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Von Amsterdam nach Temiswar

Johann Kaspar Steube: Von Amsterdam nach Temiswar - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorJohann Kaspar Steube
titleVon Amsterdam nach Temiswar
publisherRütten u. Loening
printrun1. Auflage
editorJochen Golz
year1969
firstpub1791
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Die Frau Doktorin

Hier ließ ich mich, seitdem ich Braunschweig verlassen hatte, das erste Mal nach Handwerksbrauch in Arbeit bringen. Als ich in die Stube des mir angewiesenen Meisters trat, traf ich seine Frau und einen sechsjährigen Knaben, auf dem Bette liegend, in einem starken Fieberparoxysmus an. Würkte der so unerwartete Anblick so sehr auf mich oder trug die nasse Witterung, der ich einige Tage hintereinander auf der Reise ausgesetzt gewesen war, etwas dazu bei, genug, ich wurde den kommenden Tag von einem ähnlichen Fieber befallen, welches sehr bald in ein hartnäckiges dreitägiges ausartete und mich erst nach zehn Monaten wieder verließ. Nun hätte ich mich zwar der dort so wie in mehrern andern Orten bestehenden guten Einrichtung der Schuhmachergesellen, ihre Kranken zu einem ihrer Meister, den sie den Krankenvater nennen, zu tun, bei welchem sie bis zu ihrer Genesung, auf Kosten ihrer Mitgesellen, ganz gut verpflegt werden, bedienen können; da mir aber die Hausfrau, welche sich vielleicht einbildete, die unschuldige Ursache meiner Krankheit zu sein, vorschlug, mich, bis zu meiner Genesung, ihres Hauses zu bedienen, so nahm ich dieses Anerbieten mit vielem Danke an, und ohnerachtet ich in der Zwischenzeit meines Fiebers wenig verrichten konnte, so pflegte mich diese Frau doch recht mütterlich; und sollte daher ein Exemplar dieses Büchelchens bis nach Pommern verschlagen werden, woran ich jedoch zu zweifeln Ursache habe, so nehme sie nochmals den Dank an, den ich ihr bei meiner Abreise nach der Insel Rügen abstattete. Doch so gefällig diese Frau gegen mich war, so wenig Nachsicht hatte ich von ihrem Manne zu hoffen; denn da ich mich anfänglich nicht an ihre Kost gewöhnen konnte und der Mann immer antwortete: »Dat es Husmanns-Kost«, wenn ich etwas begehrte, was nicht auf seinem Kochzettel stand, so mußte die Frau jede Abwesenheit des Grobians benutzen, um mir eine Suppe oder ein anderes dienliches Essen zuzubereiten. Zum Beweise, daß wirklich einige pommersche Gerichte nicht viel Einladendes für einen Fieberpatienten haben, will ich einige, so gut sie mir bekannt sind, hier anführen. Eine sehr gewöhnliche Speise bei ihnen ist die sogenannte Mehlgrütt; dieses ist nichts anders als ein von geschrotetem Kornmehl in Wasser und Salz gekochter dicker Brei, welchen sie auf folgende Art aufzutischen pflegen. Sie nehmen einen Löffel voll aus der Mitte der Schüssel heraus, legen ein Stück Butter hinein, welches sehr bald darin schmilzt, auf jeder Seite des Tisches steht eine Schale, worinne in der einen süße Milch, in der andern aber mit Sirup versüßtes Bier ist. Nun nimmt man einen Löffel voll von dieser Mehlgrütt, und es wird der Willkür der tafelnden Personen überlassen, ihn in das mit Butter angefüllte Loch oder in eine der beiden Schüsseln zu tauchen; da der Brei sehr heiß, die Milch und das Bier aber kalt aufgetragen wird, so kann man sich den Geschmack leicht denken. Ein anderes, weniger geschmackloses Essen, welches aber auch als ein Sonntagsgericht angesehen wird, ist dieses: Sie kochen Klöße, frischen Aal, Rosinen, Kartoffeln, Reis, gelbe Rüben und gewelkte Zwetschgen auf einmal in einem Topfe, und dieses Essen hat, wenngleich nicht viel Anlockendes, doch das Gute, daß unter so vielen Speisegattungen doch mehrenteils eine ist, die einem behagen kann.

Ich komme zu meinem Fieber zurück, welches sich so regelmäßig einstellte, daß ich beinahe jeden Paroxysmus auf die Minute wußte, denn es kam allemal Punkt zwei Uhr, deswegen legte ich mich jederzeit eine halbe Stunde vorher ins Bette, versah mich erst mit einer fünf Maß haltenden Kanne voll Hausbier, die ich allemal während dem Fieber ausleerte. Die größte Beschwerde verursachte mir die Kälte, die ich leiden mußte; denn da es Winter war, so mußte ich jedesmal, wenn ich trinken wollte, erst das angesetzte Eis mit einem bei mir habenden Hammer zerschlagen, und gemeiniglich verzehrte ich solches alsdann mit großem Appetit, wenn das flüssige Bier ausgegangen war. In diesen zehn Fiebermonaten brauchte ich außer dem Doktor alles, was man mir vorschlug, und unter andern auch folgende zwei Kuren. Erstlich legte man mir ein aus Schießpulver, Spinnengewebe und wer weiß aus was noch für andern Ingredienzien bestehendes Pflaster auf den Puls an beiden Händen und riet mir, zwei Stunden vor und zwei Stunden nach dem Fieber, wenn es möglich wäre, immer in Bewegung zu bleiben. Ich ging also die Straßen einigemal auf und ab und, um dem harten Pflaster auszuweichen, nachgehends auf den Wall; ich hatte bereits die Stadt einigemal umlaufen und war recht froh, daß die Zeit des Fiebers vorbei war, ohne etwas anders als Zuckungen im Rücken zu spüren, als ich der Schildwache des blauen Pulverturms auffallen mochte. Dieser gefiel es, mich anzuhalten und förmlich zu arretieren, weil sie glaubte, ich möchte etwas zum Nachteile der Festung oder des Pulverturms im Sinne haben. Er examinierte mich scharf, und da er mit meiner Entschuldigung, daß ich des Fiebers wegen da herumliefe, nicht zufrieden war, so gab er der nächsten Schildwache ein Zeichen, die es meldete, und so wurde ich nach dem Trebseer Tore gebracht. Zum Glück für mich hatte ein gewisser Dahlgrün, der mich kannte, die Wache; als ich diesem die Sache erzählte, so lachte er herzlich über die Sorgfalt des Soldaten, lobte seine Aufmerksamkeit und riet mir, mich gänzlich auf den Arzt zu verlassen. Ein andermal wurde mir vorgeschlagen, zu einem beim Zeuggarten wohnenden Metzger zu gehen, welcher die Gabe haben sollte, alle Arten von Fieber verschreiben und vertreiben zu können, und ich war damals einfältig genug, solch abgeschmacktes Zeug zu glauben. Er empfing mich ganz höflich, sagte, daß nichts leichter sei, als nach seiner Art jedes, auch das hartnäckigste Fieber zu vertreiben. Er frug mich, ob ich eine gute Natur habe, und als ich dieses mit Ja beantwortete, führte er mich in seinen Laden, hieß mir den Kopf auf ein daselbst befindliches Klotz legen und griff nach seinem Metzgersbeile. Diese Vorbereitung zur Fieberkur behagte mir aber so wenig, daß ich mir die Ausführung derselben verbat und ihm zu verstehen gab, daß, wenn er mich nebst dem Fieber auch vom Kopfe befreien, ich lieber beides behalten wollte. Er riet mir nun, denen, die mich an ihn gewiesen hätten, zu sagen, daß er das Fieber auf keine andre Art vertreiben könne. Ich war eben im Begriffe, das Haus dieses sonderbaren Doktors zu verlassen, als mir seine Frau, welche in der Küche mit der Zubereitung eines Spanferkels beschäftigt war, winkte, zu ihr zu kommen; ich war sehr unschlüssig, ob ich es tun sollte oder nicht, weil ich würklich glaubte, der Metzger habe die Absicht gehabt, mich durch Schrecken vom Fieber zu befreien, und daß seine Frau durch eine andere Art von Furcht das angefangene gute Werk vollenden wollte. Doch ging ich zu ihr, und da erfuhr ich erst, daß ich in Ansehung meiner Fieberkur nicht vor die rechte Schmiede gekommen war und daß nicht dem Metzger, sondern der Frau Metzgerin die Gabe, das Fieber zu verschreiben, verliehen sei. Sie frug mich, von welcher Art mein Fieber sei, wie lange ich es gehabt und ob ich Zutrauen zu ihrer Kur habe. Hier konnte ich freilich nur die ersten zwei Fragen mit gutem Gewissen bejahen; allein was tut man nicht, um eine schöne Frau, welches sie würklich war, mit einem selten gut aufgenommenen Nein zu verschonen und um ein böses Fieber loszuwerden. Ich bejahete ihr also alles, sie versprach mein Fieber in bester Form rechtens, und siehe da! den kommenden Tag, da es nicht wiederkommen sollte, kam es würklich – wieder. Mit diesem lästigen Fieber mußte ich mich beinahe ein ganzes Jahr herumtragen, bis ich es endlich verlor. Dabei aber ließ es doch eine solche Schwäche in den Gliedern zurück, daß ich mich lange nicht wieder erholen konnte. Einige Freunde rieten mir, um die Luft ein wenig zu verändern, nach der Insel Rügen zu gehen. Ich ging also einige Wochen vor Ostern, da die See vom Eise frei war, zu einem Fährmann, einen Platz zu bestellen, um den andern Morgen mit hinüberzufahren. Allein um Mitternacht erhub sich ein Nordwind, der das in der See zerstreute Eis (denn es war nur einige Tage vorher aufgegangen) in die Meerenge zurücktrieb und nebst dem alten wieder neues ansetzte, so daß ich des Morgens die See von einem Ufer bis zum andern zugefroren fand. Es hatten sich dreißig bis vierzig Personen, so hinüberwollten, versammlet, aber keine wollte sich dem noch jungen Eise anvertrauen. Wir hielten uns daher einstweilen am Strande auf, allein um zehn Uhr sahen wir schon die Fährleute vom jenseitigen Ufer herüberkommen. Diese wissen die Stellen sehr genau, wo die See am festesten zufriert; wenn das Eis noch jung ist, so wagt es nicht leicht jemand, ohne ihre Begleitung hinüberzugehen; sie gehen immer voraus, haben lange, mit Hacken versehene Stangen bei sich, um sie denen zuzureichen, unter welchen das Eis einbrechen möchte. Nach einem kurzen Aufenthalte traten wir alle den Weg über das Eis an, allein unsere Begleiter ließen uns nicht zusammen, sondern ganz einzeln gehen; auf vielen Stellen, und besonders auf dem Strom, Durch diese Meerenge fließt würklich ein sehr breiter Strom, der das See- oder, wie es dort heißt, das Binnwater ebensowenig annimmt als der Rhein das Wasser des Bodensees. Man nimmt ihn alsdenn sehr deutlich wahr, wenn sich das Eis in der Meerenge ansetzt, wie auch, wenn es wieder schmilzt; denn er frieret später zu als das Binnwater und tauet auch früher auf. Wenn man darüber wegfährt und darauf merkt, so ist es, als wenn das Schiff eine Stufe hinunter- und auf der andern Seite wieder eine hinaufführe. wo kein altes, sondern nur junges Eis war, fanden wir es würklich noch so dünne, daß es sich unter den Füßen bog; weil es aber noch jung war, hatte es keine große Gefahr, und wir erreichten glücklich das jenseitige Ufer. Auf dieser achtzehn Quadratmeilen enthaltenden Insel, welche eine Stunde von Stralsund entfernt ist und einen außerordentlich fruchtbaren Boden hat, liegen außer einer Menge Dörfer und Edelhöfe auch einige Flecken und Städte, worunter Bergen, auf einer kleinen Anhöhe, fast in der Mitte der Insel, die vornehmste ist.

Da ich meinen Weg über Gingst und Bergen nahm, so hatte ich nur die kleine Wesche Dieses sind Meerwasser, die sich tief ins flache Land hineinziehen und durch welche man waten muß. Wenn der Wind vom Lande wehet, so reicht das Wasser kaum bis an die Knie, kömmt er aber aus der See, so ist es merklich höher; ja wenn die See stürmisch ist, so kann man ohne äußerste Gefahr gar nicht durchkommen, sondern man muß entweder einen großen Umweg nehmen oder warten, bis sich der Wind legt und das Wasser wieder zurückfließt. Wenn man durchsetzt, darf man den jenseits herausführenden Weg nicht aus den Augen verlieren, sondern gerade auf denselben zugehen, um nicht in die Tiefe zu geraten; denn oft liegen die Schiffe kaum zehn bis fünfzehn Schritte weit von dem Orte, wo man durchgehen muß, vor Anker. zu passieren, welche auch zugefroren war; bei meiner Rückreise aber mußte ich durchwaten, welches für einen furchtsamen Reisenden ein äußerst verdrießlicher Umstand sein würde.

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