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Von der Weissagung

Marcus Tullius Cicero: Von der Weissagung - Kapitel 102
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVon der Weissagung
pages789-979
created20080518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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41. Die Loose also sind auch der Rede werth? Was ist denn ein Loos? Fast Dasselbe, was das Fingerspiel,Digitis micare; was die Italiener jetzt giucar' alla mora nennen. das Würfeln oder Knöchelwerfen; Dinge, bei denen das Ungefähr und der Zufall, nicht Besonnenheit und Plan walten. Die ganze Sache ist zum Betrügen ausgesonnen, oder zum Gewinn, oder aus Aberglauben, oder aus Irrthum. Laß und einmal, wie wir bei der Haruspicin gethan haben, das angebliche Auffinden der berühmtesten Loose beleuchten. Von dem 940 Numerins Suffucius erzählen die Geschichtbücher der Pränestiner, er sey ein rechtschaffener und angesehener Mann gewesen, der durch häufige, am Ende gar bedrohende Traumgesichte aufgefordert worden, einen Kieselstein zu zerhauen, und er sey endlich, durch die Erscheinungen geschreckt, ob ihn gleich seine Mitbürger ausgelacht, daran gegangen; da seyen denn, als der Stein zerbrochen gewesen, Loose herausgefallen, nämlich eichene (Blättchen oder Stäbchen) mit eingeschnittenen uralten Buchstaben. An dem Platze ist heut zu Tage eine Umzäunung, als an einer heiligen Stelle, neben dem Tempel des als Knabe verehrten Jupiter, der als Säugekind mit der Juno auf dem Schoose der Fortuna sitzend und nach der Brust aufstrebend, dort von den Müttern mit besonders beobachteter Züchtigkeit verehrt wird. Um dieselbe Zeit soll an dem Platze, wo jetzt der Tempel der Fortuna steht, Honig aus einem Oehlbaume geflossen seyn, und die Haruspices gesagt haben, jene Loose werden ausserordentlich berühmt werden. Auf ihren Befehl sey sodann aus dem Holze jenes Oehlbaumes ein Kästchen verfertigt und darin die Loose verwahrt worden, die noch heut zu Tage auf den Wink der Fortuna gezogen werden. Was kann nun bei Loosen Zuverläßiges seyn, die auf den Wink der Fortuna von der Hand eines Knaben gemischt und gezogen werden? Und wie sind sie denn an den Platz hingekommen (wo sie gefunden worden)? Wer hat jene Eiche gefällt, in Täfelchen geschnitten und überschrieben? Einer Gottheit, erwiedern sie, ist Nichts unmöglich. O hätte sie denn doch die Stoiker klug gemacht, damit sie nicht an Alles mit abergläubischer Aengstlichkeit und Erbärmlichkeit glaubten. Doch diese Art der 941 Weissagung ist selbst im gemeinen Leben schon außer Credit gekommen. Die Schönheit des Tempels und das hohe Alter macht allein, daß man auch gegenwärtig noch von den Pränestinischen Loosen spricht: und zwar erst nur der Pöbel. Denn welcher Beamte oder welcher Mann von Auszeichnung bedient sich der Loose? An allen übrigen Orten aber interessirt sich kein Mensch mehr für die Loose. Uebrigens schreibt Clitomachus, Carneades habe sich mehrmals des Ausdrucks bedient, nirgends habe er die Glücksgöttin beglückter gesehen, als zu Präneste. Genug also von dieser Art der Weissagung.

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