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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 110
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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49. Auf diese Aeußerung hin nahm ich denn wieder, gleichsam von vorne beginnend, das Wort. Ich weiß wohl, sagte ich, Quintus, daß Dieß immer deine Ansicht war. Du zweifeltest an den übrigen Arten der Weissagung, aber nahmst die beiden Gattungen, die der Begeisterten und die aus Träumen, die nach deiner Ueberzeugung aus frei bewegtem Geiste hervorgehen, an. Ich will mich also über die beiden genannten Gattungen erklären, aber erst noch die Schlußfolge der Stoiker und unseres Cratippus, nebst ihrem Gehalt, einer Prüfung unterwerfen. Du sagtest nämlich, Chrysippus, Diogenes und Antipater schließen auf folgende Weise: »Gibt es Götter, und sie deuten den Menschen nicht zum voraus an, was geschehen wird, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie 950 denken, es interessire die Menschen nicht, zu wissen, was geschehen wird, oder sie glauben ihrer Würde Etwas zu vergeben, wenn sie den Menschen das Künftige voraus andeuten, oder sie können es nicht einmal andeuten. Aber es ist weder anzunehmen, daß sie uns nicht lieben; denn sie sind zu Wohlthun geneigt und dem Menschengeschlechte gut; noch wissen sie nicht, was von ihnen selbst beschlossen und bestimmt ist; noch ist es wahr, daß uns nichts daran liege, zu wissen, Was geschehen wird; denn wenn wir es wissen, werden wir uns mehr in Acht nehmen; noch achten sie es unter ihrer Würde, denn Würdevolleres gibt es ja nichts, als Wohlthun; noch ist es ihnen selbst unmöglich, Winke zu geben. Es gibt also entweder keine Götter, und dann zeigen sie auch die Zukunft nicht an, oder (und das ist das Wahre) es gibt Götter: also deuten sie diese an. Und deuten sie das Künftige an, so ist es falsch, anzunehmen, sie geben uns keine Mittel, die Andeutungen zu verstehen; denn sonst wäre ihr Andeuten vergeblich, und geben sie Mittel, so ist es falsch, daß es keine Weissagung gibt: folglich gibt es eine Weissagung.« O die scharfsichtigen Menschen. Mit wie wenigen Worten halten sie die Sache für abgethan. Sie machen bei ihrem Schlusse Voraussetzungen, von denen ihnen keine eingeräumt wird. Eine Schlußreihe aber ist nur dann zuzugeben, wenn aus unzweifelhaften Vordersätzen Das, worüber noch gezweifelt wurde, erschlossen wird.

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