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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 128
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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67. Alle Träume, mein Quintus, haben einerlei Gehalt; mögen wir uns nur, bei den unsterblichen Göttern! hüten, ihn nicht noch durch unsern Aberglauben und Irrwahn zu verschlechtern. Was meinst du denn, was für einen Marius ich gesehen habe? Seine Gestalt, nicht wahr, und sein 971 Bild, wie Democritus will. Und woher soll das Bild gekommen seyn? Er behauptet nämlich, die Bilder strömen von den materiellen und wirklichen Gestalten aus. Was war es nun für ein Körper des Marius (der mir erschien)? Nun, erwiedert er, (eine Ausströmung) aus dem, der wirklich vorhanden gewesen war. Alles ist voller Bilder. Jenes Bild des Marius begleitete mich also in das Atinatische Gebiet. Denn es läßt sich keine Gestalt denken, ohne einen Eindruck der Bilder? Was folgt daraus? Sind uns jene Bilder so gehorsam, daß sie sich uns, so bald wir nur wollen, vorstellen? Auch die Bilder von solchen Dingen, die gar nicht existiren? Denn was kann sich nicht die Seele für widernatürliche und nichtige Gestalten denken? Haben wir doch auch Vorstellungen von Dingen in uns, die wir nie gesehen haben, z. B. von der Lage gewisser Städte, von der Gestalt dieses oder jenes Menschen. Macht also etwa, wenn ich mir die Mauern von Babylon oder die Gestalt des Homer denke, irgend ein Bild von ihnen einen Eindruck auf mich? Nun, dann können wir von allem, was wir nur wollen, eine Erkenntniß haben; denn es gibt Nichts, wovon wir uns nicht ein Gedankenbild machen könnten. So viel ist also nun richtig, daß von aussen keine Bilder sich in die Seelen der Schlafenden schleichen. Ja es strömen überhaupt keine aus; auch habe ich nie einen Menschen kennen gelernt, der mit größerem (Schein von) Gewicht Nichts sagte. Es liegt in dem Wesen und der Natur der Seelen, daß sie im Zustande des Wachens lebhaft sind, ohne allen Anstoß von aussen, durch eigene Bewegung, und zwar mit unglaublicher Geschwindigkeit. 972 Werden sie nun durch die Glieder unterstützt, durch den Körper, die Sinne, so sehen, denken und empfinden sie Alles bestimmter. Sind ihnen aber diese entzogen, ist die Seele durch die Erschlaffung des Körpers [gleichsam] verlassen, dann setzt sie sich durch sich selbst in Bewegung. Da treiben sie denn in ihm Gestalten und Handlungen herum, und es kommt ihnen vor, als hören und sprechen sie Dieses und Jenes. Diese vielerlei, auf alle mögliche Art verwirrten und abwechselnden Dinge treiben sich nun in der ermüdeten und abgespannten Seele herum, besonders aber wälzen und tummeln sich in den Seelen die Reste derjenigen Gegenstände umher, die wir wachend gedacht und getrieben haben. So schwebte mir in jener (Unglücks-) Zeit Marius häufig vor der Seele, da ich mir in's Gedächtniß rief, mit welchem erhabenen Muthe und mit welcher Standhaftigkeit er sein schweres Unglück ertragen hatte. Das, glaube ich, war die Ursache, warum ich von ihm träumte.

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