Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hedwig Dohm >

Vom Stamm der Asra

Hedwig Dohm: Vom Stamm der Asra - Kapitel 1
Quellenangabe
typecomedy
titleVom Stamm der Asra
authorHedwig Dohm
publisherEduard Bloch
addressBerlin
senderschreiner-stgt@gmx.de
created20020511
noteSeitenreferenzen hinter das getrennte Wort gezogen
firstpub1876
Schließen

Navigation:

José de Larra / Hedwig Dohm

Vom Stamm der Asra

Lustspiel in 1 Akt

Nach dem Spanischen des José de Larra von Hedwig Dohm, 1876

Eduard Bloch. Theater-Buchhändler in Berlin Brüderstraße 2

Eduard Bloch's Theater-Correspondenz Nr. 71 (ohne Jahr)

Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt

Personen

(Besetzung am Königlichen Schauspielhause zu Berlin)

Georg Werner, Bankier (Herr Goritz)

Helene, seine Frau (Frl. Meyer)

Heinrich Oswald (Herr Ludwig)

Camilla von Heimburg, eine junge Wittwe (Frl. Kessler)

Eugen von Mansfeld, ihr Bruder (Herr Liedke)

Eine Kammerjungfer

Ort der Handlung: Baden-Baden

Decoration:

Zimmer in einem Gasthof. Im Hintergrund eine Thür. Auf jeder Seite numerirte Türen. Auf der rechten Seite der Bühne ein breiter, dem Zuschauer sichtbarer Balcon. Zwischen der Thür und dem Balcon ein Schrank. Nahe der Thür zur Linken ein Tisch mit Schreibzeug. Im Hintergrund nach rechts ein Tisch, Sofa, Stühle u.s.w. Auf dem Tisch ist das Frühstück servirt.

1. Auftritt

Werner. Helene am Frühstückstische sitzend.

Werner am Tisch, rauchend, eine Zeitung in der Hand Nun, Helenchen, bist Du zufrieden? Hatte ich nicht Recht, als ich Dir von Baden-Baden vorschwärmte? Sieh Dich einmal um: dies Zimmer – dieser Kaffee schlürft den Kaffee. – diese Cigarren, und vor allen Dingen steht auf und sieht durch's Fenster. diese Landschaft! Selbst einen Geldmenschen. wie ich bin, stürzt sie in die Unkosten einiger Hochgefühle. Komm einmal her, Helene, und sieh durch dies Perspectiv. Helene thut es. nun, was sagst Du? Was meinst Du?

Helene gleichgültig Recht nett! Ganz hübsch!

Werner Recht nett! Ganz hübsch! So? Und weiter nichts? – Aber, Helene, das ist ja eine Beleuchtung, ein Lichtzauber à la Hildebrandt. Und diese Fontainen! Dieses Quellen und Gurgeln und Rieseln – o über alle Beschreibung! Und dort drüben, die duftige Form mit den feinen träumerischen Linien – Claude-Lorrain, wie er leibt und lebt! setzt sich. Und die Kellner! Ein Gemüth haben diese Leute hier! Denke Dir: gestern rede ich so einen brunetten Garçon französisch an, und er antwortet mir – deutsch,ja wohl, deutsch! Seitdem ich diese patriotisirten Kellner entdeckt habe, glaube ich fest, daß die Menschheit auf dem Wege zu Vollkommenheit begriffen ist. Er bemerkt, daß Helene zerstreut ist. Aber Du frühstückst ja gar nicht, liebes Kind. Woran denkst Du?

Helene sich zusammennehmend. Ich? An nichts. Woran sollte ich auch denken? – Reisen wir bald wieder ab, Georg?

Werner Du äußerst Dich ja recht freundlich über Baden-Baden! Indessen, wenn Du willst, können wir schon morgen unsere Zelte hier abbrechen.

Helene Ach ja, lieber Mann; bitte, bitte!

Werner Helene, sieh mich einmal an! Da sie sich abwendet, nimmt er ihre Hand. Du bist traurig, Helene!

Helene Ich traurig? Gott bewahre. Gewiß nicht, lieber Georg. Willst Du nicht noch ein Stückchen Zucker?

Werner Kind, gib Dir keine Mühe, Dich zu verstellen. Du bist traurig, und zwar seit unserer Abreise aus München. Was kannst Du nur haben? Sonst pflegtest Du auf der Reise vergnügt und heiter zu sein – weißt Du noch, damals in der Schweiz, wie wir ganz versessen darauf waren, mit Muth, Gottvertrauen, Führern und Stricken bewaffnet, unser Leben auf den Spitzen verschiedener Eisberge zu balanciren?

Helene Um Gottes willen, Georg, schweig! Erinnere mich nicht an jene unglückselige Schweizer-Reise.

Werner Du hast Recht. Ich bin auch wirklich zu zerstreut! Dir kann diese Erinnerung nicht fataler sein, als sie es mir ist. – Der arme Junge!

Helene Sterben zu müssen, so jung, so gut, so schön.

Werner Ich hatte den treuen frischen Menschen wirklich lieb gewonnen. Auf unseren Berg-wanderungen war er stets an meiner Seite. Du warst auch immer dabei. Ja welcher vernünftige Mensch kommt auch darauf, sich das Leben zu nehmen! Hätte es nicht in den Zeitungen gestanden, ich hätte es nimmermehr geglaubt. Und kein Mensch weiß eigentlich so recht, warum er sich auf diesem ungewöhnlichen Wege der Badegesellschaft empfohlen hat.

Helene O doch, Georg, doch! Niemand zweifelte damals daran, daß eine unglückliche Leidenschaft – o Gott! – ihn in den Tod getrieben.

Werner Unglückliche Leidenschaft – warum nicht gar? Ich sage Dir ja, er war ein ganz vernünftiger Mensch.

Helene Nun, und was beweißt das? Meinst Du, daß Vernunft und Selbstmord sich ausschließen?

Werner Gewiß. Ein Selbstmörder ist ein Narr, der einen Dummkopf tödtet.

Helene Du freilich, Du glaubst nicht an eine große Leidenschaft – Du würdest niemals aus Liebe tödten – Pedant!

Werner Gott bewahre mich davor!

Helene Nicht einmal für Deine eigene Frau!

Werner Wenigstens würde ich es äußerst ungern thun. Ich würde mir sagen: Georg, entweder betrübst Du die Frau, die Du liebst, auf das schmerzlichste durch Deinen Tod, und das wäre eine Gewissenlosigkeit, eine Grausamkeit – oder die Schlange frohlockt über das Ende Deines Lebens und den Anfang ihrer jungen Wittwenschaft; und in diesem Falle, gestehe ich, würde ich nicht die geringste Lust verspüren, das Entrée zu ihrem Amüsement mit meinem Leben zu bezahlen.

Helene Du argumentirst nicht übel; Du vergissest nur das Eine: Wer wahrhaft liebt, der reflectirt, der philosophirt überhaupt nicht.

Werner Der – stirbt. Nicht wahr? – Ich bin nun thöricht genug, mir einzubilden, daß ich Dir lebendig mehr nützen kann als todt. Hinter meinem Comtoirtisch mehr als da unten im Grabe. Habe ich nicht Recht, Helene? Thue ich nicht, obgleich ich lebendig bin, alles Mögliche, um Dich zur glücklichsten kleinen Bankiersfrau Berlins zu machen? herzlich Lenchen. liebes Lenchen, sollte mir das wirklich so wenig gelungen sein?

Helene Aber, lieber Georg, wer sagt denn das?

Werner Wirklich, mein Kind, ich begreife gar nicht, wie Du ohne mich leben wolltest, ohne meine Liebe, ohne mein Geld. Ich versichre Dir, wenn Du – was der Himmel verhüten möge – einst Wittwe werden solltest, es würde mich mehr um Deinetwillen als um meinetwillen schmerzen.

Helene Ich weiß es ja längst, daß Du der beste Gatte, der beste Mensch, der beste Bankier bist – ja ganz gewiß.

Werner Dein Beifall ist mein Stolz. Doch Du bist heut etwas gereizt – lassen wir dieses todesahnungsschaurige Gespräch fallen! Wirf lieber einen Blick in dies reizende Thal und athme die reine frische Bergluft, das wird Dir wohlthun.

2. Auftritt

Vorige. Eugen

Während Werner durch die offene Balconthür schaut, erscheint Eugen leise durch die Mittelthür im Hintergrunde, Helenen eine Brief zeigend, den er in der Hand trägt.

Helene ihn erblickend, erschrocken O mein Gott!

Eugen flüsternd Still! Er zeigt dringend auf den Brief und bittet sie durch sein Minenspiel, denselben zu nehmen.

Helene leiseUnmöglich!

Werner sich umwendend Ist Jemand da? Eugen ist schnell durch die Thür wieder verschwunden. Sprachst Du mit mir, mein Kind?

Helene verwirrt. Ich? – Ja wohl – ich fragte dich – ob Du wohl bemerkt hättest - -

Werner immer noch in der Balconthür. Du meinst den Reisewagen, der da unten vor dem Hotel hält? Ja wohl; eine Dame steigt aus – ein allerliebstes graziöses Persönchen nimmt sein Lorgnon. Holla! Sehe ich recht? Lenchen, wenn mich nicht Alles täuscht – kein Zweifel, sie ist es. Helene, wenn Du wüßtest! – – Rathe einmal, rathe!

Helene bemüht sich zu sehen Aber wer ist es denn? Kenn ich sie?

Werner Das will ich meinen! Eine kleine, pikante, reizende Wittwe – denk an die Pension!

Helene Camilla?

Werner Getroffen! Ich wenigstens halte sie dafür.

Helene Wie ist das möglich? Wie sollte Camilla gerade jetzt nach Baden-Baden kommen? Und allein? Ich muß mich davon überzeugen - - laß mich hinunter.

Werner Bleibe lieber einstweilen hier. Das Gepäck scheint ihr Ungelegenheiten zu machen; ich will ihr meine Dienste anbieten und bei dieser Gelegenheit mir Gewißheit verschaffen, ob sie es wirklich ist.

Helene Warte doch - - bitte laß mich nicht allein! Ich will mitgehen.

Werner Was fällt Dir ein? Fürchtest Du Dich etwa hier bei hellem lichten Tage? Ich könnte mich ja doch wohl getäuscht haben. Warte hier; ich bin im Augenblick wieder da. Ab.

3. Auftritt

Helene. Gleich darauf Eugen.

Helene Georg läßt mich allein. Wenn er inzwischen käme - - - mein Gott, da ist er schon.

Eugen schnell eintretend Aus Mitleid, gnädige Frau, nur aus Mitleid nehmen Sie diesen Brief.

Helene Nimmermehr. Welches Recht, mein Herr, habe ich Ihnen gegeben - -

Eugen Leider keins! Aber hören Sie mich an – nur einen Augenblick!- Seit fünf Tagen folge ich Ihnen, stumm wie das Grab. Seit einer Woche, gnädige Frau, bete ich Sie an. Ich kam nach München, sah Sie und – liebe Sie. Ist das meine Schuld? Plötzlich reisen Sie ab, heimlich ,des Nachts, ohne Abschied. War das recht, meine Gnädige? Mein Schmerz läßt mir noch so viel Besinnung, ein Eisenbahnbillet zu lösen und mich in ein Coupé zu stürzen, um Ihnen zu folgen.

Helene Diese Verfolgung eben, die Ihnen so viel Vergnügen zu machen scheint, finde ich absurd.

Eugen Sagen wir: unverschämt.

Helene Wohin ich den Blick wenden mag, treffe ich Ihr Auge –

Eugen Ich liebe Sie!

Helene Wenn ich vor einem Hotel absteige, sind Sie es, der den Schlag meines Wagens öffnet - - -

Eugen Ich liebe Sie!

Helene Überall Sie, und immer Sie ! - - -

Eugen Wenn das "Sie" Ihnen lästig fällt, sagen wir "Du"!

Helene Ich frage Sie, ob ein Mann von Ehre ein solches Benehmen mit seinem Gewissen rechtfertigen kann!

Eugen Nicht im mindesten. Sie haben vollkommen Recht: mein Benehmen ist unverantwortlich – nennen Sie es verbrecherisch, wahnsinnig; nennen Sie es wie Sie wollen! Wer aber gibt Ihnen das Recht. Vernunft und Besonnenheit von mir zu verlangen? Fordern Sie Liebe von mir –

Helene Welche Sprache gegenüber einer verheiratheten Frau!

Eugen Verheirathet? Ich glaube nicht an die Ehe; ich glaube nur, daß Sie unaussprechlich reizend sind! Will ihr die Hand küssen; sie entzieht ihm dieselbe.

Helene Entfernen Sie sich, mein Herr, auf der Stelle. Sie, ein mir völlig fremder Mann, wagen es –

Eugen Fremd? Völlig fremd? Keineswegs. Ich brauche nur ein Wort zu sagen, und Sie erfahren, daß ich einer Familie angehöre, welche das Glück hat, von Ihnen nicht nur gekannt, sondern ich – leider nur theilweise – geliebt zu werden. Ich werfe mein Incognito ab und –

Helene die nur halb hingehört hat. Um Gottes willen, schweigen Sie! Ich höre draußen Geräusch! Geht nach der Thür.

Eugen ihr den Weg tretend Besorgen Sie nichts, gnädige Frau; ich bin der discreteste Mann unter der Sonne

Helene Gehen Sie, gehen Sie! Ich werde versuche zu vergessen, was Sie gesprochen haben. Bei Seite. Ich zittre vor Angst.

Eugen Sie werden diesen Brief lesen!

Helene Ich werde ihn nicht lesen.

Eugen Er ist mit meinem Herzblut geschrieben.

Helene Und wenn er auch mit Tinte geschrieben wäre – gehen Sie!

Eugen Sie wollen ihn nicht lesen? Gut – so verbrennen Sie ihn wenigstens; aber nehmen müssen Sie den Brief.

Helene voll Angst.(für sich.) Es ist Camillas Stimme. Wenn mein Mann mich hier träfe; allein mit einem Fremden! Laut Entfernen Sie sich so schnell als möglich. Sie sehen meine Angst; ich bitte Sie flehentlich darum! Eilt ab durch die Thür im Hintergrunde.

Eugen will ihr folgen Nur ein Wort noch, ein einziges Wort!

4. Auftritt

Eugen.

Eugen allein. Kehrt nach dem Vordergrunde zurück und zerreiß den Brief. Und ich behalte meinen Brief! Schade – er war mit einem Feuer geschrieben; keine Lukretiahätte ihm widerstehen können. – Was nun? Ob ich mein Vorhaben aufgebe? – Unmöglich!Erstens liebe ich die kleine Spröde in der That ganz wahnsinnig; und dann, so ohne jeden Erfolg das Feld zu räumen, wäre gegen meine Ehre. Ohne Kampf kein Sieg; kämpfen wir alsound wagen wir das Äußerste! Dort ist ein Balcon. Dieser Gasthofs-Salon steht jedem Fremden zur Benutzung frei. Nehmen wir unsere Position und warten wir ab; vielleicht haben wir spätermehr Glück. Tritt auf den Balcon, dessen Thür er von außen halb zumacht.

5. Auftritt

Camilla. Helene. Werner. Eine Kammerjungfer.

Camilla und Helene treten Arm in Arm ein. Werner, mit Gepäckbeladen, folgt ihnen. Eine Kammerjungfer, ebenfalls Gepäcktragend, folgt Werner.

Camilla Ich kann dir nicht sagen, meine liebe theure Helene, wie ich mich freue, dich wiederzusehen, und so unverhofft.

Helene Für mich ist es eine märchenhafte Überraschung. sich umschauend, für sich: Ich athme auf; er ist fort.

Camilla zurKammerjungfer, auf eine Thür zur Linken zeigend. Trage das Gepäck nach Nr. 6, das ist mein Zimmer. Kammerjungfer ab.

Werner einen Kasten von Mahagoniholz haltend. Und was soll mit diesem wuchtigen Kasten geschehen?

Camilla lächelnd. An dem habe ich keinen Theil; mein liebenswürdiger Bruder hat ihn mir aufgebürdet – soviel ich weiß, ist es ein Pistolenkasten. Sie haben wohl die Güte, ihn einstweilen auf den Tisch zu stellen. – Mein Bruder und ich, wir haben uns hier in Baden-Baden ein Rendez-vous gegeben. Ich komme aus Rom, er aus Paris oder irgend einer anderen Weltstadt Europa's. Unter uns gesagt, mein guter Bruder Eugen ist ein wenig mauvais sujet. Er hat so etwas von Don Juan oder Manfred oder sonst einem fashionablen Ungeheuer in sich, ist aber übrigens ein ganz charmanter junger Mann. Soll ich Dir etwas verrathen, Helene? Er schwärmt für Dich.

Helene Ohne mich jemals gesehen zu haben?

Camilla Nach dem, was ich ihm von Dir erzählte. Er behauptet, Du müßtest reizend sein. Sind Sie eifersüchtig, Herr Werner?

Werner Ein Othello bin ich gerade nicht; indessen möchte ich doch nicht für meinen Gleichmuth stehen, wenn Jemand sich erdreisten sollte, Helenchen ernstlich die Cour zu machen. Allein daran ist wohl nicht zu denken; bis jetzt hat noch Niemand es gewagt, auch nur mit einem Blicke, geschweige denn –

Helene leise zu Werner. Sei nicht böse. Du weißt, ich habe keine Geheimnisse vor Dir; aber sie auf Camilla deutend. will mir etwas anvertrauen. Du verstehst?

Werner leiseIch verstehe laut Verehrteste Freundin, Sie entschuldigen mich wohl, wenn ich Sie verlasse. ich habe noch einige Einkäufe für meine kleine Tyrannin zu besorgen.

Helene Willst Du schon fort, lieber Georg?

Werner Ich muß. Adieu, mein Kind; auf Wiedersehen, gnädige Frau. Ich lasse Sie beide mit gutem Gewissen allein; spricht sie, die Schlange, schlecht von mir, dann ist es pure Verleumdung. Es ist eine Schwäche von mir, aber ich liebe diese kleine Person weit über ihr Verdienst. Ab

6. Auftritt

Helene. Camilla.

Helene Meine einzig, liebste Camilla, wie lange, wie unendlich lange haben wir uns nicht gesehen!

Camilla Nicht ein einziges Mal seit der Pension. Was liegt alles zwischen damals und heut!

Helene Was haben wir seitdem erlebt, gefühlt, gelitten!

Camilla Wir haben uns inzwischen beide verheirathet, Du in Berlin, ich in Wien.

Helene Und bist Du glücklich gewesen, Camilla? Ich habe eine Photographie Deines Mannes gesehen. Was für ein schöner, glänzender Cavalier!

Camilla Sehr glänzend in der That! Darum bedurfte er auch stets eines leichten Firnisses von Skandal, um seine Reputation zu conserviren. So glänzend war er, daß er schließlich um einer Tänzerin willen, aus der er sich nichts machte, die aber gerade in der Mode war, sich im Duell erschießen ließ. Übrigens haben wir niemals ein unfreundliches Wort mit einander gewechselt – wir liebten uns nicht.

Helene Arme Camilla! Und Du, so lebenslustig, so voll sprudelnder Heiterkeit, wie hast Du Dein Schicksal ertragen?

Camilla Ungefähr so, wie die meisten Frauen in meiner Lage es getragen haben würden. Im ersten Jahr grämte ich mich still weg, ohne alle Hintergedanken. Ich war eine lebendige Elegie: thränenden Auges wandelte ich umher; was ich sprach, waren – Seufzer, was ich dachte – Jammer. Im zweiten Jahre fing ich an nachzudenken. Ich hielt Monologe; ich sagte mir: Camilla, Du könntest so glücklich sein! Warum bist Du es nicht? Warum mußt Du wie Tantalus, im Überfluß darben? Warum darfst Du nicht glücklich sein? Warum nicht? – Ich sah zwei Wege vor mir. Der eine führte zu einem stillen Landsitz, einer Art Kloster, in einer schönen Gegend, wo ich, ein Bild erhabener Tugend, einsam mit meinem Schmerz und meinem Pianino, auf die Freuden des Jenseits hoffend, meine Erdentage gottselig hätte beschließen können. Fast hätte ich diesen Weg eingeschlagen; aber ich fürchtete – vor Langeweile zu sterben. Womit sollte ich die Pausen zwischen dem Diner und dem Clavierspiel ausfüllen? In allen Romanen, die ich gelesen, mochten sie auf der Höhe oder in der Tiefe spielen, pflegten die Frauen, die sich der Einsamkeit ergaben, ihre Musestunden mit – Reue auszufüllen. Nun frage ich Dich: woher sollte ich, ein auf Hymens Altar schuldlos geopfertes Lamm, die Reue nehmen?

Helene Aber sagt man nicht, liebe Camilla, daß im Bewußtsein strenger Pflichterfüllung ein ächtes und reines Glück zu finden sei? Sagt man nicht –

Camilla Was sagt man nicht Alles! – Ich habe keinen Ehrgeiz, und ich will Dir offen gestehen, daß der zweite Weg, den ich vor mir sah, mir verlockender erschien. Nachdenken erzeugte bei mir die Erkenntniß, daß es einfach die Pflicht eines jeden Menschen sei, sich seinen Antheil an den Genüssen des menschlichen Lebens zu verschaffen – schalkhaft wie sich von selbst versteht, ohne der ehrenwerthen Dame Moral zu nahe zu treten.

Helene Ich hätte nie geglaubt, daß Du so leichtfertig denken könntest.

Camilla Meinst Du? – Ich kann Dir sagen, Helene: Nichts richtet den Menschen mehr zu Grunde als Unglück. Wer nicht geliebt wird, ist nur der Schatten eines Menschen, überall einsam. Und darum fühle ich mich von einer maßlosen Sehnsucht nach Glück und Liebe erfaßt. Da, im entscheidenden Augenblick –

Helene Besannst Du Dich zur guten Stunde eines Besseren – nicht wahr, meine Freundin?

Camilla Da – starb mein Gatte, und ich war frei.

Helene Und willst es bleiben? Verzeihe der Freundin diese Frage.

Camilla Dir kann ich es vertrauen, Helene. Denke Dir, ich habe einen wahren Backfischstreich begangen: ich habe mich verliebt.

Helene In wen?

Camilla In einen jungen Kaufherrn, einen gebornen Hamburger, den ich im vorigen Jahr auf Helgoland kennen gelernt.

Helene Und erwiedert er Deine Neigung?

Camilla Natürlich! Oder vielmehr umgekehrt: ich erwiedre sie seinige. Er ist sehr reich; ich habe mich aber vorläufig noch nicht entscheiden können, ihn zu heirathen.

Helene Und warum nicht?

Camilla Weil er mich – zu sehr liebt.

Helene Das ist gar nicht möglich.

Camilla Doch Kind! Seine Seele steht immer in Brand.

Helene Ach, Du Glückliche! Ein solcher Mann war immer der Traum meiner Jugend. Ich sage Dir, Camilla, es giebt phlegmatische Männer, die –

Camilla Aber Kind, Du steckst ja voll netter Vorurtheile! glaube mir, jede Liebe hat ihre Illusionen, und jede Illusion hat ihren Lendemain. Selbst der feurigste Vulkan beruhigt sich, der Sturm tobt aus – und dann?

Helene Mag sein. Und doch – gliche mein Georg Deinem Verliebten –

Camilla Warum nicht gar! Ein Bankier und ein Vulkan! Danke dem Himmel, daß er Dir einen soliden, dauerhaften Mann geschenkt hat, der Dich ohne alle Frage von Herzen liebt.

Helene Er ist ein guter, ein wahrhaft guter Mensch; aber Camilla, er ist ein Alltagsmensch, und die Seele will doch auch einmal ihren Sonntag haben. Ich kann das Gefühl nicht los werden, als erwarte mein Herz noch immer –

Camilla Irgend wen?

Helene Wenigstens irgend was. Ich empfinde an seiner Seite nie so recht mein ganzes volles Leben. Sieh, z.B. gestern: entzückt stehe ich in der herrlichen Morgenlandschaft neben ihm. Unter Seelenschauern leuchtet mir die ganze Natur wie ein Rosenfeuer auf. Übermannt von Glückseligkeit ergreife ich seine Hand und flüstere: "Georg!"

Camilla Und er?

Helene Er? Fragt: "Lenchen, soll ich – Dir den Kaffee bestellen?"

Camilla"Lenchen?" Allerdings. Hätte er Dich wenigstens "Helena" genannt.

Helene Ein ander Mal – es war im Mondenschein; ein elektrischer Glanz legt sich um Busch und Baum, und süße, heilige Düfte entströmten den Kelchen der Blumen. Ich stehe, an seine Schulter gelehnt, wortlos, von dem leidenschaftlichen Zauber der Mondnacht ganz umstrickt. Und er, Camilla –

Camilla Steckt sich doch nicht etwa eine Cigarre an?

Helene Nein, viel schlimmer als das: er – gähnt fürchterlich. Was ist ihm die Majestät des Sternenhimmels, was das geheimnißvolle Weben der Sommernacht? Er gähnt!

Camilla In der That, liebes Kind, ich bin erstaunt über Deine schwärmerische Überschwenglichkeit. Sei vernünftig; nimm Deinen Mann wie er ist, und erwiedre seine Liebe – man wird nicht alle Tage geliebt! Wenn das übrigens Deine einzige Sorge ist –

Helene Es ist nicht die einzige. Ach Camilla, weit einigen Tagen bin ich in einer verzweiflungsvollen Lage, und – was das Schlimmste ist – ich muß meine Stimmung vor meinem Manne sorgfältig verbergen.

Camilla Und warum?

Helene Es handelt sich um ein Abenteuer.

Camilla Was? Ein Abenteuer? Und davon hast Du mir noch kein Wort gesagt?

Helene Ein junger Mann hat sich in mich verliebt. Er ist uns von München aus bis hierher gefolgt. Denke Dir nur: noch vor wenigen Minuten stand er hier in diesem Zimmer und wollte mich zwingen, einen Brief von ihm anzunehmen.

Camilla lachend Ha, ha, ha! Und das erzählst Du mir mit so komischem Ernst? Was ist denn daran so Erschreckliches? Weißt du, ich finde nichts amüsanter als so ein kleines Abenteuer. – Ist er hübsch?

Helene Sehr. Er hat große blaue Augen.

Camilla Nun, so wirst Du Dich um so besser amüsiren.

Helene Amüsiren? Camilla, wenn ich bemerke, daß Jemand ein außergewöhnliches Interesse an mir nimmt, dann gerathe ich in eine unbeschreibliche Angst, und ich versichere Dir –

Camilla Aber Helene, wir können doch nicht gleich um Hilfe schreien, wenn sich einer in uns verliebt!

Helene ihr die Hand drückend, bewegt Sprich nicht so, Camilla. Vernimm denn und wisse: ich habe den Tod eines Menschen auf dem Gewissen.

Camilla Ist das wahr? Den Tod eines Menschen? Erkläre Dich!

Helene um sich blickend, nach einer kleinen Pause. wir sind allein, ich will Dir Alles sagen. Es ist jetzt zwei Jahre her. Wir hielten uns in Interlaken auf, als ein junger Mann dort erschien, den Niemand kannte. Er wurde Fritz Heinrich genannt; allein Jedermann wußte, daß dies nicht sein richtiger Name war. Man hatte allerlei Vermuthungen über ihn und den Zweck seines Aufenthalts; Manche glaubten, daß eine geheime politische Mission ihn in die Schweiz geführt habe. Werner schloß sich dem jungen Mann auf das freundlichste, ja mit einer gewissen Herzlichkeit an. Du erräthst –

Camilla Ich errathe. Herr Incognito verliebte sich sterblich in Dich. Und Dein Mann?

Helene Merkte Nichts.

Camilla Der brave Mann!

Helene Fritz gestand mir seine Liebe. O könnte ich Dir seine Worte wiederholen! Er sprach so innig, so leidenschaftlich- ich höre noch den Ton seiner Stimme – ach! Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich ihn streng in seine Schranken zurückwies.

Camilla Natürlich!

Helene immer bewegter Eines Tages kam er zu mir, aufgeregter, leidenschaftlicher denn je. Sein Antlitz was bleich, die Augen in Thränen gebadet; er bat, er beschwor mich um ein Wort des Mitleids, ein kleines Wort der Hoffnung. Camilla, mir blutete das Herz; aber keine Miene verrieth, was in mir vorging. Voll Verzweiflung verwünschte er sein Leben, ersehnte er sich den Tod. Endlich ging er – und –

Camilla Du riefst ihn nicht zurück?

Helene Ich rief ihn nicht zurück – er kam von selbst. An der Thür wandte er sich noch einmal um; seine Stimme klang wie die eines Sterbenden, als die Worte sprach, jene Worte, die sich unauslöschlich in meine Seele gebrannt haben, die ich noch auf meinem Sterbebett hören werde.

Camilla Welche Worte?

Helene Helene"Ich bin vom Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben!" Er ging. Ich sah ihn nie wieder – ich werde ihn niemals wiedersehen. Am folgenden Tage stand im Journal von Interlaken ein Wort, das mich wahnsinnig machte – es hieß! Selbstmord.

Camilla Der Unglückliche hatte sich das Leben genommen?

Helene Ja, ein Brief, den er seinem Diener zurückgelassen, bestätigte, daß sein Entschluß ein vorbedachter gewesen. Man stellte die sorgfältigsten Nachforschung in der ganzen Umgebung an. Endlich fand man am Rande eines Abgrundes –

Camilla Seine Leiche?

Helene Seinen Hut

Camilla O mein Gott! Das ist ein trauriges Abenteuer!

Helene Um meinetwillen gab er sich den Tod. Ach, Camilla, was soll eine Frau thun, die so geliebt wird?

Camilla Im Allgemeinen soll sie wieder lieben. Aber freilich, es giebt Ausnahmefälle, wie der Deinige, wo die Moral - - Höre, das ist wirklich eine entsetzliche Geschichte. dieser Fritz hätte Dich ernstlich compromittiren können; er hat mit einem unverzeihlichen Leichtsinn gehandelt.

Helene Leichtsinnig nennst Du, was mir erhaben erscheint? Er hat mir sein Leben geopfert; glaube mir, an ihm ist ein großes Herz zu Grunde gegangen.

Camilla Um Gottes willen, hör' auf, Helene! am Ende bereust Du noch Dein strenges Betragen!

Helene Der Unglückselige! Hätte ich ahnen können - -

Camilla Du hättest doch nicht –

Helene Gewiß nicht, Camilla; Du kennst ja meine Grundsätze. Aber im Grunde ist doch Alles leichter zu ertragen, als die Schuld am Tode eines Menschen.

Camilla Nun, Deine Grausamkeit läßt sich nun einmal nicht rückgängig machen. Darum klage nicht mehr um die Todten, sondern denk' an Deinen Gatten.

Helene Ach, die Gatten! Die bringen sich niemals um!

Camilla Das fehlte auch noch!

Helene Immer sehe ich ihn vor mir, den Todesschweiß auf der blassen Stirn! Es ist genug an einem Opfer, nicht zum zweiten Male würde ich den Muth haben, einen Menschen um meinetwillen dem Verderben geweiht zu sehen.

Camilla Um auf Deinen Münchener Unbekannten zurückzukommen, der wird doch nicht etwa auch mit Mordgedanken, Schießgewehr und Abgründen umgehen?

Helene Der Himmel verhüte es! Ich habe ihn mit einer würde abgewiesen, mit einer Strenge, daß ihm nichts übrig bleibt. als auf der Stelle abzureisen..

Camilla Ihr seid doch Beide, Du und Dein Gatte vortreffliche Menschen. Und jetzt, mein liebes Helenchen nimmst Du es mir wohl nicht über, wenn ich mich auf kurze Zeit zurückziehe. Meine Toilette bedarf einiger Retouchen, und mein Bruder kann jeden Augenblick eintreffen.

Helene Wie? Um Deinen Bruder zu empfangen, willst Du Dich putzen?

Camilla Möglich, daß er nicht allein kommt. Ich habe zwar einem gewissen Jemand streng untersagt, mich hier aufzusuchen; allein, gehorchen denn die Männer und immer, wie sie sollten? Also, Helenchen, auf wiedersehen! ab in ihr Zimmer.

Helene Ich will einmal nachsehen, vielleicht ist Georg schon zurück.

Wie sie sich nach der Balconthür wendet, tritt Eugen, der während des Vorigen schon mehrmals zur Thür hereingesehen und durch sein Mienenspiel zu verstehen gegeben, daß er Alles gehört hat, ihr entgegen, mit wirrem Haar, nachlässigem Anzug und allen Zeichen äußerster Erregung.

7. Auftritt

Helene. Eugen.

Helene ihn erblickend Schon wieder er! also noch hier? Ich bin allein – geschwind! Sie will fort.

Eugen Eugen mit dem Ausdruck wahrer Leidenschaft. Einen Augenblick! – gnädige Frau, ich befand mich bereits auf dem Wege nach Amerika. Schon wurde die Entfernung, die uns trennte, größer und immer größer –

Helene Das hatte ich von Ihnen erwartet, mein Herr.

Eugen Fliehen wollte ich diesen Ort, obgleich eine geliebte Schwester mich hier erwartet.

Helene Was sagen sie?

Eugen Ja, ich bin der Bruder Ihrer Freundin, Camilla's Bruder.

Helene erschreckt Eugen von Mansfeld? Erlauben Sie, ich will Camilla sogleich benachrichtigen.

Eugen sie zurückhaltend Es ist unnütz. Nicht um meiner Schwester willen bin ich zurückgekehrt: ich bin gekommen, um Sie, gnädige Frau, noch einmal, zum letzten Mal zu sehen. Helene macht eine abwehrende Bewegung. Gut! Fahren Sie fort! Treiben Sie mich durch Ihre Kälte zur Verzweiflung. Keine Klage soll über meine Lippen kommen, aber mein Entschluß ist gefaßt.

Helene Ich verstehe Sie nicht – ich wage nicht – aber, Herr von Mansfeld, muß ich Sie denn wieder und immer wieder daran erinnern, daß ich verheirathet bin?

Eugen Warum sind – Sie verheirathet?

Helene Ängstlich Mein Gatte –

Eugen Was hindert mich, Ihren Gatten umzubringen? Er wäre der erste Gatte nicht, der seine Anmaßung mit dem Leben bezahlt hätte.

Helene Welche Anmaßung? Daß er mich liebt –

Eugen Was für ein Recht hat er, Sie zu lieben? Wie kommt er dazu, der Philister, der im Stande ist zu gähnen, wo unser Seelen, Helene erglühen würden! Helene zuckt zusammen. Zärtlich Ach Helene, wir könnten so glücklich sein! Unsere Herzen haben für tausend Empfindungen Raum!

Helene Ich sollte treulos meine Pflicht verrathen? Nimmermehr!

Eugen Ich sollte feig dem heißen Trieb in meiner Brust entsagen? Nimmermehr!

Helene Ich verachte eine Liebe, die der Ehre baar ist.

Eugen Ich verachte eine ehrbare Herzlosigkeit.

Helene Verlassen Sie mich, Herr von Mansfeld! Schon die Vorstellung eines solchen Unrechts macht mich schaudern. Beendigen wir diesen Streit.

Eugen Wie jeden Streit unter Liebenden Will sie umarmen.

Helene ihn abwehrend Herr von Mansfeld!

Eugen Gut! So weihe ich mich dem Untergang! Schon sehe ich den Abgrund, in welchen meine Leidenschaft mich hinabstürzt –

Helene Abgrund? Unglückseliger!

Eugen Mein Leben, Helene, gehört Dir; und du willst nicht, daß ich lebe!

Helene entrüstet Sie nennen mich "Du", mein Herr?

Eugen Kann ich denn anders? Lieben wir uns nicht, Helene?

Helene Schonen Sie meiner, Herr von Mansfeld! Ich bitte sie inständigst im Namen Ihrer Schwester, die Ihnen so zärtlich zugethan ist.

Eugen Und ich beschwöre Sie im Namen dieser selben Schwester – Helene, Deine Liebe oder den Tod! Sinkt ihr zu Füßen

Helene für sich Wehe mir! Ich bin von Selbstmördern umringt! Eine zweite Medusa, entziehe ich dem Leben, wer mich erblickt. Und die arme Camilla! O mein Gott, sie hat nur diesen einzigen Bruder! Wie sie sich umsieht, gewahrt sie Eugen, der inzwischen aufgestanden und an den Tisch getreten ist, auf dem der Pistolenkasten steht. Er ist beschäftigt den letzteren zu öffnen. Was thun Sie da?

Eugen der eine Pistole herausgenommen hat Ich erwarte Ihren Richterspruch; das Henkeramt besorge ich selber.

Helene halblaut Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe.

Eugen im Tone der Verzweiflung Sie wollen also, daß ich sterbe?

Helene Wahnsinniger!

Eugen So habe denn das Schicksal seinen Lauf! Wehe Ihnen, wenn Sie wagen, es aufzuhalten!

Helene Eugen! Eugen!

Eugen Sie ruft meinen Namen!

Helene zu ihm schwankend Nein, nein! Niemals – nimmermehr darf das Äußerste geschehen! Wohlan denn, sprechen Sie! Was wollen, was fordern Sie von mir?

Eugen sich ihr schnell nähernd Was ich fordere? Geliebte Helene, nichts, gar nichts, als nur einmal mit Ihnen ungestört reden zu dürfen. Wollen Sie?

Helene Mein Gatte muß jeden Augenblick zurückkehren.

Eugen Gut. Also später – um vier Uhr, in diesem Zimmer. Ich werde Ihren Gatten zu entfernen wissen.

Helene Und dann?

Eugen Und dann – ich verlange so wenig, fast nichts. Wahre Liebe ist so bescheiden, Sie wissen gar nicht, wie bescheiden.

Helene Und um diesen Preis liefern Sie mir Ihre Waffen aus?

Eugen Sofort.

Helene Schnell, geben Sie her! Eugen will ihr den Kasten überreichen, sie weicht ängstlich zurück. Nein, ich mag diese Mordinstrumente nicht anrühren. Verschließen sie den Kasten und stellen Sie ihn dort in jenen Schrank.

Eugen Wie Sie befehlen. Er stellt den Kasten in den im Hintergrund befindlichen Schrank und tritt zurück. Helene eilt zu dem Schrank und verschließt denselben Was thun Sie?

Helene Ich verschließe den Schrank und verwahre den Schlüssel. Steckt den Schlüssel in ihren Gürtel. So – nun bin ich ruhiger.

Eugen Und Sie werden Ihr Versprechen halten?

Helene Ich werde halten, was ich versprochen habe. Aber jetzt verlassen Sie mich. Schnell! Eilt ab in ihr Zimmer.

Eugen Um vier Uhr! Die Thür schließt sich hinter ihr. Da wären wir unserem Ziel um einen Riesenschritt näher gekommen. Sein Haar ordnend, pathetisch citirend "Ich bin von Stamme jener Asra", oder: "Deine Liebe oder den Tod!" – Freilich, besonders edel ist das Mittel nicht; indessen in der Liebe wie im Kriege gilt jede List, und ich liebe diese reizende Frau, wie ich noch Keine je geliebt – wenigstens so viel ich mich erinnere.

8. Auftritt

Eugen. Oswald.

Oswald eintretend Verwünschte Eisenbahn! Daß sie gerade heute wieder den Anschluß verfehlen mußte. Dadurch habe ich einen halben Tag verloren.

Eugen ihn erblickend Wie? Sehe ich recht? Heinrich Oswald! Du selber, unser Hamburger Verliebter! Bestens willkommen, lieber Freund!

Oswald ihn umarmend Und Du, Eugen, bereits vor mir angelangt? Bist Du schon lange hier?

Eugen Seit wenigen Stunden. Auch meine Schwester ist vor Kurzem angekommen.

Oswald Und ich Unglücksvogel war nicht da, um sie zu empfangen! Es ist zum Verzweifeln!

Eugen Warum denn?

Oswald Zum Verzweifeln, sag' ich Dir! Ich habe die günstige Gelegenheit versäumt, ihr meine grenzenlose Ergebenheit zu beweisen.

Eugen Unsinn. Sie weiß, daß Du sie anbetest.

Oswald Was hilft mir das, wenn sie meine Anbetung nicht erwiedert?

Eugen Du verlangst aber auch gar zu viel. Sie fürchtet Deine Veränderlichkeit.

Oswald Ich, und veränderlich? Wie wenig kennt sie mich! Ich versichere Dir, Freund, wenn ich einmal eine Frau liebe, so liebe ich sie für's Leben. Deine Schwester ist das einzige Weib, das ich jemals wahrhaft geliebt habe.

Eugen kaltWas geht das mich an? Übrigens, so weit ich die Weiber verstehe, mein Wort darauf: Camilla wird Deine Frau.

Oswald Dürfte ich Dir glauben!

Eugen Du darfst es. Sollte sie übrigens mit ihrer Einwilligung allzu lange zögern, so will ich Dir ein Mittel sagen –

Oswald Welches? Sprich!

Eugen Ein Mittel, das soeben erst frisch von mir entdeckt worden ist.

Oswald Geschwind, her damit!

Eugen Du erfährst es aber nur unter einer Bedingung.

Oswald Ich acceptire jede.

Eugen Du mußt mir eine Gegendienst leisten.

Oswald Brauchst Du Geld?

Eugen Nein.

Oswald Sonst, zwischen Schwägern – genire Dich nicht.

Eugen Jetzt nicht, vielleicht später einmal. Im Augenblick ist es nicht eine leere Börse, sondern ein überflüssiger Ehemann, der mich genirt.

Oswald Ein Ehemann?

Eugen Ja wohl. Derselbe muß fortgeschafft werden – nur auf ganz kurze Zeit; und dabei rechne ich auf Dich.

Oswald Auf mich? Und jetzt? Freund, ich muß Dir sagen, ich halte auf Moral. Und außerdem, ich habe ja Deine Schwester noch nicht einmal gesehen.

Eugen Die ist bei der Toilette und könnte Dich jetzt doch nicht empfangen. Auch beanspruche ich Deine Dienste nicht im Augenblick, sondern erst um vier Uhr.

Oswald Und wohin soll ich den Unglücklichen führen.

Eugen Wohin Du willst: auf die Promenade, ins Bad, in den Spielsaal.

Oswald Aber, Mensch, dieser Ehemann, den ich nicht einmal kenne –

Eugen Was thut das? Alle Ehemänner gleichen sich. Da kommt er übrigens schon selber.

9. Auftritt

Vorige. Werner.

Werner mit verschiedenen Paketen Helene wird sich hoffentlich freuen über die reizenden Sächelchen, die ich für sie eingekauft habe. Er grüßt Eugen, darauf nähert er sich Oswald und prallt zurück. Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Spukt es hier am hellen Tage? Schnell auf Oswald zueilend Mein Herr, haben Sie vielleicht einen Bruder, der Ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht und auf den Namen Fritz hört?

Oswald Werner herzlich entgegentretend Dieser Fritz bin ich selbst, mein liebster bester Herr Werner.

Eugen zu Oswald. halblaut Kennst Du ihn?

Oswald ebensoVersteht sich

Werner Sie sind es wirklich, der Todte, der Begrabene!

Oswald Der Wiederauferstandene.

Eugen Was soll das heißen?

Werner zu Oswald Den Brief, den Sie zurückließen – Ihr spurloses Verschwinden –

Oswald Schweigen wir davon, Herr Werner! Erinnern Sie mich nicht mehr an jene romantische Thorheit.

Werner Also ist es wirklich wahr? Sie leben, Sie athmen, Sie sind sogar dicker geworden. Ich finde nicht Worte, um meine Freude auszudrücken. Lassen Sie sich umarmen, mein lieber, theurer junger Freund. Alle Teufel. Ein Todter, der lebendig ist!

Oswald Erlauben sie, Herr Werner, daß ich Ihnen meinen besten Freund vorstelle –

Werner Ah, der junge Herr, der uns auf der Reise einige Ritterdienste erwiesen hat. Sehr erfreut! Die Freunde unserer Freunde sind auch die unsrigen.

Eugen Das ist ja reizend, daß die Herren alte Bekannte sind. Leise zu OswaldVergiß nicht, ihn zu rechter Zeit bei Seite zu bringen! Laut Adieu, Heinrich. Ich werde Dein Interesse wahr nehmen, vergiß Du das meinige nicht. Ihr Diener, Herr Werner. ab

10. Auftritt

Oswald. Werner.

Werner Ich kann mich von meinem Staunen noch gar nicht erholen. Wissen Sie auch, daß Ihr Diener damals vierzehn Tage lang einen Trauerflor um den Hut getragen hat? Es ist ein wahres Wunder; ich möchte es in alle Welt hinausposaunen.

Oswald lebhaft Um Gotteswillen nicht! Ich bitte Sie im Gegentheil, Herr Werner, das tiefste Schweigen über meinen unterbrochenen Selbstmord zu beachten, vor Allem hier in Baden-Baden.

Werner Warum? Ein Selbstmord aus Liebe –

Oswald Sie würden mich unglücklich machen und eine Heirath, die mir am Herzen liegt, unmöglich machen.

Werner Wieso?

Oswald Darf ich auf Ihre Discretion rechnen?

Werner Felsenfest.

Oswald Erfahren Sie denn, daß ich, als wir in Interlaken miteinander verkehrten, von einer so außerordentlichen Sensibilität heimgesucht wurde, daß ich kaum eine Frau sehen konnte, ohne mich in sie zu verlieben; besonders aber hatte Eine es mir angetan –

Werner Ja, ja, ich erinnere mich: die schöne blonde Engländerin.

Oswald Bewahre!

Werner Doch nicht die schöne Frau des Badearztes?

Oswald Auch diese nicht.

Werner Nun, welche war es dann?

Oswald Der Name tut nichts zur Sache.

Werner Halt, jetzt geht mir ein Licht auf. Richtig! Die kleine brünette polnische Gräfin – o, sie war reizend.

Oswald Rathen Sie nicht weiter! Genug, meine Göttin behandelte mich mit unbeugsamer Grausamkeit, und in einem Paroxysmus von Leidenschaft faßte ich den verzweifelten Entschluß, mit einem Schlag meiner Qual ein Ende zu machen und mich in einen jener Abgründe zu stürzen, an denen die Schweiz nur allzu reich ist. In dieser Vorstellung lag für mich eine wilde Poesie, eine schauerliche Erhabenheit –

Werner Totale Gehirnfinsterniß!

Oswald Mag sein. – Ich schrieb an meinen Diener den bewußten Brief, in welchem ich den ausdrücklichen Wunsch aussprach, daß man der Ursache meines Todes nicht nachforschen möge. Darauf machte ich auf den Weg zu dem von mir erwählten Abgrund. Ich gestehe, daß mein heißes Blut bereits unterwegs sich einigermaßen abzukühlen begann.

Werner Aha! Der Anfang der Krisis!

Oswald Denken Sie sich einen Menschen, der stundenlang bis zum Knie durch Eis und Schnee watet, um den der Wind in allen Tonarten heult und pfeift. Mich fror fürchterlich. Dennoch schleppte ich mich weiter bis zum Rande des Abgrunds. Ich blickte hinab, ich maß mit den Augen die grauenvolle Tiefe. Ein unnennbarer Jammer erfaßte mich. Indessen ich überwand die Anwandlung von Schwäche, nahm einen energischen Anlauf, schloß die Augen und –

Werner gespannt Sie sprangen?

Oswald Nein. Ich horchte auf; denn über die Berge drang ein wüster Lärm an mein Ohr.

Werner Es war eine Lawine?

Oswald Gott bewahre! Carl Lindstädt war es, einer meiner besten Freunde, auch ein Gast in Interlaken, der mit einer großen Gesellschaft auf der Gemsenjagd begriffen war. Sie hätten die lustigen rothen Gesichter der frischen Burschen sehen, ihr helles Lachen und Jodeln hören sollen – es war eine Unmöglichkeit, dabei irgendeinen Seufzer, geschweige den letzten, auszuhauchen. "Komm mit! Komm mit! Schließ Dich an!" erschallte es von allen Seiten. "So werde ich des Mittags sterben, statt des Morgens" – sagte ich zu mir selbst und fort ging's in wilder Jagd über Felsen und Glätscher, ich der wildesten Einer, immer voran. An einem Abgrund verlor ich meinen Hut, an einem andern mein Tuch – was weiß ich? Mit einem Wort, als wir uns nach erlegter Gemse wieder zusammenfanden, war ich halb todt – vor Müdigkeit und Hunger.

Werner Nicht vor Verzweiflung?

Oswald Nein, der Hunger hatte sie getödtet. Das Schwierigste für mich war nun, nicht zum Leben, sondern nach Interlaken zurückzukehren. Der ganze internationale Witz des Ortes wäre auf mich losgelassen worden, und jeder Dummkopf hätte sich bemüht, auf meine Kosten geistreich zu sein. Sagen Sie selbst, wie hätte ich mich der Frau, für die ich gestorben war, lebendig präsentiren können?

Werner lachend Ein unvergleichlicher Effect! Ich sehe die Scene lebhaft vor mir.

Oswald Endlich faßte ich einen Entschluß: ich nahm ein Eisenbahnbillet nach Hamburg und zur Sühne meiner Sünden begrub ich mich dort – in dem Geschäfte meines Vaters, der mich zu seinem Compagnon machte. Vom Morgen bis zum Abend in angestrengtester Arbeit –

Werner Konnten Sie nunmehr keinen Augenblick Zeit gewinnen, an Selbstmord zu denken.

Oswald So ist es. Ich habe mein Vermögen verdoppelt – das ist immerhin eine kleine Zerstreuung, die auf praktische Gedanken bringt –

Werner Zum Beispiel auf Heirathsgedanken – ich verstehe! und jetzt beabsichtigen Sie, Ihr verdoppeltes Vermögen der Dame, die Sie damals so leidenschaftlich geliebt, zu Füßen zu legen?

Oswald Durchaus nicht. Zu den Füßen einer anderen Dame will ich es legen.

Werner lächelnd Wie? Und die Liebe, die Sie für unauslöschlich hielten?

Oswald Sie ist es auch. Diese Liebe besteht fort und fort, glühender und leidenschaftlicher denn je; sie hat nur den Gegenstand gewechselt.

Werner Allen Respect vor Ihrer Liebe. Das ist ja der reine Phönix, der immer von Neuem aus der eigenen Asche geboren wird.

Oswald Sie haben Recht. Diesmal ist es eine reizende bezaubernde Wittwe, die mein Herz erobert hat. Leider kann sie sich immer noch nicht zu mir entscheiden. Sie zweifelt an meiner Beständigkeit –was sagen Sie dazu?

Werner Ja, die Frauen haben oft sonderbare Capricen.

Oswald Sie wohnt hier, in demselben Gasthof, in welchem Sie logieren. Denken Sie, wenn Sie von jenem unglücklichen Abenteuer in Interlaken sprechen hörte.

Werner Seien Sie unbesorgt; ich werde Sie nicht verrathen, Im Gegentheil, wenn meine Vermittlung Ihnen vielleicht nützlich sein kann –

Oswald Sie sind die Güte und Großmuth selber. Sein Sie überzeugt, Herr Werner, daß ich mein unsinniges Benehmen von damals aufrichtig bereue. Ach, wenn Sie wüßten –

Werner Was soll ich wissen?

Oswald Nichts! Die Thür zur Linken öffnet sich. Dort naht die Angebetete meines Herzens; ihr Bruder ist bei ihr.

Werner Camilla?

Oswald Sie kennen sie?

Werner Wie sollte ich nicht? Sie ist die intimste Freundin meiner Frau.

Oswald entsetzt, leise Seiner Frau? Ich bin verloren.

11. Auftritt

Vorige. Camilla. Eugen.

Camilla Was sehe ich? Herr Oswald, Sie hier? Und gegen mein Verbot?

Oswald Verzeihung, gnädige Frau, daß ich Ihr grausames Verbot übertrat; allein ich konnte nicht anders – meine Sehnsucht, meine Liebe –

Camilla Sie lieben mich also noch immer, und ebenso leidenschaftlich wie früher?

Oswald Noch mehr, mit jedem Tage mehr, und als Ihr Verlobter –

Camilla Was sagen Sie? Mein Verlobter! Wer hat uns denn verlobt?

Oswald Mein Glück und Ihre Schönheit.

Camilla Das sind unzuverlässige Bürgen. Ehe ich nicht von Ihrer Beständigkeit überzeugt bin, kann ich mich zu nichts entscheiden.

Oswald freudig Ich glaube Ihnen nicht, Camilla. Sie tragen ein blaues Kleid, und Sie wissen, Blau ist meine Lieblingsfarbe.

Camilla Blau? Ja, wahrhaftig, das Kleid ist blau; das bemerke ich erst jetzt. Es ist ein altes Kleid; ich wollte es auf der Reise auftragen, weil ich Blau nicht ausstehen kann.

Oswald Camilla, ich habe hier einen Freund gefunden, einen wahrhaften Freund, der mich genau kennt; er kann Ihnen sagen ob ich beständig bin.

Camilla Sie scheinen viele Freunde zu haben; mein Bruder hier hat Sie seit einer halben Stunde in Einem fort gelobt, daß es nicht mehr auszuhalten war.

Eugen leise zu Oswald. Ich habe mein Versprechen gehalten; vergiß Du das Deinige nicht.

Camilla Was sagt Eugen da?

Oswald Nichts. Er hat Ihnen nicht halb gesagt, warum meine ganze Seele durchbebt. Ich befinde mich in einer Lage –

Werner hervortretend Die schwieriger nicht gedacht werden kann.

Camilla ihn erst jetzt erblickend Ah, Herr Werner. – Wo ist Ihre Frau?

Werner So viel ich weiß, auf ihrem Zimmer.

Camilla Nun, Herr Oswald, da man Sie doch nicht wieder los zu werden scheint, so möchte ich Sie meiner besten Freundin vorstellen.

Oswald für sich Gott steh' mir bei! zu Werner, leise Es ist um mich geschehen. Ihr Erstaunen, ihr Entsetzen –

Werner ebenso Sie haben Recht.

Camilla zwischen beide tretend Nun, so kommen Sie doch; wir wollen Helene in ihrem Zimmer aufsuchen.

Oswald Verzeihen Sie, theuerste Camilla; aber eine wichtige Geschäftsangelegenheit, von der ich soeben mit Herrn Werner gesprochen, und die er die Güte haben will, mit mir zu ordnen –

Eugen leise zu Oswald Bravo!

Oswald fortfahrend Es ist durchaus nöthig, daß wir uns sofort zu einem Advokaten begeben –

Eugen wie oben Gut! Sehr gut!

Oswald fortfahrend Der schon früh auszugehen pflegt.

Eugen leise Eben schlägt es vier. Du bist ein vortrefflicher Freund, ein capitaler Kerl!

Werner seinen Hut nehmend. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.

Eugen Für sich Wirklich ein ganz ausgezeichneter Mensch!

Camilla Bei der Gelegenheit könnte ich noch einige Einkäufe besorgen. Bis zum nächsten Laden nehme ich Ihre Begleitung an. Herr Werner, Ihrem Arm! gehen ab.

Oswald Werner theilnehmend nachblickend. für sich Und dieser brave gurte Werner! Nein, ich werde einen Vorwand finden, ihn bald zurückzuführen. Laut, Eugen die Hand reichend Adieu Eugen. den Andern folgend, ab

Eugen Adieu, Heinrich.

12. Auftritt

Eugen

Eugen alleinEndlich sind sie alle fort und ich behaupte das Feld. Jetzt muß sie mich anhören und mir antworten, und zwar ganz ausführlich. Nur vorsichtig! Schneiden wir dem Feinde den Rückzug ab. auf die Mittelthür deutend Nur durch diese Thür könnte ein Störenfried kommen; verriegeln wir sie! Er thut es, und gewahrt Helene, die von rechts eingetreten ist. Da ist sie!

13. Auftritt

Helene. Eugen.

Helene ohne den im Hintergrunde befindlichen Eugen zu sehen, für sich. Eben hat es vier geschlagen; glücklicher Weise ist Georg noch nicht zurück. Wie bang ist mir! Mein Herz klopft! Geht nacht links, wie sie sich umwendet, gewahrt sie Eugen. Herr von Mansfeld!

Eugen Sie haben die Güte eines Engels. Wissen Sie, daß Sie mir das Leben gerettet haben?

Helene Sie sagen es; und glauben Sie mir, Herr von Mansfeld, nur deshalb –

Eugen Nur deshalb? Helene! Du liebst mich also nicht? Deine zitternde Stimme, die Thräne in Deinem Auge, sind sie nicht untrügliche Zeichen –

Helene Nein, Herr von Mansfeld. Aber selbst wenn ich Sie liebte, niemals würde ich meine Lippen durch ein solches Geständniß entweihen. Aber Sie, Sie sagen, daß Sie mich lieben –

Eugen Über alle Maßen!

Helene Und über alle Maßen bedrohen Sie mein Glück, meine Existenz, meine Ehre. Herr von Mansfeld, wenn Sie mich nur ein klein wenig lieben –

Eugen leidenschaftlich, ihre Hand ergreifend Ja, ich liebe Dich, und nur der Tod kann uns trennen.

Helene Lassen Sie meine Hand los.

Eugen ihr zu Füßen stürzend Nein, nie! Denn mir gehörst Du jetzt für Zeit und Ewigkeit. Du wirst, Du mußt mich lieben!

Helene Ist das die Zurückhaltung, Herr von Mansfeld, die Sie mir versprochen haben?

Eugen Zurückhaltung? Wer spricht von Zurückhaltung, wenn ich nur eine Wahl habe: Deine Liebe oder den Tod!

Helene Herr von Mansfeld. zum letzten Mal – Es wird an die Thür geklopft. Still!

Werner von außen Mach auf, Helenchen, ich bin's!

Helene Es ist mein Mann!

Eugen sich erhebend, für sich Alle Teufel! Wie konnte Heinrich ihn so schnell entschlüpfen lassen!

Helene leiseGehen Sie! Um Gottes willen, gehen Sie!

Eugen leise, während von Neuem geklopft wird Unter der Bedingung, daß ich wiederkommen darf, wenn Ihr Gatte fort ist. Versprechen Sie das?

Helene außer sich vor Angst Ja, ja! Gehen Sie nur, so schnell Sie können!

Eugen während es wiederholt klopft Aber wohin? Ich glaube, das Zimmer meiner Schwester ist am geeignetsten. Ab in Camillas Zimmer, wo er sich einschließt

Helene an der Thür ihm leise nachrufend Mag hier geschehen, was da wolle, kommen Sie unter keiner Bedingung heraus – Mein Gott, giebt es eine qualvollere Lage als die meine? Öffnet die Thür im Hintergrunde

14. Auftritt

Werner. Helene.

Werner Störe ich Dich, mein Kind? Du warst wohl in Deinem Zimmer und hast deshalb mein Klopfen nicht sogleich gehört?

Helene Ja wohl. Habe ich Dich lange warten lassen?

Werner O das thut ja nichts. – Übrigens, liebes Helenchen, komme ich nicht allein; ich bringe Jemanden mit. Für sich Ich muß sehr vorsichtig sein.

Helene Wo ist er denn? Warum läßt Du ihn nicht eintreten?

Werner O es hat gar keine Eile. Pause Helene, es giebt Dinge zwischen Himmel und Erde –

Helene Von denen Du Dir nichts träumen läßt, guter Georg. Ich weiß es!

Werner für sich Nein auf diese Weise geht es nicht. Laut Helene, kürzlich las ich eine Novelle von Karl Heigel, die fängt mit den Worten an: "Und er stieg aus seinem Grabe". Siehst du, mein Gast –

Helene Aber, Georg, Du thust ja, als müßtest Du mich auf ein Gespenst vorbereiten.

Werner Nun, ganz so schlimm ist es nicht. Indessen wappne Dich mit Muth, das Individuum, welches nach Dir verlangt –

Helene Mein Gott, wer ist es denn? So sprich doch nur!

Werner Er kommt, Dir eine Bitte ans Herz zu legen, die Du ihm nicht abschlagen darfst.

Helene Du spannst mich auf die Folter! leise Ist denn heute alle Welt gegen mich verschworen?

Werner Wenn Du mir versprechen willst, nicht zu erschrecken –

Helene Mich erschreckt nichts mehr.

Werner Und nicht aufzuschreien –

Helene Mein Gott, wer ist es denn? Sie erblickt Oswald, der so eben leise eingetreten und ihr ziemlich nahe gekommen ist, und stößt einen lauten Schrei des Schrecken aus. Ah!

Werner sie haltend Habe ich es nicht gesagt?

15. Auftritt

Vorige. Oswald

Helene zu sich kommend Ist es ein Traum?

Oswald Gnädige Frau!

Helene Noch traue ich meinen Augen nicht!

Werner Ja, er ist es wirklich, unser "Fritz", allerdings eigentlich Herr Fritz Heinrich Oswald benamset, er ist es, wie er leibt und lebt, von Fleisch und Blut, keine Spur von einem Geist.

Oswald für sich Ein Glück, daß Camilla nicht zugegen ist! Laut Verzeihung, gnädige Frau!

Helene sich immer mehr von ihrer Überraschung erholend Und Sie leben.?

Oswald beschämt Vergebens würde ich zu leugnen wagen.

Helene Sie haben sich nicht getödtet?

Oswald Noch nicht, aber wenn Sie es befehlen –

Helene Unglaublich. Und jener Brief, der von einem Abgrund sprach?

Oswald Wandeln wir nicht unser ganzes Leben hindurch einem Abgrunde zu? Und glauben Sie mir, gnädige Frau, es giebt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Wahnsinn näher ist als sonst, und man nicht nach einem unterlassenen Selbstmord beurtheilt werden darf.

Werner Freue dich doch, liebes Weibchen, daß er noch lebt! Und er lebt nicht nur, sondern wie Du siehst, ist er auch dicker und blühender geworden.

Oswald Ich versichere Ihnen, daß ich mich meines Lebens und meiner Gesundheit von Herzen schäme; aber meine Schuld ist gesühnt, reichlich gesühnt. Habe ich mich auch nicht in jenen Abgrund gestürzt – Tod und Abgrund war mir überall, wo ich Sie nicht sah.

Werner überrascht Wen?

Oswald sich verbessernd Die Dame, die ich liebte.

Werner Ach so! zu Helene Ich werde Dir später die ganze Geschichte ausführlich erzählen. Ich sage dir, sie wird Dich sehr amüsiren; ich wenigstens habe gelacht, bis ich nicht mehr konnte..

Oswald bittend Herr Werner!

Werner Sie haben Recht. Wir dürfen den Zweck Ihres Besuches nicht vergessen. zu Helene Es handelt sich um nichts weniger, als sein Leben.

Helene Zum wievielten Mal?

Werner Wenigstens um das Glück seines Lebens. hier in Baden-Baden befindet sich gegenwärtig eine Person, die er schwärmerisch liebt –

Helene entrüstet Gerechter Gott! Sie wagen es, mein Herr, noch immer an jene Frau zu denken?

Werner Beruhige dich, mein Kind. Es ist Deine Freundin Camilla, die er liebt und durchaus heirathen will.

Helene bestürzt Wie? Sie wären der junge Hamburger, von dem sie mir diesen Morgen erzählt hat?

Werner Er ist es.

Helene Der Liebende, an welchem sich nur ein Fehler fand: ein Übermaß von Leidenschaft?

Werner Er ist es, der daran leidet.

Helene Das Herz, das niemals eine Andere geliebt hat?

Werner Es schlägt in seiner Brust.

Helene Abscheulich! O, sie soll Alles erfahren, die ganze volle Wahrheit!

Werner Das ist es ja gerade, liebes Helenchen, was vermieden werden soll.

Oswald Lassen Sie sich durch mein Bitten, durch mein dringendstes Flehen erweichen, gnädige Frau! Zerstören Sie nicht ein Glück, das –

Werner So thu' ihm doch den Gefallen, Lenchen! Er ist mein Freund.

Helene Ich sollte ruhig mit ansehen, wie meine liebste, meine beste Freundin betrogen wird?

Werner Aber er betrügt sie ja nicht; er liebt sie wirklich, und er wird darüber noch den Verstand verlieren.

Helene bitterWie damals das Leben. zögernd Und die Andere, die Dame aus Interlaken?

Werner Liebt er längst nicht mehr. Unter uns gesagt, er hat sie überhaupt nie so recht eigentlich geliebt.

Oswald lebhaft Das ist nicht wahr, Herr Werner! Im Gegentheil, ich habe Ihnen bekannt, daß mein ganzes Herz ihr gehört. Ich hatte nur einen schwachen Augenblick, in welchem mein Verstand mein Herz besiegte. – allerdings gegen alles poetische Herkommen.

Helene spöttisch Freilich, es gehört nicht jeder zum "Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben."

Werner Aber Kind, verliere doch nicht so viele Worte über einen romantischen Unsinn. Herr Oswald hat vollkommen Recht gehabt, sein Lebelang lebendig zu bleiben.

Helene Aber unwürdig, nein nichtswürdig bleibt es doch immer, mit einem Selbstmord zu drohen; das wirst Du nicht leugnen wollen, Georg! Denk an den Kummer, an die Angst, die wir ausgestanden haben!

Werner Wir waren die Thoren, an den Unsinn zu glauben. wenn so ein müßiggängerischer junger Herr mit Selbstmord droht, so ist das immer nur ein Theatercoup, um irgend ein argloses Närrchen ins Garn zu locken.

Helene Ach, argloses Närrchen

Werner Oder Närrin; denn eine närrische Rolle spielt die Frau gewiß, die sich durch eine geschickt in Scene gesetzte Leidenschaft imponiren oder dupiren läßt. Diese Gluthmenschen, die in wilder Beredtsamkeit alle Schranken des Gesetzes und der Sitte niederzureißen trachten – in nüchternem Zustande sind sie meist herzlose oder übersättigte und abgespannte Bonvivants.

Helene mit Bitterkeit Ich verstehe. Ihr Herz ist der einzige Abgrund, in welchen sie sich stürzen!

Werner Sieh dich doch einmal in der Welt um, mein Kind; Du wirst bemerken, daß es fast immer verheirathete Frauen sind, denen sie ihr Leben und ihre Liebe zu Füßen legen. Sie wählen sich vorzugsweise gern überspannte jüngere Gattinnen reifer Männer, die sich für unbegriffene Seelen halten und sich unglücklich fühlen, wenn der Herr Gemahl nicht zeitlebends den Courmacher spielen will.

Helene das Gesicht in den Händen verbergend (für sich) O mein Gott! Laut Was Du sagst, klingt schrecklich. Aber die Auferstehung des Herrn Oswald von den Todten leistet mir einen großen Dienst, einen außerordentlichen Dienst; und zum Dank werde ich das Schwiegen, das er von mir fordert, gewissenhaft beobachten.

Oswald Ich kann Ihnen nicht genug danken, meine verehrte gnädige Frau!

Werner Ich sagte Ihnen ja, sie ist die Güte selber.

Helene Aber wo ist Camilla?

Werner Fortgegangen um Einkäufe zu machen.

Helene die sich gesetzt hat, um zu schreiben So! Es ist durchaus nothwendig, daß dieses Billet sofort in ihre Hände gelange. zu Oswald Fürchten Sie nichts; eines Verrathes werden Sie mich hoffentlich nicht für fähig halten. zu Werner Lieber Georg, der Brief hat große Eile; sie muß ihn unbedingt noch vor Tisch erhalten. Du thätest mir einen großen Gefallen, wenn Du Camilla aufsuchtest und ihr den Brief selbst übergäbest.

Werner Sehr gern, liebes Kind; ich habe im Augenblick nichts weiter zu thun.

Oswald für sich Was ist das? Will sie ihn von hier entfernen? Sollte es Eugens wegen sein?

Werner Kommen Sie mit, lieber Oswald?

Oswald Leider kann ich nicht; ich habe nothwendig vor Tisch noch einige Briefe zu schreiben. Für sich Ich werde über ihr Benehmen wachen und Beide von hier beobachten. Er grüßt und geht durch die zweite Thür rechts, die er halb geöffnet läßt, und wo er während der folgenden Scene bleibt.

Werner Auf baldiges Wiedersehen.

Helene Werner herzlich die Hand drückend Adieu, lieber Georg.

Werner durch die erste Thür rechts ab. Helene wendet sich, nachdem sie die Thür verschlossen, nach links, zu der Thür, durch welche Eugen abgegangen. Sie klopft an.

16. Auftritt

Helene. Eugen.

Eugen noch von außen, auf Helenens Klopfen Herein!

Helene Sie können herauskommen, Herr von Mansfeld. Mein Gatte ist fort; wir sind allein. Sie setzt sich und nimmt eine Stickerei zur Hand

Eugen tritt hastig ein Die Augenblicke sind mir zu Ewigkeiten geworden. Kaum kann ich mich aufrecht halten.

Helene Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?

Eugen Ich, mich setzen? Nein, zu Deinen Füßen, Helene ist mein Platz!

Helene Es scheint, daß Sie wieder zu Kräften kommen.

Eugen Nur um von Neuem zu leiden, mehr zu leiden als je!

Helene Das wäre mir herzlich leid; denn wenn sich trotz aller meiner Bemühungen noch immer keine Spuren von Besserung bei Ihnen zeigen sollten, so müßte ich auf alle ferneren Heilungsversuche verzichten. Sie sollten es einmal mit einer Kaltwassercur probiren. Starke Douchen sollen gegen Congestionen nach dem Herzen –

Eugen Was muß ich hören? so spricht Helene, meine Helene. Könne Sie so eiskalt sein, während der Unglücklichste der Menschen zu Ihren Füßen in Verzweiflung vergehen möchte.

Helene Mit Befriedigung constatire ich das erste Zeichen Ihrer Besserung: sie bequemen sich, Gott sei Dank, wieder zu dem unter oberflächlich Bekannten allgemein üblichen "Sie".

Eugen bei Seite Ich muß noch einmal von vorn anfangen. Fatale Unterbrechung im kritischen Augenblick. Laut Ja, meine Gnädigste; Sie werden sich entschließen müssen, mich noch einmal anzuhören. diese Worte werden die letzten sein, welche über meine Lippen kommen! Nähert sich ihr Empfangen Sie diesen Kuß des Todes –

Helene zurückweichend Ich danke! Später vielleicht.

Eugen Ha, dieser Balcon Thut einige Schritte nach dem Balcon

Helene Eine herrliche Aussicht! Der schöne Blick über den See – nicht wahr?

Eugen Freundlicher See! In deine Tiefe zu tauchen, hinab ins Meer der Ewigkeit – dieser Balcon, von dem ich mich stürzen möchte – für sich Sie hält mich nicht zurück? Laut Ich verbiete Ihnen mich zurückzuhalten!

Helene Ich denke nicht daran; indessen kann ich Ihnen nicht rathen, an dieser Stelle zu springen. Der See ist gerade vor dem Balcon ungemein flach; Sie riskiren einen Beinbruch.

Eugen Es giebt andere Wege, die zur Ewigkeit führen! Will durch die Thür

Helene ihn zurückrufend Herr von Mansfeld?

Eugen freudigHelene, Sie rufen mich zurück?

Helene Ich möchte Ihnen nur einen Regenschirm anbieten; es fällt etwas naß.

Eugen Wie? zur Lieblosigkeit noch den Spott? Die Strafe soll Ihnen nicht erspart bleiben! Nein, nicht draußen im Freien, hier vor Ihren Augen, will ich mir das Hirn zerschmettern!

Helene Wenn das Ihr aufrichtiger Wunsch ist – Den Schlüssel aus ihrem Gurt nehmend Hier nehmen Sie.

Eugen Was ist das?

Helene aufstehend Der Schlüssel zu diesem Schrank. er schwankt Öffnen Sie diesen Schrank; Sie werden einen Kasten darin finden –

Eugen bei Seite Höre ich recht? laut Wo?

Helene Er steht dicht vor Ihnen; Sie sehen ihn schon.

Eugen den Kasten nehmend Ah, diese Pistolen!

Helene Es sind die Ihrigen.

Eugen den Kasten öffnend, mit der Miene eines Verzweifelten Sie wollen also, Helene, Sie befehlen, daß ich aus diesem Leben scheiden soll? Ich soll fort und Sie, die Sie so reizend vor mir stehen, nie mehr sehen? – O Helene!

Helene Ich habe eingesehen, daß Niemand gegen sein Schicksal kämpfen kann.

Eugen Meine Pistole sind nicht geladen, Sie haben es gewußt, Helene!

Helene Ich kann Ihnen vielleicht aushelfen. Mein Mann besitzt mehrere Revolver, vier- und sechsläufige.

Eugen Ich bitte um einen sechsläufigen Helene will fort, er hält sie zurück Halt bitte einen Augenblick.

Helene Was wollen sie?

Eugen in grenzenloser Verwirrung Ich - ich bitte – um ein Glas Wasser.

Helene Sogleich. Wenn Sie sonst noch etwas wünschen – einem Sterbenden darf man keinen Wunsch versagen.

Eugen Helene, ich will nicht scheiden, ohne an Ihr Gewissen apellirt zu haben. Bedenken Sie, es wird eine Stunde kommen, wo eine zärtliche Schwester Ihnen in die Ohren schreien wird: Wo ist mein Bruder?

Helene Ich werde ihr antworten: In Paris oder in Rom, je nachdem.

Eugen Fürchten Sie nicht die rächenden Geister der Gemordeten? In einsamer Stunde der Nacht wird eine Gestalt vor Ihnen auftauchen, mit klaffender Wunde in der Brust, die Entsetzen durch Ihr Gehirn jagen, die eine Hölle in Ihrem Herzen entzünden müßte?

Helene Werden Sie bengalisch oder elektrisch beleuchtet?

Eugen Das ist zu viel, zu viel! In höchster Erregung Nein, meine Gnädigste, um Ihretwillen werde ich mich nicht tödten. Niemals! Sie verdienen es nicht. Sie sind ein Gletscher, an dem selbst die heißeste Liebe schmilzt. Ich werde leben, ja leben und Ihnen zum Trotz alt werden, steinalt!

Helene laut lachend Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.

17. Auftritt

Vorige. Camilla.

Camilla tritt schnell ein, sieht Eugen mit dem Pistol in der Hand, stößt einen Schrei aus und wirft sich in seine Arme. Mein Bruder, muß ich Dich so wiedersehen? Herzensbruder, lebst Du noch?

Eugen sich losmachend Was hast Du denn? Camilla, laß mich!

Camilla Du bist nicht verwundet?

Helene Heil und gesund vom Kopf bis zum Fuß – ich stehe dafür.

Camilla Mein Gott, Helene, wie tödtlich Du mich erschreckt hast! Hier Eugen, lies dieses Billet, welches Herr Werner vor wenigen Minuten mir eingehändigt hat.

Eugen lesend"Liebste Camilla, komm eiligst zurück. Das Leben Deines Bruders schwebt in diesem Augenblicke in größter Gefahr." – zu Helene So bitter, gnädige Frau, haben Sie mich verspottet?

Helene lachend Das nicht. Ich fürchtete nur, Sie könnten in vollem Ernst "zum Stamm der Asra" gehören, "welche sterben, wenn sie lieben" leise zu Camilla Es ist eine kleine Lection, die ich ihm gegeben habe; er wollte sich durchaus um meinetwillen umbringen.

Camilla mit einem halb spöttischen, halb beschämten Blick auf Eugen Der? zu Eugen Du Taugenichts, hast Du solche Leitfertigkeit von Deiner Schwester gelernt?

18. Auftritt

Vorige. Oswald.

Oswald im Eintreten Ein eindringlicher Scherz, das muß ich sagen!

Eugen Wie? Auch Du warst mit im Complot? Das ist eine tödtliche Beleidigung!

Oswald Im Complot? Durchaus nicht; ich war nur ein harmloser Zeuge. leise zu Eugen Sei vernünftig und mach' gute Miene zum bösen Spiel.

Eugen abwechselnd die drei , welche über ihn lachen, anblickend Das ist unleidlich! Den Fluch der Lächerlichkeit ertrage ich nicht; Ihr zwingt mich, mir schließlich in allem Ernst eine Kugel durch den Kopf zu jagen!

Camilla Eugen, lieber Eugen!

Helene treuherzig Herr von Mansfeld, eine Frau hat Ihnen eine, vielleicht etwas harte, aber wohlverdiente Lektion gegeben. Davon stirbt man nicht; im Gegentheil, man bessert sich und wenn man nicht ein ganz rachsüchtiges Gemüth ist, so erwirbt man sich eine sehr gute und herzliche Freundin. Ihm die Hand reichend Wollen Sie, lieber Eugen?

Eugen ihr die Hand küssend Liebe, verehrte Frau, wer kann Ihnen widerstehen? – Aber Heinrich, der Zeuge war –

Helene O, für dessen Discretion bürge ich.

Oswald Bürgen Sie nicht, gnädige Frau! Ich verpflichte mich durchaus nicht zum Schweigen – es sei denn, man nähme mich als Glied der Familie an.

Camilla Was thut man nicht für so ein mauvais sujet von Bruder!

Oswald Oswald entzückt, ihr die Hand küssend

Camilla Ich werde mich in der Ehe rächen für den Zwang, den man mir jetzt anthut.

19. Auftritt

Vorige. Werner.

Werner erscheint in der Thür Nun, meine Herrschaften, zu Tisch! zu Tisch!

Helene zärtlich auf Werner zueilend und ihn umarmend Mein lieber, lieber Georg! Wie lange bist Du ausgeblieben!

Der Vorhang fällt

Heinrich Heine

aus: Romancero - Historien

Der Asra

Täglich ging die wunderschöne

Sultanstochter auf und nieder

um die Abendzeit am Springbrunn,

Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave

Um die Abendzeit am Springbrunn,

Wo die weißen Wasser plätschern;

Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die Fürstin

Auf ihn zu mit raschen Worten:

"Deinen Namen will ich wissen,

Deine Heimat, deine Sippschaft!"

Und der Sklave sprach: "Ich heiße

Mohammed, ich bin aus Jemen.

Und mein Stamm sind jene Asra,

Welche sterben, wenn sie lieben."








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.