufmunternd, immer nur abmahnend, habe vernehmen lassen. So gab denn Socrates (und Wem sollte ein solcher Gewährsmann nicht genügen?) dem Xenophon auf sein Befragen, ob er sich an den Cyrus anschließen solle, erst seinen Rath nach eigener Ansicht, und fügte dann bei: Das ist nun einmal meine Ansicht, die eines Menschen: über Gegenstände aber, die so undurchschaulich und ungewiß sind, thut nach meiner Ueberzeugung eine Anfrage bei Apollo bessere Dienste, an den sich ja auch die Athener bei Fällen von Wichtigkeit in öffentlichen Angelegenheiten gewendet haben. Wir finden ferner in der Geschichte [des Socrates], daß Dieser, als er einmal seinen Vertrauten, Krito, mit verbundenem Auge erblickte, ihn gefragt habe. was Schuld daran sey: und auf Dessen Antwort, es habe ihn beim Spazierengehen auf dem Felde ein angezogenes und zurückgeschnelltes Aestchen in's Auge geschlagen, habe ihm Socrates erwiedert: da hast du es nun: habe ich dich nicht vor dem Ausgehen vermittelst der mir inwohnenden Vorausahnungsgabe gewarnt? Ein anderer Vorfall, auch den Socrates betreffend, ist folgender. Die Athener waren unter der Anführung des Laches bei Delium geschlagen worden und auf der Flucht begriffen. Socrates floh mit dem Laches, und als man an einen Dreiweg kam, weigerte er sich, denselben Weg zu nehmen, den die Andern wählten, und gab Denen, die ihn fragten, warum er darauf bestehe, zur Antwort, die Gottheit mahne ihn ab. Und wirklich geriethen Die, die auf dem andern Wege geflohen waren, zwischen die feindliche Reiterei hinein. Eine Menge Fälle, wo Socrates eine bewundernswerthe Voraussagungsgabe entwickelte, hat Antipater gesammelt. Ich übergehe sie alle, denn du kennst sie, und ich brauche sie gerade nicht zur Verstärkung meiner Beweisführung. Doch ist jene Aeußerung dieses Philosophen besonders herrlich und fast göttlich, als er, durch ein ruchloses Gericht zum Tode verurtheilt, erklärte: er sterbe mit vollkommener Gemüthsruhe; denn weder als er aus dem Hause gegangen, noch als er die Bühne, auf welcher er sich verantwortet hatte, bestiegen, sey ihm von der Gottheit das gewohnte Zeichen der Warnung, als ob ihm ein Unglück drohe, gegeben worden.

55. Ich bin nun einmal der Ueberzeugung, daß, mag auch Manches von Denen, die durch Kunst oder aus Vermuthungsgründen weissagen, falsch angesehen werden, es dennoch eine Weissagung gibt; daß aber die Menschen in dieser Kunst, wie in den übrigen Künsten, dem Irrthum ausgesetzt sind. Möglich, daß irgend ein blos unbestimmt gegebenes Zeichen für bestimmt genommen worden ist; möglich auch, daß irgend Etwas unbemerkt geblieben, entweder das [bedeutende] Zeichen selbst, oder [ein anderes] das jenes aufhob. Mir aber genügt zum Erweise Dessen, worauf mein ganzer Vortrag geht, nicht blos, daß recht Vieles, sondern auch wenn nur Weniges wirklich durch Weissagung vorausbemerkt und vorausgesagt worden ist. Ja auch Das möchte ich unbedenklich behaupten: ist auch in einem einzigen Falle wirklich Etwas so vorausgesagt und vorausbemerkt worden, daß es sich, als es sich zutrug, gerade so ereignete, wie es vorausgesagt worden, und dabei Nichts als blos Zufälliges und Ungefähres erscheint, so darf man eine Weissagung annehmen, und es muß sie Jedermann zugeben. Aus dem Grunde, glaube ich, muß alle Weissagungsgabe und Weissagungskunst, wie Posidonius thut, zuerst von Gott (und hierüber ist genug gesprochen worden), dann vom Schicksal, endlich von der Natur hergeleitet werden. Die Vernunft also nöthigt uns zu der Annahme, daß Alles was geschieht, durch das Schicksal (Fatum) geschehe. Fatum aber nenne ich, was die Griechen nennen, das heißt, die Reihe und den Zusammenhang der Ursachen, wenn eine sich an die andere anknüpfend eine Sache aus sich hervorbringt. Das ist die von aller Ewigkeit her in einem Flusse fortlaufende und zusammenhängende Wahrheit. Demnach ist nie Etwas geschehen, das nicht geschehen mußte, und eben so wird Nichts geschehen, dessen Ursachen, von denen es abhing, nicht in der Natur liegen. Daraus ist begreiflich, daß Schicksal nicht in dem Sinne, wie es der Aberglaube versteht, sondern im Sinne philosophischer Naturforschung, die ewige Ursache der Dinge ist, der zu Folge nicht nur die bereits vergangenen Dinge geschehen sind, sondern auch die geschehen, die eben bevorstehen, und die künftigen geschehen werden. So ist es möglich, daß sich theils durch Beobachtung bemerken läßt, welche Folgen in der Regel jede Ursache begleiten, obwohl nicht immer: denn Das zu behaupten ist schwer: theils ist es wahrscheinlich, daß gerade diese Ursachen der künftigen Dinge von Denen erblickt werden, die sie entweder in der Raserei der Begeisterung oder im Schlafe sehen.

56. Da überdieß Alles durch das Schicksal geschieht, (was an einem andern Orte bewiesen werden soll,) so kann, falls es einen Menschen geben kann, der die Verkettung aller Ursachen im Geiste zu erschauen vermag, wahrhaftig einem solchen Nichts unbemerkt [ungeahnt] bleiben. Denn Wer die Ursachen der künftigen Dinge kennt, muß nothwendig auch Alles kennen, was geschehen wird. Da Dieß nun außer Gott Niemand kann, so bleibt dem Menschen nothwendig nur noch Das, daß er an gewissen Vorzeichen, welche das Künftige andeuten, die Zukunft vorausahne. Denn was künftig ist, tritt nicht plötzlich in die Wirklichkeit; sondern wie man ein Schiffstau abhaspelt, so entwickeln sich die Ereignisse im Verlaufe der Zeit, die nichts Neues hervorbringt, und immer nur das Ursprünglichwahre [das von jeher Nothwendige] zur Entfaltung bringt. Das sehen sowohl Die, denen die natürliche Weissagungsgabe verliehen ist, als Die, welche durch Beobachtung den Verlauf der Ereignisse bemerkt haben. Sehen Diese auch gleich die Ursachen nicht, so sehen sie doch die Vorzeichen und Kennzeichen der Ursachen, und nimmt man dazu Gedächtniß und Aufmerksamkeit, so gewinnt man durch Beiziehung der Erfahrungen früherer Zeiten diejenige Weissagung, welche die künstliche heißt, nämlich die aus den Opfereingeweiden, den Blitzen, den Anzeichen und himmlischen Vorzeichen. Man braucht sich also nicht zu verwundern, daß die Weissagenden Das vorausempfinden, was [noch] nirgends ist. Denn es ist [eigentlich] Alles; nur noch nicht in die Zeit getreten. Und gerade wie in den Saamen schon die Dinge, welche aus ihnen erzeugt werden, ihrem Wesen [ihrer Kraft] nach liegen; so liegen in den Ursachen schon die künftigen Dinge verborgen, deren einstiges Kommen der Geist entweder in begeisterter Aufregung oder vom Schlafe entfesselt schaut, oder die Vernunft aus Gründen oder Vermuthung vorausbemerkt. Und wie Diejenigen, welche den Aufgang, den Untergang und die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der übrigen Gestirne kennen, lange zuvor vorhersagen, zu welcher Zeit jedes derselben sich zeigen werde, so verstehen Die, welche den Lauf der Dinge und die Aufeinanderfolge der Ereignisse durch lange Aufmerksamkeit an gewissen Zeichen erkennen, entweder immer, oder, wenn Dieß zu viel gesagt seyn sollte, meistentheils, oder, wenn man auch Das nicht einmal zugeben will, wenigstens zuweilen, was sich ereignen wird. Dieß und einiges Andere sind die aus dem Begriffe des Schicksals hergenommenen Beweise für die Weissagung.

57. Mit den von der Natur hergenommenen Beweisen verhält es sich etwas Anders. Hier wird darauf aufmerksam gemacht, wie groß die Kraft der Seele sey, wenn sie von den körperlichen Gefühlen entfesselt ist; welcher Zustand besonders bei Schlafenden und bei Begeisterten eintritt. Denn so wie die Seelen der Götter ohne Augen, ohne Ohren, ohne Sprache einander verstehen: woher es auch kommt, daß die Menschen, selbst wenn sie ihre Wünsche nicht einmal aussprechen, oder stille Gelübde thun, überzeugt sind, daß es die Götter vernehmen; so sehen die Seelen der Menschen, wenn sie entweder durch den Schlaf vom Körper entfesselt sind, oder in der Begeisterung durch innern freien Drang sich erregt fühlen, Dinge, die sie in der Vermischung mit dem Körper nicht sehen können. Und dieser aus der Natur hergenommene Grund läßt sich vielleicht nur mit Mühe auf diejenige Art der Weissagung anwenden, die wir als ein Resultat der Kunst erklärt haben. Aber doch sucht Posidonius so gut als möglich auch Dieß herauszubringen. Er stellt den Satz auf, es liegen in der Natur gewisse Vorzeichen künftiger Dinge. Wir wissen nämlich, daß die Ceer alljährlich mit Sorgfalt den Aufgang des Hundssterns zu beobachten pflegen, und auf diese Beobachtung, wie Heraklides Ponticus schreibt, Vermuthungsschlüsse bauen, ob das Jahr gesund oder ungesund seyn werde. Gehe der Stern trüb und gleichsam verdüstert auf, so sey die Luft dick und dunstig, so daß deren Einathmung schwer und ungesund seyn werde: erscheine der Stern aber klar und hell, so deute Dieß auf eine dünne und reine und folglich gesunde Luft. Demokritus aber behauptet, es sey eine weisliche Einrichtung der Alten, daß man die Eingeweide der geschlachteten Opferthiere beschaue, aus deren Beschaffenheit und Farbe man auf Gesundheit oder Ungesundheit schließen könne, auch wohl auf Seuchen; bisweilen auch ob Unfruchtbarkeit oder Fruchtbarkeit des Feldes bevorstehe. Hat diese von der Natur ausgehenden Zeichen die Beobachtung und die Erfahrung erkannt, so konnte die Länge der Zeit eine Menge Bemerkungen liefern, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, so daß Jener bei Pacuvius, der im Chryses als Naturforscher eingeführt wird, die Natur eben wenig gekannt zu haben scheint, [wenn er sagt]

– den Leuten die der Vögel Sprache gar versteh'n,
Und mehr aus fremder Leber, als aus eigner, seh'n,
Horch ihnen zu, jedoch gehorchen mußt du nicht.

Warum denn nicht, da du doch wenige Verse weiter unten treffend sagst:

Was das All beseelt und bildet, nährt und wachsen läßt und schafft,
Und begräbt und in sich aufnimmt, ist des Weltalls Vater auch,
Schafft es neu gebärend, bis es wieder dorthin untergeht.

Was hindert also, daß, da Alles ein, und zwar ein gemeinsames Haus hat, und da die Seelen der Menschen immer gewesen sind und seyn werden, diese nicht sollten erkennen können, was aus jedem [Vorangegangenen] folgt, und durch was jedes voraus angedeutet wird? Und hiemit, sagte er, habe ich meine Ansicht von der Weissagung dargelegt.

58. Nur noch meine feierliche Erklärung, daß ich weder die Looswahrsager, noch Die, welche aus dem Prophezeiten ein Gewerbe machen, noch selbst die Geisterweissagungen, deren sich dein Freund Appius so gern bediente, anerkenne: überhaupt Die folgenden Verse sind aus dem Telamon des Ennius.

Tauben Nüssen gleich beacht' ich, was ein Marser-Augur spricht,
Opferschauer auf den Straßen, Circus-Astrologen auch,
Nicht, was Isispriester faseln und der Träumedeuter Zunft;
Nicht durch Wissenschaft durch Kunst nicht, mögen sie das Künft'ge schau'n;
Schwärmer sind sie, abergläubisch, oder deuteln unverschämt,
Dumme oder gar Verrückte, oder Die der Mangel drängt;
Die den Fußpfad selbst nicht finden, Andern weisen Weg und Steg,
Denen Schätze sie versprechen, betteln sie den Groschen ab.
Nehmt den Groschen von dem Schatze: gebt das Andre dann nur her.

Das spricht Ennius, der wenige Verse weiter oben bestimmt Götter annimmt, doch meint,

Daß sie wenig sich bekümmern, wie's dem Menschenhaufen geht.

Ich aber, der ich überzeugt bin, daß sie sich darum bekümmern, daß sie auch warnen und Vieles voraussagen, nehme eine Weissagung an, will aber alles Gehaltlose, alle Windbeutelei und Schlechtigkeit davon ausgeschieden wissen. Als Quintus hiemit seinen Vortrag geschlossen hatte, erwiederte ich: Trefflich wohl gerüstet bist du....

Der Schluß des Buches ist verloren.

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