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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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962 59. Aus Dem aber, was Wahnsinnigen oder Betrunkenen vorkommt, lassen sich zahllose Vermuthungen von möglichen künftigen Dingen herleiten. Gibt es aber auch einen Schützen, der den ganzen Tag nach einem Ziele werfen, und nicht manchmal treffen sollte? Ganze Nächte hindurch träumen wir, und kaum eine vergeht, in der wir nicht schlafen; und wir wundern uns noch, daß manchmal gerade Das, was wir geträumt haben, vorfällt? Was ist so ungewiß, als der Würfelwurf? und doch ist Niemand, der nicht bei häufigem Würfeln bisweilen einen Venuswurf wärfe, bisweilen auch zwei und drei hintereinander. Wollen wir also, wie die albernen Leute, lieber sagen, da habe die Venus ihre Hand im Spiele, als es sey Spiel des Zufalls? Wenn zu jeder andern Zeit falschen Erscheinungen kein Glaube beizumessen ist, so sehe ich nicht ab, was der Schlaf zum voraus haben soll, daß in ihm das Falsche für wahr gelten dürfte. Wäre die Einrichtung in der Natur, daß die Schlafenden Das wirklich thäten, was sie träumten; so müßte man Alle anbinden, die zu Bette gingen. Denn die Träumenden würden dann tolleren Unfug treiben, als nur irgend Rasende. Ist nun den Gesichten der Wahnsinnigen kein Glaube zu schenken, weil sie falsch sind, warum soll den Gesichten der Träumenden mehr Vertrauen gebühren, die noch viel verwirrter sind? Das begreife ich wenigstens nicht. Etwa darum, weil die Wahnsinnigen ihre Gesichte nicht dem Ausleger erzählen, Die aber, welche geträumt haben? Ich frage auch: wenn ich Etwas schreiben oder lesen, oder Musik treiben wollte, sey es Vocalmusik oder Saitenspiel, oder wenn ich etwas Geometrisches oder Physisches oder Logisches erklären wollte, müßte ich da 963 einen Traum abwarten, oder Kunst anwenden, ohne welche in diesen Gegenständen sich nichts thun und zu Stande bringen läßt? Nun aber würde ich doch, selbst wenn ich schiffen wollte, das Schiff nicht so lenken, wie ich geträumt hätte; denn die Strafe würde auf dem Fuße nachfolgen. Wie sollte es nun zweckmäßig seyn, daß die Kranken lieber bei einem Ausleger, als bei einem Arzte Hülfe suchen? Oder kann Aesculapius etwa oder SerapisS. Creuzers Symb. u. Mythol. Bd. II, 393. 737. Nitsch's Mytholog. Wörterb. umgearbeitet von Klopfer I, S. 82. uns durch den Traum die Herstellung der Gesundheit vorschreiben, Neptun aber die ein Schiff Regierenden nicht (belehren)? Und wenn Minerva, ohne daß wir einen Arzt zuziehen, uns Heilmittel gibt; sollten die Musen den Träumenden nicht das Lesen, das Schreiben und die übrigen Künste beibringen können? Würde aber die Wiederherstellung der Gesundheit (durch Träume) verliehen, so würde auch Das, was ich eben gesagt habe, verliehen werden. Da aber das Letztere nicht geschieht, so ist es auch mit der Heilung Nichts, und ist diese aufgegeben, so hat alles Ansehen der Träume sein Ende erreicht.

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