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Von Bagdad nach Stambul

Karl May: Von Bagdad nach Stambul - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleVon Bagdad nach Stambul
publisherKarl-May-Gesellschaft
noteKapitel nach Stgt. Ausgabe, Seitenzahlen als A HREF, Fussnoten neu
senderkarlheinz.Everts@t-online.de
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In Edreneh

Adrianopel, welches die Türken Edreneh nennen, ist nach Konstantinopel die bedeutendste Stadt des osmanischen Reiches. Hier residirten die Sultane von Murad dem Ersten an bis zu Mohammed dem Zweiten, welcher im Jahre 1453 Konstantinopel eroberte und seine Residenz dorthin verlegte. Auch später war es ein Lieblingsaufenthalt vieler Sultane, von denen besonders Mohammed der Vierte gern hier verweilte.

Unter den mehr als vierzig Moschee'n, welche die Stadt besitzt, ist die ›Selimje‹, die Selim der Zweite erbaute, berühmt. Sie ist noch größer als die Aja Sophia in Konstantinopel und verdankt ihre Entstehung dem berühmten Moshia-Architekten Sinan. Wie eine Oase in der Wüste liegt sie in Mitten einer kläglichen Anhäufung von Holzhäusern, deren bunt bemalte Mauern und Wände aus tiefem Schmutz und Straßenkot auftauchen. Der imposante Kuppelbau dieser Moschee wird im Innern von acht gigantischen Pfeilern getragen und äußerlich von vier wunderbar schlanken Minarehs belebt, von denen ein jedes drei Balkone für die Muezzins besitzt. Im Innern erblickt man zwei Reihen Galerien, welche aus den kostbarsten Marmorarten zusammengesetzt sind und von 250 Fenstern erleuchtet werden. Zur Zeit des Ramasans brennen hier 12000 Lichter.

Wir kamen von Kirkilissar und hatten die schlanken Minarehs der Selimje schon längst vor uns leuchten sehen. Von Weitem bot uns Adrianopel einen prächtigen Anblick dar; als wir es aber erreicht hatten und durch seine Straßen ritten, ging es wie mit allen andern Städten des Orientes: sie verlieren in der Nähe ihre Schönheit und erfüllen niemals das, was sie aus der Ferne versprechen.

Hulam, den wir aufsuchen wollten, wohnte in der Nähe des Utsch Scherifeli, der Moschee Murad's des Ersten, an deren terrassenförmigem, mit prächtigem Marmor gepflastertem Vorhofe wir vorüberritten. Die vier und zwanzig von 70 Säulen getragenen Kuppeln wurden aus dem Schatz der Johanniter erbaut, welcher bei der Eroberung von Smyrna erbeutet wurde. Wir tauchten in eine sehr stark belebte Gasse und hielten vor einer mehrere Stockwerke hohen Mauer, durch welche ein jetzt verschlossenes Thor führte. Wir hatten in dieser Mauer die Straßenfronte des Hauses zu erblicken, welches uns gastlich aufnehmen sollte.

Das Thor hatte in Kopfeshöhe ein rundes Loch, vor welchem auf das Klopfen Isla's ein bärtiges Gesicht erschien.

»Kennst Du mich noch, Malhem?« frug der junge Konstantinopolitaner. »Öffne uns!«

»Maschallah, Gott thut Wunder!« erklang es von innen. »Du bist es wirklich, Herr? Komm eilends herein!«

Das Thor wurde geöffnet, und wir ritten durch eine Art Durchfahrt nach einem ziemlich großen Hofe, welcher rings von den Innengalerien des Hauses umgeben war. Alles zeigte einen ungewöhnlichen Reichthum. Auch die Zahl der herbei eilenden Diener ließ ebenso auf denselben schließen.

»Wo ist der Herr?« frug Isla einen Mann, welcher ihn mit tiefer Ehrerbietung begrüßte und, wie ich später erfuhr, der Hausmeister war.

»Im Ischlik bei seinen Büchern.«

»Führe diese Männer in das Selamlik, und sorge dafür, daß sie gut bedient werden. Auch die Pferde müssen gut untergebracht werden!«

Er nahm Jacub Afarah bei der Hand und begab sich nach der Arbeitsstube des Hausherrn. Wir Andern wurden nach einem Raume geführt, welcher die Größe eines kleinen Saales hatte. Die vordere Seite bildete eine offene, von Säulen getragene Verandah, und die Wände der drei übrigen Seiten waren, golden auf blauem Grunde, mit Kuransprüchen verziert.

Wir ließen uns trotz des Staubes, welcher an unseren Kleidern haftete, auf grünsamtne Divans nieder, und ein Jeder erhielt eine Wasserpfeife und den Kaffee in Täßchen, welche anstatt der Fingans in einem silbernen Dreifuße stacken. Das Alles hatte den Anschein eines gediegenen Luxus, von welchem sich abermals auf den Reichthum des Besitzers schließen ließ.

Wir hatten kaum den Kaffee gekostet, so erschienen Afarah und Isla mit dem Hausherrn. Dieser war eine höchst ehrwürdige, imposante Erscheinung, mit einem Barte, welcher an Länge und Fülle demjenigen von Mohammed Emin glich. Der Eindruck, welchen er machte, nöthigte unwillkürlich zum Aufstehen, auch wenn dies nicht von der Sitte gefordert worden wäre. Wir erhoben uns.

»Sallam aaleïkum!« grüßte er, indem er die Hände wie zum Segen erhob. »Seid willkommen in meinem Hause und denkt, daß es das Euere sei!«

Er ging von Einem zum Andern, um uns die Hand zu reichen, dann ließ er sich mit seinen beiden Verwandten bei uns nieder. Auch ihnen wurden Pfeifen und Kaffee gebracht, und dann gab er einen Wink, auf welchen sich die Diener zurückzogen. Darauf wurden wir ihm von Isla vorgestellt. Er betrachtete mich eine längere Zeit und reichte mir dann abermals die Hand, die er eine Minute lang in der seinigen behielt.

»Du weißt vielleicht noch nicht, daß Du mir bekannt bist, Effendi,« sagte er. »Isla hat mir viel von Dir erzählt. Er hat Dich lieb, und so hast Du auch mein Herz besessen, obgleich wir uns noch nicht gesehen haben.«

»Herr, Deine Worte machen meine Seele leicht,« antwortete ich. »Wir befinden uns nicht in der Wüste oder bei den Weideplätzen eines Beduinenvolkes, und es ist daher nicht überall gewiß, daß man willkommen geheißen wird.«

»Ja, die schöne Sitte unserer Väter verliert sich von Jahr zu Jahr immer mehr; sie verschwindet in den Städten und zieht sich klagend in die Wüste zurück. Die Wüste ist der Geburtsort der Hülfsbedürftigkeit, aber Allah läßt auch gerade in ihr die Palme der Bruderliebe wachsen. In der großen Stadt fühlt sich der Fremdling verlassener als in der Sahara, wo kein Dach ihm den Anblick von Allah's Himmel raubt. Du warst in der Sahara, wie ich vernommen habe; hast Du nicht gefühlt, daß ich die Wahrheit sage?«

»Allah ist überall, wo der Mensch den Glauben an ihn im Herzen trägt. Er wohnt in den Städten, und er blickt auf die Hammada; er wacht über den Wassern, und er rauscht durch das Dunkel des Urwaldes; er schafft im Innern der Erden und in den hohen Lüften; er regiert den leuchtenden Käfer und die blitzenden Sonnen; Du hörst ihn im Jubel der Luft und in dem Rufe des Schmerzes; sein Auge glänzt aus der Thräne der Freude und schimmert aus dem Tropfen, mit welchem das Leid die Wange befeuchtet. Ich war in Städten, wo Millionen wohnen, und ich war in der Wüste, von jeder Wohnung weit entfernt, aber niemals habe ich gefürchtet, allein zu sein, denn ich wußte, daß Gottes Hand mich hielt.«

»Effendi, Du bist ein Christ, aber ein frommer Mann; Du bist werth, ein Moslem zu sein, und ich ehre Dich, als ob die Lehre des Propheten die Deinige sei. Isla sagte mir, daß Ihr kommt, um mich vor einem schweren Verluste zu bewahren. Sprich Du für die Andern!«

»Hat er Dir nichts Näheres gesagt?«

»Nein, denn ich mußte eilen, Euch willkommen zu heißen.«

»So sage mir, ob ein Fremdling seit einiger Zeit in Deinem Hause wohnt?«

»Es wohnt ein Fremder hier, ein frommer Mann aus Koniëh, der aber heute nicht in Adrianopel ist. Er ist nach Hadschi Bergas geritten.«

»Aus Koniëh? Wie nennt er sich?«

»Abd el Myrhatta ist sein Name. Er hat das Grabmal des berühmten Heiligen Myrhatta besucht, um ein Gelübde zu erfüllen; daher nennt er sich den Diener Myrhatta's.«

»Warum wohnt er bei Dir?«

»Ich selbst habe ihn eingeladen, bei mir zu bleiben. Er will in Brussa einen großen Bazar errichten und wird hier bedeutende Einkäufe machen.«

»Wohnt noch ein anderer Fremder bei Dir?«

»Nein.«

»Wann kehrt er zurück?«

»Heute Abend.«

»So wird er heute Abend unser Gefangener sein!«

»Allah kerihm! Wie meinst Du das? Dieser fromme Moslem ist ein Mann nach Allah's Wohlgefallen. Warum wollt Ihr ihn gefangen nehmen?«

»Weil er ein Betrüger und noch etwas viel Schlimmeres ist. Er hat bemerkt, daß Du ein frommer Diener Allah's bist, und hat, um Dir wohlzugefallen, die Maske der Frömmigkeit vor sein Angesicht gelegt. Er ist kein Anderer, als der Mann, welcher Senitza, das Weib Isla's, aus ihrer Heimat entführte. Laß Dir Alles von Isla erzählen!«

Hulam erschrack, und Isla erzählte. Auch als er geendet hatte, wollte der alte Handelsherr es noch nicht glauben, daß er es mit einem Verbrecher zu thun habe. Er konnte nicht glauben, daß eine Maske so geschickt getragen werden könne.

»Seht ihn Euch erst an und sprecht mit ihm,« sagte er, »so werdet Ihr sehen, daß Ihr Euch täuscht!«

»Wir brauchen gar nicht mit ihm zu sprechen,« warf Osco ein; »wir brauchen ihn nur zu sehen, denn ich kenne ihn, und Isla kennt ihn auch.«

»Ihr braucht ihn weder zu sehen, noch zu sprechen,« fügte ich hinzu. »Ich bin gewiß, daß es Barud el Amasat ist. Abd el Myrhatta ließ sich auch Abrahim Mamur in Konstantinopel nennen, und ich vermuthe fast, daß auch Hamd el Amasat in Skutari den gleichen Namen angenommen hat.«

»Aber mein Gast kann doch der richtige Abd el Myrhatta sein!« warf Hulam ein.

»Das ist allerdings eine Möglichkeit, aber nicht wahrscheinlich. Wir werden also bis heute Abend warten müssen.«

Weiter war nichts zu sagen und auch nichts zu thun. Wir erhielten nach alter, patriarchalischer Sitte ein Jeder ein Zimmer und reine Kleider, welche wir anlegten, nachdem wir ein Bad genommen hatten. Dann versammelten wir uns zum Mahle, welches ein dem Reichthum des Hauses angemessenes war. Mit Ungeduld erwarteten wir dann den Abend, indem wir uns die Zeit bis dahin mit Gespräch und Schachspiel zu verkürzen suchten; denn auszugehen war nicht gerathen, da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß Barud el Amasat nur vorgegeben habe, nach Hadschi Bergas zu reiten. Jedenfalls hatte er Genossen in der Stadt, bei denen seine Gegenwart wohl etwas nöthiger war, als in dem kleinen Orte, wo er gar nichts zu suchen hatte.

Endlich wurde es dunkel, und wir zogen uns, um beisammen zu sein, in das Zimmer zurück, welches Isla bewohnte. Hulam hatte uns gesagt, daß er mit seinem Gaste im Selamlik zu Abend speisen werde, und so beschlossen wir, daß er dann während des Essens von Isla und Osco überrascht werden solle, während wir drei Anderen dafür sorgen wollten, daß er nicht entfliehen könne.

Wohl noch an die zwei Stunden vergingen, ehe wir den Schritt eines Pferdes vom Hofe herauf erklingen hörten, und eine Viertelstunde später benachrichtigte uns einer der Diener, daß der Herr mit seinem Gaste sich zum Abendmahle gesetzt habe. Wir gingen hinab.

Das Thor war verschlossen, und der Wächter desselben hatte die Anweisung erhalten, keinen Menschen hinaus zu lassen. Wir näherten uns mit leisen Schritten dem Selamlik, welches jetzt durch eine Ampel hell erleuchtet wurde, und nahmen zu beiden Seiten hinter den Pfeilern Platz. Wir konnten jedes Wort hören, welches von den beiden Essenden gesprochen wurde. Hulam, der scharf aufmerkte, hatte doch unsere Annäherung wahrgenommen und gab nun dem Gespräche eine auf unser Vorhaben bezügliche Wendung. Er brachte die Rede auf Konstantinopel und fragte bei dieser Gelegenheit:

»Bist Du oft in Stambul gewesen?«

»Einige Male.«

»So kennst Du die Stadt ein wenig?«

»Ja.«

»Ist Dir der Stadttheil bekannt, welchen man Maharive Keui nennt?«

»Ich glaube, von ihm gehört zu haben. Liegt er nicht oberhalb Eyub an der linken Seite des goldenen Hornes?«

»Ja. Dort hat sich jüngst etwas ganz Merkwürdiges zugetragen. Man hat nämlich eine ganze Gauner- und Mörderbande gefangen genommen.«

»Allah 'l Allah!« rief der Mann erschrocken. »Wie ist das zugegangen?«

»Diese Menschen hatten ein Haus, in welches nur Diejenigen Zutritt fanden, welche das Wort ›el Nassr‹ sagten, und – –«

»Ist's möglich!« unterbrach ihn der Gast.

Aus dem Tone, mit welchem diese zwei Worte ausgestoßen wurden, klang nicht der objektive Abscheu des unbefangenen Zuhörers, sondern der subjektive Schreck des Betheiligten. Ich war jetzt überzeugt, daß dieser Mann der Gesuchte sei, und zum Überfluß flüsterte mir Osco, welcher neben mir stand, leise zu:

»Er ist es! Ich kann sein Gesicht deutlich sehen.«

»Dieses Wort aber hat man belauscht,« fuhr Hulam fort, »und ist mit Hülfe desselben in das Haus eingedrungen.«

Er erzählte nun die Begebenheit, und der Gast hörte ihm mit außerordentlicher Spannung zu. Der Letztere frug, als der Bericht beendet war, mit deutlich vibrirender Stimme:

»Und war der Usta wirklich erschossen?«

»Der Usta? Wer ist das? Wer wird so genannt? Ich habe das Wort ja gar nicht ausgesprochen!«

»Ich meine den Anführer, den Du Abrahim Mamur nanntest.«

Durch die Anwendung des Wortes ›Usta‹ hatte er sich verrathen. Auch Hulam mußte nun wissen, woran er war; doch ließ er sich nichts merken, sondern antwortete ruhig:

»Nein, er war nicht todt; er hatte sich nur gestellt, als ob er von der Kugel getroffen worden sei. Aber am andern Tage fand er dennoch seinen Lohn. Er wurde von der Galerie des Thurmes zu Galata herabgestürzt.«

»Wirklich? Schrecklich! Da war er todt?«

»Ja, er und ein Grieche Namens Kolettis, welcher auch mit herabgestürzt wurde.«

»Kolettis? ïa waïh! Wer hat sie herabgestürzt?«

»Ein Araber aus Tunis, aus der Gegend des Schott el Dscherid, der eine Blutrache gegen einen gewissen Hamd el Amasat hat. Dieser Amasat hat einen fränkischen Kaufmann in Blidah ermordet, den Neffen desselben erschossen und dann auch den Vater jenes Arabers auf dem Schott umgebracht. Der Sohn sucht ihn nun.«

»Allah kerihm! Was es für böse Menschen gibt! Das kommt aber daher, daß Niemand mehr an die Lehre des Propheten glaubt! Wird der Araber diesen Hamd el Amasat finden?«

»Er ist ihm bereits auf der Spur. Dieser Mörder hat einen Bruder, welcher Barud el Amasat heißt und ein ebenso großer Schurke ist. Er hat die Tochter eines Freundes entführt und als Sklavin verkauft. Sie ist dem Käufer wieder entrissen worden, welcher kein Anderer als jener Abrahim Mamur war, und Isla Ben Maflei, ein Verwandter von mir, hat sie zum Weibe genommen. Er hat sich aufgemacht, diesen Barud el Amasat aufzusuchen und zu bestrafen.«

Während dieser Rede war der Gast immer ängstlicher geworden; das Essen war ihm vergangen, und sein Blick hing mit wachsender Aufregung an den Lippen des Erzählers.

»Wird er ihn finden?« fragte er.

»Sicher! Er ist nicht allein. Osco, der Vater der Geraubten, ist bei ihm, sodann der fränkische Arzt, welcher Senitza befreite, sein Diener und endlich auch jener Araber, welcher Abrahim Mamur vom Thurme gestürzt hat.«

»So haben Sie wohl bereits seine Spur gefunden?«

»Sie kennen seinen Namen, den er jetzt trägt.«

»Wirklich? Wie nennt er sich?«

»Abd el Myrhatta. Auch der Usta ließ sich in Stambul so nennen.«

»Das ist ja mein Name!« rief er entsetzt.

»Allerdings. Allah weiß es, wie sie gerade auf den Namen eines so frommen Mannes gekommen sind! Ihre Strafe möge darum eine doppelte sein!«

»Aber wie hat man diesen Namen erfahren können?«

»Das will ich Dir sagen. Barud el Amasat hat einen Sohn im Kloster der tanzenden Derwische in Pera. Zu ihm ist der fränkische Arzt gegangen und hat gethan, als ob er auch ein ›Nassr‹ sei. Der junge Mensch hat sich bethören lassen und ihm den Namen genannt und auch gesagt, daß Barud el Amasat in Adrianopel bei mir, und Hamd el Amasat in Skutari bei einem fränkischen Händler sei, welcher Galingré heißt.«

Jetzt hielt es der Zuhörer nicht länger aus. Er stand auf und entschuldigte sich:

»Herr, das klingt so entsetzlich, daß ich nicht essen kann. Ich bin vom Reiten sehr ermüdet. Erlaube, daß ich schlafen gehe!«

Auch Hulam erhob sich.

»Ich glaube, daß Du nicht zu essen vermagst. Wer eine solche Rede von sich hören muß, dem schließt die Angst die Gurgel zu.«

»Von sich hören muß? Ich verstehe Dich nicht! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich, weil er gerade meinen Namen angenommen hat, jener Barud bin!«

»Ich glaube es nicht, sondern ich bin überzeugt davon, Schurke!«

Da raffte sich der Mensch empor und rief:

»Schurke nennst Du mich! Thue das nicht noch einmal, sonst – –!«

»Sonst – was wird sonst geschehen?« erklang es da neben ihm.

Isla war hinzu gesprungen und an seine Seite getreten.

»Isla Ben Maflei!« erklang es ganz bestürzt.

»Ja, Isla Ben Maflei, der Dich kennt, und den Du nicht zu täuschen vermagst. Und blicke Dich um; da steht noch ein Anderer, der mit Dir zu reden hat!«

Er wandte sich zur anderen Seite, da stand Osco vor ihm. Er sah, daß er verloren sei, wenn ihm nicht eine schnelle Flucht gelang.

»Euch führt der Scheïtan herbei. Geht zur Dschehenna!«

Mit diesem Rufe stieß er Isla zurück und wollte entspringen. Er hatte bereits die Säulen erreicht; da trat Halef vor und stellte ihm ein Bein; er fiel über dasselbe hinweg und stürzte zur Erde nieder. Natürlich wurde er sogleich gepackt und in das Selamlik zurückgebracht.

Dieser Mann war ein Feigling. Als er sich von so Vielen ergriffen sah, machte er nicht den geringsten Versuch der Gegenwehr; er ließ sich ruhig binden und auf den Boden niedersetzen.

»Herr, glaubst Du nun noch an die Frömmigkeit dieses Mannes?« fragte der kleine Hadschi den Wirth. »Er wollte Dich bestehlen und dann fliehen.«

»Ihr hattet Recht,« antwortete der Wirth. »Was geschieht mit ihm?«

Da streckte Osco die Hand gegen den Gefangenen aus und sagte:

»Er hat mir die Tochter geraubt und mich hinausgetrieben, sie unter Gram und Herzeleid zu suchen. Er gehört mir, so wollen es die Gesetze der schwarzen Berge.«

Da trat ich ihm entgegen.

»Diese Gesetze gelten nur auf den schwarzen Bergen, nicht aber hier. Übrigens hat der Fürst Deines Landes diese Gesetze aufgehoben. Ihr habt mir versprochen, diesen Mann dem Richter zu übergeben, und ich hoffe, daß Ihr Wort halten werdet.«

»Effendi, die Richter dieses Landes sind bekannt,« antwortete der Montenegriner. »Sie werden sich bestechen lassen und ihm Gelegenheit geben, zu entfliehen. Ich verlange ihn für mich!«

»Was wirst Du mit ihm thun, wenn wir ihn in Deine Hand geben?« erkundigte sich unser Wirth.

Der Gefragte zog seinen Dolch hervor und antwortete:

»Er wird an diesem Stahle sterben.«

»Das kann ich nicht zugeben, denn er hat kein Blut vergossen!«

»Er hat in Stambul zu den Mördern gehört!«

»Grad darum darfst Du ihn nicht tödten. Soll sein Sohn straflos bleiben? Sollen auch Alle entkommen, die man nicht fangen konnte, obgleich sie zu Denen gehörten, welche das Wort ›el Nassr‹ kannten? Er muß leben bleiben, damit man ihre Namen erfährt.«

»Wer aber macht mich glauben, daß er auch wirklich seine Strafe findet?«

»Ich! Der Mann, welcher Hulam heißt, ist nicht der Geringste unter den Bewohnern dieser Stadt. Ich werde noch jetzt zu dem Richter gehen, damit er diesen Menschen abholen und gefangen nehmen läßt, und ich schwöre Dir bei Allah und dem Propheten, daß er seine Pflicht erfüllen wird!«

»So thue es!« sagte Osco finster. »Aber ich sage Dir, daß ich Dich bei Deinem Schwure festhalten werde so lange, bis ich gerächt worden bin!«

Barud el Amasat wurde eingeschlossen, und der grimmige Osco that es nicht anders, er mußte mit ihm zusammengesteckt werden. Hulam begab sich zu dem Beamten, und wir warteten des Bescheides, den er bringen werde. Als er zurückkehrte, folgten ihm mehrere Khawassen, welche den Gefangenen abzuholen hatten. Er wurde ihnen übergeben, und als sie mit ihm verschwunden waren, konnten wir mit dem Bewußtsein zur Ruhe gehen, unseren Wirth vor Nachtheil bewahrt und einen bösen Menschen unschädlich gemacht zu haben.

Der Richterspruch eines Kadi läßt nicht lange auf sich warten, und so beschlossen wir, zu bleiben, bis das Urtheil gesprochen werde. Wir hatten nun Zeit, uns Adrianopel anzusehen.

Wir besuchten die Moschee Selim's und Murad's, ebenso eine türkische Medresse; dann durchwanderten wir den berühmten Bazar Ali Pascha's und machten endlich eine Kahnfahrt auf der Maritza, an welcher die Stadt liegt. Zur Mittagszeit kehrten wir heim und fanden eine Vorladung vor, bei dem Kadi zu erscheinen. Um 9 Uhr türkischer Zeit, was nach unserer Uhr nachmittags 3 Uhr war, erschienen wir vor dem Richter.

Das Verhör war ein öffentliches, und es hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden. Ein jeder Einzelne von uns mußte seine Aussage thun, und der Gefangene saß dabei, um es zu hören. Als wir Alle gesprochen hatten, fragte der Kadi den Angeklagten:

»Du hast gehört, was diese Männer sagen. Ist es wahr oder nicht?«

Der Gefragte antwortete nicht; der Kadi wartete eine Minute und fuhr dann fort:

»Du kannst also nichts sagen, um die Anklage dieser Männer zurückzuweisen, und bist also alles Dessen schuldig, wessen sie Dich bezüchtigt haben. Da Du ein Glied der Bande bist, welche in Stambul sündigte, so muß ich Dich dorthin schaffen; dort wirst Du auch die Strafe für den Raub des Mädchens erfahren; aber dafür, daß Du es gewagt hast, hier in Edreneh ein Verbrechen begehen zu wollen, werde ich Dir hundert Streiche auf die Füße geben lassen. Das wird sogleich geschehen!«

Er winkte den Khawassen, welche in seiner Nähe standen, und gebot ihnen: »Holt das Brett und die Stöcke!«

Zwei von ihnen entfernten sich, um die angegebenen Gegenstände herbeizuschaffen.

Außer den Beamten und den Parteien war auch ein zahlreiches Publikum anwesend, welches sich eingestellt hatte, um das Schauspiel dieser Verurtheilung zu genießen. In diesem Augenblick machte sich im Publikum eine Bewegung geltend, welche an sich zwar unbedeutend war, einem aufmerksamen Beobachter aber nicht entgehen konnte. Es drängte sich nämlich ein Mann langsam, doch nachhaltig von hinten nach vorn. Mein Blick fiel auf ihn. Er war lang und hager gebaut, hatte sich in die Tracht der gewöhnlichen Bulgaren gekleidet, schien mir aber keiner zu sein. Sein langer Hals, die Habichtsnase, das lange, schmale Gesicht mit dem herabhängenden Schnurrbart, die außerordentlich gewölbte Brust, das Alles ließ in ihm eher einen Armenier als einen Bulgaren vermuthen.

Weßhalb drängte dieser Mann sich nach vorn? That er es nur aus einfacher Neugierde, oder hatte er vielleicht einen besonderen Zweck? Ich beschloß, ihn genau zu beobachten, es aber nicht merken zu lassen.

Die Khawassen kamen zurück. Der Eine von ihnen trug einige jener ominösen Stöcke, welche bei der Bastonnade unumgänglich nothwendig sind; der Andere ein Bret, an welchem sich vorn und in der Mitte hänfene Schlingen befanden, um Arme und Leib des Delinquenten fest zu halten. Am hinteren Theile war eine einfache Vorrichtung angebracht, um die Beine des Verurtheilten emporzuhalten, damit die entblößten Fußsohlen in eine horizontale Lage kamen.

»Zieht ihm das Gewand und die Schuhe aus!« befahl der Kadi.

Die Khawassen traten zu ihm heran, um den Befehl zu vollführen. Da endlich zeigte er, daß er sprechen könne.

»Halt!« rief er. »Ich lasse mich nicht schlagen!«

Die Augenbrauen des Kadi zogen sich zusammen.

»Nicht?« fragte er. »Wer will es mir verbieten, Dir die Bastonnade geben zu lassen?«

»Ich!«

»Hund! Wagst Du, so mit mir zu sprechen! Soll ich Dir zwei Hundert geben lassen, anstatt nur ein Hundert?«

»Nicht einen einzigen Schlag darfst Du mir geben lassen! Du hast wohl Verschiedenes gesagt und gefragt; aber das Nothwendigste hast Du doch vergessen. Oder hast Du Dich etwa erkundigt, wer und was ich bin?«

»Das ist nicht nöthig! Du bist ein Mörder, ein Dieb. Das ist genug.«

»Ich habe bis jetzt noch nicht das Geringste zugegeben. Aber schlagen lassen darfst Du mich auf keinen Fall.«

»Warum?«

»Weil ich kein Moslem bin, sondern ein Christ.«

Während dieser Worte hatte er den Fremden bemerkt, der sich herbeigedrängt hatte. Dieser hütete sich wohl, eine verrätherische Bewegung zu machen, welche ihn in den Verdacht der Bekanntschaft oder gar des Einvernehmens mit dem Anderen hätte bringen können. Aber seine Miene, sein Blick, seine ganze Haltung war darauf berechnet, sich ihm zu zeigen und ihm Muth einzuflößen.

Man sah es dem Kadi an, daß die soeben vernommenen Worte doch einigen Eindruck auf ihn machten.

»Ein Giaur bist Du?« fragte er. »Wohl gar ein Franke?«

»Nein; ich bin ein Armenier.«

»Also doch ein Unterthan des Padischah, dem Allah tausend Leben schenken möge! Da darf ich Dich also auch schlagen lassen.«

»Du irrst,« antwortete der Armenier, indem er sich bemühte, eine möglichst sichere Haltung anzunehmen und seinem Tone einen stolzen Ausdruck zu geben. »Ich stehe nicht unter dem Sultan, auch nicht unter dem Patriarchen. Ich bin der Geburt nach ein Armenier; aber ich bin ein evangelischer Christ geworden und als Dolmetscher bei der englischen Gesandtschaft angestellt. Ich bin in diesem Augenblick englischer Unterthan und mache Dich auf die Verantwortung aufmerksam, welche Du auf Dich ladest, wenn Du mich als Unterthan des Großherrn behandeln und nun gar schlagen lassen willst!«

Der Kadi machte ein sehr enttäuschtes Gesicht. Er hatte es sich vorgenommen gehabt, dem in Adrianopel so hoch angesehenen Hulam nach allen Kräften zu Diensten zu sein, und nun kam ihm diese Aussage des Armeniers dazwischen.

»Kannst Du es beweisen?« fragte er ihn.

»Ja.«

»So beweise es!«

»Frage bei der englischen Gesandtschaft in Stambul an!«

»Nicht ich bin es, sondern Du bist es, der den Beweis zu führen hat!«

»Ich kann ihn nicht führen, da ich ja Gefangener bin.«

»So werde ich einen Boten nach Stambul senden. Aber die hundert Streiche werden sich in das Doppelte verwandeln, wenn Du mich belogen hast!«

»Ich sage die Wahrheit. Aber selbst dann, wenn dies nicht der Fall wäre, dürftest Du mich nicht schlagen lassen oder ein Urtheil über mich fällen. Du bist Kadi; ich aber verlange, vor ein ordentliches Mewlewit gestellt zu werden.«

»Ich bin Dein Mewlewit!«

»Das ist nicht wahr. Ich verlange, von den Bilad i Kamse Mollatari gerichtet zu werden. Und selbst wenn ich von einem der Kasi vernommen werden soll, darf dies nicht aus einem einzigen Manne bestehen, sondern aus einem Kadi, einem Mufti, einem Naib, einem Ajak Naib und einem Basch Kiatib!«

Die von dem Armenier angeführten Behörden bedeuten der Reihe nach: Richter, Kron- oder Staatsanwalt, dessen Stellvertreter, einen Zivillieutenant und einen Gerichtsschreiber.

Jetzt machte der Kadi ein wirklich sehr verdrießliches Gesicht. Der Grimm blitzte aus seinen Augen.

»Mensch!« rief er. »Du kennst die Gesetze und die Ordnung der Prozesse so gut und hast die Gesetze doch übertreten. Ich werde dafür sorgen, daß Deine Strafe eine dreifache wird!«

»Thue, was Du willst, aber sieh zu, ob es Dir auch gelingt. Ich protestiere im Namen des Gesandten von Großbritanien gegen die Schläge, welche Du mir zugedacht hast!«

Der Kadi blickte uns verlegen der Reihe nach an und sagte dann:

»Das Gesetz zwingt mich, auf Deine Worte zu hören. Glaube aber nicht, daß Deine Sache dadurch eine für Dich bessere Wendung bekommt. Du bist ein Mörder und wirst Deinen Kopf lassen müssen! Führt ihn in das Gefängniß zurück, und bewacht ihn zehnfach strenger als alle anderen Gefangenen!«

Der Armenier wurde abgeführt und warf vorher einen Blick des Triumphes und Einverständnisses auf den Fremden, welcher diesen Blick erwiederte, ohne daß dies – außer von mir – bemerkt worden wäre.

Sollte ich den Kadi auf diesen Mann aufmerksam machen? Was konnte es nützen? Selbst wenn der Fremde dem Gefangenen näher als gewöhnlich bekannt war, lagen keine Gründe vor, sich amtlich seiner zu bemächtigen. Und falls dies auch geschehen konnte, so war zu erwarten, daß diese Beiden sich sicherlich nicht verrathen würden. Ich traute überdies dem Kadi gar nicht zu, der rechte Mann für so verschlagene Leute zu sein. Darum beschloß ich, diesen Fremden ganz im Stillen auf mich zu nehmen.

Die Sitzung war beendet, und die Zuschauer entfernten sich. Der Kadi trat zu Hulam, um sich zu entschuldigen, und Osco, der Montenegriner, wendete sich ärgerlich an mich:

»Habe ich es nicht gesagt, Effendi, daß es so kommen werde?«

»Diese Wendung hatte ich nicht erwartet,« antwortete ich. »Ich bin zwar kein Kadi und Mufti, aber ich denke, daß der Richter allerdings nicht anders handeln kann.«

»Er muß in Stambul anfragen, ob dieser Mensch die Wahrheit gesagt hat oder nicht?«

»Ja.«

»Aber wie lange das dauern wird?«

»Man muß sich darein fügen!«

»Und wenn er wirklich ein englischer Unterthan ist?«

»So wird er dennoch seine Strafe erhalten.«

»Und ist er es nicht?«

»So hat er den Kadi belogen, und dieser wird das Seinige thun, daß der Richterspruch so streng wie möglich ausfällt. Übrigens glaube ich kein Wort von dieser englischen Unterthanenschaft.«

»Oh, es ist doch vielleicht möglich. Weßhalb hätte er sich eine solche Lüge aussinnen sollen?«

»Zunächst, um der Bastonnade zu entgehen, und sodann, um Zeit zu gewinnen. Man muß dem Kadi begreiflich machen, daß er den Gefangenen auf das Strengste bewachen soll. Ich bin überzeugt, daß dieser Alles thun wird, um zu entkommen.«

»Effendi, willst Du nicht mit dem Kadi sprechen?«

»Thut Ihr es; mir fehlt die Zeit. Ich habe einen eiligen Weg, von dem ich Euch vielleicht nachher berichten werde. Wir sehen uns dann bei Hulam wieder.«

Der Fremde, welchen ich für einen Armenier hielt, hatte nämlich jetzt auch den Ort verlassen. Ich wollte irgend Etwas über ihn erfahren, und so ging ich ihm nach. Er schritt langsam und nachdenklich dahin, und ich folgte ihm wohl zehn Minuten lang.

Da wendete er sich ganz plötzlich und rasch um und erblickte mich. Ich war während der Verhandlung natürlich hervorragend betheiligt gewesen; er hatte mich dort gesehen und beobachtet und erkannte mich sofort wieder. Er ging weiter, bog aber dann in eine sehr enge Nebengasse ein.

Ich beschloß dennoch, ihn nicht aus den Augen zu lassen, und nahm den Gang und die Haltung eines Mannes an, der nur mit sich selbst beschäftigt ist und keine große Acht auf Andere hat.

Er mochte das Gäßchen halb durchschritten haben, da drehte er sich zum zweiten Male um. Er mußte mich abermals erblicken, und das fiel ihm sicherlich auf. So ging es durch mehrere Gassen und Gäßchen, er sich zuweilen nach mir umsehend, und ich ihn nicht aus dem Auge lassend. Im Eifer der Verfolgung war es mir schließlich ganz gleich geworden, ob er es bemerkte, daß ich es auf ihn abgesehen hatte. Der Umstand, daß er sich vor mir scheute, bestärkte mich nur in meiner Überzeugung, er könne sich nicht eines guten Gewissens rühmen.

Das mochte er auch einsehen. Denn als er abermals in eine kleine Gasse eingebogen war und ich dann eine halbe Minute später um die Ecke kam, stand er hinter derselben. Er blickte mich mit flammendem Auge an und fragte:

»Folgst Du etwa mir?«

Ich blieb vor ihm stehen, betrachtete ihn genau und antwortete:

»Was geht Dich mein Weg an?«

»Sehr viel! Er scheint der meinige zu sein.«

»Wohl Dir, wenn es so ist; denn der Weg, den ich gehe, ist ein sehr ehrlicher und offener.«

»Willst Du etwa damit sagen, daß der meinige dies nicht sei?«

»Ich kenne Deine Wege nicht und habe nichts mit Dir zu schaffen!«

»Das hoffe ich,« meinte er höhnisch; »darum sollst jetzt Du einmal vorangehen!«

»Mir gleich,« antwortete ich.

Ich schritt weiter, ohne mich nach ihm umzusehen; aber mein Ohr war geübt genug, sich von ihm nicht täuschen zu lassen. Ich hörte seine Schritte hinter mir; dann entfernten sie sich. Sie sollten leise sein, aber ich vernahm sie doch.

Als ich sie nicht mehr hörte, drehte ich mich rasch um und lief zurück. Richtig! Dort eilte er hinab und bog in eine andere Gasse ein. Ich folgte ihm nun, wo er mich nicht sehen konnte, und kam just zur rechten Zeit an die nächste Ecke, um zu sehen, daß er abermals um eine andere Ecke bog.

Natürlich stand ich einige Augenblicke später an derselben und bemerkte, daß er nach der Tscharschia Ali Pascha's einlenkte.

Tscharschia bedeutet Bazar und ist von dem slavonischen Worte tscharschit abzuleiten, welches »bezaubern« bedeutet. Es soll damit auf den Eindruck hingedeutet werden, welchen die Waaren auf den Beschauer machen.

Der Mann dachte natürlich, daß ich im Gedränge des Bazars seine Spur sicher verlieren würde, wenn ich derselben noch immer folgen sollte. Mir aber war diese Wendung lieb; denn eben dieses Gedränge machte es mir möglich, ganz nahe an ihn heran zu kommen, ohne von ihm bemerkt zu werden.

Das geschah denn auch. Ich blieb hart hinter ihm, obgleich er seine Richtung wohl noch mehr als zehn Mal änderte. Endlich – wir waren grad durch den Kleiderbazar gekommen – schritt er auf ein ganz in der Nähe befindliches Karawanserai zu, in dessen Thor er trat. Hier konnte er mir nicht entgehen, da ich annehmen mußte, daß das Serai keinen zweiten Ausgang habe.

Nun fragte es sich nur, ob er dort wohne oder durch seinen Eintritt einen anderen Zweck verfolge. Ich wurde, als ich stehen blieb, um ihn zu beobachten, von dem Letzteren überzeugt. Er blieb nämlich hinter dem Thore stehen und recognoscirte den vor ihm liegenden Platz sehr sorgfältig, jedenfalls nach mir.

Da kam mir ein Gedanke. Ich trat zu dem nächsten Händler.

»Sallam aaleïkum!«

»Aaleïkum!« antwortete der Mann höflich.

»Hast Du ein blaues Turbantuch?« fragte ich.

»Ja, Effendi.«

»Und einen Mahluta

»So viele Du willst!«

»Ich habe Eile. Ich will mir Beides nur leihen, aber nicht kaufen. Mache schnell und gib mir den Mantel und das Tuch! Hier ist meine Uhr; hier sind meine Waffen; dazu gebe ich Dir meinen Kaftan und auch noch fünfhundert Piaster. Das Alles wird genug sein, Dir Sicherheit zu geben, daß ich wiederkomme.«

Er blickte mich erstaunt an. So Etwas war ihm wohl noch gar nicht begegnet.

»Effendi, warum thust Du das?« fragte er.

Um nicht aufgehalten zu werden, mußte ich es ihm sagen.

»Ich verfolge einen Mann, der mich kennt, mich aber nicht mehr erkennen soll,« antwortete ich. »Schnell, sonst entgeht er mir!«

»Allah 'l Allah! Du bist ein gizli Aramdschi?« fragte er.

»Frage nicht, sondern eile!« gebot ich ihm. »Oder weißt Du nicht, daß der Großherr Hülfe von Dir fordert, wenn es gilt, einen flüchtigen Verbrecher zu ergreifen?«

Jetzt glaubte er fest, daß ich ein verkleideter Khawasse sei. Ich legte meinen Kaftan ab; er warf mir den Mantel über und wand mir das Tuch als Turban um den Kopf. Als ich ihm die erwähnten Gegenstände zum Pfand gegeben hatte und nun fertig war, trat ich an den Eingang, um dort zu warten.

Ich hatte den Armenier nicht aus den Augen gelassen. Er stand noch hinter dem Thore, um zu spähen. Der Gejindschi folgte mit seinem Auge der Richtung meines Blickes. Er bemerkte, auf wen meine Aufmerksamkeit gerichtet war, und fragte:

»Effendi, meinst Du den Mann, der da drüben im Thore steht?«

»Ja.«

»Er ist soeben hier vorüber gekommen?«

»Allerdings.«

»Und hat mich gegrüßt?«

»Das habe ich nicht bemerkt. Du bist also ein Bekannter von ihm?«

»Ja. Ich habe Kleider von ihm gekauft. Du denkst, daß er ein Verbrecher sei?«

»Ich werde es erfahren. Wie heißt er?«

»Du bist ein Diener des Padischah, und darum will ich ehrlich mit Dir sein. Sage, was Du wissen willst!«

»Waren die Kleider, welche Du von ihm gekauft hast, neu?«

»Nein.«

»Er ist also kein Tarzi

»O nein. Ich habe großen Schaden gehabt. Die Kleider waren sehr billig, aber der größte Theil wurde mir wieder abgenommen, denn sie waren Männern, die man auf der Straße angefallen hatte, abgenommen worden.«

»Bestrafte man diesen Menschen nicht?«

»Er ist hier fremd und war nicht zu finden. Und dann, als er wieder kam und man ihn ergriff, ließ man ihn um seines Geldes willen unbestraft gehen.«

»Wer ist er?«

»Er kleidet sich wie ein Bulgare, aber er ist ein Armenier und heißt Manach el Barscha.«

»Weißt Du, wo er wohnt?«

»Er ist Einnehmer des Charadsch in Uskub. Viele Armenier haben die Steuern gepachtet.«

»Und wo befindet er sich hier?«

»Wenn er in Edreneh ist, so wohnt er bald hier und bald dort, am meisten aber in dem Mehan des Handschia Doxati.«

»Wie finde ich diesen?«

»Er bewohnt das Haus gleich neben dem griechischen Metropoliten.«

Auch diesen wußte ich nicht, aber ich durfte doch nicht zeigen, daß ich hier so sehr unbekannt sei. Übrigens verließ grad jetzt der Armenier das Serai, und ich folgte ihm, nachdem ich dem Händler einen kurzen Gruß zugeworfen hatte.

Es war sicher ein sehr glücklicher Umstand, daß ich hier Jemand gefunden hatte, der diesen Manach el Barscha so genau kannte. Wer weiß, wie lange ich sonst hätte suchen und fragen müssen, ehe ich mit meiner Erkundigung an die richtige und zuverlässige Quelle gekommen wäre!

Der Armenier wendete sich zwar noch einigemal um, aber es fiel ihm nicht ein, in mir den Mann zu vermuthen, der ihn verfolgt und mit dem er sogar gesprochen hatte. Ich brauchte mich also nicht mehr so sehr in Acht zu nehmen, wie vorher, und sah endlich, daß er in ein Haus trat, welches allerdings ein Gasthaus zu sein schien.

In der Nähe hatte ein Kastanienhändler seinen Platz. Ich kaufte ihm eine Handvoll seiner Früchte ab und erkundigte mich bei ihm:

»Weißt Du, wer in dem großen Hause wohnt, hier zur Linken?«

»Der griechische Metropolit, Effendi.«

»Und wer hier daneben?«

»Ein bulgarischer Gastwirth. Er heißt Doxati. Willst Du vielleicht bei ihm wohnen? Es ist billig und bequem bei ihm.«

»Nein. Ich suche den Gastwirth Marato.«

»Den kenne ich nicht.«

Damit meine Erkundigung nicht auffallen sollte, hatte ich den ersten besten Namen, der mir einfiel, genannt. Ich ging fort; denn für jetzt wußte ich genug. Was nun zu thun war, mußte sich ja finden. Es galt, dafür zu sorgen, daß der Gefangene nicht entfliehen könne. Zu erfahren, in welcher Beziehung dieser Manach el Barscha zu ihm stehe, war jedenfalls nicht leicht; aber es mußte doch auf irgend eine Weise versucht werden.

Ich merkte mir das Gasthaus des bulgarischen Wirthes genau, um es, falls dies nothwendig werden sollte, selbst am Abend finden zu können, und kehrte zu Hulam zurück, dessen Wohnung zu verfehlen gar nicht schwer gewesen wäre.

Man hatte längst auf mich gewartet. Der Ausgang der Gerichtsverhandlung war Allen unlieb, und sodann hatten sie sich meine so schnelle Entfernung nicht erklären können.

»Sihdi,« meinte mein kleiner Hadschi Halef Omar, »ich sage Dir, daß ich große Sorge um Dich gehabt habe!«

»Sorge um mich? Warum?«

»Warum? So fragst Du?« sagte er ganz erstaunt. »Weißt Du denn noch immer nicht, daß ich Dein Freund und Beschützer bin?«

»Das weiß ich allerdings, mein guter Halef.«

»Nun, als Freund hast Du mir zu sagen, wohin Du gehst, und als Beschützer hast Du mich sogar mitzunehmen.«

»Ich konnte Dich nicht gebrauchen.«

»Mich nicht gebrauchen?« sagte Halef, indem er ganz energisch an seinen dreizehn Schnurrbarthaaren herumzupfte. »Du hast mich gebrauchen können in der Sahar, in Egypt, am Tigris, bei den Teufelsanbetern, in Kurdistan, in den Ruinen, deren Name mir nicht sogleich einfällt, in Stambul und überall; hier aber willst Du mich nicht gebrauchen können? Das glaube ich nicht! Weißt Du, daß es hier ebenso gefährlich ist, als in der Sahar oder im Thal der Stufen, wo wir die vielen Feinde gefangen nahmen?«

»Warum?«

»Weil man hier seine Feinde vor lauter Menschen nicht sehen kann. Oder glaubst Du etwa, ich wisse nicht, daß Du Dich eines neuen Feindes wegen entfernt hast?«

»Woher kommt Dir dieser Gedanke?«

»Ich folge stets Deinen Augen und sehe, was sie thun.«

»Nun, was haben sie gethan?«

»Sie haben beim Kadi einen Bulgaren beobachtet, der aber kein Bulgare war. Als dieser ging, bist Du schleunigst aufgebrochen.«

»Wahrhaftig, Halef, Du hast ganz recht beobachtet!« sagte ich.

»O, Sihdi,« meinte er stolz, »weißt Du noch, als wir durch das Wadi Tarfaui ritten und Du die Darb der Mörder beobachtetest?«

»Ja, das weiß ich noch.«

»Da lachte ich Dich aus, daß Du im Sande lesen wolltest. Ich war damals das, was der Türke ahmak nennt; aber ich hielt mich dennoch für außerordentlich klug.«

»Ah, Du hast unterdessen von mir gelernt! Nicht wahr?«

Er wurde einigermaßen verlegen. Er wollte doch nicht so geradezu gestehen, daß ein ›Beschützer‹ von dem Beschützten gelernt habe, und konnte es auch nicht ganz und gar verneinen. Darum antwortete er, um sich wenigstens nicht zu auffällig eine Blöße zu geben:

»Wir haben uns gegenseitig unterrichtet, Sihdi. Was Du konntest, das habe ich von Dir gelernt, und was ich wußte, das hast Du von mir angenommen. Auf diese Weise sind wir klüger geworden, so klug, daß beide, Allah und der Prophet, ihre Freude an uns haben. Wärest Du nicht ein Christ, sondern ein Gläubiger, so würde diese Freude tausendfach größer sein.«

»Was Du da sagst, muß einer sorgfältigen Prüfung unterworfen werden. Wir wollen gleich heute einmal sehen, ob Du wirklich so klug bist, wie Du denkst!«

Seine kleinen Augen blitzten beinahe zornig auf.

»Sihdi,« sagte er, »willst Du mich etwa beleidigen? Ich bin Dir ein treuer Diener gewesen, seit ich Dich kenne. Ich habe Dich beschützt in allen Gefahren des Leibes und der Seele. Ich bin Dein Freund und Dein Gönner, denn ich habe Dich so lieb, daß ich gar nicht weiß, wem mein Herz mehr gehöre, Dir oder meiner Hanneh, der Blume der Frauen. Ich habe mit Dir gehungert und gedürstet, geschwitzt und gefroren; ich habe mit Dir und für Dich gekämpft; kein Feind hat meinen Rücken zu sehen bekommen, denn es wäre mir eine Schande gewesen, Dich zu verlassen. Und nun willst Du sehen, ob ich klug bin! Für dies Alles hast Du nichts als eine Beleidigung? Sihdi, ein Fußtritt hätte mir nicht weher gethan, als dieses Wort!«

Der brave Mensch meinte es ernst. In seinen Augen bemerkte ich einen feuchten Schimmer. Es war natürlich weder meine Absicht gewesen, ihn zu kränken, noch ihn zu beleidigen; darum legte ich ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und antwortete:

»So habe ich es nicht gemeint, mein guter Halef. Ich wollte nur sagen, daß es eben jetzt eine Gelegenheit gibt, Deine Klugheit zu bethätigen.«

Das stimmte ihn sofort um.

»Sage mir diese Gelegenheit, Sihdi,« meinte er, »und Du wirst sehen, daß ich Deines Vertrauens würdig bin!«

»Es handelt sich um den Mann, welchen ich während des Verhörs beobachtet hatte. Er scheint mir ein – –«

»Ein Bekannter des Gefangenen zu sein!« fiel Halef ein, um mir zu beweisen, daß er nicht nur meine Gedanken errathen, sondern auch scharf nachgedacht habe.

»Allerdings,« antwortete ich.

»Vielleicht hat er die Absicht, ihm von Nutzen zu sein!«

»Daran zweifle ich gar nicht. Dieser Barud el Amasat kann sein Heil nur in der Flucht finden. Wer ihn retten will, muß es ihm ermöglichen, zu entkommen. Der Fremde warf ihm beruhigende und ermunternde Blicke zu, und das hat er sicherlich nicht ohne eine ganz besondere Absicht gethan.«

»Du bist ihm nachgegangen, um seine Wohnung zu erfahren?«

»Ja. Auch seinen Stand und Namen weiß ich bereits.«

»Was ist er?«

»Er heißt Manach el Barscha, ist Steuereinnehmer in Uskub und logirt bei dem Handschia Doxati hier.«

»W'Allah! Ich ahne, in welcher Weise ich meine Klugheit bethätigen soll!«

»Hättest Du das wirklich errathen?«

»Ja. Ich soll diesen Manach el Barscha bewachen.«

»Ganz recht!«

»Das kann ich aber nur dann, wenn ich auch bei Doxati wohne.«

»Du wirst hinreiten, sobald es dunkel ist. Ich werde mitgehen, um Dir das Haus zu zeigen.«

Da trat Osco, der Montenegriner, vor und sagte:

»Auch ich werde wachen, Sihdi!«

»Ah! Wo?«

»Vor dem Zindan, in welchem sich der Gefangene befindet.«

»Denkst Du, daß dies nöthig sein wird?«

»Es ist mir ganz gleich, ob es nöthig ist oder nicht. Er hat meine Tochter als Sklavin verkauft und mir vieles und großes Herzeleid bereitet. Er ist meiner Rache verfallen. Du bist ein Christ. Du sagst, die Rache sei Gottes, und ich habe Dir Deinen Willen gethan, indem ich Barud el Amasat den Händen des Kadi überlassen habe. Will er sich denselben entziehen, so habe ich darüber zu wachen, daß er nicht auch mir entgehe. Ich verlasse Euch und werde es Euch sofort melden, wenn ich etwas Wichtiges beobachte.«

Nach diesen Worten verließ er uns, ohne im Mindesten auf unsere Bemerkungen zu hören.

Jetzt packte Halef seine Habseligkeiten zusammen und setzte sich auf sein Pferd. Er wollte sich den Anschein geben, als ob er erst jetzt in Adrianopel ankomme. Ich geleitete ihn zu Fuß bis in die Nähe der Hadschia und wartete, bis er in das Thor derselben eingeritten war. Dann begab ich mich nach dem Bazar zurück, um meine Kleidung wieder einzutauschen.

Als ich Hulam's Haus wieder erreichte, war es unterdessen dunkel geworden. Er machte uns den Vorschlag, ein Bad zu besuchen, wo es guten Kaffee, Karaschekler und ausgezeichnetes Aïswasperwerdesi gäbe. Wir erfüllten seinen Wunsch.

Über die türkischen Bäder wird so viel geschrieben, daß eine Bemerkung hier überflüssig wäre. Die Schattenspiele, welche wir nach dem Bade in Augenschein nahmen, konnten nicht Anspruch auf Lob machen. Die Gelées mochten wirklich ausgezeichnet sein, sie waren aber nicht nach meinem Geschmack.

Als wir das Hamam verließen, fanden wir den Abend so köstlich, daß wir uns entschlossen, noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Wir verließen die Stadt auf der Westseite derselben und promenirten am Ufer des Arda dahin, welcher sich hier in die Maritza ergießt.

Es war spät geworden, als wir umkehrten. Es mochte noch eine Stunde an Mitternacht fehlen; aber es war ziemlich hell. Noch hatten wir die Stadt nicht erreicht, als uns drei Reiter entgegen kamen. Zwei ritten auf Schimmeln; der Dritte hatte ein dunkles Pferd. Sie trabten an uns vorüber, ohne uns zu beachten. Dabei machte der Eine der Ersteren gegen den Anderen eine an sich gleichgültige Bemerkung. Ich hörte dies und blieb unwillkürlich stehen.

»Was ist's?« fragte Isla. »Kanntest Du sie?«

»Nein; aber diese Stimme kam mir bekannt vor.«

»Du wirst Dich täuschen, Sihdi. Stimmen sind sich oft sehr ähnlich.«

»Das ist wahr, und das beruhigt mich. Ich hätte sonst gedacht, daß es die Stimme dieses Barud el Amasat sei.«

»Dann müßte er ja entflohen sein!«

»Allerdings! Aber das ist ja gar keine Unmöglichkeit.«

»Wäre es der Fall, so würde er die breite Straße nach Filibe eingeschlagen und nicht diesen einsamen, unsicheren Weg gewählt haben.«

»Grad dieser Weg ist für einen Flüchtling sicherer als die belebte Straße nach Filibe. Die Stimme war ganz die seinige.«

Es war, als ob mir eine geheime Stimme sage, daß ich mich nicht geirrt habe. Ich beschleunigte meine Schritte, und die Anderen mußten mir mit derselben Schnelligkeit folgen. Als wir nach Hause kamen, wurden wir schon seit längerer Zeit erwartet, und zwar von Osco, welcher unter dem Thore stand.

»Endlich, endlich!« rief er. »Ich habe Euch mit Schmerzen erwartet. Mir scheint, es ist Etwas geschehen.«

»Was?« fragte ich gespannt.

»Ich lag, als es dunkel war, am Thore des Gefängnisses. Da kam Einer, welcher sich öffnen ließ. Er trat ein und kam nach einiger Zeit mit noch zwei Anderen aus dem Hause.«

»Hast Du Einen erkannt?«

»Nein; aber als sie gingen, hörte ich den Einen sagen: ›Das ist schneller geglückt, als ich dachte!‹ Ich schöpfte Verdacht und schlich ihnen nach, aber an der Ecke einer Straße verlor ich sie.«

»Und dann?«

»Dann ging ich hierher, um Euch den Vorfall zu melden. Ich fand Euch nicht daheim und habe vergeblich gewartet.«

»Gut! Wir werden uns sofort überzeugen. Hulam mag mitkommen; die Anderen können bleiben.«

Ich eilte mit dem Genannten nach der Straße, in welcher Doxati sein Fremdenhaus hatte. Das Thor war noch geöffnet, und wir traten ein. Es gab ein gemeinschaftliches Zimmer, welches nach dem Hofe zu geöffnet war, aber nach der Straße kein Fenster hatte. Ohne da hineinzugehen, gebot ich einem der anwesenden dienstbaren Geister, mir den Wirth zu bringen.

Doxati war ein kleines, altes Männchen mit einem sehr verschlagenen griechischen Gesichte. Er machte mir eine tiefe Reverenz und fragte nach meinem Begehr.

»Ist heute Abend ein Gast hier eingekehrt?« fragte ich ihn.

»Mehrere, Herr,« antwortete er.

»Ich meine einen kleinen Mann, welcher zu Pferde kam.«

»Der ist da. Er hatte einen Bart, welcher so dünn ist, wie der Schwanz einer alten Henne.«

»Du sprichst sehr unehrerbietig; aber es wird Derjenige sein, welchen ich suche. Wo ist er?«

»In seinem Oda

»Führe mich zu ihm!«

»Komm, Herr!«

Er schritt voran, in den Hof hinaus und eine Art Stiege empor. Dort oben sah man beim Scheine einer Lampe mehrere Thüren. Er öffnete eine derselben. Auch hier brannte eine Lampe; aber das mit einer einzigen, alten Matte versehene Gemach war leer.

»Wohnt er hier?« fragte ich.

»Ja.«

»Aber er ist ja nicht da!«

»Allah weiß es, wo er ist!«

»Wo hat er sein Pferd?«

»Im Stalle, welcher sich im zweiten Awlu befindet.«

»War er heute Abend unten bei den andern Gästen?«

»Ja. Dann aber stand er lange Zeit unter dem Thore.«

»Ich suche außer ihm noch einen andern Mann, welcher Manach el Barscha heißt. Kennst Du ihn?«

»Warum soll ich ihn nicht kennen? Er hat ja heute bei mir gewohnt!«

»Hat! Er wohnt also nicht mehr hier?«

»Nein, er ist abgereist.«

»Allein?«

»Nein, sondern mit zwei Freunden.«

»Sie ritten?«

»Ja.«

»Was für Pferde?«

»Zwei Schimmel und einen Braunen.«

»Wohin sind sie?«

»Sie wollen nach Filibe und dann weiter nach Sofia.«

»Kanntest Du die beiden Freunde?«

»Nein. Er ging aus und brachte sie mit.«

»Hatte er drei Pferde mitgebracht?«

»Nein, sondern nur den Braunen. Die Schimmel hat er heute gekauft, als es beinahe Abend war.«

Jetzt wußte ich genau, daß mein Gehör mich nicht getäuscht hatte. Barud el Amasat war mit Hülfe dieses Manach el Barscha entkommen. Wer aber war der Dritte gewesen? Vielleicht ein Schließer des Gefängnisses, welcher den Gefangenen heraus gelassen hatte und in Folge dessen gezwungen gewesen war, sich ihnen anzuschließen? Ich fragte weiter:

»Der Mann, nach welchem ich Dich zuerst fragte, ist ihnen nicht nachgefolgt?«

»Nein.«

»Weißt Du das genau?«

»Sehr genau; ich stand am Thore, als sie fortritten.«

»Führe uns zu seinem Pferde!«

Er führte uns über den vordern Hof und durch einen gewölbten Durchgang nach einem niedrigen Gebäude. Der Geruchssinn sagte mir schon von Weitem, daß es ein Stall sei. Er öffnete die Thüre desselben. Es war dunkel; aber ein leises Schnaufen sagte mir, daß ein Pferd vorhanden sei.

»Man hat das Licht gelöscht,« sagte er.

»Brannte eins?« fragte ich.

»Ja.«

»Standen die Pferde dieses Manach el Barscha auch hier?«

»Ja. Ich war nicht dabei, als er sie holte.«

»So wollen wir anzünden.«

Ich zog ein Zündhölzchen heraus, und bald hatten wir Licht in der alten Laterne, welche an der Mauer hing. Jetzt erkannte ich Halef's Pferd und daneben auf dem Boden einen formlosen Klumpen, welcher in einen Kaftan gewickelt und mit Stricken umwunden war. Ich riß die Stricke auf und entfernte den Kaftan. Es war – – mein kleiner Hadschi Halef Omar.

Es dauerte einige Zeit, ehe er vollständig bei Athem war. Dann sprang er auf, ballte beide Fäuste und rief:

»Allah l' Allah! Sihdi, wo sind die Hunde, die mich überfallen haben, die Söhne von Hunden und Enkel von Hundesöhnen, welche mich dann einwickelten und banden?«

»Das mußt Du doch wissen!« antwortete ich.

»Ich? Ich soll es wissen? Wie kann ich es wissen, da ich doch gefesselt war, wie der heilige Kuran, welcher in Damask an eisernen Ketten hängt!«

»Warum hast Du Dich fesseln lassen?«

Er blickte mich ganz erstaunt an.

»Das fragst Du mich? Du, der mich hierher beordert hat, damit ich – –«

»Damit Du eine Probe Deiner Klugheit geben sollst,« unterbrach ich ihn. »Sie ist nicht sehr rühmlich für Dich ausgefallen!«

»Sihdi, kränke mich nicht! Wenn Du dabei gewesen wärest, so würdest Du mich entschuldigen!«

»Das ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Weißt Du, daß Manach el Barscha entkommen ist?«

»Ja. Der Scheïtan mag ihn fressen!«

»Und Barud el Amasat mit ihm?«

»Ja. Die Dschehenna mag ihn verschlingen!«

»Und daß Du Schuld bist an Allem?«

»Nein; das weiß ich nicht; das ist nicht wahr!«

»So erzähle!«

»Das werde ich thun! Als ich zu diesem Handschia Doxati kam, der hier steht und den Mund aufsperrt, als ob er der Scheïtan sei, welcher Manach el Barscha verschlingen soll, da hörte ich, daß der Letztere drei Pferde besitze, weil er in der Dämmerung zwei Schimmel gekauft habe. Ich beobachtete ihn und sah, daß er das Haus verließ.«

»Ahntest Du, was er vorhatte?«

»Ja, Sihdi.«

»Warum folgtest Du ihm nicht?«

»Ich dachte, daß er nach dem Gefängnisse gehen werde. Dort aber stand ja Osco auf der Lauer.«

»Hm, das ist allerdings nicht unrichtig!«

»Siehst Du, daß Du mir Recht geben mußt, Sihdi!«

Man hörte es der Stimme des kleinen Mannes an, daß er sich jetzt bedeutend erleichtert fühlte. Er fuhr fort:

»Ich ahnte, daß er den Gefangenen befreien wolle; aber ich wußte auch, daß er seine Pferde brauche. Jedenfalls mußte er nach dem Stalle zurückkommen, und darum versteckte ich mich dort, um ihn zu überraschen.«

»Verstecken? Das war nun nicht grad nöthig. Du hättest nach einigen Khawassen schicken oder sie selbst herbei holen sollen. Das wäre das Sicherste gewesen.«

»O, Sihdi, das Sicherste ist nicht allemal auch das Schönste, und ich dachte es mir so schön, die Schurken allein zu fangen.«

»Das müssen wir jetzt büßen!«

»Allah wird sie uns wieder in die Hand geben! Also ich wartete. Als sie kamen, waren es Drei. Sie fragten mich, was ich da wolle; aber kaum hatte mich Barud el Amasat angesehen, so erkannte er mich. Ich war ja beim Verhöre als Zeuge gegen ihn aufgetreten. Es entspann sich eine Prügelei. Ich wehrte mich nach Kräften. Ich zerriß sogar diesem Barud die Kleider; aber die Prügel bekam ich.«

»Warum gebrauchtest Du Deine Waffen nicht?«

»Sihdi, sechs Arme hielten mich umschlungen, und ich habe ja nur zwei. Hätte mir Allah zehn Arme verliehen, so wären mir vier davon für die Waffen übrig geblieben. Ich wurde endlich auf den Boden gerungen; man wickelte mich in meinen Kaftan und umwand mich mit Stricken. Da habe ich gelegen, bis Du kamst, mich zu befreien. So ist es geschehen!«

»O weh, Hadschi Halef Omar! O weh!«

»Sihdi, auch ich möchte rufen: Wai, wai! Aber das hilft uns nun doch nichts. Sie sind fort! Befänden wir uns in der Wüste, so wäre es leicht, ihre Spuren zu finden; aber hier in dem großen Edreneh wird das unmöglich sein.«

»Ich habe ihre Spur. Ich weiß, wohin sie sind.«

»Hamdulillah! Preis sei Allah, welcher Dir den Verstand gegeben hat, den – –«

»Den Du heute nicht besessen hast!« unterbrach ich ihn. »Die Spur eines Mannes ist nicht der Mann selbst. Aber leuchte einmal nieder! Was liegt hier?«

Halef bückte sich nieder und hob einen ziemlich großen Fetzen Tuches auf. Er betrachtete ihn und sagte:

»Das ist das Stück, welches ich Barud el Amasat aus seinem Kaftan gerissen habe. Da hängt noch die Tasche daran.«

»Ist etwas darin?«

Er griff hinein und sagte:

»Ein Stück Papier. Hier ist es.«

Ich betrachtete es beim Scheine der Laterne und öffnete es. Es war ein winzig kleines, aber mit einem großen Siegel versehenes Briefchen gewesen. Drei kurze Zeilen standen darin. Sie waren in arabischer Schrift geschrieben, und zwar so klein, daß ich sie hier unmöglich lesen konnte. Ich steckte also das Briefchen zu mir und suchte nach anderen Überresten des ungleichen Kampfes; es fanden sich keine mehr.

Unbegreiflich war es, daß die drei Männer meinem Halef sein Messer und die beiden Pistolen gelassen hatten, welche in seinem Gürtel steckten. Sein Gewehr hatte ich in einem Winkel seiner Stube lehnen sehen.

»Hatte auch Manach el Barscha ein Zimmer bei Dir?« fragte ich den Wirth, welcher ganz verwundert zugesehen und zugehört hatte.

»Ja,« antwortete er.

»Er ist oft bei Dir eingekehrt?«

»Ja.«

»So kennst Du ihn genau?«

»Ja. Er heißt so, wie Du ihn nennst, und ist Steueraufseher.«

»Wo wohnt er?«

»In Uskub. Aber er ist nicht oft zu Hause. Er hat viele Orte gepachtet und muß also viel reisen, um die Steuern zu holen.«

»Führe uns auf das Zimmer, welches er bewohnt hat!«

Dies geschah. Ich hatte gehofft, irgend einen Fingerzeig zu entdecken; aber es zeigte sich nicht das Mindeste, welches geeignet gewesen wäre, noch einen weiteren Aufschluß zu geben. Der Auftrag, den ich Halef gegeben hatte, war erfüllt, aber leider mit dem unglücklichsten Ausgange; ich schickte den kleinen Hadschi mit seinem Pferde nach Hause. Er trabte höchst niedergeschlagen von dannen und murmelte tausend Verwünschungen in die Haarfäden, welche er Bart nannte. Hulam aber wurde von mir veranlaßt, sich sofort mit mir zum Kadi zu begeben. Er hatte bisher kein Wort gesprochen; jetzt aber meinte er:

»Ketir, ketir – das ist zu viel, viel zu viel! Wer hätte das für möglich gehalten! Wären wir nicht in das Bad gegangen, sondern daheim geblieben, so hätte uns Osco zur rechten Zeit getroffen, und die Flucht wäre nicht geglückt!«

»Wir müssen denken, daß es so hat sein sollen!«

»Aber was wollen wir da beim Kadi? Kann er es anders machen?«

»Wir müssen ihm das Geschehene anzeigen und nur mit seiner Hilfe können wir uns den Beweis holen, daß der Gefangene sich wirklich nicht mehr in Haft befindet.«

»Der Kadi wird bereits schlafen!«

»So wecken wir ihn.«

»Wird er das dulden?«

»Er muß!«

Der Beamte hatte sich, wie wir erfuhren, allerdings zur Ruhe begeben, und es kostete mich einige Kraftworte, ehe man es wagte, ihn zu wecken. Dann wurden wir vorgelassen. Er empfing uns mit nicht sehr freundlicher Miene und fragte nach unserm Begehr.

»Wir haben Barud el Amasat in Deine Hand gegeben,« antwortete ich, allerdings auch nicht in übermäßig höflichem Tone. »Hast Du dafür gesorgt, daß er gut bewacht wird?«

»Bist Du nur gekommen, um mir diese Frage vorzulegen?«

»Ich werde Deine Antwort hören!«

»Der Gefangene wird gut bewacht. Ihr könnt gehen.«

»Nein, nicht wir können gehen, sondern er ist gegangen!«

»Er? Wer?«

»Der Gefangene.«

»Allah akbar! Gott ist groß, er kann Dich verstehen; ich aber begreife Deine Worte nicht.«

»So muß ich deutlicher sein: Barud el Amasat ist entflohen.«

Der Kadi sprang von dem Polster auf, auf welchem er bei unserem Eintritte gesessen und vor demselben vielleicht auch geschlafen hatte.

»Was sagst Du?« fragte er. »Entflohen ist er?«

»Ja.«

»Entsprungen? Aus dem Zindan entsprungen?«

»Ja.«

»Woher weißt Du es?«

»Wir sind ihm begegnet.«

»ïa Allah! Warum habt Ihr ihn nicht festgehalten?«

»Wir kannten ihn nicht.«

»Woher wißt Ihr es dann, daß er es gewesen ist?«

»Wir haben es erst nachher erfahren. Ein Steuerpächter hat ihn befreit, welcher Manach el Barscha heißt.«

»Manach el Barscha? O, den kenne ich! Er war früher Pächter der Steuern und wohnte in Uskub; aber jetzt ist er es nicht mehr. Er wohnt in den Bergen.«

Er wohnt in den Bergen, das heißt, er hat in die Berge fliehen müssen. Daher fragte ich:

»Hast Du ihn heute während des Verhöres nicht gesehen?«

»Nein. Woher kennst Du ihn?«

»Ich erfuhr seinen Namen und seinen Aufenthalt hier von einem Kleiderhändler. Er wohnte bei dem Handschia Doxati, hat Pferde gekauft und ist heute Abend mit Barud el Amasat und einem Dritten aus der Stadt geritten.«

»Wer war dieser Dritte?«

»Ich weiß es nicht, vermuthe aber, daß es ein Aufseher, ein Schließer des Gefängnisses ist.«

Wir erzählten ihm nun in Kürze, was geschehen war. Da ließ er sich seinen Degen kommen, befahl zehn Khawassen, uns zu begleiten, und machte sich auf den Weg nach dem Gefängnisse.

Der Nazar-Baschi war nicht wenig erstaunt, zu so später Stunde solchen Besuch zu erhalten.

»Führe uns zu dem Gefangenen, welcher Barud el Amasat heißt!« befahl der Kadi.

Der Beamte gehorchte, war aber nicht wenig erschrocken, als die Zelle, in welcher Barud gesteckt hatte, leer war. Derjenige Schließer aber, welchem der Gefangene speziell anvertraut worden war, konnte nicht gefunden werden; er war mit ihm verschwunden.

Der Zorn des Kadi läßt sich gar nicht beschreiben. Dieser würdige Richter erging sich in Ausrufen, für welche die deutsche Sprache keine Worte hat, und ließ schließlich den Oberaufseher selbst einsperren.

Endlich fragte der Kadi: »Was ist da zu thun? Wir müssen ihm sofort nachjagen.«

»Sofort?« fragte ich. »Ich glaube nicht, daß Ihr ihn da fangen werdet.«

»Warum nicht?«

»In finsterer Nacht hat das seine Schwierigkeiten.«

»So meinst Du, daß wir bis zum Tagesanbruch warten sollen?«

»Ja.«

»Bis dahin ist er in Sicherheit.«

»Das glaube ich nicht. Seine Spur wird nicht sehr schwer aufzufinden sein.«

Er blickte mich verwundert an und fragte:

»Sagtest Du nicht heute, Du seiest ein Christ aus Nemtschistan?«

»Ja.«

»Gibt es dort auch Verbrecher?«

»Ja, wie überall.«

»Lassen Euere Verbrecher Spuren zurück, wenn sie fliehen?«

»Ja, ebenso wie die Eurigen. Nur darfst Du unter dem Worte Spur nicht geradezu Fußtapfen verstehen. Ich bin überzeugt, daß ich die drei Flüchtlinge finden würde, wenn ich sie suchte.«

»Du? Bist Du daheim ein Khawasse?«

»Nein; das ist auch gar nicht nöthig. Die Entflohenen haben sich längs des Flusses Arda entfernt. Diese Gegend ist nicht sehr belebt; man wird nach ihnen fragen können.«

»Du magst Recht haben. Ich werde mit Tagesanbruch Khawassen aussenden, um nach ihnen zu fragen.«

»Auch ich werde forschen.«

»Du? Das ist nicht nöthig! Meine Diener werden die Entwichenen ganz sicher einfangen.«

»Erlaube mir, daran zu zweifeln.«

»Effendi, willst Du mich beleidigen?«

»Nein. Aber Du versprachst uns, den Gefangenen gut bewachen zu lassen. Ist das geschehen?«

»Kann ich dafür, daß mein Befehl nicht befolgt wurde?«

»Ebenso wirst Du gebieten, die Entflohenen zu ergreifen, und Dein Befehl wird nicht befolgt werden. Wir haben Dir unser Recht an dem Gefangenen abgetreten; Du hast ihn entfliehen lassen. Wir fordern unser Recht zurück und werden ihn zu finden wissen. Ich sage Dir, daß ich diesen Barud el Amasat so sicher ergreifen werde, wie ich hier Deine Hand erfassen könnte!«

»Meine Khawassen werden ihn ebenso sicher fangen, vielleicht noch sicherer. Am besten wird es sein, Du schließt Dich ihnen an.«

»Das werde ich nicht thun, denn sie würden glauben, daß ich unter ihrem Befehle stehe. Laß sie in ihrer Weise nach dem Entflohenen suchen. Ich werde das in meiner Weise thun und bitte Dich, mir ein Tutemr auszufertigen.«

»Wozu brauchst Du eine solche Schrift?«

»Ich habe kein Recht, mich des Entflohenen zu bemächtigen, wenn ich ihn finde. Zeige ich aber ein Tutemr vor, so ist eine jede Behörde gezwungen, ihn in Haft zu nehmen und an Dich abzuliefern.«

Er nickte zustimmend vor sich hin, machte aber doch ein nachdenkliches Gesicht und fragte:

»Du bist ein Christ?«

»Ja.«

»Und kein Unterthan des Großherrn, den Allah segnen möge?«

»Ich habe ein Budscheruldu und stehe unter dem Schutze des Padischah; aber sein Unterthan bin ich nicht.«

»So darf ich Dir auch kein Tutemr geben!«

»Das weiß ich. Du darfst überhaupt einen Verhaftsbefehl nicht jedem Unterthan des Großherrn anvertrauen. Nur ein Gerichts- oder Polizeibeamter hat das Recht, ein Tutemr vorzuzeigen. Darum werde ich Dich bitten, mir einen oder einige Khawassen mitzugeben.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Erstens sende ich selbst Khawassen nach dem Flüchtlinge aus, und zweitens will ein Polizist essen und trinken.«

»Was er braucht, wird er von mir erhalten.«

»Auch seine Löhnung, seine Tagegelder?«

»Ja. Du wirst sehr wohl thun, meine Bitte zu erfüllen. Wenn wir den Flüchtling nicht fangen, wird es heißen, Du habest ihn mit Absicht entfliehen lassen, um es mit den Engländern nicht zu verderben, unter deren Schutz er angeblich steht.«

Das half. Er fuhr betroffen empor und sagte:

»Effendi, denkst Du das vielleicht?«

»Was ich denke, das ist Nebensache. Du hast ihm die Bastonnade versprochen, und er bekam keinen einzigen Streich; Du hast ihn einschließen lassen, und er ist entkommen. Wir werden beweisen, daß er nicht unter dem Schutze der Inglesi steht, und dann wirst Du Dich zu verantworten haben!«

»Hätte ich ihm die Bastonnade gegeben, und er ist wirklich ein Unterthan der Inglesi, so hätte man eine große Genugthuung von mir gefordert. Ich wäre bestraft worden.«

»Hat er Dir ein Imza oder ein Isbat rajanün vorgezeigt?«

»Nein.«

»War er hiesiger Einwohner?«

»Du weißt ja selbst, daß er in Edreneh fremd ist!«

»Also mußte er sich legitimiren. Er konnte es nicht; er befindet sich im Lande des Großherrn und mußte also nach großherrlichem Gesetze behandelt werden. Erhielt er da die Bastonnade, trotzdem er unter dem Schilde des Gesandten der Engländer steht, so war es ganz nur seine Schuld, da er keinen Paß bei sich hatte. Du siehst also, welche Absicht man Dir unterschieben kann. Es liegt sehr in Deinem eigenen, persönlichen Interesse, daß er wieder ergriffen wird, und dazu ist die beste Aussicht, wenn Du mir einige Khawassen mit dem Tutemr gibst.«

Ich sah es ihm an, daß er unruhig geworden war. Vielleicht, ja höchst wahrscheinlich, hatte noch kein Christ gewagt, eine solche Sprache ihm gegenüber zu führen. Aber grad, daß ich mich nicht furchtsam zeigte, das schien mehr zu wirken, als der ganze Aufwand von Worten, den ich machte, um meinen Zweck zu erreichen. Zwar bemerkte er:

»Effendi, Du redest in ganz anderer Weise, als ich gewohnt bin, anzuhören!«

Aber als ich dann mit einer wegwerfenden Handbewegung antwortete:

»So hast Du noch nicht mit einem Manne gesprochen, welcher des allerhöchsten Schutzes sicher ist und sich Gerechtigkeit zu verschaffen weiß!«

Da lenkte er ein, indem er nachdenklich meinte:

»So werde ich mit dem Mollah sprechen!«

»Mit dem Mollah? Gut! Sprich mit ihm! Bis dahin wird der Verbrecher einen solchen Vorsprung haben, daß man ihn nicht erreichen kann. Ich werde mich dann an den Arz Odassi wenden, um zu erfahren, wer Barud el Amasat zu suchen hat.«

»Effendi, bist Du mit den Oberrichtern bekannt?«

»Frage sie selbst, so wie Du jetzt den Mollah fragen willst!«

»Du führst wirklich eine hohe Sprache. Aber das gefällt mir. Ich liebe die Männer, welche furchtlos sind, und darum will ich Dir Deine Bitte erfüllen!«

»Und ich liebe die Männer, welche schnell entschlossen handeln. Wann wirst Du das Tutemr ausfertigen?«

»Wann brauchst Du es?«

»ich werde mit Tages Anbruch aufbrechen.«

»So sollen um diese Zeit drei Khawassen zu Pferde vor der Wohnung Hulam's halten und das Tutemr bei sich haben.«

»ich danke Dir! Schreibe ihnen zugleich auf, was sie an Geld und Verpflegung von mir zu fordern haben, damit ich nicht zu viel gebe oder sie zu wenig fordern.«

Er fühlte die Ironie, welche in diesen Worten lag, und antwortete unter einem Lächeln, welches mir einigermaßen verlegen erschien:

»Glaubst Du, daß sie Dich übervortheilen werden?«

»Nein. Ich bin ein Saksonjali, und es gibt keinen solchen, der sich jemals von einem Osmanli hat täuschen oder übervortheilen lassen; dessen versichere ich Dich!«

»Ein Saksonjali? Liegt Saksonja in Nemtschistan oder in Prusistan oder in Ljubljana

»Saksonja ist ein Kyralik. Du kennst es nicht?«

»Nein.«

»So hast Du, als Du die Medresse besuchtest, sehr unwissende Professoren und Lehrer gehabt!«

»Vielleicht sind sie niemals dort gewesen!«

»Wo Saksonja liegt, das muß in jedem Kitab öjretmekün zu lesen sein, und man erfährt es also, ohne eine Reise dorthin machen zu müssen. Es liegt am Balkan madenün zwischen dem Derja iladschün und der Doniza buzenün. Man trinkt dort den berühmten Kaffee, der Kahwe tschitschetschykün heißt, und dort liegt auch die große Stadt Böjük-Lypsa, wo Euere Händler ihre Waaren kaufen, die nicht in Stambul zu finden sind, und wo der Sultan el Kebir so gewaltig auf das Haupt geschlagen wurde, daß er sogar vergaß, die achte Sure des Kurans, welche die Sure der Beute ist, zu beten.«

Er hatte mir aufmerksam zugehört. Besonders schien ihm das Erzgebirge und der Blümchenkaffee zu imponiren. Unter dem Erzgebirge dachte er sich jedenfalls himmelstrebende Berge, aus lauter Erz gebildet. Nach dem Blümchenkaffee wagte er mich nicht zu fragen. Es wäre für einen Türken eine unendliche Blamage gewesen, einzugestehen, daß es irgendwo eine Sorte von Kaffee gebe, die ihm unbekannt sei. Darum sagte er:

»Wenn Dein Vaterland solche Berge hat, so muß es reich, sehr reich sein, und von dem berühmten Kahwe tschitschetschykün habe ich bereits einige Male getrunken. Er ist sehr kostbar und so theuer, daß ihn nur der Großsultan und Großvezier, höchstens noch der Kapudan-Pascha trinken kann. Ich besuchte zuweilen den Letzteren, und da habe ich einige Tassen gekostet. Dieser Kaffee ist ein Itschki tanrynün! Gibt es eine Post in diesem Lande?«

»Sehr viele Posten, Eisenbahnen und Dampfschiffe, welche auf dem Strome fahren.«

»Gehen die Posten auch nach Stambul?«

Ich errieth, was jetzt kommen werde, und antwortete daher:

»Man kann aus Saksonja Alles, was man will, nach Stambul oder Edreneh senden. Es kommt ganz sicher an.«

»Auch Kahwe tschitschetschykün?«

»Ja, auch Blümchenkaffee.«

»Wann wirst Du in Dein Vaterland zurückkehren?«

»Ich werde bereits in einigen Wochen die Heimath begrüßen.«

»Könntest Du mir nicht einen Sepet oder Tschuwal voll Blümchenkaffee schicken? Ich würde Alles bezahlen, den Sack, den Korb, den Kaffee und die Fracht. Nur fragt es sich, ob Du selbst reich genug bist, diesen Göttertrank zu besitzen.«

»Habe keine Sorge! Unser guter König liebt seine Unterthanen sehr, und er sorgt dafür, daß auch der Ärmste von diesem Tranke genießen kann, so viel er will.«

»Allah 'l Allah! Was für ein guter König ist das! In dem Lande des Padischah wird der Kaffee von Tag zu Tag schlechter! Also Du wirst mir solchen Kaffee senden?«

»Ja; aber ich weiß nicht, ob Du Blümchenkaffee zuzubereiten verstehst!«

Bei dieser Ehrenkränkung fuhr er mit beiden Händen in die Luft und rief:

»Was denkst Du von mir! Ich weiß alle Arten von Kaffee zu bereiten! Schicke ihn nur. Er soll mir und den Meinigen ein Jortu schaschmanün bereiten. Wie viele Khawassen wollte ich Dir bei Tages Anbruch senden?«

»Drei.«

»Es werden ihrer sechs vor Eurer Thüre halten, sechs kluge und tapfere Männer, welche selbst den ärgsten Verbrecher fangen würden und sich vor dem Teufel nicht fürchten. Und Du sollst ihnen zu zahlen haben für den Tag einen Piaster pro Mann, wofür sie sich selbst beköstigen werden. Ist Dir dies zu viel?«

»Nein. Du bist ein braver und gerechter Richter, und ich werde Jedem zwei Piaster geben.«

»So geleite Dich Allah! Allaha ismarladik

»Allah billindsche olsun

Wir gingen, und der ›Blümchenkaffee‹ wirkte so vortheilhaft auf seine Gesinnung, daß er uns bis an die Thüre begleitete. Er wartete dort sogar so lange, bis wir uns unsere Laterne angebrannt. Ohne eine solche durfte man sich damals, wenigstens im Innern der Stadt nicht antreffen lassen, wenn man nicht riskiren wollte, zur Polizei transportirt zu werden und dort eine Nacht in sehr ›gemischter Gesellschaft‹ zuzubringen.

Wir waren noch nicht sehr weit gegangen, als wir, um die Ecke eines Hauses biegend, mit einem Manne zusammen stießen, welcher, wie ich damals wirklich glaubte, in großer Eile von der anderen Seite gekommen war. Er rannte an mich an, sprang zurück und rief:

»Atsch gözünü – nimm Dich in Acht!«

»Das hättest Du eher sagen sollen!« antwortete ich.

»Aman, aman – verzeihe, verzeihe! Ich hatte so große Eile, und dabei ist mir meine Laterne verlöscht. Willst Du nicht die Güte haben und mir erlauben, sie an der Deinigen wieder anzuzünden?«

»Gern! Hier!«

Er nahm das Licht aus seiner Leuchte, welche aus geöltem Papier gefertigt war, und steckte es an dem unsrigen an. Dabei erklärte er, wie zu seiner weiteren Entschuldigung:

»Ich muß schnell einen Hekim, Berber oder Edschzadschy holen. Es ist uns plötzlich ein Gast krank geworden, welcher fast nur nemtschedsche redet, weil er aus Nemtschistan ist.«

Das erregte natürlich sofort mein Interesse. Ein Landsmann, hier plötzlich erkrankt und der Sprache des Landes so gut wie unkundig! War es da nicht meine Pflicht, mich wenigstens zu erkundigen? Ich fragte daher:

»Aus welchem deutschen Lande ist er?«

»Aus Bavaristan.«

Also ein Bayer! An eine Lüge, eine Täuschung dachte ich nicht im Mindesten. Was wußte man hier von Bayern! Der Name dieses Landes konnte, hundert gegen eins gewettet, nur aus dem Munde eines Mannes gehört worden sein, dessen Vaterland es wirklich war. Ich erkundigte mich also weiter:

»Welche Krankheit hat ihn überfallen?«

»Das Sytma sinirün

In diesem Augenblick fiel mir die Unwahrscheinlichkeit, welche in dieser Antwort lag, gar nicht auf. Ich dachte nur daran, daß ein Deutscher hilfsbedürftig am Fieber niederliege.

»Was ist er?« fuhr ich fort.

»Ich weiß es nicht. Er kam zu meinem Herrn, welcher Tütündschi ist, um Tabak zu kaufen.«

»Wohnt Ihr weit von hier?«

»Nein.«

»So führe mich hin!«

»Bist Du denn ein Arzt oder ein Apotheker?«

»Nein; aber ich bin ein Deutscher und will sehen, ob ich meinem Landsmanne von Nutzen sein kann.«

»Inisch Allah – geb's Gott! Komm, folge mir!«

Mein Begleiter wollte auch mitgehen; ich bat ihn aber, seinen Weg fortzusetzen, da ich ihn ja nicht brauchte. Ich gab ihm die Laterne und folgte dem Fremden.

Wir hatten in Wirklichkeit nicht weit zu gehen. Er hielt bereits nach einigen Minuten vor einer Thüre, an welche er klopfte. Es wurde geöffnet, und ich, da ich noch auf der Straße hinter meinem Führer stand, hörte die Frage:

»Hekim buldun my – hast Du einen Arzt gefunden?«

»Nein, aber einen Hamscheri des Kranken.«

»Was kann der uns und ihm nützen!«

»Er kann den Terdschiman machen, da wir den Gast nicht gut verstehen.«

»So mag er eintreten!«

Ich trat in einen engen Flur, welcher in einen kleinen Hof mündete. Das Licht der Papierlaterne erlaubte mir kaum, drei Schritte weit zu sehen. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung, daß mir eine Gefahr drohe, und horchte daher ganz erstaunt auf, als ich eine Stimme befehlen hörte:

»Onu tutyn! Gertsche dir – ergreift ihn! Es ist der Richtige!«

In demselben Augenblick erlosch die Laterne, und ich fühlte mich von allen Seiten von Fäusten gepackt. Natürlich dachte ich keinen Moment darüber nach, ob hier eine Verwechslung vorliege oder nicht. Laut um Hülfe rufen, konnte mir keinen Nutzen bringen, denn der kleine Hof war an seinen vier Seiten von Gebäudetheilen umschlossen. Es galt, die Angreifer abzuwerfen und durch den Gang zurück zur Thüre und wieder auf die Straße zu gelangen. Ich stieß also, mich breitbeinig fest stellend, die Arme so weit aus, als ich es bei dem Widerstand, welchen ich fand, vermochte, und zog sie dann plötzlich und kräftig wieder ein. Das gab einen Ruck, durch den wirklich Zwei abgeschüttelt wurden; aber vorn und hinten hielten mich die Anderen doch gefaßt, und die Beiden hingen sich rasch wieder an mich.

Der Angriff galt wirklich mir, keinem Anderen; davon war ich überzeugt. Man hatte mir beim Kadi aufgelauert und mich in diese Falle gelockt. Worte konnten mir keine Hülfe bringen, und so begann jetzt ein lautloses Ringen, bei dem ich meine Kräfte so anzustrengen hatte, daß mir die Brust zu platzen drohte – vergeblich! Es waren ihrer zu Viele. Ich wurde niedergerissen, und trotzdem ich nach Möglichkeit auch da mich noch wehrte und mit Händen und Füßen um mich schlug, fühlte ich doch bald, daß ich mich in Stricken verfing, welche man um mich schlug.

Ich war gefangen und gefesselt!

Warum hatte ich nicht um Hilfe geschrieen? Warum hatte ich keinen Laut von mir gegeben? Um wenigstens das Leben zu retten, wenn auch die Freiheit verloren war. Auf das Erstere schien man es, wenigstens in diesem Augenblick, nicht abgesehen zu haben, sonst hätte man mich ja sofort durch einen Schuß oder Stich niederstrecken können. Machte ich aber Lärm, so daß man die Entdeckung des Anschlages zu befürchten hatte, so konnte ich leicht den Tod für mich herauf beschwören.

Auch ein nicht übermäßig kräftiger Mann entfaltet in einer solchen Lage einen ungewöhnlichen Widerstand. Ich hatte keinen Athem mehr, doch meine Angreifer keuchten ebenso wie ich. Ich hatte ein Messer und eine Pistole im Gürtel gehabt; sie waren mir aber gleich im ersten Momente aus demselben gerissen worden. An ein Zuschlagen war ich gar nicht gekommen, da ich von zehn bis vierzehn Armen eingeschnürt gewesen war.

Jetzt fluchten die Kerls in allen Tonarten um mich herum, und dabei war es so finster, hier zwischen den engen Mauern, daß man die Hand vor dem Auge nicht zu erkennen vermochte.

»Hazyr – fertig?« fragte eine Stimme.

»Ewet – ja!«

»Schafft ihn hinein!«

Man faßte mich an und schleppte mich fort. Ich konnte zwar den Körper und die Knie bewegen und hätte noch jetzt einigen Widerstand zu leisten vermocht, doch verzichtete ich darauf, da es mir meine Lage nur zu verschlimmern, nicht aber zu verbessern vermochte.

Ich bemerkte, daß man mich durch zwei finstere Räume in einen dritten schaffte, wo man mich einfach zu Boden warf. Die Träger entfernten sich. Nach einiger Zeit traten zwei Männer ein. Der Eine trug eine Lampe.

Diesen Menschen hatte ich bereits gesehen, und zwar bei unserer Ankunft in Hulam's Hofe. Jetzt lachte er mir höhnisch zu.

»Kennst Du mich noch?« fragte er nun.

Er stellte sich so, daß der Schein des Lichtes auf sein Gesicht fiel. Man denke sich mein nicht eben sehr freudiges Erstaunen, als ich in ihm – – Ali Manach Ben Barud el Amasat erkannte, den Sohn des Entflohenen, den Derwisch, mit welchem ich in Konstantinopel im Kloster gesprochen hatte.

Ich antwortete nicht. Er versetzte mir einen Fußtritt und wiederholte:

»Ich frage, ob Du mich noch kennst?«

Das Schweigen konnte mir keinen Nutzen bringen. Wollte ich wissen, was man mit mir vorhabe – und das war für mich jetzt ja die Hauptsache – so mußte ich sprechen.

»Ja,« antwortete ich.

»Lügner! Du warst kein el Nassr!«

»Habe ich mich für einen ausgegeben?«

»Ja!«

»Nein. Ich hatte nur keine Veranlassung, Dir Deinen Irrthum zu benehmen. Was wollt Ihr von mir?«

»Wir werden Dich tödten!«

»Meinetwegen!« antwortete ich möglichst gleichgültig.

»Thue nicht so, als ob Du das Leben nicht liebtest! Du bist ein Giaur, ein Christ, und diese Hunde wissen nicht zu sterben, weil sie keinen Kuran, keinen Propheten und kein Paradies haben!«

Bei diesen Worten versetzte er mir einen zweiten Fußtritt in die Seite. Hätte ich nur eine einzige Hand frei gehabt! Dieser Derwisch hätte noch ganz anders tanzen sollen, als vor Kurzem in Stambul!

»Was kann ich dagegen thun, wenn Ihr mich tödten wollt?« meinte ich. »Ich werde ebenso ruhig sterben, wie ich jetzt so kaltblütig Deine Fußtritte ertrage. Ein Christ würde nicht so feig sein, einen Gefesselten zu quälen. Nimm mir die Stricke ab, und dann wollen wir sehen, wessen Prophet größer und wessen Paradies herrlicher ist!«

»Hund! Drohe nicht, sonst lernst Du den Mezardschy noch vor dem Morgen kennen!«

»So laß mich in Ruhe, und packe Dich!«

»Nein; ich habe mit Dir zu sprechen. Willst Du vielleicht die Güte haben, einen Tschibuk dabei zu rauchen?«

Das war eine prächtige Ironie von diesem Knaben, über welche ich mich hätte ärgern können, wenn ich mich nicht über sie gefreut hätte.

»Daß Du ein guter Choradschi bist, habe ich gesehen,« antwortete ich; »daß Du aber ein noch viel besserer Schakadschi sein kannst, das habe ich nicht geglaubt, da den ›Tanzenden‹ doch das Anlama zum Witze zu fehlen pflegt. Wenn Du wirklich mit mir zu sprechen hast, so bedenke, mit wem Du redest. Ich sage Dir, daß Du nur dann meine Stimme hören wirst, wenn Du die Achtung vor meinem Barte zeigst, welche Dir der Prophet gebietet!«

Das war mit Absicht eine Beleidigung. Unter dem Worte Chora, der Tanz, versteht der Türke jene sinnlichen Bewegungen, welche nur Frauenzimmern gestattet sind, deren sich aber jeder Mann streng enthält. Der Tanz der Derwische ist ein anderer, er gilt für heilig. Es gab keine größere Beleidigung für ihn, als daß ich ihn einen Choradschi nannte und noch dazu den Angehörigen seines Ordens den Verstand absprach. Ich machte mich in Folge dessen auf erneute Fußtritte gefaßt und war daher im Stillen erstaunt, daß er mir zwar einen vor Zorn flammenden Blick zuwarf, dann aber sich ruhig auf den Boden niedersetzte. Der Andere blieb stehen.

»Wärest Du ein Moslim, so würde ich Dich zu züchtigen wissen,« begann der Sitzende nach einer Pause; »ein Christ aber kann einen wahren Gläubigen niemals beleidigen. Wie sollte eine Kröte die Sonne beschmutzen können! Ich will Einiges von Dir wissen. Ich werde Dich fragen, und Du wirst antworten!«

»Ich bin bereit zur Antwort, wenn Deine Fragen so höflich sind, wie ich es zu fordern habe!«

»Du bist derselbe fränkische Arzt, welcher in Damaskus die Absicht des Usta zu Schanden machte?«

»Ja.«

»Du hast den Usta dann später in Stambul getroffen?«

»Ja.«

»Du hast auf ihn geschossen, als er in das Wasser sprang?«

»Nicht ich, sondern mein Diener.«

»Hast Du den Usta später wieder gesehen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Vor dem Thurme von Galata, wo er als Leiche lag.«

»So ist es also doch wahr, was mir hier dieser Mann sagt!«

Er deutete dabei auf den Menschen, welcher die Lampe hielt.

»Du hast nicht gewußt, daß der Usta todt ist?« fragte ich.

»Nein. Er war verschwunden. Man fand Kolettis todt und neben ihm eine Leiche, die Niemand kannte.«

»Es war der Usta!«

»Ihr habt ihn vom Thurme gestürzt?«

»Wer hat Dir das gesagt?«

»Dieser Mann hier. Ich kam nach Edreneh, ohne irgend Etwas zu wissen. Ich war zu meinem Vater gerufen. Ich suchte ihn bei Hulam, ohne zu sagen, wer ich sei, und hörte da, daß er sich in Gefangenschaft befinde. Er ist gerettet worden ohne mein Zuthun. Dieser Mann hier ist sein Diener und hat mit ihm bei Hulam gewohnt. Dein Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar hat ihm Alles erzählt, und so erfuhr ich es wieder. Ich suchte meinen Vater beim Handschia Doxati. Er war bereits fort, aber Ihr befandet Euch im Stalle. Wir beobachteten Euch. Ich hatte erfahren, daß Du ein Nemtsche bist, und darum mußte Einer von uns an der Ecke auf Euch warten und Dir dann sagen, daß ein Nemtsche krank geworden sei. Jetzt nun bist Du in unserer Gewalt. Was glaubst Du wohl, was wir mit Dir thun werden?«

Diese Erklärung gab eigentlich viel Stoff zum Nachdenken; ich nahm mir jedoch keine Zeit dazu und antwortete rasch:

»Um mein Leben habe ich keine Sorge. Tödten werdet Ihr mich nicht.«

»Warum sollten wir das nicht thun? Du bist in unserer Gewalt!«

»Dann würde Euch das Lösegeld entgehen, welches ich bezahlen kann.«

Seine Augen blitzten auf. Ich hatte das Richtige getroffen. War das Geld bezahlt, so konnten sie mich ja noch auf die Seite schaffen. Er fragte:

»Wie viel willst Du geben?«

»Wie hoch schätzest Du meinen Werth?«

»Dein Werth ist nicht größer als der Preis eines Agreb oder Jylon. Beide sind giftig, und man tödtet sie, sobald man sie erwischt. Dein Leben ist nicht den zehnten Theil eines Para werth. Aber das, was Du uns gethan hast, erfordert eine große Strafe, und darum sollst Du ein Lösegeld zahlen müssen!«

Ah, da sagte er es ja ganz deutlich: die Zahlung des Lösegeldes sei nur zur Strafe, und dann sei mein Leben doch noch keinen Pfennig werth! Aber ich konnte wenigstens Zeit gewinnen und meinte daher in ernstem Tone:

»Du vergleichst mich mit dem giftigsten Gewürme! Ist das die Höflichkeit, welche ich zur Bedingung gemacht habe? Tödtet mich; ich habe nichts dagegen! Ich zahle keinen einzigen Piaster, wenn Du nicht in anderer Weise mit mir sprichst!«

»Du sollst Deinen Willen haben; aber je mehr Höflichkeit Du forderst, desto größer wird die Summe sein, welche wir verlangen.«

»Nenne sie!«

»Bist Du reich?«

»Ich tausche nicht mit Dir!«

»So warte!«

Er erhob und entfernte sich. Der Andere blieb zurück, beobachtete aber das tiefste Schweigen. Ich hörte Stimmen in dem vordersten Raume, konnte aber kein Wort unterscheiden, doch merkte ich, daß man verschiedener Meinung war. Es verging wohl über eine halbe Stunde, ehe er zurückkehrte. Er setzte sich nicht nieder, sondern fragte im Stehen:

»Zahlst Du fünfzigtausend Piaster?«

»Das ist viel, sehr viel!«

Ich mußte mich doch ein wenig sträuben. Er machte eine Gebärde der Ungeduld und sagte:

»Keinen Para weniger! Willst Du? Antworte sogleich, denn wir haben keine Zeit!«

»Gut, ich zahle sie!«

»Wo hast Du das Geld?«

»Natürlich nicht bei mir. Ihr habt mir ja Alles genommen, was ich in den Taschen trug. Auch nicht hier in Edreneh.«

»Wie willst Du uns da bezahlen?«

»Ich gebe Euch eine Anweisung auf Konstantinopel.«

»An wen?«

»An den Eltschi von Farsistan.«

»An den Gesandten von Persien?« fragte er erstaunt. »Ihm soll der Brief vorgezeigt werden?«

»Ja.«

»Wird er bezahlen?«

»Glaubst Du, daß der Vertreter des Schah-in-Schah kein Geld habe?«

»Er hat sogar sehr viel Geld; aber wird er bereit sein, es für Dich auszugeben?«

»Er weiß sehr genau, daß er Alles, was er für mich bezahlt, wiederbekommen wird.«

Ich machte keine Lüge, denn ich war fest überzeugt, daß der Perser den Überbringer meiner Anweisung ebenso wie mich selbst für wahnsinnig halten werde. Der Sohn der Zoroasterlehre hatte gar keine Ahnung von der irdischen Existenz eines deutschen Federfüchserleins meines Namens.

»Wenn Du dessen sicher bist, so schreibe die Anweisung!«

»Worauf? Wohin? Etwa auf diese Wand?«

»Wir werden Dir bringen, was Du brauchst, und Dir auch die Hände frei geben.«

Diese Zusicherung elektrisirte mich. Die Hände frei! Da gab es vielleicht Gelegenheit, mir meine Befreiung zu erzwingen. Ich konnte den Derwisch fassen und ihm mit Erwürgung drohen. Ich konnte ihn so lange bei der Gurgel halten, bis er mich freigab.

Aber diese mehr als romantische, diese überspannte Idee gelangte nicht einmal zu einem Versuche der Ausführung. Der Derwisch, welcher übrigens heute nicht die Kleidung seines Ordens trug, war vorsichtig. Er traute mir nicht und kam mit vier Kerls zurück, welche sich, mit den Waffen in den Händen, zur Rechten und zur Linken von mir niederließen. Ihre Gesichter glänzten dabei gar nicht etwa in vertraulicher Holdseligkeit. Die geringste verdächtige Bewegung wäre mein Verderben gewesen.

Ich erhielt ein Blatt Pergament nebst Papier zum Umschlage und schrieb, das Knie als Unterlage benutzend, nachdem man mir den Strick von den Händen gelöst hatte:

»Meinem Bruder Abbas Jesub Haman Mirza, dem Strahle der Sonne Farsistan's, welcher jetzt leuchtet in Stambul.

Gib für mich, dem unwürdigen Abglanz Deiner Freundlichkeit, dem Überbringer dieses Mektub sogleich fünfzigtausend Piaster. Mein Sandykdschi wird sie Dir zurückzahlen, sobald Du es von ihm verlangst! Frage den Boten nicht, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht! Ich bin der Schatten Deines Lichtes.

Hadschi Kara Ben Nemsi.«

Diesen Namen unterschrieb ich, da ich annehmen konnte, daß er dem Derwisch von dem Diener seines Vaters als der meinige genannt worden sei. Nachdem ich den Umschlag adressirt hatte, reichte ich Ali Manach Beides hin. Er las es laut vor, und es war mir ein nicht ganz unangenehmes Gefühl, die Genugthuung in den Gesichtern der ehrenwerthen Gesellschaft zu lesen. Im Stillen dachte ich dabei an das Gesicht, welches der Gesandte, der übrigens jedenfalls ganz anders hieß, denn seinen Namen kannte ich nicht, bei der Lektüre des Briefes machen werde. Wehe dem Überbringer!

Der Derwisch nickte mir befriedigt zu und sagte:

»Das ist gut! Und Du hast klug gethan, ihm zu schreiben, daß er nicht fragen solle. Er würde doch nichts erfahren haben. Jetzt bindet ihm die Hände wieder. Der Kiradschi wartet bereits!«

Ich mußte mir die Erneuerung der unangenehmen ›Bandage‹ gefallen lassen; dann gingen sie und ließen mich in der Finsterniß allein zurück.

Zunächst begann ich, die Festigkeit meiner Fesseln zu probiren. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht gelingen werde, mich von ihnen zu befreien. Ich begann also, anstatt mit den Händen, mit dem Geiste zu arbeiten.

Wie kam der Derwisch nach Adrianopel? Jedenfalls nicht, um uns zu verfolgen, denn er hatte gar nichts von uns gewußt. Er hatte einen Boten seines Vaters erhalten. Dieser also hatte ihn herbeigerufen. Wozu? War seine Anwesenheit zu dem Streiche, welcher beabsichtigt worden war, nothwendig gewesen? Oder handelte es sich um ein neues Unternehmen, von dem ich gar nichts ahnte und wußte?

Wo befand ich mich überhaupt? Wer waren diese Menschen? Gehörten sie zu der weit verbreiteten Bande des Usta? Oder standen sie in anderer Beziehung zu dem entkommenen Barud el Amasat und dessen Befreier? Ich hatte Lust, das Letztere anzunehmen. Die vier Kerls, welche neben mir gesessen hatten, waren im Besitze von ausgesprochen skipetarischen Physiognomien gewesen. Ich hielt sie für Arnauten.

Und sodann hatte der Derwisch gesagt, daß der Kiradschi bereits warte. Die Kiradschia sind Fuhrleute, welche Gelegenheitsfuhren über die ganze Balkanhalbinsel unternehmen, ungefähr in derselben Weise, wie früher die ›Harzer‹ Landfuhrleute mit ihren schweren Lastwagen und messingbehangenen Pferden die verschiedensten Kaufmannsgüter durch Deutschland und durch die angrenzenden Gebiete schleppten. Der Kiradschi ist der Spediteur des Balkans; er ist überall und nirgends; er kennt Alles und Alle; er weiß auf jede Frage Antwort. Wo er anhält, da ist er willkommen, denn er weiß zu erzählen, und in den wilden, zerrissenen Schluchten des Balkans gibt es Gegenden, in welche während des ganzen Jahres keine Kunde von außen dringen würde, wenn nicht einmal der Kiradschi käme, um nachzufragen, ob der einsame Hirt Käse genug für eine Wagenladung angesammelt habe.

Diese Fuhrleute bekommen Güter von hohem Werthe anvertraut, ohne daß man von ihnen irgend eine Caution verlangt. Die einzige Garantie besteht in ihrer Ehrlichkeit. Sie kommen nach Monaten, ja oft nach Jahren erst zurück; aber sie kommen und bringen das Geld. Ist der Vater unterdeß gestorben, so bringt es der Sohn oder der Schwiegersohn; aber gebracht wird es.

Diese Ehrlichkeit der Kiradschia ist seit alter Zeit ein bewährtes Sprüchwort; leider aber scheint es jetzt anders werden zu wollen. Zwischen die altbekannten Fuhrmannsfamilien haben sich Neulinge eingedrängt, welche sich das gewohnte Vertrauen zu Nutze machen und da ernten, wo ehrliche Leute säeten. Sie bringen den Kiradschi, dessen Namen auch sie natürlich angenommen haben, um seinen sauer erworbenen guten Ruf.

Ein solcher Fuhrmann wartete also bereits! Doch nicht vielleicht gar auf mich? Sollte ich transportirt werden? Hier inmitten der Stadt durfte ich Hoffnung auf Befreiung haben. War ich bis am nächsten Morgen nicht bei Hulam, so wurde von Seiten meiner Freunde und besonders meines kleinen Hadschi sicherlich Nichts unterlassen, um mich ausfindig zu machen.

Wenn ich an diese dachte und an die sechs Khawassen, welche mit dem Tutemr bei Tagesanbruch vor dem Thore halten sollten, so hätte ich vor Grimm die Fesseln zerreißen mögen; leider aber waren sie zu fest!

Ich hatte Halef wegen seiner Unvorsichtigkeit ausgezankt; jetzt war ich selbst viel dümmer gewesen; ich war in eine außerordentlich plumpe Falle gerannt. Daß meine Gutherzigkeit daran die Schuld trug, konnte mir weder zur Entschuldigung noch zum Troste gereichen. Es galt jetzt, Geduld zu haben, das Kommende kaltblütig abzuwarten und jede Gelegenheit des Entkommens energisch beim Schopfe zu ergreifen.

Da, jetzt kamen die vier Menschen wieder. Ohne ein Wort zu sagen, banden sie mir ein dick zusammen gelegtes Tuch um den Mund; man wickelte mich in einen alten Teppich und schleppte mich fort. Wohin, das konnte ich natürlich nicht sehen.

Der Athem wollte mir vergehen. Das Tuch stank nach Knoblauch und nach allen möglichen Hexenkesselingredienzien. Ich schnappte nach Luft und fand doch keine. So muß es einem lebendig Begrabenen zu Muthe sein, wenn er die ersten Schaufeln Erde auf den Sarg fallen hört. Diese Menschen schienen gar nicht an die Möglichkeit gedacht zu haben, daß ich unter dem Tuche und unter dem fauligen Teppich vielleicht gar ersticken könne!

Die Bewegung, welche ich bisher gespürt hatte, hörte auf. Ich fühlte festen Halt unter mir. Man hatte mich irgend wohin gelegt; aber wohin, das wußte ich nicht. Dann war es mir, als ob ich das Knarren von Rädern vernähme; ich wurde auf und ab, herüber und hinüber geschüttelt. Ja, ich lag in einem Wagen; man schaffte mich aus Adrianopel fort!

Die einzelnen Glieder konnte ich nicht bewegen; aber die Beine anzuziehen und auszustrecken, das vermochte ich. Ich that dies und wiederholte es so oft, bis der Teppich sich ein wenig gelockert hatte. Nun spürte ich durch die Nase doch wenigstens eine Ahnung besserer Luft; der fürchterliche Alp wich von der Brust, und ich fragte mich, ob meine Lage denn gar so hilf- und hoffnungslos sei, daß es nichts als Ergebung gebe.

So sehr und angestrengt ich lauschte, ich hörte Niemand sprechen. Ich konnte also nicht erfahren, ob ich der Obhut eines oder mehrerer Menschen übergeben sei. Ich rollte mich nach rechts und dann nach links. Der Spielraum war nicht groß, der Wagen also sehr schmal, und übrigens stieß ich hüben und drüben so weich an, daß ich vermuthete, man habe mich mit Stroh oder Heu bedeckt.

An der Bewegung bemerkte ich, daß ich mit dem Kopfe nach hinten liege. Könnte es mir doch gelingen, da hinten vom Wagen zu stürzen! Es war Nacht und Dunkel. Ich hätte mich weit, weit fortwälzen können, um nicht gefunden zu werden, und dann wäre ich gerettet gewesen.

Ich machte die Beine krumm, stemmte die Absätze ein und schob mich nach hinten. Da fand ich aber festen Widerstand gegen den alle Anstrengung nutzlos war. Ich mußte auf diese Hoffnung verzichten.

Nun verging eine Zeit, welche mir aus mehreren Ewigkeiten zusammengesetzt zu sein schien. Da endlich, endlich merkte ich, daß menschliche Hände sich mit dem Teppich zu beschäftigen schienen. Ich wurde um und um gerollt, bis das Packet aufgewickelt war. Ich lag in tiefem Stroh, sah, daß der Tag angebrochen war, und über mir erschien das Gesicht des Dieners Barud el Amasat's.

»Wenn Du mir versprichst, zu schweigen, so nehme ich Dir das Tuch vom Munde,« sagte er.

Ich nickte natürlich schleunigst und mit großem Eifer. Er band mir den Knebel herab, und nun strömte – Gott sei Dank! – die reine, frische Luft in meine Lungen ein. Es war mir, als ob ich aus der Hölle in den Himmel gekommen sei.

»Hast Du Hunger?« fragte er mich.

»Nein.«

»Durst?«

»Auch nicht.«

»Du wirst Speise und Trank bekommen, und wir werden Dich nicht quälen, solange Du Dich schweigsam verhältst und keinen Versuch machst, die Stricke zu lösen. Bist Du aber ungehorsam, so habe ich den Befehl, Dich zu tödten.«

Das Gesicht verschwand über mir. Ich hatte freiere Bewegung, da der Teppich mich nicht mehr umhüllte, und konnte mich in sitzende Stellung bringen. Ich befand mich im hinteren Theile eines schmalen, ewig langen Wagens, welcher mit einer Plane oder Plahe versehen war; hart vor mir hockte der Diener als mein Wächter, und vorn saßen Zwei neben einander. Den Einen von ihnen mußte ich auch gesehen haben; er gehörte zu Jenen, in deren Hände ich gerathen war. Der Andere aber war auf alle Fälle der Fuhrmann, der Kiradschi, von welchem der Derwisch gesprochen hatte. Ich sah von ihm nichts als den Pelz, welchen der Kiradschi auch im Sommer trägt, einen ungeheuer gekrämpten Hut und die Peitsche; aber der Mann, welcher unter diesem monströsen Hute und in diesem schmierigen Pelze steckte, war mir jetzt von unsagbarer Wichtigkeit.

Ich konnte mir nicht denken, daß ein Kiradschi der alten, ehrlichen ›Schule‹ ein Verbündeter von Verbrechern sein könne, und doch konnte ich mich auch nicht zu der Annahme entschließen, daß der vorsündfluthliche Pelz einen Fuhrmann neuerer Schule beherbergen könne. Man mußte das abwarten. Ich lehnte mich also an die Hinterwand zurück und behielt den Mann im Auge.

Da endlich, nach langer Zeit, drehte er sich einmal um. Sein Blick fiel auf mich. Die großen, blauen Augen blieben einige Augenblicke starr auf mein Gesicht gerichtet, dann wendete er den Kopf wieder ab. Vorher aber hatte er Zeit gefunden, die Brauen hoch empor zu ziehen und das linke Auge zuzukneifen.

Ich verstand diese Pantomime sofort. Die Bewegung der Brauen deutete mir an, daß ich aufmerksam sein solle, und der Wink des Auges wies mich auf die linke Seite des Wagens hin. Gab es dort irgend Etwas für mich Vortheilhaftes?

Ich musterte die innere Seite des Wagens, konnte aber nur eine Schnur entdecken, welche an dem oberen Theile der Wagenleiter befestigt war und, von da herniedergehend, sich unter dem Heu verlief. Sie war straff angespannt, es schien also Etwas daran zu hängen. War es diese Schnur, auf welche mich der Mann aufmerksam machen wollte?

Ich that so, als ob mir meine gegenwärtige Lage unbequem wäre, und rutschte weiter vor. Ich lehnte mich so an die linke Seite an, daß ich mit den Händen, trotzdem dieselben gebunden waren, die betreffende Stelle untersuchen konnte. Ich mußte mir Mühe geben, einen Laut der Freude zu unterdrücken, denn an der Schnur hing – – ein Messer. Der brave Kiradschi hatte es für mich bestimmt und war glücklicherweise so klug gewesen, es nicht fest anzuknoten, sondern es nur mittelst einer Schlinge, welche ich leicht aufziehen konnte, zu befestigen.

Im nächsten Augenblick war es von der Schnur gelöst und steckte im Schafte meines Stiefels, so daß die Klinge, mit der Schneide nach auswärts gerichtet, aus demselben hervorragte. Ich bog die Knie und zog sie so weit an den Leib, daß ich mit den Händen die Klinge erreichen konnte. Sie war sehr scharf; ein vier- oder fünfmaliges Hin- und Hersägen genügte, die Fessel zu zerschneiden, und die Befreiung meiner Füße war nun eine Leichtigkeit.

Ich athmete tief auf. Jetzt war ich kein Gefangener mehr und hatte in dem Messer eine Waffe, auf welche ich mich verlassen konnte. Alle diese Bewegungen waren unter dem Heu vor sich gegangen. Niemand konnte sehen, daß ich frei war.

Ich wagte es, den einen Arm zu erheben und die untere Kante der Plahe ein wenig zu lüften, um hinausblicken zu können. Da draußen ritt – – Ali Manach Ben Barud el Amasat, der Derwisch. Es war anzunehmen, daß auf der andern Seite sich noch ein zweiter Wächter befand.

Mein Plan war schnell gemacht. Die Begleiter des Wagens waren mit Schießwaffen versehen; ich mußte also vorerst jeden Kampf vermeiden und mich mehr auf die List als auf Körperkraft verlassen. Ich rückte also wieder ganz nach hinten und hielt die Hände immer unter dem Heu. Unter dessen Schutz begann ich, den unteren Theil der alten, morschen Korbwand auszuschneiden, und hatte nach Verlauf einer Viertelstunde eine Öffnung fertig, welche groß genug war, um hinten aus dem Wagen zu schlüpfen.

Das Alles aber war nicht so leicht gewesen, als man glauben sollte, denn der alte Teppich genirte mich ungeheuer, und der Wächter warf zuweilen einen forschenden Blick auf mich. Zum Glück war das Geräusch, welches mein Messer in dem Korb hervorbrachte, bei dem Stampfen der Hufe, dem Gekreische der Räder und dem Gerumpel des Wagens nicht zu hören gewesen.

Ich wartete, bis abermals einer jener Blicke auf mich gefallen war, wühlte mich unter das Heu und kroch – mit den Beinen voran – zu der Öffnung hinaus. Ich berührte mit den Füßen den Boden und zog den Kopf in das Freie nach.

Jetzt erst war ich meiner Freiheit völlig sicher, und es galt, zu einem Pferde zu kommen.

Wir befanden uns in einer ebenen Gegend und auf einem, wie es schien, wenig befahrenen Wege; auf beiden Seiten war Wald. Links ritt der Derwisch und rechts ein Zweiter, ganz so, wie ich vermuthet hatte. Das Pferd des Ersteren war nicht groß, schien mir aber besser als dasjenige des Anderen zu sein. Es hatte ein wolliges Fell, eine prächtige Mähne und einen Schweif, welcher fast die Erde berührte. Sein Gang war kräftig und doch elastisch leicht. Ah, wenn es zwei Personen tragen könnte!

Dieser Gedanke elektrisirte mich. Erst ich der Gefangene des Derwisches, und dann er der meinige!

Ich nahm das Messer zwischen die Zähne. Der Reiter hatte keine Ahnung von dem Vorgang hinter ihm. Er trabte wohlgemuth neben dem Wagen her und konnte also von den Anderen nicht gesehen werden. Er hatte nur die Spitzen seiner Füße in den Bügelschuhen. Zwar war sein Sitz ein fester, da das Pferd türkisch gesattelt war; aber ein Hieb in das Genick mußte seinen Oberkörper nach vorn stoßen, so daß er voraussichtlich bügellos wurde. Dann mußte er seitwärts aus dem Sattel gebracht werden. Für mich war dabei die Hauptsache, mich fest auf dem Pferde zu halten, um nicht abgeworfen zu werden.

Einige rasche Schritte brachten mich hinter den Gaul. Ich holte aus und kniete im nächsten Augenblick auf der Croupe hinter dem Reiter. Das Pferd war über diesen plötzlichen Überfall einige Sekunden ganz verdutzt. Es blieb stehen. Das genügte. Ein Fauststoß in das Genick brachte die Füße des Reiters aus den Bügelschuhen. Ich packte ihn bei der Gurgel, erhob mich aus der knieenden Stellung, riß ihn dadurch aus dem Sattel und ließ mich in denselben fallen, ohne ihn los zu lassen. Das geschah grad noch zur richtigen Sekunde, denn jetzt stieg das Pferd vorn empor. Ich fand noch Zeit, mit der freien Hand die Zügel zu erfassen, drückte das Thier herum und ritt langsam und so leise als möglich davon – natürlich den Weg zurück, welchen wir gekommen waren.

Dieser machte sehr bald eine Biegung. Vor derselben blickte ich mich um. Der Wagen war ruhig weiter gerollt: man hatte also noch gar nichts bemerkt. Das war nur dadurch möglich, daß die durchweg hölzernen Räder auf den ebenso hölzernen Achsen ein wahrhaft höllisches Gekreisch hervorbrachten; daß ferner der Wagen zwischen mir und dem zweiten Reiter gewesen war, und daß es endlich demselben auch nicht ein einziges Mal eingefallen war, sich umzusehen.

Ich wäre gar zu gern Zeuge der Verblüffung gewesen, welche sich dieser Leute bemächtigen mußte, wenn sie merkten, daß ihr Anführer und ihr Gefangener zugleich verschwunden seien. Es wäre mir auch gar nicht schwer gefallen, mich zu verstecken und – ohne Gefahr für mich selbst – diesen Augenblick abzuwarten; aber ich wollte das Glück denn doch nicht in Versuchung führen und dachte auch an die Freunde, welche jedenfalls in nicht gewöhnlicher Sorge um mich waren.

Darum nahm ich den Derwisch quer über meine Beine herüber und spornte das Pferd zu einem gestreckten Galopp an.

Ali Manach war von meinem Angriff so überrascht worden, daß er sogar vergessen hatte, einen Schrei auszustoßen. Dann hatte ich ihm die Gurgel so zusammengedrückt, daß es ihm gar nicht möglich gewesen war, einen lauten Ruf hervor zu bringen. Ein gurgelndes Röcheln war Alles gewesen, was er hatte hören lassen. Jetzt aber lag er vor mir, still und bewegungslos, und ich glaubte, ihn erdrosselt zu haben.

Das Pferd galoppirte so weich, eben und ausdauernd, daß ich nicht zu befürchten brauchte, eingeholt zu werden. Übrigens hatte ich jetzt nicht mehr Veranlassung, einen Kampf zu scheuen, denn ich war nun auch mit Schießwaffen versehen. Ali Manach hatte nämlich zwei geladene Pistolen im Gürtel stecken, welche ich natürlich mir aneignete.

Während des Reitens untersuchte ich seine Taschen. Da fand ich denn meine Uhr und meinen Geldbeutel, und das Gewicht desselben überzeugte mich, daß sich mehr in demselben befand, als ich gestern Abend darin gehabt hatte. An der Seite des Pferdes hing ein Leinwandsack als Satteltasche. Ich langte mit der einen Hand hinein und fühlte Munition und Lebensmittel. Man hatte es also wohl auf eine längere Reise abgesehen gehabt.

Der Wald ging zu Ende, und ich sah eine offene Ebene vor mir, auf welcher es große Maisfelder und Rosengärten gab. Als ich mich nach einiger Zeit umblickte, gewahrte ich einen Reiter, welcher mir im Galopp nachgesprengt kam. Jedenfalls war es derjenige, welcher zur rechten Seite des Wagens geritten war. Man hatte also jetzt die Flucht bemerkt, und er war zurückgekehrt, um sich zu informiren.

Mein Pferd war, obgleich es Zwei zu tragen hatte, ebenso schnell wie das seinige. Ich hatte nichts zu fürchten. Und als ich nach einiger Zeit eine belebte Straße gewahrte, in welche mein Weg mündete, fühlte ich mich völlig sicher. Ich sah auch wirklich bald, daß der Mann sein Pferd zu zügeln begann, und nach kurzer Zeit war er meinen Augen entschwunden.

Jetzt hielt ich an und stieg ab, sowohl um das Pferd ausruhen zu lassen, als auch um des Derwisches willen. Ich legte ihn auf die Erde und untersuchte ihn. Das Herz schlug ganz regelrecht, und ebenso athmete er normal.

»Ali Manach, verstelle Dich nicht!« sagte ich. »Ich weiß, daß Du vollständig bei Sinnen bist. Öffne die Augen!«

Er war erst allerdings besinnungslos gewesen, hatte sich dann später aber ohnmächtig gestellt, wohl um meinen Fragen auszuweichen und sich sein Verhalten zu überlegen; vielleicht auch, um eine Gelegenheit zur Flucht zu ergreifen. Er machte trotz meiner Worte die Augen nicht auf.

»Gut!« sagte ich. »Bist Du wirklich todt, so will ich mich wenigstens davon überzeugen. Ich werde Dir also dieses Messer in das Herz stoßen!«

Ich zog das Messer. Kaum aber fühlte er die Spitze desselben auf seiner Brust, so riß er vor Entsetzen die Augen so weit wie möglich auf und rief:

»Ah waï! Halt! Willst Du mich wirklich erstechen!«

»Einen Lebenden tödtet man nicht gern. Einem Todten aber kann ein Messerstich ja nichts mehr schaden. Willst Du diese Klinge von Dir fern halten, so laß mich ja nicht wieder vermuthen, daß Du gestorben seist!«

Er hatte lang ausgestreckt am Boden gelegen; jetzt richtete er sich zum Sitzen auf. Ich sprach:

»Sage einmal, Ali Manach, wohin Du mich bringen wolltest!«

»In Sicherheit,« antwortete er.

»Das ist sehr zweideutig gesprochen. Wer sollte sicher sein? Ich vor Euch oder Ihr vor mir?«

»Beides.«

»Das mußt Du mir erklären, damit ich es begreifen kann.«

»Es sollte Dir nichts geschehen, Effendi. Wir wollten Dich nach einem Orte bringen, von wo Du nicht hättest entfliehen können. Mein Vater sollte Zeit gewinnen, um zu entkommen. Dann hätten wir Dich gegen das Lösegeld wieder frei gelassen.«

»Das ist sehr liebenswürdig von Euch. Welches ist der Ort, nach dem ich gebracht werden sollte?«

»Es ist ein Karaul in den Bergen.«

»Ah, ein Wachtthurm! Ihr habt also geglaubt, daß Dein Vater sicherer entkommen werde, wenn ich mich in Eurer Gewalt befinde?«

»Ja, Effendi.«

»Warum?«

»Weil Du vielleicht entdeckt hättest, wohin er sich gewendet hat.«

»Wie könnte ich das entdecken! Ich bin nicht allwissend.«

»Dein Hadschi hat erzählt, daß Du alle Spuren aufzufinden verstehest.«

»Hm! Wie soll ich in Edreneh die Spur Deines Vaters finden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nun, Ali Manach, ich will Dir sagen, daß ich diese Spur bereits habe. Dein Vater ist mit dem Gefängnißwärter und mit Manach el Barscha längs der Arda nach Westen geritten. Sie hatten zwei Schimmel und ein dunkles Pferd.«

Ich sah, wie sehr er erschrack.

»Du irrst! Du irrst sehr!« beeilte er sich zu sagen.

»Ich irre nicht. Ich werde hoffentlich bald noch mehr erfahren. Wo ist der Zettel, welchen Ihr mir abgenommen habt?«

»Welcher Zettel?«

»Du selbst hast ihn mir aus der Tasche meiner Weste genommen. Ich hoffe, daß er noch vorhanden ist.«

»Ich habe ihn weggeworfen. Es stand ja nichts Wichtiges darauf.«

»Mir scheint im Gegentheile, daß er sehr Wichtiges enthalten habe. Ich werde einmal suchen. Zeige Deine Taschen her!«

Er erhob sich, damit ich, wie er sich den Anschein gab, seine Taschen bequemer untersuchen könne; kaum jedoch streckte ich die Hand nach ihm aus, so trat er zurück und sprang auf das Pferd zu. Ich hatte so Etwas vorausgesehen. Er hatte den Fuß noch nicht im Bügel, so erfaßte ich ihn und warf ihn zu Boden.

»Bleibe liegen, sonst jage ich Dir eine Kugel durch den Kopf!« drohte ich. »Deine Geschicklichkeit mag hinreichend sein für das Kloster der Tanzenden in Stambul; aber mir zu entwischen, reicht sie nicht aus!«

Ich durchsuchte seine Taschen, ohne daß er mir Widerstand leistete; aber ich fand nichts. Auch in der Satteltasche suchte ich vergeblich. Da fiel mir mein Geldbeutel ein. Ich zog ihn hervor. Er enthielt eine Anzahl von Goldstücken, welche ich nicht besessen hatte, und richtig, da steckte auch der Zettel mit den drei Zeilen, welche im Nestaalik geschrieben waren, in jener nach links halb schiefen Schrift, welche zwischen der flüchtigen arabischen Currentschrift (Neskhi) und dem sehr schiefen Taalik mitten inne liegt.

Jetzt war ich befriedigt. Ich hatte keine Zeit, den Zettel zu entziffern; ich steckte ihn also wieder ein und sagte:

»Ich hoffe, daß diese Zeilen denn doch etwas Wichtiges enthalten werden. Du weißt natürlich, wohin Dein Vater sich gewendet hat?«

»Ich weiß es nicht, Effendi.«

»Das darfst Du mich nicht glauben machen wollen!«

»Er war bereits fort, als ich gestern in Edreneh ankam!«

»Aber Du hast doch erfahren, wohin er geht. Jedenfalls reitet er nach Iskenderiëh, wo Hamd el Amasat, sein Bruder, der Dein Oheim ist, auf ihn wartet.«

Bei diesen Worten that ich nicht, als ob ich ihn scharf beobachtete. Es glitt Etwas wie Befriedigung über sein Gesicht. Nach Iskenderiëh war sein Vater also nicht.

»Es ist möglich,« antwortete er; »aber ich weiß es nicht. Nun jedoch sage mir, Effendi, was Du mit mir beabsichtigst!«

»Was denkst Du wohl?«

»Du wirst mich fortreiten lassen.«

»Ah! Nicht übel! Also nicht gehen, sondern reiten willst Du!«

»Das Pferd ist ja mein Eigenthum!«

»Und Du bist mein Eigenthum, folglich gehört auch das Pferd mir. Ich werde mich sehr hüten, Dich laufen zu lassen!«

»Aber Du bist ja frei, und ich habe Dir nichts zu Leid gethan!«

»Das nennst Du Nichts? Du wirst mich nach Edreneh begleiten, und zwar nach dem Hause, in welches Ihr mich gestern Abend gelockt habt. Ich bin doch neugierig, zu erfahren, wer da wohnt. Natürlich geht der Kadi mit.«

»Effendi, das wirst Du nicht thun! Ich habe vernommen, daß Du ein Christ bist, und daß Isa Ben Marryam, Euer Heiland, Euch geboten hat: Liebet Eure Feinde!«

»So gibst Du also zu, mein Feind zu sein?«

»Ich war nicht der Deinige, sondern Du warst der meinige geworden. Ich hoffe, daß Du ein guter Christ bist und dem Gebote Deines Gottes Gehorsam leistest!«

»Das werde ich gern thun!«

»Nun, warum lässest Du mich da nicht frei, Effendi?«

»Eben weil ich dem Gebote gehorsam bin, Ali Manach. Ich liebe Dich so sehr, daß ich gar nicht von Dir lassen kann!«

»Du spottest meiner! Ich zahle Dir ein Lösegeld!«

»Bist Du reich?«

»Ich nicht, aber mein Vater wird es bald sein.«

»Er wird seinen Reichthum gestohlen und geraubt haben. Solches Geld möchte ich gar nicht berühren!«

»So gebe ich Dir anderes. Du sollst das Deinige zurückerhalten!«

»Das meinige? Hast Du Geld von mir?«

»Nein; aber der Bote ist bereits fort, um in Stambul das Geld zu holen, welches Du uns für Deine Freiheit bezahlen solltest. Lässest Du mich frei, so erhältst Du es zurück, sobald er es bringt.«

»Oh, Ali Manach Ben Barud el Amasat, Du hast Dir in Stambul den Verstand vertanzt! Euer Bote wird nicht einen einzigen Piaster erhalten. Den Namen, welchen ich Euch nannte, gibt es gar nicht. Und der Perser, den der Bote vielleicht aufsucht, kennt mich gar nicht!«

»Effendi, so hast Du uns getäuscht? Wir hätten also kein Geld empfangen?«

»Nein.«

»So wärest Du ja verloren gewesen!«

»Das wußte ich. Ich wäre aber wohl auch verloren gewesen, wenn man das Geld bezahlt hätte. Übrigens habe ich mich nicht gar sehr vor Euch gefürchtet, und daß ich daran Recht that, habe ich Dir bewiesen: – ich bin frei.«

»So willst Du mich also wirklich als Gefangener nach Edreneh bringen?«

»Ja.«

»So gib mir das Geld zurück, welches ich in Deinen Beutel gethan habe!«

»Warum?«

»Es gehört mir. Ich brauche es. Ich muß essen und trinken, auch wenn ich im Gefängnisse bin.«

»Man muß Dir geben, was Du brauchst; Leckereien werden es allerdings nicht sein. Übrigens schadet es einem Tanzenden nichts, wenn er einmal ein wenig hungert!«

»So willst Du mich also bestehlen?«

»Nein. Siehe mich an! Ihr habt mir während meiner Gegenwehr die Kleider zerrissen; ich muß mir andere kaufen. Du bist Schuld daran, und so kann ich, ohne einen Diebstahl zu begehen, mich Deines Geldes bemächtigen. Aber ich werde es dennoch nicht thun, sondern es dem Kadi übergeben. Darf denn ein Tanzender Geld besitzen? Ich denke, daß Alles, was er einnimmt, dem Orden gehört!«

»Ich bin kein Tanzender mehr. Ich war nur für kurze Zeit im Kloster!«

»Jedenfalls aus Geschäftsrücksichten! Nun, das geht mich nichts an. Wir wollen aufbrechen. Gib Deine Hände her!«

Ich zog bei diesen Worten eine Leine hervor, welche ich vorhin in der Satteltasche bemerkt hatte.

»Effendi, was willst Du thun?« fragte er erschrocken.

»Ich werde Dich mit den Händen an den Steigbügel binden.«

»Das darfst Du nicht! Du bist ein Christ, und ich bin ein Anhänger des Propheten. Du bist kein Khawasse. Du hast kein Recht, einen Andern als Gefangenen zu behandeln!«

»Weigere Dich nicht, Ali Manach! Hier ist der Strick. Gibst Du nicht augenblicklich die Hände her, so schlage ich Dich an den Kopf, daß Du wieder ohnmächtig wirst. Ich erlaube Dir keineswegs, mir vorzuschreiben, wie ich Dich zu behandeln habe!«

Das wirkte. Dieser Pseudoderwisch schien überhaupt ganz ohne Muth und Energie zu sein. Er hielt mir die beiden Hände hin, welche ich ihm zusammenband. Dann befestigte ich ihn an den Steigbügel und stieg auf's Pferd.

»Was wirst Du mit dem Pferde thun?« fragte er.

»Ich übergebe es dem Kadi. Vorwärts!«

Wir setzten uns in Bewegung. Ich hätte nicht geglaubt, so bald wieder nach Edreneh zurückkehren zu können, und noch dazu auf diese Art und Weise.

Wir erreichten bald die Hauptstraße. Es war diejenige, welche nach dem berühmten Karawanserai Mustafa Pascha führt. Wir begegneten vielen Reisenden. Man betrachtete uns erstaunt; man wunderte sich über uns Beide; aber Niemand hielt es der Mühe werth, ein Wort zu uns zu sprechen.

Je mehr wir uns der Stadt näherten, desto belebter wurde die Straße. Gleich in einer der ersten Gassen erblickte ich zwei Khawassen. Nachdem ich ihnen eine kurze Erklärung gegeben hatte, forderte ich sie auf, mich zu begleiten, und sie thaten es. Es war meine Absicht, zunächst zu Hulam zu reiten, um vor allen Dingen die Freunde zu beruhigen. Mit Hülfe der Polizisten fand ich mich zurecht.

In einer der Straßen, durch welche wir kamen, bemerkte ich unter den vielen Passanten einen Mann, welcher, als er Ali Manach erblickte, mit allen Zeichen des Schreckens stehen blieb, dann aber mit raschen Schritten weiter eilte.

Kannte er meinen Gefangenen? Am liebsten hätte ich ihm einen der Polizisten nachgeschickt, um ihn festnehmen zu lassen. Wie nun, wenn dieser Mensch die Andern warnte! Aber auf einen bloßen Verdacht, ja auf eine reine Vermuthung hin konnte ich es doch nicht gut wagen, einen vielleicht ganz und gar Unschuldigen seiner Freiheit berauben zu lassen, wenn auch vielleicht nur auf eine einzige Stunde. Ich – ein Christ – befand mich ja in einem muhammedanischen Lande.

Bei dem Hause Hulam's angekommen, klopfte ich an das Thor. Der Schließer blickte durch das Loch und stieß einen Ruf der Freude aus, als er mich erblickte.

»Hamdulillah! Bist Du es wirklich, Effendi?«

»Ja. Öffne, Malhem!«

»Sogleich, sogleich! Wir sind in großer Angst um Dich gewesen, denn wir dachten, daß Dir ein Unglück zugestoßen sei. Nun aber ist Alles gut!«

»Wo ist Hadschi Halef Omar?«

»Im Selamlik. Alle sind dort versammelt und trauern über Dein Verschwinden.«

»Alargha – aufgeschaut!« rief da einer der beiden Khawassen. »Bist Du denn vielleicht Kara Ben Nemsi, Effendi?«

»Ja, so heiße ich.«

»Peh ne güzel – wie schön, wie schön! So haben wir also die dreihundert Piaster verdient!«

»Welche dreihundert Piaster?«

»Wir sind ausgesendet worden, nach Dir zu suchen. Wer eine Spur von Dir findet, soll diese Summe erhalten.«

»Hm! Eigentlich habe ich Euch gefunden! Aber Ihr sollt das Geld empfangen. Kommt mit herein!«

Dreihundert Piaster sind ungefähr sechzig Mark. Also so sehr hoch hatte man mich taxirt! Ich konnte stolz darauf sein. Der Wärter hatte das Thor weit aufgerissen. Er machte ein sehr erstauntes Gesicht, als er den Derwisch erblickte, den er bisher nicht hatte sehen können. Kaum wurden im Hofe die Tritte des Pferdes hörbar, so kam man herbei geeilt.

Der Erste war mein kleiner Hadschi Halef Omar. Er machte einen gewaltigen Satz über sämtliche Stufen herab, ganz gegen die orientalische Würde, schnellte sich auf mich zu, ergriff meine Hand und jauchzte:

»Allah l'Allah! Bist Du es? Bist Du es wirklich, Sihdi?«

»Ich bin es, mein lieber Halef. Laß mich nur aus dem Sattel steigen!«

»Du kommst geritten? Du bist außerhalb der Stadt gewesen?«

»Ja. Ich habe viel Unglück gehabt, aber auch viel Glück.«

Auch die Andern streckten ihre Hände nach mir aus. Mitten unter den Freudenrufen ertönte einer des Erstaunens. Isla hatte ihn ausgestoßen.

»Effendi, was ist das?« fragte er. »Wen bringst Du hier? Das ist ja Ali Manach, der Tanzende!«

Man hatte bisher nur auf mich, weniger auf den Derwisch geachtet. Isla's Rede lenkte die Aufmerksamkeit auf denselben. Man sah, daß er angebunden war.

»Ali Manach? Der Sohn des Entflohenen?« fragte Hulam.

»Ja,« antwortete ich. »Er ist mein Gefangener. Kommt herein! Ich habe Euch zu erzählen.«

Wir begaben uns nach dem Selamlik und nahmen auch den Derwisch mit, hatten uns aber noch nicht gesetzt, als das Thor abermals geöffnet wurde. Es war der Kadi, welcher kam. Er war ebenso erstaunt wie erfreut, mich zu sehen.

»Effendi, Du lebst? Du bist hier?« fragte er. »Allah sei Dank! Wir gaben Dich verloren, obgleich ich nach Dir suchen ließ. Wo bist Du gewesen?«

»Nimm bei uns Platz, so sollst Du es erfahren!«

»Ich werde hören, was Du zu erzählen hast. Wie freue ich mich, daß Dir nichts Böses widerfahren ist! Ich hätte mich vergebens auf den köstlichen Kaffee der Blümlein gefreut gehabt!«

Also das war der Hauptgrund seiner Freude, mich unverletzt wiederzusehen! Der brave, liebenswürdige Kadi!

Der Gefangene hatte sich in einer Ecke niedergekauert, und Halef hatte neben ihm Platz genommen. Der kleine Hadschi wußte, was er zu thun hatte, bevor ich zu sprechen begann.

Ich erzählte und wurde viele, viele Male unterbrochen, ehe ich zu Ende kam. Dann gab es eine Menge von Fragen und Ausrufungen der verschiedensten Art. Halef allein war es, der seine Ruhe bewahrte. Er rief laut:

»Still, Ihr Männer! Man darf jetzt nicht reden, sondern man muß handeln!«

Der Kadi warf dem Kleinen einen Blick zu, welcher zurechtweisend sein sollte, fragte ihn aber doch:

»Was meinst Du denn, was gethan werden soll?«

»Man muß sofort diesen Ali Manach verhören, dann aber das Haus aufsuchen, in welchem man meinen Sihdi überwältigt hat, und auch den Wagen verfolgen lassen, in welchem er nach dem Karaul geschafft werden sollte.«

»Du hast Recht! Ich werde diesen Sohn des Entflohenen sogleich in das Gefängniß bringen lassen und ihn dann vernehmen.«

»Warum nicht hier, nicht jetzt?« fragte ich. »Ich möchte am liebsten noch in dieser Stunde zur Verfolgung seines Vaters aufbrechen, da bereits eine kostbare Zeit vergangen ist. Da ist es gut, vorher zu wissen, was er antwortet.«

»Du wünschest es, und so soll es geschehen!«

Er nahm seine ernsteste, würdevollste Miene an und fragte den Gefangenen:

»Dein Name ist Ali Manach Ben Barud el Amasat?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»So heißt also Dein Vater Barud el Amasat?«

»Ja.«

»Es ist derjenige Mann, welcher uns entflohen ist?«

»Davon weiß ich nichts!«

»Du versuchst, zu leugnen? Ich werde Dir die Bastonnade geben lassen! Kennst Du den früheren Steuereinnehmer Manach el Barscha?«

»Nein.«

»Du hast gestern abend diesen Effendi in ein Haus locken lassen, um ihn gefangen zu nehmen?«

»Nein.«

»Hund, lüge nicht! Der Effendi hat es ja selbst erzählt!«

»Er irrt.«

»Aber Du hast ihn ja gefesselt und heut in einem Wagen fortgeschafft!«

»Auch das ist nicht wahr! Ich ritt auf der Straße und erreichte den Wagen. Ich sprach mit dem Kiradschi, welchem der Wagen gehörte. Da erhielt ich plötzlich einen Hieb. Ich verlor das Bewußtsein, und als ich wieder zu mir kam, war ich der Gefangene dieses Mannes, dem ich gar nichts gethan habe.«

»Deine Zunge trieft von Unwahrheit; aber die Lüge wird Deine Sache nicht verbessern, sondern verschlimmern! Wir wissen, daß Du ein Nassr bist!«

»Ich weiß nicht, was das ist!«

»Du hast ja im Kloster der Tanzenden mit dem Effendi darüber gesprochen!«

»Ich bin niemals in einem Kloster der Tanzenden gewesen!«

Der Mann glaubte, sich retten zu können, wenn er Alles in Abrede stellte. Der Kadi antwortete zornig:

»Bei Allah! Du wirst die Bastonnade erhalten, wenn Du fortfährst, die Wahrheit zu verheimlichen! Oder bist Du etwa ein Unterthan der Inglis, wie Dein Vater?«

»Ich habe keinen Vater, welcher Unterthan der Inglis ist. Ich bemerke, daß der Barud el Amasat, von welchem Ihr redet, ein ganz Anderer ist, als mein Vater, dessen Namen er unrechtmäßiger Weise angenommen hat.«

»Was bist Du denn, wenn Du kein Derwisch bist?«

»Ich bin ein Schaijad es semek und mache eine Reise.«

»Woher?«

»Aus Inada am Meere.«

»Wohin willst Du?«

»Ich will nach Sofia, um Verwandte zu besuchen. Ich bin keine Stunde lang in Edreneh gewesen. Ich kam während der Nacht hier an und bin durch die Stadt zur andern Seite hinausgeritten. Später dann traf ich auf den Wagen.«

»Du bist kein Fischer, sondern ein Lügner. Kannst Du beweisen, daß Du in Inada wohnst?«

»Sende hin, so wird man Dir sagen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe.«

Diese Frechheit brachte den Kadi beinahe aus der Fassung. Er wendete sich an Isla und fragte ihn:

»Isla Ben Maflei, hast Du diesen Menschen wirklich im Kloster der Tanzenden zu Stambul gesehen?«

»Ja,« antwortete der Gefragte. »Er ist es. Ich beschwöre es beim Barte des Propheten und bei den Bärten meiner Väter!«

»Und Du, Kara Ben Nemsi Effendi, Du hast ihn auch dort im Kloster gesehen?«

»Ja,« antwortete ich. »Ich habe sogar mit ihm gesprochen.«

»Und Du behauptest, daß er dieser Derwisch ist?«

»Er ist es. Er hat es mir sogar gestern Abend und dann auch heut eingestanden. Er glaubt, sich nun durch Leugnen retten zu können.«

»Er wird sich nur um so unglücklicher machen. Wie aber wollen wir ihm beweisen, daß Ihr Recht habt?«

Das war eine wunderbare Frage, ganz unwürdig eines Kadi, dem ich den köstlichen Kaffee der Blümchen senden sollte.

»Ist er es nicht, welcher zu beweisen hat, daß wir Unrecht haben?« antwortete ich.

»Das ist richtig! Aber da muß ich nach Inada senden!«

»Erlaubst Du mir, eine Frage auszusprechen?«

»Rede!«

»Du hast den Zettel gesehen, welchen wir gestern im Stalle des Handschia gefunden haben?«

»Ja, Effendi.«

»Würdest Du ihn wieder erkennen?«

»Ganz gewiß.«

»Ist es dieser?«

Ich nahm den Zettel aus dem Beutel und reichte ihn dem Kadi hin. Dieser betrachtete ihn genau und sagte dann:

»Er ist es. Warum fragst Du?«

»Das wirst Du gleich erfahren! Hadschi Halef Omar, kennst Du meinen Geldbeutel?«

»So gut wie meinen eigenen,« antwortete der Kleine.

»Ist es dieser?«

»Ja, er ist es.«

Jetzt war ich sicher, den Derwisch zu fangen. Ich wendete mich mit der Frage an ihn:

»Ali Manach, sage mir, wem die Goldstücke gehören, welche sich hier in dem Beutel befinden?«

»Sie gehören mi – – sie gehören doch jedenfalls Dir, wenn der Beutel wirklich Dein Eigenthum ist,« antwortete er.

Er hätte sich doch beinahe überrumpeln lassen; aber noch während der Rede hatte er die Falle erkannt.

»Du machst also keine Ansprüche an das Geld?«

»Was habe ich mit Deinem Gelde zu schaffen!«

Der Kadi schüttelte den Kopf.

»Effendi,« sagte er, »wenn ich ihn nicht fange, Dir gelingt es erst recht nicht. Ich werde den Kerl einschließen lassen und ihn schon zum Geständniß bringen!«

»So lang können wir aber nicht warten. Bringen wir ihn in das Haus, in welchem ich überfallen wurde! Die Bewohner desselben werden eingestehen müssen, daß er der Mann ist, für den wir ihn halten!«

»Du hast Recht. Wir werden sie alle gefangen nehmen! Ali Manach, in welcher Gasse liegt dieses Haus?«

»Ich kenne es nicht,« antwortete der Gefragte. »Ich bin noch nie in Edreneh gewesen!«

»Seine Lügen werden immer größer! Effendi, würdest Du das Haus selbst finden?«

»Ganz gewiß. Ich habe es mir gemerkt.«

»So wollen wir aufbrechen. Ich werde nach Khawassen senden, welche uns folgen und alle Personen, die sich in dem Hause befinden, gefangen nehmen sollen. Aber Dein Freund Hulam hat dreihundert Piaster geboten. Diese beiden Männer nun haben Dich gefunden. Werden sie das Geld erhalten, Effendi?«

»Ja, ich werde es ihnen sofort geben.«

Ich zog den Beutel; aber Hulam hielt mir den Arm fest und sagte im Tone eines Beleidigten:

»Halt, Effendi! Du bist der Gast meines Hauses. Willst Du meine Ehre zu Schanden machen, indem Du mir nicht erlaubst, zu halten, was ich versprochen habe?«

Ich sah ein, daß ich ihm den Vorrang lassen mußte. Er zog seine Börse und stand bereits im Begriff, den beiden Khawassen, welche mit freudeglänzenden Blicken am Eingange auf der Lauer standen, das Geld zu geben, als der Kadi die Hand ausstreckte.

»Halt!« sagte er. »Ich bin der Vorgesetzte dieser Beamten der Polizei von Edreneh. Sage selbst, Effendi, ob sie Dich gefunden haben!«

Ich wollte die armen Teufel nicht um ihre Gratifikation bringen und antwortete darum:

»Ja; sie haben mich entdeckt.«

»Deine Worte sind sehr weise. Aber sage nun auch, ob sie Dich entdeckt hätten, wenn ich sie daheim behalten hätte, anstatt sie auszusenden?«

»Hm! Dann hätten sie mich allerdings nicht angetroffen.«

»Wem also hast Du es eigentlich zu verdanken, daß Du von ihnen gesehen worden bist?«

Ich war gezwungen, seiner Logik zu folgen. Übrigens konnte es nicht zu unserem Vortheile sein, bei ihm anzustoßen; darum antwortete ich so, wie er es erwartete:

»Dir, im Grunde genommen.«

Er nickte mir freundlich zu und fragte weiter:

»Wem also gehören diese dreihundert Piaster, Effendi?«

»Dir allein.«

»So mag Hulam sie an mich bezahlen! Es soll keinem Menschen Unrecht geschehen. Auch ein Kadi hat darauf zu sehen, daß er zu seinem Rechte kommt!«

Er erhielt das Geld und steckte es ein. Die beiden Polizisten machten sehr enttäuschte Gesichter. Ich suchte daher unbemerkt an sie zu kommen, nahm zwei Goldstücke aus dem Beutel und steckte einem Jeden von ihnen eins zu. Das mußte heimlich geschehen, sonst wäre zu erwarten gewesen, daß der Kadi abermals Gerechtigkeit hätte walten lassen.

Die beiden Männer waren ganz glücklich über dieses Geschenk, und mir machte die Ausgabe keinen Schaden, da ich sie von dem Gelde Ali Manach's bestritten hatte.

Jetzt wurde nach Polizisten geschickt, welche bald eintrafen. Ehe wir aber den Gang antraten, gab der Kadi mir einen Wink, mit ihm zur Seite zu treten. Ich war neugierig auf die vertrauliche Mittheilung, welche er mir zu machen hatte.

»Effendi,« sagte er, »bist Du wirklich Deiner Sache sicher, daß er der Derwisch aus Stambul ist?«

»Vollständig!« antwortete ich.

»Er war dabei, als Du gefangen wurdest?«

»Ja. Er bestimmte sogar die Höhe des Lösegeldes, welches ich bezahlen sollte.«

»Und er hat Dir abgenommen, was Du in Deinen Taschen hattest?«

»Ja.«

»Auch Deinen Geldbeutel?«

»Ja,« antwortete ich.

Jetzt begann ich zu ahnen, was er beabsichtigte. Ich hatte, als ich mein Erlebniß erzählte, aufrichtig erwähnt, daß ich in der Börse mehr Geld gefunden habe, als erst darin gewesen war. Auf diesen Betrag war es abgesehen; der Kadi wollte ihn confisciren! Er erkundigte sich im freundlichsten, vertraulichsten Tone weiter:

»Heute hatte er ihn in seiner Tasche?«

»Ja. Ich habe ihn herausgenommen.«

»Und es war mehr Geld darin als vorher?«

»Es waren Goldstücke darin, welche ich nicht hinein gethan habe. Das ist wahr.«

»So wirst Du wohl zugeben, daß sie nicht Dir gehören!«

»Ah! Wem sonst?«

»Ihm natürlich, Effendi!«

»Das will mir nicht einleuchten. Aus welchem Grunde soll er sein Geld in meine Börse gethan haben?«

»Weil Dein Beutel ihm besser gefallen hat, als der seinige. Kein Mensch aber darf das behalten, was ihm nicht gehört!«

»Da hast Du ganz Recht. Aber meinst Du denn, daß ich Etwas behalten habe, was mir nicht gehörte?«

»Natürlich! Die Goldstücke, welche er hineingethan hat.«

»Wallahi! Hast Du nicht aus seinem eigenen Munde gehört, daß er leugnet, Geld in meinen Beutel gethan zu haben?«

»Es sind Lügen!«

»Das muß bewiesen werden. Er weiß nichts von dem Geld.«

»Aber Du sagst ja selbst, daß es sich vorher nicht in dem Beutel befunden habe!«

»Das gestehe ich ein. Niemand kann es sagen, wie es hineingekommen ist; nun es sich aber darin befindet, ist es mein Eigenthum.«

»Das darf ich nicht zugeben. Die Obrigkeit muß es an sich nehmen, um es dem richtigen Eigenthümer zurückzugeben.«

»Sage mir vorher, wem das Wasser gehört, welches es über Nacht in Deinen Hof regnet!«

»Wozu diese Frage?«

»Holt die Obrigkeit das Wasser, um es dem richtigen Eigenthümer zurückzugeben? Es hat über Nacht in meinen Beutel geregnet. Das Wasser gehört mir, denn der Einzige, welchem es außer mir gehören konnte, hat darauf verzichtet.«

»Ich höre, daß Du ein Franke bist, der die Gesetze dieses Landes nicht kennt.«

»Das mag sein; aber darum befolge ich meine eigenen Gesetze. Kadi, das Geld behalte ich! Du bekommst es nicht!«

Bei diesen Worten wendete ich mich von ihm ab, und er machte keinen Versuch, mich zu einer Änderung zu bewegen. Es war gar nicht meine Absicht, das Geld für mich zu verwenden; aber ich konnte damit größeren Nutzen schaffen, als wenn ich es in die bodenlose Tasche des Beamten gelangen ließ.

Jetzt setzten wir uns in Bewegung, Alle, die wir betheiligt waren. Die Khawassen erhielten den Befehl, uns von Weitem zu folgen, damit ein allzu großes Aufsehen vermieden werde.

Wir erreichten die Ecke, an welcher wir gestern Abend mit dem Manne zusammen getroffen waren. Auch Hulam erinnerte sich ihrer genau. Von hier an aber mußte ich allein als Führer dienen. Es wurde mir nicht schwer, das Haus zu finden. Die Thüre war verschlossen. Wir klopften; aber es erschien kein Mensch, um uns zu öffnen.

»Sie fürchten sich,« meinte der Kadi. »Sie haben uns kommen sehen und verstecken sich!«

»Das glaube ich nicht,« antwortete ich. »Es wird mir einer dieser Leute, als ich mit Ali Manach durch die Straßen ritt, begegnet sein. Er hat gesehen, daß der Derwisch gefangen und daß der Anschlag verunglückt ist. Daher hat er die Anderen sogleich benachrichtigt, und nun haben sie die Flucht ergriffen.«

»So müssen wir mit Gewalt eindringen!«

Jetzt blieben die Passanten stehen, um zu sehen, was sich hier ereignen würde. Der Kadi ließ sie durch seine Khawassen fortweisen, und dann wurde die Thüre, welche keinen großen Widerstand bot, einfach eingestoßen.

Ich erkannte den langen schmalen Gang sogleich wieder. Die Polizisten hatten sich im Nu über alle vorhandenen Räume vertheilt, vermochten aber nicht, ein menschliches Wesen aufzufinden. Verschiedene Anzeichen ließen darauf schließen, daß die Bewohner eine sehr eilige Flucht ergriffen hatten.

Ich suchte auch den Raum auf, in welchem ich gelegen hatte. Als ich in den kleinen, engen Hof zurückkehrte, hatte der Kadi dort ein abermaliges Verhör mit Ali Manach begonnen. Dieser trat jetzt mit noch größerer Sicherheit auf, als vorher. Er mochte Angst gehabt haben, von den Bewohnern des Hauses verrathen zu werden. Diese Angst war jetzt ebenso verschwunden, wie die Leute, welche hier zu finden wir erwartet hatten. Ich mußte meine Aussagen wiederholen; ich mußte die Stelle zeigen, an welcher er neben mir gesessen hatte; ich zeigte auch diejenige, an welcher ich im Hofe mich gegen die Übermacht der Angreifer gewehrt hatte.

»Und Du willst dieses Haus wirklich nicht kennen?« fragte ihn der Kadi.

»Ich kenne es nicht,« antwortete er.

»Du warst noch niemals hier?«

»Nie in meinem Leben!«

Da wendete sich der Beamte an mich:

»So kann doch kein Mensch leugnen, Effendi! Ich beginne zu glauben, daß Du Dich wirklich irrst!«

»Dann müßte auch Isla sich irren, der ihn in Stambul gesehen hat.«

»Ist das nicht möglich? Viele Menschen sehen sich ähnlich. Dieser Fischer aus Inada kann sehr unschuldig sein!«

»Willst Du einmal mit mir auf die Seite kommen, o Kadi?«

»Warum?«

»Ich möchte Dir etwas sagen, was diese Anderen nicht zu hören brauchen.«

Er zuckte die Achsel und antwortete:

»Diese Leute können Alles hören, was Du mir zu sagen hast, Effendi!«

»Willst Du, daß sie Worte hören, welche in Deinen Ohren nicht angenehm klingen können?«

Er besann sich doch und sagte dann in fast strengem Tone:

»Du wirst nicht wagen, ein einziges Wort auszusprechen, das ich nicht gern hören möchte. Aber ich werde gnädig sein und Dir Deine Bitte erfüllen. Komm und sprich!«

Er entfernte sich einige Schritte und ich folgte ihm.

»Wie kommt es, daß Du jetzt plötzlich in ganz anderer Weise als vorher mit mir redest, Kadi?« fragte ich. »Wie kommt es, daß Du jetzt plötzlich an die Schuldlosigkeit dieses Menschen glaubst, von dessen Schuld Du doch vorher so überzeugt zu sein schienst?«

»Ich habe eingesehen, daß Du Dich irrst.«

»Nein,« entgegnete ich mit gedämpfter Stimme. »Nicht, daß ich mich irre, hast Du eingesehen, sondern daß Du selbst Dich geirrt hast!«

»In wem soll ich mich geirrt haben? In diesem Fischer?«

»Nein, sondern in mir. Du glaubtest, in den Besitz meines Beutels kommen zu können. Das ist Dir nicht geglückt, und nun ist der Verbrecher unschuldig.«

»Effendi!«

»Kadi!«

Er schnitt ein sehr ergrimmtes Gesicht und sagte:

»Weißt Du, daß ich Dich wegen dieser Beleidigung festnehmen lassen kann?«

»Das wirst Du bleiben lassen! Ich bin ein Gast dieses Landes und seines Beherrschers; Du hast keine Macht über mich. Ich sage Dir, daß Ali Manach Alles gestehen wird, wenn Du so thust, als ob er die Bastonnade erhalten soll. Ich habe Dir keine Vorschriften zu machen; aber ich möchte daheim in Dschermanistan erzählen, daß die Richter des Großsultans gerechte Beamte sind.«

»Das sind wir auch; ich werde es Dir sofort beweisen!«

Er trat wieder zu den Anderen und fragte den Gefangenen:

»Kennst Du den Handschia Doxati hier?«

Der Gefragte entfärbte sich. Er antwortete in einem sehr unsicheren Tone:

»Nein. Ich bin ja noch nie in Edreneh gewesen!«

»Und er kennt auch Dich nicht?«

»Wo sollte er mich gesehen haben?«

»Er lügt,« fiel ich ein. »Du mußt es ihm ansehen, daß er die Unwahrheit redet, Kadi! Ich verlange, daß Doxati ihn zu sehen bekommt, um – – halt! Um Gottes willen zurück!«

Ganz zufälliger Weise hatte ich, während ich sprach, den Blick empor gerichtet. Wir befanden uns in dem kleinen Hofe, welcher ringsum von Gebäuden umgeben war. Da, wohin mein Blick jetzt fiel, gab es eine Art Söller, ein hölzernes Gitterwerk, durch dessen Lücken ich zwei Gewehrläufe auf uns gerichtet sah: den einen grad auf mich und den anderen auf den Gefangenen, wie es mir schien. Ich warf mich sofort zur Seite und schnellte nach dem Eingange hinüber, um dort Schutz zu suchen. In demselben Augenblick krachten die zwei Schüsse. Ein lauter Schrei erscholl.

»Allah ïa Allah! Ma una! Gott, o Gott, zu Hülfe!«

Diesen Ruf hatte einer der Khawassen ausgestoßen, indem er sich neben einen anderen niederwarf, der sich am Boden in seinem Blute wälzte.

Die eine Kugel hatte mir gegolten; das war sicher. Nur einen Augenblick später, und ich wäre eine Leiche gewesen. Der Schütze war bereits im Abdrücken gewesen, als ich zur Seite sprang; er hatte die Kugel nicht zu halten vermocht, und sie war dem Khawassen, welcher dicht hinter mir gestanden hatte, in den Kopf gedrungen.

Die zweite Kugel hatte ihr Ziel erreicht. Ali Manach lag todt an der Erde.

Mehr sah ich nicht. Einen Augenblick später war ich wieder über den Hof hinüber. Eine schmale, hölzerne Treppe führte da nach oben, wo sich das Gitterwerk befand. Ich folgte einem augenblicklichen Impulse.

»Hinauf, Sihdi! Ich komme auch!«

Das war die Stimme meines kleinen, tapfern Hadschi, welcher mir sofort nacheilte. Ich gelangte hinauf in einen schmalen Gang, an welchen einige Stuben stießen, die allerdings viel eher Löcher hätten genannt werden können. Der Gang mündete auf das Gitterwerk. Der Geruch des Pulvers war noch vorhanden, ein Mensch aber nicht. Ich durchsuchte mit Halef die Stuben. Auch hier fand sich Niemand. Es war geradezu unerklärlich, wie die zwei Mörder hatten verschwinden können. Zwei waren es gewesen, denn ich hatte ganz deutlich die Flintenläufe gesehen.

Da hörte ich jenseits des Gebäudes eilige Schritte. Das mußten zwei Menschen sein. Die Wand war nur von Brettern gebildet. Ich bemerkte ein Astloch, trat hinzu und blickte hindurch! Richtig! Über den Nachbarhof eilten zwei Männer, von denen jeder eine lange, türkische Flinte in der Hand trug.

Ich sprang hinaus auf den Gang und rief in den Hof hinab:

»Rasch hinaus auf die Gasse, Kadi! Die Mörder fliehen durch das Nebenhaus!«

»Das ist nicht möglich!« antwortete er herauf.

»Ich habe sie ja gesehen! Schnell, schnell!«

Er wendete sich zu seinen Leuten und gebot ihnen in aller Gemächlichkeit:

»Seht einmal nach, ob er Recht hat!«

Zwei von ihnen entfernten sich langsamen Schrittes. Nun, mir konnte es schließlich sehr gleichgültig sein, ob die Beiden ergriffen wurden oder nicht. Ich stieg also wieder in den Hof hinab. Als ich da ankam, fragte der Kadi:

»Effendi bist Du ein Hekim?«

Der Orientale erblickt in jedem Franken einen Arzt oder einen Gärtner. Der weise Kadi war derselben Ansicht.

»Ja,« antwortete ich, um die Sache kurz zu machen.

»So sieh einmal nach, ob diese Beiden vollständig todt geschossen sind!«

Bei Ali Manach konnte kein Zweifel herrschen. Die Kugel war ihm zu der einen Schläfe hinein gedrungen und zu der anderen wieder heraus. Der Polizist war in die Stirne getroffen, lebte aber noch; doch stand mit Gewißheit zu erwarten, daß auch er in einigen Minuten todt sein werde.

»Mein Vater, mein Vater!« klagte der andere Khawasse, welcher sich neben ihm niedergeworfen hatte.

»Was jammerst Du!« sagte der Kadi. »Es ist sein Kismet. Es hat im Buche gestanden, daß er auf diese Weise sterben solle. Allah weiß, was er thut!«

Da kamen die Beiden zurück, welche mit Gemächlichkeit zur Verfolgung aufgebrochen waren.

»Nun, hatte dieser Effendi Recht?« fragte der Kadi.

»Ja.«

»Ihr habt die Mörder gesehen?«

»Wir sahen sie.«

»Warum habt Ihr sie denn nicht gefangen?«

»Sie waren bereits eine Strecke in die Gasse hinein.«

»Warum seid Ihr ihnen denn nicht nachgeeilt?«

»Wir durften nicht. Du hattest es uns nicht befohlen. Du gebotest uns nur, nachzusehen, ob dieser Effendi Recht habe.«

»Ihr seid faule Hunde! Springt ihnen sofort Alle nach, und seht, ob Ihr sie ergreifen könnt!«

Jetzt sprangen Alle in größter Eile von dannen. Ich war doch überzeugt, daß sie, sobald sie außer Hörweite seien, diese Schnelligkeit sehr mäßigen würden.

»Allah akbar – Gott ist groß!« murmelte Halef grimmig vor sich hin. »Diese beiden Hunde wollten Dich erschießen, Sihdi, und nun dürfen sie entkommen!«

»Laß sie laufen, mein guter Halef! Es ist der Mühe nicht werth, hier nur einen Schritt zu thun.«

»Aber wenn die Kugel Dich getroffen hätte?«

»So wären sie verloren gewesen. Du hättest sie nicht entkommen lassen!«

Der Kadi hatte sich mit der Leiche des Gefangenen beschäftigt. Jetzt sagte er:

»Kannst Du Dir denken, Effendi, warum sie ihn erschossen haben?«

»Natürlich! Sie glaubten, daß er sie verrathen werde. Er war kein starker, muthiger Charakter. Wir hätten von ihm Alles erfahren können.«

»Er hat seinen Lohn dahin! Aber warum haben sie auch auf diesen Andern geschossen?«

»Nicht er war gemeint, sondern die Kugel galt mir. Nur weil ich noch im letzten Moment zur Seite sprang, traf sie ihn, da er hinter mir stand.«

»So haben sie sich an Dir rächen wollen?«

»Jedenfalls. Was wird mit der Leiche geschehen?«

»Ich verunreinige mich nicht mit ihr. Dieser Mensch hat seinen Lohn; ich werde ihn einscharren lassen. Das ist Alles, was man thun kann. Sein Pferd steht noch bei Hulam. Ich werde es holen lassen.«

»Und sein Vater? Soll dieser entkommen?«

»Willst Du ihm noch nachjagen, Effendi?«

»Natürlich!«

»Wann?«

»Du wirst unserer nicht mehr bedürfen?«

»Nein. Du kannst abreisen.«

»So sind wir in zwei Stunden bereits unterwegs.«

»Allah sei mit Euch und lasse Euch den Fang gelingen!«

»Ja, Allah mag helfen; doch verzichte ich trotzdem nicht auf Deine Hülfe.«

»Ich soll Euch helfen? Wie meinst Du das?«

»Hast Du mir nicht einen Verhaftsbefehl und sechs Khawassen versprochen?«

»Ja. Sie sollten bei Tagesanbruch vor der Thüre Hulam's halten. Aber noch vorher erfuhr ich, daß Du verunglückt seist. Brauchst Du alle Sechs?«

»Nein; drei genügen.«

»Sie sollen in zwei Stunden bei Dir sein. Aber, wirst auch Du das Wort halten, welches Du mir gegeben hast?«

»Ich halte es so, wie Du das Deinige.«

»So lebe wohl! Allah lasse Dich gesund und lebendig das Land Deiner Väter erreichen!«

Er ging. Seit ich mich geweigert hatte, ihm das Geld zu geben, war er ein ganz Anderer geworden. Seine Untergebenen waren auch verschwunden. Nur der Sohn kniete neben seinem Vater und klagte laut um ihn. Letzterer lag in den letzten Zügen. Ich zog meinen Beutel heraus, zählte das Geld ab, welches Ali Manach gehört hatte, und gab es dem Khawassen. Er warf mir trotz seiner augenblicklichen Trauer einen ganz erstaunten Blick zu und fragte mich:

»Das soll mir gehören, Effendi?«

»Ja, es ist Dein. Laß Deinen Vater damit begraben. Sage aber dem Kadi nichts!«

»Herr, ich danke Dir! Deine Güte träufelt Balsam in die Wunde, welche Allah mir geschlagen hat. Mein Vater hat seinem Rufe gehorchen müssen. Ich bin arm. Nun aber kann ich ihm an seinem Grabe einen Stein mit dem Turban setzen lassen, damit die Besucher des Mezarchane sehen, daß da ein gläubiger Sohn des Propheten begraben liegt.«

So hatte ich, der Christ, ohne es zu beabsichtigen, dem todten Moslem zu einem Denksteine verholfen. Ob das Geld des ›Tanzenden‹ wohl besser angewendet gewesen wäre, wenn ich es dem Kadi aufgezählt hätte? –

Wir hatten Hulam's Wohnung noch nicht erreicht, so begegneten uns zwei Khawassen, welche Ali Manach's Pferd abgeholt hatten. Ich konnte mir denken, daß diese Aquisition einen rein persönlichen Charakter haben werde.

So war also geschehen, was wir gestern Abend für unmöglich gehalten hätten. Ich hatte gefragt: »Soll Ali Manach denn nicht bestraft werden?« Die Gerechtigkeit hatte nicht nöthig gehabt, ihn in Stambul aufzusuchen; er selbst war ihr in die Hände gelaufen. Wir freilich hatten durch dieses Ereigniß den ganzen Vormittag eingebüßt. Es galt, dieses Versäumniß, wo möglich, nachzuholen.

Es wurde Kriegsrath gehalten. Zunächst warf Hulam die Frage auf, welcher Art wohl die Leute gewesen sein mochten, die in dem Hause, in welchem der Derwisch den Tod gefunden hatte, verkehrt hatten. Er glaubte, daß sie mit den Nassrs in Konstantinopel in Verbindung gestanden hätten. Dies war allerdings nicht unwahrscheinlich; doch hielt ich sie zugleich für solche Leute, von denen der Bewohner der Halbinsel sagt, daß sie ›in die Berge gegangen seien‹.

Jetzt hatte ich erst Zeit, den Zettel vorzunehmen, den ich bis jetzt noch nicht entziffert hatte.

»Kannst Du die Zeilen lesen, Effendi?« fragte Isla.

Ich gab mir alle Mühe, mußte jedoch mit ›Nein‹ antworten. Der Zettel ging aus einer Hand in die andere, vergeblich. Niemand vermochte ihn zu lesen. Die einzelnen Buchstaben waren ziemlich deutlich geschrieben; aber sie bildeten Wörter, welche mir und den Anderen vollständig fremd und unverständlich waren.

Ich buchstabirte die kürzesten dieser Wörter zusammen – sie hatten keinen Sinn. Da zeigte sich mein guter Halef als der Klügste von uns Allen.

»Effendi,« sagte er; »von wem wird der Zettel sein?«

»Wohl jedenfalls von Hamd el Amasat.«

»Nun, dieser Mann hat alle Ursache, das, was er schreibt, geheim zu halten. Denkst Du nicht, daß die Schrift eine geheime ist?«

»Hm! Du kannst Recht haben. Hamd el Amasat mußte den Umstand mitberechnen, daß der Zettel möglicher Weise in falsche Hände gelangen konnte. Die Schrift ist nicht geheim; aber wie es scheint, ist die Zusammenstellung der Buchstaben eine ungewöhnliche. ›Sa ila ni‹; das verstehe ich nicht. ›Al‹, das ist ein Wort; ›nach‹ aber ist kein orientalisches – – ah, wenn man es umdreht, wird ›Chan‹ daraus!«

»Vielleicht ist Alles verkehrt geschrieben!« sagte Hulam. »Du hast ›ila‹ gelesen. Umgedreht würde es ›Ali‹ lauten.«

»Richtig!« antwortete ich. »Das ist ein Name und zugleich ein serbisches Wort, welches ›aber‹ bedeutet. ›Ni‹ heißt umgekehrt ›in‹; das ist rumänisch und bedeutet ›sehr‹.«

»Lies einmal alle drei Zeilen von links nach rechts, anstatt von rechts nach links!« sagte Isla.

Ich that es; aber es erforderte dennoch große Mühe, ehe es mir gelang, die Buchstaben anders zu gruppieren, so daß zusammenhängende Worte entstanden. Das Resultat bestand in dem Satze:

»In pripeh beste la karanorman chan ali sa panajir menelikde.«

Das war jedenfalls ein mit Absicht gebrauchtes Gemisch von Rumänisch, Serbisch und Türkisch und lautete:

»Sehr schnell Nachricht in Karanorman-Chan; aber nach dem Jahrmarkt in Menelik.«

»Das ist richtig; das muß richtig sein!« rief Hulam aus. »In einigen Tagen ist Markt in Menelik.«

»Und Karanorman-Chan?« fragte ich. »Wer kennt diesen Ort? Wo mag er liegen?«

Niemand kannte ihn. Das Wort bedeutet zu Deutsch ›Finsterwaldhaus‹ oder ›Schwarzwaldhaus‹. Der Ort war also jedenfalls klein und lag im Walde, im tiefen Forste. Aber in welcher Gegend?

Es wurden zehnerlei Vorschläge gemacht, um eine Art und Weise zu entdecken, sich über die Lage dieses geheimnißvollen Ortes zu unterrichten; aber keiner schien zum Ziele zu führen.

»Strengen wir uns jetzt nicht zu sehr an,« sagte ich. »Die Hauptsache ist, daß die Nachricht erst nach dem Jahrmarkt von Menelik nach Karanorman-Chan gebracht werden soll. Das Wort ›sa‹ bedeutet ›nach‹ und ›hinter‹; ich schließe daraus, daß der Empfänger des Briefes erst den Jahrmarkt besuchen soll, bevor er nach Karanorman-Chan geht. Und nach Menelik geht ja wohl der Weg, welchen die drei Reiter gestern Abend eingeschlagen haben. Nicht?«

»Ja,« antwortete Hulam, »Du hast Recht, Effendi. Dieser Barud el Amasat ist nach Menelik. Dort wird man ihn sicher treffen. «

»So wollen wir keine Zeit verlieren und möglichst schnell aufbrechen. Zugleich aber wird es nöthig sein, einen Boten nach Iskenderiëh zu Henri Galingré zu senden, um ihn zu warnen.«

»Das werde ich besorgen. Aber ehe Ihr aufbrecht, nehmt Ihr ein Mahl bei mir ein, und ferner muß ich die Erlaubniß haben, für Euch zu sorgen!«

Es läßt sich in kurzen Worten sagen, daß wir in zwei Stunden reisefertig im Hofe hielten. Wir waren vier Personen: Osco, Omar, Halef und ich. Die Anderen mußten zurückbleiben.

»Effendi,« fragte Isla, »für wie lange Zeit wirst Du Abschied nehmen?«

»Ich weiß es nicht. Erreichen wir die Gesuchten bald, so kehre ich zurück, um Barud el Amasat nach Edreneh zu bringen. Entgehen sie uns längere Zeit, so ist es möglich, daß wir uns niemals wiedersehen.«

»Das wolle Allah nicht! Und wenn Du jetzt in Deine Heimat gehst, so mußt Du einmal wieder nach Stambul kommen, damit wir Dein Angesicht wiedersehen. Deinen Hadschi Halef Omar aber sendest Du uns jetzt schon zurück!«

»Ich gehe dahin, wohin mein Effendi geht!« meinte Halef. »Ich scheide nur dann von ihm, wenn er mich von sich jagt.«

Da wurden die drei Khawassen eingelassen, welche der Kadi schickte. Ich hätte beinahe laut aufgelacht, als ich sie erblickte. Sie saßen auf Kleppern, von denen keiner hundert Piaster werth war, stacken bis über die Ohren in Waffen, hatten dabei aber das friedfertigste Aussehen von der Welt.

Der Eine kam herbeigeritten, blickte mich forschend an und erkundigte sich:

»Effendi, bist Du es, der Kara Ben Nemsi heißt?«

»Ja,« antwortete ich.

»Ich habe den Befehl erhalten, uns bei Dir zu melden. Ich bin nämlich der Khawass-baschi.«

Er war also der Oberste von den Dreien.

»Hast Du den Verhaftsbefehl bei Dir?« fragte ich.

»Ja, Effendi.«

»Könnt Ihr gut reiten?«

»Wir reiten wie der Teufel. Du wirst Mühe haben, Schritt mit uns zu halten.«

»Das freut mich. Hat Euch der Kadi aufgeschrieben, wie viel Ihr täglich zu bekommen habt?«

»Ja. Du hast für die Person täglich zehn Piaster zu bezahlen. Hier ist das Schreiben.«

Die Notiz lautete wirklich auf zehn Piaster pro Tag und Person. Das war ja ganz anders, als es der Kadi mit mir vereinbart hatte! Eigentlich hätte ich ihm die drei Helden, welche wie der Teufel ritten, zurückschicken sollen; aber ein Blick auf sie belehrte mich, daß ich sie wohl gar nicht ewig zu besolden haben werde. Der Khawass-baschi hing auf dem Pferde wie eine Fledermaus an der Dachrinne, und die beiden Anderen schienen ganz nach demselben Muster gebildet zu sein.

»Wißt Ihr denn, um was es sich handelt?« fragte ich sie.

»Natürlich!« antwortete der Anführer unserer Trabanten. »Wir sollen drei Kerls ergreifen, die Ihr nicht zu fangen vermögt, und Euch dann mit ihnen nach Edreneh transportiren.«

Das war eine höchst wunderbare Art und Weise, sich auszudrücken; aber doch gestehe ich, daß die Drei ganz nach meinem Geschmack waren. Ich ahnte Spaßhaftes. Halef aber schien sich gewaltig zu ärgern, daß der Kadi es gewagt hatte, uns diese Art Begleiter zu schicken.

Nun ging es an's Abschiednehmen. Es geschah das in der bilderreichen morgenländischen Weise, aber in vollster, aufrichtigster Herzlichkeit. Wir wußten nicht, ob wir uns wiedersehen würden oder nicht; daher war es ein Scheiden auf's Ungewisse, kein schweres Ade für's ganze Leben, doch auch kein leichtes, oberflächliches Valet für nur kurze Zeit.

Es ist wahr, ich ließ liebe Freunde zurück; aber der Liebste, mein Hadschi, blieb doch bei mir; das milderte den Trübsinn jener Stimmung, welcher sich kein Scheidender erwehren kann.

Ich hatte geglaubt, Edreneh in der Richtung nach Filibe verlassen zu können; nun aber ging es anders, nach Westen zu, an der Arda hin, an deren Ufer wir gestern Abend spazieren gegangen waren.

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